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Die Toten befehlen

Vincente Blasco Ibañez: Die Toten befehlen - Kapitel 12
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pfad/blascoib/toten/toten.xml
typefiction
authorVincente Blasco Ibañez
titleDie Toten befehlen
publisherPaul List Verlag Leipzig
printrun21.?24. Tsd.
firstpub1925
translatorOtto Albrecht van Bebber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidf21b61e2
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III.

Vor Anbruch des nächsten Tags war das Kaplanchen im Turm. Er hatte alles gehört, während der Vater so fest schlief, daß er vielleicht jetzt noch nichts wußte. Der Hund konnte noch so laut bellen und Gewehrfeuer unmittelbar am Hause knattern – wenn der gute Pèp, müde von der harten Feldarbeit, einmal zu Bett gegangen war, schlief er wie ein Toter. Nach vergeblichen Bemühungen, ihren Mann zu wecken, der unzusammenhängende Worte ausstieß und weiterschnarchte, war die Mutter niedergekniet; um bis zum Morgengrauen für die Seele Don Jaimes zu beten, im Glauben, er wäre erschossen. Margalida hatte sich, als die ersten beiden Schüsse fielen, erhoben, eine Kerze angezündet und ihrem Bruder mit angstvoller Stimme zugerufen:

»Hörst du, Pepet?«

Sie, die sonst so schamhaft war, vergaß ihre leichte Bekleidung. Mit totenblassem Gesicht und irren Augen hielt sie ihren Kopf mit beiden Händen und stöhnte:

»Don Jaime ist tot. Mein Herz sagt es mir.«

Am ganzen Körper zitternd lauschte sie angsterfüllt am Fenster.

»Eine wahre Litanei von Schüssen«, sagte das Kaplanchen, »hat auf die beiden ersten geantwortet. Die kamen von Ihnen, Don Jaime, nicht wahr? Ich erkannte sie sofort am Knall und sagte es Margalida. Erinnern Sie sich noch an den Nachmittag, als Sie mit Ihrem Revolver am Strand übten? Für so etwas habe ich ein sehr feines Ohr.«

Dann erzählte er von der Verzweiflung seiner Schwester, die sich ankleidete, um zum Turm zu laufen. Pepet sollte sie begleiten. Aber ganz plötzlich verlor sie ihren Mut und weinte ratlos vor sich hin, bis es ihm gelang, sie allmählich zu beruhigen mit der immer wiederholten Versicherung, daß die letzten Schüsse aus Jaimes Revolver gekommen wären. Schließlich ging sie wieder zu Bett, aber die ganze Nacht hörte er sie seufzen und beten.

Sobald es dämmerte, waren alle, außer dem Vater, der weiterschlief, zur Tür geeilt, die Frauen in der Befürchtung, ein grauenhaftes Bild zu sehen. Aber wie frohlockte das Kaplanchen, als sie in der offenen Tür des Turmes Don Jaime erblickten, der sich den nackten Oberkörper mit Seewasser abrieb, das er selbst jeden Tag am Strande holte. Pepet hatte also recht gehabt, über die Angst der Frauen zu lachen. Es gab niemanden, der seinen Don Jaime töten konnte.

Dann untersuchte er mit der Miene des Fachmannes die beiden Schußlöcher in der Mauer.

»Hier war Ihr Kopf, wo ich jetzt meinen hinhalte, nicht wahr, Don Jaime? ... Caramba! ...«

Sein Blick hing mit abgöttischer Verehrung an diesem Mann, dessen Leben nur durch ein Wunder gerettet war.

Febrer fragte den pfiffigen Jungen, der über alle Menschen Bescheid wüßte, wer wohl der Angreifer gewesen wäre. Das Kaplanchen lächelte selbstbewußt:

»Der Stimme nach, der Cantó. Er würde es auch sicher zugeben, um sich wichtig zu machen. Ich habe mich aber nicht täuschen lassen. Es war der Ferrer, der seine Stimme verstellte. Ganz deutlich konnte man es an dem Schrei erkennen, der nach den letzten Schüssen ganz in unserer Nähe ertönte. Auch Margalida ist meiner Meinung.«

Etwas unsicher erzählte er weiter von der albernen Angst der Frauen, die durchaus die Gendarmen benachrichtigen wollten.

»Nicht wahr, Don Jaime, einen solchen Unsinn werden Sie doch nicht machen? Nur Feiglinge lassen sich von Gendarmen beschützen.«

Mit Beruhigung sah er das verächtliche Lächeln Febrers.

»Ich dachte es mir schon. So etwas tut man nicht auf Ibiza. Aber immerhin, Sie als Fremder! ... Sie handeln richtig, Don Jaime. Ein Mann muß sich selbst verteidigen und höchstens in einem Notfalle seine Freunde um Hilfe bitten.«

Bei diesen Worten blies er sich auf wie ein Truthahn, als verkörperte sich in seiner Person der ganze mächtige Beistand, auf den Don Jaime im Augenblick der Gefahr rechnen konnte. Doch das Kaplanchen wollte auch Vorteil für sich aus der ganzen Sache ziehen.

»Das beste für Sie ist, mich ständig an Ihrer Seite zu haben. Zu zweien ist die Verteidigung viel leichter. Aber sprechen Sie möglichst bald mit dem Vater, ehe er mich ins Seminar zurückbringt. Was würden Sie wohl anfangen, Don Jaime, wenn man Sie Ihres besten Freundes beraubte?«

Und um seine Nützlichkeit zu beweisen, tadelte er scharf die Versehen Febrers in der vergangenen Nacht.

»Wie konnte es Ihnen nur einfallen, den Kopf aus der Tür zu stecken, wenn draußen der Feind im Anschlag liegt? Und die Lehren, die ich Ihnen neulich nachmittags gab? Hatte ich Ihnen nicht ausdrücklich angeraten, durch das Fenster auszusteigen, um den Feind zu überraschen?«

»Du hast vollkommen recht«, erwiderte Jaime, aufrichtig beschämt über seine Vergeßlichkeit.

In demselben Augenblicke fuhr das Kaplanchen von der offenen Tür zurück.

»Der Vater ...!«

Pèp stieg, die Hände auf dem Rücken, mit nachdenklichem Gesicht langsam die Anhöhe herauf. Der Junge zeigte sich äußerst beunruhigt über sein Erscheinen. Sicher hatte Pèp inzwischen alles erfahren und war schlechter Laune. So dünkte es ihm nicht ratsam, seinen Vater zu treffen. Mit einem Satz sprang er zum Fenster, streckte die Beine hinaus, drehte sich auf den Bauch um und verschwand, flink wie ein Wiesel.

Mittlerweile war Pèp eingetreten und sprach jetzt von dem Ereignis der vergangenen Nacht ohne irgendeine Erregung, als handelte es sich um einen alltäglichen Vorgang. Erst heute morgen hatte er alles von den Frauen erfahren.

»Also nichts Ernsthaftes, Don Jaime?« fragte er.

Mit niedergeschlagenen Augen und zusammengelegten Händen hörte er Febrers kurze Erzählung an, ging dann zur Tür und betrachtete die Einschläge.

»Ein wahres Wunder, Don Jaime! Der Teufel ist los ... Aber das war ja zu erwarten. Ich hatte Ihnen gesagt, wenn man Unmögliches will, gerät alles außer Rand und Band.«

Dann hob er den Kopf und blickte Febrer mit kalten, prüfenden Augen an.

»Man muß den Alkalden benachrichtigen und den Gendarmen einen Bericht einreichen.«

Febrer machte eine verneinende Geste.

»Nein. Hier handelt es sich um eine Sache zwischen Männern, und die muß ich selbst durchführen.«

Pèp sah Jaime unverwandt an. Auf seinem bisher undurchdringlichen Gesicht erschien ein Ausdruck von Genugtuung.

»Richtig, Don Jaime. Die Fremden denken darüber anders, aber ich freue mich, daß Sie ebenso urteilen wie mein armer Vater, dem der Herr die ewige Ruhe geben möge. Auf Ibiza sind wir alle derselben Meinung. Das Althergebrachte ist das Richtige.«

Nach diesen Worten setzte er, ohne Jaimes Zustimmung abzuwarten, seinen Plan auseinander, wie er ihm helfen wollte.

»Zu Hause hängt meine Flinte. Allerdings habe ich sie lange Zeit nicht mehr benutzt, aber in meiner Jugend war ich ein guter Schütze. Ich werde von jetzt ab jede Nacht im Turme zubringen, um zu verhüten, daß man Sie im Schlafe überrascht. Damit tue ich nur meine Pflicht.«

Doch war er nicht im geringsten verwundert über die scharfe Abweisung, die ihm Febrer, sichtlich beleidigt über diesen Vorschlag, gab.

»Ich bin ein Mann und kein kleines Kind, das einen Wächter notwendig hat. Jeder bleibt in seinem Haus; mag kommen, was will.«

Beifall nickend, gab Pèp zu erkennen, daß er derselben Ansicht wäre.

»So sprach auch mein Vater, dem der Herr die ewige Ruhe geben möge. Und ebenso denken alle ehrenwerten Personen, die am alten Brauche hängen. Don Jaime, Sie sind würdig, ein Sohn von Ibiza zu sein.«

Etwas weicher geworden durch die Anerkennung, die ihm Jaimes Energie einflößte, schlug er eine andere Lösung vor.

»Da Sie also niemanden im Turme haben wollen, ist es das beste, wenn Sie jeden Abend nach Can Mallorqui kommen, um bei uns zu schlafen. Ein Bett für Sie ist schnell aufgestellt.«

Durch diesen letzten Vorschlag wurde Febrer in Versuchung geführt. Margalida sehen! ... Aber der gezwungene Ton, in dem Pep seine Einladung vorbrachte, und die beunruhigte Miene, mit der er die Antwort erwartete, ließen Jaime verzichten.

»Besten Dank, Pèp. Ich bleibe im Turm. Man könnte sonst glauben, daß ich mich aus Angst zu dir flüchtete.«

Wieder bewegte der Bauer zustimmend seinen Kopf. Aber da er sich der Gefahr bewußt war, der Jaime sich weiter aussetzte, war es jetzt mit der Ruhe, die er bisher gezeigt hatte, vorbei. Er hob die Augen zum Himmel und rief:

»Allmächtiger Gott! Und alles nur, weil Sie mir nicht geglaubt haben und die alten Sitten außer acht ließen, die von Menschen eingeführt wurden, die weiser waren als wir ... Wie soll das alles enden?«

In dem Bemühen, Pep zu beruhigen, entschlüpfte Febrer ein Wort über seine Absicht, die er geheimhalten wollte.

»Du kannst dich beruhigen. Ich gehe für immer von hier fort. Ich will deine Ruhe und den Frieden deiner Familie nicht länger stören.«

»Wirklich, Don Jaime? Sie gehen fort?« rief Pèp freudig überrascht aus. Doch Jaime schien es, als ob in seinen Augen ein gewisser maliziöser Ausdruck läge. Glaubte dieser Insulaner vielleicht, daß er so plötzlich abreiste, um vor seinen Gegnern zu fliehen?

»Gewiß«, sagte er, den anderen feindselig ansehend, »ich gehe fort; nur weiß ich noch nicht, wann. Später, sobald ich es für richtig halte. Vorläufig muß ich noch hierbleiben, damit jemand, der auf der Suche nach mir ist, mich auch antrifft.«

Pèps Freude war erloschen. Aber dennoch mußte er auch diesen Worten beistimmen, die seiner eigenen Auffassung entsprachen.

Als er sich erhob, um fortzugehen, bemerkte Febrer, der in der Nähe der Tür stand, vor der Veranda von Can Mallorqui das Kaplanchen und erinnerte sich an den Wunsch des Jungen.

»Wenn ich dir mit meiner Bitte nicht lästig falle, so lasse mir Pepet zur Gesellschaft im Turme.«

Doch der Bauer nahm dieses Anliegen schlecht auf.

»Nein, Don Jaime, das geht nicht. Wenn Sie Gesellschaft notwendig haben, stehe ich Ihnen zur Verfügung. Der Junge soll seine Studien fortsetzen. Es ist die höchste Zeit, daß ich durchgreife, sonst tut jeder bei mir, was er will. In der kommenden Woche bringe ich ihn ins Seminar.«

Dies war sein letztes Wort.

Febrer stieg zum Strand hinunter, um sich nach Ventolera umzusehen. Der Alte lag der Länge nach in seinem Boot, das er aufs Trockene gezogen hatte, und reparierte mit Werg und Teer die schadhaften Stellen der Fugen. Als Jaime sich gegen den Rand der Barke lehnte, bewegte sie sich leise, und Ventolera, durch die Erschütterung aufmerksam gemacht, richtete sich auf und rief lächelnd:

»Hallo, Don Jaime! Also man hat Sie in der vergangenen Nacht herausgefordert?«

Er war über alles informiert. In dieser Stunde lief die Neuigkeit schon durch das ganze Kirchspiel; aber von Ohr zu Ohr, wie man von solchen Sachen sprechen muß, ohne daß die Obrigkeit davon erfährt, die doch nur Unsinn macht.

»Ich kenne das«, fuhr er fort. »Ich habe es am eigenen Leibe erfahren, als ich meiner verstorbenen Frau zwischen zwei Seereisen den Hof machte. Einer meiner Kameraden wollte mir damals das Mädchen streitig machen, aber meine Hand war schneller. Mit einem Messerstich in der Brust lag er lange Zeit zwischen Leben und Tod. Jedesmal, wenn ich auf der Rückkehr von einer Reise an Land ging, mußte ich sehr auf der Hut sein, denn jahrelang hat er alles Mögliche getan, um sich an mir zu rächen. Aber die Zeit vergeht und alles wird vergessen. Zuletzt haben wir uns vertragen und gemeinsam zwischen Algier und der spanischen Küste geschmuggelt.«

Der alte Ventolera lachte wohlgefällig über diese Jugenderinnerungen, die in seinem Gedächtnis mit Schüssen, Dolchstößen und nächtlichen Provokationen verbunden waren.

»Aber jetzt kommt man nicht mehr vor meine Tür. Das ist ein Vorrecht der Jugend«, sagte er traurig bei dem Gedanken, nicht mehr diese blutigen Liebesabenteuer mitmachen zu können, die für ein glückliches Leben unerläßlich sind.

Er ergriff von neuem seinen Teertopf, und Jaime kehrte zum Türm zurück, wo er das Körbchen mit dem Mittagessen auf dem Tisch vorfand. Pepet war schon fort, wahrscheinlich von seinem ergrimmten Vater zurückgerufen. Nach Tisch betrachtete Jaime nochmals die beiden Löcher in der Mauer. Als er jetzt kaltblütig die Größe der Gefahr würdigte, stieg ein maßloser Zorn in ihm auf, viel stärker als das Gefühl, das ihn in der vergangenen Nacht zur Tür getrieben hatte. Einige Millimeter tiefer, und er wäre wie ein getroffenes Wild zusammengebrochen.

»Verdammt! Wenn ich denke, daß ein Mann von meinem Rang so hätte enden können, hinterrücks von einem dieser Bauernlümmel erschossen!«

Der Zorn entfachte in ihm ein brennendes Verlangen nach Rache. Jetzt war die Reihe an ihm, den Feind zu suchen.

Er nahm die Flinte, deren Ladung er untersuchte, hängte sie über die Schulter und verließ den Turm. Als er an Can Mallorqui vorbeikam, begrüßte ihn das freudige Gebell des Hundes, das Margalida und ihre Mutter zur Tür rief. Sie waren allein; Pèp arbeitete mit seinem Sohn auf einem entlegenen Felde. Die Mutter ergriff mit tränenüberströmtem Antlitz seine Hände und stammelte mit schluchzender Stimme:

»Ach, Don Jaime! Don Jaime! Seien Sie doch ja recht vorsichtig. Verlassen Sie den Turm so wenig wiz möglich.«

Margalidas weitgeöffnete Augen verrieten Bewunderung und Unruhe, aber ihre einfache Seele fand keine Worte, um ihre Gedanken auszudrücken.

Jaime setzte seinen Weg fort. Einige Male drehte er sich um und sah, daß Margalida noch immer vor der Veranda stand und ihm mit sichtbarer Angst nachschaute. Der Herr ging wie sonst zur Jagd; aber ach, er schlug den Fußpfad nach den Bergen ein, die Richtung nach dem Pinienwalde, in dem die Schmiede lag.

Unterwegs brütete Febrer über seinen Angriffsplan. Er war entschlossen, heute ohne Zögern zu handeln. Im Moment, in dem der Vèrro an der Tür seines Hauses erschien, würde er auf ihn feuern. Er machte seine Geschäfte bei Tageslicht ab und wahrscheinlich mit besserem Erfolge als der Ferrer. Seine Kugeln sollten sich nicht in eine Mauer eingraben.

Aber als er bei der Schmiede ankam, fand er sie verschlossen. Niemand! Der Schmied war verschwunden und mit ihm die alte Hexe.

Wie beim ersten Male setzte er sich in Deckung hinter einen Baumstamm und hielt die Flinte schußbereit in den Händen für den Fall, daß die Verlassenheit der Hütte nur scheinbar war und einen Hinterhalt bedeutete. Geraume Zeit verfloß. Die wilden Tauben ließen sich, durch die lautlose Stille ermutigt, auf der Lichtung nieder und pickten eifrig, unbekümmert um den regungslosen Jäger. Eine Katze strich langsam über das verfallene Dach und zog sich wie ein Tiger zusammen, um einen der unruhigen Sperlinge im Sprung zu erhaschen.

Je länger Jaime wartete, desto ruhiger wurde er. Hier saß er mitten im Walde und lauerte auf einen Feind, für dessen Schuld es nur ungewisse Anzeichen gab. Vielleicht hatte der Schmied sich in seinem Hause eingeschlossen, als er ihn kommen sah. Möglicherweise war er auch mit der Alten ausgegangen und kehrte erst nachts zurück. Jaime sah die Zwecklosigkeit ein, noch länger hierzubleiben, und trat den Heimweg an.

Nach dem Abendessen schloß er die Tür und verbarrikadierte sie mit dem Tisch und den Stühlen, um nicht vielleicht mitten im Schlaf überrascht zu werden. Dann zündete er sich eine Zigarre an und blies die Kerze aus. Die Dunkelheit im Zimmer wurde nur durch das brennende Ende der Zigarre, das bei jedem Zuge aufleuchtete, unterbrochen. Die Flinte lag in Reichweite, und der Revolver steckte im Gürtel. Mit seinem an die Geräusche der Nacht gewöhnten Ohr lauschte er angestrengt auf einen außergewöhnlichen Laut.

Nach einer Zeit, die ihm endlos vorkam, schaute er beim Glimmen der Zigarre auf das Zifferblatt seiner Uhr. Erst zehn! Aus der Ferne klang Gebell an sein Ohr, und er glaubte, den Hund von Can Mallorqui zu erkennen. Vielleicht hatte das wachsame Tier jemanden gewittert, der in der Nähe des Turms umherstrich. Dann war es zweifellos sein Feind, der sich, abseits vom Wege, vorsichtig durch das Gebüsch heranschlich.

Er richtete sich halb auf und ergriff die Flinte, um beim ersten Schrei aus dem Fenster zu steigen.

Aber die Minuten verrannen. Nichts! Febrer wollte nochmals nach der Uhr sehen, doch seine Hände gehorchten nicht mehr. Sein Kopf war auf das Kissen zurückgefallen. Seine Augen schlossen sich, und von Müdigkeit überwältigt, schlief er ein.

Erst die Strahlen der aufgehenden Sonne, die durch die Fensterritzen hereindrangen, weckten ihn aus tiefem, festem Schlaf.

In froher Stimmung erhob er sich und rückte die Möbelbarrikade vor der Tür beiseite. Jetzt bei hellem Tageslicht lachte er über diese Vorsichtsmaßregel, die ihm ein wenig wie Feigheit vorkam. Die Frauen von Can Mallorqui hatten ihn mit ihrer Angst angesteckt. Wer sollte auch noch zum Turme kommen? Jetzt war er auf der Hut und würde jeden mit Schüssen empfangen. Die Abwesenheit des Ferrer von der Schmiede und die Ruhe der vergangenen Nacht machten ihn nachdenklich. Sollte eine seiner Kugeln den Vèrro doch getroffen haben? ...

Bis zum Mittag fischte er mit dem alten Ventolera im Kanal des Vedrá. Als er sich auf der Rückfahrt dem Turme näherte, sah er das Kaplanchen, das am Strande stand und mit hocherhobenem Arm etwas Weißes in der Luft schwenkte.

Bevor die Barke noch auf dem Sande aufgelaufen war, rief der Junge aufgeregt:

»Ein Brief für Sie, Don Jaime!«

Auf diesem weltfernen Stückchen Erde bedeutete die Ankunft eines Briefes ein ungewöhnliches Ereignis. Febrer sprang an Land und betrachtete aufmerksam das Siegel und die Handschrift, die ihm bekannt vorkam.

Pepet unterrichtete ihn unterdessen über alle Einzelheiten. Der Brief war in der vergangenen Nacht mit dem Postdampfer von Palma angekommen. Der Landbriefträger, der ihn vormittags brachte, hatte erzählt, der Dampfer würde morgen nach Mallorca zurückkehren. Wenn Don Jahne das Schreiben beantworten wollte, dürfte er keine Zeit verlieren.

Auf dem Wege zum Turme öffnete Febrer den Umschlag und sah zuerst nach der Unterschrift: Pablo Valls. Der Kapitän brach endlich sein langes Stillschweigen mit einem ausführlichen Brief. Verschiedene Bogen Geschäftspapier waren eng beschrieben.

Jaime lächelte. Schon bei den ersten Zeilen erkannte er die rauhe und überschäumende, sympathische und aggressive Persönlichkeit des Kapitäns. Während er las, glaubte er, die große, gebogene Nase zu sehen, den leicht ergrauten Backenbart, die hellen, gelblichen Augen und den schief sitzenden, verbeulten, weichen Filzhut.

Der Brief fing ungemein drastisch an: »Mein lieber Schamloser«, und ging in diesem Stile weiter.

»Das ist der Mühe wert«, murmelte Jaime fröhlich, »das muß ich in Muße lesen.« Und er steckte das Schreiben ein, mit dem Behagen eines Menschen, der sich ein Vergnügen für später aufbewahrt, um es voll auszukosten.

Im Turm setzte er sich recht bequem an das Fenster und vertiefte sich in den Brief. Auf die ersten Seiten ergoß sich eine Flut von herzlichen Beleidigungen und Vorwürfen. Mit drolliger Zusammenhanglosigkeit sprach Pablo Valls von allem möglichen, wie jemand, der, lange zum Stillschweigen verurteilt, unter seiner unterdrückten Mitteilsamkeit gelitten bat. Er warf Febrer seine Abstammung und seinen Stolz vor, die ihn veranlaßten, zu fliehen, ohne sich von seinen Freunden zu verabschieden.

»Schließlich, was soll man anders erwarten von einer Rasse von Inquisitoren! Meine Vorfahren wurden von den Deinigen verbrannt. Vergiß das bitte nicht! Aber gute Menschen unterscheiden sich von den schlechten durch ihre Handlungen. Ich, der Paria, der Chueta, der von allen verabscheute Heide, habe die bösen Taten Deiner Ahnen und Deinen Mangel an Vertrauen zu mir damit beantwortet, daß ich meine ganze Zeit der Regelung Deiner Angelegenheiten widmete. Davon wird Dich unser Freund Toni Clapès, der Dir verschiedentlich schrieb, schon in Kenntnis gesetzt haben. Seine Geschäfte gehen übrigens gut. In der letzten Zeit hatte er allerdings einige Unannehmlichkeiten. Von den Zollkuttern wurden zwei seiner Barken, mit Tabak beladen, aufgebracht.

Doch ich will nicht abschweifen. Zur Sache! Du weißt, ich bin ein praktischer Mensch wie die Engländer und liebe es nicht, meine Zeit zu vergeuden.«

Aber dieser praktische Engländer füllte weitere zwei Seiten mit seinen Ausfällen gegen alles, was ihn umgab. Er wetterte gegen seine demütigen Stammesbrüder, die die Hand des Feindes küßten; gegen den düsteren Pater Garau, von dem nur noch Staub übrig war; gegen die ganze Insel, die er verächtlich »Chorhemd« titulierte.

»Aber ich will nicht abschweifen. In einem Briefe muß Ordnung, Methode und Klarheit herrschen. Vor allem muß man die praktische Seite erfassen, denn der Mangel an praktischem Charakter ist es, der uns so teuer zu stehen kommt.

Von Seiten der Päpstin Juana, dieser Verkörperung aller reaktionären Ruchlosigkeiten und aller Sünden ihrer Rasse, hast Du nichts zu erwarten. Deine Tante erinnert sich Deiner nur, um Dein schlechtes Ende zu bejammern und die Gerechtigkeit Gottes zu loben, der diejenigen züchtigt, die auf schlechten Wegen wandeln und mit den geheiligten Familientraditionen brechen. Man tuschelt in der Stadt, daß die heilige Dame sich mit der Absicht trägt, endgültig auf das weltliche Leben, ja sogar auf die langersehnte ›goldene Rose‹ des Papstes zu verzichten, und ihr ganzes Vermögen den Geistlichen ihres Hofstaates übergeben will, um sich in ein Kloster zurückzuziehen, wo sie alle Privilegien einer Dame ihres hohen Ranges genießen kann. Statt ihrer trete ich jetzt für Dich ein und wünsche, von Dir so verehrt zu werden, als wäre ich Deine Vorsehung.«

Jetzt wurde der Stil wirklich streng sachlich wie in einem Geschäftsbriefe. Zuerst kam eine lange Aufstellung aller Vermögenswerte, die Jaime zur Zeit seiner Abreise von Mallorca noch besessen hatte, mit genauer Angabe der auf jedem Objekt ruhenden Schuldenlast. Dann folgte eine endlose Liste seiner Gläubiger. Bei jedem hatte Pablo die gezahlten und die rückständigen Zinsen, wie auch die gegenseitigen Verpflichtungen vermerkt. Aber das Ganze war derartig verwickelt, daß Jaime hilflos auf die Ziffern starrte, während Don Pablo, munter wie ein Fisch, in diesem Zahlenmeer plätscherte und alles mit sicherer Hand entwirrte.

Tag für Tag mußte sich der Kapitän mit den schlimmsten Wucherern von Mallorca herumschlagen. Die einen überhäufte er mit Beleidigungen; anderen war er durch seine listige Schlauheit überlegen. Manchmal gelang es ihm auch, durch gütliche Überredung oder Einschüchterung zum Ziel zu kommen. Die Gläubiger, die am meisten drängten und mit Pfändung oder Verkauf drohten, hatte er aus eigener Tasche befriedigt.

»Endresultat: es bleibt Dir ein kleines, aber vollkommen unbelastetes Vermögen, etwa fünfzehntausend Duros. Das ist verflucht wenig, doch auf jeden Fall besser, als wie früher scheinbar das Leben eines großen Herrn zu führen, aber auf Schritt und Tritt von den Gläubigern verfolgt zu werden. Jetzt ist es Zeit, daß Du zurückkommst. Was treibst Du eigentlich dort? Willst Du Dein ganzes Leben wie ein Robinson in diesem Piratenturm zubringen? Also sofort zurück! Mit bescheidenen Ansprüchen kommst Du hier ganz gut aus, denn das Leben auf Mallorca ist billig. Außerdem wird es Dir mit Deinem Namen und Deinen Verbindungen nicht schwer fallen, eine staatliche Stellung zu erhalten. Du kannst Dich auch geschäftlich betätigen, aber nur unter meiner Leitung. Wenn Du aber vorziehst, Mallorca zu verlassen, so bin ich gern bereit, Dich in Algier, England oder Amerika, wo ich überall alte Freunde habe, gut unterzubringen. Komme also sofort zurück, kleiner Pater Garau! Mehr sage ich nicht, Du sympathischer Inquisitor!«

Den Rest des Tages ging Febrer in der Umgebung des Turmes spazieren. Durch die unerwarteten, guten Nachrichten war er etwas erschüttert. Von seinem einsamen Leben gepeinigt, richtete er seine Gedanken sehnsüchtig nach Palma. Wie schön wäre es, wenn ei jetzt mit einem Sprung hinüberkönnte! ... Sein Entschluß stand fest. Mit dem Postdampfer, der die frohe Botschaft gebracht hatte, würde er morgen zurückkehren.

Plötzlich stieg das Bild Margalidas vor seiner Seele auf, wie um ihn auf der Insel zurückzuhalten. War es ihm möglich, sie für immer zu verlassen? ...

Aber diese grausamen Zweifel dauerten nicht lange. Margalida liebte ihn wohl nicht, denn seinen drängenden Fragen war sie immer nur mit unerklärlichen Tränen oder einem Stillschweigen begegnet, das ihn in Verwirrung setzte. Warum sollte er weiter den Kampf mit der ganzen Insel aufnehmen, nur wegen eines Mädchens, von dem er nicht einmal sicher wußte, ob es sein Gefühl erwiderte?

Die Freude über die guten Nachrichten machte ihn skeptisch. Niemand stirbt an der Liebe! Es fiel ihm sehr schwer, die Insel zu verlassen, und voller Wehmut würde er am nächsten Morgen zum letzten Male auf die blendendweißen, afrikanischen Gebäude von Can Mallorqui zurückschauen. Aber einmal aus diesem Milieu gelöst und zu seiner früheren Lebensweise zurückgekehrt, dachte er vielleicht mit leichtem Lächeln an diese Leidenschaft für die Tochter eines früheren Pächters seiner Familie.

Noch eine Nacht in diesem einsamen Turm – und am nächsten Abend auf der Terrasse eines Cafés in Palma, wo beim Licht der elektrischen Bogenlampen elegante Wagen fuhren und schönere Frauen als Margalida die Blicke auf sich lenkten. Nach Mallorca! Den Palast der Febrer hatte sein Freund Pablo opfern müssen, aber für ein kleines, sauberes Häuschen im Terreno oder einem anderen Viertel am Meer genügten seine Mittel. Dort würde er nicht mehr unter der Einsamkeit zu leiden, noch Anlaß haben, sich beschämt zu fühlen, denn auch ein Zusammentreffen mit Benito Valls und seiner Tochter, die er ohne ein Wort der Erklärung auf solche ungehörige Weise verlassen hatte, war ausgeschlossen. Wie Don Benitos Bruder in seinem Briefe erzählte, lebte der reiche Chueta jetzt in Barcelona, um besser für seine Gesundheit sorgen zu können. Aber eigentlich bezweckte er mit dieser Reise nur, fern von den Vorurteilen, die sich ihm trotz seiner Millionen auf Mallorca entgegenstellten, einen Schwiegersohn zu suchen.

Bei Einbruch der Dunkelheit brachte Pepet das Abendbrot. Während Febrer frohgelaunt mit gutem Appetit aß, suchte der Junge mit spähenden Augen vergeblich den Brief, der seine Neugier erregt hatte. Jaime neckte ihn mit seiner bevorstehenden Rückkehr ins Seminar, doch das Kaplanchen machte bei diesen Scherzen ein tiefbekümmertes Gesicht. Um ihn zu trösten, versprach Jahne ihm ein Geschenk, etwas so Schönes, wie Pepet sich gar nicht ausdenken könnte. Mit strahlender Miene hörte der Junge zu und ging mit froher Erwartung heim.

Jaime schloß die Tür und überlegte, was er mit seinem Hab und Gut im Turm beginnen sollte. In einer alten, geschnitzten Holztruhe lag zwischen duftenden Kräutern, von Margalida sorgfältig zusammengefaltet, der Anzug, den er bei seiner Ankunft getragen hatte. Er nahm ihn heraus, denn er wollte die Insel am nächsten Morgen ebenso verlassen, wie er gekommen war. Mit einem leichten Schrecken dachte er an die Marter, sich wieder in Schuhe und Kragen einzwängen zu müssen.

Alles andere blieb für Pèp, außer der Flinte, die er für Pepet bestimmte. Er lächelte beim Gedanken an die Überraschung des kleinen Seminaristen, wenn er dieses Geschenk erhielt, das etwas spät kam ... Aber wenn Pepet erst einmal Kaplan in einem Kirchspiel der Insel sein würde, konnte er sie immer noch benutzen, um auf die Jagd zu gehen!

Wieder zog er den Brief vom Kapitän Valls aus der Tasche, als könnte er bei jedem Lesen noch etwas Neues in ihm entdecken. Dieser gute Pablo! Und sein Rat kam zur rechten Zeit! ... Er riß ihn von Ibiza im geeigneten Augenblick los, gerade, als Jaime sich in offenem Krieg mit diesem rohen Volk befand. Er stimmte dem Kapitän bei. Warum führte er hier ein Robinsondasein, wenn er nicht einmal den Frieden der Einsamkeit genießen durfte?

Sein Leben auf der Insel erschien ihm jetzt absurd und lächerlich. Er dachte mit Mitleid und Scham an diesen Verrückten, der am vorhergehenden Tage mit der Flinte in die Berge gewandert war, um einen früheren Sträfling zu einem barbarischen Duell herauszufordern. Als ob das ganze Leben des Planeten sich auf diese kleine Insel konzentrierte, auf der man töten mußte, um nicht selbst getötet zu werden! Als ob es keine Möglichkeiten außerhalb des blauen Gürtels gäbe, der dieses kleine Häuflein Menschen umschlang, deren primitive Seele in den Gewohnheiten vergangener Jahrhunderte versteinert war! ... Welcher Wahnsinn! Gott sei Dank, es war die letzt Nacht. Morgen würde alles nur noch eine Reihe von interessanten Erinnerungen sein, mit deren Erzählung er seine Freunde in Palma unterhalten konnte.

Ein Schrei unterbrach seine Gedanken. Nicht so laut wie in der ersten Nacht, schien er aus der Ferne zu kommen. Dennoch sagte Jaime sein Gefühl, daß sein Feind in den Tamarisken verborgen war. Wieder ertönte das langgezogene Heulen, aber gedämpft, als ob der Gegner, in der Befürchtung, auch von anderen gehört zu werden, die Hände wie einen Schalltrichter um den Mund gelegt hätte und seinen Schrei so in der Richtung des Turmes ausstieße.

Nach der ersten Überraschung lachte Jaime lautlos vor sich hin. Er dachte nicht daran, sich zu rühren. Was scherten ihn jetzt noch diese wilden Gebräuche, diese rohe Herausforderung?

»Heule, du Bandit, bis du deine Stimme verlierst. Ich bin taub.«

Um sich abzulenken, versenkte er sich in die lange Liste seiner Gläubiger, von denen einige ihn an stürmische Auftritte oder groteske Szenen erinnerten.

Doch jedesmal, wenn nach längerer Pause der rauhe Schrei das Schweigen durchbrach, zuckte Febrer vor Ungeduld und Zorn zusammen. Beim Himmel! Sollte er die ganze Nacht bei dieser Serenade verbringen?

Vielleicht bemerkte der Feind einen Lichtschimmer, der durch die Ritzen der Tür drang, und bestand deswegen auf seiner Provokation. Er löschte die Kerze; ging zu seinem Lager und dehnte seinen Körper wohlig auf der weichen Matratze.

Wie in der vergangenen Nacht hatte er Tisch und Stühle vor die Tür gerückt. Solange die Schreie ertönten, drohte ihm keine Gefahr. Plötzlich fuhr er aus seinem Halbschlummer empor. Draußen war alles ruhig. Dieses geheimnisvolle Stillschweigen war beunruhigender als die lauten Äußerungen des Feindes.

Den Kopf vorstreckend, glaubte er ein leises Knacken zu hören, als ob jemand die hölzerne Treppe heraufschliche und auf jeder Stufe eine lange Pause machte.

Jaime suchte den Revolver und behielt ihn in der Hand. Das Geräusch auf der Treppe verstummte. Eine ganze Weile blieb es still. Dann raunte eine Stimme, leise, nur für ihn. Es war der Ferrer. Er gab sich zu erkennen. Er forderte Don Jaime auf, herauszukommen, schimpfte ihn Feigling und überhäufte ihn und die ganze verfluchte Insel Mallorca mit Beleidigungen.

Unüberlegt sprang Febrer so heftig auf, daß die Matratze laut krachte. Aber seine Erregung kam ihm lächerlich vor. Konnte dieser Lümmel ihn überhaupt beleidigen? Das beste war, sich wieder niederzulegen.

Lange Zeit blieb es still, als wartete der Vèrro, der das Krachen der Matratze gehört hatte, darauf, daß Febrer erschiene. Dann ertönte seine Stimme nochmals:

»Heraus mit dir, du Sohn einer H...!«

Bei dieser ungeheuerlichen Beleidigung zitterte Febrer am ganzen Körper. Seine Mutter, seine arme Mutter, diese blasse, kranke Heilige mit der infamsten aller Schmähungen von diesem elenden Sträfling besudelt! ...

Unwillkürlich wandte er sich zur Tür, stieß aber nach wenigen Schritten an die vor ihr aufgerichtete Barrikade.

»Nein, nicht durch die Tür!«

Auf der schwarzen Wand zeichnete sich unklar ein bläulichen Rechteck ab. Jaime hatte leise das Fenster geöffnet.

Er stieg auf die Brüstung und kletterte langsam hinab, behutsam vermeidend, daß kleine Steinchen herabfielen und ihn verrieten.

Unten angekommen, zog er den Revolver aus dem Gürtel und schlich, mit der linken Hand am Boden tastend, vorsichtig um den Turm. Seine Füße verwickelten sich in den Wurzeln der Tamarisken, die, vom Seewind entblößt, wie ein Gewirr schwarzer Schlangen auf dem Sande lagen. Jedesmal, wenn er strauchelte oder festsaß und seinen Fuß mit einem Ruck befreien mußte, jedesmal, wenn ein Steinchen kollerte oder knirschte, machte er halt und hielt den Atem an. Er bebte vor Erregung; nicht aus Angst, sondern in der Unruhe des Jägers, der befürchtet, nicht mehr zum Schuß zu kommen. Wenn es ihm doch gelänge, unvermutet über diesen Schurken herzufallen, im Moment, in dem er in der Nähe der Tür mit halblauter Stimme seine tödlichen Beleidigungen ausstieß!

Wie ein Tiger schlich er sich näher und konnte endlich die untersten Stufen, dann auch die ganze Treppe sehen. Noch ein Stückchen weiter, und vor seinen Augen erschien die dunkle Tür, die sich von dem im Sternenlicht weißschimmernden Turme scharf abhob. Aber umsonst spähte Jaime mit angestrengter Aufmerksamkeit umher. Der Feind war verschwunden.

In seiner Überraschung richtete er sich empor und warf einen forschenden Blick auf die dunkle Masse des Buschwerks, das sich den Abhang hinabzog.

Doch kaum hatte er den Kopf gewandt, als in kurzer Entfernung ein roter Feuerstrahl zwischen den Tamarisken aufleuchtete und er einen heftigen Schlag an der Brust verspürte.

Es ist nichts! dachte er.

Aber in demselben Moment lag er rücklings am Boden.

Es ist nichts! dachte er nochmals.

Instinktiv wälzte er sich herum, stützte sich auf die linke Hand und hob in der anderen den Revolver. Immer wieder redete er sich ein, es wäre ihm nichts geschehen. Doch der Körper weigerte sich plötzlich, seinem Willen zu gehorchen. Er hatte das Empfinden, an den Boden gefesselt zu sein.

Die Zweige der nächsten Sträucher bewegten sich langsam, als drängte ein Tier sich vorsichtig hindurch. Dort war der Feind. Zuerst kam sein Kopf hervor, dann die Brust, und endlich trat er ganz aus dem Gebüsch heraus.

Mit der rapiden Vision, die der Mensch in Todesgefahr hat, wenn die Erinnerungen des ganzen Lebens flüchtig wie ein Blitz vorüberziehen, dachte Febrer an seine Jugend, als er, in seinem Garten in Palma scheinbar verwundet am Boden liegend, einen Kampf mit eingebildeten Gegnern ausfocht. Heute würde ihm diese phantastische Laune von Nutzen sein.

Deutlich sah er vor dem Visier seines Revolvers die dunkle Gestalt seines Feindes. Aber von Sekunde zu Sekunde trübte sich sein Blick, als ob die Nacht sich verdunkelte.

Behutsam kam der Vèrro mit schußbereiter Waffe näher, zweifellos, um ihm den Rest zu geben.

In diesem Moment drückte Jaime ab, einmal, noch einmal und noch einmal, in der Meinung, sein Revolver versage, da er keinen Knall hörte.

Verzweifelt glaubte er, sein Feind würde jetzt über ihn herfallen. Schon sah er ihn nicht mehr. Eine weiße Wolke legte sich vor seine Augen. Es dröhnte in seinen Ohren.

Aber als er wähnte, den Vèrro schon über sich zu fühlen, wich der Nebel. Er sah in dem ruhigen Licht der Nacht, wenige Schritte entfernt, einen Körper auf dem Boden liegen, der sich in wilden Konvulsionen krümmte, mit den Nägeln die Erde aufkratzte und ein qualvolles Röcheln ausstieß.

Dieses Wunder konnte Jaime nicht fassen. Waren es wirklich seine Kugeln gewesen? ...

Er wollte sich aufrichten. Aber als er sich auf die Hände stützte, griffen sie in eine dickflüssige Lache. Er betastete die Brust und fand sie von einer warmen Flüssigkeit durchnäßt, die unaufhörlich in dünnen Fäden herablief. Er versuchte, die Füße anzuziehen, um zu knien. Aber die Beine gehorchten ihm nicht. Da erst war er überzeugt, daß man ihn verwundet hatte.

Seine Augen verloren ihre Klarheit. Er sah den Turm doppelt, dann dreifach und schließlich einen ununterbrochenen, steinernen Wall, der sich bis zur Küste hinabzog und im Meere verschwand. Im Munde spürte er einen herben Geschmack. Es schien ihm, als tränke er etwas Warmes, Starkes. Aber durch eine Laune seines Organismus gelangte diese seltsame Flüssigkeit nicht von außen, sondern aus dem Innersten seines Körpers auf seinen Gaumen. Die schwarze Masse, die sich, wenige Schritte von ihm entfernt, in dumpfem Stöhnen auf dem Boden umherwälzte, nahm ungeheure Proportionen an. Schon war es ein apokalyptisches Tier, ein Ungetüm der Nacht, das, wenn es sich krümmte, bis an den Himmel reichte.

Lautes Hundegebell und menschliche Stimmen verjagten diese phantastischen Blendwerke. In dem Dunkel schimmerten Lichter auf.

»Don Jaime! Don Jaime!«

Was war das für eine weibliche Stimme? Wo hatte er sie schon einmal gehört? ...

Er sah schwarze Schatten, die sich bewegten, sich über ihn beugten und in den Händen rote Sterne trugen. Auch bemerkte er, wie eine kleine Figur, in deren Hand ein weißer Blitz leuchtete, sich auf das in krampfhaften Zuckungen liegende Ungeheuer stürzte, aber von einem größeren Mann zurückgerissen wurde.

Dann sah er nichts mehr. Er fühlte noch, wie ein paar weiche Arme seinen Kopf umfaßten. Die Stimme, die er vorher gehört hatte, klang zitternd und tränenerfüllt von neuem an sein Ohr, mit einem Beben, das sich seinem ganzen Körper mitzuteilen schien.

»Don Jaime! Ach, Don Jaime!«

Auf seinem Munde spürte er einen zarten Druck, immer stärker, immer heftiger, bis er zu einem wilden, verzweifelten Kuß wurde.

Bevor er das Bewußtsein verlor, lächelte der Verwundete schwach, als er über sich zwei von Liebe und Schmerz erfüllte Augen erkannte, die Augen Margalidas.

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