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Die Toten befehlen

Vincente Blasco Ibañez: Die Toten befehlen - Kapitel 8
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typefiction
authorVincente Blasco Ibañez
titleDie Toten befehlen
publisherPaul List Verlag Leipzig
printrun21.?24. Tsd.
firstpub1925
translatorOtto Albrecht van Bebber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111127
projectidf21b61e2
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III.

Am folgenden Sonntag ging Febrer zum Dorf. Es war einer der letzten Sommertage. Die blendend weiß gekalkten Mauern der Bauernhäuser schienen wie Spiegel die heißen Sonnenstrahlen zurückzuwerfen. Mückenschwärme summten in der warmen Luft. Von den Feigenbäumen, deren niedrige breite Laubkronen sich zu einem grünen Dach wölbten, fielen überreife, von der Hitze geplatzte Früchte, die auf dem Boden in einen purpurroten Fleck zerflossen. Zu beiden Seiten des Weges bildeten die stachligen Zweige der Nopale dichte Hecken. Zwischen ihren Wurzeln glitten, scheu und sonnentrunken, schillernde Eidechsen hin und her.

Auf den schmalen Fußpfaden, die durch die Oliven- und Mandelbaumanpflanzungen führten, sah man überall Gruppen von Bauern auf dem Wege zum Dorf. Voraus gingen im Sonntagsstaat die jungen Mädchen, deren goldene Ketten in der Sonne blitzten; neben ihnen die treue Eskorte der Bewerber, eifersüchtig auf das geringste Zeichen der Bevorzugung. Hinter ihnen kamen die Eltern, fast alle vor der Zeit gealtert durch die schwere Arbeit, fügsame, ergebene Lasttiere mit dunkler Haut, ausgetrocknet wie das Holz der Rebe, die mit der verschwommenen Erinnerung an die Zeit ihres Festeigs die Vorstellung eines weit zurückliegenden Sommers verbanden.

Als Febrer in San José angelangt war, ging er geradenwegs zur Kirche, um die herum sechs oder acht Häuser standen, darunter die Schule, die Dorfschenke und das Haus des Alkalden. Stolz ragte ihr Turm empor, ein Symbol des Bandes, das alle, viele Kilometer weit über Berge und Täler verstreuten Anwesen und Hütten umschlang.

Jaime nahm den Hut ab, trocknete seine feuchte Stirn und betrat einen Kreuzgang, der in die eigentliche Kirche führte. Von hier aus sah er verspätete Gruppen ankommen, die sich beeilten, da die Glocke schon zum letzten Male läutete. Durch die geöffnete Tür drang bis zu ihm ein Geruch von brennenden Kerzen, Schweiß und muffigen Kleidern. Wenn er diese braven Menschen einzeln antraf, empfand er für sie freundliche Gefühle. Sobald sie aber, wie hier, in Massen zusammenkamen, flößten sie ihm eine unüberwindliche Abneigung ein und er vermied nach Möglichkeit den Kontakt mit ihnen.

Aber die Einsamkeit seines Turmes erweckte in ihm den Wunsch, Menschen zu sehen. Die Sonntage waren von einer unerträglichen Langeweile. Er konnte nicht zum Fischfang aufs Meer, da der alte Ventolera Messe singen mußte. Die Felder waren einsam und die Häuser leer, denn die Familien gingen vormittags zur Messe und nachmittags zum Tanz. So hatte er die Gewohnheit angenommen, Sonntags die Kirche aufzusuchen.

Mit neugierigem Blick und flüchtigem Gruß kamen die Nachzügler an Febrer vorbei. Jedermann im Kirchspiel kannte ihn. Wenn die Bauern ihn vor ihrem Hause trafen, öffneten sie bereitwillig die Tür. Aber weiter ging ihre Umgänglichkeit nicht. Sie konnten sich nicht überwinden, sich ihm von selbst freundlich zu nähern. Er war ein Fremder und, schlimmer als das, von Mallorca. Dieser große Herr mit adligem Namen flößte den einfachen Landleuten eine Art geheimnisvollen Mißtrauens ein. Sie fanden keine Erklärung dafür, daß es diesem Städter beliebte, auf dem einsamen Turme zu hausen.

Febrer war allein unter den kühlen Arkaden. Er hörte das Messeglöckchen, das Geräusch beim Aufstehen und Niederknien und die dünne blecherne Stimme des alten Ventolera, der die lateinischen Antworten sang. Um sich die Zeit zu vertreiben, rauchte er Zigaretten und beobachtete die Tauben, die sich leise gurrend auf den Arkaden schnäbelten. Eine ganze Reihe von Zigarettenstummeln lag schon zu seinen Füßen, als aus der Kirche ein langes Gemurmel drang, das den Schluß der Messe ankündigte. Er hörte das Rücken von Betstühlen, das Schlürfen von Schritten und unterdrückte Stimmen, die sich begrüßten. In der geöffneten Tür drängte sich die Menge, jeder bestrebt, möglichst schnell herauszukommen.

Zuletzt erschienen die Frauen, die älteren in schwarzen Gewändern, die jüngeren in bunten Kleidern mit einem großen Kruzifix auf der Brust. Die Männer blieben vor der Tür einen Augenblick stehen, um das Tuch, das sie unter dem Hute trugen, ein Überbleibsel des arabischen Haïk, wieder auf den geschorenen Kopf zu legen.

Die Alten zogen eine selbstgemachte Pfeife aus ihrer Tasche und füllten sie mit Pòta, einem scharfriechenden Tabak, der auf der Insel angebaut wurde. In stolzer Haltung, die Hände im Gürtel, gingen die jungen Burschen vor den Frauen und Mädchen auf und ab, die vollkommene Gleichgültigkeit zur Schau trugen, die Atlòts aber scharf aus den Augenwinkeln beobachteten.

Allmählich zerstreute sich die Menge. Nur eine Gruppe von Nachzüglern in der vorgeschriebenen Trauerkleidung kam noch aus der Kirche. Die Frauen, deren Gesichter unter der schwarzen Mantilla verschwanden, waren eingehüllt in den Abrigais, den dicken, wollenen Winterschal, ein unerläßliches Requisit bei feierlichen Gelegenheiten. Aber an diesem schwülen Sommertage verursachte schon sein Anblick ein Gefühl des Erstickens. Die Männer trugen einen braunen Burnus von schwerer, grober Wolle mit bis ans Kinn zugeknöpfter Kapuze.

Es waren die Verwandten eines in der vergangenen Woche verstorbenen Bauern, die sich heute vereinigt hatten, um nach der Landessitte eine Totenmesse zu hören. Sie weinten, schwitzten und stießen tiefe Seufzer aus, teils, weil sie ihren Gefühlen der Trauer Ausdruck geben wollten, teils, weil sie in der schweren, wollenen Kleidung vor Hitze beinahe umkamen, bis Pèp, der als entfernter Verwandter nur mit einem schwarzen Umhang erschienen war, ihnen zurief:

»Jetzt ist es genug. Jeder nach seinem Hause, um noch viele Jahre zu leben. Den Toten wollen wir dem Herrn empfehlen.«

Péps Familie kam nun, um Febrer zu begrüßen, der sie nach Can Mallorqui begleitete. Pepet marschierte voran, im Takt zu seiner Flöte, die er bisweilen absetzte, um Steine nach den Vögeln zu werfen. Margalida ging verträumt neben ihrer Mutter. Es schien, als wäre sie sich nicht bewußt, daß Don Jaime in kurzem Abstände folgte. Auch Pèp war tief in Gedanken versunken, die durch den Tod eines Verwandten geweckt waren. So wurde der Weg in Stillschweigen zurückgelegt.

Febrer aß in Can Mallorqui, um den Kindern die Mühe zu ersparen, sein Essen zum Turme zu bringen. Man setzte sich um einen niedrigen Tisch vor eine große, mit Reis gefüllte Kasserole, und bald war eine Unterhaltung im Gange. Das Kaplanchen vergaß vollkommen seine geistliche Bestimmung und sprach nur von dem großen Tanz am Nachmittag, was ihm ernste Rügen von seinem Vater eintrug. Margalida erinnerte sich der Blicke des Cantò und der herausfordernden Haltung des Ferrer, als sie auf dem Kirchplatze an den versammelten Atlòts vorbei mußte. Die Mutter seufzte nur: »Ach, mein Gott! ...«

Niemals sagte sie etwas anderes. Dieser eine Ausruf genügte ihr, um Freude wie Leid auszudrücken. Pèp hatte so häufig in den Weinkrug hineingeschaut, daß sein dunkles Gesicht sich allmählich rötete. Die Gedanken an den Tod, die ihn auf dem Heimwege beschäftigt hatten, verblaßten. Das Leben kam ihm wieder fröhlich vor. Zufrieden legte er sich auf eine Bank, wo er bald mit offenem Munde laut schnarchte, ohne sich durch die Fliegen stören zu lassen, die auf seinem Gesichte herumspazierten.

Febrer ging zum Turm. Margalida und Pepet hatten kaum auf sein Fortgehen geachtet. Schon vorher waren sie vom Tisch aufgestanden und saßen in einer Ecke, wo sie sich freier über den Tanz unterhalten konnten als in der Gegenwart einer so ernsten Persönlichkeit wie Don Jaime.

Vergebens versuchte Febrer, der sich auf seiner Matratze ausgestreckt hatte, Schlaf zu finden. Wie endlos würde dieser Sonntagnachmittag für ihn sein, ganz allein im Turm. Was konnte er nur tun, um dieser erdrückenden Langeweile zu entgehen? ... Über solchen Grübeleien schlief er schließlich ein und erwachte erst spät, als die Sonne schon langsam sank. In dem mattgoldenen Lichte, das sie jetzt ausstrahlte, erschien das Blau des Meeres noch tiefer.

Als er nach Can Mallorqui herabstieg, kam er vor eine verschlossene Tür. Niemand! Sogar der Hund, der ihn sonst mit freudigem Gebell begrüßte, hatte die Familie zum Fest begleitet.

Sie sind alle zum Tanz, dachte Febrer. Ob ich auch ins Dorf gehe? Lange Zeit blieb er ratlos stehen. Was sollte er dort anfangen? Seine Gegenwart schien auf die Fröhlichkeit der tanzlustigen Jugend stets lähmend zu wirken. Man blieb lieber unter sich. Er konnte sich nur Pèp anschließen, der ihm den ganzen Abend von den Ernteaussichten erzählen würde und von seiner Besorgnis, daß die Mandeln durch einen vorzeitigen Frost verderben könnten. Dazu mußte er noch stundenlang den starken Knaster Pèps ertragen.

Als er sich San José näherte, sah er die spanische Fahne auf dem Hause des Alkalden wehen und hörte gedämpft die trockenen Schläge des Tamburins, das Trillern der Flöte und das Klappern der Kastagnetten.

Der Tanz fand auf dem Kirchplatz statt. Die jungen Leute gingen in Gruppen vor den Musikern auf und ab. Aus der Taverne hatte man Bänke und Stühle geholt und auf der einen Seite des Platzes für die verheirateten Frauen aufgestellt. Ihnen gegenüber standen die Bauern, in ihrer Mitte Pèp.

Mit respektvollem Schweigen traten sie beiseite, um Jaime durchzulassen, der sich an Peps Seite stellte. Nachdem sie eine Zeitlang stumm geraucht hatten, nahmen sie ihre Unterhaltung wieder auf und diskutierten weiter über die Preise, die sie bei der nächsten Ernte erzielen wollten.

Tamburin, Flöte und Kastagnetten ertönten von neuem, aber kein Paar trat zum Tanze an. Niemand hatte Lust, den Anfang zu machen. Auch fühlten sich die jungen Mädchen durch die Ankunft des Fremden von Mallorca ein wenig befangen.

Febrer merkte, daß man ihn am Ärmel zupfte. Es war Pepet, der auf jemanden mit dem Finger zeigte und geheimnisvoll flüsterte:

»Das ist der Ferrer, der berühmte Vèrro!«

Jaime sah aufmerksam hin. Der Ferrer, ein Bursche von mittelgroßer Figur, hatte eine anmaßende Haltung. Die Atlòts standen dicht gedrängt um ihren Helden. Den Cantò, der zu ihm sprach, hörte er mit Gönnermiene an, wobei er ab und zu den Tabaksaft ausspie, sichtlich erfreut, wenn es ihm gelang, recht weit zu spucken.

Plötzlich sprang das Kaplanchen mitten auf den Platz und schwenkte seinen Hut:

»Ja, wollt ihr denn den ganzen Nachmittag nur der Musik zuhören, ohne zu tanzen?«

Er lief zu den jungen Mädchen, ergriff die größte von ihnen, die ihn um Kopfeslänge überragte, bei der Hand und sagte einfach: »Du.«

Dieses eine Wort galt als Aufforderung. Je brüsker die Einladung war, desto mehr Zärtlichkeit sollte sie kundtun.

Der kecke Junge führte seine Tänzerin, ein gutgewachsenes, aber häßliches Mädchen, mit rauhen Händen und dunkelbraunem Teint, in die Mitte des Platzes, unterbrach die Musiker und rief ihnen zu:

»Nein, nein! Keinen langen, ich will den kurzen tanzen!«

Der Lange und der Kurze hießen die beiden einzigen Tänze, die man auf Ibiza kannte. Febrer hatte sie nie voneinander unterscheiden können. Die Begleitung der Musik und die Bewegungen waren bei beiden gleich. Der einzige Unterschied bestand im Rhythmus.

Die Atlòta, den einen Arm wie einen Henkel auf die Hüfte gestemmt, während der andere an ihrem Kleide herabhing, begann, sich um sich selbst zu drehen. Auf diese Bewegung beschränkte sich ihr ganzer Tanz. Wie vorgeschrieben, schlug sie die Augen nieder und kniff den Mund zusammen, mit dem Ausdruck schamhafter Verachtung, als tanzte sie gegen ihren Willen. Unaufhörlich sich drehend, beschrieb sie immer wieder eine große Acht.

Die Hauptrolle hatte ihr Partner. Dieser traditionelle Tanz, wahrscheinlich von den ursprünglichen Bewohnern der Insel, primitiven Piraten der heroischen Zeiten, erfunden, war ein Symbol der ewigen, menschlichen Geschichte: der Jagd auf das Weib. Die Tänzerin drehte sich kalt und gefühllos mit der Gleichgültigkeit einer geschlechtslosen Tugend, wich zurück vor den Sprüngen und Verrenkungen des Mannes und zeigte ihm voller Verachtung den Rücken, während er sich ständig ihr gegenüber bewegen mußte, um sie zu zwingen, ihn zu sehen und zu bewundern. Es war eine endlose Folge von frenetischen Bewegungen wie in den Kriegstänzen der afrikanischen Stämme, nur von dem Rhythmus der Musik geleitet. Manchmal öffnete er die Arme mit der feindseligen Bewegung des Bändigers. Dann wieder legte er die Hände im Nacken zusammen und sprang mit beiden Füßen hoch in die Luft.

Das Mädchen blieb vollkommen ruhig. Kühl setzte es seine drehende Bewegung fort, ohne sie jemals im geringsten zu beschleunigen, während der Tänzer, schwindlig von seiner tollen Schnelligkeit, sich nach wenigen Minuten, schwer atmend und vor Erschöpfung zitternd, zurückziehen mußte. Jede Atlòta konnte so ohne Anstrengung mit mehreren Burschen hintereinander tanzen, die einer nach dem anderen ihre Kraft völlig verbrauchten. Es war der Triumph der weiblichen Passivität, die über das anmaßende Selbstgefühl des feindlichen Geschlechtes lächelt, da sie weiß, daß sie doch die Stärkere sein wird.

Das Beispiel des ersten Paares riß alle anderen mit sich fort. In einem Augenblick war der ganze, freie Platz vor den Musikern gefüllt. Unter den schweren, plissierten Röcken bewegten sich die kleinen Füßchen in weißen Sandalen oder gelben Schuhen.

Die Burschen holten sich mit derbem Griff ihre Partnerinnen. »Du«, sagten sie und zogen das Mädchen mit sich. Die Atlòts, die sich nicht beeilt hatten, warteten auf den Moment, daß einer der Tänzer Erschöpfung verriete. Dann zog einer ihn am Arm beiseite, rief ihm zu »laß sie mir« und nahm ohne weitere Erklärung seinen Platz ein. Mit frischen Kräften sprang der neue Tänzer um das junge Mädchen herum, das sich mit gesenkten Augen weiterdrehte und tat, als hätte es diesen raschen Wechsel nicht bemerkt.

Jetzt sah Jaime auch Margalida tanzen, die bis dahin unter ihren Freundinnen verborgen gewesen war.

Mandelblüte! Wie gut dieser Name für sie paßte. Noch schöner als sonst erschien sie ihm im Vergleich zu den übrigen jungen Mädchen, deren Haut Sonne und Feldarbeit tief gebräunt hatten. Ihr zarter, rosiger Teint, ihre schlanke Figur und die feinen Hände erweckten den Eindruck, als ob sie von einer fremden Rasse stammte. Was hätte nicht aus ihr werden können, wenn sie in einem anderen Milieu geboren wäre! Aber ach, nach ihrer Heirat würde sie auch auf den Feldern arbeiten und allmählich so aussehen, wie die anderen Bäuerinnen, müde und verbraucht, das Gesicht voller Runzeln.

Von diesen Gedanken wurde er plötzlich abgelenkt. Etwas Ungewöhnliches schien sich zu ereignen. Flöte, Tamburin und Kastagnetten ertönten weiter. Auch die Paare setzten ihren Tanz fort, aber in allen Augen las man eine geheime Unruhe. Die Bauern hielten inne in ihrer Unterhaltung und schauten nach der Seite, wo die Frauen saßen. Das Kaplanchen rannte von einem Paare zum andern und flüsterte den Tänzern etwas ins Ohr, die sofort den Tanz abbrachen und verschwanden. Nach wenigen Sekunden kehrten sie zurück und nahmen den Platz bei ihrer Atlòta, die sich mittlerweile weitergedreht hatte, wieder ein. Pep lächelte verständnisvoll. Er erriet, was vor sich ging, und flüsterte Jaime ins Ohr:

»Nichts von Bedeutung. Das passiert jedesmal beim Tanz. Es ist Gefahr vorhanden, und die Atlòts bringen ihre Kleinigkeiten in Sicherheit.«

Diese Kleinigkeiten enthüllten sich als Pistolen und Dolchmesser, die die jungen Burschen als Beweis trugen, daß sie Bürger von Ibiza waren. In den nächsten Sekunden sah man Waffen von unglaublichen Dimensionen zum Vorschein kommen. Es war ein Wunder, wie sie diese Ungetüme unauffällig an ihrem schlanken Körper unterbringen konnten. Die Frauen verlangten, daß man ihnen die Waffen gäbe. Sie wollten die Gefahr der Männer teilen. Ihre Augen funkelten zornig.

»In was für einer gottlosen Zeit leben wir, daß man friedliche Menschen so belästigt und ihre alten, ehrwürdigen Gebräuche angreift! Hierher, hierher!« riefen sie und ergriffen diese gefährlichen Spielzeuge, um sie unter ihren Röcken zu verbergen. Jetzt konnten sie kommen, diese Halunken! ... Man würde sich eher in Stücke hauen lassen, als auch nur einen Zollbreit von seinem Sitze abzurücken.

Febrer sah in der Ferne etwas aufblitzen. Es waren das Lederzeug und die Gewehre von zwei Gendarmen, deren Dreimaster man jetzt deutlich erkennen konnte. Sie kamen langsam näher, ohne Zweifel überzeugt, daß man sie längst erspäht hatte. Jaime war der einzige, der sie anschaute. Alle anderen blickten vor sich hin oder nach der entgegengesetzten Richtung. Die Musiker spielten noch lauter, aber die Paare verließen eins nach dem andern den Tanzplatz. Die Atlòtas trennten sich von den jungen Burschen, um sich unter die Frauen zu mischen.

»Guten Abend, meine Herren!«

Kaum hatte der ältere der beiden Gendarmen diese höflichen Worte ausgesprochen, als das Tamburin jäh verstummte. Nur die Flöte gab noch ein Wimmern von sich, wie eine Art ironischer Antwort auf die freundliche Begrüßung.

Ein großes Stillschweigen entstand, das den beiden Gendarmen lästig zu sein schien.

»Bitte, tanzen Sie weiter«, sagte der Ältere, »wir wollen Ihr Vergnügen nicht stören.«

Er machte der Kapelle ein Zeichen, die eine wilde Melodie anstimmte. Aber niemand tanzte. Die Burschen standen unbeweglich und dachten mit verbissener Miene, wie dieser lästige Besuch wohl enden würde. Während die Höllenmusik fortdauerte, fingen die Gendarmen langsam an, die Atlòts zu durchsuchen.

»Du, mein Sohn«, sagte der Ältere mit väterlicher Autorität, »die Hände hoch!«

Und der so Angeredete gehorchte friedfertig, ohne an den geringsten Widerstand zu denken. Er kannte seine Pflichten. Die Söhne von Ibiza wurden geboren, um zu arbeiten, zu leben ... und durchsucht zu werden. Ungelegenheiten, die man mit dem Attribut der Tapferkeit in Kauf nehmen mußte, zugleich auch ein Beweis, daß man gefürchtet war! Jeder Atlòt sah daher in dieser Durchsuchung eine Anerkennung seines Wertes.

Febrer fiel es auf, daß die Gendarmen sich den Anschein gaben, den Vèrro nicht zu bemerken. Pèp näherte sich Jaime und flüsterte ihm ins Ohr:

»Diese Leute im Dreimaster sind boshafter als der Teufel. Es ist beinahe eine Beleidigung für den Ferrer, wenn sie ihn nicht durchsuchen.«

Das Kaplanchen war unzertrennlich von den beiden Konstablern. Überall pflanzte er sich vor dem Älteren auf. Die Hände im Gürtel, sah er ihn starr an, halb drohend und halb flehend. Sobald der Gendarm sich von einem Atlòt abwandte, stolperte er über den Jungen, der ihm den Weg versperrte. Schließlich mußte der Mann im Dreimaster unter seinem grauen Schnurrbart lächeln. Er rief seinen Kameraden und zeigte auf Pepet.

»Untersuche doch diesen Vèrro. Mit dem muß man vorsichtig sein.«

Der Kleine verzieh seinem Feinde den etwas scherzhaften Ton und streckte die Arme so hoch wie er konnte, um möglichst von allen gesehen zu werden. Der Gendarm war schon längst bei einem anderen, nachdem er Pepet vorher noch ein wenig auf dem Bauche gekitzelt hatte, als dieser immer noch in der Haltung des gefährlichen Mannes verharrte.

Endlich hörten sie mit diesen nutzlosen Untersuchungen auf. Der Führer warf einen maliziösen Blick nach den Frauen. Das Versteck war nicht weit von ihm. Aber wer würde es wagen, die dürren Mulattinnen zum Aufstehen zu zwingen. Die Blicke dieser Damen sprachen sehr deutlich. Man hätte sie mit Gewalt hochziehen müssen. Und schließlich waren es doch Frauen!

»Guten Abend, meine Herren!«

Die beiden schulterten ihr Gewehr und gingen fort, vielleicht, um sich irgendwo auf die Lauer zu legen und nachts die Heimkehrenden mit besserem Erfolge zu durchsuchen.

Als die Gefahr vorüber war, schwieg die Musik. Der Cantó bemächtigte sich des Tamburins und setzte sich in die Mitte des Tanzplatzes. Im Halbkreise um ihn herum nahmen alle Anwesenden Platz. Die alten Frauen stellten ihre mit Seegras gepolsterten Schemel in die erste Reihe, um besser hören zu können, denn der Cantó wollte eine eigene Romanze vortragen. Langsam schlug er das Tamburin, um seinem träumerischen Gesang einen melancholischen Ernst zu geben.

»Warum wollt ihr, daß ich singe, wenn mein Herz zerrissen ist?«

Und schluchzend klagte seine weiche Stimme über ein Mädchen, das gefühllos blieb gegen seine Bitten. Er sang von ihrer Schönheit und ihrer rosigen Haut, durchsichtig wie die Blüte des Mandelbaumes.

Bei dieser Anspielung wandten die Zuhörer sich nach Margalida um, die aber keine Spur von mädchenhafter Verwirrung zeigte. Sie war an derartige poetische Huldigungen gewöhnt.

Jede Strophe beendete der Sänger mit einem langgezogenen Seufzer. Seine schmale Brust keuchte unter der Anstrengung, seine blassen Wangen bedeckten sich mit hektischer Röte, und am Halse traten die blauen Adern stark hervor.

Für Febrer bedeutete es eine Qual, diese klagende Stimme anzuhören. Es schien ihm, als müßte die Brust des Sängers springen ...

Aber die Bauern waren an diesen Gesang, der die letzte Kraft des Cantò verzehrte, gewöhnt, und ohne seine Erschöpfung zu beachten, forderten sie immer neue Strophen.

Einige Atlòts hatten den Kreis der Zuhörer verlassen und sich abseits miteinander beraten. Jetzt näherten sie sich Pèp, dem Herrn von Can Mallorqui, den sie in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünschten. Hierbei drehten sie ihrem Freunde den Rücken, um anzudeuten, daß dieser arme, kranke Teufel nur dazu gut wäre, jungen Mädchen in Liedern zu huldigen. Der Keckste von ihnen ergriff das Wort:

»Wir wollten mit Ihnen über Margalidas Festeig sprechen, Siño Pèp. Sie erinnern sich an Ihr Versprechen, daß er in diesem Jahre stattfinden sollte.«

Der Bauer sah aufmerksam einen nach dem andern an, als wollte er sie zählen.

»Wieviel seid ihr?«

Der junge Bursche, der das Wort führte, lächelte:

»Dieses Mal sehr viele. Wir sind auch beauftragt, im Namen der anderen zu sprechen.«

»Seid ihr wohl zwanzig?« fragte Pèp.

Die Atlòts antworteten nicht sofort. Sie murmelten leise die Namen ihrer abwesenden Freunde und zählten zusammen.

Zwanzig? ... Viel mehr als das. Man mußte mindestens auf dreißig rechnen.

»Dreißig! Glaubt ihr vielleicht, daß ich abends keine Ruhe notwendig habe? Oder bildet ihr euch ein, daß ich die ganze Nacht aufbleiben will, nur um zuzusehen, wie ihr meiner Tochter den Hof macht?«

Bald aber legte sich seine scheinbare Entrüstung, und er beschäftigte sich angestrengt mit einer komplizierten Rechnung, manchmal mit nachdenklicher Miene die Zahl dreißig vor sich hin murmelnd.

Dann fiel seine Entscheidung. Er erlaubte anderthalb Stunden. Da es sich um dreißig Atlòts handelte, kamen auf jeden drei Minuten; genau nach der Uhr drei Minuten, um mit Margalida zu sprechen, nicht eine Sekunde mehr. Als Festeigabende bestimmte er den Donnerstag und Sonnabend jeder Woche. Er beendigte seine Worte mit einer Ermahnung:

»Und gesittetes Benehmen! Ich dulde weder Zank noch Streit. Den ersten, der sich schlecht benimmt, jage ich mit einem Knüppel aus dem Hause, und wenn es notwendig sein sollte, habe ich auch eine Flinte.«

Als die jungen Leute sich zurückzogen, um alle Einzelheiten zu besprechen, beendigte der Cantó seine endlose Romanze. Sofort holten die Mädchen Margalida in die Mitte und baten sie, eine Erwiderung auf seine Verse zu improvisieren. Aber Margalida wollte nicht, und ihre Weigerung war offensichtlich so ernst gemeint, daß die Mütter ihr zu Hilfe kamen.

»Laßt die Atlòta in Ruhe. Margalida ist gekommen, um sich zu amüsieren, aber nicht für unser Vergnügen. Glaubt ihr vielleicht, es wäre so leicht, ohne weiteres in Versen zu antworten?«

Der Tamburinschläger hatte sein Instrument vom Cantó zurückgeholt und begleitete die träumerische Weise einer afrikanischen Melodie, die der Flötenspieler angestimmt hatte. Der Tanz nahm seinen Fortgang.

Die Sonne verschwand langsam am Horizont. Vom Meere kam eine erfrischende Brise, die jung und alt neu belebte. Die Atlòts, wieder im Besitze ihrer Mordwerkzeuge, fühlten durch den Kontakt mit diesen lieben Gefährten ihr Selbstbewußtsein gestärkt.

Diese unwiderstehliche Anziehungskraft, die durch eine spontane Antipathie erzeugt wird, zwang Jaime, den Ferrer nicht aus den Augen zu lassen. An der Besprechung der Atlòts mit Pèp hatte der Vèrro nicht teilgenommen. Es war wohl unter seiner Würde, sich mit kleinlichen Einzelheiten zu befassen. Jetzt hielt er seine harten Augen starr auf Margalida gerichtet, als wollte er sie faszinieren. Wenn das Kaplanchen in seine Nähe kam, gönnte er ihm ein Lächeln, da er in Pepet schon den künftigen Schwager sah.

Dieselben Burschen, die vorher mit Pep verhandelt hatten, schienen durch die drohenden Blicke des Ferrer eingeschüchtert zu werden. Alle jungen Mädchen wurden zum Tanze geführt, nur Margalida blieb neben ihrer Mutter sitzen. Die Atlòts warfen ihr sehnsüchtige Blicke zu, aber keiner wagte es, sie aufzufordern.

In Jaime wurde die Händelsucht seiner Jugend wieder lebendig. Er haßte den Vèrro. Die Furcht, die dieser Bursche allen einflößte, empfand Febrer wie eine ihm persönlich zugefügte Beleidigung. Gab es denn niemanden, der diesem Großtuer ein paar Ohrfeigen verabreichte?

Ein Atlòt nahm endlich Margalida bei der Hand. Es war der Cantó.

Armer Junge! Jaime erriet die Willenskraft, die dieser kranke, schwache Körper aufbringen mußte, um die gewaltige Anstrengung auszuhalten. Schon nach wenigen Minuten ging es mit seinen Kräften zu Ende. Trotzdem lächelte der Cantó stolz und schaute Margalida verliebt an.

Aber seine Erschöpfung nahm sichtlich zu. Bei einer Drehung wäre er beinahe gefallen. Er wurde vom Schwindel erfaßt und schloß die Augen.

In diesem Augenblick stürzte der Ferrer vor und berührte den Arm des Tänzers als Zeichen, ihm seine Partnerin zu überlassen.

Der Tanz des Vèrro wurde mit einem Murmeln der Bewunderung begrüßt. Durch den Applaus angefeuert, verdoppelte er seine Anstrengungen. Unaufhörlich verfolgte er seine Partnerin, trat ihr immer wieder entgegen und umspann sie mit einem verwickelten Netz schwieriger Bewegungen, während Margalida sich mit niedergeschlagenen Augen drehte, um den harten Blick dieses gefährlichen Verehrers zu vermeiden.

Manchmal sprang der Ferrer, den Kopf nach rückwärts gelegt und die Hände im Nacken verschlungen, hoch in die Luft, als ob der Boden elastisch wäre und seine Beine stählerne Federn besäßen.

Die Zeit verging, doch dieser Mann schien keine Ermüdung zu kennen. Einige Paare hatten längst aufgehört, bei andern war wiederholt ein neuer Tänzer eingetreten, doch der Ferrer setzte seinen wilden Tanz weiter fort.

Selbst Jaime mußte mit einem gewissen Neid die ungewöhnliche Kraft und Ausdauer dieses gewalttätigen Menschen bewundern.

Plötzlich sah er, wie der Vèrro im Gürtel suchte und dann eine Hand zur Erde streckte, ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde in seinen Sprüngen und Drehungen innezuhalten.

Auf dem Boden breitete sich eine weiße Rauchwolke aus, in der es zweimal kurz aufblitzte. Dann ertönte ein doppelter Knall.

Die Frauen drängten sich ängstlich zusammen. Einen Augenblick waren auch die Männer verdutzt und ungewiß. Dann aber brachen sie in begeisterte Beifallsrufe aus.

»Bravo! Bravo!«

Der Ferrer hatte vor den Füßen seiner Tänzerin die Pistole abgefeuert. Die höchste Huldigung eines tapferen Mannes!

Und Margalida, die, als gute Tochter von Ibiza an Schüsse gewöhnt, ruhig weitertanzte, warf dem Ferrer einen Blick zu, voll von Anerkennung über seine Verwegenheit. In der Tat waren die Behörden von ihm in unerhörter Weise herausgefordert worden, denn die Gendarmen konnten sehr wohl noch in Hörweite sein.

Nur auf Jaime machte die galante Huldigung keinen Eindruck.

»Verfluchter Sträfling«, knirschte er.

Über den Grund seiner Wut war er sich nicht ganz klar. Aber etwas empfand er als unvermeidbar: mit diesem Banditen würde er demnächst abrechnen.

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