Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinande Freiin von Brackel >

Die Tochter des Kunstreiters

Ferdinande Freiin von Brackel: Die Tochter des Kunstreiters - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFerdinande Freiin von Brackel
titleDie Tochter des Kunstreiters
publisherJ. P. Bachem in Köln
printrun80. - 87. Auflage
firstpub1875
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060203
projectidb18d8d8d
Schließen

Navigation:

15

Wen das Unglück recht anbraust, den treibt's nicht hin
und her – es versteinert ihn, wie Rinde.
Bettina

Nora wußte nicht, daß sie allein zurückgeblieben war. Die Hände vor das Antlitz geschlagen, blieb sie regungslos, niedergeschmettert von dem, was sie gehört – wie lange, wußte sie nicht. Sie versuchte sich zurückzurufen, was der Vater gesagt; aber alles war ihr unklar, unverständlich, unbegreiflich. Nur eins nahm bei ihr allmählich wieder Form und Gestalt an, daß sie fest, fest sein und bleiben müsse gegen alles Bitten, gegen alles Drängen, daß keine Macht der Erde, daß nichts auf der Welt sie bewegen dürfe, sich so zu erniedrigen.

Tiefer bitterer Groll stieg in ihr auf gegen den Vater, der ihr das zumutete. Wie konnte der Gedanke in ihm aufgestiegen sein? Wer hatte ihm den unseligen Rat zugeflüstert? Eine Ahnung sagte ihr, daß Landolfo dabei im Spiele sei. Aber nicht daran wollte sie ihre Gedanken verschwenden; nur daran denken, wie das Elend abzuwenden, wie das Unglück zu beschwören sei. Eine unendliche Sehnsucht nach Rat und Mitteilung beschlich sie – und jedes Weib denkt dann zuerst an den Mann, den es liebt.

Das war gewiß ein Ereignis, wo die Schranke des Verbotes überschritten werden durfte, wo ein Aussprechen mit Kurt unumgänglich notwendig war. Der Gedanke, ihm zu schreiben, beruhigte sie schon. Sie erhob sich, ihr Zimmer aufzusuchen; denn sie hörte jetzt Schritte im Hause, selbst das Rufen ihres Namens, als werde sie gesucht. Leise entschlüpfte sie durch eine Nebentür – es war ihr unmöglich, jetzt vor anderer Leute Augen zu treten. Sie gelangte ungesehen auf ihr Zimmer.

Sie ließ sich zum Schreiben nieder; aber die ersten Worte riefen ihr die ganze Szene so überwältigend wieder zurück, daß die zitternde Hand die Feder niederlegen mußte. Im selben Augenblick wurde heftig an ihre Tür gepocht, und ehe sie sich noch erheben konnte, sah sie in Landolfos erregtes Gesicht.

»Fräulein Nora ... Sie hier?« fragte er hastig. »Und Ihr Vater, wo ist er?«

Nora erhob sich stolz, dem Eindringling möglichst kalt zu begegnen. Aber er beharrte in seiner Stellung, und etwas in seiner Stimme ließ auf Außergewöhnliches schließen.

»Wo ist Ihr Vater?« rief er wieder. »Ich weiß, er war bei Ihnen, er hatte wichtige Sachen mit Ihnen zu bereden. Haben Sie ihn beruhigt? Wie hat er Sie verlassen?«

Nora sah ihn wie im Traum an; sie schüttelte nur still den Kopf.

»Ah, steht es so!« sagte Landolfo höhnisch. »Sie haben Ihren Vater auf diese Weise fortgeschickt? Sehr kindlich! Sie scheinen nicht zu wissen, was Menschen, die am Rande des Ruins stehen, alles tun können! ... Noch einmal, Fräulein Nora, wo ist der Direktor?« rief er, vor Ungeduld mit dem Fuß aufstampfend, als sie immer noch schwieg und ihn wie träumend anstarrte.

Nora wurde totenbleich; sie legte die Hand an die Stirn, als müsse sie die Gedanken erst sammeln. »Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht,« brach sie stammelnd aus. »Was meinen Sie ... was denken Sie?« Doch plötzlich, als sei ihre Denkfähigkeit wiedergekommen, setzte sie hinzu: »Wir müssen ihn gleich suchen. Er ging in den Garten hinaus nach unserer Unterredung.«

»In den Garten? Wohin? Was wollte er da ... doch nicht allein?« inquirierte Landolfo in barschem Tone weiter. »Die Direktorin und ich glaubten Sie natürlich zusammen und wollten nicht stören. Wir konnten nicht denken, daß die Tochter den Vater in der Stunde des Unglücks sich selbst überlassen würde. Alle Folgen davon kommen auf Sie!« fuhr Landolfo mitleidslos fort.

»Ihren Vater sich selbst überlassen« – das Wort traf Nora bis ins Innerste. Ja, sie hatte nur an ihr Unglück gedacht, hatte ihn stumm und rücksichtslos von sich gewiesen.

»O, wir müssen ihn gleich aufsuchen!« rief sie bestürzt, und in der Angst ihren Groll vergessend, streckte sie die Hände flehend gegen Landolfo aus. »Kommen Sie mit, ihn zu suchen!« bat sie noch einmal.

»Alle Folgen kommen auf Ihr Haupt!« wiederholte Landolfo.

Aber sie hörte es nicht mehr; sie flog die Treppen hinab, dem Garten zu. Frau Emilie stand geängstigt am Eingänge desselben und wollte sie aufhalten, indem sie fragte, wo nur der Direktor geblieben sei seit dem Morgen.

Aber Nora hatte nicht Zeit, ihr Rede zu stehen. »Er muß im Park sein, er ist vielleicht zur Stadt gegangen!« rief sie und eilte davon, daß Landolfo ihr kaum folgen konnte. Es schien ihr, als sei jetzt jede Minute kostbar. In ihren Ohren hallte es wie mit dröhnendem Glockenschalle: »Sie wissen wohl nicht, was Menschen tun können, wenn sie am Rande des Ruins stehen, die Folgen kommen über Sie!«

Mein Gott, mein Gott! Ja, sie wußte es jetzt. Vor ihren flimmernden Augen glitten jene Schattengestalten vorüber, von denen sie gehört und gelesen, daß sie den Ruin nicht ertragen ... Waren ihres Vaters letzte Worte nicht die gewesen, welche sie selbst gesagt: Lieber sterben! ... O Gott, auch das noch!

Wie ein gehetztes Reh floh sie durch all die verschlungenen Pfade, den Vater rufend; aber unwillkürlich drängte es sie zu einem Platze, der ihr wie eingebrannt im Sinn stand. Das schlüpfrige Ufer, der morsche Steg, die geknickten Gebüsche, das tiefe Bett des Baches – sie wollte dem Anblick entgehen, und doch zog es sie dorthin.

»Glauben Sie denn ernstlich, daß Ihr Vater zur Stadt gewollt?« fragte Landolfo atemlos, als sie plötzlich, den kürzesten Weg durch das Gehölz einschlagend, dahin lenkte. »Er wußte mich ja dort.«

»Es ist aber doch möglich, es könnte sein ... da führt ein Steg auf die Straße,« sagte Nora, sich selbst beschwichtigend. Aber plötzlich war ihr, als habe sie Blei in den Füßen, so schwer waren sie zu heben – alle Kraft war auf ihre Augen konzentriert, so erweiterten sich diese, als sie der Stelle sich näherte.

»Bleiben Sie zurück! Fräulein Nora; bleiben Sie zurück!« rief jetzt Landolfo und faßte sie heftig am Arme. »Das ist kein Platz für Sie!«

Aber Nora riß sich los und stürzte mit lautem Wehruf voran, verzweiflungsvoll auf die Knie sinkend. Das Schlimmste schien sich zu bewahrheiten: ihre Ahnung hatte sie recht geführt. Halb im Wasser versunken lag eine dunkle Gestalt ausgestreckt, nur der Kopf ruhte noch hart am äußersten Rande des Ufers –; eine einzige Bewegung, und das mit ziemlich starkem Fall forteilende Wasser riß ihn mit fort. Hatte er hinübergewollt und war ausgeglitten? Hatte ein Schwindel ihn vom schlüpfrigen Steg gestürzt? Hatte der eigene Wille seine Schritte so gelenkt und nur eine Fügung des Himmels den letzten Schritt gehemmt?

Nora, fast ohne Besinnung, zerrte machtlos an der wuchtigen Gestalt, die kein Zeichen von Bewußtsein gab. Aber auch Landolfo war schon zur Stelle. »Fassung und Ruhe!« herrschte er; doch sein eigenes Antlitz zeigte, wie weit er davon entfernt war. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, und die Zähne schlugen fast hörbar aufeinander. Mit festem Griff, mit großer Kraft und Geschicklichkeit zog er den schweren Körper aus das Ufer, den Kopf vorsichtig auf Noras Knie niederlegend.

»Er ist nicht tot,« sagte er, indem er prüfend die Hand an das Herz des Bewußtlosen gelegt; »er ist nur ohnmächtig.« Der tiefe Atemzug, der sich dabei aus seiner Brust rang, galt nicht bloß der Kraftanstrengung, die es gekostet. »Lösen Sie ihm den Kragen vom Halse; reiben Sie ihm, so stark Sie können, die Pulse,« fuhr er zu Nora gewandt fort. »Indes gehe ich, Hülfe zu holen. ... Auf dem Wege nach der Stadt ist der Steg unter ihm gebrochen,« setzte er bedeutungsvoll hinzu, mit einigen Fußtritten die morschen Bretter zertrümmernd, ehe er ging.

Aber Nora hörte kaum, was er sagte, sah nicht, was er tat. Mechanisch führte sie aus, was er sie geheißen – in ihrer Seele nur den einen furchtbaren Gedanken: Hatte sie ihren Vater zu diesem Entschluß getrieben? Hatte sie in der Stunde des Unglücks ihn so zurückgestoßen, daß er nur diesen Ausweg gefunden? Wie grauenhaft kam ihr jetzt ihre Härte vor. »Durch meine Schuld, durch meine Schuld!« wiederholte sie immer wieder mit bebenden Lippen. »Vater, Vater, leb' nur: ich tue alles, alles um deinetwillen. ... Vater, ich schwöre dir, ich tue, was du willst!« Sie flüsterte es dem Bewußtlosen immer eindringlicher zu, als müsse er es hören, als müsse er dadurch zum Leben erwachen.

War es nun die veränderte Lage, war es das hastige Reiben oder die Stimme seines Kindes, ihr heißer Atem, der zu ihm drang: ein leises Zucken durchfuhr den Körper, ein Seufzer stieg leise aus dem zusammengepreßten Munde.

Nora rang wie im Dankgebet die Hände. »Laß ihn nicht sterben, mein Gott, laß ihn nicht sterben durch meine Schuld!« flehte sie. »Mein ganzes Leben soll diesen Augenblick sühnen,« und sie preßte ein kleines Kreuz, das sie trug, auf seine Lippen, auf ihre Lippen. »Nichts, nichts soll mir zuviel sein, um dich zu retten, Vater!« Ihre Hingabe allein schien das teure Leben erkaufen zu können.

Landolfo kam jetzt mit Hülfe zurück. Der Direktorin hatte er nur zugestanden, daß ihr Mann sich im Walde den Fuß verstaucht habe, und eine Tragbahre nötig sei, um ihn zu holen. Den Männern, die mitgekommen, schien der zerbrochene Steg Erklärung genug.

Man lud den Direktor vorsichtig auf. Nora ließ seine Hand nicht aus der ihren. Sobald sie eine Bewegung in seinem Antlitz sah, flüsterte sie ihm wieder ihre Einwilligung zu, als fürchte sie immer noch, sein Leben könnte entfliehen, ehe er ihr kindliches Opfer verstanden. Einmal schien es, als leuchteten seine Augen verständnisvoll dabei auf; einmal war es ihr, als empfinde sie einen leichten Druck seiner Hand.

Unruhevolle Stunden folgten dem Ereignis. Frau Emilie war in ihrer Aufregung ganz nutzlos. Noras Kräfte und Energie schienen sich aber zu verdoppeln. Mit erschreckender Ruhe kam sie allen Anforderungen nach, ließ nicht die kleinste Sorge aus dem Auge. Der Arzt erklärte den Zustand des Direktors für einen leichten Schlaganfall, verschlimmert durch den Umstand, daß er mehrere Stunden im Wasser zugebracht hatte.

Während mehrerer Tage schwebte er in Lebensgefahr. Nora wich weder Tag noch Nacht von seiner Seite. Sie sprach nicht, sie klagte nicht, sie weinte nicht; sie tat alles, als hinge von jeder Handlung seine Lebensrettung ab und als sei sie versteinert gegen alles übrige.

Als das Bewußtsein dem Kranken vollständig zurückgekehrt war, kam kein Wort weder über das Vergangene, noch über das Ereignis selbst über seine Lippen. Ein allmähliches Entsinnen schien ihn zu beunruhigen und zu quälen, und sein Auge suchte Nora mit bangem, scheuem Blick. Nora war nicht bloß halb heldenmütig: sie wollte dem müden Gehirn gleich Ruhe geben. An seinem Bette kniend, ihn zärtlich umschlingend, erneute sie das Versprechen, das sie gleich im ersten Augenblick gegeben, das sie seitdem rückhaltlos sich innerlich stets wiederholt hatte.

Es war eigentümlich, welche Wirkung es auf den Kranken übte. Erst sah er sie ungläubig, dann fragend an; endlich glitt fast kindliche Freude über die matten Züge; er umschlang seine Tochter. »Ich habe das also nicht geträumt, es war also kein Wahn, daß du mir helfen willst ... Nora, Nora, du rettest deinen Vater! Ich wußte ja, du würdest mein gutes Kind sein, mich nicht verlassen in der Not. Nun braucht dein alter Vater seine schönen Pferde nicht aufzugeben, die sein Stolz und Ruhm sind, ohne die er nicht leben kann. Nora, dann schlagen wir den andern aus dem Felde! Dann wird es wieder sein wie damals, wo du ein kleines Mädchen warst und keine größere Freude kanntest, als wenn Papa dich aufs Pferd hob! Weißt du das noch, Nora? ... Es war eine Kluft zwischen uns: sie haben mein Töchterchen von mir trennen wollen ... aber du wirst wie deine Mutter alles um meinetwillen lassen.« Und er küßte sie zärtlich.

»Alles!« hauchte Nora, und es mochte ein tiefer Schmerz in dem einen Werte liegen, denn der Kranke selbst wurde aus seinem Freudenrausche geweckt.

»Du wärest doch nie glücklich mit ihm geworden, mein Kind,« sagte er, wie mitleidsvoll das gebeugte Haupt streichelnd. »Du wärest unsäglich elend geworden! Ich kenne die Welt. Sie würden dich stets als Eindringling betrachtet haben; er hätte es bereut und dich vernachlässigt. Tausendfach bitterer würde das für dich gewesen sein als dieser Augenblick. Glaube mir, mein Kind, es ist dein Glück ... ich rette dich vor großem Unglück.« Als der Direktor, abgespannt vom vielen Reden, in die Kissen sich zurücklehnte, glaubte er selbst, was er sagte. Es gibt keinen überzeugenderen Redner für uns als die Selbstsucht.

Nora lehnte matt den Kopf an die Kissen des Vaters, der ihre Hand festhielt, als fürchte er, sie könne ihm entweichen.

»Alles!« flüsterte sie wieder vor sich hin, und die ganze Größe des Opfers stieg vor ihr auf. Ihre Liebe hin, ihre Stellung vernichtet, jedes Glück aufgegeben, jede Hoffnung verloren – mit Zentnerschwere senkte diese Erkenntnis sich auf ihr Herz, daß es hätte aufschreien mögen unter der Riesenlast.

Ahnte der Vater in seinem Halbschlaf, was sein Kind litt? Unruhig warf er sich hin und her. »Sie tut's nicht, Landolfo, sie tut's nicht!« murmelte er wie im Traume.

»Ja, sie tut es,« wiederholte Nora fest. Dann aber erhob sie sich, machte sich leise los, rief einen Wärter herbei und schritt zum erstenmal seit dem Unglückstage ihrem Zimmer wieder zu. Sie kam sich wie ausgewechselt, wie eine ganz andere vor; alles um sie her schien ihr fremd.

Auf ihrem Schreibtische lagen die angefangenen Zeilen an Kurt: wie Gespenster starrten die Worte sie an, sie riefen ihr alles das zurück, was sie da hatte versprechen und geloben wollen. Vorbei war das alles – vorbei! Mit jähem Ruck zerriß sie das Blatt in kleine Stücke. »Das muß auch geschehen, das muß jetzt gleich geschehen!« sagte sie. Trotzdem ihre Augen brannten vom langen Wachen, trotzdem ihre Glieder wie gebannt waren von der Müdigkeit, setzte sie sich nieder und schrieb – wie im Traume.

Was schrieb sie? Sie wußte es später nicht mehr – aber es war mit seltener Klarheit die Darstellung all der Tage, der Stunden des furchtbaren Entschlusses, den sie gefaßt! Es war ihr, als schriebe sie über eine andere; das Leid war zu groß, um es für sich selbst zu begreifen. Nur am Schlusse überkam sie das unendliche Weh – da rang es sich los bei den Abschiedsworten, welche ihr die Kluft zeigten, die nun für immer sie trennen sollte. Nicht eine Sekunde kam es ihr in den Sinn, sein Wort auch jetzt noch als bindend anzusehen

»Wie eine Sterbende scheide ich von dir, wie eine Sterbende, die nicht einmal mehr fragen darf, ob es noch Rettung gibt. Kurt, ich dürfte die Hand nicht annehmen, die du mir, um Hülfe zu bringen, reichen könntest. O, wärest du in der Nähe gewesen, vielleicht hättest du einen Ausweg gewußt aus diesem entsetzlichen Abgrunde! So erkannte ich nur dies als Pflicht. Möge das Opfer, das ich bringe, den Irrtum sühnen, wenn ich unrecht handelte. Ich konnte nicht anders. Kurt, leb' wohl!!«

Die Feder sank aus der Hand, und der Kopf fiel nieder wie in dumpfer, schwerer Betäubung. Aber der Geist arbeitete weiter, er konnte noch keine Ruhe finden nach dem Sturm. Spiegelte ihr die heiße Sehnsucht vor, sie sei wieder das Kind, das seinen ersten bitteren Schmerz ausweinte in den Armen jenes Knaben? Sah sie die bleiche Mutter wieder vor sich liegen, zu welcher der Knabe sie hintrug? Fühlte sie, wie die fieberheißen Hände sie aus den Armen des Knaben in die des Vaters drängten?

»Mutter, Mutter! Hast du es so gewollt?« schrie sie auf, und ein Strom von Tränen brach sich Bahn. »Hast du es trotzdem gewollt? Sollte ich dem Vater ganz angehören ... o, mit meinem Herzblut habe ich mich ja für ihn verschrieben! Nun komme und segne dein Kind!«

Ein Tropfen Balsam, ein Hauch von Segen zog ihr bei dieser Erinnerung ins Herz: der Segen, der auf jedem uneigennützigen Opfer ruht, der Friede, der auf jeden Akt reinen, guten Willens zuletzt sich legt.

Nora verharrte noch still so, als schon die Morgendämmerung sich grau hereinstahl und man sie endlich zum Vater rief.

Vor ihr lag der Brief. Wohin ihn senden? Es war ihr wüst im Kopfe; sie konnte sich über nichts genau besinnen. Bei dem neulichen Besuche Kurts hatten beide sich fest vorgenommen, das Verbot nicht weiter zu überschreiten und die Prüfungszeit nun gelassen zu überstehen. Sie hatten daher keine Adressen ausgetauscht, und den Brief in fremden Händen zu wissen, war ihr schrecklich.

»Ich werde ihn der Mutter senden, daß diese ihn weiter besorgt. ... Sie mag ihn sehen. Es ist ja der einzige, den sie von mir gewollt hat,« setzte sie bitter hinzu.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.