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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 33
Quellenangabe
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XII. Zwei unschuldige Opfer einer furchtbaren Rache.

Indem Albert seinen ersten Teil dieser Erzählung beendete, war er so ergriffen, daß ihm die Kräfte zur Fortsetzung mangelten.

Er stand auf und sah nach seiner Mutter. Mit einer unaussprechlichen Genugtuung bemerkte er, daß der Atem derselben freier war und ihr Schlaf nicht so unruhig wie anfangs. Er kehrte dann in den Salon zurück und aß in Gesellschaft Benedettos, welcher entschlossen zu sein schien, so lange in Marseille zu bleiben, als zur gänzlichen Wiederherstellung der Mutter Alberts, der Gräfin von Morcerf, erforderlich sein würde.

Ohne danach zu trachten, die erste Ursache zu erfahren, weshalb der Mensch, den er verfolgte, das heißt der Graf von Monte Christo, so handelte, wie er es getan hatte, war der Sohn Villeforts doch überzeugt, daß nichts das Benehmen eines Mannes zu rechtfertigen vermochte, der die Grausamkeit so weit trieb, das Unglück auf Personen, die ihn nie beleidigten, niederschmettern zu lassen.

Mußte der Graf von Monte Christo sich durchaus an einer Beschimpfung, an dem Raube, einer Grausamkeit rächen, die gegen ihn oder einen seines Blutes begangen worden war?

Es konnte sein!

Aber die schönste Tugend des wahren Christen besteht darin, Beleidigungen vergessen zu können; und zugestanden, daß der Graf von Monte Christo nach dem Beispiele der meisten Menschen diese erhabene Tugend nicht besaß, von welcher Christus uns an seinem heiligen Marterholze das Beispiel gab, blieben ihm wenigstens die Vorschriften der gesunden Philosophie, um ihn zu lehren, die Verirrungen einer heftigen Leidenschaft zu zügeln.

Daß ein Mensch sich an einem andern rächt, der ihm ein Unrecht zugefügt hat, ist eine Handlung, über welche die Welt nicht staunt! Aber dieser Rache auch die opfern, welche nie verletzen, sie ohne Mitleid, ohne Barmherzigkeit, opfern, indem er ihnen Vater, Freund, Beschützer raubte und sie unter dem Gewicht einer ewigen Schmach, eines unerbittlichen Verhängnisses niederbeugte, das ist ein namenloses, in der zivilisierten Welt nicht zu bezeichnendes Verfahren. Was könnte denn hienieden auf dieser Erde Edmund Dantès von seinem ungeheuren Fehler freisprechen? Wie viele gute Handlungen müßten nicht in die Wagschale des letzten Gerichts geworfen werden, um das Gewicht eines so entsetzlichen Benehmens gleich zu machen? Lebte er auch tausend Jahre, der Ausübung jeder Tugend hingegeben, müßte es nicht dennoch zweifelhaft bleiben, daß es ihm gelänge, sich von so ungeheuren Irrtümern, in dem kurzen Räume von sechs Monaten begangen, zu läutern? – Sechs Monate, das heißt, einen unbemerkbaren Augenblick in der unermeßlichen Ewigkeit!

Am nächsten Tage war Benedetto, der mit großem Interesse die Erzählung Alberts erwartete, der erste, ihn um die Fortsetzung zu bitten.

Albert, der jetzt über den Zustand seiner Mutter beruhigt war, nahm den Faden seiner Erzählung auf, setzte sich, wie am Tage zuvor, neben Benedetto in dem Salon des Gasthauses zur Glocke, welches sie gemeinschaftlich bewohnten. Nach einem Augenblick des Schweigens, welches Albert darauf zu verwenden schien, seine Gedanken zu sammeln, fuhr er folgendermaßen fort:

»Als ich mich von dem Orte entfernte, der zu dem Duell bestimmt gewesen war, beeilte ich mich, nach Hause zurückzukehren, wobei ich für meine zurückbleibenden ehemaligen Freunde ein Gegenstand des strengsten Tadels war.

»Ich hatte meinen Plan gefaßt.

»Ich raffte alles Geld, das ich besaß, zusammen, verkaufte, was in dem väterlichen Hause mein Eigentum war, und als ich alles zur Reise bereitet hatte, begab ich mich nach dem Zimmer meiner Mutter.

»Sie war meinem Beispiele gefolgt, hatte all ihr Geld in ein Kästchen getan und war ebenfalls bereit, zu reisen und mich zu begleiten. Sie hatte meinen Entschluß erraten – wie ich den ihrigen vorausgesehen hatte. Eine halbe Stunde später ging sie an meinem Arme die Treppe des Hotels hinab, welches der Schauplatz ihres Glückes und ihrer Schmach gewesen war und in das wir nie zurückkehren sollten.«

»Und Ihr Vater?« fragte Benedetto, »Haben denn Mutter und Sohn ihn so verlassen? – Selbst ohne ihm ein letztes Lebewohl zu sagen?«

»Mein Vater,« fuhr Albert fort, »war nicht der Mann dazu, das Lebewohl, von dem Sie sprechen, als etwas Gutes zu betrachten! – Er war es, der es an uns richtete. – Ein Pistolenschuß ertönte unter der Vorhalle in dem Augenblicke, als meine Mutter und ich die Postchaise bestiegen, die uns von Paris weit forttragen sollte.

»Der Graf von Morcerf hatte mit eigenen Händen an sich Gerechtigkeit geübt!«

Albert hielt einige Augenblicke inne.

Benedetto kreuzte die Arme über der Brust und betrachtete mit unbeschreiblicher Teilnahme den jungen Mann, der ihm eine so entsetzliche Geschichte erzählte.

»Ich war die einzige Stütze meiner Mutter,« nahm Albert wieder das Wort, »ich, der ich kein Vermögen, nicht einmal einen Namen besaß, ich, der ich noch erfüllt war von den Vorurteilen meiner aristokratischen Vergangenheit, ich, der ich keine Neigung fühlte, von jemand ein Almosen zu erbitten, wenn die Zeit alle meine Hilfsquellen erschöpft haben würde! Ich mußte indes die Zukunft in das Auge fassen, irgend eine Existenz suchen, eine Lage wählen, denn die Zeit eilte schnell dahin und die Not konnte nicht lange zögern, an unsere Türe zu klopfen! –

»Wir faßten einen Entschluß.

»Ich ließ mich zum Militär anwerben und fügte mein Handgeld unserem kleinen Schatze hinzu, indem ich Anstalten traf, nach Afrika zu gehen, erfüllt von dem lebhaften Verlangen, eines Tages ganz Paris zu beweisen, daß der moralische Irrtum in der Familie Morcerf nicht erblich sei.

»Verzeihen Sie,« rief er lebhaft, »ich hörte auf, mich so zu nennen – ich nahm einen andern Namen an, einen einfacheren, unbekannteren, niedrigeren – ich nannte mich Albert Mondego. Unter diesem Namen kannte man mich im Regiment.«

»Sie hätten irgend einen Namen oder Titel von dem mütterlichen Adel annehmen können,« bemerkte Benedetto.

Albert lächelte geringschätzig und entgegnete hastig:

»Meine Mutter war die Tochter armer Fischer. Einen Monat, nachdem ich in das Regiment eingetreten war,« fuhr er dann fort, »segelte ich nach Afrika ab, wo ich bis jetzt geblieben bin, nicht einen Augenblick aufhörend, an das einzige Wesen zu denken, das ich liebe – an meine Mutter! Ach, und als ich, das Herz von Freude erfüllt, zurückkehrte, um sie in meine Arme zu schließen und über dieses einzige Glück all meinen Kummer, alle meine überstandenen Mühseligkeiten vergaß, traf das Schicksal mich erbarmungslos, als ob meine Unglücksfälle ihr Ziel noch nicht erreicht hätten!

»Meine Mutter hatte Hunger gelitten – meine gute, geliebte Mutter – ist gezwungen gewesen, die bittende Hand auszustrecken, um ein Stück Brot zu erbetteln! – Ach, das kann nicht von dem Willen Gottes herrühren! – Ein Teufel haucht seinen verfluchten Atem auf uns! Das Verhängnis drückt uns nieder!«

Albert verbarg das Gesicht in beiden Händen, um die Tränen nicht blicken zu lassen, welche an seinen Wangen herabrollten, die durch die Sonne Afrikas gebräunt waren.

Benedetto betrachtete ihn noch schweigend, als hätte er nicht den Mut gefühlt, die feierliche Stimmung eines Sohnes zu unterbrechen, welcher über das Unglück seiner Mutter weinte.

»Jetzt, mein Herr,« fügte Albert hinzu, »ist es Ihnen bekannt, welche Art der Verbindung zwischen dem Grafen von Monte Christo und mir bestanden hat. Sie wissen ebenso, wer ich bin; ich nenne mich Albert Mondego und bin der Sohn des Mercedes. Ich besitze durchaus kein Vermögen; die kleinen Ersparnisse, die ich aus Afrika mitbrachte, verlor ich fast ganz in dem furchtbaren Schiffbruche, aus dem Sie mich retteten: ich habe weder Freunde noch Bekannte in Marseille: indes bei allem, was Ihnen nützlich sein kann, dürfen Sie auf mich zählen, wenn Sie irgend etwas von mir verlangen!«

Bei diesen Worten reichte Albert seine Hand Benedetto hin, der sie voll Teilnahme drückte.

»Ihre Erzählung hat mich lebhaft gerührt!« sagte Benedetto. »Die Liebe, die Sie Ihrer Mutter widmen, ist einer jener seltenen Züge, welche das innere Glück eines Sohnes begründen können! Es gibt so viele, denen es nicht einmal vergönnt ist, eine Träne des Schmerzes auf das Grab ihrer Mutter niederfallen zu lassen!«

»Wie das?« fragte Albert.

»Wenn zum Beispiel ein Mann nicht weiß, wem er das Leben verdankt.«

»Ach!«

»Wenn er weiß, daß er unmittelbar nach seiner Geburt verlassen wurde. – Glauben Sie mir Herr Albert, es gibt Menschen, die unglücklicher sind als Sie! Es gibt grausamere Geschicke als das Ihrige!«

»Vielleicht!« murmelte Albert.

Benedetto lächelte mit einem leisen Anfluge der Ironie und rief:

»Wissen Sie, was die Existenz eines Verbannten zu sagen hat – eines Verbannten ohne Familie, ohne Vaterland – ohne eine einzige Hoffnung in der Seele? Wissen Sie, was die Wut der Verzweiflung, der Durst und die Ausübung der Rache heißen wollen? – Ach,« fuhr er mit mehr Ruhe fort, »Sie haben den schwarzen Himmel des Sturmes, jene tiefe Nacht, jene empörten Wogen gesehen, jene feurigen Blitze, welche ohne Unterlaß die aufgetürmten Wolken durchzuckten. – Nun wohl, erinnern Sie sich an die Verzweiflung, die Sie empfanden, als Sie so das Spielzeug der Fluten waren? Erinnern Sie sich, wie entsetzlich Ihnen damals das Krachen des Donners erschien? – Dort in der Mitte dieser Greuel waren Sie einen Augenblick ohne Lebenshoffnung – Sie erblickten sich in den Armen des Todes, aber dieser Tod war nicht die schweigende, finstere Jungfrau, welche Sie langsam und allmählich in ihrer eiskalten Umarmung erdrückt! Es war die entfesselte Furie, welche Sie in ihren eisernen Armen marterte und Ihnen, eine nach der anderen, die Hoffnungen entriß, welche mit jedem Hauche Ihrer Brust entschlüpften! – Denken Sie sich nun eine ähnliche Lage verlängert, wie die Marter des Prometheus, und sagen Sie dann, ob das Opfer eines solchen Märtyrertums nicht unglücklicher wäre als Sie?«

»Sollte es denn ein solches Märtyrertum wirklich außer in der Fabel geben?«

»Es gibt eins! – Es steht vor Ihnen!« rief Benedetto. »Ich habe weder Freunde, noch Beschützer, noch Eltern, denn diese senkten mich lebend in das Grab, als ich kaum geboren war, und jetzt sind auch sie tot! Meine Erbschaft? – Das ist die Verbannung. Meine Hinterlassenschaft? – Die Rache! Ha! Die Rache, die ich langsam schlürfen will, indem ich neue Martern suche und ersinne, um aus der Brust eines Menschen Schmerzensrufe zu locken, wie das Echo sie noch nie wiederholt hat!«

»Was soll das heißen?« sagte Albert. »Schon oft hörte ich Sie von Gott sprechen, und ich vermag nicht zu begreifen, wie Sie, ein Geschöpf, das an Gott glaubt, das ihn so mächtig, so großmütig, so barmherzig schildert, sich durch ein solches Gefühl, eine so entsetzliche Sucht nach neuer Rache, beherrschen lassen kann!«

»Und habe ich Ihnen denn nicht auch gesagt, daß der Mensch, welcher mir dies Gefühl einflößt, ein Mann ist, der nie zu verzeihen vermochte? Ein Mann, der persönlicher Rache Unschuldige opferte – Unschuldige, welche nichts mit dem Verbrechen zu tun hatten, das er bestrafen wollte! Jetzt muß es so sein; ich darf die Wut, die mich erfaßt hat und die mich grausam machen wird, weder ruhen, noch sie vermindern lassen, denn ich habe die Ueberzeugung, der Erwählte Gottes zu sein, um den Stolz dieses Menschen zu züchtigen, der sich einbildete, erleuchtet und gerecht zu sein, während er doch nur das Spielzeug einer vorherrschenden Leidenschaft seines Lebens war und während seine Macht über die Menschen sich nur auf seinen Reichtum stützte! Ewiger Fluch ihm, ja – rufen Sie mit mir über ihn den ewigen Fluch herab – denn dieser Mensch ist der Graf von Monte Christo!«

Kaum waren diese Worte ausgesprochen, als ein verzweiflungsvoller, herzzerreißender Schrei in dem Saale ertönte.

Albert und Benedetto wendeten rasch den Kopf und blickten nach der Richtung, aus welcher der Schrei ertönt war. Der Schreck machte sie regungslos, als wären sie in Stein verwandelt.

*

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