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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 37
Quellenangabe
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XVI. Die Träume in der Grotte Monte Christo.

»Du erinnerst Dich wohl noch daran, daß in dem Augenblicke, wo wir in die Grotte Monte Christos hinabstiegen, die Welt gewissermaßen für uns ein Ende zu nehmen schien, während eine fabelhafte Existenz für uns begann, eine Existenz, welche in der äußern Welt sich nicht verwirklichen läßt. – Erinnerst Du Dich daran? – Gut denn. – Du wirst gewiß auch nicht vergessen haben, daß eines Abends – an einem der letzten, welche wir an diesem bezauberten Orte zubrachten, Du ausgingest, um die Ziegen zu jagen, die in jenen steilen Felsen so zahlreich sind.

»Ich blieb allein zurück.

»Nicht zum ersten Male war ich allein, wohl aber zum ersten Male empfand ich ein nervöses, krampfhaftes und unerklärliches Zittern! – Ermüdet, ohne zu wissen wodurch, schlief ich ein. – Da hatte ich einen sonderbaren Traum!

»Ich sah die prachtvollen Säle der Grotte beleuchtet, als ob die Strahlen einer glänzenden Sonne ihre Mauern durchdrängen!

»Die prachtvollen Säulen mit ihren goldenen Kapitälern, die gewölbte Decke mit Edelsteinen verziert, der Fußboden, bedeckt mit den prachtvollsten Geweben der Türkei, die herrlichsten Bildsäulen, welche um schweres Geld erkauft waren und dem klassischen Meißel der großen Meister, von Michel Angelo bis Canova, ihre Entstehung verdankten, alles war wie mit einem Lichte übergossen, das mich blendete!

»Die Wohlgerüche des Orients, die sich wie gewöhnlich aus den silbernen Becken erhoben, die rings umherstanden, würzten die Atmosphäre, die ich einatmete: – ich gab der zauberhaften Wirkung dieser Wohlgerüche nach und versank in jenes Nichtstun, welches dem tiefen Schlafe voranzugehen pflegt und von süßen Illusionen erfüllt ist. Diesmal aber genoß ich jene Illusionen nicht! – Ich hatte einen fürchterlichen Traum, und meine Qual, oder vielmehr mein Märtyrertum dauerte ebenso lange wie mein Schlaf.

»Durch die Seidenstoffe, mit denen die Wände der Grotte bedeckt waren, durch die Felsen, in welche diese Grotte eingesprengt ist, unterschied ich eine Menge von Bettlern und Armen, die zu dem höchsten Grade des Elends herabgesunken waren, umgeben von Weibern und Kindern, welche laut schrien: »Brot! Brot!«

»Ihr Geschrei, eine Grabhymne des Hungers und der Verzweiflung, machte, daß ich vor Entsetzen erbebte. Ich sah voll Schrecken, daß die ganze Menschenmenge, geführt durch einen Unbekannten, sich der Grotte näherte und rings um den Felsen herging, als suche sie den Eingang. Ich wollte aufstehen und entfliehen, allein es war mir, als ob Kraft und Mut mir mangelten, die Gefahr zu vermeiden; ich vermochte es nicht, mich von den üppigen Kissen zu erheben, auf denen ich hingestreckt lag. Von Zeit zu Zeit gelangte das Geschrei des Hungers und des Elends bis zu mir – das Geschrei kam näher und immer näher – bis ich endlich diesen lebenden Strom der Unglücklichen und Verhungerten über die Treppe herabstürzen und den Raum erfüllen sah.

»Ach, ich erinnere mich noch an die Betrübnis, die ich bei diesem Schauspiel empfand – das schmerzliche Echo, welches in meinem Herzen durch das Geschrei der Kinder, das krampfhafte Lachen der Mütter, das wütende Murren der Männer erweckt wurde, die der Glanz und die Pracht der Säle unserer Grotte blendete.

»Auf ein Zeichen des Unbekannten, welcher diese Bande zu führen schien, endete das Geschrei, das Lachen und das Murren der Menge; es herrschte das tiefste Schweigen rings um mich her.

»Der Unbekannte trat vor, stellte sich an einen Ort, an welchem er von allen gesehen und gehört werden konnte, erhob den Arm und streckte die Hand aus, in welcher ein goldener Schlüssel glänzte.

»Brüder,« rief er mit kräftiger, wohltönender Stimme, »Reichtümer, welche seit Jahrhunderten in den Eingeweiden eines Felsens aufgehäuft wurden, nahmen hier in eben dem Maße zu, als die armen Dienstpflichtigen einer geizigen Familie die Tränen vergossen, welche der Hunger ihnen erpreßte, und ihre Tage in einer fortwährenden Arbeit hinschleppten, die ebenso hart wie für ihre Kinder unfruchtbar war.

»Die Züchtigung, welche Gott dieser geizigen Familie auferlegte, bestand in ihrer eigenen Sünde, denn sie lebte beständig elend, da sie nur ein Ziel hatte, das, die blinde Leidenschaft zu befriedigen, welche der Dämon in ihnen nährte und vom Vater zu Sohn anfachte! Von Jahrhundert zu Jahrhundert wuchsen die Schätze dieser Familie, und der steile Fels einer öden Insel empfing sie in seinem Granitbusen, bis das Geheimnis von dem Vorhandensein dieses Schatzes durch eine Generation verloren ging, mit welcher dieses verfluchte Geschlecht erlosch.

»Lange, sehr lange darauf, als ob Gott gewollt hätte, daß das, was dem Schweiße elender Sklaven des Feudalismus entstammte, zu seiner Quelle zurückkehren sollte, das heißt, zu dem Elend, wählte sein mächtiger Arm aus der arbeitenden Klasse einen Mann, um der Dolmetscher seines höchsten Willens zu sein.

»Dieser Mann, dessen Geduld, dessen Glaube und Beständigkeit, durch lange Jahre des Unglücks geprüft worden waren, empfing die Offenbarung von dem Vorhandensein des Schatzes, der auf der einsamen Insel vergraben lag.

»Diese Enthüllung wurde ihm gewährt, als die Mauern eines Kerkers ihn umschlossen, als läge er in einem Sarge, dessen Deckel bereits über ihm zugenagelt war. Später indes entriß der Arm Gottes ihn diesem Grabe und stellte ihn auf den Fels, welcher diese öde Insel beherrscht, und dieser Mann hörte eine innere Stimme, welche ihm sagte: »Steige hinab, in die Eingeweide der Erde, und kehre dann zu der Welt zurück, wo Du die Tränen des Elendes trocknen kannst, indem Du auf Deinem Wege das Glück verbreitest.«

»Also tat er! Das heißt, er stieg hinab und sah den Schatz, der seit Jahrhunderten hier vergraben lag! Aber in eben diesem Augenblicke stand Satan an seiner Seite, und um ihn zu verblenden, flüsterte er ihm die verräterischen Worte in das Ohr:

»Du bist von jetzt an der mächtigste Mensch in der Welt! Gebiete und Du wirst sehen, daß selbst die Könige Dir gehorchen!«

»Diese Worte brachten ihre Wirkung hervor.

»Der Mann, von Selbstsucht erfüllt, aufgebläht durch Stolz und Eitelkeit, kehrte zurück, an die Oberfläche der Erde, blickte voll Verachtung auf die Welt und sah sich groß und mächtig, ohne der Grundlage zu gedenken, auf der er sich über seine Brüder erhoben hatte!

»Er ließ sich fortreißen durch eine Leidenschaft, welche ihn beherrschte, und die mit seinem unerwarteten Reichtum sich steigerte, und er hatte den Stolz, über das Geschick der Menschen und der Dinge entscheiden und verfügen zu wollen, nur nach den Bestimmungen seiner überspannten Einbildungskraft! Statt mit den Armen das zu teilen, was durch den Schweiß der Armen gewonnen worden war, machte er sich reich und mächtig und nahm einen Namen an, der dem Zauber seines unermeßlichen Reichtums zu entsprechen vermochte.

»Gott verließ darauf diesen Menschen und suchte einen andern auf.

»Dieser andere bin ich! In meiner Hand ruht der goldene Schlüssel, den ich von dem Himmel empfing! Mit ihm öffnete ich das geheime Schloß, welches Euer Brot verbirgt! Esset, trinket, Ihr Söhne des Elends! Das alles gehört Euch, weil Gott es Euch verleiht.«

»Der Unbekannte hörte auf zu sprechen,« fuhr Valentine fort, »und es entstand ein tiefes, aber kurzes Schweigen; dann vernahm ich einen wahnsinnigen Schrei des Glücks und der Lust! Eine plötzliche Flamme vernichtete für immer diesen Reichtum; von der Grotte Monte Christos, den Säulen, dem Gewölbe, den Bildsäulen, den kostbaren Steinen, den Edelsteinen und Schmucksachen aller Art, den Teppichen und Wohlgerüchen, blieb nichts, durchaus nichts, als die finstern Wände des Felsens und der feuchte, nackte Boden, aus dem sie emporstiegen.«

Kaum hatte Valentine diese letzten Worte ausgesprochen, als sie plötzlich schwieg, indem sie das Gesicht in die Hände barg, als wollte sie dem Anblick des Schauspiels entrinnen, das sie soeben beschrieben hatte.

Ich weiß nicht, was in dieser Stunde Feierliches lag und wodurch für Augenblicke in dem Geiste Maximilians eine unbestimmte Furcht erweckt wurde! Die Stunde, das Schweigen, die Ruhe der Nacht, die weite Fläche der Gewässer, über welche die trüben und strengen Worte Valentines hinglitten, bildeten eine finstere Harmonie; der Ausdruck der Aufrichtigkeit und des lebendigen Gefühls, den das Gesicht Valentines trug, während sie diesen Traum erzählte; – alles trug mächtig dazu bei, um bei Maximilian jene Art unbestimmter Furcht zu erwecken, deren wir erwähnten, und die sich durch eine leichte Wolke verriet, welche seine kluge Stirn bedeckte.

Indes obgleich alles dazu beitrug, die Festigkeit der Seele Maximilians zu erschüttern, der einen Augenblick durch den Schrecken Valentines besiegt war, kehrte bald seine ganze Geistesgegenwart zurück, und er antwortete ihr sanft, doch mit kaltem Blute:

»Ich gestehe, Valentine, daß ähnliche Träume den kräftigsten und entschlossensten Geist zu ergreifen vermögen, aber sie können keinen Eindruck auf den machen, welcher wahren Glauben in die allmächtige Gerechtigkeit Gottes setzt!«

»Das glaubst Du?« erwiderte sie mit einem leisen Lächeln des Zweifels, und fügte dann mit ganz anderem Tone, aber feierlich und fest hinzu:

»Meine innige Ueberzeugung ist, daß dergleichen Träume, die wir nicht einmal, sondern öfters hintereinander haben und stets auf gleiche Weise, stets dasselbe wiederholend, stets sich unter denselben Umständen darstellend, in gewisser Art eine Mahnung sind, die der Himmel an uns erläßt, um uns auf die kommenden Ereignisse vorzubereiten.«

»Valentine!« rief Max, indem er ihre Hände ergriff.

Valentine heftete ihre schönen Augen auf das verstörte Gesicht Maximilians. Ihr Blick schien an ihn die einfache Frage zu richten:

»Was sollen wir tun?«

So blieben sie einige Augenblicke schweigend nebeneinander.

Die Gondel, welche bisher ruhig gelegen hatte, wie der Schwan, der sich in der Mitte eines Sees schaukelt, begann sich zu bewegen, getrieben durch den Hauch der Nacht, und die Wogen, deren Oberfläche einem gewaltigen Spiegel glich, in welchem die Bilder der Erde und des Himmels sich widerspiegelten, furchten sich und wurden nach und nach unter dem Druck der Luft unruhig.

Bei diesem drohenden Zeichen übte der Gondolier auf das Steuer den erforderlichen Druck aus, um die Richtung zu ändern, und die Gondel, treu dem empfangenen Impulse, zögerte nicht, ihren Kiel dem großen Kanale zuzuwenden.

Kurze Zeit daraus erreichte sie den Quai. Man gab dem Gondolier ein Zeichen und deutete auf den kleinen Kanal, der zu der Giudecca führte.

*

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