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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 28
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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VII. Eine Nacht auf dem Meere.

Wenn ein Mensch ohne gesellschaftliche Ansprüche sich eine Stellung und einen Namen schafft, die ganz sein eigenes Werk durch ehrenwerte Arbeit und ernste Studien sind, und die ihn mit der Klasse auf gleichen Fuß bringen, zu der er zu gelangen strebte, dann wird man sich nie einfallen lassen, ihm seine Geburt zum Vorwurfe zu machen, um ihn herabzusetzen. Wer würde wohl wünschen, ihn durch Elend oder Intrige wieder in die Dunkelheit versinken zu sehen? Wenn aber der Mensch, der von dem gesellschaftlichen Nichts ausging, sich durch Kabalen erhob, wenn er durch das Verbrechen aus seiner Dunkelheit hervortrat, wer würde dann nicht dem Sturz eines solchen Menschen Beifall zollen, der von dem Gipfel seiner Größe herabfällt, um in dem Staube, aus dem er geboren ist, zu verschwinden?

Weit entfernt jedoch von dieser schönen Theorie sind die Tatsachen, wie sie gewöhnlich in dieser irdischen Welt erscheinen. Die Gesellschaft ist durchaus nicht geneigt, sich danach zu richten oder sie zum Kriterium ihres Urteils zu nehmen! Die Intrige, die Kabale und allzuoft sogar das Verbrechen, sind mindestens ebenso mächtige Hebel, ebenso kräftige Mittel des Emporsteigens wie Wissenschaft, Studium und Tugend! Die einen, das heißt, die Schelme, verfolgen per fas et nefas das Ziel, dem sie zustreben, und wenn sie es erreichen, so setzen sie sich darauf fest und klammern sich an dasselbe mit einer Hartnäckigkeit an, die sie beinahe unentthronbar macht.

Die andern, das heißt, die rechtschaffenen Menschen, empfangen diesen Platz vielmehr als eine Belohnung denn als eine Sache, die ihrem Verdienste gebührt; sie rühmen sich desselben nicht und bleiben so lange darauf, bis irgend ein Neidischer sie davon verstößt.

Von den ersteren sagt man: das sind geschickte Menschen; die letzteren nennt man ungeschickt, wo nicht gar Dummköpfe! O über die menschliche Gerechtigkeit! Wie viele Widersprüche und Abgeschmacktheiten gibt es in beinahe allen ihren Handlungen! Wann wird denn der Mensch endlich zur Regel und zum Führer die Vorschriften des Gewissens nehmen, die sonderbarerweise beinahe nie angewendet werden; die Vorschriften, welche eine göttliche und vollkommene Gerechtigkeit begründen, eben die Gerechtigkeit, welche man die Gottes nennt!

Die Vollkommenheit ist nicht von dieser Welt! sagen die Weisen dieser elenden Erde und, von diesem Gesichtspunkte ausgehend, rechtfertigen oder entschuldigen sie oft Taten der Gewalt, des Blutes oder der Räuberei!

Die Vollkommenheit ist nicht von dieser Welt! Und in seiner Verblendung tritt der Mensch die offenbaren Beweise der göttlichen Gerechtigkeit, welche sich uns durch ihre wunderbaren und unerklärlichen Kombinationen von Tatsachen offenbart, unter die Füße und vernichtet sie, während der Zweck dieser göttlichen Gerechtigkeit nur ist, den Betrüger, den Elenden, der seine Nichtswürdigkeiten unter der Maske der Heuchelei verbirgt, zu erreichen und zu strafen!

Der Baron Danglars empfing einen jener gewaltigen Schläge, welche den Menschen tödlich treffen und ihm die Notwendigkeit auferlegen, einen Rückblick auf seine verbrecherische und nichtswürdige Vergangenheit zu werfen! Indes lag es in der Gewalt keines menschlichen Wesens, diesen Streich von seinem strafbaren Haupte abzuwenden; niemand hatte die Vorbereitungen zu den Lagen geleitet, niemand die Tatsachen berechnet, welche ihn von Stufe zu Stufe sinken ließen, bis er wieder in den Staub zurückfiel! Es lag in dem allen ein höherer Wille als der der Menschen; es war eine göttliche Gerechtigkeit, die ihn verurteilte, indem sie mit Strenge die Handlungen seines Lebens richtete; es war ein allmächtiger Arm, der ihn traf.

Als ein niedriger Mensch hervorgegangen aus dem Nichts, begann er durch Verrat, ging dann zum Raub über und gelangte auf den Gipfel der Größe; er berauschte sich an dem Dunst des Stolzes und vergaß, von welchem Punkt er ausgegangen war! Da wurde er verraten; später fiel er als ein Opfer des Raubes und der Intrige; das heißt, er stieg auf eben den Stufen herab, auf denen er hinaufgestiegen war, und diese Stufen führten ihn wieder zu dem Nichts, aus dem er entsprang.

Das war die Gerechtigkeit Gottes!

Danglars hatte Benedetto begleitet und am nächsten Tage befand er sich an Bord der Jacht, welche von der Mündung der Tiber in der Richtung nach Korsika segelte. Die Bemannung des Schiffes schien Danglars nicht fremd zu sein; der Leutnant war Peppino und dieses Individuum kannte Danglars bereits seit längerer Zeit.

Die Jacht, deren beide lateinische Segel durch den Abendwind gebläht waren, neigte mit Anmut ihre Takelage gegen den weißen Schaum der friedlichen Wellen, die sie durchschnitt, und entfernte sich mit großer Leichtigkeit von den Küsten Italiens. Nachdem die acht Matrosen, welche die Bemannung der Jacht bildeten, die Manöver vollführt, die Kabel gelegt und alles an seinen Platz gebracht hatten, ließen sie das Fahrzeug vor dem Winde treiben, streckten sich nachlässig auf das Deck hin, stopften ihre Pfeifen und begannen zu rauchen.

Peppino stand gegen den Vordermast gelehnt, eingehüllt in seine grobe Jacke, und blickte neugierig auf den Mann am Steuer, der die Augen nicht von der Wetterfahne oder dem Kompaß wendete.

Benedetto stand in seinen Mantel gehüllt neben diesem Manne, als beobachte er dessen Tun und Lassen.

Der Wind wurde stärker, indem die Nacht sich näherte, und die Jacht begann einen schnelleren Lauf.

Als der Mann am Steuer dies bemerkte, wendete er sich zu Benedetto und sagte:

»Sehen Sie, die Nacht wird frisch; wir werden in die Windlinie kommen, und ich glaube, wir sollten bloß mit den Focksegeln fahren, die lateinischen Segel einziehen.«

»Das alles ist für mich griechisch: und was das Griechische betrifft, so hatte ich einen Vorfahren, der vor Verlangen starb, es zu erlernen, Meister Danglars,« erwiderte Benedetto. »Ich will aber jemand rufen, der Ihr Kauderwelsch versteht. – Holla, Rocca Priori, holt einmal den Piloten herbei!«

»Hier!« rief sogleich ein Mann, welcher schnell aus dem Kreis der Matrosen hervorsprang und nach dem Hinterteil ging.

»Meister Danglars spricht davon, die lateinischen Segel einzuziehen,« sagte Benedetto.

Der Pilot lächelte geringschätzig, indem er Danglars einen Seitenblick zuwarf.

»Weshalb denn?« fragte er.

»Wir kommen in die Windlinie und auf diese Weise fahren wir mit dem Focksegel besser,« erwiderte Danglars.

»Das wäre etwas Schönes! Wie es scheint, liebt Ihr es nicht, die Arme der Equipage zu schonen! Weshalb, wenn es Euch gefällig ist, sollen wir denn in die Windlinie kommen?«

»Kennt Ihr denn nicht die Lage der Insel Elba? Seht Ihr denn nicht, daß der Südwest frischer wird?«

Und die Jacht, welche sich mehr und mehr der Windlinie näherte, verminderte dadurch ihre Schnelligkeit, indem sie den Preßwind verlor.

Der Pilot zuckte die Achseln und murmelte einige Worte, von denen Benedetto nur die folgenden verstehen konnte: »Ich begreife diese Art zu steuern nicht – und ich mache auch keinen Anspruch darauf, etwas davon zu verstehen. Mir scheint es, als hätte der Kamerad Furcht davor, mit dem Seitenwind zu segeln.«

»Holla! Auf Eure Posten, Jungens!« sagte nun Benedetto entschlossen; »Meister Danglars wird das Manöver leiten.«

Hierauf näherte er sich Danglars und fügte hinzu:

»Achten Sie wohl auf das, was Sie tun! Bedenken Sie, daß Sie in dem Augenblick, wo Sie Ihre Unfähigkeit an Bord beweisen, den Fischen zur Nahrung vorgeworfen werden! Ich sagte Ihnen bereits, daß mir nichts daran liegt, übermäßig schnell die Insel Monte Christo zu erreichen.«

»Beruhigen Sie sich,« erwiderte Danglars vollkommen gelassen: »ich kenne das Mittelländische Meer sehr genau, und obgleich ich die Lage der Insel nicht weiß, werden wir dennoch dahin gelangen.«

Die Mannschaft war auf ihrem Posten.

Alle verrichteten, was ihres Amtes war. Danglars beobachtete den Kompaß, drückte auf das Steuer, und als die Jacht in die Windlinie einzutreten begann, gebot er mit lauter und deutlicher Stimme: »Die Geitaue eingeholt! Die großen Focksegel angezogen!«

Darauf: »Das Sturmsegel los!«

Die Jacht hob sich sogleich auf den Gewässern empor, die Leinwand blähte sich, während das große Segel und die lateinischen Vordersegel zu flattern begannen.

Rasch folgte nun Befehl auf Befehl hintereinander, und als alle pünktlich ausgeführt wurden und die Wirkung befriedigend erschien, warf Danglars einen prüfenden Blick auf Benedetto, welcher ebenfalls zufrieden zu sein schien.

Der Pilot ging mit großen Schritten auf und nieder und sah mit finsteren Blicken nach dem Platz, wo Meister Danglars stand.

Das Schiff, welches nun leicht dahinflog, beschäftigte die Aufmerksamkeit Benedettos nicht mehr, der einen tiefen Seufzer ausstieß und begierig die freie Luft einsog. Die Matrosen, welche aus dem Vorderteil beisammen standen, stimmten einen langsamen, monotonen Gesang an, welcher als Refrain für die Verse diente, die Peppino sang, der mitten unter ihnen stand. Der Klang dieser Stimmen schien einen unangenehmen Eindruck auf Benedetto zu machen. Er fühlte das Bedürfnis, allein zu sein, und rings um sich her kaum etwas anderes zu hören, als das Pfeifen des Windes, der durch die Takelage des Schiffes strich, und das Murmeln der Wellen, welche der Kiel durchschnitt. Nach einem unruhigen Leben, einer schwierigen Unternehmung entgegengehend, die Verzweiflung, vielleicht auch die Reue, sowie einen furchtbaren Durst nach Rache in der Seele, den Blick gerichtet auf einen endlosen Raum, wollte er sich sammeln und über die Gerechtigkeit und Ursache der Unternehmung nachdenken, die ihn einem Werke der Martern, der Tränen und des Blutes entgegentrieb!

Er rief Peppino zu sich und befahl ihm, die Matrosen fortzuschicken, ohne sie zur Wache zu kommandieren, da er selbst während des ersten Teiles der Nacht über die Jacht wachen wollte.

»Also wollen Sie den Kenntnissen des Meisters Danglars vertrauen? Sie rechnen auf seine Fähigkeiten?« fragte Peppino.

»Und weshalb nicht?« erwiderte Benedetto. »Ich bin nicht ganz fremd mit dem Geschäft und kann Dir die Versicherung geben, daß, wenn der Wind nicht umsetzt, wir unsere sechs guten Knoten in der Stunde zurücklegen, und daß wir dann morgen mit Sonnenaufgang sehr nahe daran sind, die Insel Elba zu umsegeln. – Geh jetzt, Peppino,« sagte Benedetto.

Peppino gehorchte, und einige Augenblicke darauf hatten alle sich entfernt.

Nur zwei Personen blieben auf dem Deck: Benedetto und Danglars.

Beide schienen sich tiefem Nachsinnen zu überlassen. Der erstere stand, die Arme über die Brust gekreuzt, den Kopf entblößt, die Augen fest auf das Meer gerichtet, welches seine Wogen rings um ihn her rollte, funkelnd unter dem finstern Mantel der Nacht; der zweite, den rechten Arm auf den Griff des Steuerruders gestützt und die linke Hand in die Brust gesteckt, zeigte in seiner Physiognomie jenen ergreifenden Ausdruck, welcher alle Handlungen seines Lebens vor dem innern Auge vorbeigleiten zu lassen scheint; der eine dachte an die Zukunft, der andere an die Vergangenheit.

Benedetto schritt langsam auf Danglars zu und nachdem er einen prüfenden Blick auf ihn gerichtet hatte, klopfte er ihm leise auf die Schulter.

»Es gibt nichts Neues!« sagte hastig Meister Danglars, indem er erbebte und schnell einen Blick auf die Magnetnadel warf. »Die Jacht segelt in dem Strich eines guten Windes.«

»Wir waren in diesem Augenblicke beide weit von der Jacht entfernt,« sagte Benedetto, ohne ihn aussprechen zu lassen.

»Ich gebe Ihnen die Versicherung –«

»Genug!« unterbrach ihn Benedetto abermals. »Was kümmern Sie und mich die Jacht und das Meer in diesem Augenblick der Einsamkeit, des Schweigens und der Finsternis? – Ich – ich dachte über das nach, was kommen soll; und Sie – ohne Zweifel überblickten Sie Ihr vergangenes Leben. – Das ist so in der Ordnung. Einer von uns muß sich mit Leib und Seele der Verfolgung eines Menschen überlassen, an dem er Rache zu üben einem sterbenden Vater geschworen hat! – Der andere muß zu erforschen suchen, welche unter allen Handlungen seines vergangenen Lebens die ist, die ihm die fürchterliche Strafe des Verhängnisses zuzog, unter der er seit einiger Zeit leidet! – Sprechen Sie, mein Herr, sprechen Sie! Ich muß irgend jemand sprechen hören, der Verbrechen begangen hat! Ich will das Verbrechen aus den verschiedensten Gesichtspunkten studieren – ich will die Arten, aus welche ein Mensch in dieser Welt leiden kann, auswendig lernen! – Sprechen Sie! – Denn ich will, ich muß die teuersten Neigungen des Menschen, eine nach der andern, ersticken: ich habe Leiden und Martern zu erfinden, um dem Herzen die schmerzlichsten Seufzer zu entreißen! – Wehe mir, wenn ich mein Ziel verfehle; wenn der Streich nicht trifft, wenn mein Arm entwaffnet niedersinkt, wenn mein Verstand mich im Stiche läßt! – O mein Vater, Du würdest sonst nicht gerächt sein!«

Danglars betrachtete Benedetto voll Entsetzen; nie hatte er aus dem Mund irgend eines Menschen eine solche Sprache vernommen; nie hatte er die Stimme von dem Schluchzen so bitterer Klagen unterbrochen gehört.

Es entstand ein Augenblick des Schweigens, währenddessen Benedetto seinen Tränen freien Lauf ließ, indem er mit großen Schritten und unter der heftigsten Aufregung umherging, bis er wieder neben Danglars stehen blieb.

»Mein Herr,« sagte er, »der Graf von Monte Christo, dieser Edmund Dantès – antworten Sie mir: Wer war er? Wo kam er so plötzlich her, mächtig – rächend – ohne Barmherzigkeit?«

Danglars erbebte.

»Darf ich Ihnen ein Geheimnis offenbaren, welches nur zwischen ihm und Gott besteht?«

»Und weshalb sagen Sie nicht: Zwischen ihm und der Hölle?« rief Benedetto.

»Weil ich anfange, an ein erhabenes Prinzip zu glauben, aus welchem die wahre Gerechtigkeit entspringt!«

»So glauben Sie also, daß Edmund Dantès durch dieses erhabene Prinzip, von welchem Sie sprechen, begeistert war?« fragte Benedetto mit einem kaum bemerkbaren Lächeln der Geringschätzung und der Gottlosigkeit.

»Ich glaube es!« murmelte Danglars.

»Sie?«

»Ja, ja! Und Sie werden meinen Glauben teilen, wenn Sie mich anhören wollen.«

»Sprechen Sie.«

Danglars sammelte sich einen Augenblick und begann dann also:

»Von 1814 bis 1815 gab es in Marseille eine kleine Brigg, welche dem Hause Morel und Sohn gehörte; ich bekleidete auf diesem Fahrzeuge die Stelle als Superkargo. Im Monat Februar 1815 starb der Kapitän der Brigg auf der Höhe von Porto Ferrajo und am 25. eben diesen Monats lief das Fahrzeug in den Hafen von Marseille ein, geführt von einem jungen Seemann, auf den der Kapitän sein ganzes Vertrauen gesetzt hatte. Sie können sich wohl denken, daß die Stelle, welche durch den Tod des Kapitäns erledigt war, das Verlangen in mehr als einem Herzen erweckte. Mein Ehrgeiz entzündete sich, und ich begann daran zu arbeiten, den Posten des Kapitäns zu erhalten. Meine Anciennetät an Bord, meine Erfahrung als Seemann, alles mußte zu meinen Gunsten sprechen; gleichwohl wollte der Zufall, daß jener junge Seemann mir vorgezogen wurde! – Ich schwur nun, ihn zu verderben. Dieser junge Seemann war Edmund Dantès! – Er war leidenschaftlich verliebt in ein junges katalanisches Mädchen und erweckte durch den Vorzug, welchen sie ihm gewährte, die Eifersucht eines ihrer Landsleute, eine wütende, zügellose Eifersucht! Da ich den Charakter des Kataloniers kannte, und berechnete, bis zu welchem Punkte sich die Flamme treiben ließ, welche ihm das Herz verzehrte, suchte ich das Feuer so zu schüren, daß es für Edmund Dantès verderblich werden mußte.«

»Und wie gelang Ihnen dies?« fragte Benedetto mit dumpfer Stimme, und dem finstern Wesen eines Menschen, der die Handlungen nach den Worten abwägt, welche er hört.

»Indem ich einen Umstand unserer letzten Fahrt benutzte. Ich schrieb gegen Edmund Dantès eine Anklage, in der ich sagte, daß er während der Rückkehr nach Marseille die Insel Elba berührt hätte, wo der Kapitän landete, und ich übergab diese Denunziation der Behörde, indem ich sie mit verschiedenen Nebenumständen begleitete, wodurch Edmund Dantès in den Verdacht kommen mußte, ein Agent Bonapartes zu sein. Er wurde demzufolge als Bonapartist verhaftet, und zwar in eben dem Augenblick, als er sich zu Tisch setzte, um seine Hochzeit mit der schönen Katalonierin zu feiern.«

»Von diesem Tage an verschwand aus der Welt der Mann, dem ich grollte; aber bemerken Sie das wohl, mein Herr, nie – nie konnte ich den Posten als Kapitän der Brigg erlangen.

»Fünfzehn Jahre verflossen, und nach Verlauf dieser Zeit war die Katalonierin, die sich mit dem Nebenbuhler Edmunds verheiratet hatte, Gräfin von Morcerf geworden, während ich die Witwe des Herrn von Nargone geheiratet, meinen Titel als Baron Danglars erlangt hatte und meine schönen guten Millionen besaß!

»Aber da erschien plötzlich eines Tages, man weiß nicht woher, vielleicht aus dem Schoße der Erde, vielleicht aus dem Abgrund des Meeres, ein unendlich reicher und mächtiger Mensch! Dieser Mensch – war der Graf Von Monte Christo. Seit jenem Augenblick begann das Verhängnis uns zu verfolgen! Was mich betrifft, so wurde ich durch den unbegrenzten Kredit, der ihm auf mein Haus gewährt worden war, kompromittiert, und ich mußte aus Paris entfliehen, um den Rest meines Vermögens zu retten. Die Gräfin Morcerf, jene Frau, welche einst seine Geliebte und seine Braut gewesen war, sah durch die mächtige Hand des Unglücks das Gebäude ihres Glückes von oberst zu unterst niedergeschmettert! Armut! Schmerz, Elend erreichten sie!«

»Warten Sie!« sagte plötzlich Benedetto. »Aus welchem Grunde konnte Edmund Dantès die Frau, die er einst geliebt hatte, dem Elend und den Leiden überliefern wollen? Welches war das Verbrechen dieser Frau, um die furchtbare Züchtigung zu verdienen, die der Mann, der sich von Gott begeistert ausgab, auf ihr Haupt schleuderte? Sollte Edmund Dantès vielleicht zufällig das Verlangen gestellt haben, diese Frau müßte den Gelübden, von denen seine verlängerte Abwesenheit sie freisprach, ewig treu bleiben? Sollte er verlangt haben, daß eine fortwährende Witwenschaft einer armen Frau zuteil würde, welche ihm noch nicht so angehört hatte, wie eine Frau ihrem Mann angehören muß? Ha! das war Dein erstes Vergehen, Edmund Dantès – das war eine deutliche, augenscheinliche Täuschung Deiner selbst.«

»Aber Sie vergessen wohl,« bemerkte Danglars, »daß Edmund Dantès sich an dem Grafen von Morcerf zu rächen hatte.«

»Und dieser Mensch, der sich allen andern Menschen überlegen wähnte, dieser Mensch, der sich für so gerecht ausgab, wie ein Gott, hat er denn nicht begriffen, daß die Barmherzigkeit das schönste Attribut der christlichen Gottheit ist?« erwiderte Benedetto. »Sehen Sie, wie er verständig und gerecht war! – Er opferte einer entsetzlichen Rache die arme Frau, die ihn geliebt hatte, die vielleicht ihr Leben für ihn hingegeben haben würde! – Unsinniger, mitten in Deinem vorgeblichen Ruhme! – Elender, auf dem Gipfel Deiner geträumten Größe! – Heuchler, in dem, was Du die Erfüllung des göttlichen Wortes nanntest!«

»Nein! – Nein!« murmelte Danglars zitternd und aufgeregt; »ein Gott hatte ihn mächtig gemacht, um das Verbrechen zu züchtigen – ich glaube an dieses Mysterium.«

»Nun wohl! Ich – ich leugne Eure Götter, welche sie auch sein mögen, wenn die Handlungen ihrer Gerechtigkeit so sind, wie die, welche Edmund Dantès uns zeigte!« rief Benedetto, indem er mit geballten Fäusten gegen den Himmel hinauf drohte.

Danglars zog ihn heftig mit dem linken Arm zurück.

»Was?« rief er. »In dem Augenblick, wo wir über dem Abgrund schweben, der Laune der Winde und der Wogen preisgegeben, schleudern Sie so die einzige Hoffnung des Seemanns von sich? – Sie sind ein Wahnsinniger! Prüfen Sie die Tatsachen und erkennen Sie in Ihrer Verblendung, daß es in der Tat einen mächtigen Gott über uns allen gibt! Ich, der ich Millionär war, und der ich tausendmal glaubte, mich für immer aus der Dunkelheit erhoben zu haben, in der ich geboren wurde, ich sah meine Millionen verschwinden wie einen Staubwirbel vor dem Hauche des Windes und bin jetzt wieder in eben der Lage, in welcher ich mich befand, als ich auf das erste Verbrechen sann, das mich auf den Pfad des Bösen führte! – Ach ja wohl, es gibt einen allmächtigen Gott, – ich glaube an ihn – ich glaube an ihn aus dem tiefsten Grunde meiner Seele.«

»Es mag sein,« sagte Benedetto nach einem Augenblick religiösen Schweigens. »Ich will auch an Gott glauben! Ja, es gibt einen gerechten und allmächtigen Gott! Er ist es ja, der mich sendet, um den Menschen zu strafen, der über seine unendliche Barmherzigkeit spottete, indem er sie auf Erden allen versagte! – Ich fühle das Bedürfnis, an diesen mächtigen Gott zu glauben, denn ich empfinde in mir selbst weder Kraft nach Macht! – Ich bin klein und elend in der Mitte des endlosen Raumes, der uns hier umgibt. Ich fühle das Bedürfnis, an Gott zu glauben, denn ich empfinde in mir ein Prinzip, welches über die irdische Materie erhaben ist, und welches demzufolge die Erde nie verwischen kann! – O Gott – Gott! wenn meine Gesinnungen in diesem Augenblick verbrecherisch sind – wenn die Rache, welche ich geschworen habe, nicht ganz gerecht ist – dann versenke Du mich in den Abgrund, der jetzt unter meinen Füßen ruht.«

Und zum ersten Male in seinem Leben sank Benedetto nieder auf die Knie und erhob Augen und Hände gegen den Himmel.

In diesem Augenblick begann eine völlige Windstille sich zu zeigen. Die Oberfläche des Meeres verwandelte sich in einen endlosen Spiegel, und noch bevor Benedetto Zeit gehabt hatte, die Bemannung herbeizurufen, bevor Danglars das nötige Manöver befehlen konnte, erschien ein rotes Band mit unglaublicher Schnelligkeit am Firmament, und es folgte ihm ein entsetzliches Grollen, welches eines jener plötzlichen Gewitter verkündete, die auf dem Mittelländischen Meere nicht selten sind.

Nach allen vier Himmelsrichtungen zerriß der Himmel, um die fürchterlichen Strahlen zu schleudern, die sich rings um die kleine regungslos daliegende Jacht her in die Gewässer stürzten. Die Donnerschläge folgten in kleinen Unterbrechungen, und bald schien das ganze Firmament nur noch einziger gewaltiger Brand zu sein!

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