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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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II. Benedetto.

Als Beauchamp das Haus der Baronin verließ, begab er sich geradeswegs nach seiner Wohnung, welche am Anfange der Rue Coq-Héron lag, und deren Aeußeres das klassische Siegel der alten Aristokratie Pugets trug, eine Art von Gebäuden, welche in Paris von allen Emporkömmlingen älteren oder neueren Datums so gesucht sind, da ihre angeborne Niedrigkeit es liebt, sich hinter dem Walle einer Art von Wappenschild zu verschanzen.

Dieses kleine Gebäude, dessen Portal bis zur Höhe der Fenster des ersten Geschosses verziert war und über dem sich eine ungeheure Blume in Stein gehauen zeigte, von der es schien, als wollte sie auf den ersten besten gemeinen Menschen herabfallen, der es wagte, den Fuß über die Schwelle zu setzen; dieses Gebäude, sagen wir, hatte einen kleinen Hof vor dem Eingange, und dieser war umgeben mit geschwärzten, imposanten Mauern.

Auf diesen Hof gingen die Fenster von dem Arbeitskabinett Beauchamps, deren dunkelfarbige Vorhänge in dichten Falten von oben bis unten herabhingen. Eine kupferne Lampe mit einem Schirm von grüner Seide verbreitete in ihrem nächsten Kreise jenes halb dunkle, halb helle Licht, welches so passend für den ist, welcher während der Nacht schreiben und denken will, und welches eben nur das Papier, auf welches wir unsere Gedanken niederschreiben, auf eine solche Weise bescheint, daß es dem Auge nicht wehe tut.

Beauchamp saß schon einige Zeit nachdenkend an seinem Schreibtische, als er plötzlich aufstand, sich aus der Mitte der ungeheuren Stöße von Akten und Papieren, die zu beiden Seiten seines Armsessels aufgehäuft waren, erhebend. Er ging gerade auf das Fenster zu, hob eine Ecke des Vorhanges empor und richtete einen besorgten Blick auf den Hof hinab, der in diesem Augenblicke nur von dem rötlichen Scheine einer einzelnen Lampe beleuchtet wurde, die von der Decke der Vorhalle herabhing. Als er dann bemerkte, daß jemand sich nach der Seite seines Arbeitskabinetts wendete, ließ er den Vorhang fallen und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch, auf den er die Ellenbogen stützte, während er den Kopf in die eine Hand legte.

Einige Augenblicke darauf öffnete sich die Türe des Kabinetts und zwei Männer traten herein. Der eine war durch seine finstere Physiognomie, seine Kleidung, sein entschiedenes Wesen und seinen herkulischen Bau als ein Polizeiagent bezeichnet; der andere war das lebendige Gegenstück dieses Menschen; jung, mager, bleich, mit zerrissenen Kleidern, und alles an ihm verriet den Angeklagten.

Auf ein Zeichen, welches der Staatsanwalt machte, entfernte sich der Polizeiagent, und man hörte, wie er die Türe hinter sich schloß.

Beauchamp blieb noch einen Augenblick regungslos sitzen und als er glauben durfte, der Polizeiagent habe die Zeit gehabt, über den Hof zu gehen, winkte er dem Angeklagten mit der Hand, sich auf die andere Seite des Tisches ihm gerade gegenüber zu stellen, schlug den Schirm der Lampe zurück und konnte so mit Bequemlichkeit das Gesicht des Verbrechers sehen.

»Euer Name?« sagte er, indem er seine Stimme so tief wie möglich machte, als wollte er sie verstellen.

»Sie richten stets dieselbe Frage an mich, mein Herr, und ich habe Ihnen darauf stets dieselbe Antwort zu geben: »Ich heiße Benedetto!«

»Benedetto!« wiederholte Beauchamp; – dann fuhr er in dem Verhöre fort: »Seid Ihr geneigt, alles das zu wiederholen, was Ihr mir bereits gestanden habt?«

»Was nützte das?« sagte der junge Mann mit einer gewissen Kälte. »Wozu soll ich solche Dinge wieder in das Gedächtnis zurückrufen? Man hat mich ergriffen – hier bin ich – verurteilt mich, und alles ist abgemacht.«

»Seid klug, Benedetto, das Gesetz bedroht Euch mit dem Tode.«

»Sind Sie dessen gewiß, so ist es um so besser! – Dann quälen Sie mich auch nicht weiter.«

»Ich will Euch gleichwohl noch einmal hören. Vielleicht habt Ihr irgend etwas vergessen, dessen Kenntnis, wenn sie durch hinlängliche Beweise unterstützt wird, die Strenge des Gesetzes mildern könnte.«

Und der Beamte lehnte sich tiefer in seinen Armsessel zurück.

»Nun gut, ich willige ein; doch hören Sie genau auf mich, Herr Staatsanwalt, denn ich sage Ihnen im voraus, es ist das letzte Mal, daß ich spreche.«

Es lag in den Worten des Angeklagten eine gewisse Bitterkeit, eine gewisse Verachtung des Lebens, welche auf die abgestumpften Nerven eines alten Richters sicher wenig oder gar keinen Eindruck gemacht haben würde, welche aber das Herz eines noch jungen Mannes ergriff, der, gleich Beauchamp, noch nicht gegen die verschiedenen finstern Geheimnisse abgehärtet war, welche sich zuweilen einem Staatsanwalts offenbaren.

»Ich saß in La Force, und wurde dort, glaube ich, durch einen unbekannten Freund beschützt, denn von Zeit zu Zeit besuchte mich ein gewisser Bertuccio, mit dem ich früher in Verbindung gestanden hatte, und der mir einiges Geld im Namen dieses unbekannten Beschützers gab, um mir bessere Nahrungsmittel kaufen zu können, als die, welche den Bewohnern der Löwengrube geliefert werden. Ich war schon vor dem Tribunal erschienen, hatte hier erklärt, der Sohn des Herrn von Villefort, Ihres Vorgängers, zu sein, und erwartete in Ergebung meinen Urteilsspruch. Aus dem Bagno entsprungen, der Ermordung des Caderousse überführt, was konnte ich da wohl anders erwarten als das Schafott?«

»Wartet einen Augenblick!« unterbrach ihn der Beamte. »Wie habt Ihr erfahren, daß Ihr der Sohn des Herrn von Villefort seid?«

»Dies ist eine Frage, die Sie noch nicht an mich gerichtet haben, mein Herr,« antwortete Benedetto mit dem Lächeln eines Menschen, der mehr begreift, als man von ihm vermutet. »Ich will Sie befriedigen. Ich sprach bereits von dem unbekannten Beschützer und von Bertuccio, welcher der Ueberbringer seiner Almosen war. Dieser Bertuccio nun sagte mir eines Tages, als er meine Zelle in La Force betrat:

»Benedetto, Du bist sehr kompromittiert; es gibt aber nun jemand, der wünscht, Dich zu retten, weil er ein Gelübde abgelegt hat, jedes Jahr einem Menschen das Leben zu erhalten. Dieser Beschützer ist auf ein Mittel verfallen, um Dich wenigstens vor dem Schafott zu bewahren. Höre dieses Mittel: Der Staatsanwalt, der Deine Sache leitet, hat sehr vertraute Verbindungen mit einer Dame gehabt und diese Dame hat ein Kind geboren – den Sohn Villeforts. Ein solches Aergernis durfte nicht an das Licht treten. Das Kind war daher auch kaum geboren, als Herr von Villefort es nahm, eine Schnur um seinen Hals wand, um es zu verhindern, zu weinen und zu schreien, es dann in ein Kästchen legte, mit einem gestickten Taschentuch der armen Mutter umwickelte, welches ihm zum Leichentuch dienen sollte, und endlich eine geheime Treppe hinabstieg, auf welcher er seit längerer Zeit in das Zimmer der Dame gelangte. Er wollte das unschuldige Wesen am Fuße eines alten Baumes im Garten begraben. In eben dem Augenblicke aber, als er in das Freie trat, stieß eine unbekannte Hand ein Messer zweimal in die Brust des Kindesmörders und raubte das Kästchen in der Meinung, es enthielte einen Schatz.

Der Mörder entfloh, und als er in geringer Entfernung sogleich das Kästchen öffnete, fand er das Kind, welches noch Zeichen des Lebens gab: er machte die Schnur von dem Halse los, hauchte dem kleinen Wesen die Luft seines Atems ein, schnitt ein Stück von dem gestickten Leichentuche ab, wickelte das Kind wieder hinein und trug es dann nach dem Findelhause, indem er ausrief: »Mein Gott, ich habe meine Schuld getilgt; ich raubte ein Leben, aber ich erhielt ein anderes!«

»Das ist die Geschichte Deiner Geburt«, fuhr Bertuccio fort, »und wenn Du vor Deinem Richter erscheinst, schleudere ihm sein Verbrechen in das Gesicht, und er wird davon überzeugt sein, Du wirst ihn dann sofort von dem Uebermut zur Demut, von dem Sitz des Richters zur Bank des Angeklagten übergehen sehen, das öffentliche Aergernis, welches Deine Offenbarung hervorruft, wird einen Stein auf die Akten Deiner Anklage wälzen, und Dein Beschützer kann diesen Umstand benutzen, um Dich zu befreien.«

»So tat ich«, fuhr Benedetto fort, »wovon Sie Zeuge sein konnten, am 27. September, dem Jahrestage meiner 1817 erfolgten Geburt, und einen Monat später erfüllte mein Beschützer sein Versprechen; ich war frei!

Frei, mein Herr, aber unter einer Bedingung, nämlich der, beständig meinen Vater zu begleiten, der wahnsinnig geworden war, und der mich ohne Rast und Ruhe suchte, indem er mit einem Spaten grub, wo er nur irgend Erde finden konnte! Ach, ich gestehe es, bei dem Anblick eines solchen Elends wurde ich von Schmerz und Mitleid ergriffen! Staatsanwalt gewesen zu sein, in dem Rufe eines rechtschaffenen und ehrenwerten Mannes gestanden zu haben und dann von der Höhe eines so riesigen und prachtvollen Gebäudes auf die Bank der Angeklagten herabgesunken zu sein! – Zum Glück verhinderte sein Wahnsinn den Prozeß! – und einige Tage später waren er und ich in vollkommener Freiheit. Sein Vermögen wurde konfisziert, und man ließ ihm kaum so viel, daß er die dringendsten Bedürfnisse seiner traurigen Existenz bestreiten konnte.

Allmählich aber kehrte der Verstand meines Vaters zurück, und nach sechs Monaten gemeinschaftlichen Lebens mit mir war er geheilt. Er erkannte und liebte mich, aber seine Stunde war erschienen. Gott schien ihn nur so lange am Leben gelassen zu haben, um ihm die Zeit zu gewähren, mich um Verzeihung zu bitten. – Ich schenkte ihm diese und empfing seinen Segen.

»Mein Sohn«, sagte er zu mir, als sein letzter Tag gekommen war, »ich fühle, daß ich sterben werde und bedauere dabei nur eines – daß ich nicht eine Schuld bezahlen kann – eine Schuld des Blutes und der Verzweiflung – eine Schuld, die ich um den Preis meines ewigen Seelenheils tilgen möchte. – Mein Sohn, ich bin ein Verbrecher gewesen, ich habe gleich allen Menschen die Larve der Heuchelei vorgenommen; aber die Rache, der ich zum Opfer fiel, überstieg alle Grenzen. Sie war entsetzlich! Gattin, Tochter, Sohn, – alle! – Die Hand eines Menschen hat sie mir sämtlich entrissen, ohne Reue, ohne Mitleid, um sich an mir zu rächen! – Benedetto, triff diesen Menschen, schmettere ihn nieder, martere ihn, – daß auch er heiße Tränen vergieße, und wenn seine Verzweiflung den höchsten Grad erreicht, dann sage Du ihm: Ich bin der Sohn Villeforts, ich strafe Dich in seinem Namen; seine Rache trifft Dich zur Vergeltung Deiner entsetzlichen Rache!«

»Ha, mein Vater, wer ist dieser Mann?« rief ich aus, »wo ist er?«

»Wo ist er?« murmelte mein Vater, indem er traurig den Kopf schüttelte, – »ich weiß es nicht.« Dann ergriff er meinen Arm, zog mich zu sich und sagte mit zitternder Stimme und einem Blick, als sei er von Furcht vor der Erscheinung eines Gespenstes erfaßt: »Befrage den Raum, befrage den Himmel, das Meer, die Erde – er wird dort sein, überall wie ein mächtiger Gott oder wie ein höllischer Geist des Verhängnisses. – Hüte Dich wohl davor, seinen starrenden, glühenden Blick nur einen Augenblick auf Dir ruhen zu lassen! – Ach, Du wärst für immer verloren und verflucht!«

»Aber sein Name?« rief ich von Wut erfaßt, denn es schien mir, als hörte ich bereits das Echo dieses fürchterlichen und großen Namens.

»Sein Name?« wiederholte Herr von Villefort mit bittrem Lächeln. »Hat er einen bestimmten, gewissen Namen? Ha, siehst Du, er wechselt den Namen und das Wesen täglich, stündlich, nur durch die Macht seines furchtbaren Willens, Ha, Abbé von Busoni, Lord Wilmore, Graf von Monte Christo –«

»Wie?« rief ich bei diesem Namen erbebend, »der Graf von Monte Christo? –«

»Oder Abbé Busoni oder Lord Wilmore«, fuhr mein Vater fort; »wer weiß, welcher sein rechter Name ist? Indessen suche ihn überall, steige, erhebe Dich, befrage den unendlichen Raum: klettere hinab in den Abgrund, durchsuche die Eingeweide der Erde und die Tiefe des Meeres. – Sein wahrer Name ist Edmund Dantes. Mein Sohn räche mich und stirb, oder sei verflucht!«

»In eben dieser Nacht«, fuhr Benedetto nach kurzer Pause mit großer Ruhe fort, »starb Herr von Villefort, indem er mir das versiegelte Papier übergab, welches Ihre Agenten bei mir gefunden haben, und das ohne Zweifel jetzt in Ihrem Besitz ist.«

»Und aus welchem Grunde habt Ihr dieses Papier nicht gelesen?« fragte der Beamte.

»Weil mein Vater das Versprechen verlangte, es erst zu öffnen, wenn ich bereits weit von Frankreich entfernt wäre. Unglücklicherweise wurde ich ergriffen, ehe ich diese Bedingung erfüllen konnte, indes werde ich nicht sterben, bevor ich den Inhalt erfahren habe, denn wenn ich vor das Tribunal gerufen werde, bestehe ich auf die Vorlage und Mitteilung dieses Aktenstückes.«

Beauchamp erbebte. Seine Blässe würde ihn verraten haben, hätte nicht Schatten sein Gesicht bedeckt.

»Und wohin wolltet Ihr, als Ihr arretiert wurdet?«

»Fort aus Frankreich.«

»In welcher Absicht?«

»Meine Sendung zu erfüllen.«

»Welche?«

»Das Vermächtnis meines Vaters, die Rache!«

Beauchamp stand auf, ging einige Male in dem Kabinett auf und nieder und verhüllte sich das Gesicht mit einem Zipfel seines Mantels. – Einige Augenblicke darauf blieb er stehen und machte die Bewegung eines Menschen, der einen bestimmten Entschluß gefaßt hat.

»Benedetto«, sagte er, »Ihr scheint mehr unglücklich, als strafbar zu sein.«

»Ja, gewiß!« rief Benedetto, »ich stehe unter dem Druck eines furchtbaren Verhängnisses, des Verhängnisses meiner Geburt! Mein Taufwasser waren die heißen Tränen meiner Mutter, die Weihworte meiner Taufe der Fluch meines Vaters! – Der Hölle gewidmet, wenn ich starb; dem Elend, wenn ich dem Tode entrann, und schon damals und immer und immer umherirrend – flüchtig – elend! – Es ist heut die Nacht des 27. September, mein Herr – hören Sie!«

Und Benedetto zählte langsam die Schläge einer Kirchenuhr, welche die Mitternachtsstunde verkündete.

»Dies ist die Stunde meiner Geburt! Stets trifft mich an diesem Tage irgend ein Unglück! – Heut bin ich in Ihrer Gewalt.«

Indem er so sprach, ließ er den Kopf auf die Brust sinken und kreuzte die Arme.

Der Staatsanwalt trocknete sich den Schweiß, der von seiner Stirne rann, und sank nieder auf einen Sessel, als ob er in dem, was er vernommen, den unerklärlichen Willen Gottes erkenne.

*

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