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Die Tochter des Kunstreiters

Ferdinande Freiin von Brackel: Die Tochter des Kunstreiters - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorFerdinande Freiin von Brackel
titleDie Tochter des Kunstreiters
publisherJ. P. Bachem in Köln
printrun80. - 87. Auflage
firstpub1875
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060203
projectidb18d8d8d
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21

Denn zwischen uns ist eine Kluft gezogen,
Die sich verbinden läßt durch keine Brücke.
Geibel

Würde ihm nie mehr Ruhe werden? Kurt dachte es die lange, schlaflose Nacht, dachte es, als er noch müder, noch abgespannter am anderen Morgen auf seinem stillen Platze saß. Selbst die frische Herbstluft konnte seine heiße Stirn nicht kühlen. Seine Gedanken waren seit dem gestrigen Gespräch im wildesten Kampfe, den er vergeblich zu entwirren, zu schlichten suchte. Jedes der Worte, die er gehört, brannte auf seiner Seele – die schonungslose Art, in welcher ihr Name genannt worden, und im grellen Gegensatze dazu die ungeminderte Achtung, das tiefe Mitleid, die zarte Schonung, die der Kaplan ihr widmete, als sei jeder Schatten eines Unrechtes von ihr fern geblieben! Er hatte von einem unseligen Geschicke gesprochen, welches sie dazu gedrängt – was war das für ein dunkles Rätsel? Es schloß Widersprüche in sich, für deren Lösung er keinen Anhaltspunkt finden konnte ... Aber hatte er nicht selbst jede Erklärung zurückgewiesen? Hatte er sie nicht ungehört verurteilt? Was hielt ihn jetzt ab, zu dem, der davon zu wissen schien, hinzugehen und sich Aufschluß zu erbitten?

Aufschluß – aber gab es einen Aufschluß, der die Schuld hätte mindern können, in dieser Weise seiner Liebe ins Antlitz zu schlagen, ein gelobtes Wort zu brechen, nachdem er ihr eben noch solche Beweise seiner Liebe und Treue gegeben? Wenn er der Stunde gedachte, wo er sie nach jener tollen Reise von Pera her jubelnd in seine Arme geschlossen, dann hätte er aufschreien mögen vor Wut und Schmerz, sich so betrogen zu sehen. Dann schwor er sich, ihren Namen nicht mehr über seine Lippen gehen zu lassen und jede Aufklärung abzuweisen – um nach wenigen Augenblicken doch wieder dumpf brütend der Ursache nachzuforschen, die solche Wandlung möglich gemacht haben könnte. Er preßte die Hand an den schmerzenden Kopf, als könne er die Gedanken damit bannen.

Ein Geräusch ließ ihn aufblicken; Cousine Lilly stand vor ihm. Er raffte sich zusammen; denn niemand sollte seine Unruhe noch deren Ursache ahnen. Wenn auch gezwungen, hieß er doch die kleine Hausfrau freundlich willkommen.

Sie setzte sich zu ihm; aber ein Gedanke schien auch sie zu beschäftigen, für den sie nicht gleich Worte finden konnte. Endlich trat er etwas zaghaft zutage. »Kurt, würdest du wohl ... würdest du heute nachmittag mich ein paar Stunden ... auf einer Fahrt begleiten, die ich ... die ich gern mit dir, aber ohne deine Mama machen wollte?« So kam es in verlegenen Pausen heraus.

Kurt sah mehr erstaunt als erfreut aus über die Bitte. »Eine Fahrt mit dir?« sagte er etwas gedehnt; »wohin? Du weißt, liebes Kind, wie alles mich noch ermüdet.«

Lilly hatte nach dem gestrigen Tage vielleicht eine freudigere Zustimmung erwartet, und ihr Gesicht zeigte nicht undeutlich den Verdruß, den sie empfand. »Ich dachte, eine Fahrt bei so schöner Luft würde dir gut tun,« wandte sie ein. »Aber freilich, wenn es dich ermüden sollte ...« – und sie machte eine Bewegung, ihn zu verlassen.

Nun ist man aber doch nicht wochenlang der Gast einer jungen Dame, die sich in der doppelten Rolle als freundliche Wirtin und liebenswürdige Pflegerin bewährt hat, um ihr den ersten Gefallen, den sie erbittet, kaltherzig abzuschlagen.

Kurt sah ihre beleidigte Miene und bereute seine wenig entgegenkommende Antwort; was blieb ihm übrig, als doppelt eifrig zu versichern, daß er ihr zu Gebote stehe und zu jedem Ritterdienste bereit sei?

Die Miene der Kleinen heiterte sich schnell wieder auf, und sie ließ sich nicht lange bitten, ihn beim Worte zu nehmen. »Die Fahrt wird dir gut tun,« versicherte sie, sich selbst beruhigend; aber weder über das »Wohin« noch über den Zweck ihrer Fahrt wollte sie Auskunft geben. »Du mußt mir auf Treu und Glauben folgen, alles tun, um was ich dich bitte, und alles mir anheimstellen. Später sage ich dir warum,« sagte sie mit einer schlauen Miene. »Deiner Mama nehme ich durch meinen Entschluß gleich die Zustimmung vorweg, so daß sie nicht nein sagen kann ... wenn du mir keine Einwendungen machst, Kurtie.«

Kurtie machte keine Einwendungen; nachdem er der Einwilligung nicht einmal hatte entgehen können, war ihm jedes fernere Wort, jeder fernere Gedanke daran zu viel.

Die Gräfin war freilich erstaunt über den eigenmächtigen geheimnisvollen Plan ihrer Nichte, der nicht ganz mit ihren Ansichten über Etikette stimmte. Sie mochte aber jetzt gerade nichts stören, was das vertrauliche Verhältnis zwischen den beiden förderte, und so ließ sie es ohne weiteren Widerspruch geschehen: Lillys Charakter lagen ja alle Extravaganzen so fern, daß ihr Plan nur ein sehr harmloser sein konnte. Wie alle stillen, festen Leutchen setzte Lilly ihren Willen durch.

Sie war sehr aufgeräumt, als sie, ihren Vetter neben sich, in ihrer Equipage dahinrollte – ganz angeregt von ihrem Unternehmen.

»Nun sollst du auch wissen, wohin ich dich entführe,« sagte sie zu Kurt, der ihr zum Kummer gar keine Neugier entwickelte. »Wir fahren nach Wien nicht mit der Bahn, das wäre schade bei dem herrlichen Wetter, und in zwei Stunden laufen die Pferde hin. Wir kommen dann zeitig genug zu dem, was ich ausführen will, und haben noch einige Stunden vor uns. Den Wagen schicke ich früher heim bis zu unserer Station, wo wir ihn wieder treffen werden. Am Abende darfst du die lange Fahrt nicht machen; da fahren wir mit der Bahn zurück, die kaum eine Viertelstunde braucht, und sind zu guter Zeit daheim. Habe ich es nicht praktisch eingerichtet?«

Kurt konnte nur seinen Beifall nicken; auch darin mußte er ihr recht geben, daß die Fahrt ihm gut sei. In der frischen, heiteren Luft war das ruhige Rollen des Wagens beschwichtigender, als wenn er den heutigen Tag seiner Mutter gegenüber hätte zubringen müssen. Er wurde allmählich in eine Art von Halbschlaf eingewiegt, in welchem die Worte seiner Nachbarin fast verständnislos an ihm vorübergingen.

Noch ehe die angegebenen zwei Stunden verflossen, war das Ziel erreicht, und die Pferde hielten schnaufend vor dem Hotel, das Lilly in der Stadt besaß. Diensteifrig öffnete der Haushofmeister der jungen Herrin die stets bereit stehenden Zimmer.

Während Kurt sich jetzt erst klar machte, wo er sei und was für Erinnerungen alle für ihn sich daran knüpften – denn er hatte seit seiner Abreise nach dem Orient die Hauptstadt nicht wieder betreten – hatte Lilly eine lange Unterredung mit ihrem Untergebenen gehabt. Nach einiger Zeit erschien derselbe mit einem Zettel, den er der jungen Gräfin übergab.

»So, Kurtie,« sagte Lilly, »bist du genug ausgeruht, mich begleiten zu können. Dann bitte, laß uns gehen. Sieh, hier nach diesem Gasthofe führe mich ... diese Straßen müssen wir einschlagen,« setzte sie hinzu, ihm die eben empfangenen Notizen hinhaltend.

Kurt sah zerstreut den Zettel an, um sich zu orientieren, und bot dann seiner Cousine den Arm. Seine Erinnerungen sprachen wieder zu laut, um viel Nachdenken über Lillys Absichten aufkommen zu lassen. »Wahrscheinlich irgendein Einkauf, womit sie jemand überraschen will,« dachte er.

Kurt schritt stumm einher und gedachte des Tages, wo er zuletzt die Straßen dieser Stadt betreten – jenes Morgens, wo er Nora hier gefunden und sie ihn so dringend beschworen hatte, nicht in die Ferne zu gehen. Hatte sie mit ihrer Ahnung recht gehabt? Wäre alles anders gekommen, wenn er in ihrer Nähe geblieben, sie nicht so schutzlos gelassen hätte?

»Hier sind wir,« sagte Lilly plötzlich; sie mehr als er hatte den Weg gelenkt. Sie standen vor einem der größeren Gasthöfe. »Hier muß ich jemand sprechen. Bitte, führe mich noch hinein ... im Hause selbst finde ich mich schon zurecht. Und dann sei so freundlich und hole mich in einer halben Stunde hier wieder ab.«

»Darf ich dir das erlauben?« fragte Kurt, jetzt doch erstaunt über ihr seltsames Vorgehen. »Ich glaube, als eifersüchtiger Vetter müßte ich dir ein so geheimnisvolles Rendezvous verbieten.«

»Zum Verbieten haben Vettern kein Recht,« lachte die Kleine; »und du sollst sehen, Kurtie, wenn ich dir später alles erzähle, wirst du es ganz recht finden. Aber jetzt sage ich nichts; wer zuviel fragt, bekommt zuviel Antwort. Sei nur so freundlich und erwarte mich hier in einer halben Stunde; du sollst sehen, ich werde pünktlich sein.« Sie sah ihn bittend an.

Kurt ging es wie seiner Mutter: es war ihm unmöglich, etwas anderes als das Allerharmloseste bei Lilly vorauszusetzen. Pünktlichkeit war überdies ihre große Tugend. So störte er ihre Freude nicht und schlenderte, sie erwartend, die Straßen hinab. Doch empfing er keinen anderen Eindruck von dem belebten Treiben der Großstadt, als daß diese Unruhe seine Nerven noch entsetzlich unangenehm berühre.

Pünktlich zur angegebenen Zeit sah er Lillys blauen Schleier auftauchen und beeilte sich, sie wieder in seinen Schutz zu nehmen.

»Nun, ist die große Verschwörung ins Werk gesetzt?« sagte er scherzend. Aber ein Blick auf ihr Gesicht, das heftig gerötet war, zeigte ihm unverkennbare Spuren von Tränen.

»Was ist das, Lilly?« fragte er jetzt ernstlich besorgt. Aber trotz der noch feuchten Augen lächelte sie ihm schon wieder zu und legte ihren Arm fester in den seinen. Eine Weile ging sie schweigend neben ihm her.

»Jetzt will ich dir alles sagen,« hob sie dann plötzlich wie mit kräftigem Entschluß an. »Es war sehr freundlich, daß du, ohne zu fragen, tatest, um was ich dich bat. Sieh, ich habe Nora Karsten besucht.«

Kurt blieb stehen, wie von einem elektrischen Schlage getroffen. »Nora Karsten aus dem Zirkus!« sagte er mit eigentümlich schneidendem Laute.

»Ja, Nora Karsten. Findest du das so ungehörig? Du weißt ja, daß ich sie vom Pensionat her kenne. Ich hatte niemand so lieb als sie; denn keine der anderen war so gut, so fromm und so freundlich. Vor mancher Strafe hat sie mich geschützt, manche Stunde mich getröstet, sich meiner angenommen, wem ich vor Heimweh fast verging; und hundertmal habe ich ihr da versichert, daß ich sie nie vergessen würde. Nun wäre es doch sehr unrecht gewesen, hätte ich mich ihrer gar nicht mehr erinnern wollen, weil sie Kunstreiterin hat werden müssen! Das hat gewiß nur ihr Vater gewollt, weil es ja sein Geschäft ist. Als ich gestern hörte, sie sei hier und werde nicht mehr lange bleiben, beschloß ich gleich, sie aufzusuchen. Wer weiß, wann ich sie sonst einmal wieder gesehen hätte. Überdies dachte ich auch, es würde ihr gerade jetzt wohltun, wenn man ihr zeigte, daß man sie trotz alledem noch lieb habe. Ich finde es zu häßlich, jemand im Stiche zu lassen, weil ihn unglücklicherweise sein Geschick erniedrigte. Die Tante aber hätte meinen Besuch nicht zugegeben, wenn ich gefragt hätte. Auch du würdest geglaubt haben, Einwendungen machen zu müssen. Aber ich hatte doch recht, nicht wahr, Kurt? ... Du bist doch nicht böse?« setzte sie mit einem ängstlichen Blick auf sein Gesicht hinzu, in welchem sie nicht zu lesen vermochte, so tief neigte er den Kopf.

Was dachte er bei ihren einfachen Worten, daß er wie betäubt neben ihr schritt?

»Ja,« stieß er endlich mühsam heraus, »du hast recht; Gott segne dein Gemüt, deinen kindlichen Entschluß! Und hast du geirrt in bezug auf sie, so war es ein schöner Irrtum.«

»O, ich bin so froh, daß du nicht böse bist,« plauderte die Kleine weiter. »Was die Tante denkt, ist mir einerlei, aber wenn du mich getadelt hättest, das hätte mir leid getan. Aber glaub' nur, ich habe mich nicht in ihr geirrt. Sie ist noch gerade so gut und so fromm wie früher – der Kaplan sagte es ja gestern auch – und du glaubst nicht, wie schön sie ist! Es war rührend, welche Freude sie hatte, daß ich gekommen, wie liebevoll sie mir dankte. Aber ich glaube nicht, daß sie glücklich ist; sie weinte so, daß sie auf alle meine Fragen kaum antworten konnte. Heute abend muß sie wieder reiten ... denke dir, wie schrecklich! Ich möchte sie gar nicht da sehen. Ich sagte ihr auch, daß du mich hierher begleitet, weil sie nach der Tante und nach dir fragte. Du weißt ja, in Genf hast du sie als kleines Mädchen gesehen. Aber sie wollte nicht erlauben, daß ich dich heraufrufen ließe.« So erzählte Lilly in einem Atem weiter; denn das Gelingen ihres Unternehmens hatte sie ganz gesprächig gemacht.

Aber sie hätte noch viel mehr sagen können, Kurt hörte nichts davon. Er war wie von einem Schwindel ergriffen. Wieder stand Nora ungesucht auf seinem Wege ... War das die Antwort auf den Gedankenkampf, den er heute durchgekämpft – und sollte er wieder die Gelegenheit vorübergehen lassen.

Die beiden waren an Lillys Hotel angelangt. »Kannst du einen Augenblick hier allein verweilen?« sagte er in seltsamer Hast, nachdem er Lilly auf ihr Zimmer begleitet hatte. »Ich sah vorhin einen alten Bekannten auf der Straße, den ich sprechen möchte. Wir haben ja noch zwei Stunden Zeit.«

»Gewiß,« versicherte Lilly. »Hier kann ich dich sehr gut erwarten. Laß uns nur bitte den Bahnzug nicht versäumen.«

Aber Kurt war schon fort. Er eilte die Treppen hinab, er stürzte auf die Straße hinab, als fürchte er, durch eine Minute Zeitverlust an seinem Entschluß irre zu werden. Was wollte er, was wünschte er? Er wußte es selbst nicht klar – er wollte nur nicht abermals den Augenblick entschlüpfen lassen.

»Graf Degenthal!« rief Nora entsetzt, als er kurze Zeit darauf in leidenschaftlicher Erregung vor ihr stand. »Graf Degenthal! ... Sie haben kein Recht mehr, zu kommen.« Sie wollte sich kalt und stolz erheben, aber sie brach zitternd zusammen.

»Kein Recht mehr!« rief er auf sie zutretend und wie mit Eisenkraft ihre Hände fassend. »Wer hat mir das Recht geraubt? Wer hat die opferwilligste Liebe mir höhnend ins Antlitz geschleudert? Wer hat die Treue gebrochen, die heiligsten Gefühle verraten? ... aus verächtlicher Feigheit oder noch verächtlicherer Eitelkeit! Nora, ich wollte, ich könnte dich hassen!« Er schleuderte die Hand zurück, die er eben gehalten.

»Kurt, Kurt! Du glaubst selbst nicht, was du sagst! Du weißt, daß meine ganze Seligkeit in meiner Liebe lag!« rief sie in schneidendem Schmerz.

»Deiner Liebe!« wiederholte er, seiner Bitterkeit freien Lauf lassend, »deiner Liebe, welche die kürzeste Frist nicht überdauerte, die unterging in der elendesten Weise ...«

Die rücksichtslosen Worte schienen ihren Stolz wachzurufen – sie erhob sich totenbleich, aber gefaßt. Ihre Lippen bebten, doch sprach sie klar und deutlich. »Du hast kein Recht, mich zu verurteilen; denn dir hatte ich alles vertraut, und du hast es nicht hören wollen ... hast jede Erklärung zurückgewiesen.«

Der Vorwurf traf ihn, und wie sie jetzt vor ihm stand, so ernst, so schön, kein Hauch von Schuld auf der Stirn, das Auge frei zu ihm aufgeschlagen und doch ein Blick unsäglicher Trauer darin – da flammte trotz Zorn und Bitterkeit die verhaltene Glut wieder in ihm auf. »Nora, Nora!« rief er, »warum hast du es getan? Glaubst du denn, ich habe nicht gelitten! Sieh mich an, ob ich nicht verändert bin, sieh, was es mich gekostet hat ... und ich frage dich, wodurch hatte ich verdient, daß du mich so behandelt hast?«

»Verzeih! Verzeih! Es war nicht meine Schuld ... O mein Gott, es war ein so furchtbares Opfer! Warum wurde nicht mein Leben anstatt des deinigen dadurch zerstört?« Wie verzweifelnd schlug sie die Hände vor das Antlitz.

»Glaubst du, mein Leben sei mir noch etwas wert gewesen seit der Stunde, die mir das Heiligste in den Staub trat! Und doch, Nora ... sage mir ... löse mir das dunkele Rätsel....« Er schwieg, wie unfähig, weiter zu reden, zog sie stürmisch an sich und nahm die Hände von ihrem Gesicht. Sein Auge brannte heiß in dem ihren, als müsse er ihr Inneres durchschauen.

»Jetzt ist es zu spät,« flüsterte sie klagend, »für immer zu spät! O Kurt, wärst du nur dagewesen!« Ihr Kopf sank auf seine Schulter, indem sie in einen Strom von Tränen ausbrach; ihre Arme umschlangen ihn in leidenschaftlichem Schmerz.

»Ich bin da, Nora ... jetzt bin ich da!« gab er zurück, erschüttert von ihrer Trauer, und preßte seine Lippen auf ihren Scheitel. »Noch kann alles gut werden, für die Liebe ist es nie zu spät.«

»Doch, doch, die Wellen sind über mir zusammengeschlagen ... selbst du kannst mich nicht mehr retten.... man kann nichts ungeschehen machen. Du sagtest selbst, jene Stunde habe mich in den Staub geworfen ... und ich weiß es. Jetzt bin ich deiner Liebe unwürdig ... deine Liebe darf ich nicht mehr nehmen ... Geh, Kurt, und lasse mich ... Warum bist du noch einmal gekommen?«

»Um das zu erlangen, was ich fordern kann, wenn ich es auch einmal in sinnlosem Schmerz zurückgewiesen! Aber mein Herz hat keine Ruhe gekannt seit jener Fahrt, die uns so wunderbar zusammenführte, und wo der kostbare Augenblick uns doch verloren ging. Jetzt soll er nicht vorübergehen ... Ich will Aufklärung: kein Geheimnis, keine Intrige soll uns trennen. Du weißt, du warst mir alles wert, und was man auch tat, um diese Kluft zwischen uns aufzureißen, der Welt zum Trotz mache ich mich dir zu eigen, Nora ... nur sprich! ...sprich!« und er umschlang sie noch fester.

»Du sollst nicht, du darfst nicht ... jetzt nicht mehr!« sagte sie wieder. »Es ist zu spät.« Aber im selben Augenblick zuckte sie zusammen und machte sich mit einer plötzlichen Bewegung aus seinen Armen los. »Da kommt jemand,« sagte sie erschreckt und atemlos. »O, dieser schreckliche Mensch, gerade jetzt! ... Geh, ich sage dir alles, du sollst alles erfahren ... aber geh' jetzt, Kurt, geh'!«

»Warum?« wollte er eben fragen. Aber schon ward an der Tür geklopft, und ehe er sich umwenden konnte, war sie auch geöffnet.

Landolfo trat herein. Ein tückisches Lächeln flog über seine Züge, als er die beiden erblickte. »Ah! Graf Degenthal!« sagte er mit einer flüchtigen Verbeugung. »Fräulein Nora, ich komme, Sie zu der Vorstellung abzuholen. Es ist die höchste Zeit.«

»Ich danke Ihnen: mein Vater holt mich stets selbst ab,« sagte sie kühl und abweisend.

»Ihr Herr Vater schickt mich zu Ihnen. Wenn ich aber gewußt, daß Sie angenehmen Besuch hätten, würde ich nicht gewagt haben zu stören,« gab er zurück, die Worte »angenehmen Besuch« frech betonend. »Vielleicht werden Sie vorziehen, heute nicht zu reiten. Wenn ich das Ihrem Herrn Vater bestellen soll ...« er blieb dabei ungeniert neben ihr stehen, als habe er ein Recht dazu, und maß Kurt mit herausfordernden Blicken.

»Ich werde meinem Vater selbst meine Bestellung ausrichten,« versetzte Nora. »Graf Degenthal, ich fürchte, wir müssen scheiden,« sagte sie, sich zu ihm wendend und ihm die Hand bietend.

Kurt nahm die Hand, die kalt und zitternd in der seinen lag. »Ich gehe also jetzt, weil auch meine Zeit augenblicklich um ist. Aber ich komme in den nächsten Tagen wieder, Nora!« sagte er fest entschlossen. »Es muß und soll alles sich aufklären. Was es auch sein mag, wir müssen uns aussprechen. Rechnen Sie also sicher auf mich in den nächsten Tagen.«

Er betonte die Worte, als wolle er sich selbst in seinem Entschlusse bestärken, und als wolle er sie auch dem noch immer zudringlich dabei Stehenden recht deutlich zur Kenntnis bringen.

Landolfo antwortete mit einem unangenehmen, vieldeutigen Lächeln.

Nora schien dies nicht zu beachten oder wollte mit dem Frechen sich in keinen Streit einlassen. Aber ihre Stimme klang unendlich wehmütig, fast ungläubig, als sie Kurts Worte wiederholte. »In den nächsten Tagen ...« Einen Moment war es, als strecke sie die Hand aus, ihn zurückzuhalten.

Degenthal eilte aber fort; er warf sich in die nächste Droschke, um schneller zurückzukehren. Trotzdem er eigentlich noch nichts erfahren, nichts erreicht, war es ihm, als sei ein Zentner von seinem Herzen gefallen. Er hatte sie wiedergesehen, ein Wort war doch gesprochen, der Bann gebrochen, der zwischen ihnen gelegen. In ihrem Antlitz hatte er gelesen, daß nur ein unseliges Verhängnis sie zu dem Entschluß gebracht; sie hatte es ein Opfer genannt und er war überzeugt, daß vielleicht nur mißverstandene Pflicht sie dazu gedrängt habe.

Sollte er sie von sich stoßen, weil ihr die Kraft gefehlt hatte, die Verhältnisse zu bewältigen? Das alte Gefühl, sie retten zu müssen, überkam ihn aufs neue; wie damals als Knabe fühlte er sie in seinen Schutz gestellt. Die Liebe siegte mit der früheren Macht über alle Bedenken. Ja, in den nächsten Tagen wollte er, wie er ihr verheißen, zu ihr zurückkehren und dann handeln. Nur ein Mensch, der Jahre hindurch in der Unklarheit geschwankt, könnte ermessen, wie der Entschluß ihn beruhigte.

Er trat bei seiner Cousine ein, fand dieselbe aber nicht allein. Ein breitschulteriger Mann in einem hellen Reiseanzuge, den exotischsten aller Panamas in den Händen, saß dort. Sein volles, gebräuntes und dichtbebartetes Gesicht wandte er jetzt dem Eintretenden zu.

»Dahnow, du?« rief Kurt auf das äußerste überrascht, ihm die Hand entgegenstreckend. »Freund, wo kommst du her?«

»Von einer kleinen transatlantischen Tour, die drei Jahre gedauert hat, um mich wieder zu vereuropäisieren,« sagte der Angeredete, des Freundes Hand kräftig schüttelnd. »Nach einigen Konferenzen mit wissenschaftlichen Größen hier, um meine selten richtigen Beobachtungen zu verwerten, wollte ich dich aufsuchen, ehe ich in meine nordische Heimat zurückkehre. Meine Erkundigungen hier in der Wohnung deiner gnädigen Cousine nach eurer Familie nahmen den günstigen Verlauf, mir eure zufällige Anwesenheit kund zu tun. Komtesse Lilly hatte nun die Gnade, mich gleich zu empfangen ... da hast du mein curriculum vitae. Ich habe kein sehr erfreuliches von dir gehört, Alter! Krank sein ... welche Zeitverschwendung in der Jugend! Du scheinst dich aber besser erholt zu haben als deine liebenswürdige Pflegerin annehmen wollte,« setzte er hinzu, einen Blick auf Kurts durch die Erregung gerötetes Gesicht und seine leuchtenden Augen weisend.

»Du hast doch kein Fieber?« fragte Lilly, ebenfalls erstaunt über die Veränderung. »Kurt, es wäre schrecklich, wenn unser Ausflug dir schadete! Ich würde mir ewig Vorwürfe machen.« Die innigste Besorgnis sprach aus ihren Zügen.

»Sei unbesorgt, Cousinchen,« sagte er, sich ungeniert neben sie auf das Sofa werfend. »Es war ein herrlicher Entschluß von dir. Ich kann dir nicht sagen, wie dankbar ich dir dafür bin, wie der Tag mir wohlgetan hat ... Nein, verzieh mich nicht so,« fuhr er fort, das Kissen abwehrend, das sie ihm zuschob; doch hielt er die Hand fest, die es ihm reichte. »Dahnow, du glaubst nicht, was das für eine liebe Hand ist,« sagte er fast zärtlich, »und was für ein liebes Gemüt. Solche treue Güte verstehen wir Männer kaum ... wir sind wahre Barbaren dagegen.«

Kurt dachte dabei an die treue Freundschaft, die Lilly an Nora bewährt, und welche ihm das Wiedersehen vermittelt hatte.

Lilly aber erglühte tief. »Sprich doch nicht solchen Unsinn,« sagte sie, ihre Hand verlegen zurückziehend.

»Es scheint ihm aber ernst gemeint zu sein, Komtesse,« sagte Dahnow, die beiden beobachtend, »und einer teilnehmenden Wirtin gegenüber auch wohl gerechtfertigt.« Im stillen aber dachte Dahnow: »Weiß der Teufel, es muß mein Geschick sein! Komme ich nach drei Jahren vom Aequator zurück, um ihn gerade wieder mit einer Liebeserklärung beschäftigt zu finden, wie schon einmal. Die arme Nora scheint gründlich vergessen ... mein Brief damals muß nicht viel gefruchtet haben. Vernünftiger ist's gewiß so. Glücklich, wer es kann; solche Schwärmer müssen immer für eine schwärmen ... Aber was mag aus Nora geworden sein!«

Es war, als ob sein fluxe de bouche bei dem Gedanken etwas ins Stocken geraten sei; er verabschiedete sich bald. »In den nächsten Tagen komme ich nach Göhlitz,« hatte er auf die dringende Einladung Lillys, seinen Freund dort zu besuchen, geantwortet. Kurt raunte ihm noch geheimnisvoll zu: »Komme ja! Ich habe dir etwas Wichtiges mitzuteilen.«

»Als ob ich das nicht schon raten könnte,« brummte der Dicke.

»Gottlob, die Fahrt ist dir gut bekommen,« sagte Lilly bei der Rückkehr, nachdem sie manch ängstlichen Blick auf des Vetters Gesicht gerichtet. »Du hast dich gestärkt. Über den Zweck unserer Fahrt laß uns übrigens schweigen, Kurt. Ich danke für deine Begleitung.«

»Nein, ich habe dir zu danken! Was du heute ausgeführt, war ein schöner Zug deines Herzens. Lilly, ich habe in den nächsten Tagen dir auch etwas zu sagen, und dann zähle ich wieder auf dein liebes, treues Gemüt.« Er wollte noch mehr sagen, aber Lilly lief verwirrt davon.

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