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Die Toten befehlen

Vincente Blasco Ibañez: Die Toten befehlen - Kapitel 5
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typefiction
authorVincente Blasco Ibañez
titleDie Toten befehlen
publisherPaul List Verlag Leipzig
printrun21.?24. Tsd.
firstpub1925
translatorOtto Albrecht van Bebber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111127
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IV.

Als Jaime um drei Uhr morgens zu Bett ging, glaubte er in der Dunkelheit seines Schlafzimmers die Gesichter von Kapitän Valls und Tòni Clapès zu sehen. Wie am Tage vorher schienen sie mit ihm zu sprechen.

»Ich protestiere«, sagte der Kapitän mit ironischem Lachen. »Tu es nicht«, riet der Schmuggler mit ernster Miene.

Jaime hatte die Nacht im Kasino zugebracht, schweigsam und schlechter Laune unter dem Eindruck dieser Auseinandersetzungen. Worin lag nur das Seltsame und Absurde seiner Absicht, daß sie von beiden verdammt wurde, von diesem Chueta, für dessen Familie diese Heirat eine ungeheure Ehre war, und von diesem Schmuggler, der fast außerhalb der Gesetze lebte? Gewiß, die Heirat würde einen Skandal auf der Insel hervorrufen. Aber hatte er nicht das Recht, sich auf irgendeine Art zu retten? War es vielleicht das erstemal, daß ein Edelmann durch eine reiche Heirat wieder zu Vermögen kam? Erlebte man nicht jeden Tag, daß Herzöge und Grafen ihren Namen an die Töchter amerikanischer Millionäre verkauften, deren Herkunft dunkler war als die von Don Benito? Trotzdem, dieser Narr von Pablo hatte zum Teil recht. In der ganzen übrigen Welt konnte man solche Verbindungen eingehen, aber nicht auf Mallorca. Die Seele dieser Insel, die Seele der vergangenen Jahrhunderte ließ es nicht zu.

Jaime bewegte sich unruhig in seinem Bett. Er fand keinen Schlaf ... Die Febrer! Welche ruhmvolle Vergangenheit! Und wie schwer sie auf ihm lastete, wie eine Sklavenkette, die sein gegenwärtiges Elend noch fühlbarer machte!

Der wahre Ruhm des Hauses begann im Jahre 1541 mit der Ankunft von Kaiser Karl V. Eine Flotte von dreihundert Segelschiffen unter dem Kommando des großen Seemannes Andreas Doria warf Anker in der Bucht von Palma. Achtzehntausend Kriegsleute hatte der Kaiser aufgeboten, um Algier zu erobern: Spanier unter Gonzaga, Deutsche unter dem Befehl vom Herzog Alba, Italiener unter Colonna, außerdem zweihundert Malteserritter, geführt vom Komtur Don Priamo Febrer.

Mallorca empfing den Herrn von Spanien und Indien, von Deutschland und Italien mit großen Festen. Die Blüte des kastilischen Adels, die dem Kaiser auf diesem heiligen Kriegszuge folgte, wurde auf das beste aufgenommen in den Häusern der Ritterschaft von Mallorca. Im Palaste der Febrer weilte als Gast ein Edelmann, der, erst vor kurzer Zeit aus dem Nichts hervorgegangen, durch seine heldenhaften Abenteuer und märchenhaften Reichtümer überall Bewunderung erregte. Es war der Marquis del Valle de Huaxaca, Ferdinand Cortez, der von der Eroberung von Mexiko zurückkehrte. Ein königlicher Glanz umgab ihn. An der Brücke seiner Galeere strahlten drei riesengroße Smaragden, die auf mehr als hunderttausend Dukaten geschätzt wurden. Der eine war als Blume geschnitten, der andere als Vogel, der dritte als Glocke mit einer großen grauen Perle als Klöppel. In dem Gefolge des Marquis gab es manche, die ihn in die fernen Länder begleitet und deren seltsame Gebräuche angenommen hatten, magere Hidalgos mit gelber Gesichtsfarbe, die schweigsam die Stunden der Siesta damit verbrachten, zusammengerollte Kräuter zu entzünden und Rauch aus ihrem Munde zu stoßen, wie innerlich brennende Dämonen.

Die Damen des Hauses Febrer bewahrten von Generation zu Generation einen großen, ungeschnittenen Diamanten, den ihnen Ferdinand Cortez als Dank für die fürstliche Gastfreundschaft überreicht hatte.

Die Flotte verließ Palma im Oktober und landete auf dem Strande von Hamma. Die Höhen, die Algier umgeben, wurden erstürmt, und die Belagerung begann. Die Mauren benutzten ein furchtbares Unwetter, um einen Ausfall zu machen. Das christliche Heer, vollkommen überrascht, wurde beinahe zersprengt. Nur der Komtur Don Priamo Febrer hielt stand mit einer Handvoll seiner Ritter und gab den Spaniern und Deutschen Zeit, sich wieder zu sammeln. Ihrem ungestümen Angriff konnten die Mauren nicht widerstehen, sie mußten zurück. Don Priamo, an Kopf und Bein verwundet, verfolgte die weichenden Ungläubigen bis unter die Mauern von Algier und stieß zum Zeichen, wie weit er vorgedrungen war, seinen Dolch in ein Tor der Stadt.

Bei einem andern Ausfall war der Ansturm der Mauren so erbittert, daß die Italiener wichen, bald darauf auch die Deutschen. Der Kaiser, rot vor Zorn, weil seine Kerntruppen flohen, zog das Schwert, ergriff seine Standarte und rief seinem glänzenden Gefolge von Rittern zu:

»Vorwärts, Señores! Wenn ihr mich fallen seht, hebt erst die Standarte auf, dann mich!«

Die Wucht dieser Schwadron von Eisen warf die siegreichen Mauren zurück. Zweimal geriet der Kaiser in Lebensgefahr, und beide Male rettete sein Leben ein Febrer, der älteste Bruder von Don Priamo, der sich dem Zuge auf Mallorca angeschlossen hatte. Als der blutige Tag zu Ende war, empfing Febrer eine königliche Belohnung. Im Angesicht des ganzen Heeres hängte ihm der Kaiser seine goldene Kette um.

Von allen seinen Vorfahren war es Priamo Febrer, der Jaimes Phantasie am meisten beschäftigt hatte. Ein Streiter der Kirche, mußte er bei seinem Eintritt in den Malteserorden das Keuschheitsgelübde ablegen, was ihn aber nicht abhielt, auf seiner Galeere immer schöne Mädchen mit sich zu führen. Sooft die Ordensgeistlichen ihm mit der Exkommunikation drohten, lachte er ihnen diabolisch ins Gesicht, und wenn der Großmeister ihm seinen unreinen Lebenswandel vorhielt, richtete er sich stolz auf und sprach von den siegreichen Seeschlachten, die das Kreuz von Malta ihm verdankte.

Sein Name war an der ganzen Mittelmeerküste, wo immer Ungläubige wohnten, bekannt. Die Mohammedaner fürchteten ihn wie den Teufel, und ihre Frauen brachten die schreienden Kinder zum Schweigen mit der Drohung: der Komtur Febrer kommt. Dragut, der größte türkische Korsar, schätzte ihn als einzig würdigen Rivalen. Nachdem verschiedene Kämpfe unentschieden geblieben waren, gingen sie sich gegenseitig aus dem Wege.

Als Dragut eines Tages in Algier eine seiner Galeeren besuchte, sah er Don Priamo Febrer halbnackt an eine Ruderbank geschmiedet.

»Kriegsglück!« sagte Dragut.

»Veränderlich!« antwortete der Komtur.

Sie drückten sich die Hand, ohne weitere Worte zu wechseln. Der eine bot keine Gnade an, der andere bat nicht um Erbarmen.

Der Orden gab als Lösegeld für seinen besten Krieger Hunderte von Sklaven, Schiffe und Frachten. Jahre darauf war es Don Priamo, der in Malta beim Betreten einer Ordensgaleere den kühnen Dragut an eine Ruderbank gekettet sah. Keiner von den beiden zeigte die geringste Überraschung, und dieselbe Szene wiederholte sich, als wäre die Begegnung durchaus natürlich. Sie drückten sich die Hand:

»Kriegsglück«, sagte Don Priamo.

»Veränderlich«, entgegnete Dragut.

Alt und müde zog sich der Malteser nach Mallorca zurück, wo er einen Flügel des Palastes bezog. Die Insel war empört über sein sittenloses Leben. Drei junge maurische Mädchen und eine Jüdin von auffallender Schönheit, die er seine Dienerinnen nannte, begleiteten ihn. Außerdem brachte er noch eine Reihe von Sklaven mit, Türken und Tataren, die zitterten, wenn sie ihn sahen. Alte Hexen und hebräische Heilkünstler besuchten ihn. Mit diesem verdächtigen Volk schloß er sich in seinem Schlafzimmer ein, und die Nachbarn faßte das Gruseln, wenn sie in späten Nachtstunden sahen, wie seine Fenster von einem Höllenfeuer erglühten. Einige seiner Sklaven welkten dahin, blaß, als saugte man ihnen das Leben aus. Und die Leute murmelten, daß der Komtur ihr Blut für magische Tränklein gebrauche, die ihn wieder jung machen sollten. Der Großinquisitor von Mallorca sprach davon, daß er mit seinen Schergen die Wohnung des Komturs wohl einmal besuchen müßte. Aber Don Priamo, sein Vetter, dem dies zu Ohren gekommen war, teilte ihm durch einen Brief mit, daß er die feste Absicht hätte, ihm mit einem Enterbeil den Kopf zu öffnen, sobald er den Fuß auf die erste Stufe seiner Treppe setzen würde.

Der Komtur starb, wahrscheinlich an seinen höllischen Mixturen, und ließ als Beweis seiner Vorurteilslosigkeit ein Testament zurück, dessen Kopie Jaime im Archiv gelesen hatte. Der kühne Streiter der Kirche vermachte darin seine Liegenschaften nebst Waffen und Trophäen den Söhnen seines älteren Bruders. Dann aber folgte eine lange Liste von Legaten, alle, ohne Ausnahme, für die Kinder, die er mit maurischen Sklavinnen oder jüdischen, griechischen und armenischen Mädchen gehabt hatte, eine Nachkommenschaft, so zahlreich wie die eines biblischen Patriarchen. Großer Komtur! Es schien, als wollte er bei jedem Bruch seines Keuschheitsgelübdes die Sünde dadurch verringern, daß er nur ungläubige Frauen wählte.

Warum sollte er sich nicht mit einer Chueta verbinden, dachte Jaime, einem Mädchen, das sich in seinem Glauben, seiner Erziehung und seinen Sitten in nichts von den anderen unterschied, wenn der berühmteste aller Febrer in einer Zeit der größten Intoleranz mit ungläubigen Frauen zusammen gelebt hatte? ... Aber da fiel ihm eine Klausel des Testaments ein. Wohl hinterließ der Komtur diesen Kindern Legate, weil sie seines Blutes waren und er ihnen Not ersparen wollte. Aber er verbot ihnen, den Namen ihres Vaters zu tragen, den glorreichen Namen der Febrer, der sich in dem Stammhause auf Mallorca von schimpflichen Kreuzungen rein gehalten hatte.

Noch etwas anderes beunruhigte Jaime. Warum empfand er, der sich frei glaubte von den traditionellen Vorurteilen der Insel, einen instinktiven Abscheu gegen den strenggläubigen Don Benito Valls? Er war doch auf seinen Reisen in Paris und Berlin mit reichen jüdischen Familien zusammengekommen, die an ihrer Religion festhielten. Niemals fühlte er im Verkehr mit ihnen den Widerwillen, der ihn hier beherrschte. War es das Milieu der Insel oder hatte die jahrhundertelange Unterwürfigkeit, die Furcht und die Gewohnheit, sich zu ducken, aus den Abkömmlingen der Juden auf Mallorca eine andere Rasse gemacht?

Jaimes Gedanken vermischten sich allmählich mit wirren Traumbildern, bis er schließlich in einen schweren Schlaf fiel.

Am nächsten Morgen entschloß er sich, einen Besuch zu machen, der ihn große Überwindung kostete. Diese Heirat bedurfte wirklich, wie sein Freund, der Schmuggler, gesagt hatte, reiflicher Überlegung.

»Vorher will ich noch meine letzte Karte ausspielen«, dachte Jaime, »ich werde die Päpstin Juana besuchen. Seit vielen Jahren habe ich sie zwar nicht gesehen, aber sie ist meine nächste Verwandte, und nach dem Gesetz müßte ich ihr Erbe sein ... Wenn sie wollte! ... Ein Wort von ihr würde genügen, um alle meine Schwierigkeiten zu beenden.«

Er überlegte, welches die beste Zeit für seinen Besuch sein könnte. Jeden Nachmittag hielt Doña Juana ihre berühmten Empfänge ab, zu denen nur Domherren und die Vertreter religiöser Gesellschaften zugelassen wurden, die sie mit der Miene einer Herrscherin empfing. Das waren die Erben, die sich eines Tages in ihr großes Vermögen teilen würden. Wollte er seine Tante allein antreffen, mußte er sie jetzt sofort, nach der Messe, aufsuchen.

Doña Juana lebte in einem Palast unmittelbar neben der Kathedrale. Sie war ledig geblieben, denn sie verabscheute die Welt nach der Enttäuschung, für die sie Jaimes Vater verantwortlich machte. Die ganze Streitsucht ihres galligen Charakters und den Enthusiasmus ihres trockenen und hochmütigen Glaubens widmete sie der Politik und der Religion. »Für Gott und für den König« war ein beliebtes Wort in ihrem Munde. In ihrer Jugend hatte Doña Juana von den Heldinnen der Vendée geträumt und sich für die Taten und für das Unglück der Herzogin von Berry begeistert. Damals bestand ihr Ideal darin, wie diese mutigen Frauen, die für die Religion und die Rechte des legitimen Herrschers eintraten, zu Pferde zu steigen, mit einem Kruzifix auf der Brust und einem Schwert an dem Gürtel ihres Reitkleides. Diese phantastischen Ideen waren natürlich nur Wünsche geblieben. In Wirklichkeit hatte sie keine andere Expedition gemacht als eine Reise nach Katalonien während des letzten Karlistenkrieges, um aus der Nähe die Fortschritte dieses »heiligen Unternehmens« zu verfolgen, das einen Teil ihres Vermögens verschlang.

Die Feinde der Päpstin Juana behaupteten, daß sie in ihrer Jugend den spanischen Kronprätendenten, Graf von Montemolin, in ihrem Palast verborgen und ihn dort mit dem General Ortega, Generalgouverneur der Insel, in Verbindung gebracht hätte. Auch erzählten sie von ihrer romantischen Liebe für den Grafen. Jaime lachte, wenn er so etwas hörte. Alles Verleumdungen! Sein Großvater, Don Horacio, der sehr gut über die damaligen Vorgänge unterrichtet war, hatte ihm verschiedentlich davon gesprochen. In Dona Juanas Leben gab es nur eine einzige Liebe, die unerwiderte Neigung zu Jaimes Vater. Der General Ortega war ein Phantast, den Doña Juana von der Notwendigkeit überzeugte, in Spanien die Liberalen auszurotten und die Herrschaft des Adels wiederherzustellen. »Für Gott und für den König!« Ortega landete in Spanien, aber der Aufstand der Karlisten wurde niedergeschlagen und der General in Katalonien füsiliert. Doña Juana war in Mallorca geblieben, bereit, ein anderes »heiliges Unternehmen« mit Geld zu unterstützen.

Man glaubte, daß sie durch die großen Summen, die sie in dem Bürgerkriege für die Karlisten geopfert hatte, ruiniert sei. Aber Jaime kannte das ungeheure Vermögen der frommen Dame. Sie besaß immer noch eine Anzahl großer Güter auf der Insel, und das einfache Leben, das sie führte, verursachte ihr keinerlei größere Ausgaben. Doch ihre Einkünfte verteilte sie jetzt unter die Kirchen und Klöster und machte dem Peterspfennig reiche Zuwendungen. Den alten Wahlspruch »für Gott und den König« hörte man nicht mehr, denn ihr Interesse hatte sie jetzt ungeteilt auf die Kirche konzentriert.

Ein glühender Wunsch beherrschte sie. Die goldene Rose! Würde ihr der heilige Vater vor ihrem Tode die goldene Rose senden? Und sie lebte noch einfacher, und noch größere Summen flössen nach Rom. »Die goldene Rose haben, und dann sterben ...!«

Febrer kam zum Hause seiner Tante. Eine junge, blasse Dienerin, wie eine Nonne gekleidet, öffnete die Tür und war äußerst überrascht, als sie Don Jaime erkannte. Sie bat ihn, in das Empfangszimmer einzutreten, und ging, um diesen ungewöhnlichen Besuch anzumelden, der den Klosterfrieden des Palastes störte.

Lange Minuten vergingen. Jaime hörte in den benachbarten Räumen behutsame Schritte und sah, wie sich Vorhänge leise bewegten. Er erriet hinter ihnen verborgene Augen, die ihn beobachteten. Endlich kam die Dienerin zurück und führte ihn in einen Salon.

Jaime vertrieb sich die Zeit damit, den großen Raum zu mustern, der mit dem Luxus vergangener Zeit eingerichtet war. An den mit roter Damastseide bekleideten Wänden hingen religiöse Gemälde, mit dem weichen Pinsel der Italiener gemalt. Die Möbel, weiß und gold, waren mit schwerer, gestickter Seide bezogen. Auf den Konsolen standen bunte Heiligenstatuen neben Stutzuhren aus dem XVII. Jahrhundert. Die Decke war al fresco gemalt, auf lichten Wolken ruhten olympische Götter und Göttinnen. Ihre rosigen Glieder und kecken Stellungen bildeten einen starken Kontrast zu dem schmerzdurchfurchten Gesichte eines lebensgroßen Christus, der den ganzen Raum zwischen zwei Türen einnahm. Dona Juana erkannte wohl das Sündhafte dieser mythologischen Fresken, aber sie hatte eine gewisse Ehrfurcht vor ihnen, da sie aus der Zeit stammten, als noch der Adel befahl.

Ein Vorhang wurde beiseite geschoben, und in den Salon trat eine alte Frau in einem einfachen schwarzen Kleide. Die grauen Haare bedeckte zum Teil ein dunkles, abgetragenes Kopftuch. Unter dem Rock sahen schwarze Stoffschuhe hervor und ein Stückchen von einem groben weißen Strumpf. Jaime beeilte sich, ihr entgegenzugehen, denn diese alte, wie eine Dienerin gekleidete Frau war die Päpstin Juana.

»Setz dich«, sagte sie kurz zu ihrem Neffen.

Der Gewohnheit folgend, hielt sie ihre Hände über ein leeres, silbernes Kohlenbecken und sah Jaime scharf an. Allmählich wurde ihr herrischer Blick weicher, bis er sogar eine gewisse Rührung verriet. Nach zehn Jahren stand ihr Neffe zum ersten Male wieder vor ihr.

»Du bist ein echter Febrer, deinem Großvater wie aus dem Gesicht geschnitten ...«

Aber in Wirklichkeit war sie bewegt durch Jaimes Ähnlichkeit mit seinem Vater. Sie glaubte, den Marineoffizier wiederzusehen, der sie früher so oft besucht hatte. Nur die Uniform fehlte. Oh, dieser gewissenlose Mensch! Dieser abscheuliche Liberale!

Ihre Augen nahmen wieder die gewohnte Härte an, und die Gesichtszüge erschienen noch trockener, noch bleicher und kantiger.

»Was wünschest du?« fragte sie brüsk, »sicher kamst du nicht, um das Vergnügen zu haben, mich zu sehen! ...«

Der Augenblick war gekommen. Jaime schlug die Augen nieder. Da er nicht wagte, sofort sein Anliegen vorzubringen, holte er weit aus:

»Tante, ich bin kein schlechter Mensch und huldige auch nicht den liberalen Ideen. Ich möchte das Ansehen der Familie bewahren und, wenn möglich, vergrößern. Ich gebe zu, ich bin kein Heiliger gewesen. Ich habe viele Dummheiten gemacht und mein Vermögen vertan, doch der Schild der Febrer ist makellos geblieben. Etwas Gutes hat mir meine Vergangenheit aber doch gebracht, Erfahrung und den festen Vorsatz, mich zu bessern. Tante, ich will mein Leben ändern, ich will ein andrer Mensch werden.«

Doña Juana stimmte ihm bei. Sehr gut. So war es dem heiligen Augustin und anderen Heiligen ergangen, die ihre Jugend in sündhaften Zerstreuungen verlebt hatten, später aber Säulen der Kirche geworden waren.

Jaime schöpfte bei diesen Worten Mut:

»Zu solch einem hohen Ziele werde ich natürlich niemals gelangen, aber ich habe den Wunsch, als guter, katholischer Edelmann zu leben. Ich werde mich verheiraten und meine Söhne im Geist der Tradition erziehen. Nach einem Leben, wie ich es geführt habe, ist es aber schwierig, allein den Weg zum Guten zurückzufinden. Ich brauche Hilfe. Tante, ich bin ruiniert. Meine Güter sind in den Händen meiner Gläubiger, mein Haus ist im Verfall. Ich, ein Febrer, werde nächstens obdachlos sein, wenn nicht eine barmherzige Hand mich rettet. Tante, da habe ich an dich gedacht, denn du bist meine nächste Verwandte, fast eine Mutter.«

Das Wort Mutter ließ Doña Juana erröten und verstärkte den harten Ausdruck ihrer Augen. O grausame Erinnerung!

»Und von mir erwartest du die Rettung?« fragte langsam die Papstin mit schneidender Stimme. »Du verlierst die Zeit, Jaime, ich bin arm; fast nichts ist mir geblieben, kaum so viel, um bescheiden leben und einige Almosen geben zu können.«

Sie sprach diese Worte mit solcher Bestimmtheit, daß Febrer alle Hoffnung aufgab und es für überflüssig hielt, noch weiter in sie zu dringen. Seine Tante wollte ihm nicht beistehen.

»Es ist gut«, sagte Jaime mit sichtbarem Ärger, »da du mir nicht hilfst, muß ich einen andern Weg gehen, um mich zu retten. Du bist die Älteste der Familie, und ich bitte um deinen Rat. Ich habe die Absicht, mich mit einem sehr reichen, jungen Mädchen zu verheiraten, aber sie ist von niederer Herkunft. Was soll ich tun?«

Er erwartete, bei seiner Tante eine Bewegung der Überraschung und der Neugierde zu sehen. Im stillen hoffte er auch, daß diese Mitteilung sie veranlassen würde, ihm doch noch zu helfen, um eine Heirat zu verhindern, die in ihren Augen einen Schimpf für den Namen Febrer bedeutete. Aber wie erstaunt war er, als Doña Juana ihm mit einem kalten Lächeln auf den Lippen sagte:

»Ich weiß es schon. Heute morgen nach der Messe in Santa Eulalia hat man mir alles erzählt. Du heiratest ... Du heiratest ... eine Chueta.«

Es kostete sie eine gewaltige Anstrengung, dieses Wort über die Lippen zu bringen. Sie zitterte, als sie es aussprach.

Ein großes Schweigen herrschte im Salon.

»Wie denkst du darüber?« wagte Jaime nach langer Zeit zaghaft zu fragen.

»Tu, was du willst«, sagte Doña Juana eisig. »Viele Jahre haben wir uns nicht gesehen, und ebenso können wir es für den Rest unseres Lebens halten. Heute scheiden sich unsere Wege ganz. Wir denken verschieden. Unmöglich, daß wir uns verstehen.«

»Also soll ich heiraten?« beharrte Jaime.

»Das frage dein Gewissen. Seit langer Zeit wandeln die Febrer auf sonderbaren Wegen, so daß mich nichts mehr überraschen kann.«

Jaime bemerkte in den Augen und in der Stimme seiner Tante eine unterdrückte Freude, die Freude der befriedigten Rache: nun ging der Name Febrer in Schande unter!

Er war empört.

»Und wenn ich heirate«, sagte er kühl, den Tonfall seiner Tante nachahmend, »darf ich auf dich zählen? Wirst du der Feier beiwohnen?«

Diese Frage brachte die Päpstin endlich aus ihrer starren Ruhe. Hoheitsvoll richtete sie sich auf und sprach mit der Miene einer beleidigten Königin:

»Caballero, mein Vater war ein Genovart, meine Mutter eine Febrer. Aber beide waren einander ebenbürtig. Von heute an verleugne ich das Blut der Febrer, das sich vermischen will mit dem Blut gemeiner Menschen, der Mörder Christi.«

Mit einer stolzen Gebärde wies sie zur Tür und gab Jahne damit zu verstehen, daß die Unterredung beendet war. Dann aber schien ihr das Theatralische ihres heftigen Protestes klar zu werden. Sie schlug die Augen nieder und sagte mit der Miene christlicher Ergebung:

»Adieu, Jaime, möge dich der Herr erleuchten!«

»Adieu, Tante.«

Mechanisch reichte er ihr die Hand hin. Aber sie verbarg die ihrige auf dem Rücken.

Febrer lächelte unmerklich, denn er erinnerte sich, was man sich von Doña Juana erzählte. Es war kein Zeichen der Verachtung, wenn sie ihm ihre Hand verweigerte. Die Päpstin hatte vor Jahren das Gelübde abgelegt, niemals andere als die Hände eines Priesters zu berühren.

Jaime verließ das Haus. Auf der Straße brach er in leise Verwünschungen aus.

»Diese Natter! Wie sie sich über mein Vorhaben freute! Und nachher wird sie die größte Entrüstung zeigen, vielleicht sogar krank werden, damit die ganze Insel sie bemitleidet. Wie glücklich sie war, endlich ihren alten Rachedurst gestillt zu sehen.«

Jaime ballte die Faust bei dem Gedanken, daß er gezwungen sein würde, der scheinheiligen Alten diese Genugtuung zu verschaffen. Aber in seiner verzweifelten Lage blieb ihm nichts anderes übrig, als gerade das zu tun, was sie als größte Schande betrachtete. Verfluchtes Elend!

Bis zum Mittag irrte er ziellos in den Straßen umher. Erst das Gefühl des leeren Magens ließ ihn seine Schritte instinktiv nach Hause richten.

Schweigsam nahm er seine Mahlzeit ein, ohne zu sehen, was ihm vorgesetzt wurde. Madó bediente ihn. Unruhig und aufgeregt kreiste sie um ihn herum, bemüht, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, um Neuigkeiten zu erfahren.

Nach beendeter Mahlzeit setzte sich Jaime auf die Terrasse, die in den Garten führte, nahe an die mit römischen Büsten geschmückte steinerne Balustrade. Das Laub der Magnolien und Orangenbäume bildete ein grünes Dach, überragt von den Stämmen und Wipfeln der schlanken Palmen. Hinter der Gartenmauer erstreckte sich das leuchtende Meer, belebt durch weiße Segel. Zu seiner Rechten sah er den Hafen mit einem Gewirr von Masten und Schornsteinen, und weiter die dunkle Masse der bewaldeten Höhen von Bellver, gekrönt von der alten Bastei, deren Turm sich trotzig emporreckte. In der Ferne, auf der äußersten Spitze des Kaps erschien der alte Puerto Pi mit dem Signalturm und den Batterien von San Carlos.

Auf der anderen Seite der Bucht schweifte der Blick bis an ein felsiges Kap, düster und unbewohnt, das sich im Dunst des Horizontes verlor.

Die runden Bogen der Kathedrale hoben sich scharf ab von dem blauen Hintergrund des Himmels. Hinter ihr ragten die roten Türme des alten Maurenschlosses, des Alcazar de la Almudaina.

Unempfänglich für die strahlende Sonne, das sanfte Rauschen des Meeres und den Gesang der Vögel, fühlte sich Jaime von einer tiefen Melancholie, von einer dumpfen Verzweiflung erfaßt. Warum gegen die Vergangenheit kämpfen? Konnte man sich von dieser Kette befreien?

Wie oft waren ihm in seiner Jugend düstre Gedanken gekommen, wenn er von einem erhöhten Punkt aus die Stadt Palma und ihre lachende Umgebung betrachtet hatte. Jenseits der Umwallung der Stadt lagen die traurigen Mauern des Friedhofes, hinter denen sich weiße Bauten, überragt von dunklen Zypressen eng zusammendrängten.

Wie groß mochte wohl die Zahl der Einwohner in der Stadt der Lebenden sein? Wie viele waren es, die in den prunkvollen Palästen, den hohen Häusern und den armseligen Hütten wohnten? ... Sechzigtausend ... achtzigtausend? ... doch in der Totenstadt dicht dabei, in den kleinen weißen Häusern unter den Zypressen, wie viele unsichtbare Bewohner! Vierhunderttausend? ... sechshunderttausend? ... Vielleicht eine Million! ..

Jahre später, als Jaime einen Spaziergang in der Umgebung von Madrid machte und in diesen stillen Totenstädten verweilte, die wie ein Gürtel von Forts die ganze Stadt einschließen, hatte er dieselbe Empfindung gehabt. In Madrid pulsierte das Leben einer halben Million Menschen, von denen jeder glaubte, sein Geschick selbst zu bestimmen. Sie vergaßen die vier, sechs oder acht Millionen, die unsichtbar in ihrer Nähe wohnten.

Diese düsteren Gedanken verfolgten Febrer in Paris und in allen großen Städten, die er besucht hatte. Nirgendwo waren die Lebenden allein, überall umgaben sie die Toten, die, in unendlich größerer Anzahl, mit der Autorität der Vergangenheit schwer auf ihrem ganzen Dasein lasteten. Nein, die Toten gingen nicht fort, wie der Volksmund sagte. Sie blieben unbeweglich am Rande des Lebens. Und welche Tyrannei! Welch grenzenlose Macht! Es war zwecklos, die Augen abzuwenden und zu versuchen, sie aus dem Gedächtnis zu bannen. Wir finden sie überall wieder, sie stehen vor uns auf, um uns an ihre Wohltaten zu erinnern und zu einer Dankbarkeit zu zwingen, die uns demütigt und knechtet.

Unser Haus war von ihnen erbaut. Die Religionen hatten sie gegründet. Sie schufen die Gesetze, denen wir gehorchen. Unsere Neigungen, unser Geschmack, unsere Moral, Sitten und Gebräuche, Vorurteile, ja, auch die Ehre, alles war ihr Werk.

Febrer lächelte traurig. So glauben wir, sagte er sich, unsere eigenen Gedanken zu haben. Was uns aber bewegt, ist eine Kraft, die vor uns andere belebt hat, ähnlich dem Saft, der durch das Pfropfreis auf junge wilde Pflanzen das Leben und die Energie alter Bäume überträgt. Wie viele unserer Ideen, die wir für Schöpfungen unseres eigenen Geistes halten, waren schon seit unserer Geburt in unserm Hirn eingekapselt, um plötzlich eines Tages ihre Hülle zu sprengen. Tugenden und Fehler, Sympathien und Antipathien, alles ist ererbt, ein Legat der Toten, die in uns weiterleben.

Man glaubt, daß sie verschwunden sind, aber sie sind da und überwachen uns mit Strenge. Wenn wir von dem Wege abweichen wollen, den sie uns vorgezeichnet haben, so führen sie uns durch eine unmerkliche, aber sichere Mahnung zurück. Sie verlassen uns nicht, weil sie unsere Herren sind. Die Toten befehlen, und es ist vergeblich, uns ihnen widersetzen zu wollen.

Auf Jaime, der alle seine Vorfahren kannte, auch die Geschichte von allem, was ihn umgab, lastete um so schwerer die Tyrannei der Vergangenheit.

Von jedem seiner Vorfahren war etwas in ihm lebendig. Das erklärte auch die Abneigung, die er im Verkehr mit dem ehrerbietigen und demütigen Don Benito empfand. Solche Gefühle waren unüberwindlich. Er konnte nicht gegen seine eigene Natur kämpfen. Andere, stärker als er, widersetzten sich: die Toten befahlen. Man mußte gehorchen.

Er verzichtete also auf diese Heirat, seine einzige Rettung! Sobald seine Gläubiger von diesem Entschluß, der alle ihre Hoffnungen zuschanden machte, erfahren würden, war der Zusammenbruch unvermeidbar. Das Haus seiner Väter würde man ihm nehmen. Was tun? Wohin gehen?

Febrer verließ die Terrasse, und ohne es zu wissen, lenkte er seine Schritte zur Hauskapelle. Spinngewebe zerrissen, und eine Staubwolke senkte sich herab, als die Tür sich kreischend in ihren rostigen Angeln drehte. Wie lange hatte Jaime diesen Ort nicht mehr betreten! In der dumpfen Luft der Kapelle schwebte noch ein verlorener Hauch von Weihrauch und Parfüm, der ihn an die Damen seiner Familie erinnerte.

Die mattgoldenen Verzierungen des in Eiche geschnitzten Altars leuchteten schwach in der Dämmerung. Neben ihm standen ein Reiserbesen und ein Eimer, die man hier vergessen hatte, als man das letzte Mal, sicherlich vor mehreren Jahren, die Kapelle säuberte. Auf zwei mit königsblauem Samt ausgeschlagenen Betstühlen lagen noch die Gebetbücher, deren Ecken durch langen Gebrauch umgebogen waren. In dem einen erkannte er das Gebetbuch seiner Mutter, dieser schönen blassen Frau, deren Leben sich geteilt hatte zwischen dem Gebet und der zärtlichen Liebe zu ihrem Sohn. Das andere Buch mußte seiner Großmutter gehört haben.

Den Gedanken, daß jetzt Wucherhände alles profanieren würden, konnte Jaime nicht ertragen. Unmöglich, dem beizuwohnen!

Als der Abend gekommen war, suchte er Tòni Clapès auf und bat ihn um Geld.

»Ich weiß nicht, wann ich es dir zurückgeben kann ... ich gehe fort von Mallorca. Mag alles zusammenbrechen, aber ich will nicht zugegen sein.«

Clapès gab Jaime das Geld, mehr noch, als dieser erbeten hatte, und sagte:

»Ich werde mit Hilfe von Kapitän Valls retten, was noch zu retten ist. Ihr habt euch gestern entzweit, aber trotzdem wird er dich nicht im Stich lassen.«

»Sage niemand, außer Pablo, daß ich Palma verlasse«, bat Jaime und fügte hinzu, »du hast übrigens recht, Pablo Valls ist ein zuverlässiger Freund.«

»Und wann gehst du?«

»Ich warte auf den nächsten Dampfer, der nach Ibiza abgeht. Dort besitze ich noch einen alten zerfallenen Turm aus der Piratenzeit; mein früherer Pächter auf Ibiza hat es mir erzählt. Ich werde jagen und fischen und Gott sei Dank leben, ohne Menschen zu sehen.«

Tòni Clapès schüttelte Jaime befriedigt die Hand. Die Sache mit der Chueta war begraben.

»Gut, daß du gehst, Jaime! Das andere ... das andere war ein Irrsinn!«

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