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Die Tochter des Kunstreiters

Ferdinande Freiin von Brackel: Die Tochter des Kunstreiters - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorFerdinande Freiin von Brackel
titleDie Tochter des Kunstreiters
publisherJ. P. Bachem in Köln
printrun80. - 87. Auflage
firstpub1875
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060203
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2

Weh mir, sie haben
Mein Weib und all mein Glück begraben.
Geibel.

Kurze Zeit, nachdem er seine Frau verlassen, trat der Direktor Karsten, sein Töchterchen an der Hand, in den Speisesaal des Hotels. Man stand inmitten der Reisesaison; der weite Raum war angefüllt mit Gästen verschiedenster Art, aber aller Augen wandten sich auf die hohe Gestalt des Mannes und auf das reizende Kind an seiner Seite. Nora war bei ihren sieben Jahren bereits eine ungewöhnliche Erscheinung. Ihre zierliche Gestalt hatte schon viel von der selbstbewußten Haltung des Vaters; die regelmäßigen Züge, die feingezeichneten Brauen, das dunkle Haar waren gleichfalls von ihm; der ungewöhnlich leichte Teint und die blauen Augen, die seltsam dazu abstachen, waren der Mutter Erbteil, wie Nora auch deren leicht bewegten weichen Ausdruck ererbt hatte. Nach englischer Sitte in Weiß gekleidet, so daß Hals und Arme frei blieben, wurde ihre fremdartige Schönheit noch durch das ganz gelöst getragene Haar gehoben, das in reichen Wellen fast bis auf den Rand des kurzen Kleides fiel und ein tiefes Schwarz zeigte, wie es bei Kindern so selten vorkommt.

Die Kleine bewegte sich unter all den Menschen mit der vollkommensten Sicherheit und Ruhe. Ihr Vater hatte sich Plätze in der Nähe einiger ihm bekannt gewordenen Herren reservieren lassen. Die Huldigungen und kleinen Galanterien, mit denen man das schöne Kind empfing, nahm Nora mit der Gleichgültigkeit von längst Gewohntem und der Herablassung einer kleinen Prinzessin hin. Das Gespräch der Herren wandte sich bald dem Fache des Direktors zu, dessen vieljährige Erfahrung stets Interessantes genug bot. Bei aller Vorliebe Noras für das Lieblingstier ihres Vaters überstieg die Unterhaltung aber doch die Fassungskraft des Kindes. Etwas vernachlässigt und gelangweilt sich fühlend, ließ sie ihre Blicke durch den Saal schweifen. Plötzlich leuchteten diese auf. Neue Gäste waren eingetreten und die Hauptursache ihrer regen Teilnahme bestand wohl darin, daß ein Teil der Angekommenen kleine Menschen gleich ihr waren. Kinder haben für Kinder stets unwiderstehliche Anziehungskraft.

Zu Noras nicht geringer Freude kam die Gesellschaft ihrem Platze näher. Eine vornehm aussehende Dame führte ein kleines Mädchen, einige Jahre jünger als Nora, in tiefe Trauer gekleidet. Zwei Knaben von neun und dreizehn Jahren folgten ihr in Begleitung eines jungen Mannes, der unverkennbar der Erzieher war und dessen schwarzes Gewand seinen Stand genugsam kennzeichnete. Die Dame mit dem kleinen Mädchen ward Noras Gegenüber; der Erzieher mit den Knaben nahm die Plätze neben ihr ein, so daß der ältere der Knaben ihr unmittelbarer Nachbar ward.

Echt knabenhaft hatte dieser fürs erste keinen Blick für seine niedliche Nachbarin; seine Mahlzeit schien ihn allein in Anspruch zu nehmen. Die Dame aber sah oft zu dem schönen Kinde hinüber, das mit seinen sprechenden Blicken die Fremden musterte, unverkennbar in dem Wunsche, die lange Tischzeit durch eine Unterhaltung mit ihnen zu verkürzen.

Es währte auch nicht allzu lange, so vermochte sie ihr Verlangen nicht mehr zu bemeistern; mit der Art von Freimaurerei, die zwischen allen unerwachsenen Menschen herrscht, redete sie ihren Nachbar mit der gewöhnlichen Kinderfrage, wie er heiße, an.

Der Knabe sah erstaunt auf; dann aber machte auch auf seine dreizehn Jahre die Lieblichkeit der Sprecherin Eindruck und die Unterhaltung war bald im Gange. Die Dame wie der junge Geistliche mischten sich auch ein, angezogen von der lebhaften, ungezwungenen Weise der Kleinen, die bald von ihrer kranken Mama, bald von ihren vielen Reisen erzählte, dabei in allen Sprachen des Kontinents schien Rede und Antwort geben zu können.

Während Nora im eifrigsten Gespräch begriffen war, erhob sich der Direktor, seinem Töchterchen winkend, ihm zu folgen. In seine Unterhaltung vertieft, hatte er die Angekommenen kaum beachtet. Nora verabschiedete sich mit der ihr eigenen Sicherheit und Anmut von den Fremden, die ebenfalls, angezogen von der schönen Erscheinung Alfreds, voll Interesse und Neugier ihm nachsahen.

»Wer ist der Herr mit dem reizenden Kinde?« fragte die Dame den ihr zur Seite stehenden Kellner, der sich so ehrfurchtsvoll vor dem Direktor verbeugt hatte, wie nur sehr hohe Namen oder sehr hohe Trinkgelder pflegen begrüßt zu werden.

»Es ist der Herr Direktor Karsten,« flüsterte der Kellner. »Der berühmte Kunstreiter-Direktor,« fügte er auf den fragenden Blick der Dame dienstbeflissen hinzu.

»Der Kunstreiter-Direktor Karsten,« sagte die Dame ungläubig und enttäuscht.

»Jawohl. Es ist die berühmteste Truppe, Frau Gräfin,« fuhr der Kellner in seinem Berichte fort. »Und das Kind war sein Töchterlein. Sie sind schon einige Tage hier. Die Direktorin ist leidend. In den nächsten Tagen sollen die Vorstellungen eröffnet werden.«

»O, Herr Karsten, Herr Karsten, Mama,« riefen die Knaben; «den müssen wir sehen; er soll so wunderschöne Pferde haben. Mama, da mußt du uns hingehen lassen.« Die Mutter nickte dazu; aber immer schien ihr die Nachricht noch nicht einzuleuchten. »Wie distinguiert er aussieht,« sagte sie wie zu sich selbst. »Aber das arme schöne Kind ...«


»Wer waren deine neuen Bekannten bei der Tafel, du Plaudermäulchen?« fragte auch der Direktor, als er mit seiner Kleinen die Treppen zum oberen Stocke hinanstieg.

»Ich weiß ihre Namen noch nicht, Papa. Der große Junge an meiner Seite hieß Kurt, und der kleinere hieß Nikel. Denke dir, wie komisch: Nikel! Das kleine Mädchen nannten sie Lilly. Es war aber garnicht ihre Schwester, es nannte die große Dame Tante. Die Knaben nannten sie Mama.«

»Wie nannte der junge Geistliche die Dame?« fragte der Direktor.

»Er nannte sie Frau Gräfin, und sie kommen aus Oesterreich, das habe ich auch verstanden. Da wohnen sie auf einem schönen großen Gut und nehmen jetzt das kleine Mädchen mit dahin, weil es gar keine Eltern mehr hat. Sie haben auch keinen Papa mehr,« plauderte die Kleine weiter.

»Nun, da wissen wir doch etwas,« sagte der Direktor lächelnd. »Aber nun geh hinein zu Anne. Sei hübsch ruhig und artig, wenn Mama schläft. Willst du spielen, so spiele hier auf dem Korridor, damit du sie nicht störst.« Er öffnete der Kleinen die Tür, unentschlossen, ob er selbst eintreten sollte oder nicht. Das Gespräch des Morgens hatte einen kleinen Stachel in ihm zurückgelassen; er fürchtete, es erneuert zu sehen. »Sie schläft gewiß,« bemerkte er, noch einmal hinhorchend, zu seiner Beruhigung und wandte sich dann zum Gehen.

In Helenas Gemach war tiefe Stille. Sie hatte kaum etwas genommen seit jener Stunde und lag regungslos auf dem Ruhebette. Die Erregung des Morgens schien ihre Kräfte erschöpft zu haben, denn kein Wort kam mehr über ihre Lippen, nur der trockene Husten drang in kurzen Pausen hervor.

Die Wärterin, hoffend, daß sie schlafe, hielt das Kind zurück, das zur Mutter hinein wollte. Dem lebhaften kleinen Dinge war es bald zu enge im Zimmer, und sie folgte der Erlaubnis des Vaters, sich auf dem Korridor zu tummeln. Halb und halb hoffte Nora, ihren neuen Tischfreunden dort zu begegnen. Sie sollte sich darin nicht geirrt haben. Als sie über das hohe Geländer träumerisch in den Vorhof hinuntersah, wo eine emsige Menschenmenge sich drängte, bemerkte sie, wie der Geistliche mit seinen Zöglingen die Treppe heraufkam.

»So still und allein?« sagte er freundlich, als er der Kleinen ansichtig wurde.

»Papa ist aus, Mama schläft und Anne brummt,« gab Nora summarisch Bescheid.

»Das sind freilich drei schlimme Dinge für dich,« meinte der Kaplan lächelnd. »Du langweilst dich wohl?«

»Ich dachte mir, daß ihr kämet,« sagte die Kleine offenherzig; »deshalb blieb ich hier. Ich hörte schon euer kleines Mädchen da drinnen weinen,« fuhr sie fort, auf eine Tür des Ganges zeigend.

»Ja, Lilly ist dort bei unserer Mama,« nahm der ältere Knabe das Wort. »Komm mit uns herein,« sagte er, vor ihr niederkniend, um seine langen Glieder so zu ihrer Höhe herabzubringen, indes sie traulich ihre Hand auf seine Schulter legte. »Komm mit uns,« wiederholte er.

»Das darf ich nicht,« antwortete sie. »Ich darf nicht zu Fremden gehen; Mama hat es ein für allemal verboten. Aber hier darf ich spielen,« setzte sie verlangend hinzu.

»So wollen wir hier mit dir spielen,« sagte der Knabe. »Nicht wahr, Sie haben ja nichts dagegen, Herr Kaplan?« wandte er sich an diesen. Der nickte sofort seine Zustimmung; er hatte selbst Gefallen an dem Kinde.

»Was sollen wir denn spielen?« fragte der Knabe wieder.

»Kannst du Seilchen springen,« meinte er, auf das Seil deutend, das sie mit aus ihrem Zimmer gebracht hatte, da der lange Gang vollkommenes Terrain dazu bot.

»Ob ich's kann,« sagte sie verächtlich. »Ich kann noch ganz anderes, als ihr glaubt. Schlagt es mir nur.«

Die Knaben willfahrten ihr. Das kleine Ding stellte sich auf die Zehen, reckte sich aus den Hüften, die schwarzen Haare zurückwerfend und die Arme emporhaltend, und tanzte dann graziös wie eine Elfe unter den raschen Schwingungen des Seiles fort in den eigentümlichsten und geschicktesten Wendungen.

Die lauten Beifallsrufe der Knaben ließen sie plötzlich innehalten. »Das habe ich von Fräulein Emilie gelernt,« sagte sie. »Aber ich hätte es nicht tun sollen,« setzte sie verlegen und reuig hinzu. »Mama kann es gar nicht leiden, wenn ich es vor Fremden tue.«

»Warum kann deine Mama das nicht leiden?« fragte der Kaplan, aufmerksam geworden.

»Mama sagt, es sei häßlich, sich so sehen zu lassen. Sie mag auch nicht leiden, daß ich reite.«

»Reitet denn deine Mama nicht?« fragte der Kaplan wieder.

»Mama reiten!« sagte sie, mit einem allerliebsten Anfluge von Stolz ihr Köpfchen in den Nacken werfend. »Das tun ja Papas Leute; die tun es für Geld.«

»Kannst du denn schon reiten?« riefen die Knaben voll Staunen.

»Reiten und fahren, natürlich,« sagte sie achselzuckend.

»Ich habe ja vier Schecken-Ponys, die mir ganz allein gehören. Ihr könnt sie sehen, wenn ihr in den Zirkus geht. Der kleine Wimbleton fährt die Post damit; ich habe es ihm erlaubt, ich kann es aber viel besser.«

Der Knaben Augen wurden groß vor Staunen. »Du kannst schon mit vieren fahren?«

»Mit sechsen kann ich's,« sagte sie mit Zuversicht. »Dieses Frühjahr habe ich in St. Petersburg vor dem Kaiser mit sechs Ponys gefahren, ganz allein. Er hat es Papa nicht glauben wollen, daß ich's könnte; da hat Mama auf vieles Bitten erlaubt, daß ich vor ihm fahren dürfe. Ich weiß auch noch ganz gut, was der Kaiser da gesagt hat,« setzte sie hinzu, und man sah ihr an, daß sie wünschte, danach gefragt zu werden.

»Was hat er denn gesagt?« riefen die Zuhörer.

»Erst hat er mich auf den Arm genommen, mich geküßt und mir dies geschenkt,« sagte sie, ein mit Perlen eingefaßtes Herz zeigend, das sie am Halse trug, »und dann – aber du darfst nicht lachen,« wandte sie sich an Kurt, bei dem ein verdächtiges Zucken der Mundwinkel eingetreten war.

»Wie, was sagte der Kaiser?« brachte Kurt sie wieder auf die richtige Bahn.

»Er, er sagte, er sagte ...« sie stockte etwas. »Die wird noch einmal ganz anders die Welt von sich reden machen und Sie ganz ausstechen, lieber Karsten,« wiederholte die Kleine pünktlich und wortgetreu. – »Nun lacht ihr aber doch!« setzte sie entrüstet hinzu, als selbst der Kaplan sich eines Lächelns nicht erwehren konnte.

Kurt aber wurde bei ihren Worten dunkelrot. »Ich lache gar nicht,« sagte er sehr ernst. »Deine Mama hat ganz recht; es ist durchaus nicht hübsch, wenn ein kleines Mädchen sich so sehen läßt. Wenn man von dir als Kunstreiterin spräche, täte es mir sehr leid. Das wäre wahrhaftig traurig für dich.«

Der Knabe hatte heftig gesprochen; verdutzt über die scharfe Rüge sah die Kleine ihn an, und ein betrübter Ausdruck zog über ihr Gesichtchen. Er sah es und es tat ihm leid. Wieder bei ihr niederkniend, streichelte er ihr das dunkle Haar von der Stirn und sagte freundlich: »Nun, sei mir nicht böse; du wirst schon keine Reiterin werden. Hast du aber auch anderes gelernt als reiten und fahren?«

»O, viel,« versicherte die Kleine treuherzig. »Alle Tage habe ich Stunden bei Mama und sehr oft auch bei Lehrern. Ich kann schon in drei Sprachen lesen und schreiben; den Katechismus kann ich auch,« setzte sie hinzu, mit einem Blick auf den Kaplan, als gelte dem das besonders.

»Wer unterrichtet dich denn darin?«

»Mama alle Tage, ich habe auch schon gebeichtet. Du bist auch ein Geistlicher,« setzte sie hinzu, »ich habe es gleich gesehen.«

»So!« sagte der Kaplan, »hast du das gleich entdeckt?«

»Ich kenne viele Geistliche; wenn wir in eine Stadt kommen, wo wir länger bleiben, bringt Mama mich immer zu ihnen und läßt mich examinieren. Mama ist sehr fromm; sie ging immer alle Tage in die Kirche; jetzt ist sie aber krank,« plauderte die Kleine weiter.

»Das war sehr schön von deiner Mama,« sagte der Kaplan, gerührt von dem Bilde der Mutter, die inmitten des unruhigen, fahrenden Lebens die Seele ihres Kindes so leitete. – »Werde du nur auch gut.«

»Bist du auch fromm?« fragte die Kleine jetzt, Kurt groß anschauend.

»Das hast du vom Predigen, Kurt,« sagte der Kaplan lächelnd. »Aber kommt jetzt, Buben. Eure Mutter wird euch erwarten.«

»Nein, bleibe noch etwas hier,« rief Nora, Kurt festhaltend, »du wenigstens. Laß deinen Bruder nur hineingehen.«

Sie sah ihm bittend in die Augen. Dem Knaben mißfiel die Bitte nicht; er verharrte in seiner Stellung, das kleine Ding wie ein neues, wunderbares Spielzeug betrachtend. »Was für ein seltsames kleines Geschöpf du bist!« sagte er – »aber da ist Mama schon,« unterbrach er sich, hastig sich erhebend, als seine Mutter aus einem der anstoßenden Gemächer auf den Korridor trat.

»Was treibt ihr denn da,« fragte sie, der Gruppe sich nähernd.

Der Kaplan wollte Aufschluß geben, als eine andere Tür heftig aufgestoßen wurde und eine ältere, eigentümlich aussehende Frau schreiend und weinend auf die Gräfin zustürzte, die im ersten Augenblicke zurückwich, eine Verrückte wähnend. »O, helfen Sie, helfen Sie!« rief die Alte in gebrochenem Deutsch, die Hände ringend: »Missis stirbt, Missis stirbt, und niemand da, ihr zu helfen!«

»Was sagt sie?« fragte die Gräfin erstaunt.

Die Kleine aber sprang auf die Alte zu und sie umschlingend, rief sie: »Das ist meine Anne! Anne, was ist dir?«

»O Miß Nora, Mama so krank und Master nicht da,« jammerte die Alte.

»Mama ist krank,« wiederholte die Kleine mit plötzlichem Verständnis. »O Mama, Mama!« rief sie dann, in Tränen ausbrechend und auf das Zimmer zueilend.

»Da scheint Hilfe nötig, Herr Kaplan,« sagte die Gräfin. »Suchen Sie von der Alten zu erfahren, wer der Gatte der Dame ist und wo er weilt, indes ich sehe, was sich tun läßt.« Ohne sich weiter zu besinnen, trat sie bei der Kranken ein, wo sie schon die Stimme des weinenden Kindes hörte.

Helena lag wie früher auf dem Ruhebett; aber der Kopf war weit nach hinten gesunken, die lieblichen Züge schienen wie von einem Krampf verzerrt, und ein blutiger Streifen befleckte die Lippen wie die Kleidung, genugsam anzeigend, was sich ereignet.

Über die Mutter hingeworfen lag das kleine Mädchen, sie rufend mit allen ihr zu Gebote stehenden Liebesworten, welche aber die bewußtlose Mutter nicht zu hören schien. Kurt, der dem Kinde gefolgt war, suchte vergebens es zu beschwichtigen.

Die Gräfin überschaute mit klarem Blick die Situation. »Suche die Kleine für jetzt zu entfernen, daß sie die Mutter nicht erschreckt, und lasse einen Arzt rufen,« flüsterte sie dem Sohne zu, indessen sie sich sofort der Kranken annahm. Sorglich brachte sie das Haupt in eine bessere Lage, badete mit Wasser die heißen Schläfen und feuchtete sanft die brennenden, trockenen Lippen an.

»Mutter,« hauchte die Kranke, ihre Augen weit und groß öffnend. Als sie aber das unbekannte Gesicht sah, malte sich ein Ausdruck der Enttäuschung und des Staunens darin.

»Seien Sie ruhig,« sagte die Gräfin freundlich; »ich bin Ihnen fremd. Ein Zufall rief mich an Ihr Krankenlager. Erlauben Sie mir, daß ich Sie pflege, bis Ihr Gatte kommt. Ich habe schon nach ihm gesandt.« Ein dankbarer Blick der Kranken lohnte ihr; dann schlossen die müden Augen sich wieder. Die Brust aber hob sich schwer, ein dumpfes Röcheln stieg unheimlich daraus auf. Die Gräfin blickte aufmerksam auf die Kranke; sie sah die Schatten, die sich schwarz um die Augen gelagert, und den eigentümlichen Zug, der den Mund entstellte. Auch über die nächste Umgebung glitt ihr Blick. Neben der Reiseuhr lag ein Gebetbuch, und ein Rosenkranz, der auf den Falten des Kleides lag, schien aus den Händen der Kranken geglitten. Der Gräfin Entschluß war gefaßt. »Wünschen Sie noch jemand zu sprechen, bevor Ihr Gatte kommt?« fragte sie leise, aber deutlich.

Wieder öffneten sich die Augen, langsam und schwer, aber völliges Verständnis darin. Die Lippen bewegten sich hastig, doch kein Ton drang hervor. Die Hand jedoch machte ein Zeichen auf Stirn und Brust, das die Gräfin verstand.

Als Antwort machte auch sie das Kreuzeszeichen. »Mein Hauskaplan, der Erzieher meiner Söhne, ist hier,« sagte sie dann leise und deutlich. »Wünschen Sie ihn, indes ich zum Geistlichen des Ortes schicke?«

Die Hände Helenens falteten sich bittend. »O, gleich, gleich,« stammelte sie; »ich habe soviel noch zu sagen.«

Die Gräfin willfahrte ihr sofort. Kurts Zureden gelang es, die Kleine zu entfernen. Um seinen Hals geklammert, ließ sie sich in das anstoßende Gemach bringen, wo die alte Anne fassungslos saß.

Der Kaplan trat zu der Kranken ein. Er war noch sehr jung. Vor kurzem geweiht, hatte er gleich die Erzieherstelle in dem gräflichen Hause angenommen, und dies war das erste Mal, daß er an einem Sterbebette sein heiliges Amt ausüben sollte. Helena schaute ihn einen Augenblick prüfend an. Auf seinen Zügen, lag die ganze Reinheit der Jugend wie die Heiligkeit seines Standes und gaben ihm eine Würde, die über seine Jahre ging. Sie konnte Vertrauen zu ihm fassen, eine große Sorge in seine Hände legen, ihn zum Vertreter ihrer Wünsche bei ihrem Gatten machen. Und wunderbare Fügung: die wenigen Worte eines plaudernden Kindes hatten ihn in den Stand gesetzt, ihre Lage gleich vollkommen zu erfassen, sie mit wenigen Worten zu verstehen, was eine unendliche Erleichterung für sie war. Sein Rat stimmte mit ihren Wünschen überein, und es überkam sie eine seit langem nicht gekannte Ruhe, als sie ihr Vermächtnis, das Kind betreffend, ihm überantwortet hatte.

Ihr Friede mit dem Herrn war leicht geschlossen: ein einfach kindliches Gemüt, das unangetastet von der Welt geblieben war und seit langem sich auf diesen ernsten Augenblick vorbereitet hatte. Denn wie nahe er war, hatte sie besser gewußt, als ihre Umgebung ahnte, wenn auch die Erregung dieses Morgens das Ende beschleunigt hatte.

Als die Beichte geendet, kam ihr Gatte. Unvermittelt hatte die Botschaft ihn beim Eintritt in das Haus getroffen, da die ausgesandten Boten ihn nicht gefunden. In dem furchtbaren Schrecken und unvorbereitet, wie er war, brach seine leidenschaftliche Natur sich Bahn. Helenas bleiches Gesicht rötete sich wieder, ein Strahl der Liebe brach aus ihrem Auge; aber die eben gewonnene Ruhe war auch gestört. Es scheidet sich so schwer, wenn zwei liebende Arme uns festhalten, wenn das irdische Glück sich noch einmal geltend macht. Alfred kannte nur sich in seinem Schmerz; er bemerkte nicht einmal, daß Fremde um ihr Lager standen. In Helenas Herzen sprach aber noch eine heilige Liebe außer der Liebe zum Gatten. Sie fühlte, daß ihr nicht viel Zeit mehr blieb, und rief nach ihrem Kinde. Der Gatte hörte es kaum; aber die Gräfin, selbst Mutter, verstand sie, und winkte Kurt herbei. Noch immer hielt dieser die Kleine, welche, erschreckt und ängstlich, ihn nicht loslassen wollte. So trug er sie herbei und hob sie zum Ruhebett der Mutter auf, daß diese das Kind umfangen konnte.

Aber war es in Helena ein Gefühl der Eifersucht, daß ein Fremder ihre Kleine ihr darreichte, oder wollte sie den Gatten auf sein Kind aufmerksam machen – mit nervöser Hast schob sie den Knaben zurück und legte die Hände des Gatten um die Kleine. Es lag etwas in der Handlung, was den Knaben verletzte, und er trat einen Schritt zurück, tiefe Röte auf der Stirn.

Mit dem scharfen Blick, der Sterbenden oft eigen ist, bemerkte Helena dies sofort und streckte nun die Hand nach dem Knaben aus; sie winkte ihn näher und näher, bis er sich weit über sie bog. Es war ein hübsches, offenes Knabengesicht, und aus den großen braunen Augen flossen unaufhaltsam die Tränen nieder in tiefer Bewegung um das fremde Leid. Helena sah ihn wie prüfend an, dann hob sie schwach die Hand und legte sie wie segnend auf seinen lockigen Scheitel; ihre Lippen formten das Wort »danke«, aber ein heftiger Hustenanfall unterbrach sie. Das Tuch, das man an ihre Lippen preßte, färbte sich wieder von dem dunkelroten Strom, zum Schrecken der Anwesenden. Es war gut, daß der Arzt endlich eintraf, der nun seine ganze Autorität zur Geltung brachte, wenn er auch eingestehen mußte, daß hier seine Kunst nicht mehr helfen könne. Er ließ das Kind entfernen; der Kaplan nahm den Gatten unter seine Obhut, die Gräfin aber blieb, dem Liebesdienste treu, bei der Kranken zurück, in tätiger, sorglicher Hilfe.

Das war eine lange, bange Nacht, während das noch junge Leben mit der Auflösung rang. Erst im Morgengrauen war der Kampf beendet.

An dem Ruhebett, wo Helena ihren letzten Seufzer ausgehaucht, knieten alle diese seltsam zusammengewürfelten Menschen: der Geistliche, der ihr den letzten Trost gegeben und der sich um den fassungslosen Mann mühte, sie waren Typen so weit verschiedener Lebensbahnen; da kniete auch der Knabe und umfaßte zärtlich das verwaiste Kind, das in seinen Armen sich in den Schlaf geweint; da stand die Gräfin und stützte noch im Tode schwesterlich das Haupt der Fremden, der Frau des Kunstreiters, dessen Stand ihr vor kurzem ein Achselzucken und einen Seufzer entlockt.


Acht Tage waren vergangen. Drei Nächte ruhte Helenens irdische Hülle in der Erde. Der Schmerz des Gatten hatte das erste Maßlose überwunden; das Leben machte wieder seine Anforderungen geltend. Es ist ein großer Segen, daß diese nie länger als wenige Tage schweigen können und uns zwingen, aus dem Schmerz herauszutreten. In jedem großen Schmerz wie in jedem außergewöhnlichen Ereignis liegt etwas Gleichmachendes, das die gewöhnlichen geselligen Schranken für den Augenblick niederreißt. Die Gräfin hatte sich in ihrer praktischen, hilfreichen Weise der Familie, in welche sie der Zufall so seltsam hineingezogen, auf das tätigste angenommen. Die kleine Nora war ganz unter ihrer Obhut geblieben, damit dem Kinde der Verlust der Mutter weniger fühlbar werde.

Jetzt aber sollte alles zurücktreten in die gewohnte Ordnung, die ja über jedes Grab hinweg ihren Weg nimmt. Direktor Karsten wollte den Ort verlassen, wo er so Trübes erlebt; er konnte dort seine Vorstellungen nicht eröffnen. Er kam, sein Töchterchen abzuholen und sich bei der Gräfin zu verabschieden.

Jetzt, wo ihre Mitwirkung aufhörte, trat der vornehmen Dame zum erstenmal wieder die Verschiedenheit der Lebensstellung vor Augen, und es berührte sie seltsam, den Mann solcher Kreise wie ihresgleichen zu empfangen.

Gräfin Degenthal gehörte ihrer Geburt wie ihrer Heirat nach den vornehmsten, exklusivsten Adelsgeschlechtern an. Exklusiv sein – dies Fernbleiben den anderen Kreisen, dies Sichbeschränken in seinem Umgang, es wird dem Adel so oft feindlich, ausgelegt und haftet doch auch den übrigen Ständen, jedem in seiner Art, nicht minder an. Es gehört auch zur Wesenheit eines jeden Standes, der nur in der Gleichartigkeit der Elemente besteht. Gemeinsames Leben, gleiche Interessen und gleiche Anschauungen bedingen aber Schranken und bauen sie stets von neuem auf, wenn man sie auch vernichtet zu haben wähnt. Innerhalb der Schranken gerade wachsen die Vorteile wie die Pflichten eines jeden Standes. Nur Träumer eines ungesunden Ideals erdenken sich die Unnatur völliger Standesgleichheit – ein unnatürlicher Zustand schon darum, weil er nie dagewesen.

In christlichen Ländern kann der Unterschied der Stände auch nie in drückenden Kastengeist ausarten; denn mild schwebt darüber das Gesetz christlicher Liebe, die alle gleich umfaßt, und ernst steht dabei das Gesetz christlicher Strenge, die allen Seelen gleichen Wert beimißt, sie alle vor den gleichen Richterstuhl weist.

Dort bezieht sich der Sondergeist mehr auf den geselligen Verkehr, auf die Weigerung, andere Art und Weise in den eigenen Stand zu verpflanzen. Der Adel als der stabilste Stand mag darin sich am strengsten abschließen; doch einzelne wenige ausgenommen, hat er seinen Sondergeist nie geltend gemacht zum Schaden des Ganzen. Er focht mit den Söhnen des Volkes in einer Reihe, warb um die gleichen Lorbeeren auf dem Felde von Kunst und Wissenschaft, er suchte im Dienste der Religion seinen Platz unter den Demütigsten wie unter den Hohen. Wohl kann jede Schranke zu Konflikten führen und hat es allezeit getan; wohl kann der einzelne sie einmal hart empfinden. Doch Konflikte sind der Wellenschlag des Lebens, die es vor Stagnation bewahren, und Ausnahmefälle bestätigen die Regel.

Die Gräfin war Aristokratin von fast starrem Grundsatz, die nur in den Kreisen ihresgleichen den Umgang kannte und suchte. Aber wie wir gesehen, wich sie nicht zurück, wenn der Dienst des Nächsten ihr Eintreten heischte. Sie war eine Natur, die wenig innere Weichheit und Wärme besaß, aber ein tüchtiger Charakter, in dem alles durch ein ausgesprochen starkes Pflichtgefühl geregelt war, welches vor dem Herrn gewiß sehr hoch steht, aber uns Menschen doch nicht immer die natürliche Herzenswärme ersetzt.

Eine Pflicht christlicher Barmherzigkeit war es gewesen, der Fremden beizustehen, und nicht der niedrigste Dienst hätte die Gräfin zurückgeschreckt. Aber sobald ihre Hilfe keine Notwendigkeit mehr war, wünschte sie auch nicht weiter, daß sich die Wege kreuzen möchten. Zu sehr Dame von Welt, um dies in unliebenswürdiger Weise an den Tag zu legen, beschränkte sie sich auf ein kaum merkliches Zurückgehen auf das Allernotwendigste. Alfred Karsten hatte selbst diesen Kreisen einst zu nahe gestanden, war ihnen innerlich auch jetzt noch zu sehr verwandt, um das nicht zu empfinden, ja zu verstehen. Er wußte mit der vollkommensten Genauigkeit seinen eigenen Standpunkt inne zu halten. Der Gräfin imponierten dabei seine ruhige Sicherheit, seine einfachen, guten Formen. Der tiefe Ernst, den die Trauer auf sein Antlitz gelegt, gab den schönen Zügen noch mehr Bedeutung.

Die Kleine weilte noch bei Kurt, der mit einer bei einem Knaben seltenen Sorge sich ihrer in dieser Lage angenommen hatte.

Man tauschte zuerst jene wenig bedeutenden Redensarten aus, welche die Unterhaltung in Fluß bringen sollen, wenn ein schmerzliches Ereignis, an das zu rühren man sich scheut, noch so nahe liegt.

»Und Ihre Kleine,« sagte die Gräfin, als er nach einigen warmen Dankesworten seiner Abreise Erwähnung tat, »sie wird Sie begleiten?«

Ein schmerzliches Zucken flog über sein Gesicht. Er beschattete einen Augenblick seine Augen mit der Hand, als müsse er sich sammeln zur Antwort. »Nein,« sagte er dann mit stockender Stimme, »ich verliere alles auf einmal. Der Kaplan hat mir die Wünsche meiner Frau in Beziehung auf meine Tochter mitgeteilt ... und sie werden mir heilig sein. Ich kannte schon ihre Ansicht darüber, und sie mag recht haben, daß ein Leben wie das meinige nicht zur Erziehung einer Tochter sich eignet. So werde ich ihrer Bitte folgen. Der Kaplan war so gütig, mir die nötigen Adressen zu besorgen und meine erste Reise wird sein, meine Kleine in einem der Klöster unterzubringen.«

»In ein Kloster,« warf die Gräfin mit einigem Staunen ein.

»Sie finden auch den Gegensatz schneidend,« sagte er mit leiser Ironie. »Ich selbst würde bei meiner Tochter einen anderen Grundsatz befolgen; aber wie gesagt, der Mutter Wunsch soll mir Gebot sein. Auch sie war in einem Kloster erzogen und hatte große Vorliebe dafür bewahrt ... Möge mein Kind lieblich und gut werden, wie sie war!« fügte er hinzu, und der dunkle Zug des Schmerzes flog wieder über sein Antlitz.

»Sie bringen ein großes, sehr anerkennenswertes Opfer,« sagte die Gräfin verbindlich, »und werden den Trost haben, Ihr Kind in guten Händen zu wissen.«

Er verbeugte sich schweigend, ohne die Sache weiter zu verfolgen. Der Kaplan trat jetzt ein und überreichte ihm einige Briefe und Empfehlungen, die er zu dem erwähnten Zwecke gewünscht. Die Männer drückten sich stumm die Hand; die Tage des Schmerzes hatten sie einander nahe gebracht.

»Nora,« sagte der Direktor jetzt, »komm, unsere Zeit ist abgelaufen.«

Die Kleine aber, die mit dem Knaben sich in die Fensternische zurückgezogen hatte, achtete nicht darauf.

»Nimm dies,« hatte Kurt eben gesagt, ihr ein kleines Kindergebetbuch in die Hand schiebend. »Nimm dies zum Andenken an diese Tage.«

»Schreibe deinen Namen hinein,« bat sie. »Ich werde ihn nie vergessen, weil du so gut warst; aber es ist doch hübsch, ihn darin zu lesen ... auch Tag und Datum.«

Der Knabe zog einen Bleistift heraus und willfahrte ihr.

»O, du schreibst viel mehr!« rief sie, ihm über die Schulter schauend. Der Knabe legte ihr hastig die Hand auf den Mund. »Sprich doch nicht so laut,« sagte er ungeduldig. »Kannst du es lesen? Aber leise.«

»Wenn Menschen auseinandergehn, dann sagen sie: auf Wiedersehn,« las Nora. »Wie hübsch!«

»So, du brauchst es aber niemand zu zeigen,« sagte er, voll knabenhafter Scheu, daß jemand den Ausdruck seiner Gefühle bemerke. «Was gibst du mir nun zum Abschied?« fragte er, sie wie eine Feder auf das Fenstersims hebend. Die Kleine machte ein ernstes Gesicht und bedachte sich einige Augenblicke, »Willst du das?« fragte sie dann, eine ihrer schwarzen Haarwellen greifend und ihm hinhaltend. »Papa hat das auch von Mama zum Andenken genommen,« setzte sie naiv hinzu.

Der Knabe mußte lachen und errötete doch. Seinen dreizehn Jahren war der Vergleich etwas zu viel.

Sie sah sein Zögern. »Nein, nimm dies,« sagte sie und griff nach dem Perlenherzchen, das sie noch am Halse trug.

»Nimm dies,« und mit einem kräftigen Ruck hatte sie es schon von dem Kördelchen gerissen.

«Dein schönes Herzchen vom Kaiser von Rußland?« meinte er, es weigernd. »Das darfst du gewiß nicht.«

»Wohl darf ich. Du sollst es haben; ich hab' niemand so lieb wie dich, Papa vielleicht ausgenommen,« sagte sie, ihre Arme zutraulich um ihn schlingend.

»Und nicht wahr: du wirst keine Reiterin?« flüsterte hastig der Knabe ihr noch einmal zu, das Herzchen dann an sein Uhrgehänge befestigend.

»Nora,« rief der Vater jetzt wieder. «Komm, mein Kind, wir müssen uns verabschieden.«

Nora hielt die Hand des Knaben noch fest, als sie kam. Stumm sah sie dann zur Gräfin auf. Sie fühlte sich nicht sehr hingezogen zu der großen Gestalt mit den bestimmten, geraden Zügen, und legte daher auch nur schweigend ihre kleine Hand in die der Gräfin.

»Sagst du nichts?« mahnte der Vater.

»Auf Wiedersehn!« sagte die Kleine, als klängen nur diese Worte in ihrem Herzen nach.

Die Gräfin wurde dadurch seltsam berührt. Vielleicht war es gerade das, was sie am wenigsten ersehnte; doch klang es eigentümlich rührend von diesen Kinderlippen. Sie hob die Kleine auf ihre Arme. »Nun denn, auf Wiedersehen!« sagte sie, «möge ich dich gut und glücklich wiederfinden!«

»Dich auch,« sagte die Kleine rasch und bestimmt, machte sich dann aber los. Sie eilte wieder auf Kurt zu, und ihre Tränen brachen aus. Auch der Direktor wollte dem Knaben noch danken; doch versagte ihm die Stimme. Vielleicht rührte es den Knaben mehr, als alle Worte es hätten tun können, daß er ihm die Hand schüttelte wie einem Manne.

Einen stummen Gruß noch – und Vater und Tochter waren gegangen; die Menschen, die so eigen sich zusammengefunden, die eine seltsame Fügung für wenige Tage in ein so vertrautes Verhältnis gebracht, waren wieder getrennt.

»Welch eigentümlicher Mann, welch seltsame Verhältnisse!« sagte die Gräfin nach einer kleinen Pause zu dem Kaplan. »Was für ein Geschick mag ihn auf diese Bahn gebracht haben? Seinem ganzen äußeren Erscheinen nach zu urteilen steht er hoch darüber, und doch scheint er sich ganz wohl darin zu fühlen. Wohin gedenkt er seine Kleine zu bringen?«

Der Kaplan nannte eine der ersten Erziehungsanstalten Belgiens.

»Aber, mein Gott, Herr Kaplan!« rief die Gräfin; »warum gaben Sie ihm gerade diese an, wo fast nur Töchter der ersten und vornehmsten Familien ihre Erziehung erhalten? Es ist ja ein entsetzlicher Gedanke für das arme Kind!«

»Herr Karsten bestand darauf, diese zu wählen. Er fragte nach der besten, wohleingerichtetsten und schien seine Tochter eben nur in eine der ersten und kostspieligsten tun zu wollen. Er muß sehr reich sein.«

»Das ist ja gleichgültig,« sagte die Gräfin ungeduldig. «Was soll das nur für eine verschrobene Lebenslage werden! Nach diesem Wanderleben eine Klostererziehung, dort in ganz anderer und für eine ganz andere Atmosphäre gebildet ... Anschauungen und Ansprüche, die weit über ihren Stand gehen, geweckt ... und dann zu solchem Leben, in solche Kreise zurück! Tausendmal besser, sie hätte sie nie verlassen!«

»Der Mutter war das wichtigste, für ihre Seele Sorge zu tragen, und sie bangte für diese, wenn sie jetzt schon all den Eindrücken ausgesetzt sei, die bei dem Kunstreiterleben unvermeidlich sind. Sie hoffte, eine gute Erziehung, eine warme Frömmigkeit würden dem Kinde für später zum Schilde werden, und es würde dadurch jede Lebenslage richtig auffassen lernen.«

»Illusionen, mein Bester, Illusionen! Auf diese Weise kann sie nur unglücklich werden. Sie wird nirgends den Boden finden, wo sie Wurzel fassen kann.«

»Wir müssen auch Gottes Leitung etwas vertrauen,« sagte der Kaplan ruhig. »Gottes Blumen können überall blühen, und die Mutter hat in heiliger Sorge für ihr Kind diesen einzigen Ausweg gefunden.«

«Gottes Blumen können überall blühen« – die Worte hallten wunderbar wider in dem Herzen des Knaben, der in stiller Trauer um die kleine Spielgefährtin noch da stand, und dem die harten Worte der Mutter wehe getan, er wußte nicht, warum.

Seit jener Nacht, wo er das Kind in seinen Armen gehalten, wo die Mutter ihn gesegnet, hatte das Los dieses Kindes ihn beschäftigt. Es war ihm, als habe er eine Art Verantwortung dafür bekommen. Er war alt genug, um die Schwierigkeit ihrer Verhältnisse zu verstehen, und eine eigene Angst schnürte ihm das Herz zusammen, wenn er dachte, was wohl aus ihr werden könne. Er hatte das Gefühl, sie retten, sie beschützen zu sollen, und allerhand Pläne hatten schon sein Hirn durchkreuzt. Der Gedanke war ihm sogar gekommen, seine Mutter zu bitten, sie ganz zu sich zu nehmen, sie mit ihren Kindern zu erziehen. Aber er hatte nicht gewagt, das auszusprechen; er kannte schon der Mutter Lächeln für so abenteuerliche Pläne. »Gottes Blumen können überall blühen,« das legte sich bei dem Gefühle, nicht handeln zu können, wie ein Trost auf ihn. Wie eine reizende kleine Blume war sie ihm vorgekommen.

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