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Die Tochter des Kunstreiters

Ferdinande Freiin von Brackel: Die Tochter des Kunstreiters - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorFerdinande Freiin von Brackel
titleDie Tochter des Kunstreiters
publisherJ. P. Bachem in Köln
printrun80. - 87. Auflage
firstpub1875
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060203
projectidb18d8d8d
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5

Ihr wißt's, wie wir so selig waren,
So selig und so rein dabei –
Rein, wie man's ist mit achtzehn Jahren:
Es war im schönen Monat Mai.
Geibel.

Vor der Stadt lag eine reizende Villa, eine Villa, wie der frische, graziöse Sinn des Rheinländers sie baut: zierlich und leicht, von Reben umrankt, von Grün umgeben, das von Blumen überschüttete Gärtchen schon von fern einem entgegenleuchtend. Dicht an der Wegstraße liegen die rheinischen Villen, da der gesellige Sinn der Menschen dort nicht gern weit vom Verkehre weilt und die Schönheit der Natur sich bis mitten in die Städte hineinzieht. Aus irgend einem Fenster an irgend einer Seite ist dann noch ein besonderer Auslug auf den alten Vater Rhein mit seinen grünen Wogen und grünen Bergen, ohne deren Anblick der Rheinländer nicht leben kann.

Karsten hatte seine Frau und Tochter für die Sommermonate hier eingemietet, einen Aufenthalt ihnen da bereitet und sie mit einem Luxus umgeben, wie es nur erworbener Reichtum tut, der gern im Ueberfluß des Lebens schwelgt, im Gegensatze zu dem ererbten, der lieber unter dem Maßstabe desselben bleibt. Beides hat seine Berechtigung; das Gefühl, alles selbst errungen zu haben, es täglich vermehren und erneuern zu können, gibt größere Freiheit zum Verschwenden des Besitzes: die größere Anstrengung verlangt größeren Genuß. Es ist das anders, als wenn ich mein Hab und Gut gleichsam nur als Lehen übernommen habe und die Macht und die Pflicht zum Erhalten fühle, deren Hauptbedingung Vorsicht ist.

Überdies muß der eine durch äußeren Glanz sich erst seine Stellung erobern, indes der andere, im sicheren Besitze derselben, seinen Mitmenschen gegenüber des äußeren Glanzes entbehren kann. Je zweifelhafter daher der gesellschaftliche Standpunkt, um so mehr Luxus sieht man entfalten. Auch Direktor Karsten hatte fast unbewußt nach diesem Gesetze gehandelt.

Nora saß in dem reizend ausgestatteten Boudoir, das sich an den größeren Salon schloß, auf ihrem Lieblingsplatz im Erker mit der schönen Aussicht. Sie träumte von den vergangenen Tagen. Mai war es, und im November hatte sie Abschied genommen von ihrem stillen Klosterleben. Was für bunte Bilder hatten sich schon aneinander gereiht seitdem! Ihr Mund lächelte dabei, denn keiner der Schrecken, die sie befürchtet, hatte sich bis jetzt verwirklicht; es schien ihr, sie müsse sich nur stemmen gegen das weiche Wohlbehagen, das sie aufgenommen, das so seltsam abstach gegen den Ernst ihres früheren Lebens. Ihr Vater hatte sie mit größter Zärtlichkeit empfangen und schien nur den Gedanken zu haben, sein Kind mit allen Annehmlichkeiten des Lebens zu umgeben. In ihrer Stiefmutter fand Nora ein gutmütiges, harmloses Wesen, noch ganz erfüllt von der Ehre, zur Direktorin erhoben zu sein, sie, die hübscheste, aber sehr mittelmäßige Reiterin der Gesellschaft, die mit ihren hellen Locken und ihrem rosigen Gesichte zum Neid aller ihrer Gefährtinnen diese große Eroberung gemacht. Der Direktor hatte vollkommen die Wahrheit gesagt, indem er als Grund seiner zweiten Ehe den Wunsch angab, seine Tochter bei sich haben zu können. Er sehnte sich wieder nach dem, was er einst besessen: einem häuslichen Herd inmitten des fahrenden Lebens; aber er war zu alt, um sich in anderen Zirkeln umzusehen. So hatte die anerkannte Güte wie der für diese Kreise selten gute Ruf der bescheidensten seiner Damen sein Augenmerk auf sie gelenkt. Ihre blauen Augen, die geschickt genug ihre Bewunderung für ihn auszudrücken wußten, hatten seinen Entschluß bald zur Reife gebracht.

Frau Emilie wußte, daß in dem friedlichen Verkehre mit der Stieftochter ihr Haupthalt liegen würde: sie war auch viel zu leichtherzig und leichtlebig, um ihr nicht freundlich entgegenzukommen. Noras Unbefangenheit gab sich auch gern der gebotenen Herzlichkeit hin. Was ihr feineres Gefühl an der Stiefmutter entbehrte, ersetzte deren Heiterkeit; eine gewisse Ehrfurcht für die höhere Bildung der Tochter legte ihr überdies in Gegenwart derselben stets Zwang auf, der manche Mängel verdeckte. So hatten sich die Verhältnisse für Nora sehr befriedigend gestaltet. Die steten Reisen, der Aufenthalt in den größten Residenzen hatten ihren Geist genügend beschäftigt und sie den Umgang mit anderen Menschen nicht entbehren lassen; der Luxus aber, von dem sie sich umgeben sah, ließ ihr das angenehme Gefühl höherer Lebensstellung.

Jetzt war die Familie zum erstenmal zu einer festen Niederlassung gekommen, zu einer Art begründeter Häuslichkeit, die Nora mit dem vollen Reize der Neuheit umfing. Die Beherrschung des kleinen Reiches hatte die Stiefmutter gern an Nora überlassen, da sie ihrem Kopfe doch zu schwer geworden wäre, und sie lieber dem Genuß aller der Herrlichleiten ungestört sich hingab. Nora aber, die viel vom organisatorischen Talent des Vaters ererbt, nahm sich der Sache mit voller Tätigkeit an und wußte dem häuslichen Luxus den feinen Anstrich guten Geschmacks zu geben. Der Direktor selbst kehrte nur auf Tage und Stunden in der Villa, ein, da seine Truppe in verschiedenen Abteilungen in den größeren Städten des Rheinlandes Vorstellungen gab und er bald hier, bald dort bei ihnen weilte.

Noras ganzes Glück war es gewesen, als sie wieder ein Pferd besteigen, ein Pferd ihr Eigen nennen durfte. Das war der einzige Punkt, worin sie dem Rat ihrer frommen Freundin und Erzieherin nicht gefolgt war.

Auf den Brief voll Entzücken, den sie über ihres Vaters Güte schrieb, als er ihr eines seiner schönsten Pferde geschenkt, hatte die Oberin etwas ernüchternd geantwortet: »Wäre es nicht besser, mein Kind, du enthieltest dich ganz dieser Uebung in deinen Verhältnissen?«

Das junge Mädchen hatte da zum erstenmal ungeduldig den Brief der erfahrenen Freundin beiseite gelegt, hatte fast schmollend die roten Lippen aufgeworfen, und eine heiße Träne war ihr in das Auge getreten.

Sie war ihres Vaters echte Tochter; wie sie als Kind es leidenschaftlich geliebt hatte, an dem Pferd ihre Kraft, ihre Geschicklichkeit, ihren Mut zu erproben, so liebte sie diese Uebung um so mehr, je länger sie dieselbe entbehrt hatte. Es lag eine Wahrheit in den Worten der Nonne, der sie sich nicht entziehen konnte; aber wenn wir etwas sehr wünschen, finden wir leicht einen Grund, den Wunsch vor uns selbst zu rechtfertigen. »Lassen Sie mir diese Freude,« schrieb sie zurück; »es ist überdies das einzige, was mich meinem Vater wieder so recht nahe bringt.« Die Oberin kam in keinem ferneren Schreiben darauf zurück; den leisen Seufzer aber, mit dem sie diese Zeilen las, hörte Nora nicht.

Ihrem Vater brachte es sie näher, das war richtig; er war nie entzückter von seiner schönen Tochter, als wenn er sie zu Pferde sah, wenn sein Talent so ganz in ihr sich widerspiegelte. Eine leise Reue über das gegebene Versprechen war manchmal auf seinen Zügen zu lesen, wenn er ihre außerordentliche Gewandtheit anstaunte; doch lieh er ihr nicht Worte.

Was es aber war, was Nora das Gefühl innerer Befriedigung gab, als sei plötzlich alles, wonach sie unklar sich gesehnt, in dem neuen Leben gefunden – das hätte sie selbst nicht zu sagen gewußt. Sie empfand es nur als ein Glück, das sich nicht ergründen läßt, für das wir noch keinen Namen haben. Der ungetrübte Abglanz davon lag auch jetzt auf ihrem lieblichen Gesichte: Ein Ausdruck frischester, freiester Fröhlichkeit. Was hatte sie diesen Morgen nicht alles schon geleistet! In den frühen Morgenstunden hatte sie ihr Pferd getummelt, ihre kleine Häuslichkeit beherrscht, und nun lag vor ihr ein ernstes Buch, in das sie sich vertiefen wollte; denn in kindlicher Unterordnung hielt sie die Ratschläge ihrer frommen Erzieherin fest und ließ auch in keiner ihrer frommen Gewohnheiten nach.

Aber der helle Maimorgen war dem Studium wohl nicht zuträglich; denn alle Augenblicke hob sich ihr Kopf, hinauszuschauen in die lachende Landschaft, oder ihre Hand griff hinein in das junge Grün, das seine ersten Sprossen am Fensterrande zeigte.

Plötzlich wandte sie sich rasch um, strahlenden Blickes einen eben Eintretenden zu begrüßen. »O, wie gut, daß Sie endlich kommen, Graf Degenthal,« rief sie munter; »es ist unmöglich, etwas zu tun bei dem Sonnenscheine.« Sie klappte das Buch zu, das vor ihr lag, und trat ihm entgegen.

»Also ich darf eintreten?« sagte der Angeredete. »Aber wenn ich eintreten darf, brauche ich Sie nicht von Ihrem Lieblingsplatze zu verscheuchen.«

»Nein, da haben Sie recht; nirgends plaudert's sich so hübsch wie hier,« sagte sie unbefangen und nahm ihren früheren Platz wieder ein.

Er setzte sich ihr gegenüber. An der ungezwungenen Art der Begrüßung, an der ruhigen, gegenseitigen Sicherheit konnte man sehen, wie diese Besuche etwas Gewohntes waren.

»Nun, und woran störte Sie der Sonnenschein?« fragte er, die Hand nach dem Buch ausstreckend, das sie ihm bereitwillig hinschob. »Wie ernst; Sie beschämen einen, Fräulein Nora, indem Sie an solche Gedanken sich wagen!«

»Gegengewicht muß sein,« sagte sie mit einem kleinen Seufzer; »ich habe es nötiger als Sie! Der gänzliche Mangel an allem Tieferen und Ernsteren ist das einzige, was ich hier schmerzlich empfinde. Bei Ihnen allein finde ich darin Verständnis.« Ihre blauen Augen ruhten dabei so voll und ganz auf ihm, daß es dem jungen Mann eigen zumute wurde, als er sich dem schönen Blicke gegenüber befand.

»Mit dem Ernste sieht es schlimm bei mir aus,« gab er ein wenig gezwungen zurück. »Schwärmen, nichts als schwärmen und verschwendete Zeit! Wäre es nicht Studentenleben, das nur einmal kommt, man sollte es bereuen. Aber denken Sie ebenso, Fräulein Nora? Sie sind ja auch dem Schulleben erst entronnen. Sehen Sie, ich habe Ihnen hier etwas mitgebracht, was vielleicht besser zur Maisonne paßt. Sie klagten über Mangel an Lektüre ....«

»Haben Sie mir etwas zu lesen mitgebracht?« sagte Nora, froh nach den Goldschnittbänden greifend, die er vor ihr niederlegte. »Ich hatte nichts mehr zu lesen als meine Studienbücher, da mir niemand darin raten kann ... Aber darf ich dies auch lesen?« setzte sie zögernd hinzu.

Der junge Mann lächelte nicht bei der naiven Frage; er kannte zu gut die Schranke, welche vorsichtige Erziehung um eine junge Mädchenseele zieht, und nicht die geistvollste Bemerkung hätte ihm so zugesagt, sie seinen Anschauungen so nahe gebracht, wie diese zarte Gewissenhaftigkeit.

»Meine Mutter selbst würde sie Ihnen empfehlen,« sagte er. »Es sind Sammlungen unserer besten deutschen Dichter. Ich habe mich schon darauf gefreut, Ihnen einiges daraus mitzuteilen ... Kennen Sie dieses?« fragte er und beugte sich über das Buch, ihr einige Strophen vorlesend.

Er las gut, und Nora lauschte gern – seiner Stimme, wie dem, was er las. Es waren ernste, schwermütige Worte. Die Jugend liebt das Wehmütige, wie das Alter das Erheiternde; aber es waren Worte voll echter Poesie. Noras leicht rührbare Natur mit der poetischen Ader, die ihr als irisches Erbe von der Mutter überkommen war, machte sie besonders empfänglich für alles, was Dichtung war. Seine gründliche Bildung wußte das wahrhaft Schöne daran noch mehr hervorzuheben. Worte und Gedanke spannen sich hin und her wie ein leuchtender Faden. Wie sie da saßen, die beiden, und das Herz ihnen pochte vor unverstandener Erregung, ahnten sie kaum, daß noch ein anderer magischer Zauber sich über sie ausbreite, stärker als Dichterworte und Maienrausch.

Das ist wohl das Schöne der ersten Liebe, der Himmelsduft, der sie umgibt, wie dann noch ganz rein sich Seele an Seele schließt und der Mensch sich kaum bewußt wird, daß es auch der Strahl des Auges ist, der fesselt, der Druck der Hand, der brennt.

Keine spätere Liebe, mag sie treuer, tiefer, süßer sein, ist so frei vom Irdischen, und um deshalb, wie flüchtig die erste Liebe oft sein mag, wird ihrer stets mit solcher Wehmut gedacht.

Degenthal hatte seit Wochen in der Villa verkehrt; es hatte sich so natürlich ergeben, daß er jetzt kaum bemerkte, wieviel Zeit er dort zubrachte. Bei seinem ersten Besuche, den er mit Dahnow dem Direktor und seiner Familie gemacht, war Nora bei dem Wiedersehen stumm und schüchtern geblieben, wie das oft ist, wenn die Jahre, welche Kindheit und Jugend trennen, dazwischen liegen und die frühere Vertraulichkeit mehr hindernd als vermittelnd wirkt.

»Nur eine Pensionärin!« hatte Dahnow etwas enttäuscht gesagt. »Wer sich die Haare so entstellend über die Schläfen ziehen kann, ist wahrlich keine gefährliche Sirene! Nicht einmal die Versuchung, ein armes, unterdrücktes Geschöpf vor einer bösen Stiefmutter zu retten! Das blonde Wesen sieht ja wie die personifizierte Gutmütigkeit aus und scheint mehr in Furcht vor der Tochter, als umgekehrt. ... In unserer nivellierenden Zeit bietet nicht einmal eine Kunstreitergesellschaft mehr etwas Interessantes, denn ein hübsches, linkisches Mädchen kann man auch in besserer Gesellschaft finden,« hatte er brummend hinzugesetzt.

Dahnow war gleich darauf seiner Familienverhältnisse wegen in die Heimat gerufen worden und weilte noch da. Degenthal aber hatte nichts Pikantes gesucht; ihm war es um das Wiedersehen zu tun gewesen mit dem Mädchen, das ihm als Kind solches Interesse eingeflößt, dessen eigentümliches Schicksal ihn so oft in Gedanken beschäftigt hatte. Er konnte sich der Phantasie nicht erwehren, daß sie ihm gewissermaßen anvertraut worden sei in jener Stunde, wo er am Sterbebett ihrer Mutter geweilt.

Ob ihm diese Verpflichtung so vor Augen getreten wäre, hätte er Nora unschön und unliebenswürdig wiedergefunden, wollen wir dahingestellt sein lassen; aber er fand sie wieder mit allen Reizen der Natur geschmückt und, was seinem feinen Sinne noch mehr zusagte, mit all der Anmut, die eine gute Erziehung gibt, und die man der Harmonie wegen, die sie dem Ganzen leiht, gar nicht mit Unrecht den »guten Ton« nennt. Kurt Degenthal war fast ausschließlich von Frauenhand erzogen und des Frauenumganges gewohnt; inmitten des lauten Studentenlebens tat es ihm doppelt wohl, einem feingebildeten weiblichen Gemüte zu begegnen. Daß er des Umganges mit viel größerer Freiheit genoß, als in jeder anderen Häuslichkeit der Fall gewesen wäre, lag eben in den eigentümlichen Verhältnissen und kam weder ihm noch Nora recht zum Bewußtsein. Die Kindheitsepisode schlang in ihren Augen eine Art geschwisterlicher Vertrautheit um sie, die sie ganz natürlich fanden.

Frau Emilie, geschmeichelt durch die Besuche eines Grafen, hatte in der ersten Zeit versucht, sich an der Unterhaltung zu beteiligen: aber Degenthals ganze Art und Weise war ihr zu fern und zu fremd, um Geschmack daran zu finden, so daß sie bald sich gern davon dispensierte und Kurt und Nora meist ungestört ließ. Wer die beiden jungen Leute aber in den langen Stunden ihres Beisammenseins belauscht hätte, würde vielleicht gestaunt haben über die ernste Richtung, welche ihre Gedanken nahmen. Aber wie schon gesagt, die Jugend sucht den Ernst. Beide waren tiefe Naturen, beide retteten sich zueinander aus der Oberflächlichkeit der übrigen Umgebung.

Kurts Anschauungen waren die, in denen Nora erzogen worden, die Lebensgewohnheiten, von denen er sprach, waren die der Kreise, von denen sie gehört, und vor allem besaß der junge Mann einen in ihren Augen unschätzbaren Vorzug – Kurt hatte einen festen Glauben, einen warmen, frommen Sinn, den er ohne Demonstration, aber treu und offen an den Tag legte. An das gemeinsame kirchliche Leben des Klosters gewöhnt, hatte Nora es tief empfunden, jetzt in dieser Beziehung allein zu stehen. Ihre Stiefmutter gehörte dem Namen nach einer anderen Konfession an; bei ihrem Vater aber waren die Eindrücke, die seine fromme Frau einst in ihm erweckt, längst verwischt worden. War es auch Noras stilles Hoffen, ihn dafür wiederzugewinnen, so lag doch die Erfüllung allzu fern.

Um so wohltuender war es ihr, mit Kurt auch in diesem Punkt übereinzustimmen. Er ging stets voll Ernst darauf ein: war ihm ja der Eindruck nie geschwunden, ihr Halt und Schutz sein zu wollen. Oft stieg ihm der Gedanke auf, wie ihr Leben sich entwickeln würde: das war das einzige, was sie nie berührte. Ihm selbst schwebte der Gedanke so nebelhaft unklar vor, daß er ihn gern zurückwies und nur dem Augenblicke lebte. Seiner Mutter hatte er gleich zuerst geschrieben, daß und wie er Nora wiedergefunden; sie hatte es in ihrer Antwort als eine ihr ganz nebensächliche Angelegenheit kaum berührt; er war daher auf seine ferneren Besuche in der Villa nicht zurückgekommen.

Allmählich fanden sich außer ihm noch mehrere Besucher dort ein. Nora war zu wenig weltkundig, um zu bemerken, daß es nur Herren, und zwar meist nur aus den Studentenkreisen, waren. Es gehört ja zur goldenen, aber gefährlichen Studentenfreiheit, in jeder Gesellschaft Fuß fassen zu dürfen, ohne die Schranken abgemessener Geselligkeit innezuhalten.

Frau Emilie sah gern einen Kreis von Verehrern und Bewunderern um sich, denen zu Ehren sie ihre schöne Toilette zeigen konnte, und auch dem Direktor war es nicht unangenehm, Gesellschaft in seinem Hause zu treffen, wenn er sich dort einfand. An öffentlichen Vergnügungen, wie Theater und Konzerte, die Frau Emilie sehr liebte, nahm Nora nie teil. Ein ernster Blick Kurts hatte sie vielleicht noch in ihrem Vorsatze bestärkt, als einst ihre Stiefmutter in seiner Gegenwart mit einem ähnlichen Vorschlag in sie drang. Um so mehr liebte sie die Ausflüge zu Wasser oder zu Land, zu Wagen, zu Pferd oder zu Fuß, die man zu den schönsten Punkten der Gegend unternahm und denen meist einige der bekannten jungen Leute sich anschlossen. Es war wie ein schweigendes Übereinkommen, daß Nora nie daran teilnahm, wenn nicht Degenthal sie begleitete. Er übte eine Art brüderlichen Schutzrechtes über sie; sie fühlte sich sicher und unbefangen in seiner Nähe und hatte das unwillkürliche Gefühl, daß seine Gegenwart dem Ganzen Halt gebe. Darin hatte sie auch nicht unrecht: denn sein ernster, ehrfurchtsvoller Ton diesen Damen gegenüber imponierte seinen Gefährten.


Wochen waren so vergangen; wie jener Besuch am Morgen, waren deren viele gewesen, voll reiner, unbefangener Schwärmerei und Jugendlust.

Noch war es Mai, aber einer der letzten Tage des Monates, und eine heitere Gesellschaft zog, ihn zu nützen in seiner Schönheit, hinauf den reizenden Weg, nach dem alten Rolandseck. Frau Emilie, das schwarze Hütchen mit der roten Feder auf den Locken, sah anziehend genug aus, die Schar der jungen Leute um sich zu fesseln. Ihre kecken Antworten wie ihr munteres Lachen paßten allzu gut zu dem Stumpfnäschen, um nicht abstoßend zu wirken, wenn sie oft auch scharf an die Grenzen des guten Tones streifte. Aber Frau Emilie konnte nicht immer die Würdevolle spielen. Sie sah gern, daß ihre Stieftochter ihr schon so weit vorangeschritten war, und blieb absichtlich etwas zurück.

Kurt ging an Noras Seite. Beide waren wie immer in ein Gespräch vertieft, das sie ausschließlich in Anspruch nahm. Nora schritt schnell voran; denn sie liebte es, den ersten Blick auf eine schöne Aussicht ungestört zu genießen. Bald waren die beiden oben angelangt an dem alten Mauerbogen, aus dem man hinausschaut auf den flutenden Strom und auf die beiden grünen Inseln unten, auf das Panorama von Berg und Wald, von Städten und Dörflein ringsumher, diese seltene harmonische Vereinigung ernsten Naturzaubers und heiterster menschlicher Belebung.

Kurts Auge ruhte heute aber nicht auf der Landschaft, sondern blieb auf seiner Gefährtin haften, die still an dem alten Gemäuer lehnte, während ihr Blick mit eigentümlichem Ausdruck an einem Punkte hing, der sie alles vergessen zu machen schien. Nora war streng in der Einfachheit ihrer Pensionatserziehung geblieben. Schlicht und anspruchslos war das leichte Frühjahrsgewand, das sie trug, einfach der breitrandige Hut, der das Antlitz tief beschattete und die von Baron Dahnow so streng gerügte Frisur gerade verdeckte. Nora war schön; aber es war noch die herbe, unbewußte Mädchenschönheit, die den Blick eher abweisen als anziehen will, deren Ausdruck noch verschlossen ist wie eine Knospe.

Kurt schien etwas Besonderes, Unlösbares darin zu finden – so unverwandt mußte er das feine Profil anschauen, das wie träumerisch aus dem efeuumrankten Bogen sah. Plötzlich zuckte er zusammen; er sah, wie eine Träne langsam aus der dunklen Wimper schlich und sich die Wange herabstahl. »Nora!« rief er erschreckt und beugte sich zu ihr.

Sie sah ihn an, das Auge noch feucht, aber ein Lächeln schon wieder auf den Lippen. »Ritter, treue Schwesterliebe ...« sagte sie schelmisch. »Der arme Toggenburger!«

Kurt fuhr zurück, die Worte berührten ihn. »Warum sagen Sie das gerade, Fräulein Nora? Haben Sie daran gedacht?« fragte er, ein wenig geärgert.

»An was gedacht?« fragte sie unbefangen entgegen. »An den edlen Toggenburger? Nein, ich zitierte die Stelle, nur, wie sie hier wohl schon tausendmal zitiert worden ist. Ich will Ihnen aber sagen, woran ich dachte. Das Kloster da unten mit seinem Kreuze rief so viele Erinnerungen wach an mein liebes altes Kloster, daß ich wahrhaft Sehnsucht danach bekam.«

»Deshalb dachten Sie an die grausame Schöne des treuen Ritters?«

»Warum grausam? Ist es nicht wundervoll, so Gott allein zu lieben, daß man sein Herz gar keinem anderen geben kann? Eine Freundin habe ich, die hat es gekonnt; eine, die wird es können. Aus ganzer Seele, aus allen Kräften, mit dem ganzen Gemüt ... es gibt nichts Schöneres, nichts Beneidenswerteres!« sagte sie mit tiefer Innigkeit, und in ihrem Auge lag die Sehnsucht, von der sie eben gesprochen.

Es ergriff Kurt sonderbar, sie so zu sehen. »Ich glaube, Sie könnten auch so einen treuen Ritter harren lassen,« meinte er, etwas gezwungen in dem Tone des Scherzes bleibend. »Ach, der gute Toggenburger!« sagte sie lächelnd. »Er war ein bißchen langweilig mit seinem ewigen Hinabschauen. Wie lasen Sie gestern? ... Es gibt noch mehr zu schaffen als einen Liebesmai.«

»Wenn man aber nicht überwinden kann?«

»O, man muß können,« sagte Nora bestimmt, mit all der Energie der Jugend, die meist daher rührt, daß sie noch nicht zu können braucht. Und ihren Blick wieder dem Kloster unten zuwendend, fuhr sie fort: »Mit dem Herrgott sollte man nicht ringen; wenn dem ein Herz ganz gehört, ist es ja unmöglich, es ihm abwendig zu machen.«

»Aber, Fräulein Nora ... Sie!« rief Kurt wie entsetzt aus.

»Es wäre das Allerglücklichste vielleicht gerade für mich,« flüsterte sie halblaut, und ein Ausdruck unbeschreiblicher Wehmut zog über ihr Gesicht ...

Im selben Augenblicke wurden die Stimmen der anderen hörbar. Sie wandte sich von ihm und sprang ihrer Stiefmutter entgegen, die eben mit den übrigen die Höhe erreichte.

Laute Fragen, über ihr Verweilen begrüßten sie, und heitere Worte gab sie zurück; sie hatte, wie als Kind, die anmutige Sicherheit der Gesellschaft.

Man ließ sich nach der ermüdenden Promenade auf Rasen und Steinen im Schutze der alten Ruine nieder. Maiwein wurde kredenzt, Lieder wurden angestimmt. Kleine Mädchen mit den klaren, frohen Augen, die rheinischen Kindern eigen sind, brachten Maiblumensträuße und Efeukränze, mit denen man Hüte und Knopflöcher schmückte. Fern vom Strome herauf oder vom Drachenfels drüben klangen die Töne heiterer Musik oder die Stimmen fröhlicher Menschen herüber und gaben die Atmosphäre des Frohsinns, wie sie nur im Rheinlande herrscht und so ansteckend wirkt.

Still im frohen Kreise blieb heute nur Kurt Degenthal. Die Worte Noras hatten sein tiefstes Innere aufgewühlt, einen Ideengang heraufbeschworen, von dem er sich nicht los zu machen vermochte. Was, war das Kloster ihre Sehnsucht? War das ihr Entschluß? War sie deshalb so heiter, so unbefangen, weil sie schon ganz mit sich im reinen war? Kurt hatte oft gehört, daß gerade die lebensvollsten Mädchen am leichtesten den Entschluß faßten.

Und warum freute er sich nicht darüber? Wäre es nicht, wie sie eben gesagt, das Glücklichste für sie – der sicherste Zufluchtsort auch in weltlicher Beziehung?

Aber der Gedanke empörte ihn. Was sollte dies schöne, liebenswürdige Wesen sich von der Welt zurückziehen müssen, weil diese ihr keinen passenden Platz biete? Sollte sie hinter Klostermauern sich vergraben, weil es keinen Fleck gebe, dem sie angehören könne?

Kurt war in frommer Ehrfurcht für den klösterlichen Beruf erzogen, aber in bezug auf Nora dachte er doch an »starre Klostermauern« und sprach von »sich vergraben«. Der Gedanke, daß sie das Kloster als Rettung aus ihren schwierigen Verhältnissen betrachten würde, gewann zuletzt sogar die Oberhand.

Als man abends im Kahn auf dem Rheine nach Bonn zurückkehrte, hatte Nora ihm gegenüber Platz genommen. Sie hatte den Hut abgelegt und ein weißes Tuch um den Kopf geschlungen; die Hände ruhten gefalten im Schoß, und ihre Züge hatten das Gepräge sinnender Melancholie, wie Abendstille, Mondschein und das leise Wogen des Wassers es so leicht hervorruft.

Für Kurt aber sah sie jetzt erschreckend nonnenhaft aus; es war ihm wie die Bestätigung seiner Gedanken: er sah nichts wie Aufopferung und Ergebung in ihren Zügen. Das Herz schnürte sich ihm zusammen, das Wort drängte sich ihm auf die Lippen. »Gehen Sie nicht ins Kloster, Nora, gehen Sie nicht!« flüsterte er, sich zu ihr neigend.

Nora sah ihn erstaunt und befremdet an. Aber in dem Herzen jedes Mädchens steckt ein Kobold, der ihm verrät, wann es die Macht hat, den Mann quälen zu können. Sie sah ihn mit einem halben Lächeln an. »Und warum denn nicht? Es ist ja der schönste Beruf.«

Kurt schwieg; er war sich halb und halb bewußt, etwas recht Dummes getan zu haben. Er war froh, daß der Nachen ans Land stieß und er sich von der Gesellschaft verabschieden konnte, indem er Kopfschmerzen vorschützte, die auch seine vorherige Schweigsamkeit rechtfertigen sollten.

In seine Träume hinein aber verfolgten ihn die einmal erregten Gedanken. Immer sah er Nora hinter vergitterten Fenstern. Immer hatte er das Gefühl, daß nur er sie retten könne, und er wußte nicht wie.

Vielleicht hätte er besser geschlafen, wenn er gewußt hätte, wie auch Nora noch lange mit offenen Augen und brennenden Wangen auf ihren Kissen lag, eine einzige Frage sich immer wiederholend: »Warum wollte er nicht, daß ich ins Kloster gehe, obgleich er so fromm ist?«

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