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Die Toten befehlen

Vincente Blasco Ibañez: Die Toten befehlen - Kapitel 3
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typefiction
authorVincente Blasco Ibañez
titleDie Toten befehlen
publisherPaul List Verlag Leipzig
printrun21.?24. Tsd.
firstpub1925
translatorOtto Albrecht van Bebber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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II.

Sobald Palma hinter ihm lag, bekam Febrer angesichts der wunderbaren Frühlingsflur Gewissensbisse über die Art, wie er sein Leben führte. Seit einem Jahr war er nicht aus der Stadt herausgekommen. Die Nachmittage verbrachte er in den Cafés am Borne, die Nächte im Spielsaale des Kasinos.

Heute bereute er, nie daran gedacht zu haben, die schöne Landschaft vor den Toren von Palma aufzusuchen. In den Feldern von zartem Grün murmelten leise Quellen. Am tiefblauen Himmel schwammen weiße Federwölkchen. Die Windmühlen auf den dunkelgrünen Hügeln drehten eifrig ihre Flügel. Dies Bild wurde begrenzt durch steile Höhenzüge, die in der Sonne rot aufleuchteten. Mit Recht hatten die alten Seefahrer, als sie diese anmutige Landschaft kennenlernten, Mallorca »die glückliche Insel« genannt.

Jaime schmiedete Pläne für die Zukunft, wenn er durch die Heirat in den Besitz eines großen Vermögens gelangt sein würde. Das schöne Gut Son Febrer wollte er zurückkaufen und einen Teil des Jahres wie seine Vorfahren dort zubringen, um das einfache und gesunde Leben eines Landedelmanns zu führen, freigiebig und von allen geachtet.

Sein Wagen, dessen Pferde in scharfem Trab gingen, überholte eine lange Reihe von Landleuten, die aus der Stadt zurückkehrten. Schlanke braune Frauen. Über dem weißen Kopftuch trugen sie einen breitrandigen Strohhut, mit lang herabhängenden bunten Bändern und Feldblumen geschmückt. Die Männer waren in gestreiften Drillich gekleidet, die sogenannte Leinwand von Mallorca. Ihre Filzhüte hatten sie so weit zurückgeschoben, daß die glattrasierten Gesichter wie aus einem schwarzen oder grauen Rahmen hervorsahen.

Febrer erinnerte sich aller Einzelheiten dieses Weges, trotzdem er seit Jahren nicht mehr dort gewesen war. Ein Stück weiter teilte sich die Straße, links führte der Weg nach Valldemosa, rechts nach Soller.

Soller! ... Wie dieser Name die schönste Zeit seiner Kindheit wieder auferstehen ließ! Jedes Jahr verlebte seine Familie dort den Sommer in ihrem Landhause, der Mondvilla, deren Name von dem steinernen Halbkreise mit Augen und Nase herrührte, der sich über dem Portal befand.

Zwischen Palma und Soller liegt ein langgestreckter Hügel. Wenn der Wagen die Höhe erreicht hatte, stieß der kleine Jaime einen Schrei des Entzückens aus, so wunderbar war dieser Garten der Hesperiden, der sich zu seinen Füßen ausdehnte. Mit dunklen Pinienwäldern bedeckte Berge, deren Gipfel in Nebelkappen eingehüllt waren, säumten zu beiden Seiten das weite Tal ein. Das kleine Städtchen lag mitten in Orangengärten, die sich bis zum Meer hinzogen. Der Frühling kam hier über Nacht mit einer Überfülle von Duft und Farben. Sogar die baufälligen Hütten der kleinen Bauern verbargen ihre Armseligkeit unter dichten Vorhängen von Kletterrosen.

Von allen Dörfern der Umgebung strömte die Landbevölkerung zusammen, um das Fest von Soller zu feiern. Die »Dulcaina« ertönte und rief zum Tanz. Von Hand zu Hand reichte man sich die Gläser mit dem süßen Branntwein von Mallorca und dem Wein von Bañalbufar. Es war das Friedensfest nach tausendjährigem Krieg, nach unaufhörlichen Kämpfen gegen Ungläubige und Piraten, gleichzeitig auch eine Feier zur Erinnerung an den Sieg, den die Einwohner von Soller über eine türkische Korsarenflotte im XVI. Jahrhundert davongetragen hatten.

Den Höhepunkt der Festlichkeiten bildete eine Seeschlacht im Hafen. Die Fischerbarken dienten als Galeeren. Ein Teil der Fischer, in der Tracht türkischer Piraten, griff mit alten Donnerbüchsen, Schwertern und Enterhaken die christliche Flotte an. Nach langem Kampfe gelang es, die Korsarenschiffe in die Flucht zu schlagen und auch den Rest der Piraten, die gelandet waren, gefangenzunehmen.

Wenn das Fest beendet und Soller zu seiner friedlichen Ruhe zurückgekehrt war, verbrachte der kleine Jaime die Tage mit Spaziergängen in den Orangengärten unter der Obhut von Antonia, jetzt Madó Antonia genannt. Damals war sie ein frisches, junges Ding mit blitzenden Zähnen und rundem Busen, dem die Bauern nachsahen. Häufig gingen die beiden auch zum Hafen, um die Segelschiffe zu beobachten, die Orangen für Marseille luden. Spät am Nachmittag kehrten dann die Fischerbarken heim. Der Fang wurde in den offenen Schuppen aufgehängt: riesengroße Fische, Rochen und Polypen, die Jaime ein wenig Angst einflößten ...

Er liebte den Hafen. Hier erzählte ihm Antonia alte Romanzen im Dialekte von Mallorca. Manche waren mit Soller eng verknüpft, wie die Sage vom heiligen Raimundo von Peñafort. Dieser tugendhafte Mönch wurde vom König Don Jaime von Mallorca, dem er sein lasterhaftes Leben vorwarf, verfolgt. Um sein Entkommen zu verhindern, hatte der König alle Schiffe der Insel gesperrt. Der Heilige kam auf seiner Flucht nach dem einsamen Hafen von Soller, breitete seinen Mantel auf dem Wasser aus, nahm den Pilgerstab als Mast und seine Kapuze als Segel. Der Wind Gottes trug das seltsame Fahrzeug über das Meer nach Barcelona. Der Wächter, auf dem Turme von Montjuich erblickte es zuerst und verkündigte seine Ankunft durch eine Fahne. Laut ertönten die Glocken von La Seo, und das Volk eilte zur Hafenmauer, um den Heiligen zu empfangen.

Wenn der kleine Jaime noch mehr erfahren wollte, rief Antonia die alten Fischer herbei; sie zeigten ihm dann den Felsen, auf dem der Heilige die Hilfe Gottes angerufen hatte, bevor er sich aufs Meer begab.

Jaime erinnerte sich der andächtigen Schauer, mit denen er diesen Erzählungen gelauscht hatte. Soller bedeutete für ihn die unschuldige Kindheit, Geschichten von Wundern und Gedächtnisfeiern heroischer Kämpfe ...

Die Mondvilla hatte er für immer verloren, ebenso die Gläubigkeit und die Unschuld jener Zeit.

Der Wagen bog jetzt ein in den Weg nach Valldemosa. Hier war er nur zweimal gewesen, um zusammen mit einigen Freunden das Karthäuserkloster zu besuchen. Er erinnerte sich der berühmten, uralten Olivenbäume, deren phantastische Formen so vielen Malern als Modell gedient hatten. Das Gelände stieg an, der Boden wurde felsig. Um die Steigungen zu überwinden, führte der Weg zwischen dichten Baumgruppen in Serpentinen aufwärts. Die ersten Olivenbäume erschienen.

Febrer kannte sie, trotzdem empfand er die Sensation des Ungewöhnlichen, als sähe er sie zum ersten Male. Sie trugen nur wenig Laub. Ihre schwarzen geborstenen Stämme hatten einen riesigen Umfang, der noch vergrößert wurde durch enorme Wülste. Die Bäume waren Hunderte von Jahren alt und nie beschnitten worden. Der Saft konnte nicht mehr bis zu den Zweigen emporsteigen, sondern blieb im Stamm, der alle Kraft in sich aufsog und ständig stärker wurde. Die ganze Landschaft machte den Eindruck einer verlassenen Bildhauerwerkstatt mit Tausenden von formlosen Entwürfen, mißgestalteten Ungeheuern, verstreut auf einem grünen Teppich, der mit Gänseblümchen und Glockenblumen besät war.

Ein Baum sah aus wie eine ungeheure Kröte, die sich zum Sprung zusammenzieht, mit einem Strauß von Blättern am Maul; ein anderer wie eine ungefüge Boa mit aufeinandergehäuften Ringen, die ein Olivenbüschel am Kopf trug. Es gab Riesenschlangen, die sich in ein Knäuel zusammengeballt hatten, gigantische Neger mit dem Kopf nach unten und den Füßen in der Luft, barbarische Fetische mit herausspringenden Augen und flatternden Bärten.

Man erzählt, daß Gustave Doré unter diesen uralten Olivenbäumen seine phantastischen Schöpfungen entworfen hat. Bei dem Gedanken an diesen Künstler erinnerte sich Jaime an andere Persönlichkeiten, noch berühmter als Doré, die auf diesem selben Wege gekommen waren und in Valldemosa gelebt und geduldet hatten.

Zweimal war er zu dem Karthäuserkloster hinausgefahren, nur um die Stätte zu sehen, die durch die Liebe für immer geweiht war. Oft hatte ihm sein Großvater von der »Französin« von Valldemosa und ihrem Begleiter, dem »Musiker« gesprochen.

Eines Tages im Jahre 1838 sahen die Einwohner von Mallorca und die Spanier, die sich vor den Schrecken des Zivilkrieges auf die Insel geflüchtet hatten, ein ausländisches Ehepaar landen, begleitet von einem Knaben und einem Mädchen. Als das Gepäck an Land geschafft wurde, bestaunten die Insulaner einen großen Flügel, einen Erard, der eine Zeitlang im Zollamte bleiben mußte, bis gewisse Bedenken der Behörde zerstreut waren.

Die Reisenden nahmen zuerst Quartier in einer Herberge, die sie aber bald verließen, um die Villa Son Vent, ganz nahe bei Palma, zu mieten. Der Mann schien krank zu sein. Er war jünger als seine Begleiterin, aber abgemagert durch sein Leiden und von einer durchsichtigen Blässe. Die Augen glänzten im Fieber, die schmale Brust wurde von einem unaufhörlichen Husten erschüttert. Eine schwarze, üppige Löwenmähne fiel in Locken bis in den Nacken. Die Frau hatte etwas Männliches in ihrem Wesen. Mit mehr gutem Willen als Geschicklichkeit verrichtete sie wie eine schlichte Bürgersfrau alle Hausarbeiten. Spielte sie aber mit ihren Kindern, so wurde sie selbst zum Kind. Ihr gütiges und heiteres Gesicht zeigte nur dann einen bekümmerten Ausdruck, wenn sie den Husten des »geliebten Kranken« hörte. Aber man ahnte bei dieser unsteten Familie etwas Regelwidriges, eine stumme Auflehnung gegen die menschlichen Gesetze. Die Frau kleidete sich mit einem etwas phantastischen Geschmack. Sogar der silberne Haarpfeil, den sie in der Frisur trug, war den frommen Damen von Mallorca ein Ärgernis. Außerdem ging sie niemals zur Messe, machte keine Besuche und verließ die Villa nur, um mit ihren Kindern zu spielen oder den armen Schwindsüchtigen an ihrem Arm in der Sonne spazieren zu führen. Die Kinder waren ebenso ungewöhnlich wie die Mutter. Das Mädchen trug einen Knabenanzug, um unbehinderter umherspringen zu können.

Bald hatte die Neugier der Insel die Namen dieser eigenartigen Fremden ausfindig gemacht. »Sie« war Französin und hieß Aurora Dupin, eine frühere Baronin, die sich von ihrem Gatten getrennt hatte. Als Schriftstellerin war sie in der ganzen Welt berühmt geworden durch ihre Romane, die sie mit einem Pseudonym zeichnete, zusammengesetzt aus einem männlichen Vornamen und dem Namen eines politischen Verbrechers: George Sand. »Er« war ein polnischer Musiker, von derartig delikater Veranlagung, daß es schien, als ob er mit jedem seiner Werke einen Teil seiner Lebenskraft hingäbe. Mit neunundzwanzig Jahren fühlte er den Tod herannahen. Er nannte sich Friedrich Chopin. Die Kinder gehörten der Schriftstellerin, die schon fünfunddreißig Jahre zählte.

Die gute Gesellschaft von Mallorca, in ihren traditionellen Vorurteilen befangen, war entrüstet über einen derartigen Skandal. Diese Leute waren nicht miteinander verheiratet! ... Und sie schrieb Romane, über deren Kühnheit sich ehrbare Menschen entsetzten! ... Dennoch waren alle Frauen begierig, diese Romane zu lesen. Aber in ganz Mallorca ließ sich nur Don Horacio Febrer, der Großvater von Jaime, Bücher kommen. Die beiden kleinen Bände aus seiner Bibliothek »Indiana« und »Lelia« gingen von Hand zu Hand, ohne daß übrigens die Leser viel davon verstanden hätten. Auf jeden Fall wurde die Verfasserin von der öffentlichen Meinung geächtet. Nur Doña Elvira, die Großmutter von Jaime, eine Mexikanerin, deren Bild er oft betrachtet hatte und die in seiner Vorstellung stets weiß gekleidet war, mit einer goldenen Harfe zwischen den Knien, wagte es, die Einsame von Son Vent einige Male aufzusuchen. Aber diese Besuche erregten ein derartiges Ärgernis, daß Don Horacio seiner Gattin verbot, sie fortzusetzen.

Jetzt waren die Fremden vollständig isoliert. Während die Kinder wie ein paar kleine Wilde mit ihrer Mutter im Freien spielten, quälte ein hohler Husten den Kranken in seinem Schlafzimmer. Erst in den späten Nachtstunden kam seine schwermütige Muse. Dann saß er am Flügel und schuf zwischen Husten und Seufzern seine unsterblichen Meisterwerke.

Der Besitzer von Son Vent, ein Bürger aus Palma, kündigte den Fremden von einem Tag zum andern in einer brüsken Art, als ob sie eine Zigeunerbande gewesen wären. Der Pianist war schwindsüchtig; sollte er sich seine Villa verseuchen lassen?

Wohin gehen? ... jetzt nach Frankreich zurückzukehren, war unmöglich. Man befand sich mitten im Winter, und Chopin zitterte bei dem Gedanken an die Kälte von Paris. Mochte die Insel noch so ungastlich sein, er liebte sie wegen ihres milden Klimas. Da bot sich ihnen als einzige Zuflucht das Karthäuserkloster von Valldemosa, ein Gebäude aus dem Mittelalter, ohne irgendwelche architektonische Schönheit. Aber die Lage war wunderbar. Die Abhänge der Berge trugen ausgedehnte Pinienwälder; das Kloster selbst wurde gegen die Glut der Sonne geschützt durch Anpflanzungen von Mandelbäumen und Palmen, durch deren Laubwerk die grüne Ebene und das ferne Meer schimmerten. Das Gebäude, seit langem nicht mehr bewohnt, war fast eine Ruine. Nur Bettler und Landstreicher schlugen in den Zellen ihr Lager auf. Der einzige Zugang führte über den alten Klosterfriedhof. In den Mondscheinnächten geisterte ein weißes Gespenst umher, die Seele eines verfluchten Mönches, die bis zur Stunde ihrer Erlösung an dem Ort ihrer Sünden umherirren mußte.

An einem stürmischen Regentage brachen die Flüchtlinge zum Kloster auf. Der Weg in den Bergen war im Laufe der Jahre fast ungangbar geworden, so daß die Wagen, wie George Sand sagte, »mit einem Rade auf dem Felsen standen und mit dem anderen über einem Wildbach hingen.« Eingehüllt in einen großen Umhang, zitterte der Musiker vor Kälte unter dem Zeltdach des Wagens und fuhr bei jedem Stoß schmerzhaft zusammen. An den gefährlichen Stellen stieg die Schriftstellerin aus und folgte mit ihren Kindern dem Wagen zu Fuß.

Den ganzen Winter verbrachten die Fremden in der Einsamkeit der Karthause. Mit Babuschen und einem Tuch um den schlecht frisierten Kopf kochte George Sand, immer froher Laune, mit Hilfe eines jungen Bauernmädchens, das jede Gelegenheit wahrnahm, um die für den lieben Kranken bestimmten Leckerbissen zu verschlingen. Die Dorfkinder von Valldemosa glaubten, die kleinen Franzosen wären Mauren, Feinde vom lieben Gott, und warfen nach ihnen mit Steinen. Die Frauen übervorteilten die Mutter in unerhörter Weise, wenn sie ihr Lebensmittel verkauften, und gaben ihr obendrein den Beinamen »die Hexe«. Jeder Mensch bekreuzigte sich, wenn er einen von diesen »Zigeunern« sah, die sich erkühnten, in einer Klosterzelle zu leben, so nahe bei den Toten, in ständiger Verbindung mit dem Gespenst.

Tagsüber, während der Kranke ausruhte, bereitete die Schriftstellerin die Suppe und half dem Mädchen, mit ihren feinen Künstlerhänden das Gemüse zu putzen. Oft führte sie ihre Kinder nach der steilen Küste von Miramar, wo einst der Gelehrte Ramon Lull seine Schule für orientalische Studien errichtet hatte. Aber wenn die Nacht hereinbrach, begann ihr wahres Leben.

Die dunkle Klosterruine war erfüllt von Harmonien: Chopin, über den Flügel gebeugt, komponierte seine Nocturnes. Und George Sand schrieb, beim spärlichen Licht einer Kerze, »Spiridion«, die Geschichte eines Mönches, der dahingelangt ist, jeglichen Glauben abzuwerfen.

In den Vollmondnächten verspürte sie den Schauer des Geheimnisvollen, die Wollust der Angst. Dann ging sie durch die dunklen Zellen, durch deren kleine Fenster das Mondlicht weiße Flecke auf den Boden malte. Niemand! ... Dann setzte sie sich auf einen Grabstein in dem alten Friedhof der Mönche und wartete vergeblich, daß das Erscheinen des Phantoms ihr monotones Dasein durch irgendein romantisches Ereignis unterbrechen möchte.

In einer Karnevalsnacht wurde die Karthause von Mauren überfallen, jungen Leuten von Palma, die als Berber verkleidet waren. Nachdem sie die Stadt durchzogen hatten, dachten sie an die »Französin«, sicher ein wenig beschämt über die Isolierung, in der man sie hielt. Sie kamen um Mittemacht und weckten das Kloster mit ihren Liedern und Gitarren. Die Nachtvögel, die in der Ruine hausten, wurden durch den Lärm aufgescheucht und flatterten angstvoll umher. Zum Schluß führte der nächtliche Besuch spanische Tänze auf, denen der Musiker aufmerksam mit seinen fiebrigen Augen folgte, während die Schriftstellerin von einer Gruppe zur andern ging, voll Freude, nicht ganz vergessen zu sein.

Dies war die einzige glückliche Nacht auf Mallorca. Als der Frühling kam, fühlte sich der Kranke wohl genug, um mit ihr nach Paris zurückzukehren. Sie waren Zugvögel, die keine andere Spur hinter sich ließen als die Erinnerung.

Viele Familien verbrachten jetzt den Sommer in der Karthause, aus deren Zellen man hübsche Wohnungen gemacht hatte. Und jede legte großes Gewicht darauf, die alte Zelle von George Sand zu bewohnen, der George Sand, die von ihren Großvätern verachtet und schlecht behandelt worden war.

Der Enkel von Don Horacio empfand für diese außergewöhnliche Frau eine Art Liebe. Er sah sie, wie sie auf ihren Jugendbildern dargestellt ist: ein Gesicht fast ohne Ausdruck, aber mit tiefen rätselhaften Augen, als einzigen Schmuck an der Schläfe eine Rose. Arme George Sand! Die Liebe hatte für sie stets die Grausamkeit der antiken Sphinx gehabt. Bei jeder neuen Illusion wurde ihr Herz mitleidlos zerrissen. Selbstverleugnung und Empörung, alles hatte diese leidenschaftliche Frau kennengelernt. Die flatterhafte Heldin der venezianischen Nächte, die ungetreue Freundin von Musset war dieselbe Frau, die als Krankenpflegerin in der Einsamkeit von Valldemosa dem sterbenden Chopin Suppen kochte und seine Arzneien reichte. Hätte er, Jaime, doch eine solche Frau kennengelernt, eine Frau, die die unendlich vielen Variationen von Weichheit und Grausamkeit in sich vereinigte! ... Von einer Frau geliebt zu werden, bei der er seinen männlichen Einfluß geltend machen konnte und die ihm gleichzeitig Achtung einflößte durch die Größe ihres Geistes!

Febrer war so tief in diese Gedanken versunken, daß er die Landschaft sah, ohne sich dessen bewußt zu werden. Dann lächelte er ironisch. Er erinnerte sich an den Zweck seiner Reise und hatte Mitleid mit sich selbst. Er, der von einer uneigennützigen und außergewöhnlich großen Liebe träumte, war im Begriff, sich zu verkaufen, seine Hand und seinen berühmten Namen einer Frau anzubieten, die er kaum gesehen hatte, eine Verbindung einzugehen, die in den Augen der ganzen Insel einen Skandal bedeutete. Würdiges Ende eines nutzlosen und leichtsinnigen Lebens.

In dieser Stunde erkannte er klar die Hohlheit seines Daseins. Zum ersten Male sprach die Eitelkeit nicht mit, die sonst alles beschönigte. Vergeblich suchte er in der Vergangenheit eine Rechtfertigung für sein Vorhaben.

Wieder kehrten seine Gedanken zu seinen Kindheitserinnerungen zurück, die der Weg nach Soller erweckt hatte.

Er war das einzige Kind. Seine Mutter, eine blasse Dame von schwermütiger Schönheit, war seit seiner Geburt kränklich geblieben. Sein Großvater, Don Horacio, lebte mit einem alten Diener im zweiten Stockwerk, als ob er ein vorübergehender Gast gewesen wäre. Er sah die Familie oder hielt sich von ihr fern, je nach seinen Launen. In Jaimes vagen Kindheitserinnerungen trat die Gestalt seines Großvaters klar hervor. Niemals hatte er ein Lächeln auf diesem Gesicht gesehen, dessen weißer Backenbart einen Kontrast bildete zu den schwarzen und herrischen Augen. Nur der Enkel durfte ihn jederzeit besuchen; für alle übrigen bestand ein Verbot. Der alte Herr hielt streng auf Etikette. Schon am frühen Morgen trug er einen blauen Überrock, hohen Stehkragen und eine kunstvoll geknüpfte, schwarze Krawatte mit einer großen Perle. Sogar wenn er krank war, bewahrte er diese korrekte Eleganz. Zwang ihn die Krankheit aber, das Bett zu hüten, so gab er seinem Diener Befehl, jeden Besuch, auch den seines Sohnes, abzuweisen.

Jaime brachte viele Stunden bei seinem Großvater zu. Er hockte zu seinen Füßen und lauschte den Erzählungen, eingeschüchtert durch die ungeheure Anzahl von Büchern, die die Regale an allen Wänden füllten und noch auf Tischen und Sesseln aufgehäuft waren. Er sah den Großvater stets gleich gekleidet in den mit roter Seide gefütterten Überrock, der jedes halbe Jahr durch einen neuen ersetzt wurde. Nur mit seiner Weste nahm der alte Herr Rücksicht auf die Jahreszeiten. Im Winter trug er eine Weste von Samt, im Sommer von gestickter Seide. Seine Liebhabereien waren Bücher und sehr schöne Wäsche. Vom Auslande erhielt er häufig Dutzende von Hemden, die oft in den Schränken vergessen liegen blieben und gelb wurden. Die Buchhändler von Paris sandten ihm regelmäßig große Pakete mit allen Neuerscheinungen. Irregeführt durch seine ständigen Aufträge, schrieben sie auf die Adresse ein Wort, das Don Horacio mit spöttischem Vergnügen zeigte: »Buchhändler«.

Er behandelte den Letzten der Febrer mit großer Güte und gab sich Mühe, sich für Jaime verständlich auszudrücken, trotzdem er von Natur wortkarg und wenig umgänglich war. Er erzählte ihm von seinen Reisen nach Paris und London, auf Segelschiffen und in Postkutschen. Erst später konnte er Raddampfer und Eisenbahnen benutzen. Hierbei beschrieb er ihm diese wunderbaren Erfindungen, deren erste praktische Versuche er kennengelernt hatte. Er schilderte ihm auch die Gesellschaft zur Zeit Louis Philippes, die großen Debüts der Romantiker und die Barrikadenkämpfe in Paris, deren Augenzeuge er gewesen war.

Viel Ungemach, das er erlebt hatte, würde seinem Enkel erspart bleiben. Don Horacio erinnerte sich an seinen tyrannischen Vater, der keine andere Meinung neben sich aufkommen ließ. Der beständige Streit hatte Horacio gezwungen, das Elternhaus zu verlassen. Sein Vater gehörte zu den Edelleuten, die keinen Kompromiß kennen. Er suchte den König Ferdinand auf, um ihn zu bitten, die alten Gebräuche wiederherzustellen, und segnete seine Söhne mit den Worten: »Mögest du mit Gottes Hilfe ein guter Inquisitor werden!«

Bisweilen betrachtete Don Horacio das Bild von Doña Elvira. Dann wurde er weich und sagte mit bewegter Stimme zu Jaime:

»Deine Großmutter war eine große Dame, eine Künstlerin mit der Seele eines Engels. Neben ihr schien ich ein Barbar zu sein ... Sie gehörte zu unserer Familie, kam aber von Mexiko, um sich mit mir zu verheiraten. Ihr Vater blieb drüben und kämpfte auf Seiten der Insurgenten. Glaube mir, in unserm ganzen Geschlecht hat es nie eine Frau gegeben, die ihr gleichkam.«

Jeden Vormittag um halb zwölf Uhr entließ er den Enkel, setzte einen Zylinderhut auf und machte einen Spaziergang durch die Straßen von Palma. Ob es regnete oder ob die Sonne brannte, unempfindlich gegen Kälte und Hitze, ging er jeden Tag durch dieselben Straßen, auf demselben Bürgersteig. Er erschien und verschwand mit der automatischen Regelmäßigkeit einer Uhr.

Nur ein einziges Mal in dreißig Jahren hatte er diesen Spaziergang durch die einsamen Straßen, in denen seine Schritte widerhallten, geändert. An einem Vormittage hörte er aus dem Innern eines Hauses, an dem er vorbeiging, die Stimme einer Frau:

»Manuela, setz den Reis auf. Es ist zwölf Uhr, Don Horacio kommt vorbei!«

Empört über diesen Mißbrauch seiner Person, schritt er zur Tür und rief mit ernster Stimme hinein:

»Caramba, ich bin keine Uhr für eine alte H ...«

Oft sprach er zu seinem Enkel von dem früheren Glanz des Hauses. Die geographischen Entdeckungen brachten den Ruin für die Febrer. Das Mittelländische Meer war nicht mehr die Straße zum Orient. Seit die Portugiesen und die Spanier neue Wege entdeckt hatten, verfaulten die Schiffe von Mallorca untätig im Hafen. Auch die Kämpfe mit den Piraten waren vorüber. Der Malteserorden bedeutete nur noch eine ehrenvolle Auszeichnung. Ein Bruder seines Vaters war Ordenskomtur in La Valette gewesen, als Bonaparte Malta eroberte. Mit einer armseligen Pension mußte der Malteser nach Palma zurückkehren, um dort zu sterben. Aber trotzdem den Febrer seit zwei Jahrhunderten die früheren großen Einnahmen fehlten, hatten sie ihr Leben im alten Prunk weitergeführt und sich damit langsam ruiniert. Noch zu Lebzeiten von Don Horacios Großvater stand die Feudalherrschaft in voller Blüte und der Titel »Butifarra« bedeutete in Mallorca etwas, was das Volk zwischen Gott und den Adel stellte.

Wenn ein Febrer zur Welt kam, war dies ein Ereignis, an dem die ganze Stadt Anteil nahm. Vierzig Tage lang blieben alle Tore des Palastes geöffnet. Der Ehrenhof war voller Staatskarossen, die Dienerschaft bildete Spalier. Um die mit Torten, Süßigkeiten und Getränken bedeckten Tische in den weiten Sälen drängten sich die Besuche. Jede soziale Klasse hatte ihre besonderen Empfangstage. An gewissen Tagen erschienen nur die »Butifarras«, der höchste Adel, privilegierte Häuser, einige wenige Familien, die immer wieder untereinander heirateten; andere Tage waren für die Ritterschaft bestimmt, die, ohne zu wissen warum, sich von den Butifarras abhängig fühlte. Dann wurden die »Mossons« empfangen, die untere Klasse, Ärzte, Advokaten und Notare, deren Dienste von den erlauchten Familien in Anspruch genommen wurden.

Don Horacio erzählte von dem Glanz dieser Empfänge. Damals verstand man, in großem Stile zu repräsentieren.

»Bei der Geburt deines Vaters«, sagte er zu seinem Enkel, »fand das letzte große Fest in diesem Hause statt. Achthundert Pfund habe ich damals allein dem Zuckerbäcker von Palma bezahlt.«

An seinen Vater erinnerte sich Jaime weniger. Wenn er an ihn zurückdachte, sah er einen blonden Spitzbart, eine kahle Stirn, ein liebenswürdiges Lächeln und blitzende Brillengläser. Man erzählte sich, daß Jaimes Vater in seiner Jugend seiner Cousine Juana den Hof gemacht hätte. Diese ernste Dame, die wie eine Nonne lebte, wurde allgemein »die Päpstin« genannt. Sie hatte ihr ungeheures Vermögen früher dazu benutzt, um dem Prätendenten Don Carlos große Summen zu geben. Jetzt bewies sie dieselbe Freigebigkeit gegen die Geistlichen, von denen sie beständig umgeben war.

Seit ihrem Bruch mit Jaimes Vater ignorierte sie vollkommen diesen Zweig ihrer Familie und behandelte den kleinen Jaime mit feindseliger Abneigung.

Sein Vater wurde, der Familientradition folgend, spanischer Marineoffizier. Er nahm teil an dem Kriege im Stillen Ozean und befehligte eine Fregatte beim Bombardement von Callao. Diese Gelegenheit, seinen Mut und seine Fähigkeiten zu beweisen, genügte ihm. Unmittelbar darauf nahm er seinen Abschied. Nach Mallorca zurückgekehrt, verheiratete er sich mit einer Dame von Palma, aus gutem Hause, aber ohne Vermögen, deren Vater damals Gouverneur der Insel Ibiza war. Die Päpstin Juana sagte eines Tages mit ihrer harten, kalten Stimme in ihrer hochmütigen Art zu Jaime:

»Deine Mutter ist wohl aus einem adligen Hause, aber keine Butifarra, wie ich.«

Jaimes Vater, der der Fortschrittspartei angehörte und nach der Revolution zum Abgeordneten gewählt worden war, weilte fast ständig in Madrid. Der kleine Jaime sah ihn nur, wenn er zu einem flüchtigen Aufenthalte nach Mallorca kam. Als Amadeus von Savoyen, dieser »revolutionäre« Monarch, wie ihn der konservative Adel, der ihn verabscheute, nannte, zum König proklamiert wurde, mußte er, von allen Persönlichkeiten des früheren Hofes verlassen, zu neuen Männern seine Zuflucht nehmen, und zwar solchen, die einen historischen Namen trugen. Der »Butifarra« Febrer gab dem Drängen seiner Partei nach und nahm ein Amt am Hofe an. Aber vergebens bat er seine Gattin, nach Madrid überzusiedeln. Sie wollte Mallorca nicht verlassen. An den Hof gehen? Und ihr Sohn?

Als die Republik erklärt wurde, kehrte Febrer, der seine politische Laufbahn für beendet hielt, nach der Insel zurück. In jener Zeit war die Päpstin Juana ungemein beschäftigt. Sie unternahm eine Reise nach Spanien und wies große Summen an für die Anhänger von Don Carlos, die in Catalonien und den nördlichen Provinzen Krieg führten. Trotz ihrer nahen Verwandtschaft tat die rachsüchtige Dame, als kenne sie Jaimes Vater nicht. Man möge ihr nur nicht von Febrer sprechen! Sie war eine wirkliche Butifarra, die die Tradition verteidigte und Opfer brachte, damit Spanien wieder von Edelleuten regiert würde. Für sie stand ihr Vetter noch unter einem Chueta! Aber dieser Haß gegen seine politischen Ideen war, wie man sagte, eng verknüpft mit der bitteren Enttäuschung, die sie nicht verwinden konnte.

Bei der Wiedereinsetzung der Bourbonen wurde aus dem ehemaligen Würdenträger des Königs Amadeus ein Republikaner und Verschwörer. Er machte häufige Reisen, empfing chiffrierte Briefe aus Paris, fuhr nach Menorca, wo er die in Mahon vor Anker liegende Flotte besuchte und seine alten Beziehungen zur Marine ausnutzte, um einen Aufstand vorzubereiten. Diesen revolutionären Unternehmungen widmete er sich mit dem abenteuerlichen Ungestüm und der kaltblütigen Verwegenheit, die den Febrer angeboren war, bis er ganz plötzlich in Barcelona, fern von den Seinigen, starb.

Der Großvater empfing die Nachricht mit unerschütterlichem Gleichmut, aber man sah ihn nicht mehr zur gewohnten Stunde in den Straßen der Stadt. Sechsundachtzig Jahre alt: er war genug spazieren gegangen. Der Tag kam, an dem er das Bett nicht mehr verlassen konnte. Aber auch jetzt noch bewahrte er das korrekte Äußere. Sogar im Bett sah ihn Jaime mit einem feinen Batisthemd, der Krawatte, die der Diener jeden Tag wechseln mußte, und der seidenen Weste. Wenn ihm der Besuch seiner Schwiegertochter gemeldet wurde, sagte Don Horacio mit ärgerlicher Miene:

»Jaimito, reiche mir den Überrock. Eine Dame muß man geziemend empfangen.«

Der gleiche Vorgang wiederholte sich, wenn der Arzt kam oder die wenigen Besuche, die er anzunehmen geruhte. Er hielt darauf, bis zum letzten Augenblick korrekt auszusehen.

Eines Nachmittags sagte er mit schwacher Stimme zu seinem Enkel, der nahe beim Bett in einem Buch mit Reisebeschreibungen las, er solle gehen. Jaime ging. Und der Großvater konnte mit Würde sterben, allein, ohne auf sein Äußeres achten zu müssen und Zeugen seiner Agonie zu haben.

Als Jaime mit seiner Mutter allein blieb, fühlte er einen starken Freiheitsdrang. Die Schilderungen von Abenteuern und Reisen aus der Bibliothek des Großvaters und die Taten seiner Ahnen, wie sie im Archiv verewigt waren, hatten großen Eindruck auf ihn gemacht. Wie sein Vater und so viele andere seiner Vorfahren, wollte er in die Kriegsmarine eintreten. Als er der Mutter seinen Wunsch mitteilte, wurde sie totenblaß. Der letzte Febrer sollte einen solchen gefährlichen Beruf wählen und fern von ihr leben! ... Nein, die Familie hatte genug Helden hervorgebracht. Er sollte auf der Insel bleiben, ein Leben führen, wie es seinem Range entspräche, und sich verheiraten, damit der große Name, den er trug, nicht ausstürbe.

Jaime gab den Bitten seiner Mutter nach. Sie war immer krank, eine starke Erregung konnte ihr Leben gefährden. Also würde er irgendeine andere Karriere ergreifen. Seiner Mutter Wunsch war, er möchte die Rechte studieren, um später die Vermögensverhältnisse der Familie zu entwirren. Es gab derartig viele Hypotheken, alte und neue Forderungen, daß sich niemand mehr zurechtfand.

Mit sechzehn Jahren schiffte sich Jaime mit einer wohlgefüllten Börse nach Spanien ein. Sein Gepäck war sehr umfangreich; er führte eine ganze Wohnungseinrichtung mit sich, denn ein Febrer konnte nicht wie irgendein kleiner Student leben. Zuerst ging er nach Valencia, wo seine Mutter weniger Gefahren für seine Jugend befürchtete; von hier nach Barcelona, und so besuchte er während der nächsten Jahre eine Reihe von Universitäten, je nach dem Wohlwollen, das die Dozenten ihren Hörern entgegenbrachten. Sein Studium machte keine großen Fortschritte. Durch glückliche Zufälle konnte er einige Prüfungen bestehen, auch half ihm die ruhige Keckheit, mit der er über Sachen sprach, von denen er in Wirklichkeit nichts wußte. Aber in gewissen Fächern versagte er vollkommen. Seine Mutter glaubte willig an seine Erklärungen und ereiferte sich bei diesen Gelegenheiten gegen die Ungerechtigkeit ihrer Zeit. Sie riet ihm sogar, sich bei seinen Studien nicht übermäßig anzustrengen. Ihre unversöhnliche Feindin, die Päpstin Juana, urteilte vollkommen richtig, es waren keine Zeiten für Edelleute. Man hatte ihnen den Krieg erklärt und beging alle möglichen Ungerechtigkeiten, um sie nicht wieder hochkommen zu lassen.

Jaime war sehr populär in allen Klubs und vornehmen Lokalen von Barcelona und Valencia, in denen gespielt wurde. Man nannte ihn den »Mallorquín mit den Unzen«, weil die Mutter ihm sein Geld in Unzen Gold schickte, die dann mit arrogantem Glanze auf dem grünen Tuch rollten. Sein Prestige wurde noch gehoben durch seinen seltsamen Titel »Butifarra«, über den man in Spanien ein wenig lächelte. Trotzdem erweckte er stets die Vorstellung einer Art feudaler Macht, souveräner Herrenrechte auf fernen Inseln.

Nach fünf Jahren hatte Jaime erst die Hälfte seiner Prüfungen abgelegt. Seine Altersgenossen von Mallorca, die ebenfalls in Spanien studierten, fanden während der Ferien in Palma stets interessierte Zuhörer, wenn sie von Febrers Abenteuern in Barcelona erzählten. Oft wurde er mit sehr elegant gekleideten Damen gesehen. In den Spielsälen, wo es häufig sehr lebhaft zuging, war man vor ihm auf der Hut, da man seine Kraft und seinen Mut kannte. Einmal hatte er einen berüchtigten Raufbold, der ihn belästigte, in die Luft gehoben und durch das Fenster auf die Straße geworfen. Als die friedfertigen Einwohner von Mallorca hiervon hörten, fühlten sie sich in ihrem Lokalstolz angenehm berührt: er war ein echter Sohn der Insel.

Jaimes Mutter, die gute Doña Purificación, fühlte tiefe Entrüstung, aber gleichzeitig einen gewissen mütterlichen Stolz, als sie erfuhr, daß eine junge Dame ihrem Sohne nach Mallorca gefolgt war. Sie suchte Entschuldigungen für ihn. Was konnte er für sein gutes Aussehen! Aber die auffallenden Kleider und das sehr zwanglose Benehmen dieses Fräuleins brachten Verwirrung in die ruhige Stadt und empörten die gute Gesellschaft. Da ließ Doña Purificación der Dame durch Vertrauenspersonen eine größere Summe übergeben und erreichte so, daß sie die Insel verließ. Ein anderes Mal war der Skandal während der Ferien noch größer. Jaime, der zur Jagd auf dem Gut Son Febrer weilte, hatte Beziehungen angeknüpft mit einem jungen hübschen Bauernmädchen, und beinahe wäre es zu Schüssen gekommen zwischen ihm und dem eifersüchtigen Bräutigam. Auch hierin war er ein echter Febrer und folgte den Spuren seines Großvaters. Jaimes arme Mutter wußte sehr gut, was sie von dem korrekten Schwiegervater zu halten hatte, wenn er mit ernster Miene das Kinn der jungen Bauernmädchen streichelte. In der ganzen Umgebung von Son Febrer gab es eine Menge Nachwuchs, der unverkennbar die Gesichtszüge von Don Horacio trug. Aber seine Gattin, die Mexikanerin, diese poetische Seele, lebte himmelhoch über solch vulgärem Treiben. Sie nahm die Harfe, wandte die Augen gen Himmel und rezitierte die Poesien von Ossian. Die ländlichen Schönheiten mit rundem Busen, langem Zopf und weißen Sandalen hatten auf diese untadeligen Feudalherren stets eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausgeübt.

Als Doña Purificacion sich bei ihrem Sohne über die langen Jagdausflüge beklagte, blieb Jaime in der Stadt und verbrachte den ganzen Tag im Garten mit Pistolenschießen. Seiner ängstlichen Mutter zeigte er einen Sack, den er im Schatten eines Orangenbaumes verwahrte.

»Siehst du den? In dem Sack sind hundert Pfund Pulver. Ehe er nicht leer ist, denke ich nicht an Ausruhen!«

Madó Antonia wagte nicht mehr, sich den Küchenfenstern zu nähern. Von den Nonnen, die einen Teil des alten Palastes bewohnten, sah man ab und zu eine weiße Haube flüchtig auftauchen. Wie aufgeschreckte Tauben suchten sie eine Zuflucht im Innern des Hauses. Der Garten, der sich bis an das Meer erstreckte und mit zinnengekrönten Mauern umgeben war, erdröhnte vom Morgen bis zum Abend von den Schüssen. Angstvoll flatternd flüchteten die Vögel. Die grünlich schillernden Eidechsen verbargen sich unter dem Efeu; von panischem Schrecken erfaßt, jagten die Katzen mit gestreckten Schwänzen in die Keller.

Die Bäume in diesem Garten waren uralt. Es gab hundertjährige Orangenbäume, die ringsum gestützt werden mußten, gigantische Magnolien mit spärlichem Laub, Palmen, die sich in das Blau emporreckten und über die Mauer hinweg das Meer suchten, um es mit leisem Wiegen ihrer Wipfel zu grüßen.

Unter der Glut der Sonne knisterte die Rinde der Bäume und auf dem Boden umherliegende Samenkörner platzten auf. Wie goldene Fünkchen tanzten die Insekten in den Sonnenstrahlen, die durch das Blattwerk drangen. Ab und zu fielen mit leisem Geräusch reife Feigen herab. Aus der Ferne kam das Rauschen des Meeres, wenn die immer wiederkehrenden Wellen sich an der Mauer brachen.

Febrer benutzte als Scheibe eine Figur in der natürlichen Größe eines Mannes. Wenn er anlegte, bedauerte er, daß an Stelle der Scheibe nicht ein Mensch stände, den er haßte. Wie gern hätte er ihm eine Kugel ins Herz gejagt.

Sollte man glauben, daß er zwanzig Jahre alt geworden war, ohne sich duelliert zu haben! Durch die Schüsse erregt, sah er sich schon mitten in einem Duell. Die erste Kugel seines Gegners hatte ihn getroffen. Er fiel, behielt aber die Pistole in der Hand. Auf seinen Schuß wollte er nicht verzichten. Und zur größten Bestürzung seiner Mutter und Madó Antonias, die herbeieilten, weil sie glaubten, er wäre nicht mehr ganz bei Sinnen, blieb er auf dem Bauche liegen und schoß in dieser Position, um sich zu üben, »für den Tag, an dem man ihn verwunden würde«.

Als er nach Spanien zurückkehrte, um seine endlosen Studien fortzusetzen, fühlte er sich durch das Landleben gekräftigt, und, im Vertrauen auf seine sichere Kugel, wartete er sehnsüchtig auf die geringste Provokation. Aber da er selbst ein ungemein höflicher Mensch war und seine Figur sogar den Raufbolden Respekt einflößte, verging die Zeit, ohne daß es zu einem Ehrenhandel kam.

In Barcelona erhielt er eines Tages ein Telegramm mit der Mitteilung, daß seine Mutter schwer erkrankt sei. Zwei Tage mußte er warten, ehe ein Schiff abging. Als er endlich in Mallorca ankam, war sie schon gestorben. Der Palast stand leer, nur Madó Antonia erinnerte ihn an die alten Zeiten.

Mit dreiundzwanzig Jahren war Jaime nun unumschränkter Herr des allerdings stark zusammengeschmolzenen Vermögens der Febrer. Auch auf dem Rest lasteten große Hypotheken, aber Jaime verspürte keine Lust, Ordnung in diese verworrenen Verhältnisse zu bringen. Er wollte das Leben genießen und die Welt kennenlernen. Was kümmerte ihn noch das römische und das kanonische Recht? Er hatte genug davon. Dank seiner Mutter, von der ihm außer Musik- auch Sprachstunden erteilt worden waren, sprach er geläufig Französisch. Viele Edelleute besaßen geringere Kenntnisse.

Zwei Jahre blieb er in Madrid, wo seine Mätressen und seine Pferde Aufsehen erregten. Er war eng befreundet mit einem berühmten Torero, spielte hoch in den Klubs der Straße von Alcalá und kam endlich auch zu seinem Duell. Leider wurde die Forderung mit Floretts ausgetragen und brachte ihm einen leichten Stich in den Arm ein.

Aber er war nicht mehr »der Mallorquín mit den Unzen«. Der von seiner Mutter sorgsam gehütete Schatz war erschöpft. Sein Verwalter in Palma mußte neue Hypotheken aufnehmen.

Da das Leben in Madrid ihn langweilte, auch die alte Reiselust der Febrer in ihm erwachte, entschloß sich Jaime, Europa kennenzulernen. Den Herbst brachte er in Paris zu, den Winter an der Riviera; der Frühling sah ihn in London und der Sommer in Ostende. Zwischendurch unternahm er lange Reisen nach Italien, Ägypten und nach Norwegen, wohin ihn die Mitternachtssonne lockte.

Seinen achtundzwanzigsten Geburtstag beging Jaime in München. Er kam von den berühmten Wagneraufführungen in Bayreuth und wollte jetzt die Mozart-Festspiele in der bayerischen Hauptstadt besuchen. Hier lernte er Mary Gordon kennen, dieselbe, an die er sich kurz vor seiner Abfahrt nach Valldemosa so lebhaft erinnerte. Die junge, schlanke Engländerin, mit großen blauen Augen und goldblondem Haar, machte durch ihre auffallende Schönheit einen starken Eindruck auf ihn. Sie selbst, die Musik studiert hatte und einen leidenschaftlichen Wagnerkult trieb, fühlte sich durch seine Ähnlichkeit mit Richard Wagner zu ihm hingezogen. Wochenlang besuchten sie gemeinsam die Galerien und Kunststätten der Stadt. Dieses ständige Beisammensein brachte sie schnell einander näher, und das junge Mädchen, das in Jaime das Abbild ihres Idols sah, empfand für ihn eine hemmungslose Passion ...

Vom Glück berauscht, erschien ihnen München häßlich. Sie hatten das Gefühl, weit fortfliegen zu müssen – und eines Tages standen sie in einem Hafen, an dessen Eingang ein großer steinerner Löwe Wache hielt. Hinter ihm dehnte sich ein See aus, so groß, daß sein Wasser am Horizont in den Himmel überging. Sie waren in Lindau. Zwei Dampfer lagen fahrtbereit. Der eine würde sie nach der Schweiz führen, der andere nach Konstanz. Sie entschieden sich für die stille deutsche Stadt, bekannt geworden durch das berühmte Konzil, und nahmen Wohnung im Inselhotel, dem früheren Dominikanerkloster.

Jaime war bewegt, als er an diese Zeit, die glücklichste seines Lebens, zurückdachte. Wie deutlich stand heute noch alles vor seiner Seele. Die Fenster seines Zimmers gingen auf einen Garten mit hohen, blühenden Rosenstöcken; dahinter lag die weite Fläche des Sees, purpurn gefärbt durch die aufgehende Sonne. Die ersten Fischerboote fuhren aus; in der Ferne erklangen die Glocken der Kathedrale. Neben seinem Balkon, so nahe, daß er ihn mit der Hand berühren konnte, stand ein kleiner runder Turm mit einem Schieferdach und alten Wappen auf der Wand. In diesem Turm hatte man Johann Hus gefangengehalten, ehe er zum Scheiterhaufen ging. Armer Johann Hus! Angesichts einer solch herrlichen Landschaft verbrannt zu werden, vielleicht an einem ebenso schönen Morgen! ... Den Kopf in den Rachen des Löwen zu stecken und das Leben zu lassen nur wegen der Frage, ob der Papst gut oder schlecht sei, ob die Laien den Kelch empfangen sollten wie die Priester oder nicht! Wegen solcher Nichtigkeiten zu sterben! Jaime sah das Leben mit anderen Augen an. Es lebe die Liebe! ... Das einzige, was in diesem Dasein ernst zu nehmen war.

Von Konstanz gingen sie nach der Schweiz und von dort nach Italien. Ein Jahr verlebten sie so gemeinsam, mit Hingabe alles Schöne genießend, was Natur und Kunst ihnen bot.

Die Gesellschafterin von Miß Mary, unempfänglich wie ein Koffer für alle Eindrücke der abwechslungsreichen Reise, häkelte weiter an den irischen Spitzen, die sie in Deutschland angefangen und bei der Fahrt über die Alpen und längs der Apeninnen fortgesetzt hatte. Sogar angesichts des Vesuvs und des Ätna ließ sie ihre Häkelei nicht aus den Händen. Da Febrer nicht englisch verstand, begnügte sie sich damit, ihn mit ihren gelben Zähnen anzulächeln. Nach diesem Gruß kehrte sie zu ihrer Handarbeit zurück, eine dekorative Figur in den Hallen der Hotels.

Die Heiratsfrage, die jetzt aufkam, wurde von Mary kurz und energisch gelöst. Es genügte, wie sie versicherte, ihrem Vater zwei Zeilen zu schreiben. Übrigens hatte sie ihn noch niemals in irgendeiner Sache um Rat gefragt. Da er von ihrem gesunden Menschenverstand und ihrer Klugheit überzeugt war, würde er ihren Entschluß gutheißen. Die finanzielle Seite ihrer Zukunft ordnete Mary ebenso schnell. Es machte ihr nichts aus, daß Febrer kein nennenswertes Vermögen besaß; sie war reich genug für beide. Und sofort zählte sie ihr gesamtes Vermögen auf, Ländereien, Häuser und Aktien. Bei ihrer Rückkehr nach Rom würden sie sich zweimal trauen lassen, zuerst in der evangelischen Kapelle und dann in einer katholischen Kirche. Sie kannte einen Kardinal, der ihr eine Audienz beim Papst verschafft hatte. Seine Eminenz würde schon alles bestens regeln.

Jaime verbrachte in dem Hotel in Syrakus eine schlaflose Nacht. Heiraten? Sicher konnte man mit Marys großem Vermögen ein sehr angenehmes Leben führen. Wenn sie aber nach der Heirat den Zauber des Illegalen, den Reiz des Verbotenen vermißte? Auch gehörte sie einer fremden Rasse mit anderen Gewohnheiten und Neigungen an. Nein, noch war es Zeit, sich zu retten!

Er floh nach Paris, wo die Engländerin ihn niemals suchen würde. Sie haßte diese Stadt, die es gewagt hatte, Tannhäuser auszupfeifen, ein Vorfall übrigens, der sich viele Jahre vor ihrer Geburt abspielte.

In den nächsten Jahren begegnete Jaime nichts, was der Erinnerung wert war. Die finanziellen Sorgen wurden immer größer. Auf die Geldforderungen Febrers antwortete sein Intendant mit Briefen, in denen er von der gewaltigen Zinsenlast schrieb und der Unmöglichkeit, auf die überlasteten Güter weitere Hypotheken aufzunehmen. Jaime glaubte, daß seine persönliche Anwesenheit genügen würde, um aller Schwierigkeiten Herr zu werden, und machte verschiedentlich kurze Reisen nach Mallorca, die stets mit dem Verkauf irgendwelcher Ländereien endigten. Kaum hatte er das Geld in Händen, so flog er wieder aus, ohne den guten Ratschlägen seines Verwalters Gehör zu leihen. Mit dem Geld in der Hand wurde er immer wieder zum lachenden Optimisten. Alles würde sich noch arrangieren! Schließlich blieb ihm immer noch der Ausweg einer reichen Heirat... I Aber bis dahin wollte er leben!

Noch einige Jahre, die er teils in Madrid, teils in den europäischen Großstädten verbrachte, konnte er sich halten, bis sein Intendant dieser Periode einer fröhlichen Verschwendung ein Ende bereitete. Er bat um seine Entlassung, übersandte die Rechnungsablage und teilte Febrer mit, daß keine Mittel mehr zur Verfügung ständen.

Seit einem Jahre lebte Jaime nun auf Mallorca, »begraben« in dem alten Palast. Seine einzige Zerstreuung war das Spiel, dem er sich jede Nacht im Kasino widmete, und die Unterhaltung mit Freunden, die er nachmittags im Café traf. Da diese Mallorca nie verlassen hatten, fand er bei der Schilderung seiner Reisen und Abenteuer stets dankbare Zuhörer. Ständig drohten seine Gläubiger mit Pfändung. Nominell war er noch der Eigentümer von dem Gute Son Febrer und von anderen Ländereien, aber der Landbesitz auf Mallorca brachte sehr wenig ein, da die Pachtverträge sich vererbten und es gegen die Tradition der Insel verstoßen hätte, die Pachtsumme zu erhöhen.

Manchmal überlegte Jaime mit kaltem Blut, daß es für ihn nur ein einziges Mittel gäbe, sich ohne Demütigung und Schande von diesem Elend zu befreien: eines Tages würde man ihn in seinem Garten finden, unter einem Orangenbaum für immer eingeschlafen, mit dem Revolver in der Hand.

In dieser kritischen Lage suggerierte ihm ein Bekannter, mit dem er zu später Stunde das Kasino verließ, sich mit der Tochter von Benito Valls, des reichen Chueta, zu verheiraten. Benito Valls hegte eine große Bewunderung für den erlauchten Namen der Febrer. Verschiedene Male hatte er Jaime im Laufe des vergangenen Jahres vor dem drohenden Zusammenbruch gerettet, ohne von ihm um Hilfe gebeten worden zu sein. Don Benito war seit langer Zeit krank. Seine einzige Tochter Catalina würde in absehbarer Zeit das riesige Vermögen erben. Nach ihrer Schulzeit hatte sie die Absicht gehabt, in ein Kloster einzutreten; jetzt aber gefiel ihr das Leben der eleganten Welt.

Jaime schreckte anfänglich vor diesem Vorschlage zurück, mit demselben Entsetzen, das Madó Antonia gezeigt hatte. Eine Chueta heiraten! Aber in demselben Maße, wie sich seine finanziellen Schwierigkeiten vermehrten, verringerte sich sein Widerwille. Schließlich, warum auch nicht? Catalina Valls war die reichste Erbin von Mallorca, und pecunia non olet.

Allmählich söhnte er sich mit dem Gedanken aus und folgte heute einer Einladung nach Valldemosa, wo Benito Valls einen großen Teil des Jahres zuzubringen pflegte, da das Klima dieses hochgelegenen Ortes ihm sein schweres asthmatisches Leiden etwas erleichterte.

Febrer war Catalina häufig in den Straßen von Palma begegnet. Zum mindesten hatte sie eine gute Figur und ein angenehmes Gesicht. Aus ihrem Milieu gelöst und nach seinen Wünschen gekleidet, konnte sie eine durchaus »präsentable« Dame sein. Aber würde er sie jemals lieben können?

Auf diese Frage hatte er nur ein skeptisches Lächeln. War denn die Liebe eine unumgängliche Bedingung für die Heirat? Die Ehe glich einer Reise zu zweit, die das ganze Leben dauern sollte. Und es genügte, bei einer Frau die Eigenschaften zu finden, die man von einem angenehmen Reisegefährten erwartet: guten Charakter und gleichen Geschmack. Liebe! Jeder glaubte, ein Recht auf sie zu haben. Aber wie das Talent und wie die Schönheit war die Liebe das Privilegium von wenigen Auserwählten.

Plötzlich tauchte Valldemosa vor seinen Augen auf. Rings von Bergen umgeben, krönte es die Spitze eines Hügels. Hinter ihm ragte der Turm der Karthause empor, dessen grüne Fliesen in der Sonne flimmerten.

Am Rande des Weges hielt ein Wagen. Ein Herr stieg aus und gab Jaimes Kutscher ein Zeichen, anzuhalten, öffnete dann den Schlag und ließ sich lächelnd auf dem Sitze neben Febrer nieder.

»Hallo, Kapitän, du hier?« sagte dieser erstaunt.

»Mich hast du wohl nicht erwartet? Ich fahre auch nach Valldemosa, habe mich aber selbst eingeladen. Eine hübsche Überraschung für meinen Bruder!«

Jaime schüttelte ihm die Hand. Es war einer seiner zuverlässigsten Freunde, der Kapitän Pablo Valls.

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