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Die Tochter des Kunstreiters

Ferdinande Freiin von Brackel: Die Tochter des Kunstreiters - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorFerdinande Freiin von Brackel
titleDie Tochter des Kunstreiters
publisherJ. P. Bachem in Köln
printrun80. - 87. Auflage
firstpub1875
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060203
projectidb18d8d8d
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14

Es kann ja nicht immer möglich sein,
Daß alles sich glücklich ende –
Und wenn die Sonne am höchsten steht
Kommt immer die Sonnenwende.

Am nächsten Morgen hatte Nora ihr Pferd zeitig satteln lassen, einen Ritt in den frischen Morgen zu tun, wie sie es liebte. Das Pferd tanzte unter ihr, ihr Herz tanzte mit; es war gerade der Tag, wo vor einem Monate Kurt sie überrascht hatte, und das war ein Tag seliger Erinnerung.

Als sie auf dem Vorplatze hielt, den eine niedrige Mauer vom Parke trennte, sah sie ihren Vater in seinem Schreibzimmer am Fenster stehen. Sie grüßte ihn, und um ihm eine Freude zu bereiten, ließ sie ihr Pferd zierlich aussteigen, um es dann mit kunstgerechter Wendung herumzuwerfen und in den verschiedensten Gangarten vorzuführen, bis sie endlich, noch einmal grüßend, mit mächtigem Satz über die Mauer wegsprengte und im Parke verschwand.

Sah er sie? Ja, er sah mit brennendem Blick ihre vollendete Kunst, ihre seltene Gabe, das Tier zu beherrschen. Es war ein junges, feuriges Pferd, das sie vor kurzem aus seinem reich assortierten Stalle gewählt hatte, ihre Geschicklichkeit daran zu prüfen, wie sie das öfter getan. Fast unzugeritten hatte sie es bekommen, jetzt fügte es sich gehorsam ihrem Willen. Wie sie stolz dahinflog, mußte er von neuem die Anmut ihrer Erscheinung bewundern. »Er hat recht, sie würde die Welt zu ihren Füßen sehen,« murmelte er, »sie würde die Größte in ihrem Fache werden. Und es wird auch ihre Freude sein; sie ist meine echte Tochter,« setzte er hinzu.

Das unbefangene Mädchen ahnte nicht, was sie heraufbeschworen; sie hatte ihn zerstreuen wollen, den armen Vater, der in der letzten Zeit so düster vor sich hinblickte, daß es anfing, sie zu beunruhigen. Was mochte ihn bedrücken? ... Aber sie konnte heute nicht bei sorgenden Gedanken weilen, die rosige Zukunft lockte zu sehr. Monat auf Monat ging vorüber – dann war sie sein. Wie süß das klang! Wie vertiefte sie sich in die Erinnerung an jedes seiner Worte; wie edel und rein stieg sein Bild vor ihr auf, und – welchem Frauenherzen ist das nicht Hauptsache? – wie liebeglühend war er! Purpurn stieg das Blut dabei in ihre Wangen, mächtig schlug das Herz auf, daß die Hand zuckte und das feurige Tier erschreckt sich hob.

Aber ihre Gedanken spannen sich fort, fort in weite, künftige Jahre hinaus. Ja, wenn sie sein war, schön war es dann auch, seinen Namen zu tragen, durch ihn den festen Standpunkt zu gewinnen, die sichere Stellung zu erreichen, die ihrem jetzigen Leben so mangelte. Und schön mußte es sein, an seiner Seite zu leben und zu wirken im großen Kreise, wie ein tätiger Geist es liebt. Sie war nicht unempfindlich für die Höhen des Lebens und gestand es sich. Jedes Glück hat seinen Hauptquell im Herzen; aber es rinnen auch viele kleine Nebenquellen hinzu, und je mehr deren sind, um so kräftiger wird der Strom.

Die Stunden vergehen rasch, wenn man von Liebe und Leben am sonnigen Morgen unter schattigem Grün träumt. Die Sonne stand hoch, als Nora sich dessen erinnerte und den kürzesten Weg zur Heimkehr einschlug.

Um etwas abzuschneiden, setzte sie über den Bach, der die, Grenze des Parkes bildete. Dort führte ein Steg auf den Weg zur Stadt. Das Ufer war schlüpfrig, ihr Pferd rutschte, und nur ihre feste Hand bewahrte es vor dem Falle. »Wie gefährlich ist die Stelle,« dachte sie zurückblickend, und das geknickte Gesträuch, der glitscherige Pfad wie die kleine Brücke prägten sich ihr ein.

Heimgekehrt, fand sie die Ihrigen nicht im gemeinsamen Zimmer, wie meist zu dieser Stunde. Die Stiefmutter mit dem Kind im Garten wähnend, suchte sie den Vater in seinem Schreibzimmer auf, ihren Morgengruß zu wiederholen. Betroffen blieb sie aber am Eingange stehen. Der Vater saß dort, das Haupt auf die Hand gestützt, ein Bild schwerer Sorge. Ein geöffnetes Papier lag vor ihm, indes ein grüner Umschlag am Boden flatterte, das Zeichen einer telegraphischen Botschaft.

Mit dem Instinkt der Liebe ahnte sie, daß etwas vorgefallen war, was mit seinem früheren sorgenvollen Aussehen zusammenhing.

Im selben Augenblick war sie an seiner Seite, ihn zärtlich umfassend, mit weichen Worten nach seinem Kummer fragend. Sie liebte ihren Vater sehr, und jetzt empfand sie dies mit einem kleinen Zusatze von Reue, denn sie fühlte, daß sie in der letzten Zeit ihrer neuen Liebe unendlich den Vorrang eingeräumt hatte. Um so zärtlicher war sie, und der Direktor ließ sich die Liebkosungen seines Kindes gefallen; aber vergeblich fragte sie nach der Ursache seines Kummers, vergeblich bat sie um Aufklärung. O, wie leicht gehen in solchen Augenblicken die Worte über die Lippen, alles tun, alles leiden zu wollen, um den Kummer zu erleichtern; Worte, die doch eine so furchtbare Gestalt annehmen können.

Der Direktor hob den Kopf und sah in seiner Tochter bittende Augen, auf ihr bewegtes Gesicht. Vielleicht war es die bessere Regung in ihm, die ihn fast rauh sich abwenden ließ. »Geh,« sagte er, »du gehörst einem anderen; du gehörst deinem Vater nicht mehr und kannst nicht helfen.«

Der Tochter traten Tränen in das Auge; ihr Vater hatte recht – aber um so mehr drängte es sie, ihm ihre Anhänglichkeit und Liebe zu beweisen. So wurden ihre Worte immer inniger; sie suchte das Telegramm zu erhaschen, um den Quell des Uebels zu erkennen. Die kurzen Zahlen waren rätselhaft für sie; doch erriet sie, daß eine Geldfrage im Spiele sei. Von neuem bat sie, flehte sie, mit dem Versprechen, stark genug zu sein, alles zu ertragen.

Nach dem Telegramm, das der Direktor eben erhalten, waren die Verwicklungen bis aufs äußerste gestiegen. Landolfo meldete einen noch bedeutend geringeren Prozentsatz, der aus dem Konkurs zu erwarten stehe, als er gestern genannt, so daß der Direktor mit Recht den größten Teil seines Vermögens für verloren halten konnte. In solcher Lage greift der Mensch leicht nach jedem Mittel, das Hilfe zu versprechen scheint.

Er sah sein Kind fest an. »Wenn jemand zu helfen vermag, bist du es,« sagte er langsam und gepreßt.

»Ich,« wiederholte Nora erstaunt. Aber sofort durchzuckte sie die Erinnerung an der Mutter Eigentum, welches das ihre war. »Vater,« sagte sie innig, »ist es wegen der Mutter Vermögen? O, wie kannst du nur zweifeln! Nimm doch alles, was dir helfen kann ... was mir gehört, gehört auch dir.«

»Das kann mir nicht mehr helfen ... es ist schon verloren!« sagte der Direktor dumpf.

Sie sah ihn erschrocken an. Hatte er wirklich das angegriffen, das schon verloren, was rechtlich ihr gehörte, und lastete das schwer auf ihm? Aber Jugend ist großmütig, und Nora war es mehr als andere. Sie umschlang ihn noch inniger: »Laß dich das nicht kümmern, Väterchen; du konntest damit schalten nach deinem Willen. Sag mir, wie kann ich dir helfen?«

Der Direktor erhob sich, als liege eine schwere Last auf ihm. »Du kannst nun doch nicht sein werden, und es ist gut,« sagte er.

Nora zuckte zusammen. »Was meinst du, Vater?« rief sie ängstlich. »Meinst du Kurt? – Ich nicht sein werden, weil ich arm geworden ... das vielleicht? O, daran hat er ja nie gedacht.«

»Ich habe dir eine goldene Brücke bauen wollen zu den Menschen hin, an die dein törichtes Herz sich gehängt hat; ich habe dich ganz von mir loslösen wollen, dir das Glück zu geben, das du ersehntest ... wider meine bessere Einsicht und fast wider Willen. Aber die Brücke ist zusammengebrochen, die Kluft ist unübersteiglich geworden. Du bist nicht allein die Tochter des Kunstreiters, auch die eines Lügners und Schwindlers in ihren Augen.«

»Vater!« rief Nora immer ängstlicher, »was sprichst du? Du bist erregt von dem Schrecken. Kurt ist gerecht und wird auch dich gerecht beurteilen. Glaube mir, er liebt mich genug, um ganz andere Rücksichten zu überwinden, und dies ist doch nur Geld.«

»Nur Geld!« wiederholte der Direktor höhnisch. »Aber er wird es nicht entbehren können, das weiß ich gewiß. Außer dem Zorn seiner Familie und den Unannehmlichkeiten, die du in seine ganze Lebensstellung bringst, wirst du ihn auch noch seine Güter kosten. Eine schöne Liebe, die so viele Opfer fordert!«

Nora war aufgestanden – totenbleich. Sie preßte die Hand aufs Herz, als empfinde sie dort einen heftigen Schmerz.

Auch der Direktor stand auf; je mehr er ihren Widerstand fühlte, desto mehr sprach er sich in die Aufregung hinein. »Und worauf wartest du?« rief er laut. »Worauf wartest du in deiner tollen Leidenschaft? Muß er dir erst selbst das Wort zurückgeben, muß er selbst das Joch abwerfen, das du ihm aufgebürdet hast? Ist es nicht genug, daß er dir deutlich zeigt, wie keine Entfernung ihm zu groß ist, die ihn von dir trennen kann? Genügt es dir nicht, zu sehen, daß seine Familie dich meidet wie eine Verpestete? Willst du den Ruin deines Vaters auch noch als Schild vornehmen und um ihre Gnade, um seine Liebe betteln?«

Der heftige Ausbruch schien Nora nicht zu erschüttern. Ruhig hob sie den Blick zum Vater auf: »Kurt war noch vor vier Wochen hier; er kam aus der weitesten Entfernung von Konstantinopel, nur um mich seiner unerschütterlichen Liebe zu versichern, und ich glaube ihm.«

»So! Schleicht er heimlich zu dir, weil er öffentlich dich nicht anerkennen will? Und das nennst du Liebe, das genügt dir? Ist das der ganze Stolz, den deine Erziehung dir gegeben? Nicht die Gewöhnlichste unserer Truppe würde solche Behandlung dulden. Aber du hörst nur auf deine Leidenschaft ... alles übrige ist dir gleichgültig.«

»O Vater, Vater!« rief das gequälte Mädchen, »warum bist du so hart? Sage mir doch lieber, wie ich dir helfen kann, und du wirst mich nicht gleichgültig finden. Ich werde Kurt nie zu fesseln suchen, wenn es sein Glück hindert. Doch was hilft das dir? Sage, was ich für dich tun kann!«

Der Direktor ging einigemal im Zimmer auf und nieder. »Ich werde sehen, was von deinen schönen Worten zu halten ist,« sagte er hart, und dann plötzlich vor ihr stehen bleibend, setzte er hinzu: »Sei die Tochter deines Vaters!«

Nora starrte ihn verständnislos an.

»Rette ihn vom Ruin,« fuhr der Direktor fort. »Dein Auftreten allein kann es. Du hast das Talent, hast das, was die Welt bezaubern wird ... in wenigen Monaten wird ersetzt sein, was ich jetzt verloren habe.«

Nora sah noch immer zu ihm auf, als spräche er eine fremde Sprache, als fasse sie nichts von dem, was in ihr Ohr klang.

»Du bist die erste Meisterin in unserer Kunst,« begann er bei ihrem Schweigen wieder. »Du bist ein neues, frisches Element, wie die Welt seit Jahren keines bewundert. Du hast es von mir ererbt,« sagte er, warm werdend bei dem Gedanken. »Die Natur hat dich dafür bestimmt, dir diese Kühnheit und Schönheit in die Wiege gelegt! Du wirst alle überstrahlen, wie dir schon als Kind prophezeit wurde.«

Plötzlich schien ihr ein Licht aufzugehen. »Nie, nie!« schrie sie mit gellendem Ton, beide Hände vor das Antlitz schlagend. »Nie, nie kann das sein!«

»Ich wußte es,« sagte er, kalt sich abwendend. »Deine Liebe hat nur Worte, für keinen bringst du Opfer!«

»Vater!« rief Nora, »ich will alles tun für dich ... nur das nicht! Ich will für dich arbeiten, wenn es dir helfen kann, mit dir entbehren, wenn du in Armut geraten, will dir allein angehören... kein Gedanke an jemand anders soll mich dir untreu machen ... nur das nicht, das Entsetzliche nicht!«

»Nur das kann helfen,« sagte der Vater, sie rauh zurückstoßend. »Alles andere sind leere Worte. »Gut, ... bleib' bei deinem Stolz und überlaß deinen Vater seinem Schicksal!«

»Vater, ich kann ja mehr, ich kann ja Besseres,« flehte sie wieder. »Ich habe viel gelernt, habe andere Talente; ich will mir eine Stellung suchen, und alles soll dir gehören.«

»Die Paar Taler solcher Stellungen werden mir viel helfen!« sagte er, höhnisch auflachend. »Verschone mich mit deinen Redensarten.«

»O, denke an meine Mutter, die es nie gewollt hat!«

»Deine Mutter würde mir in jeder Not beigestanden haben, sie hätte mir jedes Opfer gebracht,« sagte er ausweichend. »Auch sie brach mit vielen, um mir anzugehören, meinem Stande, den du so hochmütig verachtest. Mag dir ihr Wort, unter ganz anderen Verhältnissen gesprochen, denn höher gelten, als die Schmach deines Vaters!«

Nora lag am Boden – ihr Herz wand sich in Todesangst, und doch sagte ihr eine innere Stimme, fest zu bleiben. »O, lieber sterben, lieber sterben!« stöhnte sie.

»Und wenn ich dich darum bäte . .. dringend bäte?« sagte der Vater plötzlich, ihr die Hand auf das Haupt legend. »Wisse es klar: ich bin verloren, wenn ich diese Hilfe nicht habe!« Er sprach mit seltsam erstickter Stimme.

»Lieber sterben, lieber sterben!« wiederholte sie, außer sich vor Angst.

»Ja, lieber sterben, als seinen Stolz beugen ... du kannst recht haben,« sagte er in demselben eigentümlichen Tone, und ohne ein Wort weiter wandte er sich und verließ das Zimmer.

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