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Die Tochter des Kunstreiters

Ferdinande Freiin von Brackel: Die Tochter des Kunstreiters - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFerdinande Freiin von Brackel
titleDie Tochter des Kunstreiters
publisherJ. P. Bachem in Köln
printrun80. - 87. Auflage
firstpub1875
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060203
projectidb18d8d8d
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9

Verraten soll ich, was ich heiß gefühlt?
Und was ich lieb', auf ewig lassen – ?
Loreley

Nora war nach der Szene des Morgens auf das Zimmer zurückgekehrt, welches sie bewohnte, solange sie die Gastlichkeit des Klosters in Anspruch nahm. In freundlicher Rücksicht hatte man ihr früheres Gemach ihr zugeteilt. So saß sie denn wieder auf der stillen Stätte, von der sie so oft sehnsüchtig hinausgeblickt hatte nach dem vollen unruhigen Leben, und jetzt wogte schon der erste heiße Kampf desselben in ihrer Brust.

Viel hatte sich für sie zusammengedrängt in der kurzen Spanne: das höchste Glück und der heißeste Schmerz, den ein junges Herz empfinden kann. Nun stritten von neuem in ihr all die Gefühle, und auch der beleidigte Stolz wollte sein Recht.

Siegreich über alle aber blieb der eine Gedanke: »Wir haben uns wiedergefunden, uns wiedergefunden ... und er liebt mich ... ich weiß, daß ich ihm über alles wert bin!«

Durch die Tränenschauer brach dann immer wieder seliges Lächeln, und die Hände legten sich vor die Augen, als scheue sie sich vor diesem tiefen, heimlichen Glücke.

Wie sie da saß und dachte, stiegen die Erlebnisse dieser Tage vor ihr auf. Es waren kaum vierzehn Tage seit jenem Morgen am Erkerfenster, wo sie das erste gegenseitige Geständnis mit ihm ausgetauscht, wo sie noch lächeln mußte über sein arges Mißverständnis, daß sie den Klosterberuf erwählt haben sollte! Und wie war alles da so unverhofft über seine, über ihre Lippen geglitten, was seit Monaten unausgesprochen im Herzen gelegen, wogegen sie beide gekämpft und gerungen hatten, und was sie doch in festem Banne gehalten! O, süß ist der Augenblick, wo die Liebe zum erstenmal spricht, zum erstenmal sich ganz und voll austauscht. Hatten sie der Hindernisse dabei garnicht gedacht? Gewiß, sie wollten ja beide so vernünftige junge Leute sein; aber wie waren in dem Augenblick alle Schwierigkeiten so klein erschienen, so leicht zu überwinden! Er war ja frei, unabhängig, nur ein Mutterherz hatte er zu erweichen – wenn der Mensch recht glücklich ist, fühlt er sehr viel und denkt sehr wenig klar.

Doch vor Noras Augen trat jetzt auch das zweite Bild: wie ihr Vater heimgekehrt war – schon alles wissend, noch ehe sie es ihm vollkommen gesagt hatte. Sein Unmut war so groß gewesen; nur als kindische Torheit hatte er das Ganze betrachten wollen. Wie verschieden kann doch ein und dieselbe Sache beleuchtet werden! War denn das alles nicht dasselbe, was sie mit Kurt durchgesprochen? Wie riesengroß wuchsen jetzt die Schwierigkeiten heran, die ihnen so klein gedünkt; wie tief erschien die Kluft zwischen den verschiedenen Lebensstellungen, wie drohend der Zorn seiner Familie, die tiefe Schädigung seines ganzen Lebensglückes.

Und endlich das entsetzliche Wort des Vaters: »Sie werden denken, wir hätten ihn durch unwürdige Mittel angelockt; sie werden deine Schönheit für die Fessel halten, mit der du ihn hältst, um seine, Jugend und Unerfahrenheit auszubeuten, um zu Rang und Stellung zu gelangen; ja, man wird es aussprechen ... man wird glauben, daß wir einen unüberlegten Augenblick zu einem bindenden Worte benutzt hätten.« Nora war davor zurückgewichen: ihrem kindlich unbefangenen Sinne war die Ahnung von etwas Schrecklichem gekommen, gegen das ihr ganzes Sein sich empörte. Da war es gewesen, als sie ihren Vater angefleht hatte: »Schreibe ihm, daß es ein Irrtum war, daß wir scheiden müssen,« und mit fester Hand hatte sie selbst jene Worte dem Brief ihres Vaters beigefügt. »Aber dann,« hatte sie damals gesagt, »laß uns auch gleich von hier scheiden, Vater. Hier brennt mir der Boden unter den Füßen. O, laß mich ihn nie wiedersehen! Schicke mich weit, weit weg von hier, zu dem Lande meiner Mutter, über das Meer, damit sie nicht glauben können, ich hätte ihn angelockt.«

Der Vater, dem der Schmerz seines Kindes zu Herzen ging, um so mehr, da er sich Vorwürfe machte, nicht vorsichtiger gewesen zu sein, hatte versucht, sie zu beruhigen. Er hatte selbst gefunden, es sei am besten, um dem Verdacht aus dem Wege zu gehen, daß Nora den jungen Grafen an sich ziehen wolle, möglichst rasch den Rhein zu verlassen. Um aber allen übereilten Entschlüssen auszuweichen, hatte er ihr einen Besuch auf einige Tage in ihrer früheren Erziehungsanstalt vorgeschlagen, wo man Näheres bereden könne. Nora war auf das bereitwilligste auf den Vorschlag eingegangen. Bei der bewährten Freundin ihr Herz auszuschütten, sich Rat und Trost dort zu holen, schien ihr der erquickendste Gedanke. Demnach war der Direktor noch in derselben Nacht mit ihr dorthin abgereist, indes seine Frau die Auflösung des Haushalts in der Villa leitete.

Die Oberin hatte ihren Liebling voll Freude aufgenommen. Mit Wehmut sah sie das Kind so früh schon in einer jener Verwicklungen, die sie geahnt hatte. Sie billigte den Gedanken, daß Nora ihre Verwandten von mütterlicher Seite im fernen Westen aufsuche; aber der Direktor wollte von solcher Trennung noch nichts hören. In diesen Zwiespalt war das gänzlich unvorhergesehene Wiedersehen gefallen: einige Tage später – und Nora wäre Kurt vielleicht völlig entrückt gewesen.

Wie aber Nora dies alles jetzt durchdachte, erschien es ihr in neuem Lichte. Wohl hatte sie geglaubt, ein großes Opfer zu bringen; sie hatte das eigene Glück dem seinigen ja unterordnen wollen; aber schwer hatte dennoch diesen Morgen sein Wort sie getroffen: »Was, kann deine Liebe so wenig ertragen, ist sie zu schwach für etwas Widerstand?« Ja, jetzt kam es ihr wie Schwäche, wie Untreue vor. Sie hatte gleich ihren Stolz siegen lassen. Alle die Einwendungen, die ihr Vater gemacht, hatten sie beide ja vorausgesehen. Sie hatte gleich nachgegeben, während Kurt so fest für ihre Liebe eintrat. Würde es denn sein Glück wirklich sein, wenn sie sich ihm entzöge? Welch tiefes Leid hatte aus seinen Zügen gesprochen? Sie fragte sich selbst, ob sie nicht alles hingeben würde für seine Liebe. Warum hatte sie ihn denn geringer beurteilt?

Und wieder preßten sich die Hände vor das Gesicht. O, was sollte, was mußte sie denn nun tun? Abermals der Liebe entsagen, abermals ihm entfliehen? Oder mit ihm für alles kämpfen...?

Wer kann sagen, wohin sich in solchen Augenblicken der Entschluß neigt, wenn kein äußerer Anstoß hinzukommt!

Die Sonne stand schon im Nachmittag und vergoldete wie an jenem Tage, als Nora zu der Unterredung mit der Oberin gerufen wurde, die fernen Berggipfel, die man von dem Zimmer aus wahrnehmen konnte. Nora saß noch immer da, versunken in ihre Gedanken. Man hatte mehrmals angepocht, sie zu den Mahlzeiten zu rufen; sie hatte sich aber mit Kopfschmerz entschuldigt und auch niemand eingelassen. Die Oberin, das wußte sie, konnte erst gegen Abend wieder freie Zeit für sie gewinnen.

Jetzt pochte es wieder und zugleich ward ihr gemeldet, daß ein Brief für sie da sei. Tausend Ahnungen durchkreuzten in dem Augenblicke Noras Hirn; pochenden Herzens nahm sie den Brief entgegen. Er zeigte eine ihr fremde Handschrift, aber das Siegel trug eine Grafenkrone. Der erste Blick sagte ihr, daß er von Kurts Mutter war.

Die Gräfin gehörte zu den aktiven Naturen, die stets handeln müssen: das einzige, was ihnen den Kummer erträglich macht. Als sie allein in dem öden Hotelzimmer saß, wissend, welchen Weg ihr Sohn eingeschlagen, war sie der Verzweiflung nahe. Sie konnte weniger wie andere ertragen, daß ihre Pläne gekreuzt wurden, daß man ihr Widerstand bot. Eine lange Selbständigkeit, eine maßvolle, kluge Leitung derselben hatte sie darin verwöhnt. Sie war sich bewußt, auch diesmal nur vernünftige Ansichten zu vertreten. Aber das Wort »was tun?« war ihr stets das erste auf den Lippen. Daß ihr Sohn jetzt keinem Rate zugänglich war, machte sie sich klar; die Schilderung aber, die ihre Freundin von Nora entworfen, kam ihr wieder in den Sinn. Nun, wenn sie denn so edel, so wohlerzogen, so jeder Intrige fern war, dann konnte sie sich nicht in eine Familie drängen wollen, die sie nicht wünschte; wenn es wahr war, daß sie sich zurückgezogen, dann konnte sie es auch aussprechen, dann mußte sie ihre Liebe seinem Glücke zum Opfer bringen. Die Gräfin beschloß ihr zu schreiben, an ihr Herz, ihren Verstand, ihren Stolz zu appellieren.

Nora saß mit glühenden Wangen und las diesen Brief.

»Rauben Sie mir meinen Sohn nicht,« lautete der Schluß, der erst alle Gegengründe geltend machte; »stehen Sie nicht zwischen ihm und seiner Mutter. Das aber würden Sie tun, wenn er meinen Willen nicht achtete. Ja, Sie würden auch dann trennend zwischen uns stehen, wenn meine Macht so weit ginge, ihn davon abhalten zu können; denn das würde er der Mutter nie verzeihen. Aber man sagt mir, Sie seien großherzig und edelmütig – so verzichten Sie auf das, was unter diesen Verhältnissen sein Glück nicht sein kann. Wir Frauen sind opferfähig. Nur wenn er aus Ihrem Munde hört, daß Ihre Liebe die Kluft nicht übersteigen will, die sie beide trennt, wird sein Herz sich beruhigen und sein Ehrgefühl, das sich an Sie gebunden glaubt. Sie können ermessen, welche Kraft des Geistes und Herzens ich Ihnen zutraue, daß ich diese Bitte an Sie stelle – und unbegrenzt wird meine Achtung und meine Dankbarkeit für Sie sein.«

Das war kein übler Schluß; aber selbst unbegrenzte Achtung und Dankbarkeit fallen sehr leicht in die Wagschale gegen das, was das Herz als sein Liebstes erkennt. Es wäre der Gräfin vielleicht selbst schwer zu erklären gewesen, warum sie ihrem Herzen nichts wollte rauben lassen, und doch verlangte, daß ein anderes Herz so viel um ihretwillen aufgebe.

Nora las den Brief ein-, zweimal wieder. Verstand sie nicht recht, was die Gräfin wollte, hatte der liebevolle Anfang sie erst in andere Hoffnung gewiegt?

Aber plötzlich sprang sie empor; es war ihr klar geworden, was sie sollte. Was, was verlangte diese Frau von ihr? Sie sollte zur Selbstmörderin werden an ihrem eigenen Glücke – sie sollte sich selbst als wankelmütig und schwach bezeichnen und ihre Liebe verleugnen? Die leidenschaftliche Natur des Vaters regte sich in ihr. »Es wäre eine Lüge,« sagte sie, »es wäre eine Lüge! Denn meine Liebe findet, wie die seine, nichts unübersteiglich. Ich weiß, daß ich ihn nicht erniedrigen würde,« setzte sie mit bebenden Lippen hinzu; »ich weiß, wie gleich unser Denken und Fühlen ist. Ich werde ihn nicht zurückhalten ... aber ich werde auch meine Liebe nicht noch einmal verleugnen! Er soll wenigstens nicht von mir sagen, daß ich untreu sei und schwach.« Alle ihre früheren Zweifel waren geschwunden. Die Röte brannte noch auf ihren Wangen, als sie auch die Feder schon zur Hand genommen hatte.

»Ihr Sohn ist heute frei, wie er es gestern war,« schrieb sie fest und stolz; »denn mein Vater war es, der seine Einwilligung versagte, und ich werde ihm stets gehorsamen. Kein Wort, kein Schritt meinerseits wird Ihren Sohn zurückrufen, wie ich ihm schon ausgewichen bin. Aber ich kann keine Unwahrheit sagen, und die würde es sein, wollte ich das Versprechen der Liebe zurücknehmen, das er als sein Glück von mir gefordert, wollte ich das Gefühl verleugnen, das ich tief im Herzen erkenne und, ich glaube es, ewig für ihn empfinden werde. Ich will mit keiner Unwahrheit von ihm scheiden, denn die hat noch nie einen Schmerz gelindert, noch niemals Heil gebracht. Möge Gottes Wille geschehen, möge er alles leiten, wie es uns zum Heile gereicht; aber auch meine Liebe ist stark genug, zu warten und auszuharren.«

Der Brief war kaum beendet, als er auch schon geschlossen ward und die Schelle die Dienerin rief, die ihn besorgen sollte.

Da stand Nora lange still am Fenster. Wie ein Echo hallten die eben geschriebenen Worte ihr im Herzen wider, bald feierlich ernst, bald wie spottend und höhnend.

Hatte sie recht gehandelt, für ihre Liebe kämpfen zu wollen – hatte sie unrecht gehandelt, das Opfer zurückzuweisen, das den Kampf gleich beendet hätte?

Die Frage brannte auf ihren Lippen, brannte in ihrem Herzen, bis endlich die treue Freundin erschien.

Madame Sibylle war müde von den Leistungen des Tages, erschöpft von der Erregung des Morgens. Ihre Gedanken waren so lange diesem Gebiete der menschlichen Leidenschaft entfremdet, daß es ihr schwer wurde, sich hineinzufinden. Aber es gibt Herzen, denen die Erde nicht fremd wird mit all ihrem kleinen Leid, wie nahe sie dem Himmel auch kommen. Madame Sibylle nahm den heißglühenden Kopf des jungen Mädchens zwischen ihre Hände, sah beruhigend in diese brennenden, erregten Augen, hörte, wie es stammelnd von ihren Lippen kam, was als Sturm in der jungen Seele wogte.

»Recht oder Unrecht!« sagte sie mild. »Kind, irdische Liebe ist keine Tugend und kein Fehler ... ihr gemäß hast du gehandelt. Keine Pflicht forderte das Opfer, welches man dir auferlegen wollte; keinen Rat hast du gefragt, und vielleicht konnte auch nur dein eigenes Herz dir raten. Aber eines bedenke auch, mein Kind: es ist nichts Hohes, nichts Ungewöhnliches, wenn man für seine irdische Liebe kämpft oder leidet; das haben die schwächsten Menschen getan. Vor Gottes Auge ist es gar wenig bedeutend; denn unsere Liebe ist das natürliche Zeugnis unseres Herzens, die schönste Gabe des Lebens, die reizendste Blume, die der Herr in unser Dasein gesetzt. Aber wer ihren Duft genießen will, muß ihre Dornen mit in den Kauf nehmen; und es sind auch die schärfsten Dornen, die ein menschliches Herz treffen können, ist deine Liebe dir alle die Leiden wert, die sie bringen kann und unter diesen Verhältnissen wahrscheinlich bringen wird ... nun denn!! Jetzt hättest du vielleicht mit einem Opfer noch sie überwinden können ... wer weiß, ob du sie nicht mit tausend dir wirst erkaufen müssen. Aber Liebe, das ist auch wahr, wiegt viel auf ... Vielleicht hat der Herr sie dir als Wache an dein Herz gestellt, es vor anderen Kämpfen zu bewahren,« setzte sie hinzu, und legte wie segnend die Hand auf das junge Haupt, das sich tief vor ihr beugte. »Zum zweitenmal hast du den Kampf anstatt der Ruhe gewählt... möge der Herr dich führen, mein Kind.«

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