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Die Toten befehlen

Vincente Blasco Ibañez: Die Toten befehlen - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/blascoib/toten/toten.xml
typefiction
authorVincente Blasco Ibañez
titleDie Toten befehlen
publisherPaul List Verlag Leipzig
printrun21.?24. Tsd.
firstpub1925
translatorOtto Albrecht van Bebber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111127
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II.

Schon bei Sonnenaufgang stellte sich Pepet am nächsten Tage ein. An seinem Gesichtsausdruck erkannte Febrer, daß er mit großen Neuigkeiten kam.

Die Nacht war in Can Mallorqui schlimm verlaufen. Margalida hatte rotgeweinte Augen, und die Mutter jammerte unaufhörlich über die schrecklichen Vorgänge. Was würden nur die Nachbarn von ihnen denken, wenn sie hörten, daß in ihrem Hause Schlägereien stattfanden wie in einer Schenke! Was würden die Atlòtas von ihrer Tochter sagen! Doch die Meinung ihrer Freundinnen schien Margalida wenig zu kümmern. Tief in Gedanken versunken, saß sie teilnahmlos da, antwortete auf keine Frage, sondern weinte nur still vor sich hin. Der Vater hatte die Tür sorgfältig verschlossen und war dann noch länger als eine Stunde, fluchend und mit geballten Händen, in der Küche auf und ab gegangen.

»Dieser Don Jaime! ... Das Unmögliche zu wollen! ... Starrköpfig wie alle Febrer! ...«

Auch Pepet hatte wenig geschlafen, denn in dem verschlagenen, argwöhnischen Kleinen stieg ein Verdacht auf, der mehr und mehr zur Gewißheit wurde.

»Don Jaime, wer ist nach Ihrer Meinung der Urheber dieses beleidigenden Liedes? Der Cantó, nicht wahr? ... Nein, Herr. Aber der Ferrer. Die Verse sind von dem andern, jedoch die Idee stammt von dem heimtückischen Vèrro. Er hat dem Cantó den Gedanken eingeflößt, Sie öffentlich beim Festeig zu beschimpfen, weil er damit rechnete, daß Sie die Beleidigung nicht stillschweigend einstecken würden. Jetzt erkenne ich auch den Grund für ihre heimliche Zusammenkunft, bei der ich sie vorgestern im Walde überraschte.«

Febrer nahm diese Neuigkeit, der das Kaplanchen so große Wichtigkeit beilegte, gleichgültig auf.

»Was ist weiter dabei? Den frechen Sänger habe ich gezüchtigt. Und was den Ferrer anbelangt, so war er sofort verschwunden, als ich ihn draußen vor dem Hause suchte. Dieser schreckliche Vèrro, lieber Pepet, ist weiter nichts als ein Feigling.«

Der Junge schüttelte ungläubig den Kopf.

»Don Jaime, Sie kennen noch nicht die Verschlagenheit, die man auf Ibiza anwendet, um seine Rache ungestraft ausüben zu können. Mehr als je müssen Sie jetzt auf der Hut sein. Der Ferrer weiß, was Gefängnis bedeutet, und hat sicher keine Lust, noch einmal eingesperrt zu werden. Was er jetzt tut, zeugt nur von seiner Gerissenheit. Andere Vèrros haben es vor ihm ebenso gemacht.«

Jaime wurde ungeduldig über die geheimnisvolle Miene und die konfusen Worte des Jungen.

»Sprich deutlich, wenn ich dich verstehen soll!«

Auf diese energische Aufforderung hin setzte das Kaplanchen endlich seine Verdachtsgründe klar auseinander.

»Es steht dem Ferrer jetzt frei, gegen Sie zu unternehmen, was er will, Don Jaime. In dem Gebüsch am Fuß des Turmes versteckt, kann er auf die Gelegenheit warten, Sie durch einen Schuß zu töten. Der Verdacht wird sich sofort gegen den Cantó richten, denn jedermann weiß, was bei uns gestern abend vorgekommen ist und alle haben seinen Racheschwur gehört. Wenn der Vèrro so schnell wie möglich den Tatort verläßt und sich anderswo sehen läßt, hat er ein Alibi. Sie sehen, wie leicht er sich jetzt an Ihnen rächen kann, ohne Folgen für sich befürchten zu müssen.«

Ein Ausruf der Überraschung entfuhr Febrer, der nun den Sinn von Pepets Worten erfaßt hatte.

Stolz auf seinen eben bewiesenen Scharfsinn fuhr der Junge fort, ihm Ratschläge zu geben.

»Sie dürfen nicht mehr so sorglos leben wie bisher. Vor allem müssen Sie abends die Tür schließen. Auch wenn man Sie während der Nacht ruft, verlassen Sie auf keinen Fall den Turm. Ich kenne das Verfahren«, sagte der Kleine mit der Sicherheit eines alten Verro. »Im Gebüsch verborgen und mit gespanntem Hahn wird er Sie herausfordern. Sobald Sie sich zeigen, haben Sie eine Kugel im Kopf, ehe es Ihnen überhaupt möglich ist, ihn zu entdecken. Bleiben Sie also still im Turm. Dieser Rat ist für die Nacht. Bei Tage können Sie ohne Furcht ausgehen. Übrigens bin ich ja da, um Sie überallhin zu begleiten.«

Bei den letzten Worten nahm er eine kriegerische Haltung an und fuhr mit einer Hand in die Schärpe, um sich zu vergewissern, daß sein Dolchmesser auch nicht verschwunden war. Aber die spöttische Miene Febrers enttäuschte ihn tief.

»Lachen Sie nur, Don Jaime, spotten Sie über mich! Aber Sie werden bald sehen, daß ich doch zu etwas gut bin. Habe ich Sie nicht auf die Gefahr aufmerksam gemacht? Sie müssen auf der Hut sein. Der Ferrer hat nicht umsonst diese Sache mit dem Lied vorbereitet.«

Und wie ein Häuptling, der eine lange Belagerung erwartet, schaute er sich im Turme um. Seine Augen hefteten sich auf die Flinte, die zwischen den Muschelfächern an der Wand hing.

»Ausgezeichnet! Man muß beide Läufe mit Kugeln laden und obendrauf noch eine gute Hand voll grobes Schrot pfropfen. Das ist niemals zuviel. So machte es auch mein Großvater.«

Doch er runzelte die Stirn, als er den auf dem Tisch liegenden Revolver erblickte.

»Sehr unklug von Ihnen, Don Jaime. Kurze Waffen soll man stets bei sich tragen. Ich schlafe sogar mit dem Dolchmesser auf dem Bauch. Wenn nun jemand unversehens einträte und Ihnen keine Zeit mehr ließe, den Revolver zu ergreifen? ...«

Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf den Turm selbst. Vorsichtig ging er an der Wand entlang bis zur Tür, öffnete sie, wobei er den Körper dicht an die Mauer drückte, als ob ihn ein Feind am Fuß der Treppe erwartete, und spähte mit einem Auge über den Rand des Pfostens hinaus. Aber enttäuscht trat er wieder zurück.

»Sogar mit diesen Vorsichtsmaßregeln wird man immer von draußen gesehen werden. Der andere kann mit aufgelegtem Lauf in aller Bequemlichkeit zielen. Die Treppe hinuntergehen wäre noch schlimmer. Die Nacht mag noch so dunkel sein, der Feind kann immer in der Richtung der Treppe einen Fleck im Laubwerk, einen Stern oder sonst irgendeinen helleren Punkt visieren. Sobald dieser durch die Figur des Herabsteigenden verdunkelt wird – Feuer! Und sicherer Treffer!

Diese Lehren habe ich von ernsten Männern gehört, die monatelang, von Sonnenaufgang bis zur Morgenröte, hinter einem Felsen oder einem Stamm lagen und mit dem Kolben an der Backe und dem Auge am Visier einem Feinde auflauerten.«

Nein, diese Tür mit ihrer Treppe in der freien Luft gefiel Pepet durchaus nicht. Man mußte unbedingt einen anderen Ausgang haben. Er ging zum Fenster, öffnete es, sprang auf die Brüstung und verschwand. Mit affenartiger Geschicklichkeit kletterte er die Mauer hinab, wobei er die durch herausgefallene Steine entstandenen Löcher als Stufen benutzte. Febrer, der ihm nachgeeilt war und sich zum Fenster hinausbeugte, sah ihn schon am Fuß des Turmes triumphierend seinen Hut schwenken.

»Nichts leichter als das«, rief er. »Diese Treppe können sogar Damen benutzen.«

Und von der Wichtigkeit seiner Entdeckung überzeugt, fuhr er mit ernster Miene fort:

»Don Jaime, das Geheimnis von diesem wunderbaren Ausgang muß ganz unter uns bleiben. Nicht ein Wort darüber, zu wem es auch sei.«

Das Kaplanchen beneidete Don Jaime. Wenn er doch an seiner Stelle wäre! Dann würde er, während der Feind seine ganze Aufmerksamkeit auf die Treppe richtete, in aller Ruhe durch das Fenster herabsteigen, geräuschlos um den Turm herumschleichen und den nichtsahnenden Banditen erledigen. Ein Meisterstück!

Der Junge lachte bei diesem Gedanken, und in seinem Gesicht spiegelte sich etwas von der Wildheit seiner Vorfahren, denen die Jagd auf Menschen als edelstes Weidwerk gegolten hatte.

Febrer wurde von Pepets Freude angesteckt. Ob er auch einmal den Versuch machte? Er streckte die Beine aus dem Fenster, hielt sich an der Brüstung fest und tastete mit den Füßen nach den Löchern in der Mauer. Langsam kletterte er hinunter und landete endlich mit einem Seufzer der Befriedigung auf dem Boden.

Vortrefflich! Der Abstieg war bequem. Noch ein wenig Übung, und er würde ihn mit derselben Leichtigkeit ausführen wie Pepet, der ihn jetzt erfreut ansah wie ein Lehrer, der mit den Leistungen seines Schülers zufrieden ist.

Um die Mittagsstunde, als Febrer allein im Turme saß, hörte er plötzlich die Stimme Ventoleras, der am Strande die Messe sang.

Febrer ging zum Fenster und sah, daß der Alte seine Barke mit Hilfe eines Jungen ins Wasser schob. Das Segel war schon aufgezogen und flatterte lose im Winde. Jaime legte die Hände an den Mund und rief:

»Schönen Dank, mein Alter, ich kann heute nicht mitkommen!«

Doch Ventolera versuchte weiter, ihn zur Fahrt zu bewegen. Der Nachmittag würde sehr schön sein. Der Wind war umgesprungen, und er hoffte auf einen ausgezeichneten Fang am Vedrá. Aber Jaime zuckte mit den Schultern:

»Nein, nein, mein lieber Ventolera, es ist wirklich unmöglich. Ich habe heute zu tun.«

Als er sich umdrehte, erblickte er das Kaplanchen mit dem Mittagessen. Der Junge zeigte ein wütendes Gesicht. Er war das unschuldige Opfer gewesen, an dem der Vater seinen Ärger ausgelassen hatte.

»Es ist wirklich eine große Ungerechtigkeit, Don Jaime. Der Vater tobte in der Küche, verfluchte seine Gutmütigkeit und schwur, jetzt ein Ende zu machen. Mir sagte er, ich sei ein schlechter, ungehorsamer Sohn und an allem schuld. Er würde mich schleunigst ins Seminar zurückbringen. Wenn ich wieder an Flucht dächte, so täte ich besser, sofort als Schiffsjunge zu verschwinden. Denn ließe ich mich nochmals im Hause sehen, würde ich nicht mit heilen Gliedern davonkommen. Und nur zu seiner Erleichterung gab er mir als Probe, was mich dann erwartete, einige derbe Ohrfeigen und zuletzt noch einen gewaltigen Fußtritt.«

Das Kaplanchen hatte hinter den weiten Röcken der Mutter Schutz gesucht.

Der sonst so geduldige Junge ballte die Fäuste. Schlimmer noch als die Schläge, die seine Männerwürde demütigten, war für ihn die Aussicht, wieder ins Seminar eingeliefert zu werden. Ihm graute vor der schwarzen Soutane, diesem Weiberrock, vor dem kurzgeschorenen Haar und der Tonsur. Fahrt wohl, Tanz und Braut! Fahr wohl, Dolchmesser!

»Bald werde ich Ihnen nicht mehr das Essen bringen, denn die Reise ist schon für den kommenden Montag festgesetzt.«

Bei diesen Worten leuchteten Febrers Augen hoffnungsvoll auf. Vielleicht würde dann Margalida wie früher zum Turme kommen. Aber Pepet, der seine Gedanken erriet, lächelte ihn trotz seines Kummers boshaft an:

»Alle anderen, Don Jaime, nur nicht Margalida! Das wird der Vater nie zugeben! Als meine arme Mutter ihm sagte, ich wäre doch zu Hause notwendig, um den Herrn zu bedienen, brach er in neue Verwünschungen aus. Er selbst würde das Essen jeden Tag zum Turme bringen, oder sonst müßte man eine Magd suchen für diesen Herrn, der darauf versessen war, in ihrer Nähe zu leben.«

Mehr erzählte er nicht, aber Febrer erriet die starken Ausdrücke, die Pèp im Zorn gebraucht hatte.

Der redselige Junge war völlig niedergeschlagen. Stumm räumte er das Geschirr zusammen und machte sich auf den Weg, unablässig nachsinnend, wie er dem verhaßten Seminar entgehen könnte. Ließ es sich überhaupt mit seinem Gewissen vereinigen, seinen Freund Don Jaime, den große Gefahren bedrohten, jetzt zu verlassen? War es nicht undenkbar, in diesem finsteren Hause eingeschlossen zu sein, in dem Herren mit schwarzen Röcken lateinisch redeten, während hier auf freiem Felde, beim Licht der Sonne oder im geheimnisvollen Dunkel der Nacht die Männer im Begriff standen, sich zu töten?

Als Jaime allein war, beschäftigten sich seine Gedanken wieder mit dem Ferrer, diesem unerträglichen Prahlhans. Vom ersten Moment an hatte er einen unüberwindlichen Widerwillen gegen ihn empfunden. Kein Mensch auf der ganzen Insel würde sich an diesen unheilvollen Popanz heranwagen. Also mußte er es übernehmen, ihn zu züchtigen!

Er entschloß sich, auf die Jagd zu gehen. Aber auf was für Wild! ... Beide Läufe seiner Flinte waren noch mit feinem Schrot geladen für die Vögel, die auf dem Wege nach Afrika in großen Schwärmen über die Insel flogen. Er zog die Patronen heraus und lud mit Kugeln.

Die Flinte umgehängt, verließ er, fröhlich vor sich hin pfeifend, den Turm.

Als er an Can Mallorqui vorbeikam, lief ihm der Hund mit freudigem Bellen entgegen. Aber niemand zeigte sich wie sonst an der Tür, trotzdem man ihn sicherlich bemerkt hatte. Das zutrauliche Tier begleitete ihn eine ganze Weile und blieb erst zurück, als Jaime den Weg nach den Bergen einschlug.

Mit raschem Schritt stieg er die schmalen, mit bläulichen Kieseln gepflasterten Pfade hinauf, die auf beiden Seiten von Mauern eingefaßt waren, um das Erdreich der abschüssigen Felder zu halten. Diese engen Hohlwege verwandelten sich im Winter bei starken Regenfällen in reißende Gießbäche. Sobald das bebaute Land hinter ihm lag, bedeckte sich der Boden mit wildem, stacheligem Buschwerk. Auf die Mandel- und Feigenbäume, die ihre letzten Blätter verloren hatten, folgten Sevenbäume und Pinien, deren Stämme sich unter der Wucht der Seewinde gekrümmt hatten.

Als Febrer einen Augenblick haltmachte und sich umdrehte, sah er tief unter sich die weißen Gebäude von Can Mallorqui mit ihren flachen Dächern wie zierliche kleine Würfel liegen. So schnell er konnte, stieg er aufwärts, als befürchtete er, sich bei einem Rendezvous zu verspäten. Zwei wilde Tauben flogen vor ihm auf, aber der Jäger schien sie nicht zu sehen.

Bei einer Biegung des Weges bemerkte er einige dunkle Gestalten, die im Dickicht umherkrochen. Zur Vorsicht nahm er die Flinte von der Schulter, erkannte aber beim Näherkommen, daß es Kohlenbrenner waren, die Holz sammelten. In ihren Augen las man Staunen und Neugierde. Wahrscheinlich hatten sie von den Vorgängen der vergangenen Nacht schon gehört und wunderten sich, den Fremden allein umherstreifen zu sehen, als ob er seine Feinde herausfordern wollte und sich selbst für unverwundbar hielt.

Niemand weiter begegnete ihm. Tiefes Schweigen herrschte im Walde. Nur der Wind rauschte in den trockenen Blättern. Da hörte er plötzlich aus der Ferne den hellen Ton von Hammerschlägen, und bald gewahrte er auch über den Wipfeln der Bäume eine leichte Rauchsäule. Er war in der Nähe der Schmiede des Ferrer.

Jaime trat aus dem Walde auf eine Lichtung, die vor dem kleinen Anwesen einen breiten Platz bildete. Das aus ungebrannten Ziegeln erbaute, rauchgeschwärzte Häuschen bestand aus einem einzigen Stockwerk. Stellenweise hatte sich das baufällige Dach so stark gesenkt, daß man befürchten mußte, es würde einstürzen. In einem offenen Schuppen stand neben dem Schmiedefeuer der Ambos, auf dem der Ferrer eine rotglühende Eisenstange hämmerte, die wie ein Karabinerlauf aussah.

Febrer war zufrieden mit der Wirkung seines theatralischen Erscheinens vor der Schmiede. Bei dem Geräusch von Schritten blickte der Vèrro zwischen zwei Schlägen auf und blieb jetzt, mit dem Hammer in der Luft, unbeweglich stehen, als er den Herrn des Turms erkannte. Aber seine kalten Augen verrieten keinerlei Eindruck.

Ohne Gruß, ohne ein Wort zu sagen, kam Jaime näher, den Blick mit herausforderndem Ausdruck starr auf den Ferrer gerichtet. Er durchquerte die Lichtung, machte bei einem der ersten Bäume halt und setzte sich, die Flinte auf den Knien, auf die knorrigen Wurzeln. Dann zog er sein Tabaksetui hervor und fing an, sich eine Zigarette zu drehen.

Der Ferrer hatte ihm den Rücken zugedreht und hämmerte gleichmäßig weiter, als ob seine ganze Aufmerksamkeit nur auf die Arbeit gerichtet wäre und ihn die Gegenwart Jaimes nicht im geringsten störte. Erriet denn dieser Schuft seine Absichten nicht? ...

Die Sorglosigkeit des Schmiedes erbitterte ihn. Aber gleichzeitig empfand er etwas wie Freude über das Vertrauen seines Feindes, der ihn für unfähig hielt, ihm eine hinterlistige Kugel zu schicken.

Als die Hammerschläge nach einiger Zeit verstummten, schaute Febrer auf und war überrascht, den Schmied nicht mehr zu sehen. Dieses ungewöhnliche Verschwinden veranlaßte ihn, auf seiner Hut zu sein. Er spannte die Hähne und hielt die Flinte schußbereit in den Händen. Zweifellos war sein Feind, der diese wortlose Provokation nicht länger ertragen konnte, ins Haus gegangen, um eine Waffe zu holen. Jeden Augenblick konnte aus einem der kleinen Fenster ein Schuß fallen. Um auf alles vorbereitet zu sein, sprang Jaime auf und nahm Deckung hinter einem dicken Stamm.

Schon hörte er ein Geräusch an der offenen Tür und gewahrte, daß etwas Dunkles sich der Schwelle näherte. Achtung! Der Feind kam! Er legte an, um sofort Feuer geben zu können, sobald er eine Waffe in der Hand des Gegners erblicken würde.

Aber aufs höchste verwirrt, sah er eine dürre, gebeugte Gestalt in einem verschossenen, schwarzen Rock, mit abgetragenen Sandalen an den nackten Füßen, aus dem Hause treten. In dem von unzähligen Runzeln durchfurchten, braunen Gesicht saß nur ein Auge. Zwischen den dünnen, grauen Haaren, die wirr herunterhingen, kam an manchen Stellen die Kopfhaut zum Vorschein. Die alte Hexe mußte die Tante des Ferrer sein, von der ihm Pepet erzählt hatte.

Sie ging bis zum Schuppen, stemmte die Arme in die Hüften, streckte den schlappen Bauch vor, dessen Umfang durch die Röcke noch vergrößert wurde, und sah starr mit ihrem zornentflammten Auge auf den Eindringling, der gekommen war, einen ehrenwerten Mann mitten in seiner Arbeit zu reizen. In ihrem Blick lag die wilde Streitsucht einer Frau, die, im Vertrauen auf die Rücksicht, die man ihrem Geschlechte erweist, sich noch mehr herausnimmt als ein Mann. Sie geiferte vor Wut und stieß Drohungen und Schmähungen gegen den verfluchten Fremden aus, der es wagte, mit ihrem Neffen anzubinden, an dem diese unfruchtbare Frau mit der ganzen Wärme eines Mutterherzens hing.

Jaime wurde nachdenklich. War es seiner würdig, einen Menschen am hellen Tage in seinem eigenen Hause herauszufordern? Hatte die Alte nicht recht mit ihren Beleidigungen? Nicht der Ferrer war der Raufbold, sondern er selbst, der stolze Nachkomme so vieler edler Krieger.

Die Scham machte ihn unsicher und verwirrt. Er wußte nicht, wie er die Szene abbrechen sollte. Schließlich hängte er die Flinte über die Schulter und ging in den Wald, ohne die Lichtung nochmals zu durchqueren.

Wieder traf er die Köhler. Sie antworteten auf seinen Gruß. Aber ihre Augen, die weiß in den geschwärzten Gesichtern aufleuchteten, waren jetzt von grimmigem Haß erfüllt, als hätte er etwas Unerhörtes begangen.

Langsam stieg er bergabwärts. Im Tale begegneten ihm drei alte Männer, die langsam neben ihren Packeseln einherschritten. Einige junge Mädchen suchten Kräuter, und auf den Feldern neben dem Wege arbeiteten Landleute.

Febrer, unzufrieden mit sich selbst, grüßte alle besonders höflich in ihrem Dialekt:

»Bònas tardes tenguin!«

Doch die Bauern antworteten mit einem unverständlichen Gemurmel, und die Mädchen wandten das Gesicht mit ärgerlicher Miene zur Seite. Nur die drei Alten erwiderten seinen Gruß, aber mit trauriger Stimme, wobei ihre Augen ihn forschend ansahen.

Unter einem Feigenbaum stand eine Gruppe junger Leute, in ihrer Mitte der Cantó, den Jaime an seinem verbundenen Kopf erkannte. Wahrscheinlich erzählte er seinen Freunden gerade die Vorgänge der vergangenen Nacht. Sobald er Febrer bemerkte, stürzte er ihm entgegen, doch die anderen eilten ihm nach und hielten ihn am Arme fest.

Vergebens strengte er sich an, von den starken Bauernhänden loszukommen. Halb von Sinnen vor Wut, stieß er unerhörte Beleidigungen gegen Febrer aus und wiederholte seinen Schwur, ihn in seinem eigenen Turme zu töten.

Jaime zuckte verächtlich mit den Schultern und setzte ruhig seinen Weg fort, traurig, nur auf Feindschaft zu treffen und überall zurückgestoßen zu werden. In was für ein Wespennest hatte er sich gesetzt!

Er war so niedergeschlagen, daß es ihm schien, als teile die ganze Insel diese Feindseligkeit. Kam er an Häusern vorbei, so verbargen sich die Bewohner, um ihn nicht zu grüßen. Die schroffen Berge mit ihren nackten Felsgipfeln sahen ihn abweisend an. Die düsteren Wälder bargen das Grauen. Sogar die Steine auf dem Wege, die unter seinen Füßen wegrollten, schienen vor seiner Berührung zu fliehen. Febrer fühlte sich allein und verlassen. Alles war gegen ihn. Nur Pèp und seine Familie blieben ihm noch. Aber auch sie mußten sich immer mehr von ihm entfernen, wenn sie mit ihren Nachbarn weiter auf gutem Fuße leben wollten.

Jaime ergab sich in sein Schicksal. Für ihn war kein Platz auf der Insel. Von Pèp mit der Ehrfurcht und Liebe eines alten Dieners empfangen, hatte er seine Gastfreundschaft damit bezahlt, den Frieden seines Hauses und die Ruhe seiner Familie zu stören. Von den Bewohnern der Insel war er mit einer kühlen, aber stets gleichbleibenden Höflichkeit aufgenommen worden, und sein Dank bestand darin, einen Schwächling, den jeder mit Schonung behandelte, blutig zu schlagen.

Und warum das alles? ... Wegen einer absurden Liebe zu einem Mädchen, das seine Tochter sein konnte. Fast kam ihm sein Wunsch, Margalida zu erobern, wie eine greisenhafte Laune vor, denn trotz seiner relativen Jugend fühlte er sich im Vergleich zu ihr und den Atlòts, die sich um sie bewarben, schon alt und verbraucht.

Das Milieu war daran schuld, das verfluchte Milieu. Wenn ihm Margalida zu den Zeiten seines Wohlstandes im Palast von Palma als Zofe seiner Mutter begegnet wäre, würde in ihm fraglos nur der vorübergehende Wunsch aufgestiegen sein, diese frische Jugend zu besitzen, ohne dabei irgendwie an Liebe zu denken. Aber hier, mitten in der Einsamkeit, in der der stärkste aller Instinkte durch die Entbehrung noch gereizt wurde, hatte ihn eine sinnlose Leidenschaft erfaßt, als er Margalida strahlend inmitten aller dieser Mädchen und Frauen sah, deren vulgäre, braune Gesichter ihr rosiges Antlitz noch mehr zur Geltung brachten.

Er mußte fort. Auf der Insel war kein Raum für ihn. Möglich, daß ihn sein Pessimismus täuschte über die Art des Gefühls, das er für Margalida hegte. Vielleicht trieb ihn nicht nur ein Begehren, sondern wahre Liebe, die erste echte Liebe seines Lebens. Und fast war er dessen gewiß. Aber auch dann blieb ihm jetzt nichts übrig, als zu vergessen und zu fliehen, möglichst bald zu fliehen.

Warum auf der Insel bleiben? Welche Hoffnung hielt ihn noch? ... Margalida wich vor ihm zurück, versteckte sich und weinte. Aber Tränen waren keine Antwort auf seine Fragen.

Ihr Vater, der noch einen Rest der alten Verehrung bewahrte, duldete bis jetzt noch schweigend diese Laune des großen Herrn, konnte sich aber von einem Moment zum andern gegen den Mann wenden, der Verwirrung in sein und seiner Familie Leben brachte.

Die Insel selbst schien sich gegen den Fremden, der in ihr patriarchalisches Dasein und ihre ehrwürdigen Gewohnheiten einbrach, mit demselben wilden Stolze zu erheben, wie in früheren Jahrhunderten gegen Normannen, Araber und Berber, die an ihren Küsten landeten.

Widerstand war unmöglich. Seine Augen betrachteten zärtlich die ungeheure Meeresfläche. Hier lag der Rettungsweg, das Unbekannte, das uns in den schwierigsten Momenten des Lebens seine geheimnisvollen Arme öffnet. Vielleicht würde er nach Mallorca zurückkehren, um an der Seite der Freunde, die sich seiner noch erinnerten, das Leben eines adligen Bettlers zu führen, oder auch nach Spanien gehen, um in Madrid eine Anstellung zu suchen. Vielleicht war es das beste, sich sofort nach Südamerika einzuschiffen. Je weiter fort, desto besser! Nur nicht hierbleiben! Die Feindseligkeit der Bewohner erfüllte ihn nicht mit Angst. Was er verspürte, waren Gewissensbisse über die von ihm angerichtete Verwirrung.

Instinktiv schlugen seine Füße den Weg zum Meere ein, das für ihn jetzt die alleinige Hoffnung bedeutete. Er vermied es, an Can Mallorqui vorbeizukommen, und kletterte, am Strande angelangt, zu demselben riesenhaften Felsen empor, auf dem er in jener Sturmnacht nach langer Überlegung den Entschluß gefaßt hatte, im Hause Margalidas als Bewerber aufzutreten.

Es war fast windstill. Auf den leuchtenden Wogen spielten goldene Lichter. Weiße Wölkchen schwammen am Himmel und malten, wenn sie vor der Sonne vorbeizogen, große Schatten auf das Wasser.

Wie sich in unserer Erinnerung Ideen mit einem Ort verbinden und wieder auftauchen, wenn wir an ihn zurückkehren, so überkamen ihn gleiche Gedanken wie in jener Gewitternacht. Aber heute fanden sie keine befreiende Lösung, sondern kehrten, im Bewußtsein der erlittenen Niederlage, zu den alten Vorstellungen zurück, die Jaime damals überwunden glaubte.

Er lachte bitter über seinen Optimismus, der ihn dazu geführt hatte, seine alten Auffassungen verächtlich beiseite zu werfen. Die Toten befahlen. Ihre Autorität war unbestreitbar.

Wie konnte ihn ein verliebter Enthusiasmus nur so weit hinreißen, diese ungeheure, trostlose Wahrheit zu mißachten! Wie ließen ihn diese düsteren Tyrannen das erdrückende Gewicht ihrer Macht empfinden! Warum wurde er in diesem kleinen Winkel der Welt, seinem letzten Zufluchtsort, als Eindringling angesehen? ...

Von den unzähligen Generationen, deren Asche und deren Seelen sich mit der Erde ihrer Heimatinsel verbunden hatten, war den Lebenden der Haß gegen den Fremden, der Widerstand gegen alles, was von draußen kam, vermacht worden.

Als er sich über seine alten Vorurteile hinwegsetzte und sich der Frau, die diesem Boden entstammte, zu nähern versuchte, schrak sie bestürzt zurück, während ihr Vater, von knechtischem Respekt erfüllt, sich solchem unerhörten Geschehen widersetzte. Er hatte etwas Unmögliches erstrebt, die von einem verdrehten Pfaffen erträumte Vereinigung von Hahn und Möwe. Bei Gründung der menschlichen Gesellschaft wurde sie in Klassen eingeteilt, und so mußte es bleiben. Das Leben eines Mannes war kurz, um gegen den Einfluß von Millionen, die vor ihm waren, mit Erfolg zu kämpfen.

Alle Versuche, uns von dieser Knechtschaft zu befreien und die Kette, die Jahrhunderte verbindet, zu zerreißen, mußten scheitern. Febrer erinnerte sich an das heilige Rad der Inder, das Symbol des Buddhismus, das er in Paris gelegentlich einer ihrer religiösen Zeremonien gesehen hatte. Das Rad ist das Sinnbild unseres Lebens. Wir glauben vorzurücken, weil wir uns bewegen, und bilden uns ein, Fortschritte zu machen, weil wir vorwärtsschreiten. Aber wenn das Rad eine völlige Umdrehung gemacht hat, befinden wir uns am alten Fleck.

Die Geschichte der Menschheit ist weiter nichts als eine ewige Wiederholung. Die Völker entstehen, wachsen und entwickeln sich. Die Hütte wird zum Schloß; Millionenstädte blühen auf. Dann kommen die Katastrophen, Kriege, weil das Brot nicht für alle reicht, Proteste der Besitzlosen und große Metzeleien. Die Städte entvölkern sich wieder und werden zu Ruinen. Moos wächst auf den stolzen Denkmälern. Die Metropolen versinken allmählich und schlafen Jahrhunderte unter der Erde. Ein wilder Wald steht auf der Hauptstadt untergegangener Reiche. Der Jäger streift über die Stätten, wo früher siegreiche Führer wie Halbgötter empfangen wurden, und Hirten blasen ihre Flöte auf den Ruinen der Tribüne, von denen herab man einst Gesetze verkündete. Von neuem vereinigen sich die Menschen, entsteht die Hütte, das Dorf, die Großstadt, und es wiederholt sich derselbe Vorgang in Hunderten von Jahrtausenden, wie innerhalb weniger Jahre von einer Generation zur anderen Ideen und Vorurteile wiederkehren. Das Rad! Die ewige Wiederholung!

Die Kreaturen der Menschenherde wechseln wohl den Stall, aber niemals die Hirten. Die Hirten sind stets dieselben, die Toten, die ersten, die dachten und deren ursprünglicher Gedanke einem Schneeball gleicht, der abwärtsrollt, immer größer wird und alles, was er auf seinem Wege antrifft, mit sich reißt.

Febrer verharrte lange Zeit unbeweglich auf dem Felsen. Die Ellbogen auf die Knie gestützt und das Kinn in den Händen vergraben, beobachtete er wie gebannt das sanfte Steigen und Fallen der wogenden Wasserfläche.

Der Abend brach an, als er sich endlich von seinen Gedanken losriß. Sein Schicksal mußte sich erfüllen! Er konnte nur auf den Höhen der Gesellschaft leben, wenn auch mit der Demut des Bedürftigen. Alle Wege zum Abstieg waren ihm versperrt. Vergeblich hatte er das Glück in einer Rückkehr zum einfachen, natürlichen Leben gesucht. Da die Toten nicht wollten, daß er ein Mann wäre, würde er ein Parasit sein.

Ein seltsames Wolkengebilde am Horizont fesselte seinen Blick. Es sah aus wie ein Totenkopf; auch das fahle Weiß erinnerte an die Farbe eines Schädels. Vereinzelte dunkle Wolkenflöckchen schwebten auf dem hellen Hintergrund, und die Einbildung Febrers glaubte zwei schwarze Löcher zu sehen, darunter ein gähnendes Dreieck an Stelle der verschwundenen Nase und einen breit klaffenden Riß, der die Vorstellung an ein stummes Lachen erweckte, aus einem Munde ohne Lippen.

Es war der Tod, der Herrscher der Welt, der sich ihm in bleicher Majestät zeigte, trotz blauen Himmels und grün leuchtenden Meers! Der Reflex der sinkenden Sonne schien auf diesem schaurigen Knochengesicht mit seinen schwarzen Höhlen ein bösartiges Leben hervorzurufen.

Durch die Bewegung der Wolken zerfloß das Bild nach wenigen Sekunden. Aber die Vision verfolgte Febrer weiter.

Er nahm den Befehl an: er würde die Insel verlassen.

Als die rote Sonnenscheibe in den Fluten versunken war, wurde er durch das traurige Grau der Dämmerung aus seiner Versunkenheit geweckt. Er sprang auf, ergriff seine Flinte und schlug den Weg zum Turm ein. Untenwegs machte er das Programm für die Abreise. Niemand sollte davon erfahren. Erst bei Ankunft des nächsten Postdampfers von Mallorca wollte er Pep im letzten Moment von seinem Entschluß in Kenntnis setzen.

Die Gewißheit, sehr bald seinen Zufluchtsort zu verlassen, ließ ihn bei dem Schein einer Kerze mit größerem Interesse als sonst das Innere des Turmes betrachten. Sein riesenhaft vergrößerter Schatten, der bei jedem Flackern des Lichtes schwankte, huschte auf der weißen Wand hin und her. Bald blitzten die Perlmutterschalen der Muscheln und die Metallteile der Flinte hell auf, bald lagen sie im Dunkel.

Ein Räuspern ertönte vor der Tür. Als Jaime sich der Treppe näherte, sah er auf der obersten Stufe eine in einen Mantel gehüllte Gestalt. Es war Pèp.

»Das Abendessen«, sagte er trocken und hielt ihm ein Körbchen hin. Jaime nahm es in Empfang, ein wenig betroffen über die Wortkargheit des Bauern. Aber auch er war nicht zum Sprechen aufgelegt.

»Gute Nacht!«

Nach diesem kurzen Gruß trat Pèp den Rückweg an wie ein respektvoller, aber verärgerter Diener, der für seinen Herrn nur die unbedingt notwendigen Worte hat.

Jaime verschloß die Tür und stellte das Proviantkörbchen auf den Tisch. Da er keinen Appetit verspürte, verschob er seine Abendmahlzeit auf später. Er nahm eine Pfeife, die ihm ein Bauer aus Kirschbaumholz geschnitzt hatte, stopfte sie und begann zu rauchen. Seine Augen folgten zerstreut den Spiralen, die wie ein zarter, blauer Schleier sich vor das Licht der Kerze legten.

Er nahm ein Buch und versuchte zu lesen, aber alle seine Anstrengungen, sich auf die Lektüre zu konzentrieren, waren vergeblich.

Draußen herrschte eine finstere Nacht. Das große Stillschweigen schien durch die Mauern hindurchzudringen und ließ die leisesten Geräusche seltsam anschwellen. In dieser tiefen Stille glaubte Jaime, seine Pulsschläge hören zu können. Von Zeit zu Zeit vernahm er den Schrei einer Möwe. Das Rascheln der vom Nachtwind bewegten Tamarisken kam ihm vor wie das Murmeln einer fingierten Menge hinter den Kulissen eines Theaters. Ab und zu ertönte das monotone Pochen eines Holzwurms im Gebälk der Decke, das während des Tages unbemerkt blieb. Mit sanftem Rauschen begleitete das Meer die Stille der Nacht. Zum ersten Male empfand Jaime die ganze Bitterkeit seines zurückgezogenen Lebens. War es möglich, ein derartiges Einsiedlerdasein noch länger zu führen? Wenn ihn eine schwere Krankheit überraschen würde? Wenn das Alter käme? ...

In dieser Stunde begann bei dem weißen Schein der elektrischen Bogenlampen ein reges Leben in den Städten. Die Auslagen der Schaufenster schimmerten erhöht in dem künstlichen Licht. In den Straßen drängten sich die Wagen, und auf dem Pflaster ertönte das Tacktack der zierlichen Absätze schöner Frauen. Und er saß hier wie ein primitiver Mensch im Innern eines barbarischen Turms bei einer kümmerlichen Kerze, die nur dazu diente, die Dunkelheit noch mehr hervortreten zu lassen.

Plötzlich fuhr Febrer zusammen. Ein ungewöhnlicher Laut durchschnitt die Luft, so scharf und durchdringend, daß die verworrenen Geräusche der Nacht scheinbar verstummten. Es war der Schrei, mit dem die rachedurstigen Atlòts sich in der Dunkelheit herausforderten.

Schon wollte Jaime aufstehen und zur Tür eilen. Aber er überlegte einen Augenblick und blieb sitzen. Der Schrei war aus einiger Entfernung gekommen, wahrscheinlich von Burschen, die die Umgebung des Piratenturms gewählt hatten, um sich mit der Waffe in der Hand zu begegnen. Er konnte nicht gemeint sein. Am nächsten Morgen würde ihm Pepet schon alles erzählen.

Wieder öffnete er sein Buch. Aber kaum hatte er einige Zeilen gelesen, als er mit einem Satze aufsprang und Buch und Pfeife auf den Tisch warf.

Ahuuuuuh! Dieses Mal ertönte der Schrei fast am Fuße der Treppe. Die Luft erfüllte sich mit dem Flügelrauschen der Seevögel, die von dem langgezogenen Heulen aus ihrem Schlafe zwischen den Felsen aufgeschreckt einen anderen Zufluchtsort suchten.

Also doch für ihn! An seiner eigenen Tür wagte man, ihn herauszufordern! Er schaute nach seiner Flinte, fühlte nach dem Revolver im Gürtel und machte zwei Schritte in der Richtung zur Tür, blieb dann aber stehen und zuckte die Achseln. Schließlich war er, ein Fremder, nicht verpflichtet, auf diese wilde Art einer Herausforderung einzugehen. Er setzte sich auf einen Stuhl, schlug das Buch wieder auf und lächelte mit erzwungener Heiterkeit.

»Schrei nur, mein guter Mann! Heule, so lange du willst! Es tut mir um deinetwegen leid, denn du könntest dir draußen einen Schnupfen holen, während ich hier ruhig in meinem Zimmer sitze.«

Aber diese spöttische Ruhe war nur Schein. Der Schrei erklang von neuem, dieses Mal nicht am Fuß der Treppe, sondern etwas entfernter. Wahrscheinlich steckte der Feind jetzt in dem Tamariskengebüsch, um dort das Erscheinen Febrers abzuwarten.

Wer konnte es sein? ... Vielleicht der elende Vèrro, den er heute nachmittag provoziert hatte; vielleicht der Cantó, der seinen Schwur, ihn zu töten, erfüllen wollte. Möglich, daß der Sänger auf Dunkelheit und List vertraute, die die Kräfte von Gegnern ausgleichen. Möglich auch, daß ihn mehr als einer erwartete.

Die gellenden Schreie folgten sich jetzt ununterbrochen, ironisch und beleidigend, als ob sie seine Vorsicht verspotteten und ihn als Feigling verhöhnten.

Er dachte an die Nähe von Can Mallorqui. Vielleicht stand Margalida zitternd an einem Fenster und hörte diesen bekannten Ruf der Herausforderung, während er sich taub stellte. Mußte sie nicht annehmen, daß er Furcht hätte?

Der Gedanke war unerträglich. Er blies die Kerze aus und tappte in der Dunkelheit einige Schritte mit vorgestreckten Händen, bis er die Flinte fühlte. Aber vielleicht mußte er in das Gebüsch eindringen, und dabei konnte sie ihm hinderlich sein. Er ließ sie hängen, nahm dafür seinen Revolver aus dem Gürtel, tastete sich bis zur Tür und öffnete sie langsam ein kleines Stückchen, nur so weit, wie nötig war, um den Kopf hinauszustecken. Aber trotz seiner Vorsicht knirschten die rostigen Angeln ein wenig.

Febrer, der aus der völligen Finsternis seines Turmzimmers unmittelbar in die von den Sternen matt erleuchtete Nacht kam, umfaßte mit einem Blick den dunklen Fleck des Tamariskengebüsches, dahinter die weiße Masse der Gebäude von Can Mallorqui und in der Ferne die schwarzen Umrisse der Berge, die sich am Himmel abzeichneten. Aber dieser Eindruck dauerte nur eine Sekunde. Es blieb ihm keine Zeit, mehr zu sehen.

Zweimal blitzte es im Dickicht auf, so schnell hintereinander, daß der Knall der Schüsse fast verschmolz.

In demselben Augenblicke verspürte er auf dem Kopfe einen kleinen Schlag, als hätte ihn ein Stein gestreift, ohne ihn wirklich zu treffen. Etwas fiel wie ein leichter Regen auf sein Gesicht. War es Blut? ... Erde? ...

Doch seine Überraschung dauerte nur einen Moment. Er zielte auf die Stelle, wo die beiden Schüsse aufgeblitzt waren, und schoß seinen Revolver ab, einmal ..., zweimal ..., fünfmal, alle Kugeln, die in der Trommel saßen.

Durch die Dunkelheit unsicher gemacht, hatte er fast aufs Geratewohl gefeuert. Aber ein leises Rauschen im Gebüsch erfüllte ihn mit wilder Freude. Vielleicht lag sein Feind am Boden. Und befriedigt strich er mit der linken Hand über den Kopf, um festzustellen, ob er verwundet war.

Aus den Haaren rieselte ein feiner, körniger Mörtel. Und jetzt gewahrte er auch zwei Löcher in der Wand. Die beiden Kugeln hatten ihn gestreift und sich in die Mauer eingegraben, unmittelbar über seinem Kopf. Febrer freute sich. Er war heil, aber sein Gegner?

Wo mochte er sein? Sollte er ihn im Dickicht suchen? ...

Da erklang von neuem das wilde Heulen, aber weit entfernt, schon hinter Can Mallorqui. Jetzt lag in ihm ein triumphierender Ton, den Jaime als Ankündigung für ein baldiges Wiederkommen auffaßte.

Der über die Schüsse aufgeregte Hund von Can Mallorqui bellte wild. Die anderen Hunde in der Nachbarschaft fielen ein. Der Schrei seines Feindes ertönte immer schwächer, bis er sich im Dunkel der Nacht verlor.

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