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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
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XIX. Unverhoffte Ereignisse.

Wir müssen jetzt erklären, wie der Baron Danglars bei seinem außerordentlichen Geldmangel Besitzer einer kleinen Villa nahe der Zitadelle von Aquapendente geworden war. Unsere Leser sind ohne Zweifel neugierig darauf, dies zu erfahren, und es ist unsere Pflicht, ihre Neugier zu befriedigen.

Sobald der Baron Danglars das Haus seiner Tochter Eugenie verließ, eilte er nach dem Spanischen Platze, schlug dann die Via Frattina ein, ging zwischen den Palästen Fiano und Rospoli hindurch und verfolgte seinen Weg mit derselben Hast, bis er endlich den großen Platz del Popolo vor sich erblickte, wo er nach allen Seiten seine besorgten Blicke umherschweifen ließ, als suche er einen Bekannten zu entdecken.

Einen Augenblick darauf sah er einen Mann auf sich zukommen, der mit großer Gleichgiltigkeit an dem Orte vorüberschritt, wo die öffentlichen Hinrichtungen stattzufinden pflegen. Dieser Mann war kein anderer, als Benedetto.

Der Baron eilte auf ihn zu.

»Der Teufel, Herr Baron,« sagte Benedetto, »Sie haben Ihren Besuch in dem Hause der Fräulein Eugenie schnell abgemacht! Ich glaubte, Sie würden längere Zeit darauf verwenden, eine Tochter zu umarmen, die Sie seit Jahren nicht sahen; ich hoffe indes, daß Sie die Pflichten eines guten Vaters nicht vernachlässigten.«

»Ich habe sie gesehen, sie umarmt und mit ihr gesprochen,« entgegnete mit großer Zungengeläufigkeit der Baron, »mir scheint, das war alles, was ich zu tun hatte.«

»Haben Sie ihr wenigstens Ihr neues Haus angeboten?«

»Konnte es denn anders sein?«

»Ich hoffe, sie hat es nicht angenommen.«

»Ganz im Gegenteil.«

»Dann wünsche ich Ihnen Glück, Herr Baron, denn es wäre in der Tat sehr traurig, wenn zwischen einem Vater und einer Tochter, die einander so würdig sind, nicht die vollkommenste Harmonie herrschte. Nun, Herr Baron, der Wagen wartet auf uns, und es liegt mir daran, Sie in Ihre neue Lage einzuführen, denn ich bin von Ungeduld erfüllt, die Absichten Ihrer Frau Gemahlin, der Baronin, auszuführen.«

»Sie sind allzu gütig, mein Herr,« sagte der Baron, indem er an der Seite Benedettos hinging; »ich weiß Ihren Verdiensten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Gleichwohl haben Sie einen ganz kleinen Fehler – daß Sie nämlich in Ihren Worten so unbestimmt sind – Ihre Reden haben stets einen so dunklen Sinn – daß ich meiner Treu die Rolle nicht fasse, die Sie gegen mich spielen. Sie sind zuweilen sehr zurückhaltend, mein lieber Herr Andrea Cavalcanti.«

»Und Sie, meiner Treu, Sie sind so etwas wie das Faß der Danaiden.«

»Ich verstehe Sie nicht,« sagte der Baron, indem er die Augen groß aufriß.

»Ich will sagen, daß, je mehr das Glück Sie mit seiner Gunst überhäuft, desto weniger zeigen Sie sich befriedigt,« erwiderte Benedetto. »Sie waren in Rom arm und beinahe elend; Sie lebten nur von Ihrem geringen Gehalt als Portier eines Theaters; Sie verlangen eine Zusammenkunft mit Ihrer Gattin und sind unglücklich oder ungeschickt genug, Ihre Sache nicht führen zu können –«

»Mein Herr, ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich so geschickt wie möglich handelte,« rief der Baron, ihn unterbrechend; »aber die Baronin glich dem Pulver, dem man einen zündenden Funken nahe bringt, und ich entging der fürchterlichen Explosion, indem ich entfloh, ohne zu begreifen, wie das zugegangen ist, und ohne das Mißgeschick verhindern zu können!«

»Gut; geben wir das zu, mein Lieber,« sagte Benedetto, indem er während des Sprechens weiter ging. »Doch kommen wir zur Sache. Vor acht Tagen habe ich Sie abermals aufgesucht und Ihnen die Absichten der Frau von Danglars erklärt, so daß Sie sich von Ihrer neuen Unabhängigkeit überzeugen konnten. Danach nun wagen Sie, zu sagen, daß Sie nicht wüßten, welche Rolle ich mit Ihnen spiele! Wahrlich, mein lieber Baron, das heißt einen sehr harten Schädel haben.«

Während beide so miteinander sprachen, hatten sie einen kleinen Wagen erreicht, der an der Ecke einer Straße in der Nähe eines Stadttores anhielt. Benedetto gab dem Kutscher ein Zeichen, öffnete den Schlag, forderte seinen Gefährten auf, einzusteigen, stieg selbst nach ihm ein und setzte sich dann mit allem Anschein übler Laune an die Seite des Barons.

Der Wagen flog schnell davon, und einige Minuten später befanden sich unsere Reisenden auf einer Straße, die sich von Rom entfernte.

Solange die Reise währte, richtete der Baron, der sich tiefem Nachdenken überließ und seine Pläne verfolgte, kein einziges Wort an Benedetto, welcher selbst stumm war wie die Bildsäule des heiligen Januarius, denn er hatte in seinen Händen, gleich einem verwirrten Netze, alle Fäden seiner Intrige und berechnete, welches Resultat daraus entstehen könnte.

»Um zum Ziele zu gelangen,« sagte er zu sich selbst, »ist viel Verschlagenheit, viel Gewandtheit, viel Klugheit und Kühnheit erforderlich. Ich werde alle diese Eigenschaften haben und Edmund Dantès soll mir nicht entschlüpfen. Er muß sterben und er wird sterben!«

Nach einigen Stunden bog der Wagen, statt die Straße in gerader Linie nach der kleinen Stadt Aquapendente zu verfolgen, links ab und vertiefte sich in eine Art von Schlucht, zu deren Rechten sich die Trümmer einer jener berühmten Wasserleitungen erheben, die in der Nähe von Rom zahlreich vorhanden sind. Die Steine, welche die Zeit von den gewaltigen Granitmassen losgerissen hatte, waren umhergerollt und versperrten, hier und dort angehäuft, nicht selten den Weg.

Der Wagen verminderte seine bisherige Schnelligkeit und der Baron, welcher jetzt zum Fenster hinaussah, konnte genau die Gegenstände unterscheiden, die ihn umgaben. In geringer Entfernung zeigten sich die weißen, traurigen und nackten Mauern eines kleinen, halbverfallenen Gebäudes, welches auf allen Seiten von einem verwilderten Garten umgeben zu sein schien, in welchem Unkraut und Moos überall wucherte.

Einige Augenblicke später hielt der Wagen vor dem Gittertore dieses Gartens; Benedetto stieg aus und forderte den Baron auf, dies ebenfalls zu tun.

»Treten Sie ein, Herr Baron,« sagte Benedetto, »und lassen Sie Ihre Betrachtungen über den Mangel der Sorgfalt, den Sie hier bemerken können, denn dieses Besitztum ist seit längerer Zeit unbewohnt.«

Indem er so sprach, schritten sie durch die verwilderte Allee des Gartens dahin und stiegen eine kleine steinerne Treppe hinauf, deren Stufen mit Moos bedeckt waren. Diese Treppe führte zu einer Art von Balkon oder Vorhalle, welche zwei Eingangstüren in das Haus hatte. Hier blieb der Baron einen Augenblick stehen und überblickte die ganze Ausdehnung des Gartens. Zwischen dem Buchsbaum, der die Wege einfaßte, und dem hohen Unkraut, welches alle Beete bedeckte, erhoben sich Marmorfiguren von verschiedenen Größen und in einem beklagenswerten Zustande der Verfallenheit. Auch ein Teich war zu sehen, dessen schlammiges Wasser reich mit Fröschen bevölkert war, die, aufgescheucht durch die Stimmen und den Schall der Tritte des Barons und Benedettos, die Luft mit ihrem Gequak erfüllten. Alles war hier Verfall und Einsamkeit.

Benedetto öffnete eine der Türen der Vorhalle und zeigte den Blicken des Barons einen Saal, dessen Wände Tapisserien bedeckten, auf denen mythologische Gegenstände, wie der Sturz des Phaëton, die Bestrafung des Prometheus, die Entführung der Europa und das Urteil des Paris, dargestellt waren.

Die Möbel dieses Saales schienen sehr alt zu sein, zeigten aber nicht jenen Verfall, der sich in dem Garten bemerkbar machte, obgleich sie mit einer dichten Lage von Staub und Spinnweben bedeckt waren. Von den Fenstern hingen Samtgardinen herab, deren Farbe die Strahlen der Sonne verblichen hatte; der Kamin schien seit längerer Zeit nicht benutzt worden zu sein und die durch den Rost zerfressene Feuerzange lag auf dem Fußboden, ein Zeichen, daß die letzte Person, welche sie berührte, plötzlich fortgegangen sein mußte.

Alles wohl erwogen, gewährte das Ganze keinen sehr angenehmen Anblick.

Nachdem der Baron alles genau geprüft hatte, näherte er sich mit einem Wesen, welches eine gewisse Unruhe verriet, Benedetto, und wagte es, das tiefe Sinnen, in welches dieser über den Anblick eines Bildes auf der Tapisserie versunken zu sein schien, zu unterbrechen.

»Hier,« sagte Benedetto, ohne dem Baron zu antworten, »ja, hier ist das unbestechliche Tribunal dargestellt, welches nie die Handlungen nach den Menschen beurteilt, sondern die Menschen nach den Handlungen! Hier gibt es weder Freunde noch Geld; hier gibt es nichts, als das Gesetz, welches das Weltall regiert, und vor dem die Krone auf dem Haupte des Tyrannen niedersank oder das strafende Schwert auf das des Verbrechers, mochte dieser Verbrecher auch mächtig sein wie ein Gott.«

Er stieß ein gellendes Gelächter aus.

»Ha!« fuhr er fort, »ein solches Tribunal konnte nur in der Fabel bestehen, und die Menschen haben ihm den Platz angewiesen, der ihm gebührte, nachdem sie erkannt hatten, wie unvollkommen sie selbst waren, wie unvollkommen auch in den Handlungen ihrer Gerechtigkeit!«

»Ach, Signor Andrea,« rief der Baron Danglars ganz verwundert über die Sprache Benedettos, »mir scheint, als überließen Sie sich auf eine wunderbare Weise dem Studium der Moral und der Menschen.«

»Ich studiere alles ein wenig, Herr Baron, weil mein Weg durch diese Welt ziemlich schwierig ist und ich an das Ziel meiner Art von Pilgerschaft gelangen muß. Lassen wir indes alle Betrachtungen jetzt und kommen wir zu dem, was Sie interessiert. Dieses Haus gehört Ihnen von heute an. Hier ist das Dokument Ihres Besitzes.«

Er übergab dem Baron ein Papier, welches dieser begierig ergriff und las, indem er dann mit dem liebenswürdigsten Wesen von der Welt eine Bewegung vollkommener Zufriedenheit machte.

Bankier in Paris, Theaterportier in Rom – war er jetzt Gutsbesitzer in der Nähe von Aquapendente – in Erwartung von etwas Besserem!

Wahrlich, das Glück setzte sein Rad für ihn wieder in Bewegung.

Und dennoch lag in dem Wesen und dem Gesicht Benedettos etwas, das ihm mißfiel.

So wahr ist es, daß es auf Erden kein ungetrübtes Glück gibt.

*

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