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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 15
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
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XIV. Der Raub.

Begünstigt und unterstützt durch den Zufall, schien der Sohn des ehemaligen Staatsanwalts ohne Schwierigkeit alle Stufen auf der Bahn des Verbrechens durchlaufen zu sollen. Wie das Glück zuweilen die Laune zu haben scheint, einen Menschen zu seinem Günstling zu machen, ebenso heftet sich auch das Unglück an die Fersen eines andern, den es zu seinem Opfer erkoren hat, und bezeichnet mit dem Stempel der Schmach sein ganzes Leben, von seinem ersten Atemzuge bis zu seinem letzten Seufzer. Für diesen Menschen gibt es weder Gott, noch Liebe, noch Vaterland; für ihn, den Sohn des Verbrechens, ist sein Anteil an dieser Welt Verbrechen und Fluch; jenseits der irdischen Existenz erblickt er nur ewige Nacht – das Nichts!

Benedetto schien einer dieser Söhne des Verhängnisses zu sein, für welche die andern Menschen keine Brüder sind, denn sie hatten ihn nie in ihrer Mitte aufgenommen, als indem sie ihm ein Lachen der Verachtung in das Gesicht schleuderten; denn sie hatten alle bürgerlichen und religiösen Bande verleugnet, durch welche er an die allgemeine Familie hätte gefesselt werden können.

Benedetto war ein Paria.

Wie oft haben wir uns überzeugt, daß diese Wesen, die Söhne der Vorsehung, gleich allen andern Menschen, durch die geheimnisvollen Bestimmungen der Allmacht von der Tugend ausgeschlossen sind, um durch ihre verbrecherische Verwegenheit die zu züchtigen, welche, sich selbst für die Diener Gottes haltend, die Kraft und die Macht mißbrauchen, welche dieser Gott ihnen anvertraut hatte, und die sich durch die Gewalt einer sie beherrschenden Leidenschaft fortreißen lassen.

Benedetto verfolgte einen Menschen, der, wie so viele andere, seine Macht mißbraucht hatte, indem er eines der schönsten Vorrechte des Ewigen, die Barmherzigkeit, verhöhnte! – Ha, Ihr erbärmlichen Würmer der Erde, die Ihr Euch für ebenso aufgeklärt, ebenso weise haltet wie Gott, ebenso mächtig wie er! Arme Geschöpfe, die der Stolz berauscht! Steigt hinab in Euch selbst, befragt Euch, und Ihr werdet erkennen, daß der Eifer, den Ihr in Euch fühlt und den Ihr für die geheiligte Flamme der Begeisterung haltet, nichts weiter ist, als das übertriebene Verlangen einer irdischen Leidenschaft, die Euch beherrscht, Euch verlockt, Euch fortreißt! – Ihr schmäht dann durch Eure Torheit die unendliche Gerechtigkeit und die unaussprechliche Güte des Schöpfers! Ihr verbreitet rings um Euch her Zwist, Tod und Märtyrertum, gleich einem Samen des Fluches, und Ihr wagt zu behaupten, es sei die unendliche und erhabene Gerechtigkeit eines allmächtigen Gottes, die Euch begeistert! – Hinweg mit Euch!

So kann der Mensch, der sich rühmen darf, der Gerechteste auf der Erde zu sein, einen der größten Fehler der Menschheit besitzen: die Eitelkeit!

Nachdem die Baronin Danglars den Brief empfangen hatte, den ihr der vorgebliche Graf von Monte Christo durch die Hand seines Sekretärs geschickt, glaubte sie fest, der Graf sei in Rom, und er beabsichtige infolge einer jener zahlreichen Launen, die man an ihm kannte, ihre Gunst zu erlangen, ehe er sich selbst ihr zeigte. Nachdem sie gezittert hatte, als er durch seinen ersten Brief ihr erklärte, ihr Geheimnis in Rom sei entdeckt, gewann sie ihre vollkommene geistige Ruhe wieder, als er durch seinen zweiten Brief die bestimmte Versicherung gab, ihr Name würde durch den überspannten Plan einer Entführung Eugeniens nicht kompromittiert werden. Demzufolge dachte sie reiflich über die Zweckmäßigkeit nach, sich wieder mit ihrem Manne zu vereinigen, dessen Vermögen ihr auf gutem Fuße zu stehen schien, weil der arglistige Benedetto nicht versäumt hatte, in seinem zweiten Briefe die noch in ihren Ohren tönenden Worte einfließen zu lassen: »Ich frühstückte heute beim Baron Danglars in seinem reizenden Landhause, wo ich mehrere Gegenstände von großem Werte und ausgezeichnetem Geschmack bemerkte.«

Diese Worte wurden von der Frau von Danglars vier ganze Stunden lang ausführlich studiert, analysiert und kommentiert.

Es war ganz offenbar, daß der Baron sehr reich sein mußte, wenn er ein reizendes Landhaus und Gegenstände von großem Werte und ausgezeichnetem Geschmack besaß, welche die Aufmerksamkeit eines Mannes wie der Graf von Monte Christo, auf sich gezogen hatten; in diesem Falle fand es die schöne Baronin, welche auch ihre Schwäche besaß, gar nicht so übel, nach einer kleinen Strafpredigt das Vergangene zu vergessen, um sich mit dem wieder zu vereinigen, der noch nicht aufgehört hatte, ihr Gatte zu sein.

Als diese Ansicht einmal bei ihr feststand, begann die Zukunft sich vor ihr in einem nebelhaften Lichte zu zeigen. Sie erschien gleich einer jener Operndekorationen, die sich allmählich entrollen und uns ein ganz neues Paradies zeigen. Sie gewahrte London; aber sie erblickte es nicht finster und traurig, wie es ist, sondern strahlend in Vergnügungen, Luxus und Pracht, wie es in der Tat für die wird, welche das Glück auf eine Stufe gestellt hat, die ihnen gestattet, die Luft der ausgezeichneten Gesellschaft zu atmen.

Die Gesetze der Etikette, welche diese Gesellschaft beherrschen, sind etwas strenger als in jedem andern Lande. Tadel und Vorwürfe verfolgen jede fremde Dame, die sich nicht in einer bestimmt bezeichneten Stellung präsentieren kann, und dies war der Grund, weshalb Frau von Danglars nicht nach London ging, als sie Paris verließ.

Sie fürchtete drei Fragen nach ihren Verhältnissen, und noch mehr als diese Fragen, drei Antworten, nach denen die Neugier notwendigerweise Tag und Nacht gesucht haben würde:

War sie verheiratet?

War sie Witwe?

War sie unverheiratet?

Die Fragen und die Antworten waren aber nicht der Art, daß man sie in zahlreicher Gesellschaft aufwerfen konnte.

Frau von Danglars kannte sehr gut das Gesetzbuch der Welt und der Gesellschaft in den verschiedenen Ländern; deshalb zog sie es vor, sich nach Rom zu begeben, wo jedermann seinem Geschmacke lebt und wo sie, wie wir gesehen haben, geneigt war, sich wieder mit dem Baron Danglars zu vereinigen, nachdem sie durch eine Art von Scheidung beinahe zwei Jahre von demselben getrennt gewesen war.

Um vier Uhr nachmittags an dem Tage, welcher auf die Nacht folgte, deren Ereignisse wir in dem vorhergehenden Kapitel erzählten, hatte der geheimnisvolle Jüngling von Servières, der im ersten Stock des Hotels zur Erdkugel, Via del Corso, wohnte, sein Mittagsmahl beendet und war verschwunden, um einer stolzen, aristokratisch bleichen, mit Eleganz und Reichtum gekleideten Dame Platz zu machen, einer Dame, welche keine andere war als die interessante Baronin Danglars.

Maestro Pastrini wußte nichts von dieser Metamorphose, und zwar aus dem sehr natürlichen Grunde, weil er bei der Servierung des Mittagessens das Speisezimmer stets leer fand, und wenn er die Tafel wieder abdeckte, ebenfalls keine lebende Seele erblickte. Er war an diesen Umstand so sehr gewöhnt, daß es ihm nicht einmal in den Sinn kam, sich nach seinem Gaste umzusehen, der übrigens sehr gut, und ohne irgend eine Bemerkung, bezahlte, und deshalb das vollkommenste Recht auf alle Rücksichten der Verschwiegenheit und Bescheidenheit hatte. Ungeachtet der sonderbaren Gerüchte, welche bereits in Beziehung auf den jungen Servières in Umlauf zu kommen begannen, beschränkte daher Maestro Pastrini sich darauf, zu sagen, die Zeit würde schon das ganze Geheimnis aufklären.

Frau von Danglars erwartete daher den Besuch ihres Gatten, der ihr durch den Grafen von Monte Christo gemeldet worden war, als sie plötzlich die Stimme des Maestro Pastrini vernahm, der ihr durch die halbgeöffnete Tür ihres Zimmers zurief:

»Signor! Signor!«

» Che cosa?« fragte Frau von Danglars mit einer so tiefen Stimme, als es ihr möglich war, und indem sie ihrer Aussprache den italienischen Dialekt zu geben versuchte.

»Erlauben Sie?«

»Treten Sie ein.«

Maestro Pastrini, der beständig dieselbe Frage getan hatte und darauf regelmäßig eine verneinende Antwort empfing, sah jetzt die Schranke niedergerissen, die sich bisher in dieser Beziehung seiner Neugier entgegengestellt hatte, öffnete schnell die Tür, trat hinein und ließ seinen Blick argwöhnisch und verwundert im Zimmer umherschweifen.

»Bei dem Blute Christi!« murmelte er in sich hinein, indem er die Frau von Danglars erblickte, »der junge Herr von Servières hat dort in seinem Zimmer recht schöne Spielsachen, um sich die Langeweile zu vertreiben! – Das ist vielleicht eines der Reizmittel, deren er bedarf, um seine Apathie zu bannen.«

»Was soll es, Maestro Pastrini? Was wollen Sie?« fragte die Baronin.

»Signora,« sagte Pastrini, indem er die Augen weit aufriß, »ich wollte – ich suchte –«

Doch Frau von Danglars unterbrach ihn, indem sie sagte: »Ich verstehe. Herr von Servières ist ausgegangen; wenn Sie indes irgend einen Besuch zu melden haben, so dürfen Sie es tun.«

»Sollte das vielleicht ein Werk der Zauberei sein?« dachte Pastrini. »Die Stimme dieser Dame gleicht zum Verwechseln der des jungen Herrn von Servières.«

»Nun! Sprechen Sie!«

»Sehen Sie diese Karte.«

Damit überreichte Pastrini eine elegante Visitenkarte, indem er den Arm soweit wie möglich vorstreckte, um sich der Frau von Danglars nicht zu nähern. Die Baronin nahm die Karte und las: »Der Sekretär des Grafen von Monte Christo.« – Sie machte eine Bewegung der Ueberraschung und gab dann mit der Hand dem Maestro Pastrini ein Zeichen. Er entfernte sich sogleich, um ihrem Winke zu gehorchen.

Während sich der Auftritt zutrug, stand in der Vorhalle des Hotels ein Mensch, der auf jemand zu warten schien. Peppino, der beständig hier umherschweifte, um Neuigkeiten auszuwittern, sah diesen Menschen, zog sogleich den Hut über die Stirn und stellte sich demselben in den Weg, den Kopf tief auf die Brust gesenkt.

»Signor,« murmelte er mit leiser Stimme, als Benedetto an ihm vorbeiging.

»Ihr seid es, Peppino? Was wollt Ihr?«

»Ihre Befehle empfangen.«

Benedetto tat noch einige Schritte, ohne zu antworten, kehrte dann um und blieb vor dem Banditen stehen.

»Für den Dienst des Herrn Grafen,« sagte er, »einen Wagen binnen hier und einer halben Stunde – in einer geringen Entfernung vom Hotel. Es ist nicht nötig, Euch zu empfehlen, daß der Kutscher verschwiegen sein muß.«

»Als ob er taubstumm wäre,« entgegnete Peppino. »Ei, ich weiß schon, wie Se. Exzellenz bedient zu werden lieben!«

»Einen Augenblick noch!« sagte Benedetto. »Kennt Ihr vielleicht einen Schiffskapitän?«

Peppino lächelte pfiffig.

»Ich weiß wohl, daß ihr hundert kennt,« sagte ungeduldig Benedetto. »Se. Exzellenz hat mir, von Euch sprechend, Euch als einen beinahe zu allem tüchtigen Menschen geschildert. Also – er bedarf eines kleinen Luggers oder einer Yacht, eines Schnellseglers nach –«

»Nach der Insel Monte Christo, darauf möchte ich wetten!« fiel Peppino ihm mit einem Ausdrucke des Triumphes in das Wort.

Benedetto runzelte die Stirn und sagte sogleich mit dem Tone eines Menschen, der den, mit welchem er spricht, genau kennt:

»Ihr saget die Wahrheit.«

»Beruhigen Sie sich, Signor. Ich kenne in dem Hafen einige Leute, die sich nicht lange besinnen werden, Eure Exzellenz zu bedienen. Im Gegenteil werden sie die Ehre, die Sie Ihnen erweisen, vollkommen anzuerkennen wissen.«

»Ihr seid ein verständiger Mensch; es wird daher genügen, nur noch hinzuzufügen, daß das Fahrzeug von morgen an bereit sein muß, bei dem ersten Zeichen unter Segel zu gehen.«

»Ich verstehe, Signor; ich mache mich sogleich an das Werk und werde Ihnen diesen Abend noch den Namen des Kapitäns nennen.«

»Wo?« fragte Benedetto mit einem Lächeln, welches sagen zu wollen schien: »Ihr wißt ja nicht, wo Ihr es mir sagen könnt.«

Darauf verneigte Peppino sich zum Zeichen, daß er die Nennung des Ortes erwarte.

Benedetto trat zu ihm heran und flüsterte ihm zwei Worte in das Ohr.

Peppino schoß davon wie ein Pfeil.

Maestro Pastrini trat ein.

» Per la Madonna!« rief der Italiener, indem er seine Pelzmütze zwischen den Händen drehte, »ich erkläre Ihnen,« sagte er dann, »daß ich soeben sah, und zwar mit eigenen Augen, was man so sehen nennen kann, wie der junge Herr von Servières, nach dem Sie sich erkundigten, sich in eine Frau verwandelt hat.«

»Sie sind kurzsichtig, Maestro Pastrini,« antwortete Benedetto mit einer geringschätzigen Bewegung.

»Ich schwöre Ihnen, Signor, daß Sie ebenso verwundert sein würden, wie ich –«

»Lassen Sie das. Sie sind in der Tat furchtbar langweilig,« entgegnete Benedetto, indem er an ihm vorüberging, um sich nach dem Zimmer der Frau von Danglars zu begeben, welche, auf die koketteste Weise von der Welt auf einen Diwan hingestreckt, den Sekretär des Grafen von Monte Christo erwartete, indem sie zu seinem Empfange ihr liebenswürdigstes Lächeln angelegt hatte.

Benedetto trat ohne allen Zwang ein und schloß dann vorsichtig die Tür hinter sich. Darauf verneigte er sich zum Zeichen der vollkommensten Achtung vor der Baronin.

»Ich habe die Ehre, der Frau Baronin von Danglars meine Huldigungen darzubringen,« sagte er.

»Jesus,« rief sie, während ihre schönen Augen sich mit verzweiflungsvoller Starrheit auf die nur allzubekannten Züge des vorgeblichen Sekretärs richteten, auf dessen Lippen das spottsüchtige Lächeln stereotyp war.

Die Baronin blieb einige Augenblicke regungslos wie eine Bildsäule, noch blässer wie gewöhnlich, den Blick auf den Menschen geheftet, den das Verhängnis ihr auf ihrem Wege entgegengeführt zu haben schien, um sie zu martern.

»Frau Baronin,« sagte Benedetto, indem er sich stellte, als bemerkte er die Ueberraschung oder vielmehr das Entsetzen der Dame nicht, »es ist schon lange her, seit ich das Vergnügen hatte, Ihnen meine Huldigungen darzubringen. Darf ich nach dem Zustande Ihrer Gesundheit fragen?«

»Verzeihen Sie, mein Herr,« stammelte die Baronin mühsam hervor – »man hatte mir eine andere Person gemeldet – deshalb konnte ich mich einer gewissen Ueberraschung – einer gewissen Verwirrung, nicht erwehren.«

»Nein, gnädige Frau, die Person, welche man Ihnen meldete, bin ich.«

»Wie? Sie sind der Sekretär des Grafen von Monte Christo?« fragte sie.

»Vielleicht,« erwiderte Benedetto.

»Sie sind ja aber Herr Andrea Cavalcanti, –« fuhr die Baronin fort, indem sie leichenblaß wurde.

»Ja, ich bin, wie Sie es sagen, Andrea Cavalcanti,« erwiderte Benedetto keck, indem er voll Unwillen sah, wie die Baronin sich das Gesicht mit den Händen verhüllte. »Ich bin eben jener Andrea Cavalcanti, der auf dem Punkte stand, sich mit Ihrer Tochter Eugenie Danglars zu vermählen, welche an eben dem Abend entfloh, an welchem der Heiratskontrakt unterzeichnet werden sollte, was aber durch die Ankunft des Polizeikommissars unterbrochen wurde, welcher erschien, Andrea Cavalcanti zu verhaften, weil er aus dem Bagno von Toulon entsprungen war.«

»Dann – mein Herr –« sagte die Baronin nach kurzem Schweigen, »hoffe ich, daß Sie den Irrtum des Polizeikommissars hinlänglich aufgeklärt haben?«

»Das war nicht möglich, gnädige Frau, denn ich bin in der Tat aus dem Bagno entsprungen,« antwortete er mit einer unglaublichen Frechheit. »Uebrigens hatte ich einen Menschen an der Tür des Palastes ermordet, den der Graf von Monte Christo in den Champs élysées in Paris bewohnte. Eben wegen dieses Mordes verfolgte man mich. Ich sollte guillotiniert werden.«

»Aber dann begreife ich Sie nicht, mein Herr!«

»Daran zweifle ich nicht, Frau Baronin.«

»Indes was wollen Sie denn von mir?« fragte sie mit sichtlicher Verlegenheit.

»Ich will Ihnen nur wiederholen, was ich bereits die Ehre hatte, Ihnen schriftlich zu sagen, nämlich, daß der Herr Baron von Danglars noch heute zu Ihnen kommen wird.«

»O mein Gott!« rief die Baronin, indem sie aufstand, wie getrieben durch eine geheime Ahnung. »Gestehen Sie mir offen, Sie sind nicht der Sekretär des Grafen von Monte Christo.«

»Und weshalb denn nicht?«

»O,« fuhr sie mit finsterer Ueberspanntheit fort, »weil der Graf zu seinem vertrauten Sekretär nicht einen Menschen nehmen würde, der dem Bagno entsprungen und des Mordes angeklagt ist; – durch ihn selbst im Angesicht einer zahlreichen Gesellschaft an jenem fürchterlichen Abend entlarvt – o mein Gott, welches Verhängnis lastet auf mir! – Benedetto, welches Verhängnis lastet gleichfalls auch auf Ihnen!«

»Benedetto!« rief er. «Woher wissen Sie, daß ich Benedetto heiße?«

»Woher ich es weiß? – Das begreife ich selbst kaum, mein Herr; nein, ich weiß nicht mehr, auf welche Art ich es erfahren habe. Aber Sie heißen Benedetto und Sie haben viel gelitten, nicht wahr?«

»Frau Baronin, die Unruhe, in der ich Sie erblicke, ist sehr sonderbar! Was kümmert es Sie, ob ich gelitten habe? Weshalb sprechen Sie zu mir von diesen Leiden? Hat nur der Zufall allein Sie dazu vermocht?«

»Zufall oder nicht; wenn wir einer Person begegnen, die, statt Vorwürfe an uns zu richten, an unsern Schmerzen, unsern Leiden teilzunehmen scheint, so sollte man, möchte ich glauben, nicht mit solcher Kälte antworten wie Sie, mein Herr!«

»Und wann habe ich denn von Ihnen verlangt, teil an meinem Kummer zu nehmen, wenn ich wirklich davon bedrückt werde? Weshalb sprechen wir davon, während doch der Gegenstand, der mich zu Ihnen führt, ganz anderer Art ist?«

»Der Gegenstand, der Sie zu mir führt?« wiederholte die Baronin mit Bitterkeit. »Sollten Sie zufällig glauben, ich wüßte nicht – ich glaubte noch länger an die grobe Lüge, durch welche es Ihnen gelungen ist, über mich das zu erfahren, was Sie wissen wollten? Nein, ich glaube nicht, daß Sie der Sekretär des Grafen von Monte Christo sind, sondern ich bin überzeugt, Sie sind, was Sie stets waren –«

»Was bin ich denn stets gewesen?« fragte Benedetto überrascht, indem er sah, daß sie zögerte.

»Ach Unglückseliger, Unglückseliger! –« murmelte die arme Frau, indem sie eine Anstrengung machte, um ihre Tränen zurückzuhalten.

»Und welcher Grund führt mich zu Ihnen? Sie haben gesagt, daß Sie ihn ebenfalls kennen.«

»Es ist sehr traurig, ihn zu nennen.«

»Gnädige Frau!«

»O, Sie sehen wohl, daß ich alles errate. Sie haben kürzlich in Paris Ihre Freiheit erlangt; aber –«

»Aber?«

»Ach, mein Herr, Sie haben mir irgend ein entsetzliches Geheimnis mitzuteilen, nicht wahr?« fragte die Baronin mit brechender Stimme und indem sie beinahe in sich selbst zusammensank.

»Ich begreife den Sinn Ihrer Frage nicht, Frau Baronin, und ich finde alles, was Sie mir seit einer Viertelstunde sagen, höchst sonderbar. Ich habe Ihnen kein Geheimnis zu enthüllen, und ich bitte Sie wie um eine Gnade darum, mir zu sagen, was Sie für den Grund meiner Anwesenheit bei Ihnen halten, da Sie doch behaupteten, ihn zu kennen.«

Benedetto fuhr bei diesen Worten mit der Hand in die Seitentasche seines Ueberrockes.

Die Baronin erbebte.

»Herr Benedetto,« sagte sie, »Sie sind unter einem verderblichen Gestirn geboren! Und wenn Sie in der Welt irgend eine Person träfen, die Sie glücklich machen könnte und wollte, das heißt, die durch ein, wenn auch nicht glänzendes, aber doch zur Befriedigung Ihrer Bedürfnisse hinreichendes Vermögen Ihre Zukunft sicherte, würden Sie dann das irrende Leben aufgeben, das Sie bisher in der Welt geführt haben?«

»O, solche Menschen gibt es in der Welt nicht. Die Barmherzigkeit ist eine Lüge, ein Spott, ein Betrug –«

»Lästern Sie nicht.«

»Ich habe davon Beispiele erlebt.«

»Aber wenn nun das, was ich Ihnen sagte, nicht aus bloßem Mitleid stattfände, sondern – aus Pflichtgefühl, nehmen wir einmal an –«

Benedetto stieß ein lautes Gelächter aus.

»Aus Pflichtgefühl!« wiederholte er. »Wo gibt es denn hier auf Erden einen Menschen, der auf das Pflichtgefühl achtet, und zwar ganz von selbst? Frau Baronin sprechen wir davon nicht weiter. Sie wissen, daß mein Stern schlimm ist, und so wird es bis zu meinem letzten Hauche bleiben. Als Sohn des Unglücks wurde ich dem Tode und der Hölle geweiht, als ich kaum dem Lichte die Augen geöffnet hatte; was kann also jemals zwischen mir und dem Guten auf der Erde gemein sein? Das Verbrechen und die Verzweiflung sind meine einzigen Taufpaten gewesen, und ich wurde mit Blut und Tränen getauft.«

»Genug – genug – aus Barmherzigkeit. Töten Sie mich!« flüsterte Frau von Danglars, indem sie beide Hände auf das Herz preßte und auf das Sofa niederglitt.

»Wie? Meine Worte schmettern Sie nieder? Das ist sehr sonderbar, denn Sie schienen mir entschlossener zu sein, als ich erfuhr, daß Sie beabsichtigten, Ihre Tochter Eugenie der Gefahr einer Entführung auszusetzen. Auf, Frau Baronin! wir sind auf einem Punkte angelangt, den ich nicht vorausgesehen hatte, als ich den Plan faßte, hierher zu kommen; gleichwohl haben wir noch etwas miteinander zu sprechen. Ich werde kurz sein.«

Er zog aus der Tasche eine Schrift und reichte sie der Baronin.

»Wollten Sie mir wohl die Ehre erweisen, dies Papier zu unterzeichnen?«

»Und was enthält es?« fragte die Baronin mit sehr aufgeregter Stimme.

»Eine ganz einfache Sache, bei meiner Seele! Eine Ordre auf Sicht an Ihren Bankier, wer das auch immer ist, mir die kleine Summe von drei Millionen Franks auszuzahlen.«

»Ha! – und mit welchem Rechte verlangen Sie –«

»Mit welchem Rechte?«

Benedetto betonte diese Frage mit einem ziemlich ironischen und drohenden Klange, so daß die Baronin davon erzitterte; gleichwohl entgegnete sie mit erzwungener Zuversicht:

»Ja, mein Herr; mit welchem Rechte?«

»Sie wissen besser als irgend jemand, daß ich gar kein Recht habe.«

»So könnte ich also Ihre Forderung verweigern?«

»Ohne Zweifel; aber dann ermorde ich Sie,« erwiderte kalt Benedetto, indem er schnell wie der Blitz die Spitze eines Dolches der Baronin auf die Brust setzte, – gerade an die Stelle des Herzens, – und zugleich neben ihr Platz nahm. – »Sie müssen wissen,« sagte er dabei, »daß die Klinge vergiftet ist, und daß die leiseste Wunde, die Sie damit bekommen, unfehlbar binnen fünf Minuten Ihren Tod zur Folge hat.«

»Aber Sie bekommen meine Unterschrift dennoch nicht,« sagte die Baronin, indem sie sich mit einer gewaltsamen Anstrengung zu bezwingen suchte und durch die Regungslosigkeit ihrer Haltung das Zeichen der vollständigsten Resignation gab.

»Das bleibt sich gleich; ich raube dann, was ich in Ihrem Sekretär finde.«

Es entstand eine kurze Pause.

»Hören Sie mich, Herr Benedetto; ich habe keinen Bankier; ich besitze keinen Kredit von drei Millionen Franks. Ich bin arm, und Sie dürfen mir glauben, daß ich dieses Papier nicht unterzeichnen könnte, ohne Sie zu betrügen.«

»Märchen, Baronin. Als Ihr Mann Sie verließ, waren Sie im Besitz von einer und einer halben Million. Ihr unternehmender Spekulationsgeist hat dieses kleine Kapital zu verdoppeln gewußt und jetzt müssen Sie drei Millionen besitzen, das übrige noch ungerechnet. Sie sehen wohl, daß ich alles weiß, und ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich Eile habe. Unterzeichnen Sie und vereinigen Sie sich dann wieder mit dem Baron, der sehr reich ist.«

»Ich kann nicht,« murmelte sie.

»So sind Sie also entschlossen, zu sterben? Sie müssen doch wohl wissen, daß ein Verbrechen mir nicht schwer fällt.«

»O, dies wäre ein Verbrechen, welches alle andern weit hinter sich ließe,« stammelte die arme Mutter, und reichlich strömten ihre Tränen, die sie schon seit längerer Zeit nur mit Mühe zurückhielt. »Benedetto – Sie würden ergriffen, entdeckt – hingerichtet werden –«

»Sie täuschen sich, gnädige Frau. Ich bin ein vorsichtiger und voraussehender Mensch. Der Baron wird sehr bald hier sein. Hören Sie mich wohl an: Während er darauf wartet, daß Sie ihn einlassen, entschlüpfe ich, steige in einen Mietwagen, der meiner in geringer Entfernung von hier wartet, und fahre schnell davon; ich verschwinde. Er indes, der Baron, der über ihre Zögerung, ihn zu rufen, ungeduldig wird, dringt dann in dies Zimmer ein; bei dem Anblicke Ihrer blutigen Leiche wird er von Entsetzen ergriffen – er will schreien – vergebens – er will endlich fort – Schrecken, Angst, Furcht lähmen seine Schritte – dann kommt gewiß irgend jemand in das Zimmer, sieht den Menschen einer ermordeten Frau gegenüber, und wird nicht verfehlen, sich seiner zu bemächtigen und ihn als Mörder den Gerichten zu überliefern. Sagte ich es Ihnen nicht, Frau Baronin? Ich sehe die Dinge schon im voraus. Auf, auf, unterzeichnen Sie, oder ich ermorde Sie!«

»O mein Gott! mein Gott, verzeih –«

»Es ist nutzlos. Unterzeichnen Sie!«

»Benedetto! – Dieser Raub macht Ihnen Ehre, und wollte Gott, daß Sie, nachdem Sie ihn vollbrachten, auf den Weg der Vernunft zurückkehrten! – Ich will Ihnen alles übergeben, was ich besitze; ich will arm zurückbleiben! Vielleicht muß ich morgen ein Almosen von meinem Mann oder von meiner Tochter erbitten! Urteilen Sie über meine Demütigung, über meine Schmach! – Berechnen Sie, wie schwer mir das werden muß. – Lassen Sie mir wenigstens die 60,000 Franks, die Ihnen in Paris der Staatsanwalt übergeben hat.«

Benedetto erbebte, aber noch nicht für jedes Gefühl der Dankbarkeit unfähig, antwortete er:

»Ich will nicht nach dem Grunde forschen, der Sie angetrieben hat, eine solche anonyme Freigebigkeit auszuüben; ich glaube, Sie haben es mehr aus Laune, als aus Barmherzigkeit getan; ich bin gleichwohl bereit, Ihnen dies Geld zu lassen, und will dabei denken, ich entledigte mich einer Schuld.«

»Ich danke Ihnen, mein Herr!« erwiderte die Baronin mit einem Ausdrucke tiefer Verzweiflung und bitterer Ironie zugleich. »Hier sind die Schlüssel zu meinem Sekretär. Berauben Sie mich – vielleicht fühlen Sie einst Reue darüber.«

»Reue? Ich sollte etwas bereuen!« rief Benedetto mit höhnischem Lachen. »Und wer sind Sie denn, daß Sie so zu mir sprechen? Während ich bisher nicht den Schatten von Reue empfunden habe, hoffen Sie, daß dieselbe auf Ihre Stimme erwachen soll? Bei Ihrer Stimme, die Sie eine so gewöhnliche Frau sind, nicht fremd der Intrige, vielleicht sogar nicht dem Verbrechen! – Ich bitte Sie, weniger anmaßend zu sein, Frau Baronin! – Wenn Sie verbrecherische Leidenschaften haben, wie z. B. den Dünkel, so wird der Mangel, der Sie bald trifft, für Sie eine gerechte Züchtigung sein, und wenn Sie im Laufe Ihres vergangenen Lebens irgend ein Verbrechen begingen, nun wohl, so ist das, welches ich heute an Ihnen verübe, dafür die Vergeltung. Nehmen Sie diese daher im Namen derer an, die Ihre Opfer waren! Auf, Frau Baronin, auf! Kommen Sie selbst, den Sekretär zu öffnen, denn es gibt zuweilen dergleichen Möbel, die mit geheimen Vorrichtungen versehen, und den, welcher sie unvorsichtig öffnet, durch verborgene Schüsse zu Boden strecken.

Zitternd, taumelnd und leichenblaß schritt die Baronin langsam auf den Sekretär zu, öffnete ihn und enthüllte den Augen Benedettos eine große Summe in Papier und Gold.

Einige Augenblicke darauf war dies Geld in die Taschen des Mörders übergegangen, und die Baronin besaß kaum noch die 60,000 Franks, welche sie in Paris dem Herrn von Beauchamps für Benedetto überschickt hatte.

»Jetzt bringen Sie mich um!« rief sie. »Sie sehen wohl, daß ich errate, dies soll die letzte Szene des Dramas sein,« flüsterte sie.

»O nein; ein solcher Gedanke ist in diesem Augenblicke weit von mir entfernt. Nur noch eins. Wie groß auch Ihre Gewohnheit sein mag, immer nur nach Ihrem Willen zu handeln, so werden Sie dieselbe doch bei dieser Gelegenheit aufgeben: Sie haben die Güte, mir den Arm zu reichen und mich nach dem Nebenzimmer zu begleiten, wo in diesem Augenblick der Herr von Danglars bereits sein muß.«

Es schlug 6 Uhr.

»Wirklich – ich täuschte mich nicht. Nun schnell, Frau Baronin, und bedenken Sie wohl, wenn Sie sich einfallen lassen, nur ein Wort zu sprechen, eine Bewegung zu machen, welche als Anklage gegen mich betrachtet werden kann, so würden Sie die traurigste Figur von der Welt spielen. Niemand, hören Sie wohl, niemand würde Ihnen glauben, denn Sie sind, oder vielmehr Sie würden nicht der junge interessante Servières sein, der kränklich ist, zu seiner Zerstreuung reist und diese Zimmer bewohnt. Dieser kränkliche Jüngling ist eine reine Fiktion, und dergleichen Erfindungen – sind für eine Dame, wie Sie, im höchsten Grade lächerlich; finden Sie nicht, daß es diesem unbedeutenden Diebstahl gleichkommt? – Gehen wir jetzt.«

Die Baronin sank nieder auf die Knie.

»Ach, aus Barmherzigkeit,« rief sie, »lassen Sie mich hier bleiben; zwingen Sie mich nicht weiter! Gehen Sie, Unglücklicher, gehen Sie! – Ich nehme Gott zum Zeugen, daß mein Mund kein Wort der Anklage gegen Sie sprechen wird! Gehen Sie und der Himmel gestatte, daß dieses Geld Sie zu einem rechtschaffenen Menschen mache!«

In diesem Augenblicke wurde die Stimme des Maestro Pastrini hörbar, welcher von außen den Herrn Baron von Danglars meldete.

Die Baronin stieß einen Seufzer aus, und Benedetto verließ rasch das Zimmer.

Er begegnete dem Baron, der ihn zurückhalten wollte, um mit ihm zu sprechen; aber er sagte demselben, er hätte keine Minute zu verlieren, denn er müßte im Namen der Baronin einen der Paläste der Via del Popolo mieten, wo sie einen Ball zu geben beabsichtigte.

»Ich empfehle Ihnen aber Schweigen, Herr Baron,« sagte er dann, »und wünsche Ihnen im voraus Glück zu dem, was Ihrer wartet. Die Baronin ist reich, sehr reich, viel reicher, als ich erwartete.«

»Der Teufel, was für eine Rolle spielen Sie denn eigentlich bei ihr?« fragte der Baron etwas beunruhigt.

Benedetto antwortete nicht; er drückte ihm die Hand und verschwand schnell, während der Baron langsam weiter ging.

Als Benedetto dann in geringerer Entfernung einen Wagen halten sah, gab er dem Kutscher ein Zeichen, sprang hinein und fuhr davon, daß die Funken sprühten.

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