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Die Tochter des Kunstreiters

Ferdinande Freiin von Brackel: Die Tochter des Kunstreiters - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFerdinande Freiin von Brackel
titleDie Tochter des Kunstreiters
publisherJ. P. Bachem in Köln
printrun80. - 87. Auflage
firstpub1875
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060203
projectidb18d8d8d
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7

Mein muß sie sein – Mein muß sie sein!
Loreley.

Widerwärtige Angelegenheiten haben meist auch noch die Eigenschaft, uns zu den uns unbequemsten Stunden zu belästigen. Klemens Dahnow liebte die Ruhe allezeit, die innere wie die äußere, absonderlich aber die Morgenruhe. Der Tag schien ihm verfehlt, wo er nicht Morgenschlaf, Morgenkaffee, Morgenzigarre und Morgenzeitung ungestört genießen konnte. Durch die Degenthalsche Geschichte war seine innere Ruhe schon ins Schwanken geraten, jetzt wurde auch seine äußere von ihr bedroht.

Wenige Tage nach der Unterredung stürmte Degenthal eines Morgens in der Frühe in das Schlafzimmer seines Freundes, dem Einspruch erhebenden Diener zum Trotz.

Dahnow wollte dessen Protest ebenso entschieden erneuern, als ein Blick auf seinen Freund ihn verstummen ließ; denn bleich und verstört aussehend, war Kurt in einer Erregung, die Zeit und Ort nicht achtet. »Lies das,« sagte er mit heiserer Stimme, Dahnow einen Brief hinreichend, dessen zerknitterter Zustand schon zeigte, wie beunruhigend der Inhalt auf den Leser gewirkt hatte.

Degenthal ging dann mit großen Schritten in dem Gemach auf und nieder.

Eine Liebesgeschichte hat stets das Eigentümliche, nur dem unmittelbar Beteiligten zu imponieren. Bei traulicher Wanderung im Grünen oder in stiller Abendstunde bei Sternenlicht können wir wohl an den hochgehenden Wogen solcher Herzensergießungen verständnisinnig teilnehmen; aber wenn wir morgens halb acht noch in den Kissen liegen und die Morgensonne uns ins verschlafene Antlitz scheint, da kann der tragische Liebhaber nur auf die nüchternste Auffassung rechnen.

Dahnow las mit der kaltherzigsten Befriedigung den hingereichten Brief, der die Unterschrift des Direktors trug. »Indem ich Ihnen, hochzuverehrender Herr Graf,« lautete er, »für die Ehre danke, die Sie durch Ihre gestrige Anfrage meiner Tochter wie mir erwiesen, muß ich doch die Bitte, die Sie an mich richteten, ein für allemal entschieden zurückweisen. Ich zweifle durchaus nicht an Ihrer festen Absicht, das Glück meines Kindes zu begründen; Ihre Jugend allein spiegelt Ihnen aber die Möglichkeit dazu vor. Sie werden nie die Einwilligung Ihrer Familie zu dieser Verbindung erhalten, und ich kann von deren Standpunkt aus dies nur als berechtigt erkennen, da unsere Lebensbahnen zu verschieden sind. Aber niemals werde ich auch zugeben, daß meine Tochter in Verhältnisse tritt, wo sie nicht mit Freuden aufgenommen werden könnte, wo ihre Verbindung nur Anlaß zu Zwist und Mißstimmung gäbe, deren Folgen sie stets zu tragen hätte. Sie selbst, Herr Graf, haben in der Erregung des Augenblickes die Tragweite Ihres Entschlusses nicht ermessen. Meine Tochter erkennt vollkommen die Richtigkeit meiner Gründe an. Ich will Ihnen keinen Vorwurf daraus machen, daß Sie ihr Wort gewonnen, ehe Sie meine Ansicht darüber kannten, indem meine Tochter mir sagte, welch seltsame Täuschung Sie zu Ihrer Erklärung veranlaßte; – mit jungen, liebenden Herzen soll man nicht streng rechten. Doch bedaure ich sehr, zu spät gekommen zu sein. Ein Gerücht hatte mich auf das aufmerksam gemacht, was leider jetzt eingetroffen ist. An Sie, Herr Graf, muß ich aber um so mehr die Bitte stellen, meine Entscheidung streng zu achten und in keiner Weise meine Tochter in ihrem Entschlusse wankend zu machen oder ihr denselben erschweren zu wollen. Suchen Sie nicht ihren Aufenthalt zu erforschen; wir verlassen auf einige Zeit diese Gegend. Sie werden mir einst selbst für den Schmerz danken, den ich Ihnen heute bereiten muß, und an den ich gern glaube, wie an die Aufrichtigkeit aller Ihrer Gesinnungen. Mit der aufrichtigsten Hochachtung usw. Ihr ergebenster Karsten.«

»Vernünftiger Mann!« klang es aus Dahnows tiefster Seele. Doch ehe das Wort noch laut wurde, schien es ihm Degenthal schon von den Lippen zu lesen.

Funkelnden Blickes blieb er vor dem Freunde stehen. »Du findest das natürlich alles vortrefflich, ausgezeichnet, ganz deine Meinung,« sagte er schneidend und mit bebender Stimme, »wie unglücklich wir auch werden mögen durch diese philisterhafte Auffassung! O, sie haben sie zu Tode gequält, bis sie das erreicht!« rief er wie außer sich und warf sich auf einen Stuhl, die Hände vor das Antlitz schlagend.

Dahnow wandelte menschliches Rühren an. »Armer Junge,« sagte er möglichst teilnahmsvoll, ihm die Hand reichend. Innerlich dachte er aber noch mehr: »Armes Mädchen!« Seltsamerweise geht das Liebesweh des anderen Geschlechtes uns immer mehr zu Herzen, als das des eigenen. Er sah wieder jenen Blick, mit dem sie Kurt nachgeschaut und in dem ihr ganzes Herz gelegen hatte. Warum sie es gerade an den verloren, begriff er nicht recht: kein Mann begreift, daß der andere sehr geliebt werden kann. Aber es war einmal so, und daß das liebliche Geschöpf vielleicht jetzt ebenso traurig dareinschaute wie der da vor ihm Sitzende, das ging dem ehrlichen Mecklenburger doch gewaltig nahe.

»Lies auch das noch,« sagte Degenthal, ihm einen zweiten Zettel hinreichend, da er die weichere Stimmung des Freundes witterte. Eine Mädchenhand hatte nur die wenigen Worte darauf geworfen: »Es war ein schöner, aber großer Irrtum. Es ist besser, zu scheiden. Leben Sie wohl. Gott segne Sie. Nora.«

Dahnow seufzte; ein gewisses Schuldbewußtsein stieg in ihm auf, mit Ursache dieses Kummers zu sein. Eine Weile blieben beide Freunde stumm. Aber je mehr Dahnow nachdachte, um so mehr siegte die trockene Morgenstimmung wieder. Sie wäre jung und schön und würde vergessen, andere würden sie trösten, meinte er.

»Weißt du, Alter,« begann er demgemäß in versöhnlichstem Tone, »wie traurig es auch für den Augenblick ist, so hat ihr Vater doch wohl recht; jetzt ist die Trennung noch leichter, und du würdest doch nie die Schwierigkeiten haben bewältigen können.«

Degenthal schnellte ordentlich empor. »Glaubst du denn, daß ich es dabei lassen werde?« schrie er.

Dahnow hatte einen verkehrten Schachzug getan. Nichts befestigt in solchen Fällen mehr, als der Zweifel an der Möglichkeit des Gelingens. »Glaubst du, daß so ein Wisch,« und Degenthal schleuderte den Brief verächtlich von sich, »mich in meinem Entschluß wankend machen würde? Bis an den Nordpol werde ich sie suchen! Ich weiß, sie liebt mich, und niemand soll uns trennen.«

Dahnow hätte Lust gehabt, wegen des Nordpols zu erwähnen, daß dort ein sehr abkühlendes Klima sei; da seine Worte aber bis jetzt eine so unglückliche Wirkung gehabt hatten, hielt er es für weiser, zu schweigen. Degenthal fuhr unaufhaltsam fort. »Ich habe sofort alle erdenklichen Versuche angestellt, etwas über sie zu erfahren. Ich hörte nichts, als daß sie gestern morgen abgereist seien. Hätte ich nur Nora nicht das Versprechen gegeben, nicht vor der Antwort des Vaters wiederzukommen! Ich war heute morgen schon auf dem Telegraphenamt wie auf der Post; ich dachte, der Direktor könne dort Adressen zurückgelassen haben. Aber ich erfuhr nichts. Jetzt erkundige ich mich an der Eisenbahn. Karsten ist eine bekannte Persönlichkeit, man muß dort etwas in Erfahrung bringen.«

»Du bist ja recht zeitig gewesen,« brummte Dahnow dazwischen, mit einem trübseligen Gedanken an seine gestörte Ruhe.

Degenthal beachtete es aber nicht. »Nun habe ich hier noch eine Nachricht erhalten,« fuhr er fort, »und um deshalb mußte ich dich stören. Du könntest mir einen großen Gefallen tun. Meine Mutter schrieb mir gestern, daß sie kommen wolle; ich verstand nicht recht, wann. Meine Gedanken sind zu zerstreut. Da ich aber wahrscheinlich abreisen muß, kann ich sie nicht empfangen. Sei so freundlich, sie am Bahnhofe zu begrüßen. Da, lies ihren Brief, damit du weißt, wann; ich kann mich nicht darum kümmern.«

Dahnow las ergeben auch dies dritte Schreiben. »Deine Mutter will nicht hierher kommen: sie ist nur auf der Durchreise nach Brüssel, wo sie deine Cousine aus dem Pensionat holen will. Sie hofft aber, dich am Bahnhofe zu treffen und rechnet darauf, daß du sie begleiten würdest.«

»Davon kann jetzt keine Rede sein,« erklärte Degenthal.

»Es wird deiner Mutter aber sehr auffallend sein, wenn du ihr diese kleine Gefälligkeit abschlägst!«

»O nein,« meinte Degenthal; »sie wird meinen Brief schon haben und wissen, warum.«

»Es ist sehr fraglich, ob sie deinen Brief schon hat,« sagte Dahnow wieder, indes er gar nicht daran zweifelte, daß die Gräfin den seinen erhalten habe und daher einen Reiseabstecher für Degenthal sehr günstig fände. »Dem Poststempel zufolge ist es sehr möglich, daß dein Brief sie nicht erreichte. Wie dem auch sei, du wirst die gute Stimmung deiner Mutter immer nötig genug haben, um sie nicht unnütz zu erzürnen. Wie ich damals deine unbedingte Abhängigkeit nicht begriff, so ist es mir jetzt unerklärlich, wie du so gar nicht daran denkst, ihre Gefühle zu schonen. Ich habe es dir freilich prophezeit.«

Ein tüchtiges, gesundes Wort findet auch in das erregteste Gemüt immer am ersten Eingang. So auch hier. Degenthal fühlte sich getroffen; er murmelte etwas von »was ihm jetzt am wichtigsten sein müsse«; doch Dahnow verfolgte den errungenen Vorteil.

»Ob du deine Nachforschungen einen Tag später oder früher beginnst, ist jedenfalls gleichgültig. Der Direktor ist kein Mann, der spurlos verschwinden kann; also behalte jetzt die Hauptsache im Auge: deine Mutter dir freundlich gesinnt zu erhalten. Auf der Reise findet sich Gelegenheit zu manchem vertraulichen Wort.«

»Ich werde sehen,« sagte Degenthal. »Aber jedenfalls sei du auch am Bahnhofe; wenn ich kann, werde ich dir folgen. Ich glaube, du meinst es gut mit uns.«

»O Herr,« dachte Dahnow, als Degenthal sich endlich entfernt hatte, »wenn er es wüßte!« Griesgrämig schellte er seinem Diener und stürzte den Kopf in einige Waschbecken kalten Wassers, um sein Gleichgewicht wieder herzustellen, und dann, in einen türkischen Schlafrock gehüllt, ein herausforderndes Fez auf dem Haupte, zu einem möglichst behaglichen Morgenkaffee überzugehen. Doch wenn das »Schicksal« sich gegen uns verschwört, helfen uns selbst die »Götter« nicht. Der braune Trank duftete eben in der Tasse, das erste Wölkchen der Havanna wirbelte in die Luft und die Morgenzeitung lag noch unaufgefaltet neben ihm, als schon wieder ein Gast an der Tür erschien und sich ebensowenig als der erste abweisen ließ. Aeußerst mißmutig und etwas verlegen griff Dahnow nach seiner roten, muselmännischen Kopfbedeckung, als der neue Eindringling schon vor ihm stand. Er musterte ihn mit erstaunten Blicken: ein schlanker Mann in den mittleren Jahren, dessen langer, schwarzer Rock seinen geistlichen Stand anzeigte. »Kaplan Lucke, der frühere Erzieher des Grafen Degenthal,« sagte der Fremde. »Sie werden meinen Namen kennen durch Graf Kurts Vermittlung, wie ich in Ihnen, Baron Dahnow, seinen besten Freund weiß.«

Dahnows Züge hellten sich auf; er hatte durch Kurt zuviel von dem würdigen Manne gehört, um ihn nicht gern willkommen zu heißen.

»Was mich zu Ihnen führt, werden Sie erraten. Herr Baron,« sagte der Geistliche, gerade auf den Gegenstand kommend, obgleich bei den Worten auf Dahnows Stirn eine Wolke wieder aufzog. »Zuerst und hauptsächlich soll ich Ihnen den Dank der Frau Gräfin aussprechen,« fuhr er fort, »für den echten Freundschaftsdienst, den Sie ihr und ihrem Sohne durch Ihren Brief geleistet haben.«

»Er würde ihn mir schwerlich danken, wenn er davon wüßte,« sagte Dahnow melancholisch. »Wer weiß, ob man gut tut, sich um fremde Angelegenheiten zu kümmern! Man macht die Leute zehnmal leichter unglücklich als glücklich,« setzte er unwirsch hinzu.

»Wie steht die Sache?« fragte der Geistliche weiter, ohne auf den Einwurf einzugehen.

»Gut und schlecht, wie Sie oder er es nennen,« sagte Dahnow und berichtete die Ereignisse der letzten Stunden. »Natürlich denkt er noch nicht daran, die Sache aufzugeben. Wenn die Frau Gräfin etwa meint, den Herrn Sohn mit Redensarten heimzukriegen, irrt sie sehr; dann geht er ihr ganz gewiß durch.«

»Halten Sie es für eine Intrige der Familie ... eine Berechnung, den jungen Grafen zu ... nun, einzufangen, wie der landläufige Ausdruck sagt? ... Was halten Sie von der jungen Dame?« inquirierte der Geistliche weiter, als suche er sich ein klares Bild von der Sache zu machen.

»Mit solchen Augen, wie die sie hat, braucht sie nicht zu intrigieren und zu suchen, ob sie jemand einfangen kann,« antwortete Dahnow immer in demselben unwirschen Ton. »Soviel sage ich Ihnen, Herr Kaplan: wenn ich sie fest hätte, wer weiß, ob ich sie aufgäbe, und wenn die ganze Welt dagegen wäre! Sie ist ein Mädchen, wie jeder Mann sich nur seine Liebe träumen kann ... Aber das ist ja nicht Ihr Fach,« setzte Dahnow plötzlich mit einem freundlichen Lächeln hinzu, sich entsinnend, daß er einem Fremden gegenüber stände. Wenn aber Dahnow lächelte, hatte er etwas sehr Gewinnendes, was jeden unangenehmen Eindruck verwischte.

»Die junge Dame war als Kind bereits schön und selten begabt,« fuhr der Geistliche in dem eigenen Gedankengange fort. »Schon um der verstorbenen Mutter willen nehme ich großen Anteil an dem Kinde, und es würde mir unsäglich leid tun, wenn die Erziehung, die wir ihr nach bestem Willen geben ließen, sie nur zu einer Intrige fähiger gemacht hätte, wie die Frau Gräfin meint.«

»Wer spricht von Intrige?!« rief Dahnow. »Können Frauen nie etwas einfach nehmen? Sie meinen immer, das müßte fein angelegt und ausgesponnen sein. Was gibt es Einfacheres, als daß ein junger Mann sich in ein selten schönes, liebenswürdiges Mädchen verliebt, und sie in ihn? Wäre die vertrackte Stellung des Vaters nicht, man könnte ihm wahrlich Glück dazu wünschen. So begreife ich, daß es der Gräfin ein Dorn im Auge ... aber ich tue nichts mehr in der Sache, gar nichts, das sage ich, Ihnen.«

Der Kaplan sah den jungen Mann aufmerksam an. Er schien seine eigenen Gedanken dabei zu haben; denn ein feines Lächeln spielte um seine Lippen, als Dahnow sich jetzt abwandte und, beide Hände in die weiten Taschen seines türkischen Schlafrockes versenkt, in Gedanken verloren am Fenster stand.

»Ich glaube, wie die Sache jetzt liegt, brauchen wir auch nichts darin zu tun. Der Vater hat ja vor der Hand selbst abgebrochen. Da wird es am besten sein, die Angelegenheit ruhen zu lassen. Die Frau Gräfin hofft, daß Graf Kurt sie nicht allein nach Brüssel, sondern auch dann heimbegleiten wird, und gedenkt ihn dazu zu bewegen. Andere Kreise, andere Beschäftigung ... da wird sich die Leidenschaft legen und der Schmerz heilen.«

»So, meinen Sie das?« sagte Dahnow, sich fast zornig umwendend. »Sie müssen einen verzweifelt kurzen Begriff von der Liebe haben, daß Sie das so leicht nehmen!«

»Sie haben ja eben selbst gesagt, daß es mein Fach nicht sei,« meinte der Kaplan, ruhig lächelnd. »Einige Beispiele habe ich aber immerhin für meine Behauptung. Es wäre schlimm, wenn jeder Jugendeindruck unauslöschlich wäre ... und Sie selbst, Herr Baron, sprachen ja auch ganz Ähnliches in Ihrem Briefe aus.«

Dahnow strich sich verlegen den Bart; er war in der eigenen Schlinge gefangen.

»Die Frau Gräfin,« fuhr der Geistliche fort, ohne ihm Zeit zu seiner Verlegenheit zu lassen, »ist gestern abend spät in C. angelangt. Sie schickte mich heute morgen in einem Frühzuge voraus, um Erkundigungen bei Ihnen einzuziehen ... weshalb ich mich noch wegen meiner so unziemlich frühen Störung entschuldigen muß. Die Gräfin wünscht aber vor Mittag die Antwort zu haben, und ich werde ihr doch einige vorläufige Beruhigung bringen können. Sie denkt heute nachmittag weiter zu reisen und hofft, ihren Sohn auf dem Bahnhofe zu treffen.«

»Rechnen Sie nicht zu sicher darauf, obgleich ich es ihm möglichst ans Herz legte,« sagte Dahnow. »Er ist in einer Stimmung, in der er zu allem fähig ist. Sie haben mir übrigens eben eine Inkonsequenz so schlagend nachgewiesen, daß ich Sie wohl mit einer etwas konsequenten Schlußfolgerung überraschen darf. Ein Frühzug, der an einen Spätzug schließt, ergibt die geringste Frist zur Befriedigung unserer leiblichen Bedürfnisse. Ich bin überzeugt, Sie haben nur sehr hastig frühstücken können; darf ich Ihnen einen Ersatz anbieten?«

Der Kaplan mußte diese Folgerung als richtig anerkennen und nahm den Vorschlag an. Die gereizte Stimmung des jungen Mannes schien ihm nicht ganz unerklärlich, trotzdem es »nicht sein Fach« war.

Dahnow aber, der sich eines kleinen Privatkellers erfreute und sich auf eine gewisse Frühstückswissenschaft etwas zugute tat, zauberte, nach einigen geheimen Winken an seinen Diener, bald ein Mahl herbei.

»Also auf unseren Feldzug contre l´amour!« sagte Baron Dahnow, ein Glas mit Sherry füllend und dem Kaplan hinreichend. »Wäre ich nicht ein so arger Ketzer, ich könnte Sie um Ihren Stand beneiden, der Ihnen solche Ruhe in diesen Dingen in Ihrem Alter schon gibt.«

»Aber ich möchte nicht auf den Feldzug trinken,« gab der Kaplan zurück. »Weiß Gott, wären nicht so ernste Hindernisse, ich möchte am wenigsten solches Glück gestört wissen. Ich bin Ihrer Ansicht, daß es stets furchtbar ist, in anderer Leute Geschick einzugreifen. Auf dem Lebenswege dieser jungen Dame, der ohnehin so schwierig ist, wird dies ein Stein mehr sein. Möge Gottes Wille ihn lenken! Wer weiß, wozu er ihr diesen Schmerz sendet!«

»Sie sind sehr fromm, Herr Kaplan,« meinte Baron Dahnow. »Bah! Weiber vergessen leicht, und schöne besonders finden bald einen Tröster. Wir beide haben das Schlimmste von der Sache: nichts als Mühe und Unruhe.«


Am Nachmittage befand sich Dahnow zur bestimmten Stunde auf dem Bahnhof. Als der Zug schon heranbrauste, kam auch Degenthal im Reiseanzug, doch nur eine leichte Reisetasche mit sich führend.

»Ich werde meine Mutter begleiten, komme aber übermorgen zurück. Laß mich dann auch dich hier finden,« sagte er zu Dahnow. Es war schon Zeit zum Einsteigen. Eben erfolgte noch eine kurze Vorstellung Dahnows an die Gräfin, welche ihm besonders wohlwollend zunickte; dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung.

»Jedenfalls bis übermorgen!« rief Kurt dem Freunde noch einmal aus dem Abteil zu, als wollte er auf diese Weise auch seiner Mutter gleich seine Absicht kund tun – dann sauste der Zug weiter.

»Ein bestimmtes Gesicht, die Mama! Mit der ist nicht gut Kirschen essen,« dachte Dahnow bei seiner Heimkehr zur Stadt. »Am besten würde es sein, wenn die Cousine schön wie ein Cherub wäre; ein Schwärmer ist zu allem fähig, obgleich der Junge mehr Willen hat, als ich dachte. Arme Nora dann! Aber der Kaplan hat recht; es wäre hart, wenn jeder Jugendeindruck unauslöschlich wäre.« Und Baron Dahnow seufzte schwer. »In die Hand der Mama hab' ich ihn wieder geliefert, ... mehr tu ich nicht,« setzte er, wie gewöhnlich auch diesmal hinzu.

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