Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Dumas-Le Prince >

Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/dumas-le/totenhan/totenhan.xml
typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121227
projectideb7b626a
Schließen

Navigation:

XX. Die Via Appia.

Mit einer teuflischen und sinnreichen Erfindung erklärte Benedetto dem Baron Danglars das Benehmen der Baronin auf eine solche Weise, daß der Baron blindlings an alles glaubte, was er ihm sagte.

Die Erklärung bestand in folgendem: Die Baronin hatte unter der Herrschaft eines geheimen Lebensüberdrusses beschlossen, von der Weltbühne zu verschwinden. Da sie indessen sah, daß ihr Mann außerordentlich arm war, wollte sie ihm eine gewisse Unabhängigkeit hinterlassen und hatte deshalb Benedetto beauftragt, ihm den Besitztitel dieser kleinen Villa zu übergeben, welchem die gute Dame ein gewisses Kapital hinzufügte, das in den spekulativen Händen des Herrn von Danglars sich bald in ein anständiges Einkommen verwandeln mußte und hinreichend für die täglichen Ausgaben eines von den Geschäften zurückgezogenen Bankiers war. Jetzt blieb nichts weiter übrig, als den Grund der vorgeblichen Verbindungen zwischen Benedetto und Frau von Danglars kennen zu lernen; aber der Baron kannte hinlänglich die Launen seiner interessanten Ehehälfte, und es kam ihm darauf wenig an, nachdem sie zum Antrieb für die Verbesserung seiner Vermögensverhältnisse gedient hatten. Er befragte deshalb Benedetto nicht über diesen Punkt und begnügte sich mit einigen Erkundigungen in Bezug auf seine neue Lage.

Benedetto befriedigte ihn vollkommen und der Baron war entzückt über alles, was ihm begegnete. Nur eines schien ihm sehr außerordentlich zu sein: die Wahl dieses von Rom entfernten Hauses!

Er überließ sich indes ohne Rückhalt seinen neuen Plänen eines von den Geschäften zurückgezogenen Bankiers und vergaß bereits nach wenigen Tagen seine Besorgnis in dieser Beziehung. Noch war keine Woche verflossen, und schon hatte die kleine Besitzung ein gewisses Ansehen des Komfortablen gewonnen. Der Garten war gereinigt und bearbeitet, die Möbel ausgeklopft und von Staub und Spinnweben befreit; in dem Kamin brannte Feuer, und zwei Bediente waren mit allem möglichen Dekorum dem neuen Besitzer zur Verfügung gestellt.

Benedetto machte dem Baron einige Besuche und wurde von diesem mit der größten Liebenswürdigkeit empfangen. Bei einem dieser Besuche fand er den Herrn von Danglars ganz mit den Vorbereitungen zur Instandsetzung seines Hauses beschäftigt, und der Exbankier sagte ihm, daß er am nächsten Tage den Besuch seiner Tochter Eugenie erwarte.

Er sprach dies auf folgende Weise aus:

»Ah, Herr Andrea – ich weiß wirklich nicht, ob ich Sie um die Gunst Ihrer Gesellschaft bitten darf – die unglücklichen Ereignisse in Paris – ich erwarte morgen jemand – und –«

»Ich kann morgen auf keine Weise über meine Zeit verfügen, Herr Baron,« antwortete Benedetto, ihn unterbrechend, »dafür aber vermag ich Ihnen einen Rat zu erteilen, der viel mehr wert ist als meine Anwesenheit.«

»Und der ist –?«

»Ein Zimmer und ein Bett bereiten zu lassen, um für eine oder zwei Nächte eine Dame empfangen zu können.«

»Eine Dame!« rief der Baron, der den Verwunderten spielte, »eine Dame! – Mein lieber Gast, was soll denn das bedeuten? Bei meiner Seele, Sie sehen mich ganz verwundert. Wer ist diese Dame?«

»Ei, parbleu, Ihre Tochter!«

»Was sagen Sie da?«

»Die Wahrheit, Baron.«

»Aber sind Sie denn ein Hexenmeister?«

»Wer weiß!«

»Das wäre ohne Zweifel durch die berühmte Reliquie – die Totenhand

»Mein Herr!« rief Benedetto mit einem gebieterischen Tone, der das spöttische Lächeln, welches sich bereits zu zeigen begann, von den Lippen des Barons verscheuchte; »wenn Sie nur einmal begriffen hätten, was die Hand des Toten macht, die sich aus der Erde erhoben hat, welche jenen schon bedeckt – dann würden Sie bei dem Gedanken an die entsetzliche und geheimnisvolle Sendung zittern, welche diese Hand zu erfüllen hat und erfüllen wird! – Mein Herr, die Gerechtigkeit darf nicht eine eitle Sache sein, welche dem Gelächter der Menschen preisgegeben wird! Das Gesetz darf nicht ein Wort ohne Sinn sein, wie die Menschen es wiederholen, sei es, daß sie es auf das Gesetz des Himmels oder auf das der Erde anwenden! – Um diese Wahrheiten darzutun, ist eine unumschränkte Macht, ein höherer, allmächtiger Wille erstanden, welche aus dem Grabe die Totenhand gegen die eitlen und hochmütigen Lebenden erhoben hat!«

Nach diesen Worten verließ Benedetto plötzlich das Gemach und der Baron starrte ihm nach, gewaltig ergriffen von dem unerwarteten Wechsel, der in diesem Menschen vorgegangen zu sein schien.

Indem Benedetto den Baron verließ, bestieg er ein Pferd und ritt mit großer Schnelligkeit nach der Stadt; statt aber durch die Barrière zu gehen, verfolgte er seinen Weg außerhalb der Mauern und betrat dann die berühmte Via Appia; um gegenüber dem Zirkus des Caracalla anzuhalten.

Es war Nacht. Der Mond ging eben auf und beleuchtete mit den Strahlen seines bleichen und unsicheren Lichtes eine gewaltige runde Höhlung, die zu den Füßen Benedettos gähnte und in welchem eine von Angst ergriffene Seele eine ungeheure Prozession weißer Gespenster zu erblicken wähnen konnte.

Benedetto achtete indes nicht auf diese Visionen. Er hatte keine andere Sorge, als in der großen Ruine die Umrisse des Menschen zu suchen, den er hier finden sollte.

Nach und nach zeigte sich in der Tat dieser Mensch, eingehüllt in einen dunkeln Mantel und gefolgt von zwei anderen Individuen, denen er ein geheimnisvolles Zeichen gab. Diese beiden Männer entfernten sich schnell und der dritte ging in der Richtung nach der Via Appia vorwärts.

Benedetto trat ihm einige Schritte entgegen und sagte:

»Peppino!«

»Exzellenz!« erwiderte der Mann, indem er stehen blieb und sich umsah, bis er Benedetto erblickte.

»Die Instruktionen, die ich Dir gab –?«

»Sind vollführt, Signor!«

»Laß hören! Was macht Luigi Vampa?«

»Ergriffen von einer geheimnisvollen Leidenschaft, die ihn ganz zu beherrschen scheint, ist er seit acht oder zehn Tagen nicht in den Katakomben des heiligen Sebastian gewesen, wo wir für gewöhnlich unser Hauptquartier haben. Unsere Kameraden murren darüber, daß er sie verläßt und viele von ihnen haben die Flucht ergriffen, da sie fürchten, daß der Hauptmann sie verraten hat. Ich, der ich in der Abwesenheit Vampas die Truppe kommandiere, habe jetzt kaum noch acht Mann unter meinen Befehlen, und diese sind sehr geneigt, dem Beispiele ihrer Kameraden zu folgen, wenn Luigi Vampa nicht bald erscheint.«

»Sehr gut!« murmelte Benedetto. »Indessen hast Du vielleicht nicht daran gedacht, den Argwohn Deiner Satelliten gegen Luigi Vampa zu schüren?«

»Ich bitte tausendmal um Verzeihung, Exzellenz. Ich habe schon von Teilung mit ihnen gesprochen – aber die Kasse ist leer, denn Luigi Vampa hat alles mit sich genommen!«

»Das darf Dich wenig kümmern, Peppino.«

»Das ist wahr, Exzellenz, da Sie mir meine Unabhängigkeit gesichert haben,« entgegnete Peppino.

»Das Fahrzeug?«

»Liegt bereit, um auf das erste Zeichen unter Segel zu gehen.«

»Die Bemannung?«

»Ist zuverlässig und entschlossen.«

»Der Kapitän?«

»Ach, Exzellenz,« entgegnete Peppino seufzend, »Sie haben mir gesagt, daß das Fahrzeug nur einen Steuermann haben soll, um es zu lenken.«

»Das ist wahr,« entgegnete Benedetto. »Jetzt vollziehe buchstäblich, was ich Dir sagen werde.«

Peppino neigte den Kopf, um besser hören zu können, und Benedetto fuhr fort: »Uebermorgen um fünf Uhr früh wirst Du an Bord sein. Das Schiff wird mich bis sechs Uhr mit gelichteten Ankern erwarten. Verlaß die Katakomben, und Deine Untergebenen mögen ein Leben aufsuchen, welches minder –«

»Ach, Exzellenz,« unterbrach ihn Peppino rasch, »wenn Sie sie kennten – vielleicht würden Sie dann sie benutzen, denn es sind Leute von Kopf und Mut. Ich erkläre Ihnen, daß der Augenblick, ihre Sympathie zu gewinnen, sehr günstig ist.«

»Was willst Du damit sagen?« fragte Benedetto mit geringschätzigem Wesen.

»Ich will damit sagen, daß Sie die Gnade haben sollten, mit mir in die Katakomben hinabzusteigen, wo sie Ihrer warten, denn ich habe gewagt, es auf mich zu nehmen, ihnen Ihre Unterstützung und Ihren Schutz zu versprechen.«

»Das ist eine Torheit! Wir könnten überrascht werden.«

»Sehen Sie, Exzellenz!« entgegnete Peppino, indem er in entgegengesetzten Richtungen auf zwei Schatten deutete, welche sich in der Ferne zwischen den Denkmälern der Via Appia zeigten, »das sind Schildwachen, die niemanden herankommen lassen würden, selbst Vampa nicht, wenn er erscheinen sollte.«

»Und wozu können mir Deine Leute dienen?«

»Hören Sie mich an: Es sind ihrer acht, und diese acht habe ich gewählt, um die Bemannung des Fahrzeuges zu bilden. Vier von ihnen sind schon Seeleute und kennen alle Häfen des mittelländischen Meeres, wie ich alle Straßen Italiens kenne. Sie würden daher mit Ihnen überall hinziehen, wohin Sie es verlangen, und wenn Sie ihrer so wie meiner nicht mehr bedürfen, so würden wir einen Zug durch das schwarze Meer, das Marmarameer und den Archipel machen, wo sich ganz vortreffliche Geschäfte bieten.«

»Ich sehe, daß Du ein Mensch von Verstand bist, Peppino,« entgegnete Benedetto nach kurzem Ueberlegen. »Doch nun voran; ich folge Dir!«

Bei diesen Worten ging der römische Bandit vor Benedetto her, den abwärts führenden Pfad verfolgend, der bis zu einer in dem Boden angebrachten Oeffnung ging, vor welcher ein Mann als Schildwache stand.

Benedetto, welcher dem Banditen beständig auf dem Fuße folgte, stieg eine verfallene Treppe hinab, die in ein vollkommen dunkles Gewölbe führte.

An dem Ende eines langen Ganges glänzte eine Harzfackel, deren rötliche, von dem Winde bewegte Flamme ihre flackernden Strahlen auf die unterirdischen Wände fallen ließ. Benedetto bemerkte, daß zahlreiche Vertiefungen in den Mauern angebracht waren, jede dazu bestimmt, einen Sarg aufzunehmen.

Der Korridor endete in einem geräumigen Saal; auf einem Altare von Granit stand die Fackel; dem Altar gegenüber erblickte man eine lange Tafel von schwarzem Marmor, welche ehedem dazu bestimmt gewesen zu sein schien, zum Xenotaphium der Särge zu dienen, die darauf niedergesetzt wurden, welche jetzt aber als Tisch für das Bankett einiger Menschen benutzt wurde, deren durch den Widerschein der Flamme und den Wein gerötete Gesichter den Stempel ihres verbrecherischen und zügellosen Lebens trugen.

Diese Menschen sangen eben im Chor ein unzüchtiges Lied, dessen Ende lautete:

»La vendetta! la vendetta! la vendetta!«

Sie wiederholten diese Worte laut und mit Enthusiasmus.

Peppino blieb stehen und sagte lächelnd und mit leiser Stimme zu seinem Begleiter: »Lassen Sie sie zu Ende singen; sie schwören, sich an Vampa zu rächen.«

Er trat dann in die Mitte der geräumigen Höhle, zog aus dem Gürtel ein Pistol und einen Dolch und rief: »Auf, Freunde! Hier ist unser neuer Hauptmann. Laßt uns ihm zeigen, daß er in unserer Mitte vollkommen in Sicherheit ist.«

Bei diesen Worten verstummten die Banditen, sprangen schnell auf, stellten sich schweigend in zwei Reihen, die eine der anderen gegenüber, hoben ihre mit Pistolen und Dolchen bewaffneten Arme und bildeten so ein Spalier, zwischen dem Peppino Benedetto hindurchführte.

Benedetto ging mit festem Schritte unter dem furchtbaren Bogengange hin, den die Pistolen und die Dolche der Banditen bildeten; – eine wohlbekannte Zeremonie, die hier von diesen Menschen vollführt wurde, welche so ihrem neuen Hauptmann zu verstehen geben wollten, daß er den Beistand ihrer Arme und ihrer Waffen gewonnen hatte, um sein Leben zu verteidigen.

»Freunde,« sagte Benedetto, zu den Banditen gewandt, »da Ihr Euch mir anvertraut habt, vertraue auch ich Euch!«

»Ja! ja! Befehlt, wir werden gehorchen!« schrien sie wie mit einer Stimme.

»Luigi Vampa hat Euch verraten, und bald würdet Ihr hier durch die Schergen der Gerechtigkeit verfolgt werden. Es ist daher unerläßlich, diesen Zufluchtsort zu verlassen. Peppino empfing schon meine Instruktionen und Ihr könnt ihm folgen.«

»Aber die Rache!« entgegnete einer der Banditen. »Wir werden diesen Ort nicht verlassen, ohne uns an Vampa gerächt zu haben!«

»Beruhigt Euch,« erwiderte Benedetto, »Vampa wird seine Strafe empfangen. Der Urteilsspruch, den Ihr gegen ihn gefällt habt, wird durch die römische Polizei vollzogen werden, die in diesem Augenblicke schon benachrichtigt ist und ihre Anstalten trifft, den Verräter zu überfallen. Von jetzt an sollt Ihr meine einzige Familie sein, und ich übernehme es, Euch dahin zu führen, wohin Euer Vorteil Euch ruft.«

»Es lebe unser neuer Hauptmann! Tod Vampa!« schrie die Bande mit wahnsinnigem Jubel.

»Peppino,« sagte Benedetto, »gib mir ein Glas Wein, denn ich will auf die Gesundheit dieser tapferen Gefährten trinken, in deren Brust ein Herz schlägt und Gefühle wohnen edler, als die einer Unzahl von Menschen, die offen durch die Welt schreiten, ihr Gesicht furchtlos dem Lichte des Himmels zeigend.«

Er schwieg.

Peppino reichte ihm einen mit Wein gefüllten Pokal, und alle Banditen hielten sich bereit, voll Enthusiasmus auf diese Gesundheit zu antworten, welche das Pfand eines furchtbaren Bündnisses sein sollte. Der Sohn Villeforts stieß ein Hurra aus, setzte den Pokal an die Lippen und leerte den Inhalt mit einem einzigen Zuge.

Alle folgten seinem Beispiel.

Als der Toast beendigt war, schleuderte Benedetto sein Trinkgefäß von sich, und indem es an der Wand des Gewölbes zersplitterte, rief er aus: »Freunde, dies sei Euer Lebewohl an die Katakomben des heiligen Sebastian, an Rom, an Italien! Eine Zukunft voll Entzücken erwartet uns fern von hier. Wollt Ihr Gold? Ihr sollt es in Ueberfluß haben: Blut? Ihr werdet es in Strömen ohne Mitleid vergießen. Vorwärts! Vorwärts! Ein rächender Gott ruft mich an die Küsten des Orients, wo Ihr Altäre für die Opfer einer gerechten und erbarmungslosen Rache bereitet.«

Die Banditen jubelten mit wilder Lust den Worten Benedettos Beifall zu, und einige Augenblicke später waren die Katakomben des heiligen Sebastian öde.

Die auf dem Altare vergessene Fackel brannte bis zu Ende und schien durch ein letztes, schnelles, augenblickliches Aufflackern das traurige Lebewohl wiederholen zu wollen, welches die Banditen den Ruinen sagten, die sie solange entweiht hatten.

Benedetto eilte zu seinem Pferde, das er an einem der Denkmäler der Via Appia angebunden hatte, schwang sich in den Sattel und jagte im Galopp gegen Rom.

»Vorwärts! Vorwärts!« murmelte Benedetto, indem er zwischen den finstern Monumenten verschwand wie ein unheimlicher Schatten. »Ein Dämon leitet meine Schritte, begünstigt mich und begeistert mich durch seinen unheiligen Verstand. Morgen werde ich das ganze Gold Luigi Vampas in meinen Händen haben, den Preis der Tränen und der Qualen aller seiner Opfer; ich empfange außerdem die Belohnung, welche für den Kopf dieses Banditen ausgesetzt ist, und das alles soll auf ein Werk verwendet werden, welches ebenfalls den Tränen und den Qualen gewidmet ist! Edmund Dantès; – das traurige Spielwerk Deiner verabscheuungswerten Leidenschaft, Deiner grausamen Rachgier, wird sich Deinen Blicken zeigen, nachdem es Dir die Leiden fühlbar gemacht hat, die Du mit verschwenderischer Hand andern zufügtest, die Du dem Herzen meines armen Vaters auferlegtest! Du hast nicht zu verzeihen gewußt – auch Du wirst vergebens Verzeihung erflehen. Du hast den Stolz besessen, Dich mächtig wie ein Gott zu wähnen; Du wirst Deinen Stolz in den Händen eines Kindes zertrümmern sehen wie Glas. Edmund Dantès – der Blitzstrahl, der die Wolken durchzuckt, verschont die stolze Zeder nicht; er trifft sie im Gegenteil nur mit gesteigerter Wut!«

Kurze Zeit darauf befand sich Benedetto in der Nähe des Kolosseums.

Er stieg vom Pferde und sah sich augenblicklich von sechs oder acht jener Industriellen ohne Industrie umringt, welche in Rom gleich Ameisen in der Nähe der Kirchen, der Theater, der Denkmäler und der Ruinen wimmeln, und deren einziges Existenzmittel darin besteht, den Fremden den Ursprung, die Begründung, die Bestimmung und die Geschichte jener berühmten Ueberbleibsel des Altertums zu erklären.

Einer der Cicerone nahm die Zügel des Pferdes, seine Kameraden umringten währenddessen Benedetto, indem sie mit aller nur möglichen Höflichkeit sagten:

»Exzellenz, die Nacht ist schön; Sie können mir folgen.«

»Wozu?«

»Um zu sehen!«

»Was zu sehen?«

Per la Madonna! Das Denkmal des Flavius, das berühmteste Denkmal Italiens und ganz Europas, wo sich achtzigtausend Zuschauer bequem versammeln konnten. Kommen Sie – ich werde Ihnen den Zirkus der wilden Tiere zeigen und Ihnen während des Weges die Maßregeln erklären, die man ergriff, um die Bestien abzuhalten, sich auf die Zuschauer zu stürzen.«

Benedetto antwortete durch eine Bewegung der höchsten Geringschätzung auf die lästigen Anerbietungen des Cicerones, ging mitten zwischen ihnen hindurch und vertiefte sich in die berühmten Ruinen, um Vampa aufzusuchen, wie ungefähr zwei Jahrs zuvor und beinahe zu derselben Stunde, der Graf von Monte Christo Vergl. »Graf von Monte Christo,« übersetzt von Philipp Wanderer, S. 221. zu der Aufsuchung ebendesselben Menschen hierher gekommen war, am 21. Februar, am Tage vor dem Beginn des Karnevals in Rom, der durch ein besonderes Ereignis gefeiert werden sollte, nämlich durch »die auf dem Platze del Popolo infolge »eines Urteilspruches des Tribunals von Nota vorzunehmende »Hinrichtung des Andrea Rondolfo, schuldig der Ermordung »des sehr achtbaren und sehr geehrten Don Cäsar »Torloni, Canonicus der Kirche von Sankt Johann zum »Lateran, sowie des Peppino, genannt, Rocca Priori, »überführt des Einverständnisses mit dem verabscheuungswerten »Banditen Luigi Vampa und den Mitgliedern seiner »Bande; der Erste sollte mazzolato werden und der »Zweite decapitato«

Unsere Leser haben wahrscheinlich den Auftritt nicht vergessen, wie Franz von Epinay, noch ganz erfüllt von den Erinnerungen an die beinahe feenhaften Eindrücke der Grotte Monte Christos, hinter dem Schafte einer Säule verborgen, einen Reisenden erscheinen und die Treppe ersteigen sah, welche der gegenüberlag, die er selbst heraufgekommen war, um sich an den Ort zu begeben, an dem er sich befand; wie dann dieser Fremde unmittelbar unter einer runden Oeffnung stehen blieb, welche sich in dem eingestürzten Gewölbe befand und den mit Sternen bedeckten Himmel zu sehen gestattete.

Sie werden sich auch an sein Erstaunen oder vielmehr an seine Verwunderung erinnern, als er, nachdem er das Gespräch dieses Fremden mit einem Individuum, welches in der vollständigen Tracht eines Trasteveriners gekleidet war, belauscht hatte, in demselben seinen Wirt aus der Grotte, Sindbad, den Seefahrer, oder vielmehr den Grafen von Monte Christo, erkannte.

Ein sonderbares Spiel des Schicksals oder vielmehr des Zufalls für die, welche in der Lenkung der Ereignisse, die den Text zu dem großen Drama, genannt Menschenleben, bilden, die höhere Hand nicht erkennen wollen!

Ein Mensch, der von dem größten Unglück betroffen worden war, der nur wie durch ein Wunder einer Gefangenschaft entrann, welche lebenslänglich sein sollte; der durch ein anderes Wunder in den Besitz ungeheurer Reichtümer sowie der Macht gesetzt wurde, welche diese Reichtümer verleihen; ein Mensch, dessen Vater Hungers gestorben war, dem man die angebetete Geliebte geraubt hatte und der, die Vorrechte der Gottheit usurpierend, sich über alle Gesetze und alle menschlichen Rücksichten erhoben hatte, um dahin zu gelangen, eine fürchterliche und unerbittliche Rache zu vollziehen, welche die Gesellschaft ihm an seinen Verfolgern sowie an allen denen verweigerte, die nahe oder fern zu den ihm auferlegten Martern beigetragen hatten, Martern, welche in seinem Herzen eine ewige Leere, eine stets blutende Wunde zurückließen; – dieser Mensch hatte in der Absicht, die treue Anhänglichkeit einer Bande furchtbarer und entschlossener Bösewichter zu gewinnen, die seinen Plänen nützlich sein konnten, in eben diesem Kolosseum ein Zusammentreffen mit dem Hauptmann jener Banditen verabredet, mit Luigi Vampa, um mit ihm die Mittel zu besprechen, einen der Mitschuldigen desselben, Peppino, der Hinrichtung zu entreißen!

Und jetzt kam, nur kurze Zeit nach jenem Ereignis, ein Dieb, ein Fälscher, ein Mensch, der dem Bagno entsprang, ein Mörder, der sich ebenfalls zum Rächer seines Vaters aufgeworfen hatte, welcher unter den Streichen seines Henkers gefallen war, gleich Lazarus auf die Stimme Christi aus einem Grabe hervor, um mit dem Beistand eben dieses Peppino, der seine Rettung Monte Christo und Vampa verdankte, den aber er, Benedetto, zu einem Undankbaren und Meineidigen gemacht hatte, an eben diesem Orte ein Werk des Verrats gegen Luigi Vampa zu verabreden, nicht etwa, um die beleidigte Gesellschaft für die Missetaten des kühnen Banditenhauptmanns zu rächen, sondern weil dessen Verderben seinen Berechnungen entsprach, weil es einen Teil seiner verbrecherischen Pläne, seiner Blutsendung, bildete.

Das Herz erbebt bei dem Anblicke dieser ununterbrochenen Reihenfolge von Greueln, deren Bahn der Sohn Villeforts bezeichnete.

In der Tat war es nur der Geist des Bösen, der ihn erfüllte; es war Satan in seiner ganzen Häßlichkeit; es war das Verbrechen, bestraft durch das Verbrechen.

Die unglückliche oder verfolgte Tugend fand wenigstens in Edmund Dantes eine Stütze, einen großmütigen, entschlossenen Verteidiger; er streute mit vollen Händen Wohltaten aus, und wenn er Tränen des Schmerzes und der Verzweiflung vergießen machte, so lockte er auch zahlreiche der Dankbarkeit hervor. Er sündigte aus Stolz; wenn er aber seine Streiche führte, glaubte er, gerecht zu handeln. Sein ungeheures nicht gut zu machendes Unrecht bestand darin, daß er sich zum Richter und Henker in seiner eigenen Sache aufgeworfen hatte, ohne zu überlegen, daß es sehr schwierig ist, das richtige Maß zu halten, wenn der Zorn betäubt und der Haß verblendet. Zuweilen jedoch, und oft sogar, hörte er auf die Stimme Gottes, dessen Namen er anrief!

Er war, wenn man will, ein gefallner Engel, aber ein Engel, der sich noch des Himmels erinnerte!

Doch was soll man von Benedetto sagen? Nichts, als daß er ein Dämon war, erzeugt und ausgespieen durch die Hölle, ohne jemals den leisesten Schein des leuchtenden Himmels gesehen zu haben!

Wird vielleicht endlich ein Strahl von oben die Nebel durchdringen, welche das Gewissen Benedettos, des Verfluchten, umhüllen, dieses Verworfenen, der von nichts spricht, als von dem Nichts?

Die gotteslästerliche Gewalt, die er sich angemaßt hatte, wird er sie stets nur zu dem Bösen und nie zu dem Guten anwenden?

Wer vermag es, in den Geheimnissen der Vorsehung zu lesen?

*

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.