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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XII. Der Brief Benedettos.

Dieser Besuch der Baronin Danglars bei ihrer Tochter ging, wie der Leser nicht vergessen möge, dem Briefe voraus, den Benedetto ihr mit der falschen Unterschrift des Grafen von Monte Christo geschrieben hatte. Die Ereignisse, welche wir jetzt erzählen wollen und die auf diesen Besuch folgten, fanden daher ebenfalls vor der Absendung des erwähnten Briefes statt, dessen Resultat wir später sehen werden.

Dis Baronin Danglars hatte, wie erwähnt, ein Zimmer in dem Hause einer alten Frau gemietet, bei der sie ihre Verwandlung aus einem kranken Jüngling in eine schöne und kräftige Frau vollbrachte.

Frau von Danglars, welche durch ein geringes Geldopfer die Verschwiegenheit der Alten erkauft hatte, vergrößerte die Summe, um das Recht zu haben, eine geheime Unterredung von der größten Wichtigkeit von ihr zu verlangen, und das war ganz die Sache der Alten. Demzufolge berief sie die Frau zu sich, und es entspann sich nun das folgende Gespräch zwischen beiden:

»Gibt es in Rom einen entschlossenen Menschen, der zu einer schwierigen, aber einträglichen Unternehmung fähig ist?«

»Es gibt deren mehrere.«

»Und der verständigste?«

»Ich werde ihn ausfindig machen.«

»Wann?«

»Morgen.«

»Gut. – Dieser Mensch muß das Theater besuchen, wie jemand, der an dergleichen Schauspiele gewöhnt ist.«

»O, ich stehe für ihn.«

»Er muß eine Art von Raub bewirken.«

»Einen, zwei, drei, soviel Sie wollen.«

»Und wer steht mir für seinen Gehorsam?«

»Sein eigener Vorteil.«

»Und für Ihre Verschwiegenheit?«

»Was mir selbst für die Ihrige haftet. Sie sind zu mir gekommen, und ich habe geglaubt, Sie wären ein Mann. Dann sah ich, daß Sie eine Frau sind wie ich. Seitdem besuchen Sie mein Haus, wo Sie die Kleidung und das Aeußere wechseln, so oft es Ihnen beliebt; ich weiß nicht, wer Sie sind, und versuche auch nicht, es zu erfahren. Sind Sie eine Verbrecherin und man greift Sie, so hoffe ich, daß Sie nicht von mir sprechen werden.«

Die Baronin mußte sich mit diesen Gründen begnügen und wartete bis zum folgenden Abend, wo die Alte den Mann ausfindig gemacht haben wollte, der die zu der Entführung notwendigen Eigenschaften besaß.

Als der Abend angebrochen war, verließ der kranke Jüngling der Familie von Servières, vom Kopf bis zu den Füßen in seinen Mantel gehüllt, das Hotel des Maestro Pastrini und begab sich nach dem Hause der alten Sibylle, wo er gegen seine Gewohnheit nicht die Kleider wechseln und sich in die Baronin Danglars verwandeln wollte.

»Nun wohl. Der Mensch?«

»Ist hier.«

»Was ist es für ein Mann?«

»Von hohem, kräftigem Wuchs, von geprüftem Mut und großer Kühnheit; bereit, Ihnen in allen Dingen zu dienen. Eure Exzellenz bezahlen ihn gut, und das übrige bleibt dem Willen Gottes überlassen.«

»Sagen Sie ihm nicht, daß ich eine Frau bin.«

»Wie Sie befehlen.«

»Lassen Sie den Schirm auf die Lampe herab, so daß das übrige Zimmer dunkel ist, und schicken Sie ihn mir herauf.«

Die Alte gehorchte, und der vorgebliche Jüngling von Servières hüllte sich sorgfältig in die Falten seines Mantels und senkte sich in die weichen Kissen eines geräumigen Armsessels.

Einige Augenblicke später ließen sich die Schritte eines Mannes vernehmen, der die Treppe heraufkam, und bald darauf erschien ein Individuum, dessen Physiognomie die Verschlagenheit des Fuchses mit dem Mute des Löwen vereinigte. Mit einem raschen Blicke prüfte er den vorgeblichen jungen Mann und erkannte, mit wem er es zu tun hatte, bevor noch die Baronin die Zeit gehabt hatte, in Beziehung auf ihn ein Gleiches zu vollbringen.

Es entstanden einige Augenblicke des Schweigens, während dessen der Mann höflich seinen Hut abnahm und sich mit der Hand durch die Haare fuhr, um sie zu ordnen.

»Man gibt mir die Versicherung, Sie wären bereit, einen Auftrag, der nicht ohne Schwierigkeit ist, durchzuführen?« sagte der junge Servières, indem er seine Stimme verstellte.

»Ja, Exzellenz,« erwiderte das Individuum.

»Selbst wenn der Auftrag in einer Entführung bestände?«

Der Bandit lächelte und machte eine geringschätzige Bewegung, als hätte er etwas viel Schwierigeres erwartet.

»Ganz gut,« fuhr Servières fort, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte. »Kann uns jemand hören?«

»Ich bin allein,« antwortete der Bandit.

»Sie besuchen häufig das Theater?«

»Ich weiß alles auswendig, was Italien bietet.«

»So haben Sie also ganz Italien besucht?«

»Ich kenne diese Halbinsel in allen ihren Winkeln, von Reggio bis Aosta, sowohl nach der Seite des Meeres von Korsika, wie nach der des adriatischen Meeres.«

»Begnügen wir uns indes für den Augenblick, von dem Theater Argentino zu sprechen.«

»Ich höre.«

»Kennen Sie die beiden neuen Sängerinnen?«

»Wer in ganz Rom kennt die beiden d'Armilly nicht?«

»Ich meine die jüngere.«

»Eugenie?«

»Ja. – Denken Sie sich, daß ein Mann sie leidenschaftlich liebt! Stellen Sie sich eines jener unbezwinglichen Gefühle vor, durch die man bewogen wird, die ganze Welt unter die Füße zu treten, und alle Hindernisse zu überwinden, um zu dem Besitz des geliebten Gegenstandes zu gelangen; eines jener Gefühle, welche durch die kalte Geringschätzung des geliebten Gegenstandes vergrößert und befestigt werden, und das, ähnlich dem Blitze, der die Regionen des Schnees und des Eises durchzuckt, gerade auf sein Ziel zuführt.«

»Ich begreife.«

»Es handelt sich um die Entführung der Eugenie d'Armilly.«

»Die ist leicht.«

»Wann?«

»Bestimmen Sie selbst den Abend und die Stunde.«

»Wie?«

»Exzellenz, es ist mir gesagt worden, daß Sie gut bezahlen; ich muß Sie folglich auch gut bedienen. Ich wiederhole Ihnen daher: bestimmen Sie selbst den Abend und die Stunde, wo Sie befehlen, daß die Entführung vollbracht wird.«

»Ich mache Sie aber vor allen Dingen für eine Sache verantwortlich,« sagte Servières, indem er einen Augenblick zögerte, als empfinde er Reue, so verräterisch die Freiheit Eugeniens zu gefährden.

»Und das ist?«

»Die vollkommenste Achtung.«

»Verstanden.«

»So wenig Gewalttat wie möglich.«

»Sie dürfen ohne Besorgnis sein.«

»Und was haftet mir für Ihren pünktlichen Gehorsam?«

»Sie bezahlen mich erst nach vollbrachter Arbeit vollständig, Exzellenz, und Fräulein Eugenie soll Ihnen mit eigenem Munde sagen, ob ich die Achtung gegen sie verletzt habe, ausgenommen dadurch, daß ich mich ihrer Person bemächtigte.«

»Wo treffe ich Sie?«

»Kennen Sie die Katakomben des heiligen Sebastian?«

»Nein,« erwiderte Servières, und fügte dann sogleich hinzu: »Aber die Mission endet damit nicht; die Entführung allein genügt noch nicht. Es ist auch unerläßlich, Eugenien nach Neapel zu bringen.«

»Das übernehme ich nicht.«

»So! – Nun gut! – Aber Sie werden sie doch nach dem Kloster bringen, das ich Ihnen nenne?«

»Ohne Zweifel – das heißt, wenn die Tore sich vor uns öffnen.«

»Das werden sie!«

»Bezeichnen Sie mir jetzt den zur Ausführung bestimmten Abend.«

»Der erste, an welchem die Semiramis gegeben wird, und vor dem Beginn der Vorstellung.«

»Das Kloster?«

»Ich werde den Namen hier morgen um die Mittagsstunde zurücklassen.«

»Nun, da ich nicht die Ehre haben werde, Sie wiederzusehen, haben Sie die Güte, mir sogleich ein Handgeld zu geben.«

Die Baronin hatte ihre Maßregeln getroffen; sie zog daher ihre Börse und zählte dem Banditen das verlangte Geld auf.

»Gut, gut,« flüsterte sie, indem sie ihm nachsah. »In dem Kloster wird Dein überspannter Traum einer Freiheit, die mich bloßstellt, ein Ende nehmen, Eugenie! Du wirst es dort in der Einsamkeit bereuen, eines Tages Deine Mutter verlassen zu haben.«

Am Abend des folgenden Tages empfing Frau von Danglars den Brief, den ihr Benedetto durch die Vermittelung des Maestro Pastrini geschrieben hatte, und der, wie man sich erinnern wird, also lautete:

»Eine Person, welche Eure Exzellenz außerordentlich ehrt und schätzt, erfährt soeben, daß Eurer Exzellenz Geheimnis in Rom entdeckt ist. Eure Exzellenz mögen mir gestatten, Sie zu benachrichtigen, weil ich nicht wünsche, daß Ihnen die geringste Unannehmlichkeit begegnet.

Ihr sehr wohlgewogener
Graf von Monte Christo.«

Wenn das Haupt der Medusa mit seinem Schlangenhaar und dem entsetzlichen Ausdrucke, welchen die Rache der Minerva ihm verleiht, plötzlich in der Luft vor den Augen der armen Baronin erschienen wäre, so hätte sie wahrlich von keinem größern Schrecken ergriffen werden können, als der war, welchen sie empfand, als sie das mit dem Namen des Grafen von Monte Christo unterzeichnete Blatt gelesen hatte.

»Ist es etwa ein böser Traum?« rief sie aus.

Dann las sie die Zeilen zum zweiten Male.

Sie konnte sich nicht täuschen: Es war alles die Wirklichkeit! Sie hielt in ihren Händen einen Brief, in welchem man ihr sagte, daß ihr Geheimnis in Rom entdeckt sei! Aber welches Geheimnis? Auf welches andere Geheimnis konnten diese Worte Bezug haben als auf ihre beabsichtigte Entführung Eugeniens? Ja, unzweifelhaft, ganz zuverlässig spielte darauf der Graf von Monte Christo an! Und wo war dieser selbst? Von wo schrieb er ihr? Wie hatte er erfahren, daß sie, Frau von Danglars, in Rom sei? »Ach,« fügte sie mit einem bittern Lächeln hinzu, »ich vergaß, daß dieser ungewöhnliche Mensch das Vorrecht besitzt, die Wände mit seinem Blicke zu durchdringen, in der Zukunft zu lesen, die Gegenwart zu erforschen, und wenn man sich auch mit dem undurchdringlichsten Schleier des Geheimnisses umgeben zu haben glaubt! Für diesen Menschen gibt es keine Geheimnisse in der Welt! Aber wo ist er? – Ich muß ihn sehen, ich muß ihn hören! – Er ist groß, er ist mächtig, er wird mir Hilfe leisten!«

Nach diesen Worten setzte sie sich schnell an ihren Schreibtisch, schrieb einige Zeilen, faltete das Papier, siegelte es und warf mit flüchtiger Hand auf die Adresse die Worte:

»Sr. Exzellenz
Dem Herrn Grafen von Monte Christo.
Sehr eilig.«

Unendlich war das Staunen des Maestro Pastrini, als er diesen Brief empfing, um ihn dem Nachbar im zweiten Stock zu übergeben und obenerwähnte Adresse las. Er stand auf dem Punkte, umzukehren, um die Bemerkung zu machen, daß dieser Herr sein Hotel nicht bewohne und sogar wahrscheinlich nicht in Rom sei: aber er erinnerte sich der Worte Benedettos und dachte, daß dieser letztere ihm das Rätsel lösen würde. Deshalb schlich er behutsam nach dem zweiten Stock hinauf und trat in das Zimmer seines Gastes.

»Exzellenz,« sagte er, »ich bin entsetzlich angegriffen.«

»Sind Sie soviel gelaufen?«

»Nein, Exzellenz,« erwiderte Pastrini, indem er einen tiefen Seufzer ausstieß.

»So sind Sie wohl die Treppe zu schnell heraufgekommen?«

» Per la Madonna, ich bin ermüdet durch das Gewicht eines Briefes.«

»Was bedeutet dieser Scherz, Maestro Pastrini?«

»Scherz! – Scherz! Das mag wohl Euer Exzellenz so erscheinen, aber wenn ein Brief auf der Adresse einen solchen Namen trägt, wie dieser –«

»Welchen Namen?«

»Graf von Monte Christo!« rief Pastrini.

»Geben Sie!« sagte Benedetto hastig.

Und ehe noch Maestro Pastrini Zeit gehabt hatte, ein einziges Wort zu sprechen, war der Brief schon in der behenden Hand des berüchtigten Mörders.

»Aber Exzellenz,« wagte der Gastwirt zu bemerken, »Sie sind ja nicht der Graf.«

»Das kommt auf eins heraus; ich bin sein Sekretär.«

»Sie?« entgegnete Maestro Pastrini ganz verdutzt; »Sie – sein Sekretär? Hatten Sie mir denn nicht gesagt, daß –«

»Ei, mein lieber Maestro Pastrini,« unterbrach ihn Benedetto, »ich erkläre, daß ich nicht eine Stunde länger in Ihrem Hause bleibe, denn Sie sind von einer ganz unerträglichen Neugier besessen!«

Maestro Pastrini, der seit einigen Tagen nichts mehr von alledem begriff, was rings um ihn her vorging, sah sich gezwungen, sich in ein kleines Kabinett, das ihm als Schreibzimmer diente, zurückzuziehen und hier die Gelegenheit abzuwarten, Peppino zu sprechen, um ihm zu verkünden, daß der Sekretär des berühmten Grafen in Rom sei.

Benedetto verließ das Hotel des Maestro Pastrini, indem er sein geheimnisvolles Kästchen und einen kleinen Lederkoffer, der seine ganze Bagage enthielt, mit sich nahm, fest entschlossen, die glückliche Entdeckung, die er gemacht hatte, zu benutzen. Er begab sich nach der Wohnung des Portiers vom Theater Argentino und ließ den Hammer mit solcher Gewalt auf die Tür fallen, daß der arme zu Grunde gerichtete Baron auf seinem Stuhle drei oder vier gewaltige Sätze machte, auf die Gefahr hin, seinen Sessel dadurch zu zerbrechen.

»Holla, Baron!« rief Benedetto.

»Immer wieder derselbe Spaß, mein Herr! Haben Sie denn geschworen, mich bloßzustellen?«

»Wenn ich Sie Baron nenne, mein Lieber, so geschieht das in der festen Ueberzeugung, daß Sie ihr Vermögen wiedergewinnen werden,« erwiderte Benedetto, indem er die Treppe hinaufstieg, seinen kleinen Koffer in eine Ecke stellte, das Kästchen aber unter dem Arm behielt.

»Was soll das heißen?« fragte der Baron; »wollen Sie etwa eine Reise antreten?«

»Was für eine Reise? – Ah, ich errate, weshalb Sie diese Frage an mich richten. Der kleine Koffer stört Sie wohl? – Aber wissen Sie, mein Lieber, wenn man auszieht, dann, glaube ich, hat man die Gewohnheit, sein Gepäck aus dem Hause, das man verläßt, mitzunehmen.«

»Sie wechseln also die Wohnung?«

»Ja.«

»Aber –«

»Sagen Sie einmal, mein Guter, ist hier nicht bei Ihnen ein freies Zimmer?«

»Nein, meiner Treu,« sagte der Baron, dem sehr unbehaglich zu Mute wurde, da er die allzugroße Nachbarschaft des Exprinzen von Cavalcanti keineswegs wünschte, »ich habe keine frei.«

»Geschichten, mein lieber Baron. – Ah, jetzt fällt mir ein, ich habe etwas zu besorgen. Haben Sie also die Güte, mir Feder, Tinte und Papier zu geben.«

»Ich wiederhole Ihnen, daß ich kein Zimmer für Sie frei habe! – Sehen Sie nur selbst, wie beschränkt meine Wohnung ist.«

»Ei, mein Herr, ich habe keineswegs die Absicht, einen Grundriß von Ihrem Quartier aufzunehmen; ich verlange von Ihrer Gefälligkeit weiter nichts, als Feder, Tinte und Papier.«

»Sie wollen also schreiben?«

»Allerdings, und zwar in Ihrem Interesse.«

»Das ist eine sehr ernste Sache. Und darf man wissen, an wen?«

»Weshalb nicht? An die Baronin Danglars,« erwiderte Benedetto.

Der Baron zuckte, wie von einem heftigen Schlage getroffen, zusammen.

»An die Baronin wollen Sie schreiben?« fragte er dann.

»Was ist denn dabei so sehr zu verwundern, Herr Baron? Habe ich nicht versprochen, Sie mit den drei Millionen derselben auszusöhnen, wenn Sie Reue darüber empfinden, sie verlassen zu haben, und ihre drei Millionen, wohlverstanden? – Die Baronin ist nun aber in Rom, sie hat mir geschrieben, und ich will ihr antworten.«

»Sie hat Ihnen geschrieben?«

»Kennen Sie ihre Schrift?«

»Sehr gut.«

»Ist es diese?«

Er zeigte ihm den Brief, den die Baronin an den vorgeblichen Grafen von Monte Christo gerichtet hatte.

»Ha!« rief der Baron, indem er den Namen auf der Adresse las. »Die Schrift ist allerdings von ihr, aber Sie behaupten, sie hätte Ihnen geschrieben, und ich sehe hier einen Namen, der nicht der Ihrige ist.«

»Er ist nicht der meinige!« sagte Benedetto, indem er lächelte und sogleich hinzufügte: »Lieber Baron, Sie vergessen meine wundertätige Relique. – A propos! Gestatten Sie mir, mein Kästchen hierher zu stellen, aber berühren Sie es nicht; es enthält die Totenhand

Danglars erbebte unwillkürlich. Benedetto fuhr fort:

»Mein Herr, ich habe der Baronin befohlen, nach Rom zu kommen und in Paris ihr Hotel und ihr Silbergeschirr zu verkaufen. Sie hat gehorcht. Sie erwartet diesen Abend meine weitern Befehle, und ich komme, um Sie darüber zu Rate zu ziehen.«

Der Ton der Ueberzeugung und Ueberredung, mit welchem Benedetto diese Worte aussprach, versetzten den armen Baron in ein solches Staunen, daß er mit offenem Munde und weit aufgerissenen Augen dastand.

»Ich glaube zu träumen,« murmelte er. »Bin ich denn gleich der Danaë dazu bestimmt, mit einem Goldregen überströmt zu werden?«

Der arme Mensch war so bezaubert, daß er sich schon einbildete, statt der Regentropfen schöne glänzende Talerstücke von den Ziegeln seines Daches herabfallen zu sehen. Die Luftspiegelung war schön, aber es war eben nur eine Luftspiegelung.

»Auf, Herr Baron!« sagte Benedetto barsch; »raffen Sie sich aus diesem Zustande der Betäubung empor, die jetzt ganz ungereimt ist. Ich will der Baronin schreiben und derselben Ihren bevorstehenden Besuch anzeigen.«

»Meinen? – Ich sollte sie aufsuchen? – Nimmermehr!«

»Ich begreife, Sie fürchten, die Baronin möchte Ihnen Vorwürfe über Ihr unwürdiges Betragen in das Gesicht schleudern. Doch beruhigen Sie sich; ich gebe Ihnen die Versicherung, daß das nicht geschehen wird. Im Gegenteil werden Sie einen ganz vortrefflichen Empfang finden; die Baronin wird die erste sein, Sie in Ihre Arme zu schließen.«

»Ei das wäre! – Das hat sie nie getan – wenigstens nicht mit freiem Willen.«

»Jetzt wird sie es aber tun! Nun, lassen Sie mich schreiben!« sagte Benedetto mit gebieterischem Tone und indem er anfing, den folgenden Brief auf das Papier zu werfen:

»Gnädige Frau!
Leider befinde ich mich in der Lage, Ratschläge zu erteilen; indes ist meine Ansicht, daß Sie sich nicht um Dinge quälen sollen, die nicht der Mühe wert sind. Ich habe heute morgen mit dem Baron von Danglars in seinem reizenden Landhause gefrühstückt, wo er mich auf eine Menge Gegenstände von großem Werte und ausgezeichnetem Geschmack aufmerksam machte. Ich bemerkte unter andern Ihr Porträt, das auffallend ähnlich ist. Indem ich es sah, konnte ich mich nicht enthalten, vor mich hinzumurmeln: Schöne Baronin, Sie sind boshaft, aber Ihre Bosheit gefällt allen, welche Sie kennen. Teilen Sie dem Herrn Baron die glückliche Nachricht Ihrer Anwesenheit in Rom mit, und ich zweifle nicht, daß er sich beeilen wird, Ihnen morgen abend eine Ueberraschung zu bereiten.
Was die Entführung betrifft, so vertrauen Sie meinem Wort; sie wird nicht stattfinden, da Sie verraten worden sind, aber der Mann wird nichts sagen, wodurch Sie kompromittiert werden könnten.«

Als er geschrieben hatte, unterzeichnete er den Namen des Grafen Monte Christo, schloß den Brief und adressierte ihn an die Baronin von Danglars.

»Und jetzt,« sagte er dann, »schaffen Sie mir jemand, der ihn überbringt.«

»Dazu ist niemand hier, das heißt, ich habe keinen Bedienten,« erwiderte der Baron, der nicht aufgehört hatte, im Zimmer umherzugehen, während Benedetto schrieb, und der, ganz von einem einzigen Gedanken ergriffen, schon berechnete, auf welche Weise er die Millionen der Baronin geltend machen könnte, wenn er sich erst mit ihr versöhnt haben würde.

»Ach, arme Baronin!« sagte Benedetto. »Während sie vor Verlangen brennt, sich mit Ihnen zu vereinigen, sind Sie hier kalt, gleichgültig, sich nur mit der unbedeutendsten Sache von der Welt beschäftigend: einen Menschen ausfindig zu machen, der diesen Brief überbringen kann! – Undankbarer! – Aber hören Sie – ein Mann klopft an die Tür – gleichviel wer es ist – der Himmel sendet ihn uns – er wird uns dienen.«

Der Baron runzelte die Augenbrauen und fragte: »Wer ist da?«

»Treue für – ei zum Teufel, Herr Baron, öffnen Sie nur – es gibt Dinge, die man nicht so auf der Straße oder unter dem Fenster ausschreien kann,« antwortete von außen eine Mannesstimme.

»Welch ein Wunder!« rief Benedetto. »Diesmal, mein Lieber, bin ich es nicht, der Sie Baron nennt.«

»Um Gottes willen, nehmen Sie Ihr Gepäck hier fort, und treten Sie in dieses Gemach – oder vielmehr – nein; es ist vielleicht besser, daß Sie sich ganz entfernen.«

»Sie verlieren den Kopf, mein Herr!«

Das Zeichen wurde an der Tür wiederholt.

»Ach, mein Gott, mein Gott!« schrie der Baron, welcher auf glühenden Kohlen zu stehen schien.

Benedetto eilte zur Tür und öffnete sie, während Danglars, der diese rasche Tat nicht hindern konnte, in die größte Verlegenheit geriet und sich beeilte, ein Gesicht anzunehmen, welches dem Ankommenden die Lage begreiflich machen konnte, in der er sich befand.

*

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