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Die Tochter des Kunstreiters

Ferdinande Freiin von Brackel: Die Tochter des Kunstreiters - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFerdinande Freiin von Brackel
titleDie Tochter des Kunstreiters
publisherJ. P. Bachem in Köln
printrun80. - 87. Auflage
firstpub1875
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060203
projectidb18d8d8d
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10

Wo still ein Herz in Liebe glüht,
O rühret, rühret nicht daran,
Geibel.

Als die Gräfin Noras Brief erhalten, ging nur ein Lächeln über ihre Lippen. »Ich dachte es mir,« war das einzige Wort, welches sie sprach, vielleicht um die Maßregel als von einem anderen Einfluß ausgegangen sich selbst zu bezeichnen. Auch sie war alleingeblieben die langen Stunden. Ihr Sohn war seit dem Morgen nicht zurückgekehrt, und den Kaplan hatte sie in das Kloster gesandt, nicht allein um Lilly abzuholen, sondern auch um das junge Mädchen dann noch zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt zu führen; sie sollte damit über den Abschied vom Kloster etwas getröstet werden. Die Gräfin selbst fühlte sich nach dem Vorgefallenen nicht fähig, mit der Unterhaltung ihrer Nichte sich zu beschäftigen.

Die Stunden ihrer Einsamkeit hatte die Gräfin aber nicht unbenutzt gelassen; sie hatte sie ausgenutzt mit Denken, um sich die Lage der Dinge immer und immer wieder klarzumachen. Noch ehe Antwort auf ihren Brief kam, der ihr nur ein letzter Versuch gewesen, hatte sie ihren Entschluß gefaßt. Sie wollte lieber zugeben, was sich nicht ändern ließ, um Bedingungen daran knüpfen zu können, als es bis zum äußersten zu treiben und damit jeden Einfluß aus den Händen zu geben. »Man muß den Kindern ihr Spielzeug lassen, sonst werden sie erst recht eigensinnig darauf,« das war so ungefähr die Summe ihrer Erwägungen, und von dem Augenblick an glätteten sich die Falten auf ihrer Stirn und beschäftigte sie sich auf das eifrigste, Notizen auf ein Blatt Papier zu werfen.

Zur Stunde des Abendessens erschien der Kaplan mit Lilly. Der Blick der Tante fiel auf das junge Mädchen, das in den letzten Jahren sich nicht vorteilhaft entwickelt hatte. Die kleine Gestalt, die unbedeutenden Züge verschwanden fast in der Ueberfülle erster Jugend, und jetzt, mit den verweinten Augen, dem verlegenen Ausdruck, sah sie unglaublich unschön und sehr nichtssagend aus. Die Gräfin wandte sich ungeduldig von ihr ab – das war ihr ein neuer Strich durch die Rechnung. Wie konnte aus dem blonden Kindergesicht so wenig Hübsches werden! Unwillkürlich tauchte Noras schlanke Gestalt mit dem geistig belebten Ausdruck vor ihr auf. Mit einem Seufzer kehrte die Gräfin zu ihren Notizen zurück.

Eben, als man sich zur Abendmahlzeit setzen wollte, kam Kurt. Er sah erhitzt und ermüdet, aber weicher und beruhigter aus. Der Empfang von seiten der Mutter war kalt und stumm, obgleich er in einiger Bewegung ihre Hand ergriff und diese küßte. Auch während der Mahlzeit blieb die Unterhaltung ziemlich einsilbig; sein Blick suchte oft den der Mutter. Er schien nur auf den rechten Augenblick zu warten, um mit ihr zu reden. Doch dazu wollte die Gräfin es entschieden nicht kommen lassen. Kaum war das Abendessen beendet, als sie sich erhob, um sich zurückzuziehen, und nur den Kaplan noch zu sich beschied. Kurts Stirn faltete, sich wieder und der weiche Ausdruck schwand aus seinen Zügen. Einen Augenblick blieb er zaudernd stehen, als wollte er der Mutter folgen; dann aber besann er sich eines anderen, und seiner Cousine nur ein kurzes »Gute Nacht« wünschend, zog auch er sich zurück.

Die arme kleine Lilly! Dieser erste Abend in der Welt war ein trüber Anfang. Sie hatte sich auf das Wiedersehen mit dem Vetter gefreut, und er hatte kaum ein Wort mit ihr gewechselt, sie kaum eines Blickes gewürdigt. Daß zwischen Mutter und Sohn etwas vorgefallen, bemerkte sie wohl; sie schob darauf seine Mißstimmung, nahm aber mit esprit de corps der Jugend sofort Partei für ihn gegen die Tante.


Am andern Morgen, noch ziemlich zeitig, hielt am Hotel Pelloux eine Droschke, aus welcher der Kaplan stieg. Er ließ sich beim Direktor Karsten melden. Der Direktor war mit Schreiben beschäftigt, sprang aber, als ihm der Gast gemeldet wurde, sofort auf und ging ihm entgegen. Nach zwölf Jahren standen die beiden Männer wieder einander gegenüber.

Der Kunstreiter streckte dem Geistlichen die Hand hin. »Sind die Jahre spurlos an Ihnen vorübergegangen?« fragte er, erstaunt ihn musternd. In der Tat, die Ruhe und der Friede im Ausdruck ließen ihn jetzt so viel jünger erscheinen, als der Ernst seines Berufs ihn damals älter aussehen machte.

Die Männer schüttelten sich die Hände. »Kommen Sie als Botschafter?« sagte der Direktor lächelnd. »Dies leidige Wiedersehen hat einen Prozeß erneuert, den ich glücklich abgeschnitten zu haben glaubte. Sagen Sie der Gräfin, es sei nicht mein Wunsch, nicht mein Wille, und sie könne es nicht mehr beklagen, als ich es tue. Ich hätte vorsichtiger sein sollen. Aber infolge der Erziehung, die wir dem Kinde gaben, konnte nur ein Umgang dieser Art ihr zusagen ... Zu diesen Kreisen wird sie sich immer hingezogen fühlen,« setzte er mit verdüsterter Miene hinzu; »aber ich hielt die Kluft für zu tief, um an ein Ueberschreiten zu denken ... besonders bei dem ernsten Sinn und den strengen Ansichten des jungen Grafen.«

»Ich komme als Vermittler,« sagte der Kaplan. »War Graf Kurt gestern bei Ihnen?« »Ja, mehrmals, da er die ersten Male mich nicht fand. Er wiederholte mir seine Bitte, und ich ihm meine Antwort. Der junge Mann hat seine Sache ernst und heiß vertreten; ich glaube an die Ehrlichkeit seiner Absicht, an die Tiefe seiner Neigung ... wie der meines Kindes. Es ist hart, ein solches Los zurückweisen zu müssen. Sie ist von ihrer Mutter Art und versteht zu lieben; sie wird tief unglücklich sein ... und sie ist mein einziges Kind!« Er war unruhig auf und nieder gegangen; plötzlich blieb er vor dem Kaplan stehen. »Der Stolz ist ein eigen Ding! aber Sie von Ihrem Standpunkt aus sagen ja, man müsse ihn beugen. Ich wiederhole es, sie ist mein einziges Kind, und weiß Gott, wie ich sie sonst glücklich machen kann! Glauben Sie, es sei möglich, daß die Gräfin sich Vermittlungsvorschlägen zugänglich zeige?«

»Ich komme selbst mit solchen,« sagte der Kaplan. »Auch die Gräfin hat gedacht, es sei vielleicht nicht tunlich, gegen den Strom zu schwimmen. Ich bin beauftragt zu fragen, ob Sie, ob Ihre Tochter die Bedingungen eingehen würden, an welche die Gräfin ihre Einwilligung knüpft.«

»Nun!« sagte der Direktor, sich heftig in einen Sessel werfend, »reden Sie! Hier waren die meinen,« setzte er hinzu, die Hand auf ein eben beschriebenes Blatt legend.

»Die Gräfin will ihre Einwilligung nicht vorenthalten, wenn das junge Paar zwei Jahre die Treue und Beständigkeit seiner Entschlüsse prüft. Sie wünscht aber, daß sie während dieser Zeit sich nicht sehen und in keinerlei Verbindung treten – schriftliche Mitteilungen nur in den äußersten Fällen. Bis zum Ablauf dieser Frist soll die Sache allen andern gegenüber das tiefste Geheimnis bleiben. Halten die jungen Leute diese Bedingungen streng ein, so will sich die Gräfin auch an ihr Wort gebunden erachten und Fräulein Nora als Tochter dann willkommen heißen. Bei einem Zuwiderhandeln gegen diese ihre Wünsche würde sie sich nicht für verpflichtet halten.« Der Direktor hörte schweigend zu; nur drehte er heftig die Spitzen seines Bartes. »Die Gräfin rechnet auf den Wechsel der Dinge, auf den Lauf der Zeit,« sagte er nach einigen Minuten Schweigens. »Vielleicht tue ich es nicht minder, wenn ich diese Bedingungen annehme. So mag es sein! ... Die jungen Leute müssen sich der Probe fügen! Sie ist nicht zuviel für so ungewöhnliche Wahl. Aber sagen Sie der Gräfin, daß ich ihre Absicht verstände und ihre Hoffnung vollkommen teilte.« Plötzlich sprang er auf und ging abermals unruhig auf und nieder. »Aber ich will meinem Kinde auch eine Brücke bauen,« fuhr er nach kurzer Pause fort. »Ich will eine Schwierigkeit heben, die besteht, wenn die Frau Gräfin auch mir gegenüber sie nicht erwähnt. Ich weiß, wie die Lage des jungen Grafen ist, welche Vorteile ihm entgehen, wenn er seine Cousine nicht heiratet. Diese Vorteile kann ihm des Kunstreiters Kind wenigstens ersetzen! Sagen Sie also der Frau Gräfin, meine Tochter brauchte nicht auf einen Grafen zu fahnden; es würden vielleicht noch manche sich glücklich dünken, sie zu erringen. Das ist ihre Mitgift am Tage der Hochzeit.« Er wies auf das Blatt Papier, das er eben beschrieben.

Erstaunt über die Höhe der Summe fuhr der Kaplan zurück, und der Direktor sah mit einem befriedigten Lächeln sein fast bestürztes Gesicht.

»Das verachtete Gewerbe war so übel nicht,« sagte er etwas spöttisch. »Es hat meiner ersten Frau Vermögen vervierfacht und die Hälfte ist sofort Noras Eigentum. Die Gräfin kann leicht Erkundigungen einziehen, da ich meinen Besitz bei Bankhäusern hinterlegt habe; auch bin ich zu jeder ferneren Auskunft bereit. Aber sagen Sie noch mehr; denn ich weiß, goldene Brücken genügen da nicht allein. Sagen Sie, meine Tochter habe die Berechtigung, einen anderen Namen zu führen als den meinigen, der vielleicht etwas zu weltbekannt ist. Sie mag den ihres Großvaters wieder annehmen, der ein guter, alter französischer Name war, und für dessen Nachweis ich die Papiere noch werde vorbringen können ... Sie wird dann vollständig von mir losgesagt sein,« fuhr er fort, und seine Stimme zitterte etwas. »Aber ihre Mutter sagte sich auch mir zuliebe von allem los, und ich will bei dem Kinde nicht kargen.«

Der Ausdruck des Schmerzes bei den letzten Worten machte ihn wieder zu dem Manne jener Tage. Der Kaplan sprang auf und faßte seine Hände. »Sie tun viel,« sagte er, »den Weg zu ebnen, und die Gräfin wie Graf Kurt werden es gewiß sehr anerkennenswert finden.«

»Das ist kaum genug,« sagte er, den Kopf schüttelnd, »und bei der Anschauung des Standes auch gerechtfertigt. Was den einzelnen auch einmal hart trifft, hebt kein Prinzip auf. Besser wäre es gewesen, damals anders zu handeln; dann wäre sie meinen Weg gegangen und nicht in diese Verwicklungen geraten.«

»Um vielleicht in tiefere und schlimmere zu sinken,« sagte der Kaplan ernst. »Der Mutter bangte nicht allein für das zeitliche Glück, ihr bangte für die Seele ihres Kindes.«

»Ja, das ist so die fromme Anschauung der Sache,« sagte der Direktor leicht. »Das Leben schleißt die aber ab; wir Weltleute müssen die Dinge nehmen, wie sie sind. An meiner Seite wäre Nora jetzt die gefeiertste Schöne des Tages, der Gegenstand meines Stolzes, während ich diesen jetzt für sie beugen muß ... und nichts von meinem Kinde habe ... So geht's in der Welt!«

Der Kaplan antwortete nicht auf seinen Einwurf; er sah, wie die Zeit den Direktor allmählich mehr seiner früheren Anschauungen beraubt, ihn immer tiefer in seinen jetzigen Kreis hinabgedrückt hatte.

»Und werden Sie selbst nie daran denken, sich Ruhe zu gönnen, sich aus diesem aufregenden Treiben zurückzuziehen, da Ihnen so reiche Mittel zu Gebote stehen?«

Der Direktor zuckte die Achseln. »Reiche Mittel! Man braucht viel, mein Lieber, und wer weiß, für wen ich noch zu sorgen bekomme. Ich kann einmal nicht die Hände in den Schoß legen, und Sie sehen, ich gedeihe dabei,« setzte er lächelnd hinzu. »Doch nun lassen Sie uns sorgen, daß wir unsere jungen Leute zur Ruhe bekommen. Die Geschichte hat mir schon viel Zeit gekostet, und ich muß in diesen Tagen zurück.«

Der Kaplan stand auf; sie schieden auf die freundlichste Weise, der Direktor in der ihm eigenen ritterlichen Art. Und doch, ungeachtet des durchaus uneigennützigen und edlen Benehmens, das Karsten in der Angelegenheit entwickelt, nahm der Kaplan einen unangenehmen Eindruck mit fort. Es war ihm, als sehe er diesen Mann abwärts gehen – noch ein unmerkliches Sinken, dem aber bald ein rasches folgen konnte, wenn die Spannkraft der Jugend und der Ehrgeiz des Mannesalters nicht mehr widerstanden. »Kein Mensch kann sich dem Einfluß seines Lebenskreises entziehen,« dachte er. »Möge Gott dem armen Mädchen bald den Hafen geben, wo es Sicherheit findet.«


Kurt hatte eine unruhige Nacht gehabt, denn das Begegnen mit seiner Mutter an dem Abende hatte seinen ganzen Trotz wachgerufen. Nach der Unterredung mit dem Direktor war er in der Absicht gekommen, die Mutter zu bitten, sie anzuflehen, ihr zu beweisen, daß nicht Leichtsinn, nicht Leidenschaft ihn zu diesem Schritte geführt. Aber – sollte es Kampf sein – nun, wohlan! Tausend Pläne, um seinen Willen durchzusetzen, hatte er in seinem Kopfe gewälzt; fest entschlossen war er, jedem Ansinnen entgegenzutreten, das ihn von Nora trennen würde. Lieber wollte er alles aufgeben, seine ganze Stellung als Erbe und Ältester opfern, als seinem Glück entsagen.

Den aufregenden Gedanken war erst spät ein schwerer Schlaf gefolgt, der bis tief in den Morgen währte. Jugend härmt sich selbst in den Schlaf hinein, während im Alter sogar die Freude ihn verscheucht.

Als Kurt erwachte, war die erste Nachricht, die ihn überraschte, die, daß seine Mutter und seine Cousine schon abgereist seien. Die Aufklärung darüber sollte ihm durch den Kaplan werden. Er hatte aber lange auf denselben zu warten, was seine Ungeduld und seine Vorsätze nur steigerte.

Endlich kam derselbe mit den überwältigenden Nachrichten. Wenn es aber etwas Unangenehmes gibt, dann ist es, seine moralischen oder physischen Kräfte zu einer großen Anstrengung auf einen Punkt gesammelt zu haben, der plötzlich ohne unser Zutun uns unter den Händen nachgibt. Es ist das ein Rückschlag der widerwärtigsten Art. Kurt empfand ihn auf das peinlichste. Was er sich selbst hatte erringen wollen, wofür er seinen ganzen Mut, seine Tatkraft angespannt, das ward ihm hingebracht wie ein Spielzeug, nach dem das Kind zu heftig verlangt – mit der durchleuchtenden Ueberzeugung, daß er so am leichtesten dessen müde werden würde. Doch eben um deshalb konnte und durfte er ja den Vorschlag nicht zurückweisen; jeder Einwurf wäre ein Mißtrauen in die eigene Festigkeit gewesen.

Zu einer dankbaren Freude konnte er es aber auch nicht bringen, trotz der mild beruhigenden Worte seines Freundes. Ein Stachel blieb ihm in der Brust, der seine ganze Empfindlichkeit reizte – eine Stimmung, die leicht neue Nahrung sucht und findet.

Als er gegen Abend zum Direktor ging, dort das bindende Wort mit Nora auszutauschen, traf er es nicht glücklich.

Im Vorzimmer des Direktors fand er einige Leute seltsamer Erscheinung, aus jenen Kreisen, die dem berühmten Manne ihre Dienste anboten. Einer derselben, eine schlanke Gestalt mit schwarzer, langer Künstlermähne, verabschiedete sich eben von Herrn Karsten, und Kurt hörte noch die Versicherung, die dieser gab, »wie sehr er sich freue, ihn in seine Gesellschaft aufzunehmen«.

Die durchdringenden Augen des übrigens sehr schönen Mannes, der nur seine semitische Abstammung nicht verleugnen konnte, streiften herausfordernd den jungen Grafen, in dem er wohl einen Stellesuchenden witterte. Kurts kalter, stolzer Blick, wie des Direktors mehr feierliches Entgegenkommen schienen ihn darüber zu beruhigen.

Der Direktor führte Kurt sofort in ein anderes Gemach. »Leider unvorhergesehen Geschäftliches,« sagte er entschuldigend. »Ich muß selbst hier meine Zeit nützlich ausbeuten und bin von Anfragen fast erdrückt.«

Kurt verbeugte sich verbindlich; aber zum erstenmal trat ihm widerwärtig entgegen, welchen Kreisen er Nora entnehme, und er faßte den Entschluß, daß sie die zwei Jahre nicht dort zubringen sollte.

Gut war es, daß in diesem Augenblick ihr liebliches Gesicht an der Seite ihres Vaters vor ihm auftauchte und mit seinem ganzen Zauber auf ihn wirkte. Mit ihrem Lächeln schwanden alle Bedenken, und in dem seligen Gefühle des Sichangehörens ging alles übrige unter.

Nora war von dem raschen Wechsel der Dinge fast überwältigt worden; sie hatte dem Vater kaum glauben können, als er ihr die Nachricht gebracht. War es die Wirkung ihres Briefes, der Ausspruch ihrer Festigkeit gewesen, die das bewirkt? Sie hätte das so gern geglaubt! Oder, und das nahm sie noch lieber an, war das Herz der Gräfin wirklich gerührt worden? Ihr kostete es keinen Kampf, das Dargebotene anzunehmen; sie fühlte nur jubelnd das Glück davon und begriff nicht recht, daß der Vater gleich der Oberin die Wendung der Dinge weniger freudig auffaßte.

Eine Bedingung war natürlich, und zwei Jahre – was waren zwei Jahre der Prüfung? Auf zwanzig war sie gefaßt gewesen, das sagte lachend ihr Mund, sagte strahlend ihr Auge. Zwei Jahre sind unendlich wenig, wenn das ganze Leben vor uns liegt.

Sie besaß die selige Unerfahrenheit der Jugend, aber auch die Festigkeit einer alles ausfüllenden Liebe, und das ließ sie die Zeit so leicht nehmen.

Drei Tage verlebte Kurt in Brüssel – drei Tage, die er sich erobern wollte von seiner Prüfungszeit, ehe der strenge Bann des völligen Geheimnisses und der vollständigen Trennung eintrete. Um das erste sicher bewahrt zu wissen, wollte er nur auf die kürzeste Frist nach Bonn zurückkehren und dann, Geschäfte vorschützend, auf seine Güter nach Oesterreich gehen, der Mutter dort beizustehen. Sein weicher Sinn sehnte sich danach, den Platz in ihrem Herzen wiederzugewinnen und ihn auch für Nora vorzubereiten. Was tat es ihm, wenn die Welt für den Augenblick vielleicht andere Schlüsse aus seiner raschen Abreise ziehen werde, solange er selbst sich seines Glückes bewußt war, mit dem er einst öffentlich sich rechtfertigen konnte.

Was Nora betraf, hätte er gern einen Ausweg gefunden, der sie der Kunstreiter-Gesellschaft entfremdete; doch sträubte sich ihre kindliche Liebe, jetzt schon ihren Vater zu verlassen. Der Direktor aber hatte einen Vermittlungsvorschlag. Schon lange war es seine Absicht gewesen, sich irgendwo eine festere Heimat zu gründen, besonders jetzt, wo im Laufe des Jahres seine Frau neuen Pflichten entgegensah. Er wollte daher in der Nähe irgend einer schön gelegenen Stadt eine Villa zu kaufen suchen, und dort mochte Nora dann diese Zeit verleben, in Gesellschaft der Stiefmutter oder einer Gesellschafterin, wenn jene wieder ihren Mann begleiten sollte. Der Vorschlag wurde allen gerecht und so bot selbst die Trennung eine süße Zuversicht, die sie den Liebenden erträglicher machte.

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