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Die Tochter des Kunstreiters

Ferdinande Freiin von Brackel: Die Tochter des Kunstreiters - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorFerdinande Freiin von Brackel
titleDie Tochter des Kunstreiters
publisherJ. P. Bachem in Köln
printrun80. - 87. Auflage
firstpub1875
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060203
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25

Und plötzlich stand vor meiner Seele mir
Mein ganzes Glück, mein ganzes Leid von weiland
Und tiefe Sehnsucht fiel mich an nach dir,
Du meiner Jugend fern verschollnes Eiland.
Geibel.

Jahre waren vorübergegangen – Jahre, die das Menschenleben in sich schließen. Zwischen dem Augenblick, wo irgend eine Lebenshoffnung uns klar wird, bis zu dem Schritte, der uns das Alter bewußt werden laßt, dazwischen pulsiert ja das eigentliche Menschenleben. Vorher ist es nur Traum, nachher nur Erinnerung, wie wir die Jahre auch zählen.

Wieder war es im Göhlitzer Garten mit seiner sonnigen Terrasse, seinen bunt schillernden Beeten und der üppigen Blütenfülle in der Augustherrlichkeit, die ihm besonders eigen ist. Und die Sonne beleuchtete ein belebtes Bild. Schlanke, jugendliche Gestalten, frohe Kindergruppen, Männer und Frauen im sonnigen Mittag des Lebens bewegten sich in heiterster Stimmung dort umher, und in das Lachen und Plaudern mischten sich die Klänge der Musik, die im Gebüsche versteckt ihren Platz hatte. Man feierte ein Familienfest zu Göhlitz: den Geburtstag des Hausherrn, des alten Herrn, wie man Kurt Degenthal jetzt nannte, seitdem sein Ältester verheiratet war und er selbst schon Kinder zählte.

Der große Kreis, der sich zusammengefunden, zeigte am besten, welch kräftige Ausbreitung die Familie gewonnen, die sich alljährlich an diesem Tage möglichst vollzählig um das Familienhaupt vereinigte.

Kurt und Lilly waren Göhlitz treu geblieben. Nachdem sie als junges Paar aus dem Süden zurückgekehrt, hatten sie sich dort niedergelassen. Der Sohn wollte der Mutter die lange geführte Herrschaft auf seinen Gütern nicht entziehen, und Lilly liebte es mehr, auf ihrem Eigentum das Zepter zu führen. Als das hohe Alter der Gräfin die Leitung der Geschäfte zu beschwerlich machte, war Kurts ältester Sohn schon in den Jahren, die Herrschaft übernehmen zu können. Wieder paßte es gut zu Lillys Ansichten, ihren Sohn möglichst früh in einem stattlichen Besitz zu wissen. Sie vermochte daher ihren Gatten leicht, ihm die väterlichen Güter zu übertragen, indes sie in Göhlitz verblieben, wo sie sich einmal eingelebt hatten.

Die alte Gräfin sah alle ihre Wünsche noch in Erfüllung gehen. Ihr Sohn war mit der reichen Erbin verbunden, die sie für ihn seit frühester Jugend bestimmt hatte. Es war eine glückliche Ehe geworden, denn Kurt umgab seine Frau mit den zartesten Rücksichten, und eine zahlreiche Familie war ihnen erblüht. Der reiche Besitz Lillys hatte den Degenthalschen Namen mit einem Glanze umgeben, wie er ihn kaum jemals besessen, und die alte Gräfin hatte noch die stolze Genugtuung, ihren Enkel mit einem der angesehensten Geschlechter verbunden zu sehen, wie sie es ihrem Namen angemessen hielt. Und doch läßt die Vorsehung an der Erfüllung unserer Wünsche gerade den Dorn wachsen, der am tiefsten trifft, weil wir nicht darüber klagen können.

An Lillys Seite hatte die Gräfin ihren Sohn, den Liebling ihres Herzens, im eigentlichsten Sinne des Wortes verloren. Nur großartige Naturen wissen zu teilen – die ideellen wie die materiellen Güter. Lilly war keine großartige Natur; eng begrenzt, wie der Horizont ihres Denkens, war auch der ihres Herzens. Ihres Mannes, ihrer Kinder Liebe sollte ausschließlich ihr gehören: kein anderer Einfluß, kein anderes Herz durfte daran teilnehmen, keinen anderen Anspruch, nicht den heiligsten der Mutterliebe duldete sie. Sie machte bewußt keiner unkindlichen Handlung sich schuldig; aber der höher strebende Geist der Gräfin sympathisierte nicht mit dem ihren. Sie wußte, daß die Mutter einst großen Einfluß auf den Sohn gehabt, und um dies jetzt zu verhindern, entfernte und entfremdete sie ihn von ihr, wie Frauentaktik das so gut versteht. Kurt war teils zu gleichgültig für das Leben überhaupt geworden, teils lagen zu viel unausgesprochene Erinnerungen zwischen ihm und der Mutter, um dagegen anzukämpfen. So war das Alter der Gräfin ein dem Herzen und dem Leben nach sehr einsames.

Schwebte ihr in den stillen Stunden dann wohl das Bild jenes Mädchens vor, in dessen Augen ein so warmer Strahl geleuchtet, in dessen Stimme ein so weicher Klang gebebt, als es tief innig um ihre Mutterliebe flehte? »Eine Tochter, an Geist und Herz deiner würdig,« hatte damals die Oberin gesagt. Als die Gräfin Noras Geschichte durch den Kaplan gehört, der zu des Mädchens Rechtfertigung ihr dieselbe mitteilte, hatte sie das bestätigt gefunden; sie hatte dem Mut, mit dem die Tochter des Kunstreiters ihren Weg gegangen, ihre Bewunderung nicht versagen können.

Das Mutterherz wußte in seiner Vereinsamung solche kindliche Opfer um so höher zu schätzen. Tauchte der Gedanke wohl in ihr auf, daß mit diesem großen, warmen Herzen auch ein wärmerer Hauch in ihr Alter gedrungen wäre? Konnte sie sich vorstellen, was an der Seite eines so beweglichen Geistes aus ihrem Sohne geworden wäre, anstatt des stillen Mannes, der er jetzt war – der aus dem engen Gedankenkreis seiner Frau sich nur zu einsamen Studien flüchtete, aber nie mehr in das öffentliche Leben eingriff, wie seine strebsame Jugend es einst zu verheißen schien und es der Stolz der Mutter gewesen wäre? Die Gräfin seufzte dann leise; aber wenn sie seufzte, bereute sie darum nicht. Sie glaubte nach Recht und Pflicht gehandelt zu haben, und was sie erreicht, schien ihr das richtige bis zuletzt.

Lilly hatte sich im Laufe der Jahre wenig verändert. Die kleine rundliche Frau wurde nie von anderen Wünschen und Gedanken gestört, als die ihren engsten Kreis angingen: und da hatte sich alles ruhig und befriedigend abgewickelt. Mit der Erfüllung ihres Herzenswunsches war das Wenige, was sie an innerem Leben besaß, abgeschlossen; der Hauch, den die zagende Liebe über ihr Wesen gelagert, war damit verschwunden. Kurt gehörte ihr unwiderruflich an: das genügte ihr; und außerdem war das äußere Leben ihr Feld, auf dem sie stets übergeschäftig sich tummelte.

Wie sie heute dahinschritt am Arme ihres Aeltesten, dessen frisches Gesicht dem der Mutter glich, sah sie stolz und glücklich aus wie nur jemals. Sie hatte nur Auge und Ohr für ihn, für die Pläne, die er ihr mitteilte, für die Neuerungen, die sie ihrerseits seinem Urteile unterwarf, schon den künftigen Besitzer in ihm ehrend. Auch darin hatte sie die ihr eigentümliche Zähigkeit nicht verleugnet – ihrem Aeltesten hatte keines der folgenden Kinder den Rang in ihrem Herzen streitig machen können. Meist erbt sich der Mutter Geist, wie des Vaters Körperbildung sich überträgt; und so waren sie fast alle hohe, schlanke Gestalten mit dem einfachen, nicht untüchtigen Sinn der Mutter. Unangefochten gingen sie ihre Lebenswege. Nur einer, der zweite Sohn, zeigte des Vaters braune Augen, dessen träumerische Stirn und auch dessen ernstere, feinere Gedankenrichtung, die nach dem Höheren zielte. Aber ein Tropfen mütterlichen Blutes war es wohl, der auch dieser Richtung gleich den praktischen Ausdruck gab. Ehe er das achtzehnte Jahr erreicht, hatte er den Entschluß gefaßt, nur für das Höchste zu leben, nur dessen Dienst sich zu weihen. Er trat in einen Orden, indem sein Eifer sich ausdrücklich den überseeischen Missionen zuwandte.

Ungern sah Degenthal ihn scheiden; aber den Neigungen seiner Kinder gegenüber war er ein milder, fast ängstlicher Vater. Sogar dem mehr gebieterischen Wesen seiner Frau trat er entschieden entgegen, wenn es galt, die Lebensbestimmung eines der Kinder zu schützen.

Lilly tröstete sich über den Entschluß ihres Zweiten. Im geheimen empfand sie eine kleine Befriedigung, ihre Güter, die sie erst für ihn bestimmt hatte, nun auch in die Hände ihres Aeltesten legen zu können.

Jetzt war Pater Degenthal schon jahrelang vom Elternhause entfernt; sein Beruf hatte ihn auf die andere Hälfte der Erdkugel geführt. Mit warmem Herzen hing er an den Seinigen und versäumte nicht, auch aus der Ferne an den heimischen Festen teilzunehmen.

Der Vater hatte sich aus dem lauten Kreise seiner anwesenden Kinder und Enkel zurückgezogen, um in der Stille den Brief des abwesenden Lieblingssohnes zu genießen, den eine glückliche Fügung genau am Tage des Festes ihm zugeführt. Kurt saß in seinem Zimmer, das an den Gartensalon stieß und auch auf die Terrasse hinaussah. Die tiefe Fensternische mit dem weinumrankten Fenster bot ein trauliches Plätzchen, in das nur gemildert das Geräusch der im Garten vereinigten Gesellschaft drang. Das Zimmer mit seiner reichen Ausstattung an Büchern und Mappen zeigte hinlänglich die Neigungen des Hausherrn.

Kurt suchte jetzt schon gern den hellsten Strahl, wenn er lesen wollte, und die umfängliche Gestalt des Briefes schien dies doppelt ratsam zu machen. Mit einigem Staunen fand er aber einen zweiten Brief dem ersten eingeschlossen, der leine Adresse trug. Kopfschüttelnd schob er ihn zur Seite, um erst die Erklärung aus dem Schreiben des Sohnes sich zu holen.

Wie er jetzt da saß, das Haupt von einem Sonnenstrahl warm umleuchtet, war er ein Bild schönen Alters, wie er es einst schöner Jugend gewesen. Nur in seinen Mannesjahren hatte man den Ausdruck voller Kraft bei ihm vermißt. Die Gestalt war noch stattlich; das Haar hatte zwar silbernen Schein, aber es glänzte in reicher Fülle, und der dichte Bart paßte gut zu der ernsten Würde, die das Antlitz zeigte.

Jahre hindurch seit der Begegnung mit Dahnow hatte eine tiefe Teilnahmlosigkeit auf Degenthal gelegen, die man seiner früh gestörten Gesundheit zuschrieb. Ein rücksichtsvoller Gatte, ein gütiger Vater, ein milder Herr, hatte er den Seinigen vorgestanden, aber mehr durch sein Beispiel, als durch tätiges Eingreifen gewirkt. Nur in seinen stillen Studien hatte die einstige Regsamkeit fortgelebt. Erst als seine Kinderschar heranwuchs und in ihr frisches Jugendleben hereinzog, war jener tiefe Ernst von ihm gewichen, der so oft die Leute fragen ließ, was ihm mangeln könne, da er doch im Schoße des Glückes geborgen schien.

Heute aber, als er den Brief kaum halb gelesen, kam in das Antlitz ein ihm sonst fremdes Leben; die Röte, die einst so leicht auf des Jünglings Stirn stieg, überflog plötzlich wieder das alte Gesicht. Mit einem Ungestüm, das ihm nicht mehr eigen, warf er des Sohnes Brief schon nach einigen Augenblicken zur Seite und griff nach dem zweiten. Er riß die Umhüllung fort, – eine Anzahl Zeitungsausschnitte flatterte heraus, die er nicht beachtete; in seiner Hand aber lag ein kleines, vergilbtes Schreiben. Wie gebannt starrte der alte Herr eine Zeitlang darauf. Der Brief hatte einst wohl eine weite Reise gemacht – denn mit Poststempeln war er überdeckt. Die Adresse war abgeblaßt, aber sie zeigte die hastigen Züge einer erregten Damenhandschrift und darunter einige Worte, die er nur zu gut erkannte – er hatte sie einst in Pera selbst geschrieben, als schon einmal dieser Brief in seiner Hand gelegen.

Jahre waren vergangen, Jahre, welche ein Lebensalter in sich schlossen, seitdem er in der Bitterkeit seines Schmerzes und Zornes diesen Brief zurückgesandt, der das Rätsel barg, dessen Unkenntnis sein Glück zerstört hatte.

Die Hand bebte, als er das Schreiben jetzt erbrach. Das Auge mit den grauen Wimpern wurde feucht, als er die Worte las, die damals ein Herz in seiner tiefsten Zerrissenheit ausgeströmt – Worte, die das Opfer erzählten, das die kindliche Liebe gebracht, Worte, die ein Abschied sein sollten und doch wie ein Hülferuf klangen...

Das Haupt des Alten sank auf die Brust, als sei das Weh jener Zeiten auf sein Herz zurückgefallen. Die bittere Erkenntnis trat hinzu, wie leicht es ihm gewesen wäre, es anders zu lenken – jetzt, wo sich ihm erklärte, was ihm unerklärlich geblieben.

Wohl stieg herb der Gedanke dabei auf an die Schuld derjenigen, die zu der Täuschung mitgewirkt hatte. Aber sollte er anklagen, wo er selbst soviel versäumt?

Rächend gleichsam erwachte die alte Liebe mit ihrer ganzen Gewalt. Er sah sie wieder, die reizende Mädchengestalt, wie sie ihm entgegengetreten war im frohen Lenz seines Lebens. War das nicht das Erkerfenster, das auf den wogenden Rhein hinaus ging, wo die sprossenden Rebenranken sich über ihre Häupter neigten, während sie da saßen, die langen, schönen Stunden der Jugend, und ihre Seelen zusammenklangen wie in einem Akkord, der unlösbar schien für Zeit und Ewigkeit? Blickten sie ihn wieder an, die blauen, tiefen Augen, für die kein Opfer ihm zu groß geschienen, um derentwillen er alles hatte hingeben wollen? Träumte er wieder von den Stunden, wo er im kühnen Uebermute Zeit und Raum nicht geachtet, um zu ihr hinzustürmen, sie für wenige Augenblicke in die Arme zu schließen?

Oder sah er sie in jenem letzten Augenblicke, als sie in ihrem Schmerz vor ihm gestanden und er die Reinheit auf ihrer Stirne, die Liebe in ihrem Auge gelesen; als er noch einmal um sie hatte streiten wollen und doch sogleich wieder gezweifelt und zum zweitenmal mit weniger Entschuldigung sie schutzlos sich selbst überlassen hatte? Bequem zu glauben, was er glauben wollte, hatte Dahnow gesagt.

Und das herbste Weh, das eines Mannes Brust durchziehen kann, durchzog die seine: sein Glück selbst vereitelt, nicht mit starker Hand versucht zu haben, es zu retten. Seine Kraft war darüber gebrochen, seine Liebe verloren, sein stolzer, heißer Jugendtraum in nichts zerronnen – und dem Manne im grauen Haar stand sein Leben verfehlt da, sein Herz verödet. Krampfhaft zog es sich zusammen; in bitterer Reue und heißer Liebe ging noch einmal der Name über seine Lippen, den er Jahrzehnte nicht ausgesprochen: »Nora, Nora!« als könne er Jugend, Leben und Liebe damit zurückrufen.

Doch im selben Augenblicke hob er erschrocken den Kopf; es war, als sei das Bild, das er gerufen, ihm nahe.

Aber es hatte nur an den Scheiben gepocht, und ein blonder Krauskopf sah herein, während zwei kleine Fäuste sich krampfhaft an das Sims klammerten.

»Großpapa, nimm mich, sonst muß ich fallen!« klang eine kindliche Stimme. Der kühne kleine Bube war an den Weingeländen zu dem nicht hohen Fenster heraufgeklettert. »Ich klopfte solange schon und du hast nicht gehört.«

Der Großvater wachte bei dem ängstlichen Tone aus seinem Sinnen auf. Erschreckt hob er den Kleinen herein, welcher ihn fest umklammerte, vielleicht einer Strafpredigt gewärtig für den ungewöhnlichen Weg. Aber in der warmen Kindesumarmung löste sich der Druck, der auf des Alten Brust gelastet. Das Kind von seinem Kinde war es, das er an sich preßte, der Bote der Gegenwart, der ihn löste von dem Bann der Vergangenheit. »Das Kind von meinem Kinde«, wiederholte er sich, und er kam sich so alt vor! Was sollte ihm das Bild der einstigen Liebe, wo ein zweites Geschlecht schon darüber blühte? Mit dem Knaben auf dem Arm sah er hinaus auf die Gruppe dort unten. Sein Weib, das ihm treu und liebend zur Seite gestanden, die Kinder, die sie ihm geschenkt, die seinen Namen stolz und in Ehren trugen, das Heim, das ihn so traulich umfing und in seiner Schönheit ihm so hell entgegenlachte, war das alles nichts? Durfte er dem Leben grollen, das ihm so viel gegeben? Aber neben der hellen Gruppe stand ihm ja das bleiche Bild eines zerstörten Glückes; sie war hinter Klostermauern vertrauert, wie er in der Jugend einst gefürchtet – damals hatte er sie davor schützen wollen. War ihr der Weg ein so bitterer geworden, hatte kein Heim, keine Liebe ihr Leben verschönt? War es ein gebrochenes Herz, das ihn anklagte?

Kurt wandte sich von dem sonnigen Bilde fort und griff wieder zu dem Briefe, der ihm noch einmal von seinem Jugendtraume, von seiner verlorenen Liebe sprach; aber er behielt den Knaben auf dem Schoße und hielt ihn fest umschlungen, als könne er die finsteren Gedanken damit bannen. Sein Sohn schrieb wie folgt.

»Ich muß Dir von einer Begebenheit erzählen, lieber Vater, zu der Du den Schlüssel besser haben wirst als ich, mit welchem Interesse sie mich auch erfüllt hat. Der inliegende Brief, der mir anvertraut ward, wird dir alles erklären und Dir sagen, von wem ich rede. Ich muß weiter ausholen in der Erzählung.

»Du weißt, unser Ordenshaus hier ist noch eine junge Ansiedlung; wir ziehen aber viel Nutzen aus dem Wirken eines Frauenklosters, das seit Jahren hier besteht.

»Von der Oberin, die es gegründet, erzählte man mir, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen gehabt; sie war als eine außerordentlich tüchtige Frau berühmt, die ihr Orden stets auf die schwierigsten Stellen sandte, ihres seltenen organisatorischen Talentes wegen. Diese Gegend wäre überdies ihre Heimat, hieß es. Seit etwa zehn Jahren hat sie jetzt hier gewirkt und für die Erziehung von Kindern, Verbreitung des christlichen Unterrichts, Verpflegung von Kranken, kurz in allen Wichten christlicher Barmherzigkeit Unendliches geleistet. Der Volksmund rühmt ihre Heiligkeit und Aufopferung. Von den geistlichen Oberen wird ihrer weisen Leitung, ihrem reichen Wissen und ihrer unermüdlichen Tätigkeit das höchste Lob gezollt. So war es mir ein willkommener Auftrag, als ich, mit einer geschäftlichen Besprechung betraut, eines Tages zu ihr gesandt ward. Ich ließ mich bei ihr melden; die französische Schwester Pförtnerin verunstaltete meinen Namen, wie es nur einer Französin möglich ist. Kaum aber war ich vor der Oberin erschienen, einer hohen Gestalt mit gewiß einst schönen Zügen, als sie mir nicht Zeit ließ, meinen Auftrag auszurichten. »Sie müssen ein Graf Degenthal sein«, redete sie mich lebhaft im reinsten Deutsch an; »eine solche Ähnlichkeit wäre sonst unmöglich! Sie haben Ihres Vaters Augen, Ihres Vaters Stirn: genau so sah er aus in Ihrem Alter ... und selbst der Ton der Stimme ist derselbe. Ich habe ihn gut gekannt, Ihren Vater, sehr gut gekannt«, setzte sie auf meinen erstaunten Blick erklärend hinzu. »Er lebt doch noch.«

»Du kannst Dir denken, wie freudig ich bejahte; es ist wohltuend, in der Ferne jemand zu begegnen, der unsere Lieben in der Heimat kennt. Ich mußte ihr von Dir, von der Mutter, von den Geschwistern sprechen. Sie schien alle älteren Persönlichkeiten der Familie gekannt zu haben, die Großmutter, den Kaplan; nach jedem frug sie. Am eingehendsten mußte ich von Dir und Deinem Leben erzählen, Deinem Leben, lieber Vater, das so Glück verbreitend für alle, die Dir nahe stehen, von dem Wirkungskreis, den Deine unendliche Güte sich geschaffen, von der Freude, die Du aus Deinem geistigen Leben ziehst. »Ja, der hohe, reine Sinn war stets ihm eigen,« wiederholte sie wie für sich dabei.

»Ich fragte sie, ob sie Aufträge für Dich habe, ob ich einen Gruß Dir ausrichten dürfe, und unter welchem Namen.«

»Er wird sich meiner kaum erinnern,« sagte sie ausweichend; »wir Klosterfrauen rechnen so ganz mit der Welt ab, daß wir selbst unsere Namen vertauschen. Da müßte ich zu weit zurückgreifen,, mich ihm wieder vorzuführen. Aber es hat mich unendlich gefreut, Sie zu sehen; und ich hoffe auch, wir sehen uns noch öfter, da wir hier ja im gleichen Wirkungskreise stehen.«

»Ihre Sprache, ihre Haltung, ihre ganze Art und Weise ließen mich darauf schließen, daß sie einst den ersten Gesellschaftskreisen angehörte. Du wirst vielleicht erraten, wer sie war. Ich sah sie später öfter, und meine Verehrung für die seltene Frau steigerte sich nur durch die nähere persönliche Bekanntschaft. Dies alles trug sich im letzten Winter zu.

»Im Frühjahr brach eine jener furchtbaren ansteckenden Krankheiten aus, die hier die Gegenden oft heimsuchen, und das sind dann Zeiten, die alle Kräfte anspannen. Die ehrwürdige Frau leistete Unglaubliches an persönlicher Aufopferung wie in kluger, umsichtiger Organisation der Pflege. Die Armen und Kranken verehrten sie wie eine Heilige und hielten sich schon für gesichert, wenn sie nur in ihren Wohnungen erschien. Die Stadt fühlte sich ihr zu Dank verpflichtet; denn ihrem raschen Blick, ihrer rastlosen Tätigkeit wurde manche der öffentlichen Vorsichtsmaßregeln verdankt, die hier so leicht vernachlässigt werden. Man rief sie bald auch zu anderen Orten, die ähnlich heimgesucht waren, und wo man Schwestern der Genossenschaft bedurfte; andere wünschten ihren bewährten Rat zur Anordnung der Pflege. Wenn es ihr eben möglich war, leistete sie den Anforderungen Folge, eilte auch zu den abgezweigten Klöstern ihres Ordens, um Mut und Trost dorthin zu bringen. »Bei dem Zustande der hiesigen Wege unternahm sie diese Reisen meist zu Pferde; ich selbst bin ihr mehrfach begegnet und staunte über ihren Mut und ihre Sicherheit dabei, die bei einer Klosterfrau und in ihrem Alter doppelt auffielen. Auf eine dahin zielende Bemerkung gab sie mir lächelnd zur Antwort, sie sei es von Jugend auf gewöhnt; und »einmal kommt es mir doch zu etwas Gutem zustatten«, setzte sie hinzu.

»Ich ward in jener Zeit auf eine Missionsreise gesandt, die mich einige Monate fernhielt. Als ich zurückkehrte, hatte die schreckliche Krankheit in ihrer Wut nachgelassen; zu meinem Leidwesen erfuhr ich aber, daß die übermäßigen Anstrengungen doch zuletzt die Gesundheit der ehrwürdigen Oberin angegriffen halten, und daß sie seit einiger Zeit leidend sei. Gleich darauf ward mir die Nachricht, daß sie mich zu sprechen wünsche, und ich begab mich alsbald zu ihr. Sie empfing mich mit ihrer gewohnten Liebenswürdigkeit; doch erschrak ich, als ich die Veränderung sah, welche die kurze Zeit bei ihr hervorgerufen hatte.

»Sie befand sich draußen im Klostergarten, in einigen Polstern lehnend, eine dienende Schwester ihr zur Seite.

»Sehen Sie, wie es mir geht, wie ich mich pflegen lassen muß,« sagte sie. »Aber als geistlichen Beistand ließ ich den Pater Degenthal nicht rufen, dazu ist er mir noch nicht ehrwürdig genug,« meinte sie mit dem Scherz, der ihr stets leicht auf die Lippen kam. »Aber um einen Gefallen wollte ich Sie bitten ... wenn Sie mich auch ein wenig inkonsequent finden mögen. Wollen Sie nun doch einen Auftrag an Ihren Herrn Vater übernehmen? Vor langen Jahren kannten wir uns ... als Kinder führte ein seltsamer Zufall uns zusammen, und er wie Ihre Großmutter hatten große Güte für meine Eltern und mich. Später hat ein Mißverständnis zwischen uns stattgefunden, wohl nicht durch unsere Schuld ... aber die Gelegenheit, es aufzuklären, hat stets gefehlt. Ich möchte nicht von der Erde scheiden, ohne es gelöst zu haben. Ihre unverhoffte Gegenwart ist mir wie ein Fingerzeig Gottes gewesen. Der Herr wendet alles in seiner Güte! Senden Sie Ihrem Herrn Vater diesen Brief,« sagte sie, mir das inliegende Päckchen reichend; »er wird schon wissen, wer es ihm schickt, und wenn er alles erfahren hat, wird er vielleicht anders urteilen als damals.«

»Ihre Stimme hatte einen eigenen Klang von Trauer, als sie dies sagte, und eine mächtige Erinnerung schien sie dabei zu fassen; denn sie schwieg, wie in Gedanken verloren, schwieg so lange, als hätte sie meine Gegenwart vergessen. Plötzlich schlug sie die Augen wieder auf mit jenem unbeschreiblich freundlichen Ausdruck, der ihr eigen ist. »Sehen Sie«, fuhr sie fort, »wie eine alte Klosterfrau noch am Irdischen hängt und sich selbst in ihren letzten Tagen noch damit befaßt. Sie in Ihrer Jugend finden das gewiß seltsam; das Alter ist uns dann ein so seines Reich, ein so fremder Zustand, daß wir die Menschen darin ganz umgewandelt wähnen. Aber Mensch bleibt Mensch bis zum letzten Hauch in seinem Fühlen und Denken. Wir empfinden das erst, wenn wir alt sind, wenn die Jahre, die hinter uns liegen, uns so kurz dünken und das in der Jugend Erlebte uns noch lebendig vor Augen steht, obgleich ein Menschenalter darüber hinschwand.«

»Sie sprach wie sinnend; aber alle ihre Worte übten einen eigenen Zauber aus, weshalb ich sie Dir so genau wiedergebe.

»Ihrer Mutter,« fuhr sie fort, »möchte ich auch einen Gruß senden: den Gruß einer Pensionsfreundin. Ich weiß schon lange, daß Ihre Mutter glücklich wurde. Sie hat einst einen Akt rührender Freundschaftstreue gegen mich ausgeübt, den ich ihr nie vergessen habe, den Gott ihr Wohl gesegnet hat durch das Glück, das sie gefunden.« Sie hielt inne. »Aber ich bin auch glücklich geworden, glücklich dem ganzen Herzen nach, sagen Sie auch das Ihrem Vater,« fuhr sie dann wieder fort. »Das Leben, das der Herr mir gab, war schön, und ich habe es lieb gehabt bis ans Ende. Es war schön, was er mir in der Jugend gab, und gewiß am besten, daß er es so fügte; denn wir haben so alle unsere Bestimmung besser erfüllt, als wäre es nach unseren Wünschen gegangen. Kein Leid ließ der Herr ohne Trost, keine dunkele Zeit ohne einen freundlich hellen Strahl. Schön war es auch, daß er mein Herz lenkte, nur ihm noch dienen zu wollen, einen großen Wirkungskreis zu suchen, um vielen viel sein zu dürfen; ja schön, daß er der Heimatlosen eine Heimat gab in seinen Zelten – möglich, daß jede andere irdische Heimat ihr zu enge geworden wäre. Schön ist es auch noch, daß er heute mir Sie zum Abschied sandte,« sagte sie, meine Hand fassend. »Es freut mich, Sie gesehen zu haben. Freuen Sie sich, junger Mann, daß Gott Sie so früh zu Ihrem hohen Berufe rief. Ja, ich habe mehr Seelen gekannt, die ihn gleich ganz erfaßten; wir unruhigere irdische Herzen gehen erst andere Pfade.«

»Aber die Vollendung ist um so höher; je mehr Kampf, je mehr Ehre,« sagte ich unwillkürlich. »Meinen Sie?« erwiderte sie freundlich lächelnd. »Das wäre ein Trost für manche Umwege; aber Sie haben recht; jede Fügung des Herrn hat ihren Zweck. Doch jetzt erzählen Sie mir von Ihren Leistungen: ich bin der Untätigkeit so müde, daß ich gern von Tätigkeit höre, wenn Sie mir noch einige Zeit widmen können.«

»Ich kam ihrem Wunsche nach und erzählte von meiner letzten Reise, von unseren Erfolgen, von dem, was noch zu erstreben sei. Sie hörte voll der größten Teilnahme zu; ihr klares Urteil blickte überall durch, und jedes ihrer Worte war von einer geistigen Frische und Regsamkeit, daß man sah, wie sie mit ganzer Seele in ihrem Beruf aufging und für die größten Anschauungen lebte. Ich muß ihres Wortes dabei denken, daß für ihren Geist wirklich eine Heimat leicht zu enge hätte werden können. »Ich werde das alles nicht mehr sehen,« sagte sie als Antwort auf einige meiner Aussichten für die nächste Zukunft. »Man will mich durchaus noch in unser eigentliches Mutterhaus senden, meiner Gesundheit wegen. Ich werde mich fügen müssen, obgleich es mir ein großes Opfer sein wird, hier mein Werk zu verlassen; aber, wie gesagt, ich soll nirgends festwurzeln, ich gehöre zu den fahrenden Leuten bis an mein Ende. So hätte ich gern hier geruht, wo meiner Mutter Heimat war!« Ich entsann mich dabei, daß sie hier allgemein als Amerikanerin gilt, obgleich ich mir das schwer mit Deiner Bekanntschaft reimen kann. Sie muß viele verschiedene Pfade gegangen sein; denn keine europäische Sprache schien ihr fremd und jedes Land dort bekannt. Leider war meine Zeit vorüber, und ich durfte nicht weilen. Doch bat ich mir die Vergünstigung aus, sie noch besuchen zu dürfen. Sie sah einen Augenblick nachdenkend aus. »Nein«, sagte sie dann, »lassen Sie uns Abschied nehmen, mein junger Freund. Ihr Beruf fordert Ihre Zeit, und auch meine wenigen Tage sollen jetzt ungeteilt der letzten Aufgabe angehören. Mensch bleibt Mensch, sagte ich ja; schon jetzt durchschwärmen all die alten Erinnerungen den alten Kopf. Nun ich das letzte dafür getan, mögen sie wieder besseren Gedanken Raum geben... Es wird kein Unrecht gewesen sein, ihnen noch einmal nachzugeben; vielleicht tut es auch anderen gut. Es war eine Freundlichkeit des Herrn, Sie mir zu senden. Kommen Sie und nehmen Sie zum Lebewohl den Segen einer alten Frau; für sie, für ihn, für Ihr ganzes Haus,« sagte sie, indem ich mich vor ihr beugte und ihre Hand auf meinem Scheitel fühlte. »So hat meine Mutter auch sterbend ihren Vater gesegnet,« sagte sie zum Schluß leise, »und ich tue es mit gleicher Innigkeit. Denn ein Segen war es doch, daß einst unsere Pfade sich kreuzten.«

»Das waren die letzten Worte, die ich von ihr hörte, und jedes derselben hat sich mir in die Seele geschrieben: sie schienen mir ein Vermächtnis an Dich, mein Vater. Gesehen habe ich sie nicht mehr, obschon sie ihre Reise nach Frankreich nicht antrat. Ihr Wunsch, in der Heimat der Mutter zu ruhen, ward erfüllt. Die Krankheit, die nach den letzten Anstrengungen sich ausbildete, entwickelte sich so rasch, daß sie zum Ende führte, ehe die Reise unternommen werden konnte. Nur wenige Wochen nach unserer Unterredung war sie heimgegangen, zur unsäglichen Trauer aller, die sie gekannt hatten.

»Ihre geistlichen Töchter beklagten in ihr eine wahre Mutter; die ihrem Schutz anvertrauten Waisen, die Armen, die Kranken, die ganze Gemeinde trauerte um sie. Ihre letzten Verdienste lagen zu nahe, um sie nicht zur öffentlichen Anerkennung zu bringen: so wetteiferten weltliche und geistliche Behörden, ihr auf dem letzten Wege alle irdischen Ehren zu erweisen. Hätte sie in der Welt einst hohen Rang eingenommen, so hätte ihr nicht mehr Glanz zuteil werden können, als der schlichten Klosterfrau hier ward. Um Dir, der Du einst ihr nahegestanden haben mußt, einen Begriff ihres Wirkens wie der Verehrung zu geben, die sie genoß, füge ich die Berichte der Zeitungen hier bei, welche die seltene Frau besprechen. Es ist nur ein kleiner Teil der Nachrufe, die ihr gewidmet sind. Mir selbst wird ihr Andenken nie schwinden; es ist ein Segen, einer so kraftvollen Natur begegnet zu sein, deren Herz so warm der Erde, deren Seele so ganz dem Himmel gehörte.«

So schrieb der Sohn mit der vollen Begeisterung der Jugend, und der Alte las es und sein Herz ward freier. Nein, dies Lebensbild war kein blasses Gespenst, das drohend vor ihn hintrat. Das frische, volle Leben, das so segensreich sich ausgebreitet, so tätig sich ausgeatmet und die Erde schön gefunden bis zum letzten Hauch, das war kein verkümmertes Schicksal, welches ein verlorenes Glück von ihm forderte.

Und mild versöhnend stieg der Gedanke in ihm auf, daß der Irrtum, der ihre Schicksale getrennt, nicht bloß Irrtum, daß es auch Fügung gewesen, jene Fügung von oben, welcher auch der Menschen Kurzsichtigkeit dient.

Der kleine Bube auf seinem Schoße hatte aber schon lange unruhig hin und her geblickt; jetzt tippte er leise den Großvater an, den er noch immer auf die Blätter starren sah. »Bist du noch nicht zu Ende, Großpapa?« fragte er.

»Ja, Kind, zu Ende,« sagte der Alte, leise für sich redend, »zu Ende, wie hier alles zu Ende geht: Jugend, Lieben und Leben. Aber es war ein gutes Ende.« Er konnte in dem Augenblick noch nicht sagen wie sie: es war besser so. Aber er sagte doch: es ist gut auch so. Als er sich erhob, war es, als sei eine Zentnerlast von ihm genommen; er atmete auf, als sei der Bann gelöst, der ihn ein Leben hindurch gefangen gehalten. Ja, sie hatte recht gehabt: ihr letzter Gruß tat auch einem anderen wohl.

Der kleine Bube sah erstaunt zu, wie der Großvater all die Blätter und Blättchen so vorsichtig sammelte und so liebevoll zurechtlegte.

Der Alte lächelte dabei – er entsann sich, wie einst derselbe Brief mit so ganz anderen Berichten über sie in seine Hände gelangte, wie er sie damals für tief gesunken hielt, und wie hoch sie ihn überflügelt hatte. Seltene Pfade war sie geführt worden.

Neugierig hob der Kleine seine Nase in die Höhe; denn der Großvater schloß an seinem Schreibtisch jetzt einen der vielen Schreine und darin ein verborgenes Fach auf.

Verschlossene Schreine haben immer etwas Geheimnisvolles für Kinder, und verborgene Fächer mit allerhand Gekrame darin sind ihnen stets unglaublich interessant. Das Näschen hob sich höher, der Kleine reckte sich auf die Fußspitzen, um zu sehen, was der Großpapa da wollte.

Sorgfältig legte der Alte die Briefe hinein. Dann suchte er und nahm einen kleinen, unscheinbaren Schmuck hervor, ein Perlenherzchen, das er wieder an seine Uhrkette hing, woran einst die Hand eines Kindes es befestigt: hatte. Sie war seinem Andenken treu gewesen bis zum letzten Hauch, und er war wieder Kind geworden – er wollte nicht minder treu sein.

Mit dem Kleinod aber trat die ganze Szene jenes Morgens ihm wieder vor die Augen. Wieder sah er die Mutter da sitzen, wieder hörte er strenge Worte über des Kindes Schicksal und des Kaplans milde Erwiderung.

Weiter kam er nicht in seinen Gedanken, denn Schritte und Stimmen wurden jetzt an der Tür laut: die ganze Schar seiner Lieben drang bei ihm ein. »Da ein Bote nichts genutzt, kommen wir alle dich zu holen, Papa,« riefen sie heiter. »Richard soll dich mit seinem langen Schreiben nicht ganz allein haben heute.«

Seine Frau kam zu ihm und sah ihm aufmerksam in die bewegten Züge: »Es war doch ein guter Brief?« fragte sie besorgt.

»Ja, es war ein guter Brief,« sagte er aus vollem Herzen, sie freundlich umfangend und mit hellen Augen auf die stattliche Schar blickend, die ihn umgab.

»Warum entziehst du dich denn uns, wo wir so glücklich zusammen sind?« gab Lilly etwas vorwurfsvoll zurück.

»Richard gab mir Nachricht von jemand, von dem ich nichts mehr zu hören glaubte ... es war ein letzter Gruß, ein Abschiedsgruß. Wir aber,« setzte er, sie inniger an sich drückend, hinzu, »wir bleiben ja, so Gott will, noch lange glücklich zusammen, und diese letzten Tage werden uns noch die schönsten sein. Der Herr hat uns viel an Freuden und Segen beschert, aber er hat auch alles gut gemacht ... Nora, des Kunstreiters Kind, grüßt auch dich noch einmal, sie ward mehr wie glücklich, sie ward heilig.«

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