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Die Tochter des Kunstreiters

Ferdinande Freiin von Brackel: Die Tochter des Kunstreiters - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorFerdinande Freiin von Brackel
titleDie Tochter des Kunstreiters
publisherJ. P. Bachem in Köln
printrun80. - 87. Auflage
firstpub1875
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060203
projectidb18d8d8d
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24

Jedem ward das Recht, zu lieben; glücklich
zu lieben – ist ein göttlich Geschenk, das
nur die Gnade erteilt.

Nora trug schwerer an dieser Enttäuschung als an den früheren Opfern. Von dem freiwilligen Entsagen bis zum völligen Vergessensein, ja bis zum Ersetztsein durch eine neue Liebe ist noch ein weiter Schritt. Nein, das hatte sie nicht gedacht! Es war eine Demütigung, tiefer, schmerzlicher als jene bittere Verachtung, die er ihr einmal bewiesen. Selbst aus der hatte noch ein Funken Liebe geleuchtet, Liebe, die nicht vergeben wollte, weil sie nicht vergessen konnte. Aber jetzt war der letzte Stern untergegangen, an dem ihre Liebe sich noch aufrichten konnte. So war es auch nicht der wilde Trotz von damals, der sich noch einmal geltend machte, sondern jene tiefe Lebensmüdigkeit, die sich über das Herz ausbreitet, wenn ihm nichts mehr zu erwarten, nichts mehr zu wünschen übrig bleibt. Glück und Liebe sind solche Lebenselemente der Jugend, daß, wenn ihr die genommen, jeder Atemzug überflüssig dünkt.

Mit dem Hoffen hört aber trotzdem das Empfinden nicht auf. Nicht umsonst war noch einmal in Nora die Leidenschaft erwacht. Bei dem Wiedersehen war an die Stelle der mehr träumerischen Liebe des Mädchens das ganze, volle Empfinden des Weibes getreten, und das erlöscht nicht mit einem Schlage, das tilgt sich nicht durch einen jähen Willensakt. Langsam glimmt es lange fort, wie die Kohle eines Feuers, und das Herz wird zur Schlacke oder zum Diamant dabei.

Nora mußte diese Zeit an dem Krankenbette des Vaters ausharren, der, eine mächtige Ruine, da lag, unfähig zum Gebrauche der Glieder, Gedanken und Worte nur schwer und unklar gestaltend. Es war ihr keine Erleichterung, daß er wenig eigentlicher Pflege, nur unablässiger Aufsicht bedurfte; denn für ihre tätige Natur war die müßige Ruhe dabei die härteste Prüfung. Aeußere Ruhe trägt sich schwer, wenn die innere fehlt.

In einer jener Stunden innerer Ratlosigkeit war es, daß sie ihrer alten, frommen Freundin schrieb:

»Jetzt beneide ich euch um euren ungestörten Frieden wie andere um ihr lebensvolles Glück! Warum durfte ich nicht der einen oder anderen Richtung angehören? Was habe ich getan, daß meine Liebe mit nur Leid brachte, mein Opfer mir alles kostete und nichts rettete? Ja, jetzt möchte ich mein Herz bei euch begraben, daß es in eurer Ruhe nichts mehr vom Leben empfinde.«

Die fromme Frau schrieb:

»Kind, hier ist kein Kirchhof; auch zum Entsagen gehört ein starkes, lebensvolles Herz. Wie Du einst uns nicht gewollt, würde ich jetzt Dich nicht wollen, hättest Du die Absicht, zu kommen. O, über uns törichte Menschenkinder, die wir am lautesten grollen, wenn der Herr uns das Leben gibt, wie wir es wünschten!

»Wolltest Du den Kampf nicht? Wolltest Du die Liebe nicht? Heute wie damals tadele ich Deine Wahl nicht. Der Mensch hat ein Recht, zu streben nach des Lebens Luft und Leid, und Du durftest ringen um das, was Deinem Herzen so wert erschien. Aber Du wußtest, daß es Kampf koste, daß der Ausgang zweifelhaft sei. Mit ihrem Weh hießest Du die Liebe willkommen. Was klagst Du jetzt? Ist der Herr karg gewesen? Er gab Dir des Lebens wechselnden Wogenschlag, er ließ Dich die Liebe in selten reichem Maße finden. Hast Du all die Stunden, die Dir so vom Glück überströmend schienen, schon vergessen? Selbst heute in Deinem tiefen Leid frage ich Dich: Möchtest Du aus Deinem Leben diese Zeit wirklich streichen? Möchtest Du auslöschen alles, was Du empfunden?

»Kind, Du konntest noch anderen Schiffbruch leiden auf den stürmischen Wellen! Danke dem Herrn, daß er Dir Deiner Seele Güter ließ. War Dir die irdische Liebe ein Schutzmittel dabei, so segne ich sie und weiß, warum sie Dir gesandt wurde, wie Du sicher einst verstehen wirst, wozu ihr Opfer von Dir gefordert ward. Erblicke in dem Opfer eine Schickung Gottes, Dir wie ihm auferlegt. Warum wolltest Du nach den vielen Beweisen, die Du von seiner Treue hattest, Dich in Bitterkeiten verzehren, anstatt an die höhere Lenkung zu glauben, gegen die der menschliche Wille nichts vermag? Dünkt Dir aber Dein Glück untergegangen, so vergiß nicht, daß die Liebe doch nur eine Art von Glück im Erdenleben ist. Aus jedem reinen Wollen und mutigen Wirken kann eine neue Freude uns erblühen, und Du weißt, vor Gottes Auge ist des Herzens Leidenschaft zu wenig, als daß wir unseres Lebens Aufgabe darin erblicken dürfen.«

Die ernste Nonne, die das schrieb, mußte mit ihren klugen Augen gut in einem Menschenherzen lesen können, daß sie den irdischen und himmlischen Trost so mischte.

Oft wiederholte sich Nora seitdem die Frage, ob sie auslöschen möge diese Zeit, hergeben das Glück für das Weh? Aber wie oft sie auch sich fragte, immer rief das Herz »Nein!« und flüsterten die Lippen »Nein!« Denn mächtig flutete die Erinnerung darüber hin an all die seligen Stunden, die sie genossen – und nicht arm, sondern reich kam sie sich dann wieder vor. Ja, und wohltuend empfand sie auch dies, daß noch einmal in den Zeilen ihrer zusammen gedacht war: »Eine Schickung, die dir wie ihm auferlegt.« Das nahm so leise den Stachel aus der Wunde, das lenkte so still auf die alte Liebe hin. Hatte sie ihm gegenüber nicht auch unerklärbar handeln müssen trotz ihrer Treue? Und von der irdischen Kränkung fort hob sie den Blick zur himmlischen Anordnung.


Der Winter ging indessen seinen Gang. Nora widerstrebte längst nicht mehr der Uebersiedelung in die norddeutsche Heimat; aber die Gesundheit des Direktors erlaubte sie noch immer nicht. Dahnow war schon dorthin gegangen, alle nötigen Geschäfte einzuleiten und die Auflösung der Zirkusgesellschaft in sichere, kundige Hände zu legen: alles Schritte, welche bei der Unfähigkeit Karstens, nur eine Willensmeinung kund zu geben, wie bei der Minderjährigkeit des Knaben und Noras Ansprüchen an einen Teil des Vermögens große geschäftliche Schwierigkeiten boten. Dahnow wußte dieselben mit seltener Tätigkeit und Aufopferung zu überwinden. Ob es geschäftlich nötig gewesen, daß er fast täglich Nora Bericht erstattete, mag dahingestellt bleiben. Aber Nora wurden allmählich die Briefe wirkliche Zerstreuung in ihrem einförmigen Leben, diese Briefe, die den anspruchslosen Charakter von Geschäftsbriefen trugen, und doch so viel mehr in sich schlossen. Die feinsten Nerven laufen in unseren Fingerspitzen zusammen, weshalb unsere feinsten Empfindungen wohl leicht in die Feder übergehen.

Frühling war es, als der Umzug endlich stattfand. Dahnow hatte für eine freundliche Wohnung vor der Stadt Sorge getragen, wo für den Direktor Luft und Ruhe zu finden war, jetzt für ihn die wichtigsten Lebensbedürfnisse. Der sinnige und praktische Geist des jungen Mannes hatte alles erdacht, die neue kleine Häuslichkeit wohnlich zu machen. Veilchen dufteten in allen Zimmern, Veilchen blühten in dem kleinen Gärtchen, welches die Wohnung umgab.

Die Aprilsonne ließ sich herab, den Augenblick der Ankunft freundlich zu beleuchten, und Dahnow, der die Ankommenden empfing, dachte unwillkürlich jenes ersten Sehens an einem Apriltage in Bonn. Ja, wechselnd wie Aprilwetter war ihr Leben gewesen, kurz und warm hatte des Glückes Sonne ihr geleuchtet, um so oft von Wolken bedeckt zu werden, um so jäh im Sturme unterzugehen. Und was würde der neue Wechsel ihr bringen?

Aber Noras Auge wurde heller, als sie die neue Heimat sah – ein Heim, ganz ihr eigen, wo zum erstenmal kein störendes Element eindringen sollte, wo zum erstenmal sie frei sein würde von dem Verhängnis, das in dem Berufe ihres Vaters lag.

Wie eine lange schwere Nacht war der Winter für sie gewesen, und wie man sich nach solcher Nacht des ersten grauenden Lichtes freut, wenn es auch nur einen trüben Tag ankündigen sollte, so atmete Nora auf in dem neuen Leben, der neuen Tätigkeit.

Die Geschäftsangelegenheiten hatten sich indessen leidlich abgewickelt. Trotz der großen Einbuße der letzten Jahre hatte sich mit dem Erlös des riesigen Inventars ein Vermögen ergeben, das dem Direktor und seinen Kindern, wenn auch keinen Reichtum, so doch ein ansehnliches Einkommen ließ.

Der Direktor schien die Umsiedelung kaum zu empfinden. Er war soweit hergestellt, daß er seine Körperkräfte wieder besaß und daß sein Bewußtsein teilweise zurückgekehrt war, aber doch nur als unklares, umnebeltes Verständnis. Still und in sich gekehrt saß er meist teilnahmlos da, oder er beschäftigte sich mit der Pflege des kleinen Gartens, der ihm große Freude zu machen schien.

Von dem jüngst Vergangenen war anscheinend keine Erinnerung vorhanden. Mit großer Sorge hatte Nora daran gedacht, wie er die Nachricht von der Auflösung seiner Truppe aufnehmen werde. Doch hörte er sie mit der größten Gleichgültigkeit an. »Helene hatte es immer gewünscht,« war das einzige, was er sagte. Sein Geist kehrte überhaupt nur zu jener Zeit zurück; es gab Tage, wo er Nora stets mit dem Namen ihrer Mutter anredete, nur als solche mit ihr verkehrte.

Den Namen seiner zweiten Frau nannte er nie; um den kleinen Knaben kümmerte er sich nicht. Nur einmal brach der Groll des beleidigten Mannes durch die Bande, in die sein Geist gefesselt schien. Der Kleine hatte, in natürlicher Erinnerung seiner ersten Eindrücke, mit seinem Pferdchen Kunstreiter gespielt und in Gegenwart des Vaters dabei den Namen Landolfos ausgesprochen. Unsägliche Wut verzerrte im selben Augenblick Karstens Züge; er stürzte auf das Kind zu, das Nora ihm kaum rasch genug entziehen konnte, zertrümmerte das Spielzeug mit schweren Tritten und verfiel so furchtbaren Zornesausbrüchen, daß er Stunden hindurch kaum zu bändigen und zu beschwichtigen war. Da war es das erstemal, daß Nora neben ihm niederkniete, daß sie furchtlos die geballten Fäuste in ihre Hände nahm und mit bebenden Lippen, aber ruhig und fest dem Vater Worte heiliger Ermahnung zusprach, ihm leise Gebete zuflüsterte, bis die wild rollenden Augen sich endlich in Ermüdung schlossen.

Was ihr einst so wichtig gedünkt: des Vaters Seele wiederzugewinnen, ihn aus der Gleichgültigkeit zu wecken, worin ein Leben, das jeder ernsteren Richtung fern lag, ihn gewiegt hatte – die Aufgabe war ihr untergegangen im eigenen Glück und im eigenen Schmerz. Nur für sich, nur für ihre Liebe hatte sie gelebt, gedacht und gebetet. Jetzt stand wieder die heilige Pflicht vor ihr, ernst mahnend, als habe sie das Wichtigste versäumt. Glücklich, wenn wir erst wieder etwas als wichtiger erkennen als den eigenen Schmerz; dann haben wir das beste Gegenmittel für ihn gefunden.

Aber der ernsten Aufgabe trat freundlich helfend auch noch anderes zur Seite. Das Leben kann uns nicht ganz finster dünken, wenn ein guter Mensch sich vornimmt, es uns möglichst freundlich und hell zu gestalten. Baron Dahnows ganzes Dichten und Trachten für Nora ging darauf hinaus. So war es anscheinend geringfügig und erwies sich doch als nachhaltige Erquickung, daß Nora zu ihrer großen Überraschung ihr Reitpferd wieder vorfand. Sie wollte es als überflüssig und kostspielig sofort abgeschafft wissen; aber Dahnow bestand mit dem Rechte der Bevormundung, das er sich bei der Führung der Geschäfte angeeignet, auf dessen Beibehaltung. Er behauptete so fest, daß es für ihre Gesundheit unerläßlich sei, hatte alles darauf Bezügliche so praktisch angeordnet, daß keine Einwendung möglich war. Seine Pferde seien so sehr der Bewegung bedürftig, seine Diener solche Tagediebe, daß es ein wahres Verdienst sei, wenn Nora etwa dieselben zu ihrer Begleitung in Anspruch nehmen wolle. Seine sorgliche Voraussicht bewährte sich auch. Wenn über Nora langsam die Erschlaffung sich breitete, die Folge jeden großen Schmerzes, dann war die freie Bewegung in frischer Luft, die ihre Kräfte anspannte und ihre Aufmerksamkeit heischte, das beste Gegenmittel.

Um jedes Aufsehen zu vermeiden, benutzte sie zu ihren Ausflügen die frühesten Morgenstunden, wo alles noch menschenleer war, und suchte sie die abgelegensten Wege auf. Daß ihr trotzdem dann öfter ein einsamer Reiter begegnete, der auch seine Morgenruhe in die Schanze geschlagen, schien ihr freundlicher Zufall, und sie gab ihm gern die Erlaubnis, an ihrer Seite zu bleiben: der bescheidene Lohn, den Dahnow sich für seine gute Einrichtung zukommen ließ. Es ritt sich so traulich zusammen die stillen Wege in den frischen, grünenden Anlagen, die ihre volle Frühlingspracht entwickelten – das waren die Stunden, wo wieder neuer Glanz in Noras Auge, neue Farbe auf ihre Wange kam. War es Dahnow zu verdenken, daß auch ihm, wenn er ringsum all das neu erstehende Leben sah, mit dem frischen Hoffnungsgrün die Hoffnung ins Herz zog? Was der Natur so leicht, sollte es dem Menschenherzen unmöglich sein? Sollte der Liebe nicht auch ein neuer Tag erstehen können?

Aber was er auch dachte und empfand, kein Wort störte Noras ruhige Sicherheit, noch berührte er jemals die Vergangenheit. Klemens Dahnow hatte die seltene Gabe, sich den Stimmungen der Menschen anzupassen, sodaß seine Gegenwart nie störend wirkte. Nora empfand das bei ihrem jetzigen Verkehr mit ihm sehr wohltuend; wie früher seine Briefe, so war jetzt sein Besuch das einzige Ereignis in ihren einförmigen Tagen.

Innerlich noch zu stumpf, alle die Aufmerksamkeiten zu ermessen, mit denen er so einfach sie zu umgeben wußte, als sei es das Natürlichste von der Welt, empfand sie doch dankbar seine Fürsorge und schätzte seine Unterhaltung. War er auch fremd auf manchem Gebiete, dessen Berührung ihr jetzt wohlgetan hätte, so war seine Unterhaltung doch die eines treuen Freundes, eines kenntnisreichen Mannes. Daß er ihrer Mutter Heimatland fern über dem Meere gründlich kennen gelernt, weckte zumeist ihr Interesse. Es ist unserem Geiste oft ein kleiner Anstoß nötig, um wieder in die rechte Schwingung zu kommen, nachdem eine mächtige Erschütterung ihn gleichsam stillstehen hieß: ihrer Mutter Heimatland – das weckte einen ganz neuen Ideenkreis.

Aber trotzdem Dahnow ihres Umganges auf diese einfache, ungezwungene Art genoß, trotzdem sie ihm stets bewies, wie willkommen er ihr war, und er oft der Worte des derben Sickingen gedachte, ward doch der Frühling zum Sommer, und dieser ging wieder in den Herbst über, ehe er den Mut gefunden hatte, die kühne Schlußfolgerung des Ritters geltend zu machen. Grüßten ihn Noras Augen allzu unbefangen, streckte sich ihm die Hand zu leicht entgegen?

Seine wissenschaftlichen Interessen vorschützend, hatte er sich ganz in der Hauptstadt niedergelassen. Seine Bekannten staunten, daß er selbst den heißen, staubigen Sommer dort weilte; aber er gab an, die Tropensonne habe ihn abgehärtet. Die Wissenschaft hatte anscheinend einen eifrigen Jünger an ihm gewonnen.

War Nora noch so sehr mit sich beschäftigt gewesen, daß sie nichts ahnte von dem, was im Herzen Dahnows vorging? Genug, sie erschrak, als eines Tages das gewichtige Wort über seine Lippen ging, als er ihr alles das bot, was der Mann dem Weibe bieten kann, das er liebt. Und er war wohl ein Mann, der eines Weibes Herz rühren konnte – wie er jetzt vor ihr stand, so männlich ernst, so tief bewegt – als sich alles das Bahn brach, was er seit Jahren tief verschlossen im Innern getragen hatte.

Aber nur der Schrecken, den sie empfand, sprach aus Ihren Augen. Riesengroß stiegen alle Bedenken vor ihr auf, und sie ließ ihm keine Zeit, auszureden. »Ihr Ruf, dem so viel anklebe vor der Welt,« – Dahnow lächelte nur. »Die Religion, die sie trenne,« – wie ernst versuchte er dies Bedenken mit festen Versprechungen zu ebnen, obgleich sie den Kopf dazu schüttelte. »Der Vater, der ihrer bedürfe, der Kleine, der so verlassen sei« – und sie sprach von der Freundschaft, die so schön sei und ihr so teuer, die durch jede andere Andeutung nur gestört werde. Sie wußte soviel über sein Leben zu sagen, das sich so reich ihm darbiete, von der Wissenschaft, die es ausfülle, und von allem, was ihm werden könne; so unendlich gute, herzliche Wünsche und Versicherungen! Der Mensch ist nie beredter, als wenn er »Nein« sagen will.

Dahnow hörte sie ruhig an. Er sah ihren Blick angstvoll auf sich gerichtet, als fürchte sie, den letzten Freund zu verlieren; aber er sah auch, daß kein Strahl darin wohne für das, was er erhofft. Hatte er dennoch zu früh geredet? War die Erinnerung noch nicht ausgeheilt? Dahnow war ein geduldiger Mann; er konnte warten. Vielleicht mußte sie sich an den Gedanken einer neuen Liebe erst allmählich gewöhnen.

»Lassen Sie alles sein, als sei nichts gesagt,« sagte er einfach.

Noras Hand legte sich so hastig, so zutrauensvoll zugleich in die seinige, daß er mit einem bitteren Gefühl erkannte, wie leicht sie das Gesagte vergessen könne, wie froh sie sei, es vergessen zu dürfen.

Dahnow kam nach wie vor und nahm seinen Platz in dem kleinen Kreise ein. Die Winterabende hindurch unterhielt er den Direktor, dessen Erinnerungen er geschickt zu wecken wußte, oder spielte lange Dominospiele, welche ihm die trägen Stunden vertrieben. Den Kleinen schaukelte er auf den Knien und erzählte ihm drollige Geschichten, immer drolliger, als er gewahrte, wie in des Buben Lachen auch Noras Stimme sich oft mischte. Ihr selbst brachte er an Büchern und Kunstwerken, was er ersinnen konnte, das Gemüt aufzuheitern, den Geist anzuregen. Nora erfrischte dies wirklich, und sie versenkte sich hinein. Wenn das Herz, seine vielfordernde Herrschaft aufgegeben, dann ist es oft, als ob der Geist die Herrschaft antrete und sein Reich beginne. Nur auf dürftigem Boden kann nicht Neues wieder Wurzel fassen; je reicher die Natur ist, um so leichter wirkt alles wieder auf sie ein.

Und wie süß auch der Reiz der ersten Jugend, der frischen Unbefangenheit, so ist doch fast größer noch der Zauber des verständnisvollen Weibes, das des Mannes Gedanken zu folgen vermag.

Dahnow empfand dies, wenn er sich ihr gegenüber sah. Nie war sie ihm so schön erschienen wie jetzt, wo der Schmerz aus dem Antlitz zu weichen begann und die ruhige Klarheit sich darüber ausbreitete, die dem Sturme folgte.

Er empfand es, wenn er sie anmutig in ihrem Kreise walten sah; ob sie mit des Vaters Pflege, beschäftigt war, ob sie den Knaben unter ihrer Obhut hielt, oder der Sorge ihrer kleinen Häuslichkeit Vorstand, immer geschah es mit der Ruhe, welche richtiges Verständnis und selbstlose Hingabe an die Sache uns gibt – Ruhe, die für Baron Dahnow solchen Zauber hatte.

Trotz allem Zauber aber, oder vielleicht gerade wegen dessen, kam ein Tag wo plötzlich die eigene Ruhe ihn verließ. »Ich kann nicht mehr kommen,« sagte er mit klangloser Stimme und erhob sich, zu gehen ohne weiteren Gruß und Abschied.

Nora sprang auf als müsse sie den Freund halten, als müsse sie ihn zurückrufen – aber dann blieb sie wie angewurzelt stehen, die Hand auf das klopfende Herz gelegt, wie um seinen Schlag zu prüfen.

Ruhig setzte sie sich endlich wieder nieder; sie hatte kein Recht dazu, ihn an ihr Schicksal zu bannen, ihn, dem sie für alles nichts zu bieten gehabt hätte, für den kein Laut in ihrem Herzen sprach. War sie denn so befriedigt von ihrem jetzigen Leben? Ach, es kostete ihr einen Seufzer, ihn missen zu sollen – den einzigen Freund, den sie zählte.

Dahnow war gegangen. Vielleicht hatte er dennoch erwartet, daß Nora ihn zurückrufe, hatte gehofft, daß ihm noch einmal Gelegenheit werde, ihre Bedenken zu bekämpfen.

Die Freunde sahen in jener Zeit, daß, wenn die Tropensonne ihn für unser sommerliches Klima abgehärtet, sie ihn jedenfalls verweichlicht hatte für die nordische Wintertemperatur – so angegriffen sah der Dicke aus, so verändert in den wenigen kalten Monaten. Man riet ihm ernstlich, wieder wärmere Luft aufzusuchen.

Dahnow sagte nicht nein dazu und schnallte sein Reisebündel, ehe noch Aussicht war auf den infamen »Frühlingswind«, dem entgehen zu wollen er vorgab.

Seine Brüder meinten zwar, er solle sich lieber eine vernünftige Häuslichkeit gründen; bei einer netten Frau würden ihm all die Klimaflausen vergehen. Aber eine seiner Schwestern, die eine ganze Schar Sprößlinge zählte und mit mütterlicher Voraussicht den Onkel ansah, meinte, »es sei ja nicht für jedermann nötig, zu heiraten, und daß Klemens so gar keinen Sinn dafür habe, könne man ihm doch längst anmerken. Man solle ihn doch leben lassen, wie er Lust hätte ... wenn er nur nicht gerade wieder über die See gehen wollte!«

Ueber die See ging Dahnow freilich nicht. Auch die unerwiderte Liebe behält einen magnetischen Einfluß, die den Raum ermißt, der sich zwischen uns und den geliebten Gegenstand legt.


In Karstens Wohnung ward es um vieles stiller seit Dahnows Scheiden. Der Freund hatte den kleinen Kreis erheitert und belebt. Nora sah sich genötigt, mehr wie je aus sich herauszutreten, um Vater und Bruder den Verlust in etwa zu ersetzen. Heiterkeit, die wir zugunsten anderer heraufbeschwören, hat eine eigene Rückwirkung. Das frohe Wort, das wir mühsam ersonnen, klingt allmählich auch in uns an, und das Lächeln, das wir bei anderen hervorriefen, stiehlt sich auch auf unsere Lippen.

Die Tage reihten sich in stiller Folge aneinander. Als abermals der Sommer in den Herbst übergegangen war, konnte Nora sich nicht verhehlen, daß des Vaters Kräfte anfingen zu schwinden. Aber mit der Abnahme der körperlichen Gesundheit kehrte die geistige in ihn zurück. Sein Sinn ward klarer, sein Gedächtnis belebte sich, und es war, als ob sein Gefühl wieder erwärme. Er war dem Einfluß Noras zugänglicher, und seine Gedanken wandten sich dem Höheren zu.

Eines Tages sprach er den Wunsch nach einem Geistlichen aus. Als Nora in inniger Freude darüber einen Kuß auf seine Stirne drückte, legte er lächelnd die Hand auf ihren Scheitel.

»Ihr Frauen siegt immer zuletzt; ihr macht den leichtlebigen Kunstreiter noch zum frommen Manne. Deine Mutter zuerst ... und dann du, mein Kind ... Ja, hätte ich im Irdischen und im Geistlichen Helenas Rat befolgt ... ein anderer Mann wäre ich geworden. Kind, sein Schicksal kann der Mann sich schaffen, aber dem Einfluß, den es auf ihn übt, muß er unterliegen: es schafft ihn um. Für dich, mein Kind, waren die Folgen am schwersten ... Nein,« fuhr er fort, als Noras Hand ihm den Mund schließen wollte, »laß mich reden! Es hat mir im Kopf gelegen und am Herzen genagt seitdem, wenn ich auch keine Worte dafür finden konnte. Dein Lebensglück habe ich zerstört; es wäre anders gekommen ohne meinen eigensüchtigen Willen. Aber sage, habe ich es geträumt, oder ist es wahr; ist er nicht trotzdem einst zu dir zurückgekehrt?«

»Ja, ja, er kam, er war da,« flüsterte Nora, und ihr Auge strahlte dabei, ein Gefühl von Seligkeit durchzog ihr Herz, als sei kein Schmerz damit verbunden gewesen.

»Warum blieb er nicht?« fragte der Alte, die Stirn runzelnd.

»Mißverständnisse,« sagte, Nora leise. »Vater, es hätte ja doch nimmermehr sein können ... es ist besser so.«

Karsten sah auf sein Kind nieder. So schön, so edel, so rein: warum sollte sie nicht noch jedes Platzes würdig sein? »Und was hindert daran, die Mißverständnisse auszugleichen? Ihr steht noch in der Blüte eures Lebens, für Glück ist es nie zu spät. Was ward aus ihm, wo ist er?« fragte er, belebt von dem Gedanken.

»Er ist langst verheiratet, Vater!« flüsterte Nora, und wider ihren Willen stieg dunkle Röte auf ihre Stirn bei dem Geständnis. »Ich sage dir, Vater, es konnte nicht anders sein,« setzte sie hinzu, als wollte sie jeden Schatten des Tadels von dem Geliebten fernhalten.

Der Vater sah traurig vor sich nieder. »Mein armes Kind,« sagte er nur, sie zärtlich an sich ziehend, und sie barg den Kopf an seiner Schulter.

Plötzlich aber schob er sie leise zurück. »Und der anders ... wo ist der geblieben? Weißt du, Nora, der Dicke, der im vorigen Winter so oft kam. Ich konnte nicht denken in der Zeit: es tat mir im Gehirn weh. Aber ich entsinne mich, daß er fast täglich hier war. Er kam doch wohl nicht, um mich armen simplen Mann zu besuchen, wie freundlich er mich auch anhörte. Warum kommt er schon so lange nicht mehr? Hast du ihn fortgeschickt, Nora?«

»Laß mich bei dir bleiben, Papa,« flüsterte Nora. »Nur bei dir habe ich jetzt Trost.«

Der Alte schüttelte mißvergnügt den Kopf. »Ich bleibe vielleicht nicht mehr lange bei dir,« sagte er. »Er war ein guter Mann, Nora, eine treue Hand, ein braves Herz. Es wäre mir ein großer Trost, dich nicht allein zurückzulassen.«

»Laß es kommen, wie Gott es fügt,« sagte Nora. »Auch hier waren ernste Bedenken.« »Ja, du bist und bleibst des Kunstreiters Kind,« bemerkte er bitter, »das nirgends Wurzel fassen kann, nirgends hinpaßt.«

»Noch,« sagte sie, »es gibt einen Raum, da fragt man nicht, was man war, noch was man ist ... nur was man tun will für ein hohes Ziel. Vielleicht lenkt der Herr dorthin meinen Sinn, wenn es mir auch noch nicht klar ist.«

»Das verstehe ich nicht recht,« gab er etwas geärgert zurück. »Aber tue, was dir gut dünkt; mein Rat hat dir genug geschadet. Doch höre: ehe es mit mir abwärts gehen sollte, rufe, den Kaplan herbei ... du weißt schon, wen ich meine: der einst am Sterbebett deiner Mutter gestanden hat. Er mag auch mir es erleichtern! Das letztemal, als ich ihn sah, habe ich ihn nicht gut behandelt; er kam mir wie ein Mahner vor, der wegen deiner mich an Helenas Willen erinnern wollte ... und das konnte ich nicht ertragen. Es sah damals schlecht mit mir aus, aber ich denke, er wird mir verzeihen. Auch wegen des Buben muß ich mit ihm reden, daß er mir seinen Rat gibt, damit er nur nicht den Menschen in die Klauen fällt! Nicht in ihre Klauen!« wiederholte er, und die Zähne preßten sich knirschend aufeinander. »Aber ich will in Frieden auch mit ihnen scheiden. Nora, wenn ich nicht mehr bin, kannst du seiner Mutter meine Verzeihung schreiben. Sie hat die geringste Schuld. Helene hat recht behalten: ist die leichte Sitte erst in uns großgezogen, was schützt dann? Daß du nicht so wurdest, war nicht mein Verdienst.«

»Auch ihm,« fuhr er nach einer Pause fort, »verzeih ich seine Schufterei. Sein Arm hat mich einmal vor dem Versinken gerettet, und, weiß Gott, jetzt hat mich sein elender Streich vielleicht vor noch schlimmerem Untergehen bewahrt. Nora, der Streich hat mich dir wiedergegeben. O, was wäre aus mir geworden, hättest du mir nicht zur Seite gestanden! Du hattest recht, eben zu sagen, es sei gut, daß alles so gekommen. Mit ihm, mit dem, der dich in so ganz andere Lebenskreise geführt hätte, wärest du mir ganz fremd geworden, ganz fremd. Aber jetzt ist keine Kluft zwischen uns ... du bist mir Trost, Halt und Rettung geworden, in besserem Sinne, als ich einst dachte ... Kind, deine Mutter hat dich mir gelassen!«

»Ja, es ist gut so,« sagte Nora leise, obgleich ihr Herz noch einmal rebellisch schlug bei der Erinnerung; aber ihr Haupt schmiegte sich an des Vaters Wange, ihr Arm umschlang ihn, eine seltene, wohltuende Befriedigung stahl sich in ihr Herz. Sie wußte ja nun, wozu ihr das Opfer auferlegt worden, und sah, was für Früchte es getragen hatte.

Schön und innig, wie in dieser Stunde, blieb das Verhältnis zwischen Vater und Tochter, eine Wiederkehr jener Zeit, wo Helenas Einfluß neben ihm gewaltet und in frommer Liebe gesucht hatte, seine Seele zu gewinnen. Jetzt sehnte er sich selbst nach jedem geistlichen Trost, und Nora stand ihm nicht weniger liebreich und noch selbstloser zur Seite als damals die Mutter.

Schön war es auch in jener Stunde, als der unruhige Abenteurer, der Mann des fahrenden Lebens, sich zur letzten Ruhe legte und sanft in den Armen seines Kindes entschlief, das ihm ganz angehört hatte, ganz angehört infolge jener einen opferwilligen Tat, durch die er sie aufzugeben wähnte, nur um der Mutter sein Wort zu halten.

Heiliger Friede und warme Liebe legte sich hell auf seine letzten Tage, wohl um des besseren Ich willen, das er sich durch alle seltsamen Pfade seines Lebens gerettet hatte.

Wie Karsten es gewünscht, war der Kaplan zu ihm herübergekommen; er hatte auf Noras Bitte keinen Augenblick gezögert und erwies sich als treuer, teilnehmender Freund. Alfred Karstens letzte Worte an ihn galten, wie einst die Helenas, der Anempfehlung seiner Tochter, die fast ebenso schutzlos wie damals zurückblieb.

Auf Grund dieser Vollmacht des Vaters fragte nun der Kaplan wenige Tage, nachdem alles beendet, sie nach ihren ferneren Absichten.

Nora hatte eben einen Brief erhalten, in den sie einige Augenblicke ganz versenkt schien. Als sie ihr Auge erhob, hing eine Träne an der Wimper, aber ihr Blick war klar und fest.

»Dieser Brief könnte leicht und einfach die Frage lösen,« sagte sie. »Sie glauben nicht, welch einen Schatz edler Liebe und Treue er enthält!«

»Von Baron Dahnow?« fragte der Kaplan, und eine gewisse Unruhe lag im Ton seiner Stimme.

»Ja,« sagte sie ruhig, »von Baron Dahnow, der von der Krankheit meines Vaters gehört hat und für den jetzt eingetretenen traurigen Fall in selbstloser Liebe mir Schutz, Schirm und Halt werden will, seinen Namen und seine Hand mir bietet, unbekümmert um alles, was mir anhaftet.«

»Es ist ein edles Anerbieten, seinem edlen Charakter entsprechend,« sagte der Kaplan. »Wäre nur nicht zu erwägen ...« er hielt inne, wie im inneren Zwiespalt. Was war in Noras schutzloser Lage, bei ihrer zweifelhaften Stellung anzuraten? Eine Ehe mit einem so braven, gewissenhaften Manne, wie Baron Dahnow war, bot sichere Zuflucht, viele Garantien.

»Nein,« sagte sie entschieden, »es ist nichts zu erwägen. Aber es ist gut, wenn man durch eine solche Anfrage sich selber klar wird. Alles das, wonach ich mich einst gesehnt, lockt mich nicht mehr. Der Baum, dem der Sturm das Herzblatt geknickt, bildet kein neues, aber er verdorrt auch nicht, Gott sei Dank, sondern breitet sich dann aus in viele Zweige.« Sie sprach leise, sinnend, wie zu sich selbst.

»Ich verstehe nicht recht, wie Sie das meinen,« sagte der Geistliche. »Es gibt selbstlose Herzen, die sich damit begnügen, Liebe zu geben, ohne sie in dem Maße zurückzufordern, und gerade für ein Frauenherz ist das oft beglückender, als einem einzigen Gefühle nachzutrauern ... wäre nicht das eine Bedenken ...«

»Ich danke Gott für das Bedenken,« unterbrach sie ihn. »Wäre dies Hindernis nicht, welches als ernste Pflicht sich dazwischenstellt, o, dann könnte ich ja nicht anders, als solche Treue und Hingebung belohnen; dann würde ein Leben nicht genügen, sie ihm zu danken ... aber so, kaum die innigste Liebe vermag ja diese religiöse Kluft auszufüllen, ... nein, ich will keinen neuen Zwiespalt heraufbeschwören.«

»Und doch,« sagte der Kaplan traurig, weil ihn die Pflicht hinderte, zuzuraten, »es wäre ein solcher Trost gewesen, Sie in einem Hafen glücklich geborgen zu wissen.«

Sie hob mit träumerischem Blick das schöne Haupt. »Einen Hafen ...« wiederholte sie. »Ja, eine Ehe wie diese wäre ein stiller, abgeschlossener Hafen. Glauben Sie aber gewiß, daß es mein Glück sein würde? Ich bin meines Vaters echte Tochter, habe rastloses Blut in den Adern, und das will ringen und streben. Habe ich für irdische Wünsche es tun wollen ... lassen Sie mich jetzt für bessere Güter, für das höchste Leben es tun.«

»Fassen Sie keine krankhaften Entschlüsse,« warnte der Kaplan fast ängstlich. »Hat das Herz eine Täuschung erlebt, so wähnt es oft mit dem Leben abschließen zu können.«

»Aber ich will nicht damit abschließen,« sagte sie, und etwas wie ein Lächeln spielte um ihre Lippen. »Nein, ich will erst recht von neuem zu leben beginnen! Die Zeit ist vorüber, wo ich mein Herz hätte in der Stille begraben mögen; jetzt mag es nur nicht feiern, es verlangt nach neuen Aufgaben. Glauben Sie nicht, daß der Herr mir noch Mut und Kräfte zu vieler Arbeit gelassen hat?«

Sie erhob sich und stand vor ihm – ein Weib in der vollen Schöne der Höhe ihres Lebens – aus ihrem Auge strahlte warme Begeisterung, die wahrlich nicht von Lebensmüdigkeit sprach.

»Und dieser?« Der Kaplan blickte zu dem Knaben hin, der in einiger Entfernung stand.

«Ja, gegen ihn habe ich die erste Pflicht, und ich werde sie auch zuerst zu erfüllen suchen. Ich muß ihm eine neue Heimat gründen jenseits des Ozeans, bei den Verwandten meiner Mutter. Er soll keines Schutzes, keiner Liebe entbehren. Es wird besser für ihn sein; dort wird seine Zukunft leichter sich gestalten lassen als hierzulande, und auch für mich eröffnet sich dort wohl später ein Feld des Wirkens. Seit Baron Dahnows Erzählungen zieht es mich mächtig nach der Neuen Welt, wo noch viele Kräfte fehlen, für den Herrn zu arbeiten. Aber das liegt in weiter Ferne. Sie, mein erster Freund, helfen Sie mir jetzt zu unserer Übersiedelung dorthin, zu dieser neuen Wendung in meinem Leben, wie Sie damals auch meine erste Übersiedelung zu neuen Verhältnissen leiteten.«

Der Kaplan reichte ihr die Hand. »Sie haben sich viele Aufgaben gesetzt. Zum drittenmal wählen Sie Ringen und Streben statt der Ruhe, ... der Herr führt Sie seltsam! Ihre Mutter hatte nur Ihr Heil im Auge, und ihr Wunsch scheint in Erfüllung zu gehen. Sie scheinen nur noch diesen Weg suchen zu wollen... des Herrn Segen sei mit Ihnen! Ihr Glück wurde hart zerstört,« setzte er hinzu, zum erstenmal auf das anspielend, was bis jetzt unausgesprochen geblieben.

»Nur ein Glück,« gab sie mild zurück. »Es gibt noch mehr zu schaffen als einen Liebesmai.«


Wenige Zeit später traf in einem süddeutschen Gebirgsorte, aus dem Süden kommend, ein junges Ehepaar ein. Die Frau richtete ihre Aufmerksamkeit ausschließlich auf den erst wenige Monate alten Sprößling, der, in Italiens weicher Luft geboren, hier eine Übergangsstation durchmachen sollte, um sich an die rauhere deutsche Heimat zu gewöhnen.

Der Herr schien gelangweilt von der ausschließlichen Sorge, die seine Frau dem Kinde widmete, welche anscheinend gar keinen anderen Gedanken mehr in ihr aufkommen ließ. Trotz aller Vaterfreude nahm er deshalb, sobald er konnte, die Gelegenheit wahr, sie sich selbst zu überlassen, und begab sich auf die Terrasse hinaus, von wo in dem Lichte des milden Sommerabends die Berge wie in Rosenduft getaucht sich ausnahmen. Seine Aufmerksamkeit war bald auf einen zweiten Besucher der Terrasse gelenkt, der in einiger Entfernung von ihm Platz genommen hatte und ihm den Rücken zuwandte. Etwas in Figur und Stellung desselben erschien ihm so bekannt, daß er sich ihm schon näherte; aber dann hielt er wieder zweifelnd inne. »Bist du es, oder bist du es nicht?« sagte er endlich, mit raschem Entschluß herantretend. »Dahnow! Wahrlich, du kannst jetzt inkognito reisen, soviel Taille hast du bekommen! Wie freue ich mich, dich zu sehen!«

»Ah, du, Degenthal!« sagte der jetzt Angeredete, ihm langsam das Gesicht zuwendend, aber mit einer Stimme, die keine Freude verriet.

»Ja,, ich ... auf der Heimkehr nach drei Jahren ... mit Weib und Kind,« setzte er, das letztere betonend, hinzu. »Ein prächtiger Junge, sag ich dir! Aber was ist dir, Freund, wie siehst du aus?« fuhr er fort, befremdet durch Dahnows Gesichtsausdruck.

»Vielleicht wie jemand, der eben seinen dritten Korb erhielt,« sagte Dahnow bitter, einen Brief, den er in der Hand gehalten, in die Tasche schiebend.

»Einen Korb ... Dahnow, du? Du, der prächtige, liebe Mensch? Der reiche, vielumworbene Mann? unmöglich ... von wem?«

»Von Nora Karsten!« sagte Dahnow, rücksichtslos dem Jugendfreunde den Namen entgegenschleudernd und dabei feindlich ihn anschauend. Es war ein unglückliches Zusammentreffen, denjenigen anscheinend froh und befriedigt vor sich zu sehen, um deswillen man verschmäht ist. »Von Nora!« wiederholte er. »Der, dem die Perle gehörte, der ließ sie im Staube liegen ... und für keine andere Hand scheint sie greifbar zu sein.« »Von Nora Karsten?« stammelte Degenthal, zurückweichend. »Sie, die mit jenem Landolfo ...«

»Bequem zu glauben für den, der es glauben wollte,« sagte Dahnow herb und wandte ihm ohne ein weiteres Wort den Rücken.

Aber Degenthal faßte ihn krampfhaft bei der Schulter.

»Was war zu glauben? Was meinst du? Was war nicht wahr?«

»Die gröbste, durchsichtigste Lüge der Welt: daß das Mädchen mit jenem Schuft sich sollte geeint haben! Ein solches Wesen und der gemeine Hund!« brauste Dahnow auf. »Wer so etwas glauben konnte, hat es gern glauben wollen! Wenn du es noch nicht weißt, will ich es dir sagen: ihre Stiefmutter war es, die mit dem Patron davonlief, Mann und Kind im Stiche lassend, wie es so leichter Sorte Art ist. Um sich's bequemer zu machen und an ihr sich zu rächen, ließ das saubere Paar die Nachricht unter des armen Mädchens Namen verbreiten ... und es ist ja recht tapfer geglaubt worden!«

»Unmöglich!« rang es sich aus Degenthals Brust. »Unmöglich! Mit meinen eigenen Augen ...«

»Lasest du vielleicht, was ich gelesen,« sagte Dahnow höhnisch. »Aber ich, der ich ihr nie näher getreten, der ich nicht gesucht, mich in ihr Herz zu stehlen, der ich nicht mit Phrasen um mich geworfen, daß sie mir alles wert sei, daß ich sie retten und schützen wolle ... nun, ich ... ich habe es nicht geglaubt! Mir stand sie hoch genug, daß mir die gemeine Lüge sofort klar wurde, und ich mir Mühe gab, dem Zusammenhange auf die Spur zu kommen. Eine einzige Nachfrage genügte, alles aufzuklären ... Und du! Habe ich dich nicht damals gewarnt,« fuhr Dahnow in immer steigendem Zorne fort, »damals, als du, ohne alle Vernunft, sie zu erringen gestrebt hast. Habe ich dir damals nicht vorausgesagt, daß der Rausch des Gefühls verfliegen würde vor dem Ernst der Verhältnisse? Damals war der Augenblick, zu erwägen und dich zurückzuziehen. Aber der Mann, der nach reiflicher Ueberlegung solchen Schritt wagt – und du hattest recht! bei Gott, sie war es wert! – der verschanzt sich dann nicht hinter leeren Ausflüchten.... Weißt du, wie ich sie fand? Am Lager des todkranken, bewußtlosen, vom Schlag getroffenen Vaters, niemand ihr zur Seite als das verlassene Kind ... ihr Ruf befleckt um deinetwillen, die Verhältnisse ganz zerstört ... keiner, der ihr half, keiner, der ihr beistand! Ich habe ihr zu helfen gesucht. Ich habe getan, was ein Mann tun kann für ein Weib, das er am höchsten hält ... aber nicht einen Gedanken habe ich von ihr gewinnen können, mit keinem ist sie dir untreu geworden! Ich habe gesehen, wie die Liebe zu dir ihr alle Lebensfreude aus dem Herzen nahm, stark und mutig, wie sie in allem übrigen war ... Ich verachte den Mann, der einem Weibe so das Lebensglück zerstört!« Und die Hand Degenthals, die noch auf seiner Schulter lag, heftig abschüttelnd, schritt er in das Haus hinein.

Degenthal blieb allein zurück. Mit keinem Worte hatte er Dahnows Rede unterbrochen. Aber war das nicht wieder die Eiseskälte, die ihm langsam an das Herz stieg – wie einst? Er griff jetzt dahin, als fühle er einen heftigen körperlichen Schmerz. Drei Jahre hatte er verhältnismäßig in Ruhe und Glück zugebracht, drei Jahre jeden Gedanken an Nora bekämpft, jeden Zweifel an dem Unglaublichen, der ihm aufsteigen wollte, unterdrückt. Wenn gar zu hartnäckig die Erinnerung auftauchte, hatte er sich in seinen Groll und Unmut vertieft und sich stets wiederholt, daß er vor einem unwürdigen Irrtum bewahrt geblieben ... Und nun!

Die Stimme seiner Frau wurde in diesem Augenblick laut. »Kurt! Aber Kurt, ich bitte dich, wie kannst du da stehen und die alten Berge ansehen, anstatt bei unserem Liebling zu sein, der gerade so herzig ist. Denke dir, er merkt schon, daß er hier fremd ist. Er wird nicht schlafen, wenn wir die Einrichtung nicht ändern ... so klug ist er schon. Komm, du mußt helfen.« Und die junge Frau nahm etwas gebieterisch den Arm des Gatten und zog ihn herein.

Kurt folgte willenlos. Wie im Traume ließ er sich seinen Buben in die Arme legen, der so niedlich war, wie ein dreivierteljähriges Menschenkind nur sein kann. Gebührend bewunderte er des Kleinen Reize und Klugheit, wie der Redestrom von Frau und Wärterin es verlangte, geduldig auch rückte er das Bett hin und her, bis den schwer zu vereinenden Wünschen genügt war; aber es war etwas so eigentümlich Abwesendes in seinem Ton, daß endlich Lilly es doch bemerkte. Empfindlich sagte sie: »Schick den bösen Papa wieder fort, Liebchen; der sieht dich doch kaum an und ist nicht eher glücklich, als bis er draußen wieder bei seiner Zigarre und seinen Bergen ist ... Ihr Männer seid so herzlos!« setzte sie schmollend hinzu.

Kurt verteidigte sich gegen die Anklage nicht weiter, als daß er noch einmal einen Kuß auf den lustig krähenden Mund seines Erstgeborenen drückte. Dann aber ging er wirklich; denn es war ihm, als könne er kaum atmen in dem Raum.

Wenn in einem noch jungen Herzen der Sturm der Leidenschaft von neuem erwacht, ist selbst des eigenen Kindes Lächeln nicht beschwichtigend. Auch die frische, reine Luft draußen, die milde Sommerabendruhe schien ihm kaum wohlzutun. Gleich einem Schmerzenslaut rang es sich von Zeit zu Zeit von seinen Lippen. War es der Stachel der Wahrheit, der ihm ins Herz drang: »Es war so bequem zu glauben für den, der es glauben wollte!« Hatte er es glauben wollen?

Der Mond war längst hinter den hohen Kuppen heraufgestiegen, ja, er senkte sich wieder den äußeren Spitzen zu. Kurt verharrte noch immer auf seinem Platz, als eine Hand seine Schulter berührte, Dahnow stand vor ihm. Es war wohl nicht bloß Schuld des Mondlichtes, daß beide Männer so bleich aussahen.

»Degenthal,« sagte er ernst, »ich komme, Abschied zu nehmen. Doch laß uns den Groll auslöschen, den meine Worte vorhin hervorgerufen haben könnten. Es war unrecht von mir, dein Glück und deine Ruhe zu stören. Aber es gibt Stunden, wo der Mensch zum Teufel werden könnte ... Nein, laß uns nicht weiter darüber reden; die vielen Worte helfen zu nichts. Es hat alles so kommen sollen. Du hast nicht unredlich handeln wollen; sie war wohl für keinen von uns bestimmt. Sie mag auch jetzt recht haben, daß sie den Andersgläubigen nicht will, wenn ich auch wahrlich ihr keinen Span in den Weg gelegt hätte. Sie hat aber genug unter schiefen Verhältnissen gelitten ... es mag besser so sein!«

»Wo ist sie?« fragte Degenthal. Die Worte gingen fast lautlos über die Lippen.

»Karsten ist tot; sie geht nach Amerika, in ihrer Mutter Heimat,« sagte Dahnow kurz. »Laß jetzt alles begraben sein. Ich wollte von dir nicht in Unfrieden scheiden; noch in dieser Nacht reise ich ab. Leb Wohl, Kurt! Sei glücklich mit dem, was der Herr dir gegeben.«

»Wohin willst du?« fragte Degenthal, die dargereichte Hand nehmend.

»Wohin? Dem Manne, der sich keinen häuslichen Herd gründen will, dem steht die weite Welt offen. Aber wo der Vogel im Nest war, sitzt er schließlich doch am wärmsten. So mag wohl die Zeit kommen, wo mir auch meine nordische Heimat der wärmste Fleck scheint auf Erden.«

»Was soll aus dir werden?« fragte Degenthal, ihn mißverstehend; denn alle Worte klangen wie aus weiter Ferne zu ihm.

»Aus mir werden?« wiederholte Dahnow, über die eigentümliche Frage stutzend. »Eine ... vielleicht zuerst eine schwierige Einsicht für alle, die mich noch erobern möchten, und später eine angenehme Aussicht für meine Neffen.« Den gewohnten sauersüßen Humor vermochte selbst der Schmerz bei ihm nicht zu unterdrücken.

Das Wartspiel ging an Degenthal in dem Augenblick verloren; für Dahnows späteres Leben war es bezeichnend.

Nachdem er noch einige Jahre sich dem Reisen im In- und Auslande gewidmet, kehrte er in seine Heimat zurück, sich in der kleinen Residenz in der Nähe seiner Verwandten niederlassend, wo er seinen wissenschaftlichen Bestrebungen lebte und Tüchtiges darin leistete.

Seine Häuslichkeit ward immer mehr ein Muster ausgesuchtester Bequemlichkeit; aber stets versammelte er gern einen Kreis froher Menschen um sich. Er hatte recht gehabt, es ward wirklich der Welt die Einsicht schwer, daß er, der Mann mit dem warmen Gemüt und häuslichen Sinn, sich kein rechtes häusliches Glück gründen wolle. Aber allen freundlichen Ratschlägen und kühnen Eroberungsplänen setzte er ein gestähltes Herz entgegen.

Die angenehme Aussicht für seine Neffen ward mit jedem Jahre gesicherter; sie sollte nur einmal bedrohlich gestört werden, als plötzlich ein Amerikaner auftauchte, ein junger Mann von einnehmendem Aeußern, einen alten französischen Namen tragend, der sich ganz unter Dahnows Schutz stellte. Er wollte Deutschland kennen lernen, sah aber für jetzt das Haus des Barons wie eine Art Heimat an und brachte Wochen, endlich Monate dort zu. Er war so sehr erklärter Liebling des Hausherrn, daß allgemeines Staunen entstand, und die aufgeregten Verwandten die Köpfe ängstlich zusammensteckten. Die Gemüter beruhigten sich aber bald, als verbürgte Nachrichten bestätigten, daß der junge Amerikaner selbst reiche Besitzungen in seinem Heimatland habe und keine Erbschaftskonkurrenz zu fürchten sei. Dafür sann man um so eifriger darüber nach, in welchen Beziehungen er zu dem Baron stehen könne, und damit war glücklich ein neuer Unterhaltungsgegenstand gefunden.

Klemens Dahnow schwieg und lächelte. Der junge unruhige Gesell, der mit echt amerikanischer Ungeniertheit sein behagliches Hauswesen auf den Kopf stellte, der so wenig Interesse für seines Gönners wissenschaftliche Neigungen, aber desto mehr für dessen Pferde und Hunde zeigte, konnte es sich selbst am schwersten erklären, wie er in solchem Maße die Gunst seines liebenswürdigen Wirtes gewonnen hatte. Vielleicht waren es die warm empfehlenden Worte eines Briefes, den er dem Baron mitgebracht, – vielleicht der Name, der so oft über seine Lippen ging, wenn er von der sprach, die treu seine Kindheit gepflegt und mit seltener Uneigennützigkeit den größten Teil ihres Eigentums ihm überlassen hatte – vielleicht war es etwas in dem feingeschnittenen Antlitz, dem Baron Dahnow nicht widerstehen konnte ... es rief ihm ja die einzigen Züge zurück, die jemals seine Ruhe gestört hatten.

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