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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
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XVIII. Der Vater und die Tochter.

Als die beiden jungen d'Armillys am nächsten Tage ihre Studien beendigten, trat Frau Aspasia in den Saal und meldete einen Namen, bei dem Luise erblaßte und über den Eugenie in lautes Lachen ausgebrochen sein würde, hätte sie sich nicht unter dem Einflusse eines Gefühls befunden, dessen Heftigkeit sie ganz beherrschte.

Dieser Name war der des Baron Danglars.

Eugenie hatte bereits gesehen, auf welche Weise ihre Mutter ihr Debüt auf ihrer neuen Laufbahn als Künstlerin begrüßte; sie zog daraus den Schluß, daß die Handlungsweise ihres Vaters gerade der Gegensatz zu dem Adelsstolze sein würde, von dem die Baronin Danglars, geborene von Servières, durchdrungen war. Sie wendete sich daher zu Luise und sagte mit einem leisen Lächeln auf den Lippen:

»Beruhige Dich, meine gute Freundin; ich kenne Herrn von Danglars sehr gut und gebe Dir die Versicherung, daß sein Besuch angenehmer sein wird als der meiner Mutter. Du sollst sehen.«

Sie gab Aspasia ein Zeichen und diese eilte hinaus, um einen Augenblick darauf den Herrn Baron von Danglars in den Salon einzuführen.

Der Baron trug eine einfache, aber elegante Kleidung, welche deutlich bewies, daß er sich in vortrefflichen Umständen befand. Die Freude strahlte von seinem gemeinen, rohen Gesicht, welches im höchsten Grade den Ehrgeiz einer schmutzigen und geizigen Seele aussprach.

»Meine Tochter!« rief er mit scharfer Stimme, indem er diesen Ausruf mit einer studierten und gezierten Bewegung begleitete: »es wäre durchaus überflüssig, Dich zu fragen, wie Du Dich befindest, denn Gesundheit und Glück zeigen auf Deiner Stirn ein schönes Bild, welches weit über denen der alten Schule eines Michel Angelo und eines Raphael steht.«

Bei diesen Worten wechselte Eugenie mit ihrer Freundin einen schnellen Blick des Einverständnisses.

»Selbst wenn ich litte, mein Vater,« antwortete sie, indem sie ihm die Hand küßte, »so würden Sie es in diesem Augenblicke nicht bemerken können, denn auf meinem Gesicht kann nur die Freude glänzen, Sie zu sehen. Ueberdies vereinigen sich das Vergnügen, welches ich stets über die Gesellschaft meiner teuren Luise empfinde, und das Studium der Kunst, der wir uns gewidmet haben, dazu, mir den lebhaften Ausdruck zu verleihen, den Sie bemerkten.«

»Erlauben Sie mir, Ihnen meine Huldigung darzubringen, Fräulein d'Armilly, und Ihnen für die Anhänglichkeit zu danken, sowie für den wunderbaren Geist, mit welchem Sie die Seele Ihrer interessanten Schülerin zu bilden verstanden haben,« entgegnete der Baron, indem er sich vor Luise d'Armilly verneigte.

»Setzen Sie sich doch, mein Vater,« beeilte sich Eugenie zu sagen, indem sie auf einen Armsessel deutete und selbst an der Seite Luisens Platz nahm.

Es entstand ein Augenblick des Schweigens, welchen der Baron Danglars benutzte, um sich mit der Hand durch die Haare zu fahren und einen besorgten Blick umherschweifen zu lassen, wie um zu sehen, ob er nicht in irgend einem Winkel seine Geistesgegenwart, die ihm zu entschlüpfen drohte, wiederfinden könnte.

»Also, mein Vater,« fragte endlich Eugenie mit einer Bewegung unbeschreiblicher Neugier, »sind Sie schon lange in Rom?«

»Nun ja, ich bin schon einige Zeit hier, indes lebe ich sehr zurückgezogen – das heißt zurückgezogen von Rom und selbst von dem Handel. Glücklicherweise sah ich gestern mit Staunen und Entzücken die schöne Semiramis, welche die Bewunderung dieser Hauptstadt zu gewinnen verstanden hat –«

»Verzeihung, mein Vater, aber natürlicherweise haben Sie gestern auch meine Freundin Luise gesehen und gehört?«

»Ohne Zweifel; aber ich bin Vater, Eugenie, und in meinem Herzen gab es keinen Platz für ein Gefühl, welches nicht Dir galt, obgleich ich auf der Stelle das unbestreitbare Talent und das hohe Verdienst des Fräulein d'Armilly erkannte.«

Luise neigte leicht den Kopf, und nachdem der Baron sich verbeugt hatte, fuhr er fort:

»Da nun aber die Augen eines Vaters die Gabe des doppelten Gesichts haben, wenn es sich um seine Kinder handelt, ist es mir leicht gewesen, unter dem Herrscherdiadem der edlen Königin der Assyrier die Tochter zu erkennen, die ich in meinem Herzen stets so innig geliebt habe! Mache Dir also jetzt einen Begriff von dem, was ich empfand, Eugenie, als ich die Elite der Gesellschaft Roms voll Enthusiasmus und Entzücken dem hervorstechenden Talent einer – meiner Tochter applaudieren hörte! Ach, das flößt einen gewissen Stolz ein!«

»Wie befindet sich meine Mutter?« fragte nachlässig Eugenie, welcher der Eindruck nicht entging, den diese Frage auf den Baron hervorbrachte.

Eugenie war es aufgefallen, daß ihre Mutter nicht von dem Baron sprach, und ebenso auch dieser nicht von der Baronin; sie schloß daraus, daß beide nicht in der besten Harmonie miteinander lebten und wollte sich davon überzeugen.

»Die Baronin,« antwortete der Baron, indem es schien, als hätte er einen kleinen Anfall von Husten, der ihn seit einiger Zeit quälte – »die Baronin – reist.«

»Das ist ein sehr angenehmer Zeitvertreib!« sagte Fräulein Luise d'Armilly.

»Und Sie haben sie nicht begleiten wollen?« fragte Eugenie.

»Ich schätze vor allem die Ruhe und die Bequemlichkeit, meine teure Tochter,« antwortete der Baron. »Ich bin ermüdet und lege wenig Wert auf die Zerstreuungen, welche Reisen gewähren, die nicht im Verhältnis zu den tausend kleinen Widerwärtigkeiten derselben stehen. Ach!« fuhr er fort, indem er diesmal heftiger hustete, »ich befinde mich auf Reisen sehr übel!«

»Sagten Sie mir nicht, daß Sie zurückgezogen von der Stadt Rom lebten?«

»Das ist wahr! Ich wohne in der Nähe der kleinen Stadt Aquapendente, wo ich ein kleines Häuschen besitze, das ich zu Deiner Verfügung stelle.«

»Ich danke Ihnen tausendmal, mein Vater. Leider werde ich aber Ihr freundliches Anerbieten nicht benutzen können, denn die beständigen Arbeiten, zu denen unser Engagement Luise und mich verpflichtet, werden uns daran verhindern.«

»O!« sagte der Baron, »ich hoffe trotzdem, daß Du mir das Vergnügen eines Besuches gewähren wirst und wäre er auch noch so kurz.«

»Liegt Ihnen denn viel an diesem Besuch?«

»Ob mir daran liegt!« rief der Baron; »ich lege darauf den höchsten Wert. Ich erwarte ihn mit aller nur denkbaren Ungeduld, und ich füge hinzu, daß, wenn Du wüßtest, was für ein Vergnügen Du mir bereitetest, Du gewiß nicht zögern würdest, mit Deiner reizenden Lehrerin und Freundin einen Blick auf das kleine Besitztum zu werfen, welches von diesem Augenblick an auch das Deinige ist, meine liebe Eugenie.«

»Sie sind in der Tat zu liebenswürdig, mein Vater!«

»Ich gebe Dir die Versicherung, daß Du dort nicht jene gewaltigen Foliobände, jene dickleibigen Bücher, jene endlosen Zahlenreihen finden wirst, welche Dir in meinem Arbeitskabinett in Paris einen so unangenehmen Anblick gewährten! Ich habe mich von dem Handel zurückgezogen.«

»Und ich wünsche Ihnen dazu Glück,« sagte Eugenie: »Zahlen sind ohne die geringste Poesie.«

»Was mich betrifft, so habe ich davor einen Abscheu,« fügte Luise hinzu.

»Ich glaubte doch, daß Sie ihnen einige Augenblicke opfern, zum Beispiel, wenn Sie Ihre Gage in Empfang nehmen – was von einer gewissen Wichtigkeit sein muß.«

»Um Gottes willen, mein Vater, lassen wir das!« rief Eugenie. »Ich setze Vertrauen auf die Ehrlichkeit der Direktoren, und überdies – was kommt es auf zehn oder zwölf Piaster weniger an?«

Der Baron runzelte die Stirn und sagte: »Indes machen diese zehn Piaster weniger bei zehn Mal hundert und bei abermaligen zehn zweihundert; multipliziert man dieselbe auf ähnliche Weise fort –«

»Gleichviel,« erwiderte Eugenie mit der größten Kälte, um dem Baron begreiflich zu machen, daß sie sich in einer finanziellen Lage befände, welche sie der Notwendigkeit überhöbe, von ihm irgend etwas anzunehmen und ihn vor der Gefahr bewahrte, ihr etwas anzubieten.

»Vortrefflich, meine Tochter; ich ehre jede Meinung. Nachdem ich Dich umarmt habe, bleibt mir weiter nichts zu tun übrig, als Dir meine Wohnung zu bezeichnen, denn ich bin Deines Zartgefühles zu gewiß, um einen Augenblick daran zu zweifeln, daß Du mir das Vergnügen gewähren wirst, mich dort, und zwar bald, wieder zu umarmen.«

Bei diesen Worten zog er aus seiner Brieftasche eine elegante Visitenkarte und überreichte sie Eugenie.

»Ich hoffe, Fräulein Luise d'Armilly,« fuhr er mit einem Lächeln fort, das er liebenswürdig zu machen strebte, »Sie werden sich nicht weigern, Ihre Schülerin zu begleiten.«

»O, wir trennen uns nie, Herr Baron,« entgegnete Luise.

»Vortrefflich!«

Der Baron nahm Abschied von Eugenie, verneigte sich vor Luise und ging, sehr zufrieden mit der Art und Weise, wie er Eugenies Gunst gewonnen hatte.

»Nun, meine Liebe,« sagte die letztere zu Luise, sobald der Baron sich entfernt hatte, »ist mein Vater nicht sehr liebenswürdig?«

»Ich begreife den Unterschied nicht,« erwiderte Luise. »In Paris war er viel geiziger mit Worten, und nie traten auf seine Lippen Ausdrücke der Zärtlichkeit, wie zum Beispiel: meine teure Tochter.«

»O, in Paris war er in seiner Rolle.«

»Wieso?«

»Er war Bankier.«

»Und –?«

»Ein Bankier hat weder Tochter, noch Frau, noch Freund – er hat nichts weiter als Zahlen.«

*

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