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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 25
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
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IV. Die Entführung.

Ohne daß Eugenie Luise ein Wort über den Gast des Barons gesagt hatte, erkannte die letztere in demselben sogleich den Mann wieder, der ihrer Freundin das von derselben bereits gestandene Gefühl eingeflößt hatte. Luise lächelte ihrer Gefährtin zärtlich zu, als dieselbe im Laufe des Tages sie innig an ihr aufgeregtes Herz drückte oder ihre brennende Stirn an dem Busen ihrer Freundin barg. In diesem süßen Lächeln des Mädchens gegen das Mädchen, in den befreundeten Blicken, die sie miteinander wechselten, lag mehr Ausdruck, mehr Wahrheit, als in alledem, was sie hätten sagen können.

Vampa blieb beständig finster und traurig; auf seiner verbrecherischen Stirn war der Stempel der rohen Gefühle sichtbar, die ihn beherrschten. Sein unlauterer Blick drang begierig in alle Schätze, welche der klopfende Busen Eugenies ihm enthüllte, und fachte das gewaltige Feuer an, von dem er bereits verzehrt wurde. Eugenie fühlte in sich diese verhängnisvolle Herrschaft! Ihm zu widerstehen, war unmöglich; die Verwirrung zu verbergen, die er ihr einflößte, ging bereits über ihre Kräfte. Der Raubvogel hatte sein Opfer durch seinen Blick bezaubert. Vampa erkannte mit Stolz und Triumph die ganze Macht, die er über das Gefühl Eugenies ausübte.

»O, sie liebt mich! Sie liebt mich!« rief er wie außer sich, indem er allein in dem Garten umherging; »sie kann es schon nicht mehr verbergen! Ihre weibliche Eitelkeit, ihr Künstlerstolz, der Stolz einer Künstlerin ersten Ranges – alles beugt sich unter der Gewalt des Blickes, mit dem ich sie bezaubere, mit dem ich sie verschlinge!«

Vampa kreuzte die Arme über seiner keuchenden Brust, und lange, lange ging er einsam umher. Seine gerunzelte und finstere Stirn schien auf das Verbrechen zu sinnen; sein unruhiger, wild umherschweifender Blick verriet das wilde Tier, ganz der rohen Begier hingegeben, von der es verzehrt wurde.

Während dieser Zeit besichtigte der Baron Danglars in Gesellschaft der beiden Sängerinnen das Zimmer mit den Tapisserien, dessen Tür offen stand und einen Blick in den Garten mit seinen Bildsäulen und seinen Wasserkünsten gewährte. Die Sonne brannte auf das Laubwerk nieder, welches durch den Herbst bereits dürr zu werden anfing, und ihre matten, beinahe horizontalen Strahlen, welche über Asien und das mittelländische Meer herkamen, schienen hier Rom bis zum nächsten Tage ein melancholisches Lebewohl zuzuflüstern.

Eugenie hatte soeben ihrem Vater gesagt, daß sie das Vergnügen haben würde, die Nacht in seinem Hause zuzubringen und daß sie beabsichtigte, erst am nächsten Tage um drei Uhr nachmittags wieder fortzufahren. Indem Danglars sah, daß die Prophezeiung Benedettos sich erfüllte, begann er ernst über die Komödie nachzudenken, deren Lösung er noch keineswegs gefunden hatte, wie er am Abend zuvor vermutete. Seit dem Mittagessen sah er den Banditen nicht wieder, und seine Abwesenheit beunruhigte ihn; seine Besorgnis wurde bald so groß, daß er beschloß, sich nach ihm umzusehen, indem er das Haus, sowie dessen Umgebungen und den Garten durcheilte. Der Baron bat daher um die Erlaubnis, sich einen Augenblick entfernen zu dürfen, indem er vorschützte, einige notwendige Befehle erteilen zu müssen, um das Gemach in stand setzen zu lassen, in welchem Eugenie und Luise die Nacht zubringen sollten. Er verließ das Zimmer, und geleitet durch eine unbestimmte Furcht, beinahe durch einen natürlichen Instinkt, eilte er nach seiner Stube hinauf, um die Fächer seines Schreibtisches zu untersuchen.

Eugenie, welche sich nun mit Luise allein sah, gab dieser den Arm und ging mit ihr in den Garten hinab, in dessen Gänge sie sich vertieften.

Ein Gedanke, ebenso unbestimmt wie die Furcht des Barons, leitete Eugenie durch die einsamen und finsteren Gänge. Die trockenen Blätter, welche den Boden bedeckten, raschelten unter ihren Füßen, während andere, welche der Abendwind von den Bäumen schüttelte, auf ihre Stirn fielen, als wollten sie ihr eine geheimnisvolle Warnung zuflüstern.

Tränen zitterten unwillkürlich in den Wimpern Eugenies und trockneten an dem Feuer, welches ihre Wangen bedeckte. Luise wagte es nicht, ihre Freundin aus der schmachtenden Träumerei zu reißen, in welche sie mit solchem Entzücken versunken zu sein schien; sie ging schweigend neben ihr her, und kaum antwortete sie ihr durch ein sanftes Lächeln, so oft Eugenie ihr einen zärtlichen und bittenden Blick zuwendete.

Plötzlich erbebte Luise, als sie um die Ecke einer Allee bogen. Sie hatte in einer geringen Entfernung das trübe Gesicht Vampas bemerkt; sein glühender Blick funkelte durch das Abenddunkel, welches diesen Teil des Gartens einzuhüllen begann.

Auch Eugenie hatte ihn bemerkt.

Es entstand ein Augenblick des Schweigens und der Unentschlossenheit.

Zurückweichen hätte geheißen, ihre Niederlage einem Manne zu gestehen, dessen Wesen und Name den vollendeten Kavalier verrieten. Luise setzte daher ihren Weg an der Seite Eugenies fort, und Vampa trat ihnen entgegen, um sie anzureden.

»Man atmet in diesem Garten eine köstliche Luft ein,« sagte er. »Ich glaube, daß es kein schlechter Gedanke von mir war, hier zu lustwandeln, da ich sehe, daß Sie ebenfalls diese Frische aufzusuchen scheinen.«

»Es ist wahr, mein Herr,« entgegnete Luise. »Indes wird der Abend immer kühler und die anbrechende Herbstnacht ladet viel mehr zu der gemäßigten Atmosphäre eines Salons ein, als zu der freien Luft eines Gartens.«

Eugenie richtete einen bittenden Blick auf ihre Freundin.

»Ich werde das Vergnügen haben, Sie zu begleiten,« sagte Vampa.

Eugenie würde die frische, belebende Luft des Gartens der milderen Temperatur des Salons mit Freuden vorgezogen haben, aber sie besaß nicht die Kraft, ein einziges Wort hervorzubringen und ließ sich durch ihre Freundin fortführen.

Vampa ging neben ihnen her.

Als sie zu dem Fuße der Treppe kamen, ließ er Luise hinaufgehen, und als Eugenie derselben langsam folgen wollte, sagte er mit zitternder Stimme, die aber aus dem Herzen zu kommen schien: »Gestatten Sie mir, mein Fräulein, Ihnen Lebewohl zu sagen.«

Eugenie blieb stehen und wendete sich zu ihm um.

»Sie wollen uns verlassen?« fragte sie.

»Ja – und vielleicht für immer.«

»Was sagen Sie?«

»Italien tötet mich.«

»Was wollen Sie denn außerhalb Italiens suchen?«

»Wenn es möglich ist, die Kraft, ein heftiges, tiefes, ausschließliches Gefühl, von dem beherrscht ich bin, zu vergessen. In Italien, das fühle ich, wird dies mir ganz unmöglich sein.«

»Und welchen Grund können Sie haben, dieses Gefühl vergessen zu wollen?«

»Ach!« sagte Vampa mit bitterem Lächeln, »wenn man so leidet und liebt wie ich, Signora, dann gibt es nur zwei Extreme auf der ganzen Stufenleiter unserer Gefühle! – Entweder die Erwiderung dieser Liebe – oder ein gänzliches Vergessen!«

»Sie glauben also, daß Sie nur an das gänzliche Vergessen denken dürfen?«

»Sie fragen mich das, Signora?«

»Gäbe es vielleicht jemand, der imstande wäre, eine Aenderung Ihres Entschlusses herbeizuführen?«

»Allerdings, Signora, und dazu würde sogar ein einziges, einfaches Wort genügen.«

»Diese Person müßte sehr glücklich sein!« flüsterte Eugenie.

»Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß niemand außer Gott und mir imstande wäre, das Glück zu würdigen, welches ich in dem Augenblick empfände, in dem ich das einzige Wort hörte, das kräftig und bestimmt genug wäre, um die Macht zu haben, meinen verzweifelten Entschluß zu ändern! – Ach, denken Sie sich einen Mann, der, nachdem er die Bitterkeit des Todes unter tausend Qualen durchschritten hat, wenn der Tod keine gänzliche Vernichtung der Seele und des Körpers wäre, wieder zu einem Leben unendlicher Qualen zurückkehren könnte! – Welches Gefühl würde er wohl empfinden? – Sagen Sie, könnte irgend jemand das fassen?«

»Mein Herr,« erwiderte Eugenie schüchtern, »hüten Sie sich davor, die Grenzen des Wahrscheinlichen zu überschreiten. – An eine so innige Liebe, wie die Menschen sie empfinden können, glaubt man ohne Schwierigkeit auf ein einziges Wort; aber die Liebe, wie sie in den Idealen einer poetischen und überspannten Einbildungskraft ausgesprochen wird – wer könnte einer solchen wohl Glauben schenken?«

»Sie haben recht, Signora,« erwiderte Vampa, »niemand würde derselben glauben – es ist eine Torheit, sie dem Gelächter der Welt preiszugeben! – Sie handeln in der Tat wie alle Welt – Sie lachen auch über die Gefühle, welche ich so feig war, Ihnen zu gestehen!«

»Und wie können Sie denn verlangen, daß ich daran glauben soll? Welche Beweise haben Sie mir davon gegeben?«

»Sie verlangen vielleicht ein Jahr jener berechneten und künstlichen Prüfungen, denen die wahre Leidenschaft beinahe immer fremd ist? Nein, so soll es mit mir nicht sein – ich gehe –«

Vampa tat einen Schritt, um sich zu entfernen.

Eugenie folgte ihm.

»Bleiben Sie!« sagte sie unwillkürlich.

»Was verlangen Sie von mir?« fragte Vampa mit finsterem Wesen.

»Ach – Verzeihung! Wahrlich – was könnte Sie bei der zurückhalten, die Ihnen gleichgültig ist?«

»Signora!« rief Vampa, »bezweifeln Sie nicht so das Gefühl, welches ich Ihnen gestand, denn das hieße das vollkommenste Werk der Schöpfung verspotten! – Ich liebe Sie! – Ich beschränke mein ganzes Verlangen auf den Besitz dieser schönen Hand – dieser Hand, von der die Seligkeit oder das Elend abhängen, die mir bestimmt sind.«

Vampa drückte einen glühenden Kuß auf die Hand Eugenies.

Eugenie machte eine Anstrengung, ihm die Hand zu entziehen.

»Unsinniger, der ich bin!« fuhr er fort. »Ihr stolzer, erhabener Geist kann nicht durch das Geständnis einer innigen Liebe besiegt werden, die in Ihren Augen weiter nichts ist, als eine einfache Laune! – Ach, leben Sie wohl! Eugenie – für immer – leben Sie wohl! Wenigstens habe ich Sie doch gesehen – wenigstens habe ich einen Tag dieselbe Luft mit Ihnen geatmet – einen Tag – einen einzigen, bin ich glücklich gewesen! – Möge jetzt das Unglück über mich kommen!«

Vampa ließ plötzlich ihre Hand los und tat einige Schritte in der Richtung zu dem Gittertor des Gartens.

Eugenie, welche abermals einer Art geheimnisvollen Impulses folgte, ging ihm nach.

»Nein,« sagte sie, »so dürfen Sie nicht scheiden. – Sie dürfen nicht gehen, ohne daß ich den Tag erfahre, an dem Sie zurückkehren wollen?«

»Wieviel Illusionen haben mich heute berauscht!« fuhr Vampa fort, indem er stehen blieb, und aufs neue ihre Hand ergriff, die ihm Eugenie widerstandslos überließ.

»Ach, wie viele Illusionen hatte ich heute! – Illusionen! – Illusionen! – Ach, was gelten diese jetzt, wo das Unglück mich trifft! – Eugenie! Eugenie! Denken Sie einst an den Mann, der Sie geliebt hat, wie man nur ein einziges Mal in seinem Leben liebt!«

Vampa öffnete rasch das Gittertor und tat zwei Schritte zum Garten hinaus.

Eugenie ließ seine Hand nicht las und stand zitternd, schweratmend und durch ein allgewaltiges Gefühl ergriffen, an seiner Seite. Dieses Gefühl wuchs schnell, brachte ihr Blut zum Sieden und erregte in ihr Fieber und Wahnsinn!

Vampa blickte umher, wie jemand, der daran gewöhnt ist, die Dunkelheit zu durchschauen, und gewahrte in geringer Entfernung unbestimmte Umrisse, in denen er seinen Wagen erkannte.

»Nun wohl, Signora,« sagte er, »wie Sie sehen, sind wir schon außerhalb des Gartens. Kehren Sie zurück und dieses Tor wird uns für immer trennen! Morgen schon erinnern Sie sich meiner vielleicht nicht mehr! Kehren Sie zurück!«

»Ach!« seufzte Eugenie, »ich liebe Sie – ich liebe Sie – verlassen Sie mich nicht!«

»Nein!« sagte Vampa, indem er ihre Taille mit kräftigem Arme umschlang, und, sie tragend, dem Wagen zulief.

Eugenie stieß einen gellenden Schrei aus, in welchem sich auf eine ihr selbst unbegreifliche Weise Entsetzen, Ueberraschung und Freude mischten.

Während dieser Auftritt stattfand, hatte der Baron Danglars die verschiedenen Fächer seines Sekretärs durchsucht, und nachdem er sich überzeugt, daß alle Schlösser in gutem Zustande waren, kehrte er in den Salon zurück, wo der Bediente indessen die Lichter angezündet hatte. Als er Luise d'Armilly allein sah, fragte er nach Eugenie.

»Eugenie,« sagte diese, »lustwandelte soeben noch an dem Fuße der Vorhalle. Indessen bricht die Nacht an, und ich will sie daher bitten, ihren Spaziergang aufzugeben.«

»Ich begleite Sie, Fräulein d'Armilly,« sagte der Baron.

Luise, welche durch dieses Anerbieten beunruhigt wurde, ging rasch die kleine Treppe hinab, wo sie Eugenie zu finden glaubte, während sie die verliebten Reden des vorgeblichen Prinzen Spada anhörte, aber sie blieb von Staunen ergriffen stehen, als sie weder den einen noch die andere sah.

»Wo ist denn Eugenie?« fragte sehr besorgt der Baron, indem er ebenfalls die Stufen herabkam.

»Vielleicht ist sie in der Allee, welche zu dem Teiche führt.«

»Eugenie! Eugenie!« rief der Baron. »Es antwortet niemand,« sagte er dann. »Lassen Sie uns weiter gehen!«

Luise und Danglars schlugen die Allee ein, welche der Treppe gegenüber lag; sie hatten beinahe die Türe des Gartens erreicht, als der gellende Schrei Eugenies ihr Ohr traf.

»Mein Gott, was ist denn das?« rief Luise, indem sie dem Gittertore zulief.

Der Baron blieb regungslos, wie versteinert, stehen.

»Mein Gott! Mein Gott! Kommen Sie doch, Herr von Danglars – kommen Sie! – Es ist gewiß irgend ein Unglück geschehen – ich habe deutlich die Stimme meiner Freundin erkannt!«

Der Baron, der seiner Lethargie durch die Bitten Luises entzogen wurde, öffnete das Gitter und tat einen Schritt hinaus. Aber er blieb plötzlich stehen, um nicht durch einen Wagen zerschmettert zu werden, der, von zwei kräftigen Pferden gezogen, im Galopp vorüberflog.

»Ach, Herr Baron,« sagte Luise außer sich vor Furcht und indem sie sich ihm näherte. »Eugenie kommt nicht – und dieser Wagen! – Ach mein Gott, erbarme Dich unser!«

»Fräulein d'Armilly,« sagte der Baron, »gestehen Sie mir offen, was hier vorgeht!«

»Ich?«

»Ja, Sie! Eugenie war in dem Garten – sie war nicht bloß in der Absicht dort, um frische Abendluft zu genießen.«

»Was sagen Sie?«

»Ich sage – ich frage Sie, ob Eugenie allein war?«

»Mein Gott, ich habe sie in Gesellschaft des Prinzen Spada verlassen.«

»Das nichtswürdige Ungeheuer!« rief der Baron.

»Jesus!« sagte Luise wie vernichtet, und indem sie sich auf den Arm des Barons stützte.

»Fräulein d'Armilly,« sagte dieser, »vor einigen Tagen hat hier bei mir eine entsetzliche Komödie begonnen! Die Entwicklung erfolgt soeben. Ich habe das erkannt!«

»Welche Entwicklung?«

»Eine Entführung, eine Entführung!«

»Meine teure Eugenie!« rief Luise und sank auf die Knie.

Der Baron kreuzte die Arme über der Brust und blickte mit einer Aufregung, in welche sich Wut und Entsetzen mischten, die Straße entlang, auf der man noch das schnelle Rollen von dem Wagen des römischen Banditen hörte. Er schlug sich heftig vor die Stirn und murmelte: »Ach, hätte ich das vermuten können!«

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