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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 36
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
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XV. Venedig.

In den ersten Tagen des Jahres 1841 befand sich in Venedig ein junger Franzose, der nicht eben dem angehörte, was gewisse Leute die erste Klasse der Pariser Gesellschaft nennen, der aber dennoch von einer vortrefflichen Familie stammte und eine vollkommene Bildung besaß, welche, vereint mit der feinsten Erziehung, aus ihm einen vollendeten Kavalier machte.

Dieser junge Mann hieß Maximilian Morel. Er war verheiratet. Seine Frau, die Tochter eines ehemaligen Beamten, stammte mütterlicherseits von der berühmten Familie der Marquis von Saint Méran ab.

Kaum zwei und ein halbes Jahr verheiratet, hatten Max und Valentine noch nicht die leiseste Wolke zwischen sich aufsteigen sehen. Sie lebten in der vollkommensten Uebereinstimmung, in einer solchen Harmonie der Seele, daß man glauben konnte, ihre Gedanken entsprängen sämtlich einer und derselben Quelle.

Es gab kein Vergnügen für den einen, wenn Sorge oder Kummer den andern quälte; Vergnügen und Freude, Schmerz und Leiden, kurz, mit einem Worte, alle angenehmen oder peinlichen Gefühle wurden von beiden gleich lebhaft empfunden, als verständen sie sehr gut und ihrer ganzen Ausdehnung nach die Pflichten, welche das Band auferlegt, das an dem Altar des Höchsten geschlossen, eingesegnet und in seinem Namen geheiligt wird.

Valentine hatte kein Kind. Sie war erst seit so kurzer Zeit verheiratet, daß sie noch nicht jenes sehnsüchtige Verlangen, Mutter zu sein, empfand, welches sich jeder Frau unfehlbar nach ihrer Verheiratung bemächtigt. Sie war nie von Max entfernt; sie sah ihn zu jeder Stunde, jeden Augenblick des Tages, und die Liebkosungen, die er ihr erwies, ließen ihr vielleicht nicht die Muße dazu, das erhabene Bedürfnis nach den Liebkosungen eines Kindes zu empfinden, auf dessen kindlichem Gesicht eine Mutter stets während der Stunden der Abwesenheit ihres Gatten die Züge und das Bild desselben zu erkennen glaubt.

Max war nicht älter als acht- oder neunundzwanzig Jahre und Valentine siebzehn bis achtzehn. Der erstere hatte eine jener kräftigen und starken Konstitutionen, welche den Charakter der Südländer bilden. Er war blaß und hatte Augen und Haare schwarz wie Ebenholz. Valentine war zwar nicht groß, zart und schmächtig gebaut, verriet aber dennoch eine kräftige Organisation und genoß einer vollkommenen Gesundheit.

Dieses Ehepaar hatte seit seiner Verbindung beinahe ausschließlich in Frankreich gelebt, endlich aber dem Verlangen nachgegeben, auch andere Gegenden kennen zu lernen, andere Sitten, andere Gebräuche, verschieden von denen, welche man in den aristokratischen Salons von Paris zu beobachten Gelegenheit hatte.

Venedig war der erste Punkt, der ihre Blicke auf sich zog: dorthin richteten sie daher ihren ersten Ausflug. Die Ueberlieferungen von dieser alten Königin des Adriatischen und des Mittelländischen Meeres, der Zauber ihrer ehemaligen Pracht und besonders die Schönheit ihrer Gebäude, ihrer Kanäle und ihrer Brücken, alles trug dazu bei, Venedig den Vorzug bei den jungen Gatten zu gewähren.

In der Tat bietet auch Venedig durch seine geographische Lage und den daraus entspringenden beständigen Verkehr zwischen Asien und Europa, ein stets wechselvolles Bild der Menschen und der Szenen.

Sein Hauptplatz, unablässig von den Kaufleuten aller Nationen besucht, zeigt noch immer einen Ueberrest von der Größe seines ehemaligen Handels! Obgleich der geflügelte Löwe von St. Marcus den Zauber eingebüßt hat, von dem er ehedem umgeben war, obgleich die Türme von St. Marcus nicht mehr mit Uebermut die prächtigen Trophäen seines Ruhmes entfalten, auf denen der Fremde die auf einander folgenden Eroberungen der Republik lesen konnte, steht doch noch die alte Kathedrale da, hoch aufrecht mit ihrem ehrwürdigen Aussehen und nimmt den Hintergrund des großen Platzes ein, indem sie voll Stolz neben ihrer byzantinischen Architektur den unglaublichen Uebermut der griechischen Kunst zeigt.

Noch sieht man hier Venedigs schönste Zierden: die berühmten Bogengänge, die eleganten Paläste der ehemaligen Patrizier, die imposante Masse des herzoglichen Palastes, die Granitsäule der Piazetta, den schlanken Turm, das bemerkenswerte Werk der Architektur, von wo aus Galilei so oft seine astronomischen Beobachtungen anstellte; die christliche Basilika mit ihrer runden Tribüne über dem Eingange, auf dem Hauptplatze die vier berühmten ehernen Pferde, welche in Konstantinopel zu Anfang des 13. Jahrhunderts erobert und durch die Franzosen zu Ende des letzten Jahrhunderts fortgeführt und 1815 zurückgegeben wurden, dann die Kanäle und die Marmorstufen, von denen das Wasser leise herabrieselt. Venedig, zwar von seiner früheren Pracht herabgesunken, ist doch noch immer Venedig! Es ist, wie ich hiermit sagen will, die schöne Prinzeß, die an den Gewässern des Lido entschlummerte und lächelnd von ihren ehemaligen Anstrengungen, von ihren früheren Arbeiten, auszuruhen scheint.

In Venedig also waren Max und Valentine und genossen jene unvergleichliche Luft und jenen durchsichtigen Himmel, welcher auch der Himmel Italiens ist.

In der Stunde, als die Sonne ihre letzten Strahlen auf die alte Kathedrale niedergleiten ließ, deren Glanz sich hinter den hohen Gebirgen Tirols zu verlieren begann, gingen Max und Valentine über die Piazza, entlang dem alten Proglio und dem Quai zu, an welchem Hunderte von Gondeln aller Größen angekettet lagen.

»Meine teure Freundin,« sagte Max zu seiner Frau, nachdem er einige Zeit mit ihr an dem Quai entlang spazieren gegangen war, »die Nächte Venedigs sind warm und ruhig und laden dazu ein, die Frische der Kanäle zu genießen, auf denen der Mond sich voll Glück und Heimlichkeit zu spiegeln scheint.«

»Besteigen wir ein Boot, Max,« entgegnete Valentine, indem sie den Arm ihres Mannes leise drückte und zugleich voll Unruhe nach einem Manne blickte, der, in einen Mantel gehüllt, dastand, und sein Gesicht durch den breiten Rand eines gewaltigen Hutes verdeckte.

Max achtete nicht auf die Bewegung Valentines, welche fortfuhr, mit dem Blicke dem Manne in dem großen Mantel und mit dem großen Hute zu folgen.

»Wie viele Gondeln auf dem Kanal hin und herfahren,« bemerkte Max. »Die Kanäle sind die Straßen von Venedig, die Gondeln sind seine Wagen. Es gab ehedem in Venedig sehr wenig Equipagen – aber sieh hier eine Gondel, welche ganz für uns geeignet zu sein scheint. Sieh nur, der Gondolier hat unsere Absicht schon erraten.«

Valentine schritt schweigend dicht an Max' Seite den Stufen zu. Ihr besorgter Blick schien aber noch immer den Fremden erforschen zu wollen, der in geringer Entfernung von ihnen herging.

In der Tat konnte man nicht weit von Valentine ein trauriges und nachdenkliches Gesicht bemerken, welches ebenfalls mit den Blicken allen Bewegungen Valentines und Morels folgte.

Max und seine Frau waren indes einem Gondolier gegenüber stehen geblieben, der sich durch die lebhafte Frische seiner roten Jacke und den guten Zustand seiner dreieckigen Mütze auszeichnete, so daß er im Dienste irgend eines edlen Hauses zu stehen schien.

»Ist die Gondel frei?« fragte Max lächelnd.

»Ja, Exzellenz, und es wäre für mich eine große Ehre, Sie darin aufzunehmen.«

»Sieh nur, meine teure Valentine, welche Artigkeit, welches außerordentliche Zartgefühl die Venetianer charakterisiert. Dergleichen wäre unter einem andern Himmel, als dem Italiens, besonders unter den arbeitenden Klassen schwer zu finden,« sagte Max. »Du hast gewiß gehört, wie dieser brave Mann uns sagte, daß es für ihn eine große Ehre sein würde, uns in seinem Boote aufzunehmen! Giacomo, Du scheinst ein braver Mann zu sein!«

»Tausend Dank sei dem Himmel dafür gesagt, und dem ehemaligen Schutzpatron von Venedig, dem St. Markus! Was mich betrifft, so werde ich stets nur ein roher Tölpel bleiben im Vergleiche zu Ew. Exzellenz und der Signora, die mir die Gunst erzeigt, mich anzusehen.«

»Siehe, sieh! Ohne Zweifel, weil sie den guten Zustand und die Eleganz Deiner Jacke sowie die Reinheit Deines Schuhwerks betrachtet.«

»Das ist wahr,« sagte Valentine, »ich bewundere eine so außerordentliche Reinlichkeit bei einem Manne dieses Standes.«

Der Gondolier antwortete nicht, machte aber eine tiefe Verbeugung.

»Wie heißt Deine Gondel?« fragte Max.

»Valentine,« erwiderte der Gondolier.

»Was sagte er?« fragte jetzt ihrerseits Madame Morel, indem sie ihren Mann mit verwundertem Blicke ansah.

»Er sagt, daß seine Gondel Valentine heißt! Das ist ganz einfach, meine teure Freundin, und ich empfinde dadurch nur um so lebhafter das Verlangen nach einer Spazierfahrt durch die Kanäle von Venedig!«

»Nun auf, Giacomo, zu Deiner Gondel!«

Der Gondolier ließ sich dies nicht zweimal wiederholen, eilte zu der Treppe, zog eine Eisenkette an sich und legte seine Gondel so an die Stufen, daß Max und Valentine ohne alle Mühe einsteigen konnten.

Obgleich Valentine erst seit kurzer Zeit in Venedig war, erkannte sie doch auf den ersten Blick, daß die Gondel, die sie bestieg, durchaus nicht so einfach war wie die meisten von denen, welche hier und dort über den Kanal glitten. Das kleine Boot hatte einen vergoldeten Kiel, ein schönes seidenes Zelt, wohlgestopfte Kissen und polierte Holzverzierungen.

Indes machte Valentine über alles dies nicht die geringste Bemerkung gegen ihren Mann, dem es schien, als sei ihre Aufmerksamkeit gänzlich durch einen andern Gegenstand in Anspruch genommen.

Sie traten in die Gondel und setzten sich. Als darauf der Gondolier, sein Ruder mit großer Geschicklichkeit führend, die Barke wendete und sich von dem Quai entfernte, drehte sie den Kopf und richtete ihre Blicke voll Besorgnis nach der Piazza.

Sobald die Gondel den Quai weit hinter sich gelassen hatte und langsam auf dem großen Kanals dahinglitt, eilte der Mann, der alle Bewegungen Maximilians und Valentines beobachtet hatte, zu dem Quai, stieß einen leisen Schrei, dem eines Nachtvogels ähnlich, aus, und wartete dann, ohne irgend ein Zeichen der Ungeduld, bis jemand ihm auf gleiche Weise antwortete.

»Vecchio,« sagte er in italienischer Sprache zu einem Individuum, das sich näherte, »hast Du die Befehle, die ich Dir gab, vollzogen?«

»Ja, gnädiger Herr,« erwiderte der Mensch, indem er mit leiser Stimme und mit einem gewissen Wesen des Heimlichtuns sprach.

»Ich hatte eine lange Unterredung mit dem Gondolier in der roten Jacke, und erfuhr, daß er seit einigen Tagen in dem Dienste eines reichen Franzosen stehe, der kürzlich erst nach Venedig kam.«

»Und wer ist dieser Franzose?«

»O, der Pfiffikus von Gondolier wollte so tun, als wüßte er seinen Namen nicht!«

»Weiter, weiter!«

» Per la madre de dio! Wie eilig Sie es haben, Signor!« erwiderte der Gefragte in seinem halb römischen, halb venetianischen Dialekt. »Ich brauche mehr als eine halbe Stunde, um nur auf den Gegenstand zu kommen; – aber es mangelt mir nicht an Geschicklichkeit, und was die Verschlagenheit betrifft, so denke ich, ich kann dem braven venetianischen Gondoliere darin wohl noch etwas vorausgeben.«

»Zur Sache, zur Sache!« sagte der erstere voll Ungeduld.

»So wissen Sie denn, daß ich sagen und tun mochte, was ich wollte, daß ich meinen Mantel nach allen Seiten wendete – und daß ich dennoch nicht dahin gelangte, von ihm den Namen des Franzosen zu erfahren.«

»So, das ist also die Gewandtheit und die Pfiffigkeit, deren Du Dich rühmst? Das ist es, was Du dem venetianischen Gondolier vorausgeben willst? – Deine Anmaßung verdient ein lautes Gelächter; was meinst Du dazu?«

»Geduld, Signor, Geduld! – Hören Sie mich zuerst an, dann können Sie tun, was Sie wollen. – Ich erkannte nur, daß der Gondolier seinen Herrn nicht kannte, wendete meine Nachforschungen nach einer andern Seite, und wenn ich auch nicht dahin gelangte, den Taufnamen des Franzosen zu erfahren, so kenne ich doch wenigstens seinen Familiennamen.«

»Und wie heißt der?«

»Er ist ganz einfach: Morel.«

»Morel!« wiederholte der erstere, als ob dieser Name ihm nicht unbekannt sei.

»Wenigstens ist das der Name, der mir genannt wurde.«

»Wo wohnt er?«

»In der Nähe des Judenviertels oder der Giudecca, in einem kleinen Hotel, welches mit der einen Seite nach dem Kanal hinausgeht und mit der andern auf die Villa St. Martin!«

»Ganz gut! Die Schaluppe?«

»Ist bereit.«

»An Bord denn und auf in der Richtung nach der Giudecca!«

Die beiden Männer verschwanden unter der Menge, welche die Piazza und den Quai erfüllte.

Indes befand sich die Gondel Maximilians schon in der Ferne und setzte ihren langsamen trägen Lauf fort, leichte Furchen von Silber und Azur in dem Wasser hinter sich zurücklassend.

Wer das herrliche Schauspiel einer warmen, stillen Nacht, beleuchtet von dem Scheine des Mondes, in Venedig noch nicht erlebte, der kann sich keinen Begriff von der Schönheit machen, die man darin entdeckt.

Sahest Du niemals in Deinen Träumen, mein Leser, eine Stadt von Jaspis und Marmor sich wie durch Zauberei auf der Oberfläche eines schönen Sees erheben, auf welche der Mond seine Strahlen ergoß, sie mit einem milden, gemäßigten Lichte beleuchtend, das den süßen Mysterien der Liebenden so günstig ist? Diese Stadt ist Venedig! Die Kanäle, welche es nach allen Richtungen durchschneiden, scheinen bei dem Lichte des Mondes ebenso viele Silberbänder zu sein, mit denen die Prinzeß ihren Busen schmückt.

Die Türme von St. Marcus, die Säule des großen Platzes und alle die andern hervorspringenden Punkte, welche die Stadt verschönern, stellen sich nur als ebensoviel phantastische Linien dar, welche gegen den Himmel abstechen und auf denen die Augen dessen ruhen, der, in Träumerei versunken, über die Gewässer des Lido hingleitet.

Der Vergleich zwischen der eleganten, prachtvollen Stadt und der Trauer und der Einfachheit der andern Stadt, welche sozusagen, nur von armen Fischern in der Nähe der Lagunen erbaut wurde; zwischen der lärmenden Freude der einen und dem tiefen Schlaf der andern; – dieser Vergleich, sage ich, erweckt in unserer Seele eine unbestimmte Melancholie, die ebenso süß wie unerklärlich ist!

Max und Valentine, welche den großen Kanal schnell durchschnitten hatten, schienen sich ganz und ohne Rückhalt dem unbestimmten Gefühle zu überlassen, welches durch das prachtvolle nächtliche Schauspiel in ihnen erweckt wurde. Valentine lehnte den Kopf auf die Schulter ihres Max', und ihr Blick richtete sich mit unaussprechlicher Zärtlichkeit auf das Gesicht des Mannes, mit dem sie ihr Geschick in dieser Welt vereint hatte; sie segnete stillschweigend das Geschick.

Die Gondel schaukelte sich gleich einem durch Liebesgötter gewiegten Lager weich und sanft auf den glatten durchsichtigen Wogen und trug durch ihre leichte Bewegung, regelmäßig wie der Pendelschlag einer Uhr, dazu bei, die Reizbarkeit des Gefühls in den beiden leidenschaftlichen Herzen zu steigern.

Tränen rannen bald über die Wangen Valentines. Es waren Tränen eines unendlichen Vergnügens, unerklärlich und ganz der Seele angehörend, eines Vergnügens, in welchem auch die ganze Seele sich enthüllte.

Max drückte voll Zärtlichkeit Valentines Hand.

»Du weinst, meine Liebe?« sagte er, »Was gibt es denn in aller Welt, was Deine Tränen so fließen macht?«

»Glaubst Du denn, daß es Tränen des Schmerzes sind? – Nein! Es sind Tränen des Glückes, aber eines innigen Glückes, das ich erst kennen gelernt habe, seitdem ich mit Dir vereint bin! – Ach möge Gott gefallen, daß es immer so sei, mein teurer, lieber Max!«

»Und weshalb sollte es denn nicht immer so sein?« entgegnete Max lebhaft, indem er einen brennenden Kuß auf die Stirne Valentines drückte.

»Verzeih mir – ich bin vielleicht töricht, Dir zu gestehen, daß eine unbestimmte Furcht – ein unerklärliches Gefühl, mir das Herz bedrückt! – Zuweilen erwacht in mir der Gedanke und die Erinnerung an unseren Wohltäter, und ich zittere zugleich, ohne zu wissen weshalb! – Wenn ich den Segen des Himmels auf diesen Kopf mit der klugen Stirn herabrufe, wenn ich Gottes Gnade für das großmütige Herz erflehe, dem unser Glück entsprang, – dann scheint mir etwas Geheimnisvolles und Fürchterliches in dem mich umgebenden Raum, in der Luft, die ich einatme, zu schweben und ich erbebe, als hätte ich eine Ahnung von dem Unglück oder dem Untergang Edmund Dantès.«

»Je mehr wir die lieben, denen wir ein so großes Glück verdanken, Valentine,« entgegnete Max, »um so mehr fürchten wir auch ihr Unglück oder ihr Verderben: diese Furcht ist indessen nur unbestimmt; Edmund Dantès ist begünstigt von dem Himmel und wird gesegnet von allen denen, welche die Gerechtigkeit und die Güte seiner Seele kennen! Beruhige Dich, meine Teuere, und laß uns von andern Dingen sprechen, um die schmerzlichen Besorgnisse zu vergessen, von denen Du gequält wirst.«

»Nein, mein Freund, ich will lieber von der Sache sprechen. Ich will mit Dir von Edmund Dantès reden oder vielmehr von dem Grafen von Monte Christo! Ich möchte auch mit Dir von der Grotte Monte Christo sprechen, die uns jetzt gehört, und die das letzte Geschenk war, welches wir von der Hand des Grafen empfingen.«

»Sprich weiter!«

»Sage Max, ist es denn wahr, daß wir so sehr reich sind?«

»Ohne Zweifel, Valentine, dank dem Himmel und unserem Wohltäter.«

»Du hast die Laune gehabt, die Grotte Monte Christo, in demselben Zustande des Luxus und des barbarischen Reichtums zu erhalten, in welchem der Graf sie uns übertrug?«

»Das ist eine Pflicht der Dankbarkeit, Valentine!«

»Recht gut. Aber die Dankbarkeit, mein Freund, läßt sich auf eine andere Weise aussprechen.«

»Was willst Du damit sagen, meine liebe Valentine?«

Valentine antwortete nicht, aber nach einer Pause rief sie voll Besorgnis:

»Ach, all dieser Reichtum, all dieser barbarische Luxus erschrecken mich, mein guter Max. Ja, schon längst, schon seit langer Zeit wollte ich Dir diese große Wahrheit sagen. Aber ich besaß nicht den Mut, Deinem ungläubigen Lächeln zu trotzen! – Glaube mir, Max, was ich Dir hier sage, ist nicht das Resultat einer kindischen Furcht, einer weibischen Schwäche oder der Besorgnis eines Kindes, sondern es ist das Resultat einer Besorgnis, in der eine große Wahrheit liegt.«

»Nun, laß hören, was ist denn das für eine Wahrheit, welche macht, daß die Pracht und der Reichtum der Grotte Monte Christos Dich erschrecken?«

»Max,« sagte Valentine mit dem Ausdrucke eines Engels, indem sie ihre Worte mit süßem Lächeln begleitete, »überall, wo wir waren, gibt es Tausende von Familien, für welche jener Reichtum, der dort in dem Schoße eines Felsens vergraben liegt, ein vollständiges Glück sein würde; – Familien, denen das tägliche Brot mangelt, hörst Du wohl, mein Freund? Und denen dasselbe für ein ganzes Jahr durch den Wert eines einzigen der Kapitäle jener prachtvollen Säulen gewährt würde, welche das Portal der Grotte Monte Christo stützen. Ach, wenn Du geneigt wärest, einem Traum Glauben zu schenken, den ich drei Nächte hintereinander hatte – wenn Du mich nicht eine Träumerin nennen wolltest – so würde ich Dir diesen entsetzlichen Traum erzählen!«

»Sprich, Valentine,« entgegnete Max mit ernstem Wesen und indem er sich bereitete, seine Gattin anzuhören.

Valentine sprach also:

*

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