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Die Toten befehlen

Vincente Blasco Ibañez: Die Toten befehlen - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/blascoib/toten/toten.xml
typefiction
authorVincente Blasco Ibañez
titleDie Toten befehlen
publisherPaul List Verlag Leipzig
printrun21.?24. Tsd.
firstpub1925
translatorOtto Albrecht van Bebber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111127
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II.

»Schönen guten Tag, Don Jaime!«

Pepet breitete eine Serviette aus über die Hälfte des Tisches und stellte vor Jaime zwei zugedeckte Teller und eine Flasche roten Landwein, durchsichtig wie Rubin. Dann setzte er sich auf den Boden, zog die Knie hoch, umschlang sie mit den Armen und verharrte unbeweglich in dieser Stellung. Seine klugen Augen sahen Jaime an mit dem Ausdruck eines treuen Hundes.

»Ich dachte, du wärst in der Stadt, um Priester zu werden?« fragte ihn Febrer, der mit seiner Mahlzeit begann.

Der Junge rümpfte die Nase.

»Ich bin auch dort gewesen, Don Jaime. Der Vater hatte mich zu einem Professor vom Seminar gegeben. Aber dort gibt es keine Bäume, kaum Luft. Nichts ist erlaubt. Überall sind Gitter wie in einem Gefängnis. Welch schreckliche Zeit habe ich dort verbracht!«

Das zutrauliche Lächeln verschwand aus dem Gesicht des Kaplanchens, als er sich an den vergangenen Monat erinnerte.

Der Professor, der sich in den Ferien langweilte, verwandte seine ganze Zeit darauf, den kleinen Bauernjungen in die Schönheit der lateinischen Sprache einzuweihen. Teils verließ er sich hierbei auf seine Beredsamkeit, teils auf einen derben Riemen. Bis zum Schulanfang wollte er aus Pepet ein kleines Wunderkind machen, und die Hiebe verdoppelten sich. Am vorhergehenden Tage hatte er ihm eine außergewöhnlich kräftige Ration verabreicht. Pepets Geduld war erschöpft. Ihn zu schlagen! Wenn es nicht ein Priester gewesen wäre! ... Er war aus dem Seminar geflüchtet und zu Fuß nach Can Mallorqui zurückgekommen, aber nicht, ohne vorher seinen Rachedurst befriedigt zu haben. Einige Bücher, die der Professor besonders schätzte, hatte er zerrissen, das Tintenfaß über den Tisch gegossen und an die Wände garstige Worte geschrieben.

Der Abend in Can Mallorqui war stürmisch verlaufen. Die Rationen des Professors bedeuteten nichts im Vergleich zu den Prügeln, mit denen ihn sein Vater empfing. Außer sich vor Zorn würde er den Jungen umgebracht haben, wenn sich nicht Margalida und ihre Mutter dazwischengeworfen hätten.

Das freundliche Lächeln erschien jetzt wieder auf Pepets Gesicht. Er sprach mit Stolz von den Hieben, die er über sich ergehen ließ, ohne einen Laut von sich zu geben. Ein Vater darf schlagen, weil er seine Kinder lieb hat. Aber wehe, wenn ein anderer es wagen wollte; er spräche damit sein eigenes Todesurteil aus.

Der Vater hatte wütend erklärt, er würde Pepet wie einen Sack auf einen Esel binden und so zum Professor zurückbringen. Aber das Kaplanchen lachte über diese Drohung. Ehe es soweit kam, würde er in die Berge fliehen oder auf den Vedrá, um dort mit den wilden Ziegen zu hausen.

Der Besitzer von Can Mallorqui hatte über die Zukunft seiner Kinder mit der Starrköpfigkeit des Bauern bestimmt, der, überzeugt, das Richtige zu treffen, keinen Widerspruch erträgt.

Jaime mußte über den Eifer lächeln, mit dem sich Pepet gegen sein Geschick wehrte. Auf der ganzen Insel gab es außer dem Seminar kein Erziehungsinstitut. Hatten die Bauern und Schiffseigentümer den Ehrgeiz, ihren Söhnen eine höhere Bildung geben zu wollen, so blieb ihnen nichts anderes übrig, als sie zum Seminar zu schicken, wo sie zu Geistlichen erzogen wurden. Ach, diese Priester von Ibiza! ... Auch unter der Sutane behielten sie die wilde Kampflust ihrer Vorfahren. Während sie ihrem Studium nachgingen, nahmen viele von ihnen teil an den Serenaden und Tänzen der Atlòts, und häufig kam es vor, daß diese zukünftigen Seelenhirten das Messer oder die Pistole zogen. Dies bedeutete keinen Mangel an Frömmigkeit. Aber eine devote, entsagende Auffassung des Lebens entsprach nicht ihrer Natur. Alle jungen Geistlichen, die aus dem Seminar der Insel hervorgingen, hatten einen ausgesprochenen Hang zum Abenteuerlichen. Entweder gingen sie nach Spanien und wurden Feldprediger oder sie schifften sich nach Südamerika ein, wo gewisse Republiken ein Eldorado für die spanischen Priester waren. In Chile und Peru gab es viele gläubige Damen, die gern für eine Messe hundert Pesos spendeten. Das ersparte Geld schickten diese guten Söhne von Ibiza ihren Eltern, um Land auf der Insel zu kaufen. Alle kehrten nach Jahren in die Heimat zurück mit der Absicht, ein ruhiges Leben auf ihren Ländereien zu führen. Aber allmählich wurde ihnen dies monotone Dasein unerträglich. Sie verkauften Haus und Land oder überließen es ihrer Familie und schifften sich von neuem ein, um nicht mehr zurückzukehren.

Pèp war empört über den Eigensinn seines Sohnes, der durchaus Landwirt werden wollte. Umsonst erzählte er von den Söhnen seiner Freunde, die drüben ihr Glück machten. Der Sohn von Treufòch hatte schon sechstausend Duros geschickt. Ein anderer, der im Innern zwischen Indianern lebte, besaß jetzt ein hübsches Gut auf Ibiza, das sein Vater für ihn verwaltete. Und dieser Taugenichts von Pepet, begabter als alle anderen, weigerte sich, ihrem schönen Beispiele zu folgen!

Als Pèp am vergangenen Abend in der Küche ausruhte, mit lahmem Arm und der traurigen Miene eines Vaters, der gezwungen war, eine außerordentliche Züchtigung vorzunehmen, benutzte der Atlòt diesen Augenblick der Stille, um seinem Vater einen Vorschlag zur Güte zu machen. Gut, er würde gehorchen und Geistlicher werden, aber vorher wollte er ein Mann sein, mit den anderen Atlòts des Kirchspiels zum Tanz gehen, Musik machen, die Festeigs besuchen, eine Braut haben und ein Dolchmesser im Gürtel tragen. Das letzte lag ihm am meisten am Herzen.

»Gib mir den Dolch vom Großvater«, flehte der Kleine.

Für dieses Dolchmesser war er bereit, später sogar als Einsiedler von den Almosen der Leute zu leben, wie die Eremiten in der Klause der Cubells. Beim Gedanken an diese ehrwürdige Waffe blitzten die Augen des Kaplanchens. Er beschrieb sie Febrer mit begeisterten Worten. Ein Prachtstück! Eine alte Klinge aus poliertem Stahl, scharf zugespitzt und so stark, daß man mit ihr eine Münze durchbohren konnte. Diese Klinge in der Hand des Großvaters! ... Der Enkel hatte ihn nicht mehr gekannt, aber er sprach von ihm mit großer Bewunderung, während er sich über seinen Vater nur mit mäßigem Respekt ausdrückte.

Dieser Wunsch, der ihn Tag und Nacht verfolgte, gab ihm auch den Mut, Jaimes Unterstützung zu erbitten.

»Don Jaime, wollen Sie mir nicht helfen? Wenn Sie den Vater bitten, kann er nicht nein sagen!« Febrer lächelte gutmütig.

»Sei ruhig, mein Junge. Wenn der Vater das Messer des Großvaters verweigert, werde ich dir ein anderes in der Stadt kaufen.«

Über diese Zusage geriet das Kaplanchen außer sich vor Freude. Gerade jetzt mußte er unbedingt ein Messer haben, um sich vor den Männern sehen lassen, zu können, denn die tapfersten Atlòts der Insel würden in der nächsten Zeit das Haus besuchen. Margalida war erwachsen, und ihr Festeig sollte beginnen.

»Margalida?« rief Febrer erstaunt aus. »Margalida will sich einen Bräutigam aussuchen?«

Festeig in Can Mallorqui! Seltsame Vorstellung! Er hatte vollkommen vergessen, daß Pèps Tochter in heiratsfähigem Alter stand. Und konnten denn diese rüden Burschen Gefallen finden an der rosigen, graziösen Puppe?

Er dachte nach, und Margalida erschien ihm jetzt ganz anders. In der Tat, sie war kein Kind mehr. Diese Umstellung, die in seinem Innern vorging, schmerzte ihn. Es schien ihm, als hätte er etwas verloren.

»Und... wie viele sind es?« fragte er mit halber Stimme.

Pepet sah zur Decke empor und fuchtelte erregt mit den Händen. Wie viele? Genau wußte man es noch nicht. Aber sicher mehr als zwanzig. Und dabei hatte schon eine ganze Reihe von Atlòts, die Margalida mit den Augen verzehrten, auf die Teilnahme am Festeig von vornherein als aussichtslos verzichtet.

Es gab wenige junge Mädchen auf der Insel wie seine Schwester. Sie war liebenswürdig, immer fröhlich und guter Dinge und außerdem noch eine gute Partie, denn der Vater erzählte überall, daß sein Schwiegersohn Can Mallorqui nach seinem Tode übernehmen sollte. Und er, der einzige Sohn, konnte dann seine Sutane am andern Ende der Welt spazieren führen, ohne andere Atlòtas zu sehen, als Indianerinnen. Caramba, solch ein Pech! Aber die Entrüstung des Kaplanchens dauerte nicht lange. Er war begeistert von der Aussicht, zweimal in der Woche die tüchtigsten jungen Männer der Insel im Hause zu sehen. Und alle diese verwegenen Atlòts würden ihn, den Bruder Margalidas, als Kameraden behandeln. Man erwartete sogar Teilnehmer aus dem entfernten San Juan, dessen Männer so gefürchtet wurden. In diesem Dorfe vermied man es, das Haus nach Einbruch der Dunkelheit zu verlassen, denn hinter jedem Busch konnte ein Feind lauern. Seit jeher waren die Einwohner von San Juan bekannt dafür, sogar jahrelang auf die Gelegenheit warten zu können, Blutrache zu nehmen.

Pepets Selbstgefühl wuchs aber ins Maßlose bei dem Gedanken, mit Pedro, dem Schmied, in Verkehr zu treten, der, wie auf der Insel üblich, nach seinem Berufe kurz der Ferrer genannt wurde.

Der Junge bewunderte ihn als großen Künstler. In der Tat, wenn der Ferrer sich entschloß, zu arbeiten, stellte er die schönsten Pistolen her, die man auf Ibiza kannte. Sogar aus Spanien erhielt er Teile alter Waffen geschickt, die er neu montierte. Mit Silber eingelegte und reich geschnitzte Kolben zeugten von seinem zwar phantastischen, aber doch künstlerischen Geschmack.

Dies hätte jedoch nicht genügt, um ihm Pepets uneingeschränkte Bewunderung zu verschaffen. Ein anderer Umstand kam hinzu, und mit leiser, geheimnisvoller Stimme sagte er zu Don Jaime:

»Der Ferrer ist ein Vèrro.«

Ein Vèrro? ... Jaime dachte vergeblich nach, welche Bedeutung dieses Wort haben könnte, bis das Kaplanchen ihn mit ausdrucksvoller Bewegung aufklärte:

»Ein Vèrro ist ein Mann, der nicht mehr nötig hat, seinen Mut zu beweisen, weil er mit sicherer Hand schon einen oder mehrere ins Jenseits geschickt hat.«

Doch Pepet, der wünschte, daß seine eigene Familie nicht hinter dem Ferrer zurückstände, kam jetzt wieder auf seinen Großvater zu sprechen. Auch der war ein Vèrro gewesen. Noch jetzt sprach man in San José von der Geschicklichkeit, mit der er seine Angelegenheiten zu regeln wußte. Ein Stich mit dem berühmten Messer, weiter nichts! ... Die Alten hatten es besser verstanden, diese Sachen einzufädeln. Immer gab es genügend Zeugen, die bekundeten, den Großvater am anderen Ende der Insel zu derselben Stunde gesehen zu haben, in der sein Feind die Reise ins Jenseits antrat.

Anders mit dem Ferrer. Erst vor einem halben Jahr war er aus Spanien zurückgekommen, wo er acht Jahre im Gefängnis zugebracht hatte. Seine Rückkehr gestaltete sich zu einem Triumph. Ein Sohn von San José, der aus einem solch heroischen Exil heimkam! Das ganze Kirchspiel von San José, an seiner Spitze der Herr Alkalde, erwartete ihn am Hafen. Nach der feierlichen Begrüßung bildete sich ein endloser Zug von Wagen, Reitern und Fußgängern. In allen Tavernen längs des Weges wurde haltgemacht und der Held mit Wein, knuspriger Bratwurst und Figòla, dem süßen Kräuterschnaps der Insel, bewillkommnet. Man bewunderte seinen neuen Anzug von städtischem Schnitt und die wohlwollende Art, mit der er wie ein gütiger Fürst seine alten Freunde behandelte. Viele beneideten ihn, und wochenlang lauschte man abends in der Dorfschenke seinen interessanten Erzählungen. Frühere Millionäre, Rechtsgelehrte, Männer, die den Degen getragen hatten, ja, sogar ein Priester, waren in diesen acht Jahren seine Gefährten gewesen. Glücklicherweise war er nicht in einem der eisigen Gefängnisse von La Mancha oder dem alten Kastilien eingesperrt worden, sondern verbüßte seine Zeit in der Strafanstalt San Miguel de los Reyes in Valencia, wo Palmen in den Höfen wuchsen und der Blick durch Gitter über grüne Gärten bis an das blaue Meer schweifen konnte.

Pepet, der glaubte, daß alles, was mit dem Ferrer zusammenhing, Jaime außerordentlich interessieren müßte, beschrieb jetzt das Äußere seines Helden.

»Er ist nicht so groß und auch nicht so stark wie Sie, Don Jaime, aber sehr behende. Beim Tanz kommt ihm niemand gleich. Noch immer sieht er so blaß aus wie eine Nonne. Sein Häuschen steht mitten in den Pinienwäldern, nahe bei den Hütten der Köhler, die ihn mit Holzkohlen versorgen. Aber sein Schmiedefeuer brennt nicht jeden Tag. Nur wenn er Lust hat, arbeitet er an alten Gewehren und den prächtigen, eingelegten Pistolen. Ich möchte ihn so gern in unserer Familie haben. Dann schenkt er mir vielleicht eine seiner Waffen. Ob Margalida ihn wohl nimmt? Was meinen Sie, Don Jaime?«

Pepet trat mit Eifer für den Vèrro ein. Wie schlecht lebte der Arme, ganz allein in der Schmiede, nur in Gesellschaft einer alten, mürrischen Tante, die ihm den Blasebalg zog. Wie anders würde das düstere Häuschen aussehen, wenn erst Margalida dort wohnte!

Aber ein Schatten fiel auf Pepets Hoffnungen, wenn er an seinen Vater dachte. Für den Besitzer von Can Mallorqui war der Ferrer kein geeigneter Schwiegersohn. Zwar konnte er nichts Böses von dem Vèrro sagen, betrachtete im Gegenteil seinen Ruf als Ehre für die ganze Gemeinde, aber der Ferrer übte ein Handwerk aus und verstand wenig von Landwirtschaft.

Doch den übrigen Bewerbern würde es schwer fallen, gegen einen Mann wie den Ferrer aufzukommen. Auch wenn sich seine Schwester für einen anderen entscheiden sollte, so müßte der Erwählte erst noch den Vèrro aus dem Wege räumen, ehe er ans Ziel gelangte. Das Kaplanchen erwartete große Dinge und freute sich wie ein kleiner Wilder, der Blut fließen sehen wird.

Pepet verehrte und bewunderte seine Schwester, die über ihn eine größere Autorität besaß als der Vater, um so mehr, als sein Respekt für sie nicht mit der Furcht vor Schlägen verbunden war. Sie leitete den ganzen Hausstand. Die Mutter wagte nichts zu tun, ohne sie um Rat zu fragen. Sogar der starrköpfige Pèp kratzte sich den Kopf bei einem schwierigen Entschluß und murmelte: »Das muß ich mit der Atlòta besprechen.«

Auch Pepet, der die Halsstarrigkeit des Vaters geerbt hatte, wurde fügsam, wenn ihn das junge Mädchen mit einem lieben Lächeln ermahnte.

»Glauben Sie mir, Don Jaime, sie versteht alles«, sagte der Junge mit Überzeugung. »Ich weiß nicht, ob sie schön ist; mir gefallen die Mädchen in meinem Alter besser. Nur schade, daß sie für den Festeig noch zu jung sind!«

Das Kaplanchen fuhr fort, alle Vorzüge seiner Schwester aufzuzählen, und rühmte besonders ihren Gesang.

»Don Jaime, Sie kennen doch den Cantò, der wegen seiner kranken Brust nicht arbeiten kann? Tag für Tag sitzt er irgendwo im Schatten, schlägt sein Tamburin und murmelt Verse. Dieses weiße Lamm, dieses Huhn mit Mädchenaugen will sich auch um Margalida bewerben! Aber ich schwöre Ihnen, Don Jaime, eher schlage ich ihm sein Tamburin auf dem Kopf entzwei, als daß ich ihn als Schwager annehme. Ich kann nur einen Helden für meine Familie gebrauchen.«

Jaime erinnerte sich des jungen Atlòts, den er kurz vorher hinter dem Turme angetroffen hatte.

Die Leistungen des Cantò als Sänger wurden auch von Pepet anerkannt. Man mußte gerecht sein! In der Kunst, neue Lieder zu erfinden und vorzutragen, kam ihm niemand gleich. Aber sogar mit ihm konnte Margalida sich messen. Wenn der Cantò Sonntags eine neue Romanze vortrug, gab Margalida dem Drängen ihrer Freundinnen manchmal nach, setzte sich mit einem Tamburin auf dem Knie dem Cantò gegenüber und beantwortete seine Strophen mit improvisierten Versen.

»Pepet! ... Atlòt! ...«

Kristallklar ertönte eine Frauenstimme in der Ferne und brach das tiefe Schweigen der Mittagsstunde, auf der die Glut der afrikanischen Sonne schwer lastete. Der Ruf erklang von neuem, dieses Mal aus größerer Nähe.

Pepet sprang mit einem Satz aus seiner hockenden Stellung auf. Margalida rief ihn. Sein Vater schien irgendeine Besorgung für ihn zu haben. Aber Jaime hielt den Jungen am Arm zurück.

»Laß sie kommen«, sagte er lächelnd, »tue, als ob du taub wärest, damit sie weiter ruft.«

Das Kaplanchen lachte mit, entzückt über dieses harmlose Komplott, wollte aber gleich daraus Nutzen ziehen und mahnte Febrer mit kühner Vertraulichkeit:

»Also wirklich, Don Jaime, Sie werden den Vater bitten, mir das Messer vom Großvater zu geben? Ich muß immer daran denken!«

»Abgemacht«, antwortete Febrer, »und wenn der Vater nicht will, kaufe ich dir das schönste Messer, das ich in der Stadt finde.«

Der Junge rieb sich zufrieden die Hände, seine Augen strahlten.

»Aber du bekommst es nur, damit du ein Mann bist, wie die anderen«, fuhr Febrer fort, »aber nicht, um es zu gebrauchen. Verstanden? Es ist nichts als ein Schmuck.«

Pepet, dem es darum zu tun war, seinen Wunsch möglichst bald erfüllt zu sehen, bejahte energisch mit dem Kopfe. Jawohl, nur ein Schmuck ... Doch seine Augen wurden dunkler von einem grausamen Zweifel. Ein Schmuck! Aber wenn ihn jemand beleidigte, was blieb einem Manne dann als Antwort übrig?

»Pepet! ... Atlòt! ...«

Die Stimme erschallte jetzt ungeduldig am Fuß des Turmes, und Febrer hoffte, jeden Moment Margalida auf der Treppenleiter auftauchen zu sehen. Aber er wartete vergeblich.

Endlich ging er zur Tür und sah das junge Mädchen unten an der Treppe stehen. In ihrem aufwärts gewandten Gesicht leuchteten die großen schwarzen Augen.

»Grüß Gott, Mandelblüte!« rief Febrer lachend, aber mit etwas unsicherer Stimme.

Mandelblüte!... Das junge Mädchen wurde vor Überraschung rot. Wie war es möglich, daß Don Jaime diesen Beinamen kannte! Und wie konnte nur ein ernsthafter Herr wie er solche Kindereien wiederholen?

Febrer sah nur noch den Hut von Margalida. Sie hatte den Kopf gesenkt und spielte in ihrer Verwirrung mit dem Zipfel der Schürze, schamhaft, wie ein Mädchen, das sich plötzlich der Bedeutung seines Geschlechts bewußt wird und zum ersten Male eine Liebeserklärung anhört.

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