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Die Tochter Fortunats

Jakob Julius David: Die Tochter Fortunats - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen
authorJakob Julius David
year1995
publisherResidenz Verlag
addressSalzburg und Wien
isbn3-7017-0943-2
titleDie Tochter Fortunats
pages7-59
created19991009
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Andrea wollte ihr nachfolgen. Sie aber erhob den Finger, und diese Gebärde war so stolz und gebietend, daß er gebannt blieb und nur ängstlich wartete, bis sein Weib wieder zu reden beginnen werde. Ihm bangte, allein mit dem Toten und allein mit dieser Frau, die ihn nun fast schreckhafter bedünkte als der Tod selbst. Geraume Weile standen sie einander so gegenüber. Der Blick der Tochter Fortunats ruhte fest auf dem Antlitze des Podesta; er trieb dem Arzte das Blut in die Wangen, er zwang ihn, mit den Augen den Estrich zu suchen und seine Fliesen zu zählen, damit dieses unheimliche Beisammensein nur rascher vorübergehe. Es wurde ihm doch endlich unerträglich; er wollte der Tür zu: »Du bist allzu erregt. Ein andermal, Renata!«

»Verweile doch, Herr«, klang es zurück. »Also du liebst mich?« hub sie wieder an, »ei, so sag', warum?«

»Es ist jetzt wohl nicht an der Zeit zu derlei«, entgegnete er beklommen.

»Und doch, vorhin schien es dir an der Zeit, Herr! Und glaubst du nicht auch, was gesagt werden muß, das soll nicht verschoben werden? Du bist alt, meinst du noch so viele Zeit zur Aussprache zu haben? Gedenke doch Fortunats.«

Ihre Stimme brach wiederum, und wieder milderte ein Flor den Glanz ihrer Augen. Tief innerlich war das, was sie erschütterte, und sie war sich dennoch durch ihr Leid hindurch bewußt, daß sie ihren Oheim in diesen Augenblicken bespähe und belauere. Wo war ihr nur die Ruhe dazu hergekommen, die Kraft? Sie sah auf die Leiche ihres Vaters nieder und wußte es: Vergeltung für diesen da mußte sie erlangen, und die einzige Pflicht, die ihr noch oblag, war Rache...

Auch Andrea fühlte, wie sie ihn beobachtete. Mag sein, daß ihn gerade das reizte; vielleicht kochte das heiße Blut seines Stammes darum desto gewaltiger in ihm auf, weil er es durch Jahre niedergezwungen hatte, nun aber ahnte, wie ihm das Weib entschlüpfen wollte, das sein war, das er mit List, durch Lügen, durch Zwang gewonnen hatte. »Weil du schön bist, Renata«, brach er los. »Schöner als alles, was ich je geschaut. Weil ich deiner begehre, heißer, als ich je etwas begehrt habe. Weil ich um dich gäbe, was mir von Kindesbeinen auf wert war.«

»Also weil ich schön bin, gelüstet es dich nach mir?« Langsam, jeden Buchstaben betonend, sprach Renata. »Nun sag' aber – du bist es nicht; warum also sollte ich dich lieben?«

Herr Andrea empfand das Peinliche dieser Frage sehr wohl. Er wollte wiederum abbrechen; aber noch einmal erklang ihm Renates: »Nun sag's!« so befehlend, daß er sich dem Banne ihrer Worte nicht entziehen konnte. Und stammelnd brachte er hervor: »Weiß ich es? Läßt sich das bestimmen? Begehre ich eine gleiche Liebe, wie die mich bezwingt? Nur leiden sollst du, daß ich dich im Herzen trage; mir nur einen Teil dessen geben, was diesem Toten gilt, und zwei Selige mehr wandeln auf dieser Erde. Vielleicht bring mir Dank: was du willst...«

»Dank? und wofür?« Ein grausames Lächeln flog um den Mund der Tochter Fortunats. »Für deine Wohltaten? Aber die Hunde, welche das Haus der Malespina bewachen, leben besser, als das Haupt des Stammes und seine Tochter gelebt. Ich schulde dir Vergeltung – du sollst sie haben. Für jede Furche, die deine Hand in die Stirn dieses Toten eingrub – und es sind ihrer so viele und so tiefe, daß sie selbst der Tod nicht zu glätten vermochte – für jeden Bettelgang, den ich gehen mußte. Auch dafür, daß du mich vor dem bewahrt hast, was jener Mann, der selbst die Hölle durchwandert, das größte Leid nennt. Ich danke es dir, daß ich nicht eine selige Stunde weiß, deren Erinnerung mich nunmehr die ganze Tiefe meines Elendes ermessen lassen könnte. Und sei gewiß – ich werde dir's vergelten.«

Ihre Worte trafen wie schwere Schläge das Haupt des Mannes. Er wankte unter ihrer Wucht. »Renata!« so flehentlich war ihr Name noch nie von Menschenlippen genannt worden. Sie aber hatte ihr Herz verstockt, und ohne Erbarmen fuhr sie fort:

»Denke wohl daran, was ich dir sagte, als du kamst, um mich zu werben. Mich wird nimmer gereuen, was ich tat und tue. Denke du daran, daß dich jener Gang niemals gereue. Hüte dich, Andrea! Du hast mich überlistet und betrogen; du, der Arzt, mußtest die Zeichen in Fortunats Wesen ausdeuten können, die sein nahes Ende verkündeten, du mußtest wissen, daß ich für Stunden Jahre dahingab. Du aber wirst sie mit mir teilen; nun wahre dich, Andrea!«

»Dann habe ich den Jammer in mein Haus geführt.« Er sprach es gebrochen und demütig. »Und dennoch trug ich dich in der Seele und wollte nicht, daß die Malespina erlöschen wie ein Licht. Du bist streng und unbarmherzig – wer weiß, ob nicht die Zeit kommt, Renata, da auch du der Gnade bedarfst, die du mir verweigerst.«

Sie zuckte die Achseln. »Ich will nicht Gnade, nicht Mitleid. Niemandes. Höre wohl, niemandes, auch nicht Gottes. Und das Geschlecht? Fluch- und greuelvoll, Gott und den Menschen verhaßt war es von seinem Anbeginn; es ist Zeit, daß diese Erde davon befreit werde. Sollte es aus meinem Schoße neues Leben gewinnen, mit diesen Händen würde ich es erwürgen.«

Er ächzte schwer: »Und dein Eid, Renata?«

»Sieh her.« Mit starken Griffen riß sie sich den Schleier vom Haupte, daß sie ihr schwarzes Haar von allen Seiten fessellos umflatterte, und trat auf das Gewebe; den Ring streifte sie vom Finger und schleuderte ihn fort. Gespenstisch nachhallend klang das helle Rollen des Metalls durch das Gemach. »Da liegt der Eid. Ein Meineid war es; du hast mich dazu gezwungen, und auf deiner Seele soll er lasten. Und berühre mich nie! Der Tag, an dem du es versuchen würdest, sähe einen neuen, unerhörten Frevel: noch hat mindestens keine Malespina ihren Gatten ermordet. Und nun geh: was gesagt sein mußte, weißt du. Diesen da hast du getötet, mich um das Heil der Seele gebracht, du trefflicher Arzt. Nun laß uns allein. Nun geh, Andrea!«

Sie war wiederum am Bette, auf dem ihr Vater lag, in die Kniee gesunken; aber sie wußte dennoch, daß sie allein sei. Ein leises Knirschen der zaghaft bewegten Türangeln traf ihr Ohr. Die Tochter Fortunats preßte ihre heiße Stirn wider die Kissen, legte sie an das eisige Haupt des Vaters. Herrn Andrea, der ruhelos und auf entblößten Füßen die Wache vor der Pforte hielt, wollte es scheinen, als würden leise geflüsterte Worte voll aufschluchzender Zärtlichkeit geraunt. Als aber der nächste Morgen anbrach, da fand er die junge Herrin dieses Hauses noch immer auf den Knieen. Gram, der nicht schlummert noch Tränen kennt, lag festgebannt auf ihrem Angesicht. Wer sie an jenem Tage erschaut hat, der konnte ihren Anblick nimmermehr vergessen, den hat es durchschauert, als wäre ihm einer begegnet, den dunkle Zaubersprüche aus dem Grabe gerufen: denn ihr Gewand war bräutlich und ihr Geschmeide kostbar – aber die graue Sorge selbst kann nicht trostloser und die Herzen durchfröstelnder dreinschauen als die Tochter Fortunats, da sie kaum vermählt war.

Das aber, was ihr oblag, vollzog sie. Eine feste Hand führte fortab die Schlüssel im Hause der Malespina. Ihre Gemächer hatte sie fern vom Gatten gewählt; und sie duldete es, daß Andrea das Beste aufbot, um diese Räume zu zieren. So lange der Podesta lebte, hat sie ihr neues Heim nicht mehr verlassen; nicht einmal damals, als man ihren Vater zu seiner letzten Ruhe forttrug. Tag für Tag schmückte sie sich, bis sie selbst mit ihrer Schönheit zufrieden war und ihrem Spiegelbilde zunicken durfte. Kam dann die Stunde, in der die männliche Jugend Ravennas zu lustwandeln pflegt, dann setzte sie sich in ein Fenster und ließ sich von denen anstaunen, die sich unten ergingen. Und der Ruf ihrer unendlichen Schönheit schwoll mehr und mehr an; er erfüllte die ganze Stadt, und alle Welt pries ihre stille Anmut, ihre Tugenden und die Seligkeit Herrn Andreas, dem sie zu eigen geworden war.

Auch erfuhr niemand, was der Podesta litt. Das Elend im Hause der Malespina war ein tiefes Geheimnis, welches Fremde nicht einmal ahnen durften. Renata begegnete wohl allen Bewerbern, welche ihr nahten, freundlich; aber keiner durfte sich einer Bevorzugung rühmen; dem Salamander gleich schritt die Tochter Fortunats ungesengt und unversehrt durch die Gluten, welche sie ringsum entzündet hatte. Dennoch verzehrte die heißeste Eifersucht ihren Gatten, wenn er sah, wie sich die gesamte adelige Jugend von Ravenna um ihre Gunst bemühte; er wagte aber nicht, ihr das zu zeigen, und wußte auch gar wohl, daß in dieser Stadt kaum ein Mann lebe, der ihr gefährlich werden konnte. Ihm war nur vor Renatus bange; der mochte dieser Seele gefallen in der Kraft und Schönheit seines Leibes, der Gewalttätigkeit und Heftigkeit seines Tuns und Trachtens. So durchlebte Herr Andrea unendliche Qual und büßte ab, was er verschuldet. Oftmals, wenn sie ihm so recht nahe saß, daß er den Duft ihrer Haare atmen, die feinen und doch kraftvollen Hände sehen mußte, die ihr so still und leidenschaftslos im Schoße ruhten, wenn er vernahm, wie sich ihre Brust im Atmen hob, erfaßte wahnwitziges Begehren den Unseligen. Dann deuchte ihm süß, von dieser Hand zu sterben, und es müsse mit dem Tode nicht zu teuer bezahlt sein, diesen schlanken Leib einmal umfangen zu dürfen. Sobald aber Renata das Auge aufschlug, sank ihm der Mut, und er ertrug schweigend weiter, was unablässig an seinem Leben fraß. Denn nichts reibt die Kraft eines Menschen so rasch auf, als stetes Taumeln zwischen dem Versuche zu entsagen und neu aufflammender Sehnsucht.

So verfiel denn Herr Andrea zusehends. Die Tochter Fortunats bemerkte das nicht; sie beachtete nicht einmal, daß sich allgemach eine Wandlung in der Gesinnung ihres Gatten ihr gegenüber vollzogen hatte. An seinem eigenen Kummer, an der Unversöhnlichkeit, mit der sie, die doch – er wußte es – zu lieben vermochte, ihm begegnete, erkannte er, wie sehr er sich an ihr versündigt. Die kurze Spanne Zeit, die ihm noch beschieden sein konnte, wollte er ausnutzen, einen Teil seiner Schuld zu sühnen und ihre Zukunft zu sichern. Er war ja ihr einziger Beschirmer; er wußte, daß man sein Haus hasse, und er mußte fürchten, daß dieser Groll nach seinem Tode nicht Halt vor ihrem unbeschützten Haupte machen werde. Sein schweres Herz ließ ihn alle Schrecknisse ahnen und durchleben, welche sie bedrohen konnten. Er wollte sie beschwören, Ravenna sofort nach seinem Ableben den Rücken zu kehren, und sammelte so viel Gold und Edelsteine an, als er nur konnte, damit sie auch in fremden Landen nicht mittellos sei. Er sprach ihr davon. Sie aber sah ihn nur stumm an und kehrte sich ab. Und diese Verachtung traf ihn am tiefsten; nicht einmal Hilfe und Rettung wollte sie also aus seiner Hand empfangen! Dennoch ließ er nicht von ihr; er suchte sogar sich und ihr Freunde zu erwerben. Sein Leben lang hatte er nicht daran gedacht, und so war es freilich ein nutzloses Beginnen.

Als er aber endlich seinem Herzeleid erlegen war, da schritt kein Malespina hinter dem Sarge. Sein Weib lag an jenem Tage krank zu Bette; mindestens mußten die Diener so erzählen. Damals aber sprach man auch zum erstenmal in Ravenna darüber, wie es wohl komme, daß sie keine Kirche betreten könne, und was es zu bedeuten habe, daß in Renates Gemächern – alle wußten darum, obgleich niemand sagen konnte, wie das ruchbar geworden sei – das Bildnis des gekreuzigten Heilands fehle.

Renata hielt die Trauer allen Gebräuchen gemäß. Anfangs erfüllte sie die Erkenntnis, daß Herr Andrea recht eigentlich an ihr gestorben sei, mit stiller Freude und Genugtuung. Auch das verschwand, und ein dumpfes Gefühl tödlicher Verödung lebte fortab in ihr. Sie besaß nichts mehr, was den Menschen sonst wert ist; ein Grau umzog ihr die ganze Welt. So beschloß sie denn, sich wieder in jenes Häuschen zu flüchten, wo sie so lang einsam und elend gewesen war, aber dennoch glücklicher als nun, da ihr selbst der stählende Opfermut von ehedem verloren gegangen. Sie wollte die Menschen fliehen, die ihr nur desto verächtlicher geworden waren, seitdem sie die fürstlich reiche Witwe umwarben. Sie fühlte sich so müde und ersehnte nichts als Schlaf. Ihre ganze Dienerschaft entließ sie, bis auf wenige, die, in Waffen geübt, ihrem Schutz dienen sollten, denn die Zeiten waren rauh und das Haus abgelegen. Sie umgab sich mit königlichem Prunk und hatte keine Lust daran; sie schmückte sich und wußte nicht für wen. Die liebste Gesellschaft waren ihr die Bücher; besonders in der Chronik der Malespina forschte sie unablässig, bis sie jede Bluttat, die darin verzeichnet war, genau ihrem Gedächtnisse eingeprägt, bis sie alle kannte, die durch die Hand ihrer Anverwandten oder im Kampfe der Parteien als Opfer des siegreichen Hasses durch das Beil gefallen waren. Diese Schatten umringten sie und waren ihr die einzigen Genossen; der finstere Glaube, daß ihr Geschlecht verflucht sei, erstarkte mehr und mehr. So schwand ihr jede Kraft des Hoffens; denn als die Erbin dieser Unseligen betrachtete sie sich. Ihr Leben hatte sie in vergangene Jahrhunderte zurückgeführt; aber nicht ein Faden leitete in die Zukunft über. Auch im Dante liebte sie zu lesen wie einst, zumeist bei Nacht und mit lauter Stimme, der Tage eingedenk, da ihr Vater sie zuerst in den Geist des Gewaltigen eingeführt hatte. Ihre Diener aber horchten staunend, zu welcher Fülle die Stimme der Herrin anschwellen konnte. Schwer und wuchtig zog dann der melodische Fall der Terzinen durch das Dunkel, und sie erklangen den Lauschern oft wie geheimnisschwangere Zaubersprüche. Oftmals schauderte es ihnen auch, wenn die Tochter Fortunats mit jemandem zu sprechen schien, ihn feierlich anredete, während doch kein Sterblicher ihr Gemach betreten. Dann hatte eben ihre erhitzte Einbildungskraft sich all die Gestalten des Sehers leibhaft vergegenwärtigt. Sogar darüber sann sie gern nach, welcher der Höllenkreise einmal ihr Aufenthalt für alle Ewigkeiten sein werde; nur auf jener Wiese, auf der die Schatten derer, die ruhm- und tatenlos gelebt haben, umgetrieben und durch ekles Geschmeiß gepeinigt werden, wollte die Stolze ihren letzten Aufenthalt nicht finden...

Um Ruhe zu suchen, hatte sie Ravenna verlassen; sie zu finden war ihr aber nicht bestimmt. Zu groß war der Lohn, der dem winkte, den die Tochter Fortunats erkor. So kam denn Werber um Werber. Es freite Herr Giovanni Testa, das neue Oberhaupt von Ravenna, mit Schmeicheleien und dann wieder mit dunklen Drohungen; Giuliano, sein Sohn, versuchte sein Glück mit kostbarem Geschmeide; viele verschwendeten ihre ganze Habe um ihretwillen, und mancher Gewerbsmann von Ravenna hatte damals durch sie gute Tage. Sie aber nahm alles gelassen hin, wie eine marmorne Göttin die Opfer. Alle, die um Liebe bettelten, erschienen ihr verächtlich; als Gebieter mußte ihrem Glauben nach der rechte Mann dem Weibe entgegentreten. Wenn sich schmachtende Freier mit Gesang und Lautenspiel vor ihrem Haus hören ließen, dann ließ Renata wohl die gewaltigen Hunde los: hüben erklang dann lautes Gebell, drüben süße Musik – ein mißtöniger Chorus.

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