Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Dumas-Le Prince >

Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/dumas-le/totenhan/totenhan.xml
typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121227
projectideb7b626a
Schließen

Navigation:

XV. Mann und Frau.

Der Baron Danglars wendete noch einmal seinen Kopf, der flach war, wie der eines Fuchses, zurück, um Benedetto ein Wort zu sagen; aber der Bandit sprang die Treppe bereits hastig hinab und verschwand, ohne dem Baron Zeit zu lassen, seinen Satz zu beenden.

Als Danglars sich allein sah, schritt er nach dem Zimmer der Baronin, an deren Tür er Maestro Pastrini traf, welchem er sorglich sagte: »Haben Sie bereits meinen Besuch gemeldet?«

»Ew. Exzellenz,« erwiderte der Italiener, »wollen ohne Zweifel fragen, ob ich Ihren Namen gemeldet habe?«

»O, Signor Gastwirt, keine Wortspiele, wenn es Ihnen gefällig ist!« sagte Herr von Danglars, indem er sich auf komische Weise das Ansehen eines beleidigten Aristokraten gab.

»Verzeihung, Exzellenz; aber die Sache ist nicht so unbedeutend, wie sie scheinen mag. Um die Ehre zu haben, Ihren Besuch zu melden, ist es durchaus nötig, daß ich mich an irgend jemand wende.«

»Nun?«

»Dieser jemand aber ist es, der mir fehlt.«

»Was soll das heißen?«

»Ich denke, Eure Exzellenz fragen nach meinem Gaste, nicht wahr?«

Der Baron machte eine Bewegung.

»Nach dem jungen Herrn von Servières?«

»Sind Sie verrückt, Maestro? Der Name von Servières ist der einer Dame, denn ich kenne die Familie genau und weiß, daß sie gegenwärtig keinen einzigen männlichen Sprößling zählt. Diese Dame also ist es, die ich zu sprechen wünsche.«

Maestro Pastrini warf den Kopf in die Höhe.

»Aber mein Herr,« sagte er, »diese Dame wohnt nicht in meinem Hotel; in diesen Zimmern befindet sich nur ein junger Herr aus der Familie von Servières, und die Dame, die in diesem Augenblick hier ist, macht, wie ich denke, nur einen Besuch; denn sie befindet sich kaum seit diesem Morgen hier.«

»Ich wiederhole Ihnen, daß Sie verrückt sind, verrückt zum Schließen! Der Name Servières kann jetzt nicht der eines Mannes sein, und ich weiß überdies, daß die Dame, nach der ich frage, Ihr Gast ist. Es ist eine reizende Frau,« fuhr der Baron fort, indem er das anmutigste Lächeln auf seine Lippen lockte, um sich der Baronin vorzustellen. »Nun, Maestro, lassen Sie mich hinein.«

»Bei dem Blute Christi!« rief Pastrini, indem er die Keckheit so weit trieb, dem Baron den Weg zu vertreten. »Noch ein Wort, Exzellenz.«

Der Baron von Danglars schleuderte ihm einen zornigen Blick zu, welcher sagen zu wollen schien: »Mit welchem Rechte wagen Sie es, einen Mann aufzuhalten, der die Schwelle zum Zimmer seiner Gattin überschreiten will?«

Er unterdrückte indes seinen Unwillen und machte eine Bewegung, welche heißen konnte: »Sprechen Sie und seien Sie kurz.«

»Herr Baron, haben Ew. Exzellenz die Gewißheit, daß die fragliche Dame ganz zuverlässig und unzweifelhaft eine Frau ist?«

»Was ist das?« rief der Baron, indem er unwillkürlich, wie durch die Frage betäubt, einen Schritt zurückwich.

Maestro Pastrini ließ sich nicht entmutigen.

» Per la Madonna, Exzellenz,« erwiderte er, »wissen Sie ganz gewiß, daß es eine Frau ist?«

»Ich soll es vielleicht nicht wissen!« sagte mit nachdrücklichem Wesen der Baron immer verwunderter.

»Ach, mein Herr,« murmelte Pastrini, indem er erblaßte und an allen Gliedern zitterte. »Habe ich Ihnen einen Rat zu geben, so ist es der: Treten Sie nicht ein!«

»Und weshalb nicht?«

»Ich erkläre Ihnen, daß mein Gast nicht viel was Gutes sein kann.«

»Was Teufel sagen Sie denn da?«

»Er hat Verbindungen mit einem Individuum, welches in einem Kästchen eine Totenhand mit sich führt.«

Der Baron tat unwillkürlich einen Satz.

»Und dieser Mensch?« fragte er.

»Man sagt, er sei ein Zauberer.«

»Und die Dame?«

»Man hält Sie für seinen Zögling.«

»Ei, ei, Maestro, sollte man nicht meinen, Sie wären erst gestern von Ihrem Dorfe hereingekommen und lebten noch nicht einen Tag in einer großen Stadt?«

»Lachen Sie, spotten Sie, soviel Sie wollen, Exzellenz, aber man hat so außerordentliche Dinge gesehen, daß es beinahe unmöglich ist, sich manchem veralteten Glauben zu entziehen. Ich schwöre Ihnen, daß morgen um diese Stunde diese Zimmer leer sind, oder ich will meinen Namen verlieren.«

Der Baron zuckte die Achseln, schritt über die Schwelle und ging durch das erste Zimmer, um das Kabinett zu betreten, in welchem Frau von Danglars sich befand.

Die Baronin war damit beschäftigt, vor dem Spiegel einige ihrer schönen Haarlocken zu ordnen, und niemand hätte in ihren Zügen die geringste Spur der Aufregung lesen können, welche ihr weniger als eine halbe Stunde zuvor das Herz zerriß. Ihre schwarzen, in dem gewöhnlichen Feuer glänzenden Augen, welche nur durch eine einzige Linie zwischen den beiden Augenbrauen von der schönsten Wölbung getrennt wurden, sprachen jene Festigkeit des Charakters aus, welche mehr den römischen als den französischen Frauen angehört, die aber gleichwohl ein unterscheidendes Zeichen vieler edlen Familien Frankreichs ist, und sich von Generation zu Generation fortpflanzt. Ihre hochmütig zusammengekniffenen Lippen ließen dem bewegten Herzen nicht den leisesten Schrei des Schmerzes entschlüpfen; ihre festen, wohlgerundeten Arme, ihre beweglichen Hände, ihre langen, schlanken Finger, kurz alles an ihr zeigte in diesem Augenblick die vornehme Dame von Servières, Baronin Danglars, so wie sie stets in den Augen der Welt gewesen war, das heißt, von festem Charakter, dünkelvoll und adelig. Ehe der Baron ihr Gesicht sehen konnte, hatte sie seine Züge bereits in dem Spiegel erblickt, und Frau von Danglars verfehlte nicht, die Verlegenheit zu bemerken, mit welcher der Baron eintrat, obgleich er eine unglaubliche Anstrengung machte, sie zu besiegen.

Die Baronin wartete ihre Zeit ab, brachte ihr Haar vollends in Ordnung, ging dann zu dem Sekretär, und indem sie denselben verschloß, wußte sie das darin befindliche Geld klingen zu lassen; dann ging sie noch einigemale auf und nieder und drehte sich endlich um.

»Ah! Sie waren hier, mein Herr?« rief sie, als hätte sie ihren Gatten noch erst am vorigen Tage gesehen. »Man sollte glauben, Sie hätten die Absicht, sich sogleich wieder zu entfernen, denn wenn ich mich nicht täusche, so haben Sie sich noch nicht einmal nach einem Stuhl umgesehen.«

Diese Worte brachten ihre Wirkung hervor. Der Baron sammelte sich, trat einige Schritte vor und setzte sich dann dem Sofa gegenüber auf eben den Stuhl, auf dem auch Benedetto gesessen hatte.

»Es ist heute ziemlich kalt!« sagte er, indem er den Ueberrock auf der Brust zuknöpfte.

»Ich habe noch nicht Zeit gehabt, es zu bemerken. Ich glaube, es erwärmt uns merklich, wenn wir schreiben und nachdenken.«

»Sie haben ohne Zweifel viel geschrieben?«

»Ich habe acht oder neun Briefe nach verschiedenen Orten expediert, denn ich bedarf in der Tat meiner Kapitale und fordere sie ein, weil ich gewisse andere Angelegenheiten zu beendigen wünsche.«

Der Schweiß rieselte bei diesen Worten dem Baron Danglars von der Stirn.

»Ich weiß wahrhaftig nicht, Frau Baronin, weshalb oder wie Sie einer jener Maschinen, die man gewöhnlich Schreiber nennt, entbehren können.«

»O, seitdem ich so glücklich bin, allein zu leben, Herr Baron,« entgegnete sie, »sind mir die Dinge zum Abscheu geworden, gegen welche ich über kurz oder lang Mißtrauen hegen könnte.«

Es entstand ein Augenblick tiefen Schweigens. Die Baronin unterbrach ihn.

»Sie sind so freundlich gewesen, mich zu begrüßen – kann ich Ihnen vielleicht in irgend etwas nützlich sein?« fragte sie ihren Gemahl.

»Gnädige Frau – halten Sie mich denn in einem solchen Grade für eigennützig?«

»Nun, dabei wäre eben nichts zu verwundern,« entgegnete sie lachend. »Ein Blick in – doch ich bitte um Verzeihung – ich weiß nicht, ob Sie in Rom Ihr in Paris aufgegebenes Geschäft fortsetzen. Indessen glaube ich wohl annehmen zu dürfen, daß Sie Ihre mitgenommenen sechs Millionen nicht im Schubkasten liegen ließen. – Ach, a propos von Paris – Sie wollten also durchaus nicht dahin zurückkehren? Gleichwohl schienen Sie einen so großen Gefallen an dieser Stadt zu finden!«

»Wichtige Angelegenheiten haben mich in Rom zurückgehalten,« erwiderte der Baron, indem er seine Worte auf eine solche Weise kaute, daß dabei seine Zunge ganz trocken wurde und er die Worte kaum deutlich hervorzubringen vermochte.

»Das Klima Italiens ist Ihnen günstig, wie es scheint?« fuhr sie fort.

»Ich fühlte mich in Frankreich wohler,« entgegnete der Baron; »indes bin ich überzeugt, daß es mir in Rom jetzt besser gefallen wird – wenn Sie nämlich die Absicht haben, hier zu bleiben.«

»O nein – ich gehe nach Civita Vecchia,« entgegnete rasch die Baronin, indem sie sich stellte, als hätte sie den Sinn der Worte ihres Gemahls, der dabei melancholisch seufzte, nicht aufgefaßt.

»Ei, Herr Baron,« sagte sie, »mir scheint, Sie haben Gewohnheiten angenommen, die ich in Paris bei Ihnen nicht kannte. Dort hörte ich Sie niemals seufzen.«

»Nichts ist natürlicher, gnädige Frau. – In Paris hatte ich nicht zu leiden –«

»In Rom leiden Sie also?«

»O!«

»Gibt es denn hier keine guten Aerzte? Freilich ist Italien, wenn ich nicht irre, fruchtbarer an Sängern als an Schülern des Aeskulap.«

»Gnädige Frau, mein Uebel geht über die Wissenschaft der Medizin, nicht nur in Rom, sondern in allen Hauptstädten Europas,« erwiderte der Baron, indem er jedes seiner Worte besonders betonte, als wollte er die Aufmerksamkeit der Baronin erwecken, die rasch fragte:

»Woran leiden Sie denn? An den Nerven wahrscheinlich? – Das ist die Modekrankheit.«

»Die Nerven – ja, Frau Baronin, Sie haben es getroffen,« erwiderte er. »Das Uebermaß der Aufregungen bewirkt die Krankheit, die man mit dem unbestimmten Namen ›die Nerven‹ bezeichnet.«

»Ach, das ist viel gefährlicher, als ich dachte, Baron. Es scheint, Sie haben sehr lebhafte Gefühle, außerordentlich lebhafte sogar, und das taugt durchaus nichts.«

»Nehmen Sie ein Gefühl an, welches dem Herzen zugleich peinlich und süß ist – die Reue z. B.,« sagte der Baron, indem er dieses Wort mit dem tiefsten Seufzer begleitete, über den er zu gebieten imstande war.

Die Baronin runzelte die Augenbrauen, als hätte sie eine Sache gehört, die sie nicht zu begreifen vermochte.

»Reue?« wiederholte sie. »Reue, und worüber?«

»Ach, Frau Baronin, worüber Reue?«

»Sie haben vielleicht irgend ein Kapital verloren?«

»Ich verlor mehr als das!«

»Ich begreife Sie immer weniger! Vielleicht irgend ein Spielwerk von großem Werte, ein teures Andenken?«

»Noch mehr!«

»Nun dann weiß ich nicht mehr, was ich sagen soll.«

»Ach ich verlor – Verzeihung – ich will sagen, daß es eine Zeit gab, wo ich verloren habe –«

»Vollenden Sie!«

»Gnädige Frau, o, ich verlor etwas –« rief endlich der Baron mit einer höchst lächerlichen Bewegung, über welche die Baronin ein so kaltes und entmutigendes Gelächter ausstieß, daß er dadurch ganz verwirrt wurde.

Der arme Baron verstummte.

»Wie!« sagte die Baronin, »Sie haben einen so großen Verlust gehabt und ließen ihn nicht an allen Straßenecken mit den gewöhnlichen Anzeigen einer anständigen Belohnung für den ehrlichen Finder bekannt machen? Es scheint, mein lieber Baron, als hätten Sie alles von der Zeit und der Geduld erwartet.«

»Ach jawohl, ich habe alles erwartet – alles erhofft – Sie sind ein Engel! Soll ich mich etwas mehr an die Vergleiche dieser Erde halten, so sind Sie eine Frau, wie es wenige gibt, und Ihr Verstand streift an die Grenzen des Wunderbaren.«

»Und Sie, Herr Baron, sind ein Mann, dessen Anmut und Liebenswürdigkeit bezaubern,« erwiderte die Baronin und fügte dann nach einer kleinen Pause, welche ohne Zweifel für den armen Danglars sehr peinlich war, hinzu:

»Wissen Sie wohl, daß ich in Ihrer Unterhaltung einen unaussprechlichen Reiz finde?«

»Ich danke Ihnen tausendmal! – Aber Sie sagten mir soeben, Sie hätten die Absicht, nach Civita Vecchia zu gehen?«

»Sagte ich das? – Wahrlich, ich erinnere mich dessen nicht mehr – ich fühle überdies nicht mehr den Mut dazu; es ist so traurig, allein zu reisen.«

»Ach, jawohl, sehr traurig. Was mich betrifft, so verabscheue ich alles, was alleinstehen heißt, und wenn wir in diesem Punkt übereinstimmend wären, so würde ich die Verwegenheit so weit treiben, Ihnen eine Gesellschaft anzubieten –«

»Das ist sehr unbestimmt!«

»Die meinige.«

»Wirklich? – Sie sind sehr liebenswürdig! Ich nehme sie an, ich nehme sie von ganzem Herzen an.«

»Ach, Baronin,« rief er, indem er aufsprang und die Arme ausbreitete, als wollte er sie an seine Brust ziehen.

Sie machte dieselbe Bewegung, aber plötzlich schien sie sich zu besinnen, wich einen Schritt zurück und setzte sich mit der größten Ruhe von der Welt wieder auf den Diwan.

Diese plötzliche Kälte machte das Herz des armen Barons erstarren, der sich bereits in Gedanken auf dem Punkt gesehen hatte, nicht mehr noch weniger zu umarmen als schöne drei Millionen.

»Einen Augenblick noch, mein Herr,« sagte die Baronin mit der unwandelbarsten Kaltblütigkeit. »Wenn das Gefühl der Reue auf Sie einen so starken Eindruck gemacht hat, wie Sie behaupten, empfinde ich in diesem Augenblick einen, der nicht minder mächtig ist, als der Ihrige, und durch die Erinnerung an eine vergangene Tatsache hervorgerufen wird, durch die Erinnerung an einen Brief.«

Diese Worte glichen einem unerwarteten Stockschlage, den der Baron nicht zu vermeiden imstande war. Er wurde daher auf der Stelle entsetzlich blaß.

»Als Sie Paris verließen,« fuhr die Baronin fort, »empfing ich einen Brief, der mit Ihrer Unterschrift geschmückt war. Dieser Brief enthielt Ausdrücke, die sehr bemerkenswert sind – Ausdrücke, deren Sie sich ohne Zweifel erinnern!«

»O ich schwöre Ihnen, daß ich die Erinnerung daran vollständig verloren habe.«

»Wirklich? – Nun, so will ich sie zurückrufen. Hier ist der Brief.«

Bei diesen Worten zog sie aus ihrer Tasche eine elegante Schreibtafel und aus dieser einen Brief, den sie entfaltete, indem sie Anstalt traf, ihn mit lauter Stimme zu lesen.

»Hören Sie, Baron, dieser Brief läßt mich an vielen Dingen zweifeln, und unter andern auch an Ihrer Existenz selbst. Hören Sie nur:

»Gnädige Frau und sehr getreue Gattin!
»Wenn Sie diesen Brief empfangen, haben Sie keinen Gatten mehr!
»O beunruhigen Sie sich nicht zu schnell. Sie werden keinen Mann mehr haben, wie Sie keine Tochter mehr besitzen, das heißt, ich werde mich auf einer der dreißig oder vierzig Straßen befinden, welche aus Frankreich hinausführen.
»Ich bin Ihnen Erklärungen schuldig, und da Sie eine Frau sind, die fähig ist, sie zu verstehen, will ich sie Ihnen geben.
»Hören Sie also: mir ist diesen Morgen eine Zahlung von fünf Millionen über den Hals gekommen, und ich habe sie bewirkt: eine andere über die gleiche Summe folgte beinahe unmittelbar und ich verschob sie auf morgen.
»Heute reise ich, um dieses Morgen zu vermeiden, weil mir dasselbe zu unangenehm zu ertragen sein würde.
»Sie begreifen das, nicht wahr, gnädige Frau und sehr verehrte Gemahlin?
»Ich sage: Sie begreifen es, weil Sie sich auf Geschäfte verstehen wie ich; vielleicht sogar noch besser.
»Haben Sie sich zuweilen über meinen Sturz gewundert, gnädige Frau? Wurden Sie durch das Schmelzen meiner Goldbarren geblendet? Ich, das muß ich Ihnen gestehen, erblickte darin nur Feuer; hoffen wir, daß Sie in der Asche etwas Gold gefunden haben.
»Mit dieser trostreichen Hoffnung entfernte ich mich, gnädige Frau und sehr kluge Gemahlin, ohne daß mein Gewissen mir den geringsten Vorwurf darüber macht, Sie zu verlassen!
»Es bleiben Ihnen Freunde, die erwähnten Aschenreste und, um das Glück vollständig zu machen, die Freiheit, die ich Ihnen zurückzugeben mich beeile.
»Indes, gnädige Frau, ist der Augenblick gekommen, in dieses Wort der vertraulichen Mitteilung einen Paragraphen einzuschieben.
»So lange ich hoffte, daß Sie zum wohl unseres Hauses, für das Glück unserer Tochter, arbeiteten, schloß ich philosophisch die Augen; aber da Sie aus meinem Hause eine gewaltige Ruine bildeten, verspüre ich keine Lust, zum Fundamente des Glückes für einen andern zu dienen.
»Ich nahm Sie reich, aber nicht sehr geachtet. – Verzeihen Sie, daß ich so freimütig mit Ihnen rede. Ich vermehrte unser Vermögen, welches während der Zeit von fünfzehn Jahren stets zunahm, bis zu dem Augenblicke, wo noch immer mir unbegreifliche Katastrophen mich packten und zu Boden warfen, ohne daß ich, wie ich wohl behaupten darf, daran irgend eine Schuld trug.
»Sie, gnädige Frau, haben nur daran gearbeitet, Ihr eigenes Vermögen zu vergrößern, und das ist Ihnen vollkommen gelungen, wie ich moralisch überzeugt bin.
»Ich verlasse Sie daher, wie ich Sie genommen habe: reich, aber nicht sehr geachtet.
»Leben Sie wohl!
»Auch ich will von heute an für meine eigene Rechnung arbeiten.
»Glauben Sie den Versicherungen meiner Dankbarkeit für das Beispiel, das Sie mir gegeben haben und das ich befolgen werde.

»Ihr sehr ergebener Gatte
Baron Danglars.«

Während der Vorlesung des Briefes wechselte der Baron mehrmals die Farbe und blickte instinktmäßig drei- oder viermal im Zimmer ringsumher. Die Baronin wendete ihren feinen, durchdringenden Blick nicht von dem Gesicht ihres armen Gatten ab, der zu begreifen anfing, was für eine erbärmliche Figur er spielte.

Mit der Verlegenheit und der Verwirrung des ehemaligen Kapitalisten genoß die Baronin langsam die Rache.

»Herr Baron,« rief sie endlich laut lachend, »wie kommt es, daß Sie sich mir zum Begleiter anbieten, da ich nach Ihrem offenen Bekenntnis wenig achtungswert und geachtet bin?«

»Baronin,« entgegnete er, indem er ein rebellisches Lächeln auf seine dicken blauen Lippen zu rufen strebte, »glauben Sie mir, daß dieser Brief nur das Erzeugnis eines fürchterlichen Augenblickes der Verblendung ist. – Ich sah mich verloren, und Sie, die Sie, wie ich bereits die Ehre hatte, Ihnen zu sagen, eine Frau sind, welche sich durch ihren Verstand vor allen übrigen Frauen auszeichnet, Sie hätten dies bereits erkennen sollen.«

»So hoffen Sie also vielleicht, daß ich Ihnen den Wahnsinn dieses Briefes verzeihen soll?« fragte sie.

»Ja, gnädige Frau, ich gestehe Ihnen, daß dies mein glühendster Wunsch ist!« rief der Baron, welcher einen neuen Strahl der Hoffnung in sein Herz fallen fühlte.

»Darf ich es glauben?«

»Ach jawohl, jawohl, gnädige Frau! Ich habe Sie beleidigt – ich bitte Sie deshalb um Verzeihung.«

Und der Baron Danglars hatte den unglücklichen Einfall, ein Knie zu beugen und seinen kahlen Schädel bis beinahe zu den Füßen seiner Gemahlin niederzusenken.

Jetzt schien die Baronin den höchsten Gipfel ihres Triumphes erreicht zu haben. Sie trat rasch zwei Schritte zurück und stieß ein lautes Gelächter aus, dessen Echo lange in dem Herzen des armen Barons wiedertönte.

»Gemeiner, verächtlicher Mensch!« rief sie aus, »ich sehe Dich also endlich Deinen Kopf schmachvoll zu meinen Füßen beugen, mit Deinen schmutzigen Lippen die Verzeihung für Deine groben Ausdrücke erflehen! Indessen habe ich Dir diese Verzeihung nicht zu gewähren, denn auch ich bin strafbar! – Stehen Sie auf, mein Herr – gehen Sie! Ihr Glück auf Erden ist für immer vernichtet! Ich erkenne, daß Sie nicht einen Taler Ihr eigen nennen, denn Sie flehen mich um unsere Wiedervereinigung nur an, indem Sie denken, ich besitze noch die Gelder, die Sie mir in Paris zurückließen. – Auch ich bin arm, mein Herr, und ich erblicke nur eine traurige Zukunft vor mir – oder vielmehr das vollständige Elend! – Gehen Sie, Baron von Danglars. Wäre es nicht so, dann würde nie, nein, nie eine Frau mit Ihnen leben, die Sie entehrt hat, und die von Ihnen verlassen wurde. Ich mache Ihnen daraus kein Verbrechen, aber ich verachte Sie wegen Ihres heutigen Schrittes, der mir zeigt, daß in Ihnen nicht das geringste Gefühl der Ehre und der Rechtschaffenheit lebt.«

Die Baronin schwieg, indem sie aufs neue ein krampfhaftes, beinahe wahnsinniges Lachen ausstieß.

Der Baron war vernichtet.

»Ein Gott oder ein Mensch hat den gänzlichen Untergang Deines Hauses geschworen, und Dein Haus soll Stein bei Stein niedergeworfen werden!« fuhr die Baronin fort, in deren glühendem und beweglichem Blicke das Feuer eines plötzlichen furchtbaren Wahnsinnes zu blitzen schien. »Ein Gott oder ein Mensch hat meine Schmach, mein Elend geschworen! Entferne Dich, Danglars, denn unsere Atemzüge vergiften uns gegenseitig, als vereinigten sie sich in der Luft, ein gräßliches Gift zu erzeugen! – Ach, das Elend! Das Elend, mit allen seinen Greueln, allen seinen Erniedrigungen, zeigt sich meinen Augen als ein bleiches, drohendes Gespenst, welches den Reichtum verschlang! – Es ist Reue! – Es ist Reue!«

Die Baronin preßte das Gesicht in die Hände und blieb so längere Zeit stehen, den Kopf nach hinten übergeworfen und am ganzen Körper zitternd. Als sie wieder zu sich kam, waren ihre Wangen durch das düstere Rot des Wahnsinns gefärbt. Sie ließ langsam die Blicke umherschweifen, und heftete sie auf jeden Gegenstand, als wollte sie sich zurechtfinden, dann ging sie zu ihrem Sekretär, setzte sich traurig davor nieder und zählte maschinenmäßig das Geld, welches Benedetto ihr gelassen hatte. Der Baron benutzte den Zustand der Betäubung, in welchen seine Frau versunken zu sein schien, nahm seinen Hut und entfernte sich geräuschlos.

*

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.