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Die Toten befehlen

Vincente Blasco Ibañez: Die Toten befehlen - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorVincente Blasco Ibañez
titleDie Toten befehlen
publisherPaul List Verlag Leipzig
printrun21.?24. Tsd.
firstpub1925
translatorOtto Albrecht van Bebber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111127
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III.

Pablo Valls war eine bekannte Persönlichkeit in ganz Palma. Wenn er auf der Terrasse eines der eleganten Cafés an der Avenida Borne Platz nahm, drängte sich bald ein dichter Kreis von Zuhörern um ihn, angezogen durch seine lebhaften Gesten und die laute Stimme.

»Gewiß, ich bin Chueta, und ...? Ein ganz reinrassiger Jude! Meine ganze Familie stammt aus dem Ghetto. Als ich noch den »Roger de Lauria« führte und eines Tages in Algier ankerte, blieb ich bei einem Gang durch die Stadt einen Augenblick vor der Synagoge stehen. Ein weißbärtiger Türhüter schaute mich prüfend an und sagte: »Du darfst herein, du bist einer von den Unsrigen.« Ich gab ihm die Hand und antwortete: »Ich danke dir, Glaubensgenosse.«

Die Umstehenden lachten, und der Kapitän Valls schaute nach allen Seiten, als ob er Häuser, Menschen und die Seele dieser Insel, die seine Rasse seit Jahrhunderten mit Haß verfolgte, herausfordern wollte.

Der Schnitt seines Gesichtes verriet deutlich seine Abstammung: starke, gebogene Nase, hervorspringendes Kinn und Augen von der Farbe des Bernsteins mit kleinen, braunen Punkten. Das Haar war eher rot als blond.

Er hatte alle Meere befahren, zwischendurch längere Zeit in England und den Vereinigten Staaten gelebt. Durch den Aufenthalt in diesen Ländern, die keinen religiösen Haß kennen, wurde in ihm die streitsüchtige Stimmung genährt, mit der er gegen die traditionellen Vorurteile seiner Heimat anging.

Die anderen Chuetas der Insel, durch jahrhundertelange Verfolgung und Verachtung vollkommen eingeschüchtert, verheimlichten ihre Abstammung oder suchten sie durch Demut und Unterwürfigkeit in Vergessenheit zu bringen. Kapitän Valls dagegen nahm jede Gelegenheit wahr, um sich öffentlich als Chueta zu bekennen.

»Ich bin Chueta, und ...?« rief er, »von derselben Rasse wie Jesus, Petrus und andere Heilige, die man auf den Altären hier verehrt. Die Butifarras von Mallorca sind stolz auf ihre Ahnen, zählen aber nur nach Jahrhunderten. Ist mein Blut nicht edler? Ist meine Familie nicht älter? Mein Stammbaum geht zurück auf die Patriarchen der Bibel. Überhaupt die ganze Abstammung der Spanier! Alle sind Nachkommen von Mauren oder von Juden, und wer das nicht ist ...«

Hier hielt er inne und fügte nach einer kurzen Pause mit Nachdruck hinzu:

»Ja, der ist Abkömmling von einem Pfaffen.«

Auf der Pyrenäenhalbinsel kennt man nicht den traditionellen Haß gegen die Juden, der noch heute die Bevölkerung von Mallorca in zwei Klassen teilt. Pablo Valls faßte die Wut, wenn er von seiner Heimatinsel sprach. Die jüdische Konfession existierte überhaupt nicht mehr. Die letzte Synagoge war vor Jahrhunderten zerstört worden. Wer von den Juden damals nicht zum Katholizismus übertreten wollte, wurde durch die Inquisition verbrannt. Die Chuetas von heute gehörten zu den eifrigsten Katholiken von ganz Mallorca. Den ihrer Rasse eigenen Fanatismus zeigten sie auch in dem neuen Glauben. Die Begüterten unter ihnen waren immer Parteigänger der reaktionären Konservativen. Und trotzdem war dieselbe Antipathie wie vor Jahrhunderten gegen sie lebendig. Sie blieben isoliert, und keine soziale Klasse wollte irgendwie Verbindung mit ihnen eingehen.

»Seit vierhundertundfünfzig Jahren«, fuhr Pablo Valls fort, »werden wir mit Weihwasser getauft. Doch immer noch sind wir die Verfluchten, die Verworfenen, wie vor dem Übertritt. Ist das nicht ein grausamer Witz? ... Auf Mallorca gibt es eben zwei Arten von Katholizismus, eine für uns Chuetas, die andere für euch.«

Für das Verhalten der Angehörigen seiner Rasse hatte Don Pablo nicht das geringste Verständnis:

»Diesen Feiglingen geschieht ganz recht. Warum hängen sie mit solcher Liebe an dieser Insel, auf der das Chorhemd die Herrschaft führt. Um auf Mallorca bleiben zu können, haben sie ihren Glauben gewechselt, und heute, wo sie wirklich Christen sind, bezahlen sie diese Dummheit doppelt und dreifach. Warum blieben sie nicht Juden und zerstreuten sich über die ganze Welt, wie es andere getan haben? Dann wären sie heute angesehen, reich, vielleicht Bankiers von Königen. Statt dessen sitzen sie weiter in ihren Läden in der Judengasse und fabrizieren silberne Handtaschen.«

In religiöser Hinsicht war der Kapitän ein großer Zweifler und griff alles an: die Juden, die ihrem alten Glauben treu geblieben waren, die Übergetretenen, die Katholiken, die Mohammedaner, mit denen ihn seine Reisen an den afrikanischen Küsten und in Kleinasien viele Jahre lang zusammengeführt hatten. Dann wieder gab es bei ihm Momente, in denen er eine gewisse Achtung vor seiner Rasse zeigte. Er war Semit und erklärte voller Hochmut:

»Wir sind das erste Volk der Welt. Solange wir in Asien waren, starben wir vor Hunger, und die Läuse fraßen uns auf, denn es gab niemanden, mit dem wir handeln oder dem wir Geld leihen konnten. Trotzdem aber haben wir der Menschenherde die Führer gegeben, die noch in kommenden Jahrhunderten ihren Einfluß ausüben werden.«

Temperamentvolle Betrachtungen wie diese stellte der Kapitän öfter an, und immer wußte er durch die Schärfe seines Geistes, die Ehrlichkeit seiner Kritik einen nachhaltigen Eindruck bei seinen Zuhörern zu hinterlassen. Er sprach schonungslos, jederzeit aber auch vom Gedanken des Fortschritts bestimmt.

Die Geschichte der Juden auf Mallorca faßte Pablo Valls in wenigen Worten zusammen. Ursprünglich gab es auf der Insel viele, sehr viele Juden. Ein großer Teil des Handels befand sich in ihren Händen, und zahlreiche Kauffahrteischiffe gehörten ihnen. Die Febrer und andere christliche Fürsten nahmen keinen Anstoß daran, gemeinsame Geschäfte mit ihnen zu machen. Das waren die Zeiten der Freiheit. Die Verfolgung mit ihren barbarischen Greueln gehörte einer jüngeren Epoche an. Damals fand man Juden als Schatzmeister und Leibärzte der spanischen Höfe. Als dann der Haß gegen sie einsetzte, traten die reichsten und klügsten Hebräer freiwillig zum Katholizismus über, rechtzeitig genug, um der bald kommenden Inquisition zu entgehen. Sie vermischten sich mit den Familien des Landes, und ihre Herkunft wurde allmählich vergessen. Diese Katholiken schürten mit dem Eifer der Neubekehrten die Verfolgung gegen die früheren Glaubensgenossen am meisten. Die Chuetas von heute, die einzigen Bewohner von Mallorca, deren jüdische Herkunft feststand, waren die Nachkommen der Familien, denen durch die Inquisition der katholische Glauben aufgezwungen wurde.

Chueta sein, aus der Judengasse stammen, bedeutete das Schlimmste, was einem Bewohner von Mallorca begegnen konnte. Wohl wurde später in Spanien durch liberale Gesetze die Gleichheit aller Staatsbürger anerkannt. Ging der Chueta von Mallorca nach der Pyrenäenhalbinsel, so genoß er dort dieselben Rechte wie jeder andere Bürger. Auf seiner Insel aber blieb er ein Verfehmter. Es machte keinen Unterschied, ob er reich war wie der Bruder des Kapitäns Valls oder klug und tüchtig wie manche andere.

Viele Chuetas, die nach Spanien auswanderten, hatten dort Rang und Würden erworben, im Heer oder in der Verwaltung. Anderen war es gelungen, ein großes Vermögen anzuhäufen. Bei ihrer Rückkehr nach Mallorca machten sie die Erfahrung, daß der letzte Bettler sich ihnen überlegen dünkte und sich für berechtigt hielt, sie und ihre Familien zu schmähen. Die Isolierung, in der sich dieses vom Meer umgebene Stückchen Spanien befand, hatte es vermocht, den Geist vergangener Jahrhunderte unberührt zu erhalten.

Vergeblich beteten die Chuetas in ihren Häusern die Litaneien mit lauter Stimme, um von Nachbarn und Vorübergehenden gehört zu werden, ähnlich ihren Vorfahren, die den Braten auf das Fensterbrett stellten als Beweis, daß sie Schweinefleisch aßen. Der traditionelle Haß bestand weiter. Die katholische Kirche blieb grausam und unzugänglich. Den Söhnen von Chuetas waren die geistlichen Seminare verschlossen. Kein Nonnenkloster nahm eine Novize aus der Judengasse auf. Die Töchter von Chuetas konnten sich in Spanien mit hervorragenden Männern verheiraten. Auf Mallorca fand sich schwerlich ein Christ, der ihre Hand und ihren Reichtum angenommen hätte.

»Schlimme Menschen«, fuhr Don Pablo ironisch fort, »arbeitsam und sparsam, leben sie friedlich im Schoße ihrer Familie und sind katholischer als die andern. Aber sie sind Chuetas, und irgend etwas muß doch vorhanden sein, daß man sie so haßt. Sie haben in der Tat einen verborgenen Defekt!«

Und der Kapitän erzählte lachend von den einfältigen Bauern, die noch bis vor gar nicht langer Zeit glaubten, daß die Chuetas einen Schwanz trügen. Mehr als einmal hatten sie ein Kind aus der Judengasse ausgezogen, um das Schwänzchen zu sehen.

»Und mein Bruder!« fuhr Pablo Valls fort, »mein frommer Bruder Benito, der vor jedem Heiligenbild niederkniet!«

Alle lachten, denn sie wußten, worauf der Kapitän anspielte. Als Don Benito Valls ein kleines, neu erworbenes Gut im Innern der Insel zum ersten Male besuchte, rieten ihm die Nachbarn, nicht im Hause zu übernachten, denn seit Menschengedenken hatte kein Chueta im Dorfe geschlafen. Don Benito aber blieb. Als er erwachte, kam es ihm vor, als hätte er wenigstens zwölf Stunden Schlaf hinter sich. Trotzdem war es um ihn tiefe Nacht. Nicht der kleinste Lichtstrahl drang durch die Spalten der Jalousien. Er öffnete ein Fenster, um hinauszusehen, und schlug mit dem Kopfe heftig an. Er versuchte die Tür zu öffnen. Vergeblich! Während er schlief, hatten die Dorfbewohner sämtliche Fenster und Türen vermauert, und dem Chueta blieb nichts übrig, als sich unter dem Gelächter der Bauern vom Dach herunterzulassen. Diese Probe genügte ihm. Er trug kein Verlangen, in einer anderen Nacht vielleicht unter Flammen aufzuwachen.

Beim Tode des Vaters hatte Don Benito, als der ältere, die große Handelsfirma übernommen, wobei sein Bruder Pablo um viele Tausende von Duros zu kurz gekommen war.

»Das kommt bei euch ja auch vor«, sagte der Kapitän sarkastisch, »bei Erbschaften gibt es weder Rasse noch Credo. Geld kennt keine Religion.«

Manchmal kam Pablo Valls auch auf die unaufhörlichen Verfolgungen der Vergangenheit zu sprechen. Der geringste Vorwand genügte, um die Judengasse zu überfallen. Wenn die Bauern Konflikte mit den adligen Grundbesitzern hatten und bewaffnet in Palma eindrangen, so war das Ende stets, daß beide Parteien zum Stadtviertel der Chuetas zogen, niedermetzelten, was sich zur Wehr setzte, und die Läden ausraubten. Erhielt ein auf Mallorca stationiertes Bataillon Befehl, sich nach Spanien einzuschiffen, um an einem Kriege teilzunehmen, so meuterten die Soldaten, verließen ihre Kaserne und plünderten die Judengasse. Blieben bei einer Revolution in Spanien die Reaktionäre siegreich, so stürmten ihre Anhänger in Palma die Häuser der Chuetas, nahmen mit, was sich der Mühe lohnte, und machten aus den Möbeln Scheiterhaufen. In die Flammen warfen sie die Kruzifixe ... Kruzifixe von Judenabkömmlingen mußten gefälscht sein!

Es gab eine Liste mit verdächtigen Familiennamen, um die wirklichen Chuetas festzustellen. Dieses berüchtigte Namensverzeichnis war während der Autodafés durch das Inquisitionstribunal angefertigt worden. Gegen die Abkömmlinge dieser Familien richtete sich der Haß des Volkes.

»Welches Glück, katholisch geworden zu sein! Die Vorfahren wurden auf dem Scheiterhaufen geröstet, und die Nachkommen bleiben trotz Taufe und Weihwasser für Jahrhunderte gekennzeichnet.«

Der Kapitän verlor seinen ironischen Ton, wenn er auf die Inquisition zu sprechen kam. Sein Gesicht wurde zornrot, und die Augen blitzten in grimmiger Empörung.

Um ruhig leben zu können, waren sämtliche Juden im XV. Jahrhundert übergetreten. Für die Inquisition bestand aber die Notwendigkeit, etwas zu tun, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Jeder, gegen den auch nur der Verdacht vorlag, noch am jüdischen Glauben zu hängen, war ihrem Tribunal verfallen. Auf der Avenida Borne fanden große Schauspiele statt, und zwar, wie die Chronisten jener Zeit berichten, »genau nach dem Vorbild der prächtigen Veranstaltungen, die man in Madrid, Palermo und Lima organisierte, um den Triumph des Glaubens zu verherrlichen«. Viele Chuetas wurden öffentlich verbrannt, andere ausgepeitscht. Manche entgingen dem Tode nur dadurch, daß sie die Schande auf sich nahmen, in einer mit Teufeln bemalten Kapuze und mit einer grünen Kerze in der Hand öffentlich zur Schau gestellt zu werden. Allen aber, ohne Ausnahme, nahm man das gesamte Vermögen. Das Inquisitionstribunal wurde reich. Damals kam der Brauch auf, daß alle Chuetas, soweit sie keinen Fürsprecher unter den Geistlichen fanden, jeden Sonntag von den Schergen zur Messe geführt wurden. Um nicht verwechselt zu werden, mußten diese Unglücklichen Schleier tragen. Schmähungen und Steinwürfe der gläubigen Menge begleiteten sie auf ihrem Wege zur Kathedrale. In dieser niemals endenden Qual starben die Väter. Aus den Kindern wurden Männer, neue Opfer für den Haß des Volkes.

Verschiedene Familien faßten den Entschluß, dieser Schande ein Ende zu machen und zu fliehen. Sie trafen sich in einem Obstgarten, nahe der Stadtmauer. Raffael Valls, ein Mann von Mut und großer Bildung, war der Führer des ganzen Unternehmens.

»Ich weiß nicht mit Bestimmtheit, ob er zu meiner Familie gehörte«, sagte der Kapitän, »denn seitdem sind mehr als zwei Jahrhunderte verflossen. Ich würde es aber als eine große Ehre betrachten, ihn unter meine Vorfahren zu zählen.«

Don Pablo hatte, soweit es ihm möglich war, alle alten Bücher und Dokumente aus der Zeit der großen Verfolgung gesammelt und sprach von den damaligen Ereignissen, als hätten sie sich erst gestern zugetragen.

»Männer, Frauen und Kinder schifften sich auf einem englischen Segler ein. Aber ein schwerer Sturm warf das Schiff an die Küste von Mallorca zurück. Alle Flüchtlinge wurden gefangengenommen. War es nicht unerhört, von Mallorca entfliehen zu wollen, noch dazu auf einem Schiff, dessen Mannschaft Ketzer waren! Drei Jahre lang lagen diese Unglücklichen im Kerker. Die Beschlagnahme ihres Vermögens brachte eine Million Duros. Mit dieser Summe und den Millionen anderer Opfer erbaute das heilige Tribunal in Palma den prächtigsten Palast, den die Inquisition je besessen hat. Die Gefangenen wurden der Folter unterworfen, bis sie bekannten, was ihre Richter zu hören wünschten. Am 7. März 1691 begannen dann die Verbrennungen.

Diese Ereignisse sind von dem besten Chronisten der Welt, dem Jesuitenpater Garau, beschrieben worden, einem Born der theologischen Weisheit, Rektor vom Seminar Monte Sion und Verfasser des Buches ›Der triumphierende Glaube‹, das ich nicht für alles Geld der Erde weggeben würde. Hier ist es. Es begleitet mich überall hin.«

Don Pablo zog aus seiner Tasche ein in Pergament gebundenes Büchlein mit uraltem, rötlichem Druck, dessen vergilbte Blätter er zärtlich streichelte.

»Gesegnet sei Pater Garau.« Da es sein Amt war, den Verurteilten geistlichen Beistand zu bringen, hatte er alles aus nächster Nähe miterlebt. So beschrieb er die vielen Tausende der Zuschauer, die aus allen Teilen der Insel herbeigeströmt waren, um am Feste teilzunehmen, die feierlichen Messen, denen achtunddreißig zum Scheiterhaufen Verurteilte beiwohnten, die prächtige Kleidung der Ritter und Schergen, die glänzende Reiterabteilung an der Spitze des Zuges und die Frömmigkeit der Menge, die sonst ihr Mitleid äußerte, wenn ein Bösewicht zum Galgen geführt wurde, aber für diese Feinde Gottes nur Abscheu zeigte. An jenem Tage erwies sich so recht, nach der Meinung des gelehrten Jesuitenpaters, auf wessen Seite der göttliche Beistand wirkte. Die zahlreiche Geistlichkeit marschierte in der Prozession, voll von Freude und Begeisterung, und ohne die geringste Ermüdung wiederholte sie ihre Gebete und Litaneien. Die elenden Verbrecher aber schleppten sich bleich und niedergeschlagen dahin. Wie gut ließ sich hieraus erkennen, in wessen Seele der himmlische Trost lebendig war!

Die Verurteilten wurden bis zum Fuß der Burg Bellver geführt, wo die Verbrennungen stattfinden sollten. Der Marquis von Leganes, Generalgouverneur der spanischen Inseln, der zufällig mit seiner Flotte im Hafen von Mallorca lag, war durch die Anmut und Schönheit einer jungen Chueta so gerührt, daß er ihre Begnadigung erbat. Das heilige Inquisitionstribunal lobte die christlichen Gefühle des Marquis, wies aber seine Fürbitte zurück!

Pater Garau sollte Raffael Valls zum Tode vorbereiten. Er bezeichnet ihn im ›Triumphierenden Glauben‹ als einen Mann von großer Gelehrsamkeit, aber vom Teufel war ihm ein maßloser Hochmut eingeflößt. Er verfluchte die Richter, die ihn zum Tode verurteilt hatten, und weigerte sich hartnäckig, sich mit der heiligen Kirche zu versöhnen. Doch wie kläglich, erzählt der Jesuit weiter, brach dieser Mut in der Todesnot zusammen, und wie erhebend erschien demgegenüber die gelassene Ruhe des Priesters, der den Sünder bis zur letzten Minute ermahnte.

»Der Jesuitenpater«, flocht der Kapitän ein, »war ein Held, in sicherer Entfernung von dem Flammenmeer. Jetzt sollen Sie hören, mit welchem frommen Gemüte er den Tod meines Vorfahren schildert.«

Valls öffnete sein Büchlein da, wo ein Lesezeichen lag, und las langsam vor:

»Solange nur der Rauch vom Feuer ihn erreichte, blieb er unbeweglich wie eine Statue. Als aber die Flammen näherkamen, machte er gewaltige Anstrengungen, um sich loszureißen, bis sich seine Kräfte erschöpften. Er war so fett wie ein Mastferkel und verbrannte von innen heraus. Bevor noch das Feuer seinen Körper berührte, erglühte sein ganzes Fleisch. Er platzte auf, und die Gedärme fielen heraus wie die von Judas: crepiut medius, difusa sunt omnia viscera ejus.«

Die Schilderung dieser barbarischen Vorgänge verfehlte ihre Wirkung nicht. Man hörte kein Lachen mehr. Die Gesichter wurden finster. Der Kapitän Valls ließ seine Augen im Kreise herumgehen, befriedigt, als hätte er einen Sieg davongetragen.

Als Jaime Febrer sich auch einmal unter den Zuhörern befand, sagte ihm Valls mit grimmiger Stimme:

»Du warst auch zugegen, das heißt, du selbst nicht. Aber einer deiner Vorfahren, ein Febrer, trug die grüne Fahne des heiligen Tribunals, und die Damen deiner Familie fuhren in ihren Staatskarossen zur Burg, um der Verbrennung beizuwohnen.«

Don Jaime, dem diese Erinnerungen nicht gefielen, zuckte mit den Schultern:

»Alte Geschichten! Wer denkt noch daran? Höchstens irgendein Narr wie du. Erzähle uns lieber von deinen Erfolgen bei den Frauen.«

Der Kapitän brummte ... »Alte Geschichten? Die Seele von Mallorca ist heute noch dieselbe wie in jenen Zeiten. Der religiöse Haß und die Rassenfeindschaft sind noch immer lebendig. Nicht umsonst leben wir völlig abseits von der Welt, auf einem Stückchen Erde, rings vom Meer umgeben.«

Bald aber war Valls wieder guter Laune, und wie alle, die durch die ganze Welt gekommen sind, konnte er der Aufforderung nicht widerstehen, von seinen Abenteuern zu erzählen.

Febrer machte es Vergnügen, ihm zuzuhören. Hinter beiden lag eine bewegte und kosmopolitische Vergangenheit, so ganz verschieden von dem monotonen Leben ihrer Landsleute. Beide hatten Geld mit vollen Händen ausgegeben, mit dem einzigen Unterschiede, daß Valls mit dem angeborenen Geschäftssinn seiner Rasse es verstanden hatte, auch Geld zu verdienen. Heute, zehn Jahre älter als Don Jaime, besaß er ein kleines Vermögen, von dessen Zinsen er einfach aber sorgenfrei leben konnte. Nur für alte Freunde, die ihm von fernen Häfen schrieben, machte er noch dann und wann ein größeres Geschäft.

Seine Schilderungen von Orkanen, Seenot, Hunger und Meuterei interessierten Febrer nicht, nur die Liebesabenteuer in den großen Häfen, in denen sich exotische Laster und Weiber aller Rassen zusammenfinden. Valls, der in seiner Jugend die Segelschiffe seines Vaters befehligte, hatte Frauen aller Klassen und aller Farben kennengelernt, in Orgien, die mit Strömen von Whisky und Messerstichen endigten.

»Pablo, erzähle uns deine Abenteuer in Jaffa, als die Araber dich niederstechen wollten.«

Und Febrer schüttelte sich beim Zuhören vor Lachen, während der Kapitän im stillen dachte, daß Jaime eigentlich ein guter Junge sei, der ein besseres Schicksal verdient hätte. Schade, daß er ein Butifarra war und sich von den Vorurteilen seiner Familie nicht freimachen konnte.

Als Valls auf dem Wege nach Valldemosa in den Wagen von Febrer einstieg, gab er seinem Kutscher Befehl, nach Palma zurückzukehren.

»Hast du mich wirklich nicht erwartet?« wiederholte der Kapitän. »Aber ich bin von allem unterrichtet, und da es ein Familienfest ist, darf ich nicht fehlen.«

Jaime tat, als verstände er diese Anspielung nicht. Der Wagen fuhr in Valldemosa ein und hielt vor einem in modernem Stil erbauten Landhause. Sobald die beiden Freunde das Gartentor öffneten, kam ihnen ein alter, gebrechlicher Herr mit weißem Backenbart entgegen. Es war Don Benito Valls. Er begrüßte Febrer mit matter Stimme, seine Worte manchmal unterbrechend, um Luft zu schöpfen. Demütig dankte er immer von neuem für die hohe Ehre, die Febrer seinem Hause erwies.

»Und ich?« fragte der Kapitän mit boshaftem Lächeln, »bedeute ich gar nichts? Freust du dich nicht, mich zu sehen?«

Don Benito sagte ihm einige freundliche Worte, aber seine Augen verrieten Unruhe. Sein Bruder flößte ihm eine gewisse Furcht ein wegen seiner bösen Zunge. Je weniger man von ihm sah, desto besser.

Mittlerweile hatten sie das Haus betreten. Jaime, der zum ersten Male hier war, sah sich um. Die Möbel waren modern, aber ziemlich geschmacklos. An den Wänden hingen Kupferstiche und einige schlechte Ölbilder, Landschaften von Valldemosa und Miramar.

Catalina Valls kam die Treppe vom oberen Stockwerk herab. Man bemerkte auf ihrem Kleide noch einige Stäubchen von Reispuder, die verrieten, mit welcher Eile sie ihre Toilette beendigt hatte, als sie den Wagen hörte.

Jaime konnte sie zum ersten Male mit Muße betrachten. Sein Urteil erwies sich als richtig. Catalina war groß, hatte einen matten, dunklen Teint, tiefschwarze Augen und auf der Oberlippe einen leichten Flaum. Schlank gewachsen, ließ ihre Figur doch schon eine spätere Fülle ahnen, wie sie sich bei allen Frauen ihrer Rasse nach der ersten Jugend einstellt. Ihr Charakter schien sanft und unterwürfig zu sein. Sicher würde er an ihr einen guten Lebensgefährten haben, unfähig, in dem gemeinsamen Leben störend zu wirken.

Sie schlug die Augen nieder und errötete, als sie Jaime entgegentrat. Ihre Haltung und ihre verstohlenen Blicke bekundeten den großen Respekt vor einem Manne, von dem sie durch eine ungeheure, gesellschaftliche Kluft getrennt war.

Don Benito führte seine Gäste zum Speisezimmer. Das Frühstück wartete schon eine ganze Weile, denn in diesem Hause hielt man am alten Brauche fest und setzte sich Punkt zwölf Uhr zu Tisch. Febrer, der neben dem Hausherrn saß, verursachte das keuchende Atemholen des Asthmatikers ein unbehagliches Gefühl. In dem Stillschweigen, das zuerst am Tische herrschte, hörte man deutlich das schwere Arbeiten seiner kranken Lungen. Bei einem besonders starken Anfall verdrehte er die Augen und seine Brust röchelte, daß man befürchten konnte, er würde ersticken. Febrer sah ihn beunruhigt an. Die Tochter aber und der Kapitän, die an diesen Anblick schon gewöhnt waren, achteten nicht weiter darauf.

»Das Asthma, Don Jaime, macht mir sehr viel zu schaffen. In Valldemosa fühle ich mich etwas wohler, in Palma würde ich sterben.«

Febrer dachte an die Qual, diesen Kranken in seiner Nähe ertragen zu müssen. Glücklicherweise würde Don Benito nicht mehr lange leben. In einigen Monaten war diese Plage vorbei. Jaimes Entschluß, in die Familie einzutreten, wurde nicht erschüttert.

Der Kranke kam jetzt auf Febrers Familie zu sprechen:

»Ich hatte die Ehre, mit Ihrem Herrn Großvater, Don Horacio, sehr befreundet zu sein.«

Jaime sah ihn erstaunt an. Welche Lüge! Seinen Großvater hatte zwar jeder Mensch auf Mallorca gekannt. Es war auch seine Art gewesen, sich mit jedem zu unterhalten, jedoch mit einer Reserve, die Respekt einflößte, ohne zu verletzen. Aber Freundschaft? Vielleicht war Benito Valls mit Don Horacio in Verbindung getreten, um für ihn eine Hypothek oder irgendein anderes Finanzgeschäft zu arrangieren.

»Auch Ihrem Herrn Vater stand ich nahe«, fuhr Don Benito fort, ermuntert durch Febrers Stillschweigen. »Ich agitierte für ihn, als er zum Abgeordneten gewählt wurde. Wie weit liegt das zurück! Ich war jung und mein Vermögen erst im Entstehen. Damals gehörte ich zur Fortschrittspartei.«

Kapitän Valls unterbrach ihn lachend: »Heute ist mein Bruder konservativ und Mitglied aller geistlichen Laienbruderschaften.«

»Gewiß, ich bin auch konservativ«, rief der Kranke erregt und ständig nach Luft ringend. »Ich liebe die Ordnung ..., ich liebe die Tradition ..., mir ist es lieber, wenn diejenigen regieren, die etwas zu verlieren haben. Und die Religion! ... Für die Religion würde ich mein Leben lassen.«

Er legte eine Hand auf sein Herz und atmete schwer, als ob die Begeisterung ihn erstickte. Die Augen zum Himmel gerichtet, betete er mit dem Respekt, den die Furcht erzeugt, die heilige Institution an, von der seine Vorfahren verbrannt worden waren.

»Achten Sie nicht auf Pablos Worte«, wandte er sich an Febrer. »Sie kennen ihn ja, diesen Querkopf, diesen Republikaner. Er könnte reich sein, und statt dessen wird er in seinem Alter nicht zwei Pesetas besitzen.«

»Wozu würde mir das Geld auch nützen? Damit du es mir nimmst!«

Nach diesen brüsken Worten des Kapitäns wurde es still am Tische. Catalina sah bekümmert aus. Sie befürchtete, daß Febrer Zeuge von einer dieser erregten Auseinandersetzungen sein würde, die sie so oft erlebt hatte.

Don Benito zuckte mit den Achseln und tat, als spräche er für Jaime allein. Sein Bruder blieb ein Narr. Er war klug und hatte ein gutes Herz, aber ganz verschrobene Ideen, die er leider öffentlich zum besten gab. Das war auch der Grund, daß man in der Gesellschaft immer noch gewisse Vorurteile hege gegen ... und daß man immer noch schlecht spräche von ...

Der alte Herr begleitete die abgebrochenen Sätze mit zaghaften Gesten. Die Worte Chueta und Judengasse konnte er nicht über die Lippen bringen.

Don Pablo bedauerte, daß sein aggressives Temperament mit ihm durchgegangen war. Er sah auf seinen Teller und widmete sich ganz dem Essen.

Seine Nichte lachte über den guten Appetit, den er entwickelte. Jedesmal, wenn ihr Onkel bei ihnen speiste, staunte sie über die Quantitäten, die er verzehren konnte.

»Das kommt, weil ich den Hunger kennengelernt habe«, sagte der Kapitän mit einem gewissen Stolz, »solchen Hunger, daß man in Versuchung kam, sich an den Kameraden zu vergreifen.«

Durch diese Erinnerung angeregt, erzählte er von seinen Abenteuern zur See, von seiner Jugend, als er auf einem Dreimaster nach den Küsten des Stillen Ozeans fuhr. Da er hartnäckig darauf bestand, Seemann zu werden, hatte ihn sein Vater auf einem seiner Zweimaster, einem kleinen Segler von achtzig Tonnen, eingeschifft, der Zucker von Havanna holen sollte. Aber mit solcher Seefahrt gab sich Pablo nicht zufrieden. Der Schiffskoch brachte ihm nichts als Leckerbissen, und der Kapitän, der in ihm nur den Sohn des Reeders sah, wagte nicht, ihm einen Befehl zu erteilen. Unter solchen Umständen wäre niemals ein guter Seemann aus ihm geworden, abgehärtet und erfahren. Mit der zähen Energie seiner Rasse hatte er sich dann, ohne Wissen seines Vaters, auf einer Fregatte anheuern lassen, die nach den Chinchas-Inseln segelte, um dort Guano zu laden. Die Mannschaft war bunt zusammengewürfelt: englische Deserteure, Barkassenführer aus Valparaiso, Mestizen aus Peru, kurz, so ziemlich das schlimmste, was man finden konnte. Der Kapitän, ein alter Geizkragen aus Katalonien, verteilte knappe Rationen, aber reichliche Schläge mit seinem Ochsenziemer.

Die Ausreise verlief ohne Zwischenfälle. Aber sobald sie auf der Rückfahrt die Magalhães-Straße hinter sich hatten, kamen sie in eine völlige Windstille. Während eines ganzen Monats lag die Fregatte unbeweglich auf derselben Stelle im Atlantischen Ozean. Die Vorräte gingen zu Ende. Von dem Reeder war das Schiff ohnehin kümmerlich verproviantiert worden. Dazu kam noch, daß der Kapitän einen Teil des Geldes, mit dem die Vorräte wieder aufgefrischt werden sollten, in die eigene Tasche gesteckt hatte.

»Wir erhielten pro Tag jeder zwei Zwiebäcke, voll von Würmern. Als man mir die ersten gab, suchte ich, als Sohn aus gutem Hause, die Würmchen, eins nach dem andern, heraus. Aber nach dieser Säuberung blieben mir nur zwei kleine Scheibchen übrig, dünn wie Hostien. Ich starb beinahe vor Hunger. Dann ...«

»Aber Onkel!« protestierte Catalina, die erriet, was nun folgen würde, und legte mit einer Gebärde des Ekels Messer und Gabel auf den Teller.

»Dann«, fuhr Don Pablo gefühllos fort, »unterließ ich diese Säuberung und verzehrte meine Zwiebäcke so, wie ich sie erhielt. Allerdings aß ich sie nur nachts ... Ja, Kleine! Wenn ich nur genug davon gehabt hätte! Der Tag kam, an dem die Ration auf einen Zwieback herabgesetzt wurde. Als wir endlich in Cadix ankamen, durfte ich die ersten Tage nur Fleischbrühe zu mir nehmen, um meinen Magen allmählich wieder an Nahrung zu gewöhnen.«

Nach beendigtem Frühstück gingen Catalina und Jaime in den Garten. Don Benito selbst, mit der Miene eines gutmütigen Patriarchen, hatte seine Tochter aufgefordert, Don Jaime seine ausländischen Rosenstöcke zu zeigen. Die Brüder blieben in Don Benitos Arbeitszimmer zurück und sahen dem jungen Paare nach, das zuerst im Garten auf und ab ging und sich dann auf eine schattige Holzbank setzte.

Catalina antwortete schüchtern auf die Fragen ihres Begleiters. Sie wußte, welche Absicht ihn nach Valldemosa geführt hatte, und daß diese Heirat der sehnlichste Wunsch ihres Vaters war. Ein Febrer! Ihre Antwort würde ein freudiges Ja sein.

Sie dachte an ihre Schulzeit zurück. Die andern jungen Mädchen, neidisch auf den großen Reichtum ihres Vaters und von demselben Haß erfüllt wie ihre Eltern, hatten jede Gelegenheit benutzt, um sie zu quälen. Wenn der Unterricht beendigt war, mußten die kleinen Chuetas auf Anordnung der Nonnen zuerst die Schule verlassen, um Zank und Streit auf der Straße zu vermeiden. Sogar die Bonnen, die die kleinen Mädchen zur Schule brachten und wieder abholten, hatten sich die Vorurteile ihrer Herrschaft so zu eigen gemacht, daß sie sich gegenseitig Schimpfworte zuriefen.

Von ihren Mitschülerinnen mußte Catalina alle möglichen kleinen Grausamkeiten erdulden. Man hatte sie mit Nadeln gestochen, ihr Gesicht zerkratzt und Stücke von ihrem Zopf abgeschnitten. Der Haß und die Verachtung waren ihr auch gefolgt, als die Schuljahre längst hinter ihr lagen. Jetzt hätte sie ein Leben führen können wie andere junge, reiche Mädchen. Aber warum sollte sie sich elegant kleiden? Auf den Spaziergängen grüßten sie nur die Freunde ihres Vaters; im Theater besuchten ihre Loge nur Familien, die aus der Judengasse stammten. Ihr Schicksal war vorgeschrieben. Wie ihre Mutter und ihre Großmutter würde sie einen Chueta heiraten.

Von Verzweiflung und dem Mystizismus der Jugend getrieben, entschloß sie sich, den Schleier zu nehmen. Ihr Vater, der beinahe vor Kummer gestorben war, als sie ihm diese Eröffnung machte, willigte endlich ein. Aber auf ganz Mallorca gab es kein Kloster, das ihr die Tore öffnen wollte. Die Oberinnen zeigten sich wohlwollend im Gedanken an das große Vermögen des Vaters, das auf diese Weise in den Besitz des Ordens gelangen würde. Jedoch die Nonnen waren empört über die Zumutung, eine Chueta in ihren Kreis aufnehmen zu sollen.

Als ihr dieser Weg verschlossen blieb, widmete sie sich ganz der Krankenpflege ihres Vaters. Die jungen Chuetas, die sie, angezogen durch die Millionen von Don Benito, wie Schmetterlinge umschwärmten, waren ihr verhaßt. Die Zukunft lag öde und trostlos vor ihr.

In diesem Augenblick erschien der edle Febrer wie ein Prinz im Märchen, um sie zu seiner Gattin zu machen. Wie groß war die Güte Gottes! Sie sah sich in dem alten Palast, nahe bei der Kathedrale, in dem aristokratischen Viertel, in dessen stillen Straßen man am Morgen nur Domherren erblickte, die würdevoll zur Kirche schritten. Sie sah sich mit Jaime an ihrer Seite in einem eleganten Wagen im Pinienwald von Bellver spazierenfahren und dachte voller Genugtuung an die haßerfüllten Blicke ihrer früheren Mitschülerinnen, die sie nicht nur um ihren Reichtum und ihren neuen Rang, sondern auch um den Besitz dieses Mannes beneiden würden, dem seine Abenteuer und sein bewegtes Leben in den Augen der jungen Mädchen von Mallorca die Aureole eines gefährlichen Verführers gegeben hatten.

In solchen Träumereien befangen, vernahm sie die Worte von Febrer, ohne ihren Sinn zu erfassen. Die vor kurzem noch so düstere Zukunft lag jetzt strahlend vor ihr. Sie hörte Febrer erzählen von den großen Städten in Europa, von den prachtvollen Theatern und dem Luxus der Frauen und malte sich aus, wie schön es sein würde, an seinem Arme alles kennenzulernen.

»Ob ich das alles wohl einmal sehen werde!« murmelte Catalina etwas scheinheilig. »Ach, ich bin dazu verdammt, auf dieser Insel zu bleiben. Niemals habe ich irgendeinen Menschen gekränkt, und trotzdem hat man mich stets gequält. Vielleicht flöße ich Antipathie ein.

Febrer beschritt ohne Säumen den Weg, den ihre weibliche Geschicklichkeit ihm wies.

»Antipathie! – O nein, Catalina!«

Er war nach Valldemosa gekommen, nur, um sie zu sehen und mit ihr zu sprechen. Er bot ihr ein neues Leben. Alles das, was sie ersehnte, konnte sie mit einem einzigen Worte haben.

»Catalina, wollen Sie meine Gattin werden?«

Die junge Chueta, die diese Frage seit einer Stunde erwartete, wurde vor Erregung blaß. Lange Zeit blieb sie stumm, um endlich einige Worte zu stammeln. Seine Frage bedeutete für sie das Glück, ein Glück, wie sie es sich niemals hätte schöner ausmalen können. Aber eine wohlerzogene junge Dame durfte nicht sofort ja sagen.

»Ich ... ich weiß wirklich nicht ... ich bin so überrascht ...!«

Jaime wollte weiter in sie dringen, aber in diesem Augenblick kam Kapitän Valls in den Garten und rief ihm mit lauter Stimme zu, es wäre Zeit, nach Palma zurückzukehren, er hätte dem Kutscher schon Befehl zum Anspannen gegeben. Jaime wollte protestieren. Mit welchem Recht mengte sich dieser lästige Mensch in seine Angelegenheiten? Aber die Gegenwart von Don Benito, der seinem Bruder folgte, ließ ihn schweigen. Der Vater von Catalina war sehr erregt und holte mühsam Atem. Auch der Kapitän ging nervös auf und ab und fluchte auf den Kutscher. Man erriet, daß die Brüder eine heftige Auseinandersetzung gehabt hatten. Don Benitos Blicke wanderten zwischen seiner Tochter und Don Jaime hin und her. Da er den Eindruck gewann, daß die beiden einig wären, wurde er allmählich ruhiger.

Vater und Tochter begleiteten ihre Gäste bis zum Wagen. Beim Abschied ergriff der Kranke Febrers Hand und sagte mit Nachdruck:

»Don Jaime, ich bin Ihr aufrichtiger Freund. Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, so verfügen Sie über mich, als gehörten Sie zur Familie.«

Dann lud er ihn, ohne seinen Bruder zu beachten, für den übernächsten Tag zum Frühstück ein.

»Ich werde gern wiederkommen«, sagte Jaime und warf Catalina einen Blick zu, der sie erröten ließ.

Kaum lag das Gartentor hinter ihnen, als Pablo Valls in ein lautes Gelächter ausbrach.

»Wie es scheint, willst du mich zum Onkel haben?« fragte er ironisch.

Febrer, wütend über die Störung im Garten und die Art, wie der Kapitän ihn kurzerhand zum Aufbruch genötigt hatte, antwortete zornig:

»Was geht es dich an? Mit welchem Recht mischst du dich in meine Angelegenheiten? Ich bin alt genug, um allein fertig zu werden!«

»Halt!« sagte der Kapitän, rückte sich bequem auf seinem Sitz zurecht und griff mit beiden Händen an die Krempe seines Hutes, der ihm in den Nacken gerutscht war, »halt, mein Lieber! Ich mische mich hinein, weil ich zur Familie gehöre. Ich glaube, es handelt sich um meine Nichte. Zum mindesten scheint es mir so.«

»Und wenn ich die Absicht hätte, mich mit ihr zu verheiraten? Was dann? Vielleicht bin ich Catalina willkommen! Vielleicht ist auch ihr Vater einverstanden!«

»Das alles bezweifle ich nicht. Aber ich bin ihr Onkel, und als Onkel protestierte ich gegen eine Heirat, die ein Wahnsinn ist.«

Jaime sah ihn erstaunt an; Ein Wahnsinn, sich mit einem Febrer zu verheiraten? Sollte Pablo vielleicht noch mehr für seine Nichte erwarten?

»Wahnsinn von ihrer Seite und Wahnsinn von dir«, bestätigte Valls, »hast du deine Geburt vergessen? Du kannst mein Freund sein, der Freund des Chueta Pablo Valls, mit dem du im Kasino und im Café verkehrst, und den, nebenbei bemerkt, die Leute für halb verrückt halten. Aber unmöglich kannst du eine Frau aus meiner Familie heiraten.«

Der Kapitän lachte sarkastisch beim Gedanken an diese Verbindung. Welche Empörung bei Jaimes Verwandten! Sie würden ihn nicht einmal mehr grüßen. Mehr Toleranz wäre von ihnen zu erwarten, wenn er einen Mord begangen hätte. Und seine Tante, die Päpstin Juana, würde ein Geschrei erheben wie bei einer Kirchenschändung. Catalina aber hätte die monotone, aber im letzten Grunde doch friedliche Langeweile ihres Hauses gegen ein Leben voll Verdruß, Demütigungen und Verachtung eingetauscht.

Sogar das Volk würde die Verbindung eines Butifarra mit einer Chueta verurteilen. Die Tradition der Insel wollte respektiert sein. Nicht einmal die Fremden, die frei von Vorurteilen nach Mallorca kamen, entgingen dem Einfluß dieses Rassenhasses, mit dem die Atmosphäre geladen schien.

»Einmal«, fuhr Valls fort, »kam ein belgisches Ehepaar hierher, das mir durch einen Freund in Antwerpen empfohlen war. Ich erwies ihm alle möglichen Dienste und Gefälligkeiten, sagte aber: seien Sie vorsichtig, vergessen Sie nicht, ich bin ein Chueta. Die Dame nannte unsere Zustände barbarisch und lachte über die rückständigen Ideen der Insel. Allmählich sahen wir uns weniger. Als wir uns nach einem Jahre auf der Straße trafen, schauten sie erst nach allen Seiten, bevor sie mich begrüßten. Wenn wir uns heute begegnen, sehen sie fort...«

»Aber wünschest du nicht selbst, daß die Deinigen emporkommen?« fragte Jaime. »Ereiferst du dich nicht ständig darüber, daß alle, die aus der Judengasse stammen, zu einer untergeordneten Klasse gezählt werden? Welch besseres Mittel, gegen diese Vorurteile anzugehen, als meine Heirat!«

Der Kapitän bewegte abwehrend seine Hand. Auch sie würde nichts ändern. Schon in früheren Zeiten, in vorübergehenden Epochen der Toleranz, waren solche Heiraten vorgekommen. Aber der Haß lebte weiter, nur mit dem Unterschiede, daß er nicht mehr so offen zutage trat.

»Außerdem«, sagte Valls mit Betonung, »Versuche sind gefährlich und kosten Opfer. Wenn du solchen Eifer hast, diese Erfahrung zu machen, so kannst du ja irgendeine andere wählen, nur nicht gerade meine Nichte!«

Als Febrer stumm verneinte, fragte ihn Pablo mit maliziösem Blick:

»Bist du vielleicht verliebt in Catalina?«

»Verliebt? ... Nein, verliebt bin ich nicht. Aber Liebe ist ja auch nicht unbedingt notwendig zur Heirat. Catalina ist sympathisch und wird ein guter Kamerad sein.«

Der Kapitän lächelte boshaft:

»Sprechen wir doch wie alte Freunde, die das Leben kennen. Mein Bruder müßte dir noch sympathischer sein als seine Tochter, denn er wird zweifellos deine ganzen Schulden bezahlen. Möglich, daß er weint über das viele Geld, das du ihn kostest, aber er hat nun einmal eine Schwäche für alte, berühmte Namen, und das wird ihm über den Schmerz hinweghelfen.«

Febrer sah den Kapitän feindselig an:

»Es ist besser, wir sprechen über die ganze Angelegenheit nicht mehr, wenn wir Freunde bleiben wollen ...«

»Gut, schweigen wir«, sagte Valls, »aber ich betone nochmals, daß ich protestiere, und zwar aus Interesse für dich und für sie.«

Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück. In Palma angekommen, trennten sie sich mit einem kühlen Gruß, ohne sich die Hand zu geben.

Es dunkelte, als Jaime sein Haus betrat. Madó Antonia hatte auf einen Tisch im Vorsaal eine kleine Öllampe gestellt, deren dürftiges Licht vergeblich gegen die tiefen Schatten in dem großen Raum ankämpfte.

Pèp mit seinen Kindern war schon fort. Nach dem Frühstück hatten sie sich die Stadt angesehen und dann den Herrn bis vor kurzem erwartet. Sie mußten die Nacht auf dem Schoner zubringen, da der Eigentümer schon vor Tagesanbruch unter Segel gehen wollte. Madó sprach von ihnen mit gutmütigem Interesse:

»Wie haben sie nicht alles bewundert! Und Margalida! Wie hübsch ist das Mädchen!«

Aber was die gute Madó Antonia erzählte, hatte wenig zu tun mit ihren eigentlichen Gedanken. Während sie dem Herrn in sein Schlafzimmer folgte, sah sie ihn verstohlen an, um vielleicht aus seinem Gesichtsausdruck etwas erraten zu können. Heilige Jungfrau von Lluch, was mochte sich wohl in Valldemosa ereignet haben? Wie stand es mit dem tollen Vorhaben, von dem der Herr ihr während des Frühstücks gesprochen hatte?

Doch Jaime war sehr schlechter Laune. Er sagte ihr nur kurz, daß er im Kasino speisen würde. Bei dem Lichte eines Armleuchters wechselte er seinen Anzug und ließ sich dann von Madó den riesigen Hausschlüssel geben, um sie nicht zu wecken, falls er zu später Stunde heimkehren sollte. Es schlug neun Uhr, als er sich zum Kasino aufmachte. Unterwegs sah er in einem Café seinen Freund Toni Clapes, den berühmten Schmuggler. Toni fiel auf durch seine ungewöhnliche Größe. Trotzdem er wie ein Bauer gekleidet ging, mit weißen Sandalen und ohne Krawatte, wurde er in allen Cafés und Klubs stets sehr zuvorkommend empfangen. Im Kasino respektierten ihn die Herren, weil er ganze Bündel Banknoten setzte und mit der größten Gemütsruhe verlor.

Im Innern der Insel geboren, war es ihm durch Energie und Mut gelungen, eine weitverzweigte Organisation zu schaffen, von deren Bestehen jedermann wußte, die aber im übrigen in undurchdringliches Geheimnis gehüllt blieb. Hunderte waren bereit, sich für ihn zu opfern. Seine unsichtbare Flotte fuhr nur bei Nacht, ohne Furcht vor Sturm, um an den unzugänglichsten Stellen der Küste anzulegen. Ungeachtet der Gefahren, die seine Unternehmungen ständig mit sich brachten, verriet sein joviales Gesicht niemals die geringste Besorgnis. Man sah ihn nur traurig, wenn mehrere Wochen vergingen, ohne daß er Nachricht von irgendeinem Schiff erhielt, das bei schlechtem Wetter von Algier abgesegelt war.

»Verloren«, sagte er zu seinen Freunden. »Schiff und Fracht bekümmern mich nicht, aber die sieben Mann an Bord. Ich werde sehen, daß es den Familien nicht am täglichen Brot mangelt.«

Manchmal heuchelte er auch Betrübnis, allerdings mit einem ironischen Zucken der Lippen. Ein Zollkutter hatte eine seiner Barken aufgebracht. Alle Welt lachte, denn man wußte, daß Tòni von Zeit zu Zeit ein altes, mit einigen Ballen Tabak beladenes Fahrzeug den Zollwächtern in die Hand spielte, damit sie sich mit diesem Fang in der Öffentlichkeit brüsten könnten.

Als in afrikanischen Häfen eine Epidemie ausgebrochen war, ließen die Behörden von Mallorca, angesichts der Unmöglichkeit, die ganze, ausgedehnte Küste zu überwachen, Tòni kommen und appellierten an seinen Patriotismus. Der Schmuggler versprach sofort, seine Schiffe die verseuchten Häfen nicht anlaufen zu lassen.

Die beiden Freunde drückten sich die Hand.

»Du warst in Valldemosa, Jaime!«

Tòni wußte schon von diesem Besuch, denn jede, auch die geringste Neuigkeit bedeutete in dem ruhigen und einförmigen Leben dieser Stadt ein Ereignis, dessen Kunde sich mit Blitzesschnelle verbreitete.

»Man erzählt sich noch etwas mehr«, fuhr Tòni im Dialekte von Mallorca fort, »etwas, was ich für eine Lüge halte. Man sagt, daß du dich mit der Tochter von Benito Valls verheiratest.«

Febrer wagte nicht, seinem Freunde gegenüber zu leugnen.

»Ja, es ist wahr, Tòni.«

Der Schmuggler, den nichts aus der Ruhe bringen konnte, verlor zum ersten Male die Fassung:

»Das ist schlecht, was du tust, Jaime!«

Er sprach diese Worte mit feierlichem Ernst.

Der Butifarra behandelte diesen Freund mit einer Vertraulichkeit, wie er sie für keinen anderen hatte:

»Aber ich bin vollkommen ruiniert, lieber Tòni! Kein Stück im ganzen Hause gehört mir! Wenn meine Gläubiger mir noch eine Frist gegeben haben, so taten sie es nur in der Hoffnung auf diese Heirat.«

Tòni schüttelte den Kopf. Dieser einfache Mann vom Lande, dieser Schmuggler, der sich ohne Bedenken über die Gesetze hinwegsetzte, war über Jaimes Entschluß erschüttert.

»Wie es auch immer sei, es ist schlecht, was du tust. Aus deinen Schwierigkeiten mußt du heraus, doch auf eine andere Weise ... Wir, deine Freunde, werden dir helfen. Aber du eine Chueta heiraten! ...«

Er verabschiedete sich von Jaime und wiederholte beim Weggehen nochmals in vorwurfsvollem Ton:

»Denke daran, Jaime. Was du tust, ist schlecht!«

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