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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 34
Quellenangabe
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XIII. Das Gasthaus zur Glocke.

Mercedes stand auf der Schwelle der Tür.

Auf ihren bleichen Wangen glänzte das Rot des Fiebers; ihr flammender, unsicherer Blick verriet das Delirium.

Durch einen Fieberanfall aus ihrem schmachtenden Zustande aufgerissen, belebt durch die unerklärliche Kraft dieses Zustandes, einer Entzündung des Blutes, geleitet durch einen unbestimmten, verworrenen Gedanken, sprang sie aus dem Bett, indem sie sich in ihr Betttuch hüllte. Ein kurzer, um die Hüften schlicht befestigter Rock, ein auf der Brust offenes Hemd, die Haare in Unordnung über die Schultern fließend und zu dem allen noch ihre heftigen unregelmäßigen Bewegungen, machten sie zu einem entsetzlichen Bilde des Wahnsinns.

An der Tür des Saales angelangt, lauschte sie, hörte die letzten Worte Benedettos und stieß einen durchdringenden Schrei aus, als derselbe den Namen des Grafen von Monte Christo nannte.

Als der erste Augenblick der Ueberraschung vorüber war, eilte Albert zu seiner Mutter; sie stieß ihn mit dem Arme zurück, trat bis in die Mitte des Gemaches und ließ ihre verwirrten Blicke umherschweifen.

»Edmund!« sagte sie mit schmerzhaftem Lächeln, »hast Du denn meinen Sohn ermordet? Weshalb brachtest Du so Witwenschaft, Elend, Leiden und Hunger über mich? Ach, wie schlecht hast Du die Tränen vergolten, die ich über den Mann vergoß, den ich so sehr liebte!

»Das ist er, dieser Mann? Ach, er komme nicht! Er trübe nicht die Reinheit der Umarmung und des Kusses, die ich für meinen Sohn aufbewahre!«

Es entstand ein Augenblick des Schweigens.

Albert lag auf den Knien, die Augen auf seine Mutter gerichtet, die Lippen halb geöffnet, als ob das Uebermaß der Ueberraschung und des Schmerzes ihm das Wort in demselben Augenblick abgeschnitten hätte, in welchem er die Worte aussprechen wollte:

»Meine Mutter, hier bin ich!«

Benedetto hatte die Arme über der Brust gekreuzt und hörte mit inniger Aufmerksamkeit die rührenden Klagen der armen Mercedes mit an.

»Ach ja, ich habe Dich geliebt, Edmund!« fuhr sie fort, »ich habe Dich mit unendlicher Liebe geliebt, so sehr, wie nur ein Weib zu lieben vermag!

»Und Du kehrtest nicht zurück, um mich zu heiraten – Du verschwandest in dem Augenblick unserer Hochzeit – und fünfzehn Jahre sind verflossen – fünfzehn Jahrhunderte – fünfzehnfache Ewigkeit! – Und Du, Du bliebst abwesend! Wie viele Martern habe ich erduldet, wie viele Tränen habe ich vergossen! – Befrage den Fels der Katalonier und er wird Dir von mir und meinen Leiden erzählen! Befrage den Kranz, der meine Stirn in der Stunde meiner Trauung schmückte, Du wirst darin die Spur einer Träne finden, die ich Dir widmete! – Lausche auf mein eheliches Lager und es wird Dir die Seufzer wiederholen, welche die verbrecherische Gattin dem Andenken eines Mannes widmete, der nicht ihr Mann war! – Dieser Mann aber – das warst Du! – Wodurch habe ich nun das Unglück verdient, das Du über mich verhängtest? – Was hat mein Sohn Dir Böses getan? – Edmund, Du übst nicht die Gerechtigkeit Gottes aus! – Aber horch! Ha! Er kommt! Er ist es – es ist mein Sohn! – Mein Sohn, um den meine Seele bangt, da ist er – er kommt! – er kommt!«

Mercedes sprach die letzten Worte voll Entzücken aus und öffnete die Arme, als ob sie nur diesen Augenblick erwartet hätte, um ihren Sohn, den sie herbeirief, an ihr Herz zu drücken.

In der Tat sprang Albert schnell auf, stürzte sich in ihre Arme und rief:

»Hier bin ich! – Ich bin es, meine Mutter! – Meine angebetete Mutter!«

Ein Kuß und eine wahnsinnige rasende Umarmung war die einzige Antwort, die Mercedes ihm gab.

Ein tiefes Schweigen folgte auf den Ausruf Alberts, ein Schweigen, währenddessen tausend Liebkosungen, wie man sie sich kaum denken kann, zwischen der Mutter und dem Sohne ausgetauscht wurden. Mercedes schien ruhiger geworden zu sein, denn das Fieber hatte infolge dieser Erschütterung seine Kraft verloren. Indessen waren ihre Gedanken noch immer nicht ganz hell: ihre Begriffe waren unbestimmt und verwirrt, und der wilde Blick, den sie auf alles, was sie umgab, richtete, verriet die innere Aufregung, deren Beute die arme Frau noch immer war.

Von Zeit zu Zeit drückte sie krampfhaft die Hand Alberts, lehnte ihre brennende Stirn gegen den keuchenden Busen ihres Sohnes, in dessen Augen zugleich die Tränen unendlichen Glückes und unaussprechlicher Traurigkeit glänzten.

»Albert,« sagte endlich Mercedes, »bist Du es denn wirklich? – Ist es mein Sohn, den ich in meine Arme schließe! – Ach ja, ich fühle es, Du bist es; das Herz einer Mutter kann sich darin nicht täuschen! – Du bist es – Du bist der Sohn, der sich verkaufte, um mir den Unterhalt zu gewähren, der Sohn, für den ich mein Leben hinzugeben stets bereit sein werde.«

Sie schwieg, doch nach einer kurzen Pause fuhr sie fort:

»Ach, jetzt wirst Du mich nicht mehr verlassen, nicht wahr? – Nein, nein, Du wirst mich nicht mehr verlassen!«

»Beruhigen Sie sich, meine Mutter. – Ich bin für immer bei Ihnen, mit Ihnen,« erwiderte Albert.

»Und wenn der mächtige und rachsüchtige Mensch uns noch einmal wieder trennte? Ach, Du weißt nicht, daß in Deinen Adern das Blut von dem Nebenbuhler Edmunds rinnt und daß Edmund die Küsse, die ich Dir gab, nicht sieht und hört, ohne zu erbeben.«

»Nein, nein!« rief Albert heftig: »Edmund ist fern; Edmund hat aufgehört, uns Böses zu wollen! – O mein Gott,« fügte er leise hinzu, »erbarme Dich meiner Mutter!«

»Sage mir, Albert – wo sind wir?« fragte Mercedes, indem sie mit besorgtem Blicke umher sah.

»In Marseille,« erwiderte er. »Erinnern Sie sich nicht mehr an Marseille?«

»O doch – und dieses Haus?«

»Dieses Haus – das ist das Wirtshaus zur Glocke.«

»Was sagst Du?« rief Mercedes, indem sie heftig seinen Arm ergriff und an allen Gliedern zitterte.

Albert wiederholte den Namen des Wirtshauses.

»Ha!« rief Mercedes, als hätte sie einen brennenden Schmerz empfunden. – »Welch ein furchtbarer Auftritt hat hier stattgefunden!« fuhr sie dann fort. »Hier – in diesem Saale – ja, – es ist derselbe Tisch, den ich hier sehe – der Tisch, auf welchem mein Hochzeitsmahl bereit stand – dort – dort – ich sehe noch das leidenschaftliche Gesicht Edmunds! – Hier – das eifersüchtige und verräterische Gesicht Fernand Mondegos!«

»Meine Mutter!« sagte Albert mit einem unendlich traurigen Ausdruck der Stimme.

»Höre – höre–« fuhr sie abermals fort, indem sie die Stirn runzelte und Albert an eins der Fenster führte, welches die Aussicht auf den Platz hatte. »Hörst Du die Glocke läuten? Es geschieht wegen einer Trauung.

»Siehst Du nicht jenes weißgekleidete Mädchen, deren Stirn ein weißer Kranz schmückt? Das ist die junge Frau, welche soeben den Trauring erhielt.

»Sie geht an der Seite Edmunds, dessen stolzer Blick das reine Gefühl ausspricht, von dem sein Herz erfüllt ist! – Unmittelbar hinter dem Brautpaare – siehst Du wohl den jungen Mann, der mit niedergesenktem Kopfe einherschreitet, den finstern Blick zu Boden gerichtet, die Stirn in Falten gezogen und auf Verrat sinnend?

»Wo ist jetzt der ganze heitere und lärmende Haufe, den ich Dir zeigte, wie er über den Platz kam?

»Siehst Du, wir sind dort bei Tische in dem Wirtshause zur Glocke! Der Bräutigam sitzt an der Seite der Braut und des Verräters, welchen das Gift der Eifersucht schwellt und der beide mit seinem rachsüchtigen und boshaften Blick verschlingt.

»Jesus!« rief sie, indem sie einen lauten Schrei ausstieß, »Jesus! – sie reißen meinen Gatten aus meinen Armen! Fernand Mondego hat ihn als Bonapartisten angezeigt – er wird durch Soldaten fortgeschleppt – ich bleibe als Witwe zurück, noch ehe ich ihm angehören konnte!«

Mercedes hatte kaum diese Worte beendigt, als sie ohnmächtig in die Arme Alberts sank, der sie nach ihrem Zimmer brachte und dort der Obhut der Krankenwärterin übergab, welche an ihrem Bette Wache hielt, während Benedetto forteilte, um einen Arzt zu holen.

Zum Glück wich dieser Zustand fieberhafter Ueberspannung den ersten Beruhigungsmitteln und schon bald darauf konnte Albert seine Mutter nach dem kleinen Häuschen führen, welches sie im Dorfe der Katalonier bewohnte.

Ihre Genesung begann bald.

Die Anwesenheit ihres Sohnes, die reine frische Luft, die sie an diesem abgelegenen Zufluchtsorte einatmete, die Sorgfalt, mit der sie umgeben war, alles trug dazu bei, ihre Seele zu beruhigen und aus ihrer Erinnerung die so traurigen Bilder einer schmerzhaften Vergangenheit zu verbannen.

Sie gewann den Gebrauch ihrer geistigen Fähigkeiten vollständig wieder und sie vermochte es dann, Benedetto einige Worte einer lebhaft gefühlten Dankbarkeit für die Uneigennützigkeit zu sagen, mit welcher er sein eigenes Leben ausgesetzt hatte, um einen seiner Mitmenschen vor einem sicheren Tode zu bewahren.

Indes sah Albert wohl, daß die Abreise Benedettos heranrückte. Dieser Mann hatte ihm ein so inniges Vertrauen eingeflößt, daß es ihm nicht schwer wurde, ihn seinen Freund zu nennen. In der Tat erschien bald der Tag der Trennung. Albert erriet ihn und drückte die Hand Benedettos, als sagte er ihm ein letztes Lebewohl.

»Mein Herr,« sagte Benedetto eines Morgens, indem er in sein Zimmer trat, »was denken Sie über Ihre Zukunft?«

Auf diese unerwartete Frage hielt Albert einige Sekunden seinen Blick auf Benedetto gerichtet, dessen Züge regungslos blieben. Kein Gefühl, kein Gedanke spiegelte sich in dem Gesicht wider, das starr war, wie aus Marmor gebildet.

»Entschuldigen Sie meine Unbescheidenheit,« fügte er hinzu, als er sah, wie Albert das Schweigen bewahrte, »aber wir empfinden stets ein lebhaftes Verlangen, die Zukunft eines Menschen kennen zu lernen, der uns interessiert und den wir für immer zu verlassen im Begriff stehen.«

»Ich weiß Ihnen Dank für Ihr Zartgefühl,« entgegnete Albert, »und ich will Sie befriedigen. Ich hatte die Erlaubnis erlangt, in Afrika für mich einen Stellvertreter eintreten zu lassen, und ich kehrte, wie ich Ihnen bereits sagte, zurück, im Besitz einiger Ersparnisse, durch deren Hilfe ich die Ruhe meiner Mutter sichern und ihr ein Leben bescheidenen Wohlstandes gewähren zu können glaubte. Gott oder der blinde Zufall wollte nicht, daß es so sei. Ich verlor beinahe alles, was ich mit mir brachte und es bleibt nur noch soviel, um die notwendigsten Ausgaben während der Zeit zu bestreiten, die ich darauf anwenden will, eine bescheidene Stellung zu finden.«

»Und wenn Sie diese Stellung nicht finden?«

»Dann arbeite ich auf Tagelohn,« erwiderte Albert traurig, und fügte sogleich mit einem gewissen Stolze hinzu: »Aber ich schwöre Ihnen, daß meine Mutter nicht die geringste Entbehrung zu ertragen haben soll!«

»Ich beneide Sie um diese Liebe, die Sie für Ihre Mutter hegen; ich beneide Sie um dies Gefühl und diese vollständige Ergebung, mit der Sie die Aussprüche hinnehmen, welche der Wille Gottes über Sie fällt!«

»Ich muß arbeiten, um die zu erhalten, die mir das Leben gab, das scheint mir ganz natürlich zu sein,« erwiderte Albert mit der rührendsten Einfachheit.

»Also sind Sie entschlossen, zu arbeiten?«

»Ohne Zweifel!«

»Das genügt, Albert. Sie sehen, daß ich so ziemlich in Ihrem Alter bin. Indessen glauben Sie den Worten, die ich Ihnen sagen will, denn sie sind die Kinder der Erfahrung! Wie verhängnisvoll seine Bestimmung auch dem Menschen erscheinen möge, muß ich doch immer überzeugt bleiben, daß es ein höheres und göttliches Gesetz gibt, welches nie vergißt, unsere Handlungen in der Wagschale der Gerechtigkeit zu wägen und die Unschuld bald zu belohnen!«

»Haben Sie schon den Lohn dieser Unschuld empfangen?« fragte Albert lächelnd.

»Nein,« erwiderte Benedetto ernst; »nein, denn ich bin ein verhärteter Sünder. Ich glaube aber dennoch fest an die Bestrafung meiner Fehltritte, sobald meine Sendung erfüllt ist, denn ich erkannte, daß die Boshaften den Lohn für ihre Verbrechen, für ihre Laster oder für ihre Irrtümer, schon in dieser Welt empfangen. Deshalb gebe ich Ihnen die Versicherung, daß die Guten ebenfalls die Belohnung ihrer Tugenden erhalten werden! Bleiben Sie in Frieden, Albert; über Ihnen und mir gibt es ohne alle Zweifel einen Gott, der uns richtet!«

Bei diesen Worten verließ Benedetto das Zimmer Alberts, auf den die feierliche Haltung und die zärtlichen teilnahmvollen Worte Benedettos einen lebhaften Eindruck gemacht hatten und der nicht soviel Geistesgegenwart besaß, ihm zu folgen oder ihm zu antworten, obgleich er erkannt hatte, daß seine letzten Worte und der Ton, mit dem er sie sprach, so deutlich, daß es nicht zu verkennen war, das letzte Lebewohl des Mannes aussprachen, der sich entfernt, ohne an die Rückkehr zu denken.

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