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Die Tochter des Kunstreiters

Ferdinande Freiin von Brackel: Die Tochter des Kunstreiters - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFerdinande Freiin von Brackel
titleDie Tochter des Kunstreiters
publisherJ. P. Bachem in Köln
printrun80. - 87. Auflage
firstpub1875
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060203
projectidb18d8d8d
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11

Das ist der Frauen feine Kriegskunst,
Daß sie, den Kampf ablehnend, dennoch siegen.
Raupach.

Einige Monate nach diesen Ereignissen siedelte die Gräfin mit ihrer Familie in die österreichische Residenz über. Es war das erstemal seit ihrer Witwenschaft, daß sie aus ihrer ländlichen Zurückgezogenheit heraustrat. Die Anwesenheit ihrer jungen Nichte, die in der Gesellschaft auftreten sollte, wie der Entschluß ihres Sohnes, zur diplomatischen Laufbahn überzugehen, gab vor der Welt die besten Gründe dafür. Und doch wunderte sich die Welt gerade darüber. Die Menschen bezeichnen ja den kleinen Kreis, in dem sie leben, immer großartig mit dem Namen »Welt«.

Nun, diese Welt fand die Nichte noch sehr jung, um schon ausgeführt zu werden, und war noch erstaunter über Graf Kurts Absicht, eine staatliche Laufbahn einzuschlagen, da ihm als ältestem Sohn und Besitzer der ausgedehnten Güter sein Lebensweg so viel einfacher vorgeschrieben schien. Einige witterten einen klugen Schachzug der Mutter darin, damit sie die lange geführte Herrschaft nicht abzugeben brauche; sahen es als einen Ausweg des Sohnes an, sich der Einwirkung der Mutter zu entziehen. Die Welt hatte recht und unrecht – wie immer. Im gewöhnlichen Lauf der Dinge würde die Gräfin siebzehn Jahre entschieden zu jung für Lilly befunden haben; sie hätte ihr mindestens noch einen Winter ländliche Ruhe verordnet. Ganz sicher würde sie auch für ihren Sohn nichts weniger als eine Staatslaufbahn gewünscht haben, sondern hätte seine sofortige Einführung in die Verwaltung der Güter für nötig erachtet, um ihn an Ort und Stelle zu fesseln. So aber mußte sie von all ihren Grundsätzen abweichen; denn ihre Absicht war es nicht, nun der Sache ruhig ihren Lauf zu lassen, wie beruhigend auch die Vorschläge des Direktors gewesen waren, die ihr eigentlich jedes Recht weiteren Einwurfes nahmen. Sie sah das ein; es reizte sie fast, daß es so war. Im schlimmsten Falle mochte die glänzende Vermögenslage der Kunstreiterstochter freilich die Sache erleichtern – aber bis das Verhältnis unwiderruflich war, hielt die Gräfin es für ihre Pflicht, alles dagegen zu versuchen, was in den Grenzen des Erlaubten lag.

Ein stilles Landleben schien ihr wenig geeignet, des Sohnes Gedanken abzulenken, besonders da auch Lilly gar kein Wesen war, das einen häuslichen Kreis beleben oder Anziehungskraft ausüben konnte. So gab sie jeden Gedanken in der Richtung auf und hoffte auf den Einfluß einer neuen Tätigkeit und die Zerstreuungen der großen Welt. Kurts Unbekanntschaft mit der Welt maß sie ja den tiefen Eindruck bei, den er von Nora empfangen und glaubte dort auch die beste Gegenwirkung zu finden. Der Vorschlag, die diplomatische Laufbahn zu versuchen, war daher von ihr ausgegangen, um ihn auf diese Weise zu einem Aufenthalt in der Residenz zu vermögen. Da sie ihn auch dort nicht aus den Augen verlieren wollte, schützte sie Lillys Einführung in die Gesellschaft vor, um selbst dahin überzusiedelnd.

Kurt war der Gedanke nicht unangenehm, eine Laufbahn zu betreten, die sich einem jungen Manne von Namen und Vermögen leicht eröffnet und, ohne zu anstrengende Beschäftigung, ganz dazu angetan ist, den Kreis der Anschauungen zu erweitern. Das, was zwischen ihm und der Mutter lag, was sie aber nie berührte, machte ihm das Zusammenleben mit ihr peinlich, und der enge Zirkel einer beobachtenden Nachbarschaft hatte etwas Drückendes. Die Aussicht auf ein Feld geistiger Tätigkeit, der größere Kreis der Geselligkeit, in dem das einzelne mehr verschwindet, die Möglichkeit, vielleicht auf einige Zeit in eine andere Gegend versetzt zu werden, machten ihm den Vorschlag annehmbar.

Der Salon seiner Mutter nahm in den geselligen Kreisen bald einen namhaften Platz ein. Der Glanz eines alten Namens und der angesehensten Verbindungen übte eine doppelte Anziehungskraft aus bei dem Vorhandensein einer jungen Erbin, wie Lilly eine war, und eines Majoratsherrn, der nach der Welt Ansicht bald auf Freiersfüßen zu gehen hatte. Natürlich nahm man sofort an, daß die Gräfin nichts dringender wünsche und beabsichtige, als die Verbindung dieser zwei; doch hielt das unternehmende Gemüter nicht ab, ihren eigenen Plänen nachzugehen, um so mehr, als die jungen Leute nichts weniger als Gelegenheit gaben, ihre Namen zu verknüpfen. Kurt verhielt sich seiner kleinen Cousine gegenüber ganz passiv. Wenn man ihn auch stets im Salon seiner Mutter fand, lebte er doch sonst so zurückgezogen, als es eben mit dem Leben in der Residenz vereinbar war.

Seine Studien schienen ihn wirklich in Anspruch zu nehmen, und der jungen Damenwelt setzte er eine so kühle, gleichmäßige Liebenswürdigkeit entgegen, daß es sie schier verzweifeln machte. Nicht eine konnte sich auch nur einer vorübergehenden Auszeichnung rühmen.

Vielleicht sah die Gräfin ungeduldig auf sein Treiben; sie hatte wohl mehr von ihrem Mittel erwartet.

Der Karneval war in seinen letzten Tagen, als sie noch ein größeres Fest gab, wo so ziemlich die beau monde der Geselligkeit sich vereinte. Graf Kurt machte die Honneurs an der Seite seiner Mutter mit jener liebenswürdigen Leichtigkeit, die ihm eigen war, aber auch mit jener Ruhe, die nur vorhanden ist, wenn man ganz unberührt und frei der Gesellschaft gegenübersteht und sie keinen einzigen persönlichen Beweggrund bietet.

»Was für ein scharmanter Kavalier Ihr Sohn ist,« sagte ein alter Herr, eine Exzellenz und Gesellschaftsautorität, eben zur Gräfin sich niederbeugend, die im Kreise einiger der ersten Damen am Eingange des Tanzsalons Platz genommen hatte. »Vollendet guter Ton, geistvoll und schön, recht der Stolz einer Mutter ...«

Die Gräfin neigte leicht das Haupt in Anerkennung der Schmeichelei über ihren Sohn; aber ein unmerkliches Zucken in den Zügen deutete an, daß sie trotz allem nicht so ganz damit einverstanden war.

Die alte Exzellenz bemerkte dies; es war eine schlaue, weltkundige Exzellenz und eine neugierige obendrein, die gern den Sachen auf den Grund kam. »Ich habe ihn bewundert,« fuhr er fort; »selten habe ich einen jungen Mann von so festen Grundsätzen gesehen. Er hat sich so wenig von den Vergnügungen unserer Weltstadt hinreißen lassen, daß es besorgt machen könnte für später. Sie wissen ja, meine Gnädige; wir müssen unsere Zeit des Leichtsinns haben.«

»Wenn das eine Notwendigkeit ist, wird auch mein Sohn schon diesen Zoll zahlen,« sagte die Gräfin so herb, daß man daraus verstehen konnte, wie sie Erfahrungen darin gemacht hatte.

Der alte Herr wurde noch neugieriger. Was konnte sie an ihrem Sohn auszusetzen haben, über den der übelste Leumund schwieg? Will er sich vielleicht dem Willen der Frau Mama nicht fügen in bezug auf das kleine Goldvögelchen da? dachte er, indem sein Blick Kurt streifte, der sich eben sehr kaltblütig von Lilly abwandte, die schüchtern mit einer Frage ihm genaht war.

»Wir werden Ihren Sohn bald scheiden setzen, wie mir anvertraut worden ist,« eröffnete er nach einer Pause eine neue Attacke. »Unsere junge Damenwelt wird Trauer anlegen, wenn er ihr auch ein eisernes Herz entgegensetzt: keine dieser Schönen wird sich rühmen können, ihn gefesselt zu haben.«

»Er ist zu jung, sich zu binden,« sagte die Gräfin anscheinend gleichmütig. »Aber wenn Sie so eingeweiht sind, mein Bester, dann verraten Sie mir gütigst: wohin beabsichtigt man meinen Sohn zu senden?« Eine sichtbare Unruhe sprach diesmal aus ihrem Blicke.

»Diplomatisches Geheimnis!« lächelte der alte Herr. »Ueberdies fürchte ich, meiner liebenswürdigen Wirtin den Abend zu verderben; die Mamas lieben die weiten Trennungen nicht.«

»Ach, reden Sie nur, wenn Sie wissen,« sagte die Gräfin sichtlich ungeduldig. »Man schickt ihn doch nicht nach Norddeutschland?«

»Gerade entgegengesetzter Richtung; aber noch etwas weiter, meine Gnädige: zu niemand Geringerem als Seiner türkischen Majestät wird er den Weg einschlagen müssen ... Doch wenn liebenswürdige Frauen es wünschen, läßt sich immer bei einigem Einfluß noch etwas ändern,« setzte er leise flüsternd hinzu. »Unsere Attachés sind keine so wichtigen Persönlichkeiten, daß der Staaten Gleichgewicht von ihnen abhängt.«

»O, warum?« sagte die Gräfin rasch. »Es ist ja recht gut so. Wir Mütter dürfen die Söhne nicht an uns fesseln wollen. Der dortige Gesandte ist überdies ein alter Bekannter unserer Familie,« setzte sie wie erklärend hinzu. »Aber Exzellenz sind doch stets der Eingeweihte,« fuhr sie, dann mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln fort. »Wo Sie nicht überall Ihre feinen Fäden haben! Sie sind ein gefährlicher Mann!«

Die alte Exzellenz lächelte, denn sie liebte es sehr, für einen Mann zu gelten, der sich trotz des a. D. noch eines großen Einflusses erfreute. Als die Gräfin aber jetzt aufstand, einen Neuangekommenen zu begrüßen, blickte er ihr doch kopfschüttelnd nach. »Eine wahre Semiramis! Aber ich möchte wissen, warum sie ihren Ältesten so weit in die Welt geschickt haben will. Es scheint wirklich, als ob er ihr zu schnell groß geworden! ... O, die Frauen, die Frauen! Sollte man das den niedlichen schüchternen Dingern ansehen, was aus ihnen werden kann?«

Mit dem »niedlichen, schüchternen Ding« meinte die alte Exzellenz diesmal Lilly, die in seiner Nähe stand, wie immer rosig, schweigsam und mit verlegen ängstlichem Blick. Lilly machte bei den älteren Herren meistens Glück. Ihre Frische, ihre kleine Gestalt, ihr kindliches Wesen gefielen da, indes die junge Herrenwelt sie durchgehends für langweilig und unbedeutend erklärte. Nur ihr Ruf als Goldtöchterchen und das Anraten weiser Familienmütter führten ihr Verehrer zu, denen gegenüber sie aber sehr zurückhaltend sich verhielt, bei allen gleich schweigsam blieb, gleichmäßig errötete und gleichmäßig lächelte.

Feine Beobachter wollten bemerkt haben, daß ihr Blick am meisten ihrem schönen Vetter folge, der ihr jedenfalls am wenigsten Anlaß dazu bot. Er mied sie sichtlich, und auch eben jetzt hatte er sie fast rauh stehen lassen, um mit stürmischer Freude seinen Freund Dahnow zu bewillkommnen, den eine Reise plötzlich in die Residenz gebracht und der durch die dringende Einladung der Gräfin noch zu dem Feste zugezogen war.

»Du bist nicht sehr höflich gegen deine Cousine,« sagte Baron Dahnow abwehrend, als sein Freund ihn, unter den Arm fassend, in ein Nebengemach zog. »Du warst im Tanz mit ihr.«

»Ach was ... unter Verwandten! Warum holt sie mich auch in der Damentour! Aber nun sage, wie kommst du gerade jetzt, am Ende des Karnevals?«

»Eine Reisetournee, ehe ich mich in alle Sorgen meiner Examenarbeiten stürze. Deine Cousine kann übrigens noch recht hübsch werden, wenn sie sich etwas herausarbeitet; sie hat einen allerliebsten Zug um den Mund.«

»So?« sagte Kurt. »Möglich; sie gehört zu den Wesen, die für mich gar nicht existieren.«

»Aber du existierst für sie! Sie tat mir ordentlich leid mit ihrem traurigen Gesicht, wie du sie ohne weiteres stehen ließest.«

»Dummes Zeug, das man ihr als Kind in den Kopf gesetzt hat und das sie sich jetzt aus dem Sinne schlagen muß ... Dahnow, ich habe einen Talisman. Schreiben wollte ich es dir nicht, aber sieh hier.« Kurt zog ein versteckt gehaltenes Medaillon hervor und öffnete dasselbe; es zeigte den reizendsten Mädchenkopf.

»Ah, wundervoll!« sagte Dahnow. »Also doch! Als du so schweigsam bliebst, so rasch dich entferntest, dachte ich, es sei alles aus. Du denkst also noch ans Ziel zukommen?«

»Bin daran, wenn du es so nennen willst; denn es hängt nur von Bedingungen ab. Meine Mutter hat zwei Jahre Frist und zwei Jahre Geheimnis verlangt... und das läßt sich aushalten. Verlautete am Rhein irgend etwas darüber?«

»Wenig; man dachte einfach, deine Mutter habe dich vernünftigerweise heimgerufen. Da der Direktor mit seiner Familie auch abreiste, war die Sache bald vergessen. Studentenliebe wird nicht hoch taxiert.«

»Nous verrons!« sagte Kurt trocken, sich den Bart streichend und einen Augenblick noch in den Anblick des Medaillons versenkt.

»Wo ist sie jetzt?« fragte Dahnow.

»In einer Villa bei Dresden, die ihr Vater vor kurzem gekauft hat. Sie wird dort die zwei Jahre verleben ... Ich hasse es, sie bei der Bande zu wissen,« setzte er in gereiztem Tone hinzu, »und habe das verlangt.«

Dahnow sah nachdenklich vor sich hin. »Weißt du ...« begann er; doch plötzlich abbrechend, fing er in verändertem Tone wieder an. »Apropos, was sind deine Pläne? Ich weiß, du bist Diplomat geworden. Bleibst du hier fürs erste?«

»Meine Vorbereitungsstudien sind beendet. Ich werde dieser Tage irgend einer Gesandtschaft attachiert werden, vermutlich am Goldenen Horn.«

»So,« sagte Dahnow wie beruhigt. »Uebrigens, mein Bester, schau dich um; einer der Silberdiener harrt deiner mit so sehnsüchtigem Gesicht, daß es gut sein wird, wenn du dich ihm widmest.«

»Ah!« sagte, Degenthal, einen Blick nach dem Lakaien werfend, der wartend an der Tür stand. »Es wird wegen des Soupers sein, das in Angriff genommen werden soll; ich habe noch eine kleine Anordnung zu treffen. Ganz ungeniert an kleinen Tischen wird gespeist. Alter, sorge für dich. Ich muß leider in meiner Eigenschaft als Hausherr mich den Sternen ersten Ranges widmen. Aber ich komme dann zu eurer Gruppe. Nimm meine kleine Cousine, da du doch keine der anderen Damen kennst.«

»Werde mich schon zu finden wissen,« brummte Dahnow. Er wußte sich jedenfalls gut zu finden; denn etwas später, als Degenthal ihn aufsuchte, fand er ihn an der Seite der gefeiertsten Schönheit der Saison, inmitten der Koryphäen der Gesellschaft, im heitersten, belebtesten Kreis, zu dem sein Humor das Seinige beitrug.

»Ah, Graf Degenthal!« rief jetzt die schöne Komtesse, ihn mit ihren schwarzen Augen kühn anstrahlend – etwas, das sie vergeblich den ganzen Winter getan, da sie immer die Hoffnung nicht aufgab, auch, ihn noch an ihren Triumphwagen zu fesseln. »Graf Degenthal, verraten Sie uns, warum Ihr norddeutscher Freund erst jetzt unsere Residenz aufsucht, wo wir gerade daran sind, allen weltlichen Freuden zu entsagen und unsere Häupter mit Asche zu bestreuen.«

»Weil, wie ich schon die Ehre hatte, zu bemerken, meine Gnädige, ich ein Ketzer bin, der von dem frommen Brauch nichts weiß. Dafür trifft mich jetzt die schwerste Buße; denn ich lerne kennen, daß ich verloren habe ..., wenn Sie nicht die Gnade haben, mich wenigstens noch mit einer Tour heute abend zu entschädigen.«

»Heuchler!« sagte Degenthal lachend, »Komtesse Hedwig, strafen Sie ihn mit mehreren Touren; denn er huldigt dem Grundsatz der Türken, die lieber tanzen sehen, als sich dieser anstrengenden Arbeit selbst unterziehen.«

»Ah, dann errate ich, was Baron Dahnow hergeführt,« rief ein anderer der jungen Herren dazwischen. »Seine Heimat sendet uns eben die berühmtesten Künstler in diesem Fache. Eigentlich ist es mehr Springen zwar als Tanzen. Wissen Sie, meine Herrschaften, daß der Zirkus Karsten in den nächsten Tagen seine Vorstellungen hier eröffnen wird?« Da in diesem Augenblick jeder auf Dahnow sah, bemerkte niemand Degenthals heftiges Zusammenzucken.

»Baron, Sie erröten dabei!« rief Komtesse Hedwig lachend. »Also diese vierfüßigen Schönen sind Ihr Leitstern!« setzte sie etwas keck hinzu. »Sie können das nicht leugnen.«

Es war eigentümlich, daß Dahnows sonst so schlagfertige Zunge stockte.

Degenthal, der ihm gegenüberstand, sah ihn betroffen an. »Wußtest du, daß Karsten kommen sollte?« fragte er gedehnt.

Dahnow lachte etwas gezwungen auf. »Bester Kurt, ihr scheint hier die Reize eurer Residenz sehr gering anzuschlagen, daß ihr so kleine Ereignisse hinzuzählt. Karsten war übrigens diesen Winter gar nicht in Berlin, sondern weiter im Norden.«

»Deshalb suchen Sie ihn jetzt hier auf,« rief einer der Herren. »Chi lo sa – ob der vierfüßigen Schönheiten wegen? Von Karsten sagt man ja, daß er eine wunderbar schöne Tochter hat, die überall rasendes Aufsehen macht. Letzten Herbst am Rhein sprach alles davon; ich hoffe jedenfalls, daß er sie auch uns produziert.«

»Nora Karsten produziert sich gar nicht,« sagte plötzlich Lillys ruhige Stimme dazwischen. »Sie ist noch niemals öffentlich aufgetreten und wird es auch nie tun.«

Alle sahen erstaunt die kleine Sprecherin an.

»Aber was weißt du davon, Lilly?« rief Komtesse Hedwig. »Wie kommst du zu der Bekanntschaft?«

»Ich kenne Nora Karsten gut und habe sie lieb,« sagte Lilly, immer in ihrer gleichen, ruhigen Weise. »Ich war mit ihr fast ein Jahr noch in der Pension zusammen, wo sie ganz erzogen ist. Sie war die schönste und liebenswürdigste von allen Pensionärinnen und besonders gut gegen uns Neulinge.«

»Aber, Komtesse, das ist ja eine ganz interessante Kombination ... eine schöne Reiterin, die aus dem Kloster kommt ...«

»Sie ist gar keine Reiterin,« entgegnete Lilly hartnäckig, »Ihre Mutter hat es nicht gewollt, daß sie Reiterin würde, und darum hat ihr Vater, der sehr reich ist, sie im Kloster erziehen lassen. Wir wußten damals gar nicht, daß ihr Vater Kunstreiter-Direktor sei. Ich habe dies später erst durch unseren Kaplan gehört, der sie auch kennt.«

»Wie ist sie denn!« fragte Komtesse Hedwig neugierig, »und wo lebt sie?«

»Sie ist schöner wie alle Damen, die ich kenne,« gab Lilly rachsüchtig der Komtesse zurück. »Wo sie jetzt lebt, weiß ich nicht, ich glaube aber bei ihrem Vater. Nur das weiß ich, daß sie nie etwas tun wird, was wir alle nicht auch täten; dazu ist sie viel zu fromm und wohlerzogen.«

Die Sprecherin war rot geworden bei ihrer Verteidigung. Aber ein Paar Augen ruhten zum erstenmal mit Interesse auf ihr; es war, als wollte Degenthal ihr jedes Wort von den Lippen nehmen. Zum erstenmal bemerkte auch er jetzt »den lieblichen Zug um den Mund,« auf den Dahnow ihn aufmerksam gemacht hatte.

Eine Weile später stand er hinter ihrem Stuhle. »Hast du den Kotillon noch frei, Cousinchen?« fragte er leise. »Willst du ihn mir geben?« Lilly wurde purpurn. Sie konnte nur stumm nicken vor freudiger Ueberraschung; denn das hatten ihre kühnsten Hoffnungen sich nicht träumen lassen.

Als der berühmte Herzenstanz einige Stunden später im Gange war, wußte die Gräfin nicht, ob sie ihren Augen trauen sollte, da sie das junge Paar sich gegenüber sah: so eifrig war Kurt mit seiner Tänzerin beschäftigt, so überaus glücklich sah diese aus. Es gibt Augenblicke, in denen auch die kleinsten Augen strahlen können, und in Lillys Augen ging ein ordentliches Lichtmeer auf, wenn ihr Tänzer sich voll Interesse ihr zuwendete, so daß er alles darüber zu vergessen schien. Die Gräfin hörte nicht, daß es Pensionsgeschichten waren, mit denen Lilly ihn fesselte; sie sah nur, und sie stutzte. Was! War sie vorher blind gewesen – hatte sie nicht bemerkt, daß in der stillen Intimität des häuslichen Verkehrs sich dieses angesponnen? War sie zu eilig gewesen, eine neue Ablenkung für ihn zu suchen? Und jetzt gerade, wo die Fäden angeknüpft schienen – wie töricht, sie abzubrechen!

Der Gräfin Augen suchten die alte Exzellenz, und die alte Exzellenz war nie fern vom Damenzirkel.

»Darf ich von meinem Frauenrecht Gebrauch machen und wankelmütig sein?« sagte sie mit ihrem freundlichsten Lächeln.

»Etwas Wankelmut wird Sie nur uns übrigen schwachen Sterblichen ähnlicher machen,« sagte der alte Herr galant.

»Die muselmännische Hauptstadt ist doch weit ... das Klima ängstigt mich! Geben Sie den bewußten Wink an gehöriger Stelle und bewirken Sie etwas Aufschub, Sie allvermögender Mann.«

»Toujours au service des dames,« sagte die alte Exzellenz, sich verbeugend. »Graf X. kann sich auch mit einem anderen unserer jungen Herren begnügen.«

Der Menschen Gedanken ergänzen sich oft eigentümlich. Im selben Augenblick, als die alte Exzellenz das sprach, lehnte Kurt sich nachdenkend auf seinen Stuhl zurück. Seine Tänzerin war ihm zu einer Tour fortgeholt worden. Ihr Geplauder war ihm süß gewesen, denn es hatte sich nur um ihr Pensionsleben mit Nora gedreht. Aber jetzt kam ihm die Erinnerung an das, was er gehört hatte: daß der Direktor mit seiner Truppe in der Stadt erscheinen werde. Zum erstenmal segnete er die Klugheit seiner Mutter, die ihm eine Aussicht auf längere Abwesenheit eröffnet hatte. Auch er dachte gerade an die alte Exzellenz, ob durch sie die Abreise nicht vielleicht zu beschleunigen sei, da es ihm kein angenehmer Gedanke war, gerade hier mit Karsten zusammenzutreffen, ja nicht einmal in dieser Weise von ihm zu hören. Er beschloß, gleich Erkundigungen einzuziehen, wann die Eröffnung des Zirkus zu erwarten stehe, um vorher Schritte tun zu können.

Am Morgen nach dem Feste war daher sein erster Ausgang dieser Absicht gewidmet. Um niemanden seiner Bekannten zu begegnen, entschloß er sich ziemlich zeitig dazu. Ein Ritt in die Anlagen brachte ihn bald dahin, wo der Zirkus stets seinen Platz hatte, und er fand die Arbeiter mit der Ausstattung beschäftigt. Er ging hinein, denn halb und halb hoffte er, den Direktor selbst dort zu finden. Anstatt seiner aber traf Kurt nur jenen dunkel aussehenden Mann, der ihm bei seinem Besuch in Brüssel bei dem Direktor aufgestoßen war. Er schien das Amt eines Oberaufsehers oder Geschäftsführers zu vertreten und drängte sich, mit geschwätziger Zudringlichkeit dem jungen Grafen auf, den er ebenfalls gleich wiedererkannte und dessen Beziehungen zum Direktor ihn mit Neugier zu erfüllen schienen.

Kurt fand sich durch den Menschen unangenehm berührt. Auf seine Frage nach Herrn Karsten erhielt er den Bescheid, daß derselbe schon seit einigen Tagen mit dem Vortrab der Gesellschaft angelangt, aber plötzlich erkrankt sei und im Hotel liege. Der Mensch bot sich sofort an, Kurt dorthin zu begleiten, falls er ihn zu besuchen wünsche. Als Kurt das Anerbieten kühl ablehnte, streifte ihn lauernd das Auge des Fremden.

Kurt kämpfte einen eigenen Kampf, als er sein Roß zurücklenkte. Den Mann, dem er so nahe treten sollte, durch die Tochter und dessen Gast er so oft gewesen, jetzt in seiner Nähe und krank zu wissen, ohne ihn aufzusuchen, erschien ihm doch, unedel. Lillys Geplauder hatte überdies die Erinnerung an Nora so lebhaft werden lassen, daß er eine ungemeine Sehnsucht empfand, wenigstens etwas von ihr zu hören. Er entschied sich also dafür, sofort den Weg nach dem genannten Hotel einzuschlagen. Daß ihm der Geschäftsführer in einiger Entfernung gefolgt war, hatte er nicht bemerkt.

An dem Hotel angekommen, fand er bald jemand, der ihn beim Direktor anmelden konnte. Zum Warten wurde, er in ein Zimmer gewiesen, dessen Tür halb offen stand. Eine weibliche Gestalt lehnte in einer der Fensternischen, und Kurt, die Direktorin zu sehen wähnend, trat rasch heran. Sie wandte sich um, ein leiser Jubellaut kam über ihre Lippen.

»Kurt, Kurt ...?« rief sie, und zwei Arme umfingen ihn, ein kleiner Kopf preßte sich an seine Schulter.

Sein »Nora, du hier?« klang hingegen mehr erstaunt als erfreut; in seinen Zügen malte sich tiefes Mißvergnügen.

Sein Kuß mußte etwas kalt sein – denn erstaunt hob sie den Kopf empor. »Grollst du, daß wir uns wiedersehen? Ach, das ist ja nicht gegen die Verpflichtung! Wir haben es ja nicht verabredet, der Zufall hat es gewollt ... und ich bin selig darüber.« »Warum bist du aber hier?« fragte er gereizt. »Du weißt, ich hasse es, dich bei der Bande zu sehen, und wünsche, daß du in der Villa bleibst.«

Die Arme sanken ihr nieder bei dem Tone des Vorwurfes. »Mein Vater wurde plötzlich sehr krank,« sagte sie, »und man meldete es uns telegraphisch.«

»Genügte denn da seine Frau nicht?« fragte er noch gereizter.

»O Kurt, du denkst gewiß nicht, was du da sagst!« rief sie traurig. »Ist es dir so unangenehm, mich hier zu finden?«

»Unangenehm ... nein,« sagte er, etwas besänftigt von dem schmerzlichen Ton in ihrer Stimme. »Aber ich finde es so unverzeihlich unvorsichtig. Hier gerade, in unserer Heimat ist es so wenig wünschenswert, dich in diesen Beziehungen zu sehen. Du weißt, welchen Wert meine Mutter auf ihre Bedingungen legt ... wie soll ich die aber halten, wenn ich dich so nahe weiß!«

Die letzten Worte söhnten mit dem Anfang der Rede etwas aus, besonders, da er sie dabei liebevoll an sich zog.

»Ich werde, sobald ich kann, wieder abreisen,« sagte sie sanft.

»Ich werde, selbst reisen in einigen Tagen,« sagte er. »Es trifft sich insoweit glücklich, als ich dir jetzt mitteilen kann, daß ich auf längere Zeit in die Ferne gehe?«

»Du willst reisen,« fragte sie und ihre blauen Augen hefteten sich ängstlich auf ihn. »O Kurt, sei nicht so entsetzlich vernünftig!«

»Es ist besser, es ist notwendig,« gab er mit der Hartnäckigkeit zurück, die junge Männer gern zeigen den Frauen gegenüber, von denen sie sich geliebt wissen, vielleicht um ihre männliche Oberherrschaft zu betätigen. »Es ist besser, wenn ich die zwei Jahre unserer Prüfung nicht hier verweile. Ich gehe in diesen Tagen als Attache zu unserer Gesandtschaft nach Konstantinopel. Es war das ein guter Rat meiner Mutter, wie ich immer mehr einsehe.«

Nora blieb einen Augenblick sprachlos, als suche sie den Sinn seiner Worte zu verstehen; aber plötzlich ihn von neuem umschlingend, rief sie: »Kurt, sie wollen dich trennen von mir, sie wollen dich losreißen von aller Verbindung! Nicht genug, daß wir uns nicht sehen dürfen, sie wollen die Ferne zwischen uns legen.«

Kurt zog sie fester an sich. »Als ob das Herz Entfernungen kännte!« sagte er zärtlich, die Lippen auf ihre Stirn pressend.

»Ja, es kennt Entfernungen!« rief sie leidenschaftlich. »Solange wir noch gleiche Luft einatmen, teilen wir noch etwas mit dem Geliebten; solange gleiche Menschen, gleiche Verhältnisse uns umgeben, umschlingt uns noch ein Band. Aber je ferner wir einander gerückt sind, je mehr Fremde uns umgibt, je schwerer fliegen auch die Gedanken herüber. Kurt, selbst der Baum ändert sein Laub in fremdem Boden, und die Herzen ändern sich auch ... darauf rechnet man!«

»Es war mein eigener freier Wille,« sagte er, etwas gekränkt über den Zweifel an seiner Selbständigkeit. »Ich habe alles wohl erwogen und gefunden, wieviel besser es auch für unsere spätere Zukunft ist, daß ich mir jetzt die Laufbahn eröffne. Fürchtest du so für deine eigene Liebe?«

»Für meine? O nein! Uns Frauen ist sie ja die Hauptsache, euch aber nur die Zutat des Lebens. O sag' deiner Mutter, wie treu wir die Bedingungen innehalten wollen ... nur geh' nicht in die Ferne!«

Kurt beugte sich zu ihr und strich die dunklen Haare von den heißen Schläfen. Er küßte die Augen, unter deren langen Wimpern eine Träne hervorquoll. »Sei nicht kindisch, Nora; ein paar Meilen mehr oder weniger, was tun die? Hat dein armer, verachteter Toggenburger denn im Orient vergessen?« setzte er scherzweise hinzu. Nora wollte antworten; im selben Augenblick aber richtete Kurt sich plötzlich hoch auf, und sie loslassend, sah er stolz in die Höhe. Auch Nora blickte auf, und jähe Glut schoß ihr über Stirn und Wangen. In der gegenüberliegenden Tür stand der schwarze Herr aus dem Zirkus, ein höhnisches Lächeln auf den Lippen. »Der Herr Direktor läßt Fräulein Nora bitten, sogleich zu ihm zu kommen,« sagte er und war im selben Augenblick verschwunden.

Kurt biß sich auf die Lippen. »Wer ist dieser unausstehliche Mensch?« fragte er geärgert. »Ein wahres Spionengesicht! Du siehst die ganze Unvorsichtigkeit deines Kommens.«

»Es ist Landolfo, meines Vaters erster Geschäftsführer,« sagte sie gepreßt. »Er ist mir widerwärtig, weil er sich an uns herandrängt, sich für mehr hält als die andern. Aber mein Vater rühmt seinen fähigen Kopf, und in bezug auf die nötigen Kräfte dürfen wir nicht wählerisch sein.«

»Wir?« sagte Kurt noch gereizter. »Identifiziere du dich wenigstens nicht mit der Bande.«

»O Kurt, du willst heute alles mißverstehen!« sagte sie traurig. »Du wußtest ja, woher ich stamme.« Diesmal trat sie ihm dabei keinen Schritt näher, sondern der schöne Kopf hob sich stolzer empor. »Ich muß zum Vater,« fuhr sie dann fort. »Willst du ihn sehen? Er war sehr krank, ist erst seit gestern besser.«

»Es wird besser sein, ich sehe ihn jetzt nicht. Ich fühle mich nicht in der Stimmung, mag auch dem widerwärtigen Menschen dort nicht begegnen. Aber ich komme wieder, ihn zu sehen ... dieser Tage. Es ist nicht unsere Schuld, wenn der Zufall die Bedingungen bricht. Ich werde dann schon näheres über meine Abreise wissen. Grüße deinen Vater bis dahin.«

Er wollte sie umfangen; aber mit einer leichten, stolzen Gebärde machte sie sich los, und nur ihre Hand blieb einen Augenblick in der seinen – dann wandte sie sich ab und ging.

Auch Degenthal ging. Er war unzufrieden mit sich, mit ihr, mit diesem ganzen Zusammentreffen. Die Gewißheit, daß ein Dritter nun doch Mitwisser geworden, und der ungenügende Abschied, bei dem er Nora so gekränkt gesehen, machten ihm die Sache ganz unheimlich. Er würde es noch tiefer empfunden haben, hätte er die heißen Tränen gesehen, die über Noras Wangen liefen, als sie am Krankenbette des Vaters saß und ebenfalls die kleine Szene überdachte; und noch unheimlicher wäre ihm der Ausdruck der schwarzen Augen gewesen, die ihm nachschauten, als er die Treppe hinabstieg.

»He, Schätzchen,« sagte Signor Landolfo zu dem Zimmermädchen, welches eben des Weges kam, »wie hieß der Herr, den ich dich vorhin beim Direktor anmelden sah?«

»Da haben's seine Karte,« sagte das Mädel. »Die Frau sagt, ich soll's dem Fräulein 'neinreichen, aber der Herr war schon drinnen.«

»Ah so,« dachte Landolfo. »Also deshalb ist die Donna so stolz, weil ihr nur ein Conte gut genug ist zum Hofmachen. Der hat gerade den Namen danach, seiner hochnäsigen Familie so etwas bieten zu dürfen.«

Am selben Abende noch fand die Gräfin Degenthal unter ihren Briefen einen auf seinem Papier mit eleganter Hand geschriebenen: »Ein guter Freund warnt Sie. Ihr Sohn ist heute morgen mit einer Dame, Fräulein Nora Karsten, Tochter des Kunstreiterdirektors, hier in einem Hotel zusammengekommen. Wollen Sie einer Intrige vorbeugen, so ist es hohe Zeit. Man wagt das äußerste, um ihn zu fesseln und die Sache an die Oeffentlichkeit zu bringen. Ich kann nur auf diesem Wege warnen.« Die Gräfin war erstarrt, als sie dies las; es war ein zu heftiger Rückschlag nach ihren eben aufkeimenden Hoffnungen. Sie in eine falsche Sicherheit zu wiegen, ihr Sand in die Augen zu streuen, darauf war sein Benehmen also berechnet gewesen! – das Ganze eine abgekartete Geschichte! Sie war empört über ihren Sohn, empört auch über die »Intrige«, in der er gefangen worden, obgleich sie sich immer wiederholte, daß sie nichts anderes von diesen Menschen erwartet hätte.

Ihrem offenen Sinne widerstand im Grunde die anonyme Mitteilung, aber in diesem Fall – Intrige für Intrige – jetzt wollte sie ihren Sohn aus diesen unwürdigen Banden reißen, koste es was es wolle.

Ihr Entschluß war bald gefaßt. Ein Brief an die alte Exzellenz ging noch in derselben Stunde ab; und wenn er gestern ihren Wankelmut gepriesen, mußte er sich jetzt jedenfalls gestehen, daß sie in dieser Tugend Fortschritte gemacht hatte. Sie flehte ihn in diesem Briefe an, ihres Sohnes schleunigste Abreise zu betreiben: jede Stunde sei kostbar. Sie nannte nichts, aber sie gab genug zu verstehen, daß der weltkundige Herr ahnen konnte, um was es sich handle.

»Ah! Pfeift's Liedlein aus dem Loche!« sagte die alte Exzellenz, mit spitzen Fingern ein Prieschen nehmend. »Schau, schau, wer hätte das dem soliden jungen Herrn angesehen. Stille Wasser gründen tief! Da wird es ihm freilich recht gesund sein, wenn ihm etwas andere Luft um die Nase weht. Deshalb wünschen seine Frau Mama seine Entfernung und sahen unzufrieden aus ... scheint eben heute ihm etwas auf die Fährte gekommen zu sein. Ist eine kluge Frau ... wollen sehen, was sich tun läßt.«

Und der alte Herr zeigte gern, daß er viel tun konnte. Trotz der späten Stunde rollte sein Wagen noch vor die Tür einiger seiner bedeutenden Freunde. Soviel war gewiß, die Gräfin konnte zufrieden sein. Schon am folgenden Morgen in der Frühe erhielt Graf Degenthal eine Aufforderung, sich auf das Auswärtige Amt zu begeben, wo ihm alsbald die nötigen Papiere mitgeteilt wurden mit dem Auftrage sofortiger Abreise zur k. k. Gesandtschaft nach Pera.

Kurt, der den Auftrag schon einige Zeit vorausgesehen, wurde nicht überrascht davon. Wäre er die letzten Stunden weniger beschäftigt gewesen, so hätte ihm vielleicht auffallen können, daß seine Mutter so wenig berührt davon schien, obgleich eine lange Trennung bevorstand. Lillys Gesicht war das überraschteste und traurigste.

An ein Wiedersehen mit Nora, an ein erklärendes Wort war nicht mehr zu denken, so drängte sich alles in den letzten Stunden. Ehe noch der kurze Wintertag zur Neige ging, ehe er sich dessen selbst noch recht bewußt war, saß Kurt schon im brausenden Eilzuge, der ihn mit jeder Minute mehr und mehr von Nora trennte.

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