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Die Tochter des Kunstreiters

Ferdinande Freiin von Brackel: Die Tochter des Kunstreiters - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorFerdinande Freiin von Brackel
titleDie Tochter des Kunstreiters
publisherJ. P. Bachem in Köln
printrun80. - 87. Auflage
firstpub1875
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060203
projectidb18d8d8d
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16

Gewiß ist es fast noch wichtiger, wie der Mensch
das Schicksal nimmt, als wie es ist.
W. v. Humboldt.

Landolfo hatte sein Ziel schneller erreicht, als er gehofft hatte. Es war nur sein Geheimnis, daß er die Verwicklungen des Direktors im letzten Telegramm schlimmer dargestellt hatte, um ihn in seinem Entschluß Nora gegenüber zu bestärken. Seine Aufregung, als er sah, welch tragische Wendung die Sache zu nehmen drohte, war daher nichts weniger als angenommen. Doch war sein Gewissen nicht so zart, nicht gleich wieder beruhigt zu sein, als sein Kunstgriff so günstig zum Ziel geführt hatte.

Daß Noras Auftreten das einzige sei, was dem Direktor aufhelfen könne, war seine aufrichtige Überzeugung, und daß es für seinen Privatplan auch das günstigste sei, nicht minder.

»Nach einigen Jahren wird sich das stolze Schätzchen darein finden,« dachte er, und sah sich bereits als Schwiegersohn des berühmten Karsten an der Spitze der hervorragendsten Kunstreitergesellschaft.

Die augenblickliche Lage möglichst glücklich auszubeuten, war jetzt sein Hauptbestreben, und er handelte prompt und schnell, sowohl um Nora einen etwaigen Rücktritt unmöglich zu machen, als auch, um das Publikum in dem nötigen Grade für sie zu interessieren. Ihm waren all die geheimen Fäden und kleinen Winkelzüge bekannt, die notwendig sind, eine solche Künstlerlaufbahn vorzubereiten.

Nora saß noch am Krankenbette des Vaters, als schon kleine pikante Artikel über sie die Runde durch die gelesensten Zeitungen machten; besonders die Klatschpresse der Residenz, wo sie auftreten sollte, beschäftigte sich eifrigst mit ihr. Bald war es ihre Schönheit und Erziehung, bald ihre Liebesgeschichte, die in den seltsamsten Wendungen aufgetischt wurde, hier und da der Wahrheit so nahe kommend, daß man Namen und Persönlichkeiten zu erkennen glaubte, bald in den gewagtesten Vermutungen sich ergehend. Auch die Schwankungen in dem Vermögen des Direktors blieben nicht unberührt; dunkle Ereignisse wurden angedeutet, und Nora wurde bald als verlassene Geliebte, bald als heroische Tochter oder leidenschaftliche Künstlerin dem Publikum vorgeführt. Gelesen, eifrig besprochen und geglaubt wurden all die Geschichten. Karsten war immerhin eine europäische Berühmtheit, aus deren Privatleben man stets gern etwas hört oder liest: je dunkler oder je greller die Geschichte, um so lieber. Ein Drittel der Zeitungsleser wirft allen Weltereignissen zum Trotz zuerst den Blick in die Vermischten Nachrichten, diese Chronik des Weltklatsches. Der Weltereignisse gab es aber gerade wenige, und so bemächtigte man sich doppelt gern solch pikanten Stoffes und ward begierig, die Schöne kennen zu lernen, die soviel von sich reden machte, nicht ahnend, daß alles aus einer Feder floß.

Zur größeren Vorsicht sandte Landolfo die Artikel der Gräfin zu, sie auf diese Weise auf das empfindlichste treffend. Die Gräfin hatte längst den Brief Noras an ihren Sohn empfangen; sie war empört gewesen, daß ihr Verbot in dieser Weise überschritten wurde, und sie fühlte sich nicht verpflichtet, den Brief gleich weiter zu senden. Als bald darauf Landolfos Sendungen ankamen, fühlte sie heraus, daß der Brief mit den Ereignissen in Verbindung stehen müsse, wußte aber kaum, ob sie erfreut oder entrüstet sein sollte, daß diejenige, die ihr Sohn seiner Liebe gewürdigt, in solcher Weise an die Öffentlichkeit gezerrt wurde. Eine Entschuldigung dafür, daß Nora solche Wege einschlug, war gar nicht anzunehmen; selbst ein Beweis, daß alles Lüge sei, würde in den Augen der Gräfin nichts mehr genutzt haben, nachdem der Name gemißbraucht worden. Der Name konnte nun und nimmermehr neben dem ihres Sohnes genannt werden. Sie fand es nun ganz gerechtfertigt, den Brief noch solange zurückzuhalten, bis sich herausstellen würde, was Wahres an diesen Zeitungsmeldungen sei. Bald genug sollte sie das erfahren.

Die Tage vergingen; der Direktor genas rascher, als man geglaubt, und drängte nun, auf dem größten und bewährtesten Schauplatz seiner Taten seine Tochter auftreten zu sehen. Darauf setzte er all seine Hoffnung, damit beschwichtigte er all seine Sorgen.

Nora sollte möglichst rasch mit dem größten Glanze auftreten; Karsten wollte Herr der Lage sein, ehe sein Nebenbuhler mit seiner Gesellschaft eintreffen konnte. So waren kaum drei Wochen nach dem Ereignisse verflossen, als große Plakate in fetten Lettern und prangenden Farben der ersten norddeutschen Hauptstadt das Zurückkehren des berühmten Zirkus Karsten meldeten und das erste Auftreten der neuen Schulreiterin Fräulein Nora Karsten verkündeten, mit allen nötigen Zutaten des Festprogramms.

Selbst die Gräfin, vorbereitet wie sie war, erbleichte beim Anblick dieses Zettels, den Landolfo nicht versäumte, ihr zu schicken. Etwas wie Mitleid mit dem armen Mädchen stieg ahnend in ihr auf. Noch einmal sah sie diese edlen, reinen Züge vor sich mit allem Gepräge äußerer Vornehmheit und Bildung, die keine Spur von Leichtsinn verrieten. Sie fragte sich, was sie zu so etwas Widernatürlichem in ihrer Lage vermögen konnte? – Aber was es auch gewesen sein mochte – es war geschehen. Damit schien eine große Last von ihr genommen. Jetzt hatte sie ihrem Sohne gegenüber alle Beweise in der Hand; sie konnte sich das Zeugnis geben, nicht auf Nachrichten hin gehandelt zu haben.

Sie war zu redlich, den Brief Noras zu unterschlagen; aber sie sandte ihn nicht allein. Alle jene Artikel legte sie bei, das Ganze schloß der große, gedruckte Anschlagzettel.

»Mein armer Sohn,« schrieb sie, »ich kann dir nicht vorenthalten, was die ganze Welt weiß. Es wird dich aus einem Traum reißen, den deiner Mutter erfahrener Blick schon früher als unwürdig erkannte. Gräme dich nicht, daß du enttäuscht wurdest. Zu irren in dem Glauben an die Menschen ist das Vorrecht reiner, edler Seelen. Ich preise Gott, daß es für dein Lebensglück früh genug geschah. Komm in die Arme deiner Mutter, komm an ihr Herz, dich zu trösten; ein Mutterherz trägt stets das Leid mit ihrem Kinde.«

Es war ein kleiner Umstand, daß die Gräfin in dem Paket alles so ordnete, daß der Brief ihrem Sohne nur zuletzt in die Augen fallen konnte. Aber das Leben ist aus winzigen Kleinigkeiten zusammengesetzt, und in den kleinsten Teilen liegt oft die größte Wirkung. Dachte die Gräfin noch einmal darüber nach, als sie das Päckchen prüfend in der Hand wägte, ehe sie es absandte? Vielleicht gehörte es mit zu ihrem Inbegriff von Pflicht.


Zu der nämlichen Stunde, als das Paket aus der Gräfin Hand ging, stand Nora in dem kleinen Garderobezimmer des Zirkus, angekleidet zur Vorstellung. Die Stiefmutter kniete neben ihr mit einigem Dienstpersonal und ordnete die Falten des reichen, dunklen Tuchkleides, das in seiner vollkommenen Einfachheit ihre schönen Formen vorteilhaft hervorhob. Mehrere Kerzen brannten vor dem Spiegel, der ihr Bild strahlend zurückwarf. Die strenge Schönheit desselben wurde nur durch ein Goldnetz gehoben, das die reiche Fülle der schwarzen Haare barg. Nora verschmähte jedes andere als das einfache Reitkostüm; sie sah auch nicht in das leuchtende Glas, sie achtete nicht auf die eifrigen Hände, die sie umgaben.

Wie im Traum verloren stand sie da, die kalten Hände fest ineinander gepreßt. Wie im Traume hatte sie diese Zeit verlebt, wo Tag auf Tag ihr wie im Nebel vorüberglitt. Ihr Vater hatte den Takt gehabt, sie mit allen überflüssigen Einzelheiten zu verschonen; still und ernst hatte sie nur ihre Reitübungen aufgenommen, und die körperliche Ermüdung dabei war das einzige, was ihr wohlgetan.

Aber worauf hatte sie gehofft, woran hatte sie gedacht, daß ihr dennoch jeder Tag wie eine neue Enttäuschung erschien, daß ihr jetzt zumute war, als sei ihr der letzte Boden unter den Füßen entschwunden? Selbst in dieser Minute noch stand sie zögernd, als müsse jetzt noch irgend etwas geschehen, den letzten Schritt aufzuhalten. Junge Herzen haben solche Hoffnungsfähigkeit! Wohl hatte sie Abschied genommen von Kurt, wohl hatte sie selbst die Möglichkeit einer Rettung zurückgewiesen – und doch, und doch – hätte nicht vielleicht eine Hülfe erscheinen können, ehe es unwiderruflich zu spät war! O, er hatte ja so viel gewagt für eine Stunde Liebesglück ...

Täglich hatte ihr Herz ihr heimlich zugeraunt: »Heute,« und täglich hatte sie am Abend eine Entschuldigung gewußt, weshalb es vielleicht noch nicht möglich geworden.

Jetzt erklang draußen ein Tusch. Er schloß die Szene, die ihrem Auftreten voranging. Der Direktor trat ein, sie abzuholen. Da ward an die Tür der Garderobe geklopft, ein Diener reichte einen Brief herein.

Nora zuckte zusammen; der Direktor erbleichte. Aber im selben Augenblick ließ Nora den Brief gleichgültig auf den Tisch fallen: es waren die Schriftzüge der Oberin, die in treuer Freundschaft ihre Mitteilung sofort beantwortete – aber was ist Freundschaft, wenn die Liebe hofft? »Es ist Zeit,« sagte Karsten fast zaghaft.

Die neue Enttäuschung hatte Nora aber so ergriffen, daß ein nervöses Zittern ihren ganzen Körper schüttelte.

Der Direktor glaubte, alle seine Hoffnungen schwinden zu sehen. »Geht es nicht?« fragte er eigentümlich dumpf.

»Ja, es geht,« sagte Nora, hoch sich aufrichtend bei dem Klang seiner Stimme, die sie nur einmal so heiser gehört hatte. »Ja, es geht, Vater!« Festen Schrittes folgte sie ihm.

Landolfos Anordnungen hatten sich als sehr zweckentsprechend bewahrt. Der große Zirkus war bis auf den letzten Platz ausverkauft; man hatte sich dazu gedrängt, man war überaus gespannt darauf, die neue, vielbesprochene Schönheit zu sehen. Der Direktor hatte heute alles mit dem größten Glanze hergerichtet, er wollte seine Tochter mit einem gewissen Nimbus umgeben. Sämtliche Stallmeister in ihren elegantesten Livreen waren gegenwärtig, Knaben in den reizendsten Pagenkostüms standen um den Eingang der Bahn, als wollten sie die Herrin erwarten.

Jetzt wirbelte ein Tusch, dem ein verhaltener Bewunderungsruf der Menge folgte – denn mit einem Satz war die schöne Reiterin mitten in der Bahn, und wie aus Erz gegossen hielt das Pferd im selben Augenblick dort mit seiner schönen Bürde, die ebenfalls aus Erz gegossen schien, so regungslos war das Gesicht.

An dem Platze, wo die junge Herrenwelt vorwiegend war, entstand Bewegung; unwillkürlich erhob sich jeder, um besser zu schauen, und drängte näher heran. Solche Anmut der Gestalt, solche edle Haltung, solche jugendfrische, schöne Züge waren hier noch nie bewundert wurden.

Hoch stieg jetzt das feurige Tier in die Höhe, daß es fast unbegreiflich schien, wie ruhig die Reiterin ihren Sitz wahrte – und nun fiel die Musik in die leichten, engageanten Töne, die das Schulreiten begleiten. Zierlich flog das Pferd herum, Evolution folgte auf Evolution, von so sicherer, fester Hand geleitet, mit so unnachahmlicher Anmut ausgeführt, daß Bravo auf Bravo die graziöse Szene begleitete. Die Kenner fanden nicht Worte genug, die Vollendung ihrer Kunst zu rühmen.

Die Musik ward indessen immer rascher und wilder, das Tempo aufregender; das Pferd, wie angefeuert durch den Erfolg, brauste durch die Bahn, die vorgeschobenen Hindernisse im Fluge nehmend. Unwillkürlich teilte sich die Aufregung den Zuschauern mit. Aller Blicke folgten gespannt dem kühnen Ritt. Nur das Auge der schönen Reiterin selbst blieb ruhig; kein Funke freudigen Stolzes oder befriedigter Eitelkeit leuchtete darin auf, keine Miene veränderte sich, nicht ein Blick flog zu den gefüllten Zuschauerreihen hinüber: nur für ihr Pferd schien sie zu existieren ... jetzt ein mächtiger Satz hoch über die schließende Barriere hinweg und plötzlich, wie sie gekommen, war sie verschwunden.

In einem einzigen tosenden Beifallssturm löste sich die Spannung des Publikums; es brach ein Applaus aus, wie er seit Jahren hier nicht gekannt war. Bezaubert hatte alle die schöne, rätselhafte Gestalt, und nicht umsonst rieb Landolfo sich wohlgefällig die Hände. Tausende Stimmen riefen wiederholt der Reiterin Namen, sie nochmals zum Erscheinen zu bewegen – aber nur ihr Vater erschien. Seine Stimme zitterte, als er für die der Tochter dargebrachte Huldigung dankte und erklärte, daß sie von ihrem ersten öffentlichen Auftreten zu ergriffen sei, um sich dem Publikum zu zeigen.

Die Rede war insofern sehr glücklich, als sie erneutes Interesse wachrief, da das Publikum darin die Bestätigung all der geheimnisvollen romantischen Gerüchte sah, die Nora mit erhöhtem Reiz umgaben.

Dieses erste Debüt hatte ihren Erfolg gesichert. Aber während ihr Name auf allen Lippen war, während bei manchem schäumenden Glase die junge Herrenwelt sie als »neuaufgehender Stern« feierte und manch leichtfertiges Wort daran knüpfte, lag Nora bleich und still auf ihrem Lager. Die körperliche und geistige Anstrengung wollte ihr Recht; sie war selbst zum Schmerz zu ermattet.

Nur eines stand ihr vor Augen, eines: daß es nun geschehen sei – daß unwiderruflich, unverwischbar dieser Abend sich als ein Flecken ihr ausgeprägt habe, daß sie damit ausgeschieden sei aus dem Kreise, dem sie bis jetzt geistig angehört hatte. Das nervöse Schütteln faßte ihren Körper wieder, und die geröteten Lider wollten sich nicht schließen.

Mechanisch griff sie nach dem Briefe der treuen Freundin und las ihre rührenden Trostesworte. »Mein Kind,« schrieb die fromme Frau, »der Herr führt dich seltsame Bahnen; eine reine Absicht heiligt viel, ein großes Opfer erklärt alles, und so auch dein Entschluß, der mir sonst so unerklärbar wäre. Vielleicht ist diese unserem Auge so gefährlich dünkende Bahn dir heilsamer als das, was wir für dich erhofft, was uns so sicherer Hafen schien. Kind meines Herzens, was du auch sein magst, mir teurer, teurer jetzt als jemals; laß das Band der Liebe noch enger uns umschlingen; in Gedanken folge ich allen deinen Pfaden und bitte Gott, daß er dich hüten und schützen möge.«

Ja, die Freundschaft folgte über die Grenze, vor der die Liebe zurückwich. Und doch las Nora nur den einen Satz immer wieder: »Eine reine Absicht heiligt, ein großes Opfer erklärt alles.« Ihr letzter Gedanke, ehe der Schlaf ihre Augen schloß, war: »Wird Kurt auch so denken und mich nicht verachten? O, er soll sehen, ich werde nicht sinken, nicht sinken selbst auf diesem Pfade ... auch da soll seine Liebe mich halten.« Während dieses alles in der Heimat sich zutrug, war Kurt ahnungslos in der Ferne und genoß, was sie ihm bot, mit der jugendlichen Lebhaftigkeit, die ihm innewohnte. Er hatte die ganze Spannkraft seines Geistes wieder erlangt, seitdem sein Herz beruhigt und sein Entschluß im reinen war. Er war jung genug, um die Prüfungszeit ertragen zu können; er war sich bewußt, daß weder in seiner, noch in Noras Liebe eine Schwankung eintreten könne; wenn die kurzen anderthalb Jahre verlaufen, würde sie die Seinige sein. Um allen Schwierigkeiten der Heimat zu entgehen, wollte er noch einige Jahre seinen ausländischen Posten innehalten, und dann, an Erinnerungen und Erfahrungen um so reicher, in seine Heimat zurücklehren, dort auf der heimischen Scholle zu wirken. So war alles einfach und klar, was erst verworren geschienen, und es bot sich ihm ein Lebensbild, so vielgestaltig nach außen, so befriedigend nach innen, daß er oft mit Entzücken bei dem Gedanken weilte. Er war für ein geistiges Streben und Schaffen angelegt, für ein weiteres Feld, als der enge Horizont eigenen Nutzens und eigener Verhältnisse ihm bot. Ungesucht hatte seine Liebe zu Nora ihm nun auch dazu den Weg gebahnt, ihm eine geistige Freiheit verschafft, in der er auflebte. Für den Augenblick spannte er sein ganzes Interesse an, Land und Leute im Orient kennen zu lernen, alle die Stätten zu sehen, die der Wissenschaft wertvoll oder frommer Erinnerung heilig sind. So verwandte er einen großen Teil seiner Zeit zu Ausflügen, die ihn oft Tage und Wochen abwesend hielten.

Von einem solchen eben heimgekehrt, meldete er sich bei seinem Chef und dieser überreichte ihm die indes für ihn angekommenen Postsachen. »Ein ganzes Volumen,« sagte der alte Herr, gutmütig lächelnd, indem er ihm das Paket mit der Mutter Handschrift überreichte. »Ja, ja, die jungen Leute freuen sich noch dessen; wir Alten bangen schon eher davor, so selten bringt das Leben Gutes ... Aber gehen Sie jetzt und studieren Sie Ihre Heimatschronik.«

Kurt ging und stieß beim Hinausgehen auf einen seiner Kollegen, einen jungen Attaché der französischen Gesandtschaft, der ihn zu seiner Wohnung begleitete, da er ihm eben einen Besuch zugedacht hatte. Mit französischer Lebendigkeit plauderte er so, daß er gar nicht bemerkte, wie sehr Degenthal mit etwas anderem beschäftigt war. Das außergewöhnlich starke Briefpaket lag ihm im Sinne; so viele verschlossene Seiten beängstigen.

In seiner Wohnung angelangt, warf Kurt das Päckchen ungeduldig auf den Tisch, so daß der Franzose es bemerkte.

»Ah, Briefe aus der Heimat!« sagte er sogleich mit dem liebenswürdigen Takt, der seine Landsleute kennzeichnet. »Pardon, da hätte ich nicht stören sollen, lieber Graf. Bitte, befriedigen Sie Ihre Neugier erst, indes ich hier Ihre herrliche Blütenwelt bewundere; ich bin etwas Botaniker.« Er trat sofort in den Binnenhof, auf den die Wohngemächer jedes Hauses in Pera münden, und wo frisches Grün, Blütenduft und kühlende Springbrunnen entschädigen für die abscheulichen Dünste und den Schmutz, der auf den Straßen herrscht.

»Meine Mama scheint mich zum Redakteur ausbilden zu wollen,« rief Kurts Stimme heiter ihm nach. »Bleiben Sie, lieber Vicomte; nichts als Zeitungsschnippel und Annoncen enthält das Paket. Kommen Sie, Freund, nehmen Sie erst eine Zigarre.«

Der Vicomte kam nicht sogleich; er war in Bewunderung einer der Pflanzen versunken, die ihm neu war. Aber ein eigentümlich ächzender Laut ließ ihn plötzlich den Kopf wenden. Er sah durch die geöffnete Glastür Kurt über den Tisch, an dem er sich niedergelassen, hingesunken, den Kopf wie besinnungslos auf den vorgestreckten Arm – der geöffnete Brief lag ihm zu Füßen, die Hand aber hielt krampfhaft ein Zeitungsblatt. »Graf, um Gottes willen, was ist Ihnen?« rief der Franzose bestürzt und sprang auf ihn zu.

Ein zweiter ächzender Laut stieg gepreßt aus Kurts Brust – der Kopf lag schwer auf dem Tisch, so daß man die Züge nicht sehen konnte.

»Ich bitte Sie, fassen Sie sich,« sagte der Franzose, teilnahmvoll drängend. »Hat eine schlimme Nachricht Sie ereilt? Ist Ihnen unwohl? Soll ich Ihren Diener rufen?«

Kurt streckte wie abwehrend die Hand aus. »Nur Kopfschmerz ... ein Schwindel,« hauchte er tonlos. »Wasser ... etwas Wasser!«

Der Vicomte eilte hinaus und tauchte sein Schnupftuch in den Brunnen, es auf den Kopf des Leidenden zu legen.

Er hatte nur einige Augenblicke dazu gebraucht; als er aber wiederkam, waren die verschiedenen Zeitungsausschnitte verschwunden.

»Es war ein furchtbarer Schmerz, der mich packte,« sagte Kurt, den Kopf auf die Hand stützend, indes der Vicomte das feuchte Tuch ihm an die Schläfen preßte. »Die Anstrengung dieser Tour muß zu groß für mich gewesen sein.«

Der höfliche Franzose widersprach nicht. Degenthal hatte ermüdet, doch durchaus nicht überangestrengt ausgesehen, als er heimgekehrt war; es musste eine Nachricht sein, die ihn niedergeschmettert – doch war es ein Schmerz, der verborgen bleiben wollte, und der Franzose war zu diskret, weiter zu fragen.

»Ihre Stirn brennt heftig,« sagte er nach einigen Augenblicken des Schweigens, da Kurt wie bewußtlos vor sich hinstarrte. »Ich möchte Ihnen raten, sich zur Ruhe zu begeben und den Arzt rufen zu lassen. In diesem Klima ist mit solchen Erscheinungen nicht zu spaßen.«

»Ich denke, es wird schon besser,« sagte Kurt, sich mühsam aufrichtend. »Phantasiert man bei den klimatischen Fiebern hier?«

»Je nachdem,« sagte der Franzose lächelnd. »Aber ich hoffe, es kommt nicht dazu, wenn Sie gleich vernünftig sind.«

»Ah! vielleicht tut ein ordentliches Fieber gut,« meinte Kurt, wie zu sich selbst redend. »Es kommt einem oft vor, als habe man das ganze Leben hindurch phantasiert .... Verzeihen Sie, Vicomte, daß ich ein schlechter Gesellschafter .... Also einen Arzt, meinen Sie! Ich denke nicht; aber Besucher ..., die halten Sie mir fern. Ich hasse Besuche, wenn ich krank bin.«

»Wie Sie, wollen, Sie starrköpfiger Deutscher! Aber jetzt erlauben Sie, daß ich Ihnen sofort den Arzt schicke. Auf mich dehnt sich Ihr Besuchsinterdikt doch nicht aus, mon ami?«

Der Franzose hatte mit gewohnter Zungengeläufigkeit gesprochen; doch war er nicht sicher, daß Kurt ihn verstanden, denn seine Augen waren wieder starr, und er schien abwesend mit seinen Gedanken.

Der Vicomte nahm seinen Hut, um selbst den Arzt zu holen. Kaum hatte er jedoch einige Schritte auf der Straße gemacht, als er seinen Namen rufen hörte. Er wandte sich um und sah Kurt, der ihm mit eigentümlich schwankenden Schritten barhäuptig folgte; er hielt einen Brief in der Hand.

»Lieber Freund,« sagte er hastig, »einen Freundschaftsdienst. Dieser Brief muß sofort wieder auf die Post ... er ist ... er ist« – sagte er stockend, »für meinen Vetter ... wahrscheinlich aus Irrtum hierhergesandt. Er muss zurückgehen,« setzte er ungeduldig hinzu, »zurück an die Absendestation.« Er überreichte ihm dabei den Brief. Die Worte »Deutschland retour« standen in erregten Zügen darauf.

Der Vicomte versprach die Besorgung. »Sie müssen sich aber zur Ruhe begeben,« warnte er noch einmal ängstlich, denn die sichtlich steigende Aufregung Kurts fing an, ihm bedenklich zu werden. »Lassen Sie mich Sie zurückbegleiten.«

Aber Kurt lehnte es ab und eilte nach seiner Wohnung zurück. Der Franzose schaute ihm nach, sah auf das Schreiben und schüttelte den Kopf. Unverkennbar waren die Schriftzüge von einer weiblichen Hand. »Wenn da nicht wieder eine belle dame die Schuld ist, müßte alles mich täuschen,« dachte er. »Ihre Botschaft aber ist nicht freundlich aufgenommen, nicht einmal eröffnet worden; eigentlich sollte man so etwas nie in der Aufregung tun. Vielleicht würde der Graf später viel darum geben, den Brief gelesen zu haben. Aber die Deutschen sind starrköpfig; tun wir ihm den Willen. Ah, les femmes, les femmes! Ob nicht immer eine bei jedem Unglück im Spiele ist?« Der kleine Vicomte seufzte dabei so melancholisch, als habe auch er schon Erfahrungen gemacht.


Hatte Nora mit heißer Sehnsucht die Wochen hindurch auf ein Wort Kurts geharrt, indes ihr Brief ruhig in der Mutter Hände blieb, so trat für die Gräfin jetzt die bittere Vergeltung ein. Auch sie harrte umsonst Tag für Tag. In ängstlicher Sorge hatte sie berechnet, wann der Brief ihrem Sohne zukommen würde, wann irgend eine Antwort sie erreichen könnte – aber die Zeit verstrich, kein Lebenszeichen kam.

Sie schrieb wieder und wieder, sie erging sich in den abenteuerlichsten Vermutungen. Hätte sie vielleicht doch es ihm schonender mitteilen, ihn langsamer vorbereiten sollen? Hatte sie seine Liebe zu gering angeschlagen? Sie hielt das Unmögliche fast für möglich: daß er sich unmittelbar mit Nora in Verbindung gesetzt und trotz allem eines Tages erscheinen werde, sie ihr als Tochter zu bringen. Aber alles schien ihr bald leichter zu tragen als dies unheimliche Schweigen. Endlich erschien ein Brief: zwar keiner ihres Sohnes, sondern von seinem Chef. Der alte Herr unterzog sich selbst der Mühe, der Mutter auf die schonendste Weise die Krankheit des Sohnes mitzuteilen. Er suchte den Grund derselben in den Ausflügen, die der junge Mann in das Innere des Landes unternommen und bei denen er sich wahrscheinlich allzuviel zugemutet habe. Die Mutter aber durchzuckte es, als sie das Datum seiner Erkrankung las, das mit der möglichen Ankunft jener Nachricht auffallend übereinstimmte.

Sie war energische Frau genug, um sofort selbst hinzureisen; aber der Schreiber der Zeilen erwähnte den ausdrücklichen Wunsch des Sohnes, sie von solchem Entschluß abzuhalten und fügte bei, der Rat der Aerzte gehe dahin, vor allen Dingen die Aufregung eines Wiedersehens zu vermeiden. Und ihrem Charakter so gar nicht gemäß, fügte sich die Gräfin in alles und blieb. War sie doch sich selbst bewußt, welche Aufregung das Wiedersehen zur Folge haben könnte.

Wochen auf Wochen vergingen. Der liebenswürdige Vicomte, der sich mit großer Freundschaft dem Kranken widmete, stattete der Mutter allwöchentlich genauen Bericht ab; aber die Krankheit schien stets in demselben Stadium zu verharren.

Wie ein Nebel lag es auf dem Geiste des Kranken; eine völlige Apathie war dem heftigen Gehirnfieber gefolgt. Er räumte keinen Schmerz ein, erwähnte nie, daß ihm irgend ein Leid zugestoßen, nannte keinen Namen, schien keine Unruhe zu empfinden; nur ein Gefühl sprach sich deutlich aus: ein entschiedener, unsäglicher Widerwille, irgend eine Nachricht aus der Heimat zu empfangen.

Die besten Aerzte waren zu Rate gezogen worden; sie hatten andere Luft nötig befunden. Aber die Körperschwäche machte lange Zeit eine Uebersiedelung unmöglich. Es war, als sei jegliche Spannkraft des Körpers und Geistes gebrochen.

»Das Klima hat er nicht ertragen können,« sagten die Menschen, welche kamen, der Gräfin ihre Teilnahme auszusprechen, als Kurts Krankheit in den Kreisen daheim bekannt wurde. Die Gräfin aber las deutlich auf jedem Gesichte die Frage, warum sie ihn solcher Gefahr so unnütz ausgesetzt habe. Sie nahm die laute Teilnahme wie die stummen Vorwürfe mit gleicher äußerer Ruhe hin. Niemand ahnte die Qualen, die sie dabei durchmachte. Aber ihre stattliche Gestalt verlor in den Monaten ihre Rundung, und ihr glänzend schwarzes Haar ward grau.

Alles blühte wieder sommerlich in Deutschland, als endlich die Nachricht kam, Kurt habe sich so weit erholt, daß eine Luftveränderung angezeigt sei. Das Mutterherz rief natürlich voll Sehnsucht nach dem Kinde. Aber wieder kam keine Zeile von ihm selbst.

Sein französischer Freund war es abermals, der in der liebenswürdigsten und schonendsten Weise der Mutter mitteilte, daß der Sohn die Anstrengung des Schreibens noch nicht wagen dürfe, daß er sich aber zu einer längeren Reise entschlossen habe, die angeratenen Gegenden besuchen wolle und durch den Wechsel der Bilder seinen Geist zu erfrischen hoffe.

Nach Griechenland erst, dann nach Sizilien wolle er sich wenden, den Winter gedenke er im südlichen Frankreich zu verleben: »se rapprochant pourtant toujours de sa patrie et du coeur de sa mère,« so schloß der Franzose mit graziöser Wendung. Die Liste einiger Städte mit Bankiersadressen, wohin ihm das Geld zu senden, lag bei.

Die Gräfin las dies, und eine heiße Träne stahl sich ihre Wangen entlang – ein Stich ging in das Mutterherz, das ein Leben hindurch all seine Zärtlichkeit auf dies eine Haupt gelegt. Leise wie ein Echo zog ihr das Wort der Oberin dabei durch die Seele: »Du könntest einen Sohn verlieren, anstatt eine Tochter zu gewinnen.«

Aber die Gräfin war keine Natur, die sich solchen Gedanken hingab. Sie hatte nach bestem Ermessen gehandelt; sie sah dies alles als eine notwendige Folge an, die durchlebt werden müsse. »Er wird es überwinden,« sagte sie zu sich selbst. »Seine Gesundheit bedarf es so,« sagte sie ebenso zu anderen und schnitt damit jegliches Bedauern und jegliches Staunen ab.

Eingehend sprach sie mit niemand darüber, nicht einmal mit ihrem treuen Hausgenossen, dem Kaplan. Sie hatte ihm mit wenigen Worten die Tatsachen über Nora mitgeteilt, und da dieselben zu seinem schmerzlichen Staunen sich als wahr ergaben, hatte er sich still fügen müssen, ohne das Rätsel lösen zu können, das für ihn darin lag.

In diese Zeit fiel ein Brief der Oberin an die Gräfin. »Ich habe dir ein Wort der Aufklärung zu geben,« schrieb sie, »über die Handlungsweise derjenigen, die dir so nahe hätte treten sollen, wenn nicht ein unglückliches Verhängnis das arme Kind auf so traurige Bahn gelenkt. Sie hat der kindlichen Liebe ein unerhörtes Opfer gebracht, und um des Opfers willen mag Gott sie gnädig in seinen Schutz nehmen. Verurteile sie nicht! Zur Steuer der Wahrheit teile ich dir dies mit und bitte dich: sage es auch deinem Sohne. Der Beweis, daß er seine Liebe nicht an eine Unwürdige verschwendet, daß sein Herz nicht verraten ist, wird ihm den Stachel aus der Wunde nehmen, welche diese traurige Wendung ihm geschlagen haben wird. Gottes Weisheit hat es so gefügt; aber die beiden jungen Herzen werden einen bitteren Kelch zu trinken haben.«

Die Gräfin warf zornig den Brief zur Seite.

»Die gute Sibylle muß den Kopf verloren haben in ihrer blinden Vorliebe für das Mädchen. Eben jetzt, wo er nahe daran ist, zu genesen, nun alle diese Gedanken zurückzurufen, ihn wieder auf diesen Weg zu drängen ... es wäre Wahnsinn! Merkwürdig wirklich, wie unpraktisch auch gescheite Menschen werden, wenn sie zurückgezogen von der Welt nur ihren eigenen Gefühlen leben ... die arme Sibylle mit ihren romantischen Gedanken!«

Und die Gräfin war so praktisch, daß der Brief sofort ins Feuer wanderte – der einzige Brief, der ihren heißesten Wunsch hätte erfüllen können, den Weg zum Sohnesherzen wiederzufinden.

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