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Die Tochter des Kunstreiters

Ferdinande Freiin von Brackel: Die Tochter des Kunstreiters - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorFerdinande Freiin von Brackel
titleDie Tochter des Kunstreiters
publisherJ. P. Bachem in Köln
printrun80. - 87. Auflage
firstpub1875
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060203
projectidb18d8d8d
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17

»... Müssen so wir scheiden?
Hast du nicht einen Blick für die Gespielin
Der Kindheit übrig? Keine Hand zu bieten
Der Unglücksel'gen, die du sonst geliebt?
Glaubst du, ich steh' auf Rosen?«
Tegner.

Jahre waren vergangen. Lilly, die kleine Lilly mit dem runden, rosigen Gesicht, hatte es auch empfunden; sie hatte das Recht dieser Jahre, die sie mündig machten und in den Besitz ihres Vermögens setzten, in Anspruch genommen.

Bis dahin war sie unter dem Schutze der Gräfin Degenthal geblieben, und die hatte nichts anderes gewähnt, als daß es so bleiben würde, bis Lilly sich einen anderen Schutz für das Leben gewählt habe. Noch aber hatte die Erbin alle Anerbietungen dieser Art ausgeschlagen – zur stillen Befriedigung ihrer Tante, die ihre frühere Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, ja, sie heimlich um so mehr genährt hatte, seitdem Noras Schicksal eine solche Wendung genommen. Sie brachte Lillys Abneigung gegen jede Heirat damit in Verbindung. Um so mehr überraschte und verstimmte sie daher Lillys plötzlicher Entschluß, jetzt selbständig unter dem Schutze einer alten Verwandten auf ihren eigenen Gütern zu leben – Güter, welche etwa eine Tagesreise von den Degenthalschen entfernt, in ziemlich unmittelbarer Nähe der österreichischen Hauptstadt lagen.

Was Lilly dazu bewog, vermochte die Gräfin sich nicht klar zu machen. Wie ungern sie das Mädchen aber auch aus ihrem Familienkreise scheiden sah, konnte sie ihr doch kein Hindernis in den Weg legen. Lilly besaß jene stille Zähigkeit, die keine Einwürfe beachtet. Ruhig hatte sie abgewartet, bis sie ein Recht zu einem Willen hatte, war aber dann auch demselben fest gefolgt.

Seit der plötzlichen Abreise ihres Vetters war in ihr eine gewisse Abneigung gegen die Tante erwacht. Nicht, daß sie ihr Schuld gab, ihn um ihretwillen entfernt zu haben; sie kannte deren Wünsche in dieser Hinsicht zu gut. Aber Lilly hatte eine Ahnung davon, ein Gefühl dafür, daß die Mutter eigenmächtig in das Schicksal des Sohnes eingegriffen habe, daß sie die Schuld an seiner Entfernung von der Heimat trage, und daß er seitdem weniger glücklich sei. Wie und warum dies geschehen, wußte Lilly nicht; denn die Gräfin hatte, sie in nichts eingeweiht. Viel oder tief denken, war Lillys Sache überhaupt nicht; aber wie man es oft bei engen Gesichtskreisen findet, einmal erfaßte Gedanken hielt sie unveränderlich fest. Ihre Neigung gehörte seit frühester Kindheit Kurt an; sie, betrachtete ihn gewissermaßen als ihr Eigentum. Wenn seine Kälte und Gleichgültigkeit ihr auch wehe getan, so lag doch der versöhnende Schimmer jenes letzten Abends darüber, und dabei das stille Bewußtsein, wieviel sie ihm wert sein mußte von jedem vernünftigen Standpunkte betrachtet. Damit konnte sie warten und sie hatte Liebe genug, warten zu wollen.

Daß der Aufenthalt bei Kurts Mutter den Geliebten ihr nur mehr entfremden würde, fühlte Lilly instinktmäßig heraus. Sie gehörte überdies zu den Naturen, die nur auf eigenem Boden sich wohl fühlen. So schüchtern, so lenksam sie aussah, kannte sie doch nur den einen Gedanken; es gehört eine gewisse Denkkraft dazu, sich auch, in einen fremden Gedankengang einzuleben, ihn zu verstehen und seine guten Seiten aufzufassen; kleines Verständnis

stößt sich stets nur an fremden Willen, weil es ihm ganz unmöglich ist, ihn zu begreifen.

In diesem stummen Kampfe hatte Lilly all die Jahre bei der Tante gelebt; sie benutzte daher den ersten Augenblick, wo sie ihre Freiheit erlangen konnte.

Trotz ihrer Jugend war sie für die Selbständigkeit wie geschaffen. In keiner Beziehung über das Gewöhnliche hinausgehend, war auch keine Ueberschreitung irgend einer Schranke zu befürchten. Was ihre Fassungskraft überstieg, überließ sie verständig vertrauteren Händen. Sie hatte ihren Zirkel eigener Beschäftigungen. Ihre Häuslichkeit, ihr Garten, ihr Geflügel, ihre Armen – das waren die Aufgaben, die sie sich gestellt. Da sie alles wohl organisiert vorfand, bewegte sie sich mit Sicherheit auf dem gebahnten Pfade. Ein wenig engherzig in jeder Auffassung, aber allen viel Ruhe und ein gewisses Wohlwollen entgegentragend, führte sie das Zepter ihres Reiches nicht ohne Anmut; etwa Mangelndes schrieb man ihrer Jugend zu.

Junge Herren fanden sie nach wie vor langweilig; ältere Herren nannten sie ein Prachtmädel, das eine tüchtige Frau abgeben würde. Junge Damen machten sich im ganzen wenig aus ihr; aber alle Mamas ersehnten das blonde, stille Gesichtchen als das Ideal ihrer Schwiegertochter – ein Irrtum, in den manche Mütter verfallen: denn diese kleinen, festen Köpfe können am wenigsten gut mit Schwiegermamas auskommen.

Heute zeigte aber das stille, blonde Gesicht den Anflug von Erregung, den es zu zeigen vermochte, und der ihr das Blut rosig bis unter den Scheitel trieb. Ein Brief ihrer Tante hatte ihr den möglichen Besuch ihres Vetters Kurt in Aussicht gestellt, der endlich von seinen Reisen heim zu kommen denke; er habe die Absicht ausgesprochen, da die Bahn an den Gütern seiner Cousine fast unmittelbar vorüberführe, erst bei ihr einzukehren.

Lillys blaues Auge gewann Leben und Glanz bei Lesung dieser Zeilen. Der Ansicht ihrer Tante zufolge konnte sein Besuch schon in den nächsten Tagen erfolgen, und die Hausfrau war zum erstenmal eifrig besorgt, alles auf möglichst guten Empfang vorzubereiten, etwas, das sie anderen Gästen gegenüber stets dem gewohnten Geleise überließ.

Allen Einwendungen ihrer Ehrendame zum Trotz – es war eine umständliche alte Verwandte – entschied sie, daß ihre Pony-Equipage täglich zu den bestimmten Zügen Kurt am Bahnhof erwarten solle. Auch bei allen übrigen Anordnungen ging das »weil vielleicht mein Vetter Kurt kommt« häufiger über die Lippen, als ihr schweigsamer Mund sonst etwas zu äußern pflegte.

Vetter Kurt – was war mit ihm vorgegangen seit jenem Tage, wo die Sendung seiner Mutter ihm so plötzlich jeden Glauben an Liebe und Treue aus dem Herzen gerissen und sein Liebesleben mit einem heftigen Schlage getötet hatte?

Er konnte sich nimmer besinnen, was er gefühlt, als er jenen groß bedruckten Zettel zu Gesicht bekam, auf dem der Name Nora so unheilvoll verzeichnet stand. Es war ein Wirbel, ein Sturm der Gefühle gewesen, der ihm den Verstand zu rauben drohte, der, weil er so jäh und unanfechtbar war, ihm vor die Augen trat, ihn niederwarf von der höchsten Höhe zur unseligsten Tiefe. Alles, was der Mensch an Wut, Verachtung, gekränktem Stolz und brechender Liebe zu empfinden vermag, hatte sich in dem einen Augenblick zusammengedrängt. Ein einziger möglicher Zweifel wäre Rettung gewesen. Aber sie starrten ihn an, diese Buchstaben so deutlich, so klar, daß er aufschrie in wilder Verzweiflung, sobald er allein war; denn mit Riesenstärke hatte er sich aufrecht gehalten, damit diesen Schmerz kein fremdes Auge sehe.

Sobald der Freund ihn verlassen, hatte er mit fiebernder Angst noch einmal nach Aufklärung gesucht – der Brief seiner Mutter aber hatte ihm alles bestätigt.

Der erste Entschluß, der dann folgte, war, alle diese Zeichen seiner Schmach und Enttäuschung im Feuer zu vernichten – dieser furchtbaren Enttäuschung, die niemand ahnen durfte, an welcher der Hohn der Welt ihm zu kleben schien. Er fand den Brief Noras dabei, er erkannte ihre Schriftzüge – und in namenloser Wut wollte er auch ihn zerstören. Aber unheimlich durchzuckte ihn der Gedanke, daß die größere Rache sei, ihn ungelesen zurückzusenden.

Es war seine, letzte bewußte Tat. Als der Arzt kam, fand er ihn besinnungslos am Boden hingestreckt – eine Besinnungslosigkeit, die sich auf Wochen und Monate ausdehnte. Die Wissenschaft mochte recht haben, die Erkrankung auf Ueberreizung der Nerven durch das Klima zurückzuführen, welches bei körperlichen Anstrengungen dem Ausländer so leicht schädlich wird – aber sein Organismus war auf Empfindung gegründet, und die war es, die den Schlag empfangen.

Als das Fieber wich, hielt fast vollständige Lähmung ihn gefangen. In den langen Stunden peinlicher Ruhe, welche folgten, kehrte die Erinnerung an das Erlebte zurück. Oft schien es ihm, als sei es ein schwerer Traum gewesen, aus dem er sich herausarbeiten würde, als sei es ein Spiel der Phantasie, eine Ausgeburt des Fiebers, die jetzt wieder weichen müßte. Aber keine Frage kam über seine Lippen; nur in seinem Innern verarbeitete er seine Zweifel, seine Sehnsucht nach Aufklärung. Und doch empfand er auch wieder solche Furcht vor Bestätigung, daß er geflissentlich jeder Nachricht aus der Heimat auswich. Vor dem rastlosen Grübeln wich bei ihm aber jedes andere Interesse, so daß die Aerzte vergeblich diese innere Unruhe zu erklären suchten, die alle Kräfte aufzuzehren schien. Kein Wort verriet deren Ursache.

Wenige Monate nach dem Ereignis hatte sein Freund ihn eines Tages durch einige illustrierte Neuigkeiten zu erheitern gesucht. Jene englischen Zeitungen brachte er ihm, die sich in bescheidener Großartigkeit bemühen, uns alles vorzuführen, was die Welt Sehenswürdiges enthält, die vom gekrönten Haupte bis zum gekrönten Preisochsen uns keine Berühmtheit vorenthalten. Hier und da hatte die eine oder andere der Darstellungen dem Kranken ein mattes Lächeln abgenötigt. Heute brachte die Nummer eine neue Berühmtheit, eine junge Dame in etwas gewagter Stellung, »Fräulein Nora Karsten«, die gefeiertste Schulreiterin des Tages.

Der Vicomte war stolz gewesen, wenn sein Freund die Hand nach seinen Heften und Bildern ausstreckte; er sollte ja nur mit dem Harmlosesten unterhalten werden, und dies war gewiß harmlos genug. Kurt sah das Bild lange starr an, als wolle er es sich einprägen; doch plötzlich verzerrte sich sein Gesicht, sein Haupt sank zurück, seine Hand schleuderte das Blatt von sich, als sei es ein giftiges Reptil, und sein Auge ward wieder so starr, wie sein Freund es damals gesehen.

»Uebermüdung,« stöhnte Kurt – aber in derselben Nacht trat ein Rückfall ein, der ihn in den früheren Zustand versetzte, welchen die Aerzte sich nicht hatten erklären können. Schlimmer als bei dem ersten Anfall wurden die Folgen; denn als auch jetzt die Jugend wieder siegte und die Kräfte verhältnismäßig rasch zurückkamen, war es, als sei jede geistige Regsamkeit von ihm gewichen. Völlige Empfindungslosigkeit war eingetreten. Kein Zweifel mehr, der in seiner Seele arbeitete, keine Unruhe, keine Sehnsucht mehr nach Aufklärung; alles erstorben, begraben, vergessen. Für die er alles hatte opfern wollen, sie hatte alles in den Staub getreten – sie war tot für ihn. Aber kein neuer Gedanke trat an die Stelle der früheren – es war leer und öde in seinem Innern.

Die Aerzte, welche gegen diese völlige Abspannung aller geistigen Tätigkeit nichts mehr zu tun vermochten, rieten Luft- und Ortsveränderung an.

»Ueberall hin, nur nicht in die Heimat,« äußerte Kurt bestimmt. Dort schien ihm die unerträglichste Luft zu sein. Seine Mutter konnte er keiner Schuld an dem Unglück zeihen; aber die Hand, die uns diese Unglücksbotschaft gereicht, erfüllt uns mit Grauen. Er witterte bei ihr eine gewisse Befriedigung – sie hatte es prophezeit. Wir lieben ja die Propheten noch weniger, wenn ihr Wort in Erfüllung gegangen, als vorher.

Kurt reiste. Er besuchte alle Gegenden, die man ihm zur Genesung anriet. Eine rohere Natur hätte sich anderen Genüssen hingegeben. Auch er, wäre er gesund gewesen, hätte sich vielleicht in den Strudel der Welt gestürzt, die innere Leere in etwas auszufüllen. So aber blieb alles wie es war. Ein Gefühl war stets der Mittelpunkt seines Seins gewesen: erst die kindliche Liebe, dann die andere Liebe, die ihm Lebensziel und Zweck geworden. Beide hatten ihn gewissermaßen verlassen – nun reizte ihn nichts mehr.

Aus solchem Zustand rettet nur die zwingende Gewalt, mit dem Leben ringen zu müssen. Sie trat an Kurt nicht heran; so blieb der Zustand der gleiche.

Endlich, nach mehr als drei Jahren kehrte er in die Heimat zurück, nachgebend den Bitten und dem Drängen der Mutter, welche hoffte, die heimischen Verhältnisse würden ihm Interesse abgewinnen.


Es war Abend. Von einer Grenzstation im Westen Deutschlands sollte eben einer jener Züge abgehen, die jetzt die Hauptpole der Zivilisation verbinden und wie mit atemloser Eile von dem Zentralpunkte des einen Landes zu dem des anderen fliegen, als sei alles dazwischen Liegende nur untergeordnete, kaum zu beachtende Zutat.

Aus der französischen Hauptstadt kommend, der österreichischen Metropole zueilend, war der Aufenthalt des Zuges der flüchtigste. Ein junger Mann trat trotzdem mit der lässigen Ruhe des gewohnten Reisenden an den Schaffner heran, ein Abteil erster Klasse fordernd. Diensteifrig öffnete der Beamte eine Tür.

Der junge Mann warf einen Blick hinein und zögerte. »Kein leeres Abteil vorhanden?« Trotz der in die Hand gedrückten Unterstützung des Wunsches zuckte der Mann die Achseln.

»Nicht möglich. Die anderen Abteile sind noch besetzter.«

Der junge Mann ergibt sich in sein Schicksal und steigt ein. Zwei Damen teilen mit ihm das Abteil. Die eine, ihm fast gegenübersitzende, war eine ältere Person mit auffallenden Gesichtszügen; ihre anspruchslose Kleidung ließ sie sofort als Dienerin erkennen. Den dicken Kopf mit dem braunen, runzligen Gesicht gegen die Kissen gepreßt, schnarchte sie hörbar. Die andere Reisende in der entfernteren Ecke konnte er im grauen Dämmerlicht der angehenden Sommernacht kaum unterscheiden. Er sah sie nur umgeben von allem Komfort, welche die elegante Dame kennzeichnet. Von Zeit zu Zeit bog sich der kleine Kopf mit seiner schwarzen Spitzenumhüllung leicht vor, einen Blick in das Freie zu werfen.

Der Reisende war anscheinend müde und ein etwas blasierter junger Mann. Doch konnte er nicht umhin, zuweilen einen Blick nach seiner Reisebegleiterin zu senden.

Der schrille Pfiff der Abfertigung war längst verhallt. Die Lokomotive sauste und brauste, schnob und keuchte, der Zug rasselte und flog dahin, von dem Dampf umwallt, welcher gespenstige Gestalten in der lauen Nachtluft bildete – vorbei, vorbei an Strauch und Wald, an Dorf und Stadt, über den Hügel, durch den Felsen, rasselnd über des Stromes Brücke, keuchend über den hohen Damm; vorbei, vorbei, als wolle er die Sekunden überholen, als habe er keine Zeit, weder für die Schönheit der Gegenwart noch den Zauber der Erinnerung, nicht einmal für den Gedanken, der nicht standhalten will in der fliegenden Eile.

Endlich ein Nachlassen der Geschwindigkeit, wieder der schneidende Laut, der die Luft durchzittert, ein Halt – ein unwillkürliches Aufatmen bei der Erlösung aus dem Bann der ewigen Beweglichkeit. »Station Bonn!« ruft der Schaffner in das Abteil hinein, den Namen der rheinischen Universitätsstadt. Die Alte schläft ruhig weiter; aber wie von einem Gedanken berührt, schrecken die zwei anderen bei Nennung dieses Namens aus ihrer träumerischen Ruhe auf. Wie unwillkürlich erheben sich beide und stehen sich jetzt gegenüber im engen Raum. Das helle Lampenlicht fällt auf beider Züge und die Augen sehen sich wie gebannt an in tödlichem Schrecken ... Dann aber ist es, als wenn ein Laut auf die Lippen dringen sollte – einen Augenblick ist es, als würden die Hände sich suchend entgegenstrecken, als würde heller, sonniger Glücksschein sich auf beider Antlitz legen. – Doch da steigt tiefe, brennende Röte auf ihre Stirn – – Wie eine finstere Wolke überzieht es die seine. Die Lippen schließen sich wieder, ja, sie pressen sich aufeinander, der Strahl erlischt wie in eisiger Kälte ... Beide sinken wortlos auf ihre Plätze zurück, still und stumm, unbekannt wie vorher.

Der Zug ist wieder im flüchtigen Lauf. Eine Gruppe Studenten, die die Sommernacht noch verjubelt, jauchzt ihm nach; aber das heitere Jugendreich liegt schon wieder in der Ferne. Die beiden im Abteil sind noch immer unbeweglich; ihre Augen suchen sich nicht mehr, im Gegenteil, sie starren zu den Fenstern hinaus, als sähen sie in ein Reich der Träume.

Vorbei, vorbei! Ist ihnen das Glück auch so vorbeigesaust, so vorbeigewirbelt wie die Bilder da draußen, wie der Dampf, der, in nichts verfliegend, vor ihren Augen tanzt? Denken! Vermögen die beiden zu denken jetzt! Es wirbelt im Hirn, es pocht im Herzen; es ist, als sollte die Brust zerspringen im großen, unendlichen Weh.

Die laue Nachtluft dringt ein und kühlt die heißen Stirnen. Der Mond ist aufgegangen und zeichnet scharf die Berge, einen Augenblick den glitzernden breiten Strom.

Ist es denn so lange her, daß sie auf diesen Bergen gestanden, daß sie auf diesem Strome sich wiegten und eigentlich nur sich sahen – daß sie stets sich suchten und fanden, die jetzt so finster voneinander sich abwenden?

Und war es denn nicht ein Sommertag hier im Rebenlande, wo sie das süßeste Geständnis getauscht?

Brennend steigt eine Träne in ihr Auge bei der Erinnerung, und plötzlich, wie von heißer Sehnsucht bewältigt, schaut sie nach ihm hin, so bittend, so flehend, als müsse sie das Gefühl auch bei ihm wecken. Aber er hat sich abgewandt, ihr Blick trifft den seinen nicht – marmorkalt und starr blickt er vor sich hin, als ahne er nicht, wer in seiner Nähe, sei. – –

Da gefriert auch ihr das warme Gefühl in der Brust; vor sich sieht sie einen Brief – einen uneröffneten Brief, der kalt abgewiesen zu ihr zurückkam, und der jetzt wie eine Mauer zwischen ihnen aufsteigt...

Und er – denkt er daran? Hat nicht auch früher einmal so ein sausender, brausender Zug ihn Tag und Nacht hindurch geführt, wo ihm jeder Moment noch zögernd erschien, um sie zu erreichen, wo er aller Entfernung gelacht, fast der Unmöglichkeit gespottet, nur um auf wenige Stunden in ihr Nähe zu gelangen, um jauchzend für kurze Frist in ihre Arme zu sinken!

Die er damals so heiß gesucht, sitzt sie jetzt nicht dort, dort unmittelbar vor ihm? ... Er hört das leise Rauschen ihres Gewandes bei jeder Bewegung, er hört den Atemzug, der über ihre Lippen zieht.

Was hätte er damals gegeben für so süße Stunden mit ihr! Und jetzt hatte sie keinen Zauber mehr für ihn, die schöne Gestalt. Widerstrebend wendet er den Blick hin. Ja, das sind noch diese fein gemeißelten Züge, diese langen, schwarzen Wimpern, welche die Wange beschatten. Das sind noch die roten, schwellenden Lippen, und an der Schläfe die dunkle kleine Locke, die sein Entzücken gewesen. Schön, schöner als jemals – – und doch wendet er sich plötzlich ab.

Wo sah er das Antlitz zuletzt? ... Hart und grinsend wiedergegeben in einem Zeltungsblatt – die viel begaffte und beklatschte Reiterschönheit, dem Publikum angepriesen!

Er schließt die Augen, sie nicht mehr zu sehen. Vielleicht wäre sein Herz geschmolzen, hätte er sie bleich und vergrämt wiedergefunden, während er jetzt keinen Zug von Gram findet, nur frische, volle Blüte.

Aber wir können viel Kummer tragen in der schwellenden Kraft der Jugend; es dauert dann lange, bis er unsere Stirn zeichnet und das warme Blut vergiftet, das in unseren Adern kreist.

Weiter saust der Zug. Sie sind längst in der Ebene. Die Romantik der Berge liegt so weit hinter ihnen, wie die Romantik ihres Lebens. Gott helfe ihnen! Wird es sich jetzt stets so flach, so reizlos, so melancholisch vor ihnen ausdehnen, wie diese Landschaft im grauen Morgenzwielicht?

Weiter, weiter – Stunde auf Stunde. Die Nacht ist vorüber, der Zug in steter Bewegung – und die Gedanken auch. Ein ewiges Gestalten von Worten, Fragen, Bitten und Zürnen, wovon nichts über die Lippen geht.

Wird er nicht aussteigen? Ist sie noch nicht am Ziel? Jetzt wieder ein schriller Pfiff, ein Halt: eine große süddeutsche Stadt wird genannt. Sie erhebt sich erschrocken. Es hat so lange gewährt und doch ist es jetzt schon vorbei.

Die Alte erwacht; sie rafft alles zusammen, das Abteil zu verlassen.

Nora bewegt sich nur mechanisch ... Sie muß an ihm vorbei. Einen Augenblick ruht ihr Blick noch einmal auf ihm, nicht erschrocken, wie zuvor, sondern stille Verzweiflung darin.

Jetzt braucht er die Trauer nicht zu suchen, die er vorhin vermißt – so bleich das Antlitz, so bebend vor Schmerz!

Auch ihm legt es sich wie ein Schleier vor die Augen; er erhebt sich, er streckt die Hand aus, wohl um ihr zu helfen.

Aber ein Herr tritt im selben Augenblick schon an das Abteil heran und heißt sie willkommen. Nur ein stummes fremdes Neigen der Köpfe, noch, dann hat sie das Abteil verlassen. Obschon der Fremde diensteifrig an ihrer Seite steht, weist sie ihn mit Kälte zurück; er bemächtigt sich jedoch vertraulich ihrer Sachen und geleitet sie zu einem bereitstehenden Wagen.

Kurt sieht den beiden nach wie einem Gespenst.

Der Schaffner tritt heran; er weiß, es ist der Herr, der das reiche Trinkgeld verabreichte. Gefällig und gesprächslustig meldet er sich: »Nicht wahr, Euer Gnaden, das war mal eine schöne Gesellschaft! Ist gar bekannt hier, die Dame, ... es ist die berühmte Reiterin, die Tochter des Herrn Karsten, der vorgestern schon mit einem Extrazug hier angekommen ist. Aber wollen Euer Gnaden nicht eine Tasse warmen Kaffee? Es ist kalt in der Morgenluft,« setzte er hinzu mit einem Blick auf Kurts bleiche Züge.

Der Mann hat recht. Kurt fährt es fröstelnd durch die Glieder; aber er lehnt alles ab und legt sich so stumm zurück, daß der Mann abgeschreckt ist von weiteren Unterhaltungsversuchen und besser gestimmte Reisende aufsucht.

Kurt ist allein, das Abteil ist leer.

Fort, fort ist sie, die hier die langen Stunden mit ihm zugebracht – die Zeit verrann, der Augenblick verging auf nimmer, nimmer Wiederkehr – – der Augenblick, den Gott ihnen vielleicht gesandt, um alles wieder auszugleichen! ... Das Wort blieb versteinert, die Zunge blieb verstockt, die Lippen geschlossen.

»Nora, Nora!« ruft er fast wie in wilder Verzweiflung und schlägt die Hände vor das Antlitz. Und all die vernarbten Wunden brechen auf und all die erstickte Liebe erwacht. »Nora, Nora! O, warum nicht eine Sekunde früher?«

Die Sonne steht schon hoch im Mittag, als der Zug endlich auch für ihn an das Ziel gelangt. Der schlaue kleine Groom hat ihn sofort erspäht und erwartet schulgerecht mit gezogenem Hute den Reisenden. Sobald dieser aus dem Abteil gestiegen, meldet er die Anwesenheit der Equipage. Das Sonnenlicht spiegelt sich in dem elegantesten aller kleinen Wagen, und die Pferdchen werfen stolz und mutig die Köpfe zurück, als forderten sie die Bewunderung heraus, die ihnen gebührt. Aus dem weitereilenden Zuge blickt manches Auge auf das reizende Gespann, den Stolz seiner Herrin. Nur der junge Mann, der es jetzt besteigt, hat keinen Blick dafür. Müde und abgespannt wirft er sich hinein: geschlossenen Auges verharrt er, nicht achtgebend auf die reichen Fluren, die sich vor ihm ausbreiten, noch auf das herrschaftliche Haus, das in seiner reichen Baum- und Parkumgebung jetzt so stattlich vor ihm auftaucht.

Lilly hat sich schon zehnmal an dem Tage gefragt: »Kommt er oder kommt er nicht?« Oft hatte sie verstohlen aus dem Fenster gespäht, ob sie den Staub noch nicht aufwirbeln sieht, der den kommenden Wagen andeutet.

Jetzt donnert es über die Brücke, und das zeigt ihr an, daß der Gast endlich wirklich angelangt ist. Lilly eilt in ihren Salon, den Vetter zum erstenmal auf dem eigenen Terrain in hausfraulicher Würde zu empfangen. Allerliebst steht ihr das Gemisch von Zurückhaltung und tiefer innerer Freude, da sie ihn erwartet – doch nur der Groom erscheint.

»Der Herr Graf lassen sich entschuldigen. Sie haben sich gleich auf ihr Zimmer begeben, da es ihnen unmöglich sei, nach der Ermüdung von der nächtlichen Fahrt ihre Aufwartung zu machen; sie hoffen, in einigen Stunden erscheinen zu können.«

Lillys strahlender Blick sank sehr – Freude, besonders Wiedersehensfreude, verliert, wenn aufgeschoben, so sehr an Würze.

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