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Die Tochter des Kunstreiters

Ferdinande Freiin von Brackel: Die Tochter des Kunstreiters - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorFerdinande Freiin von Brackel
titleDie Tochter des Kunstreiters
publisherJ. P. Bachem in Köln
printrun80. - 87. Auflage
firstpub1875
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060203
projectidb18d8d8d
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Sein Schicksal schafft sich selbst der Mann.
Kinkel.

1

In einem der elegantesten Quartiere des Hotel Impérial zu Genf ruhte auf dem Sofa eine junge Frau. Wie sie da lag, den kleinen, von schwarzen Spitzen umhüllten Kopf an die roten Kissen gelehnt, indes die blonden Locken weich und schwer niederfielen und die Hände mit lässiger Grazie im Schoß ruhten, bot sie, ohne schön zu sein, ein reizendes Bild dar. Alles an ihrer Erscheinung war wie hingehaucht, so daß man fast erschrak vor solcher Zartheit, die bei den Menschen wie bei den Pflanzen leider nur den Blüten ephemerer Art eigen ist.

Ihre Ruhe schien auch durch Schwäche bedingt, denn die Blicke wanderten lebhaft durch den Raum, bei jedem Geräusch erwartungsvoll nach der Tür sich richtend, um gleich nachher ungeduldig auf eine kleine Reiseuhr zu fallen, die auf einem Tischchen neben dem Sofa stand. Wie der Zeiger allmählich voranrückte, konnte sie ihre Unruhe nicht länger bemeistern, und sich halb aufrichtend rief sie einer alten Frau, die im Nebenzimmer beschäftigt war und deren breite Gestalt oft durch die geöffnete Tür sichtbar wurde.

»Anne,« rief sie, und trotz der Anstrengung hatte die Stimme nicht viel Klang – »Anne, ist Miß Nora noch nicht zurück?«

»Kleine Miß ist beim Herrn,« sagte die Alte in gebrochenem Deutsch. Ihr bräunlicher Teint wie ihre auffallende Gesichtsbildung zeigten, daß sie nicht von europäischer Herkunft war. »Kleine Miß auch sehr gut aufgehoben beim Herrn, Missis haben nicht notwendig, unruhig zu sein,« fügte sie beruhigend hinzu. »Werden schon kommen, wenn Zeit. Der Herr Direktor nie zurück vor elf Uhr.«

»Er hat sie gewiß wieder dorthin mitgenommen,« flüsterte die junge Frau vor sich hin. »Er weiß nicht, was er tut; ich muß mit ihm reden. O, mein armes Kind!«

War es der Flüsterton, war es die Erregung – aber ein heftiger, trockener Husten unterbrach ihre Rede und erschütterte sie so, daß ihr Haupt müde zurücksank.

»Warum Missis sich regen unnütz auf?« schalt die Alte. »Mrs. sich machen selbst krank und dann der Herr wird böse. Wie Mrs. war noch selbst junge Miß, war sie immer sanft und geduldig .... aber jetzt gleich wie Feuerflämmchen.«

»Da hatte ich auch für niemand zu sorgen, alte Anne; da waren es Mama und du, die für mich sorgten ... und ich war gesund!« setzte sie mit einem Seufzer hinzu.

»Könnten auch jetzt gesund sein, wenn wollten,« brummte die Alte weiter. «Aber unruhiges Leben reibt auf.«

»Nein, das Leben nicht; ich bin ja von so viel Pflege umgeben Aber hier sitzt es,« und sie preßte die Hand auf die Brust. »Ueberdies diese quälende Sorge, das tut nicht gut ... Aber horch, Anne, da kommen sie,« setzte sie lebhafter hinzu.

Rasche, leichte Tritte wurden hörbar. Im selben Augenblick wurde die Tür aufgerissen und herein stürmte ein kleines Mädchen, sich ungestüm über die Mutter werfend.

»Mama, Mama!« rief sie atemlos, »ich kann es herrlich! Ich habe stehend geritten, wie Fräulein Elisa, und bin durch den Reif gesprungen!« »Wie erhitzt du bist, meine Nora,« sagte die Mutter, die dunkeln Haare ihr von der Stirn streichend. »O Alfred, du nahmst sie doch wieder mit!« wandte sie sich dann mit vorwurfsvollem Ton an einen großen, stattlichen Mann, der unmittelbar nach dem Kinde eingetreten war.

»Wie geht es dir, mein Herz?« fragte er, zärtlich sich zu ihr neigend und einen Kuß auf ihre Stirn pressend, ohne ihren Einwurf zu beachten.

»O Alfred!« wiederholte sie und sah ihn mit einem traurigen Blick an.

Er zuckte die Achseln und wandte sich ungeduldig ab. Die Kleine aber, eifrig mit beiden Händen der Mutter Antlitz wieder zu sich drehend, plauderte weiter. »Mama, höre mich doch: ich habe stehend geritten, ich bin durch den Reif gesprungen, viel besser als der kleine Wimbleton, der beinahe gefallen wäre.«

»Du mußt dich umkleiden, Nora,« unterbrach sie der Vater. »Geh mit Anne und laß dir helfen.«

»Gleich, Papa; aber erst höre, Mama. Als wir in die Bahn kamen, setzte Papa mich auf das neue Pony ...«

»Helena, wie kannst du so unvernünftig sein, das Kind aufzuhalten?« wandte sich der Herr gereizt zu ihr. »Nora, ich sagte dir schon einmal, du solltest gehen.«

»Geh, Liebchen,« sagte die Mutter auch. «Du kannst später erzählen.« Die Kleine, eingeschüchtert durch den ungewöhnlich strengen Ton des Vaters, verließ das Zimmer.

Die junge Frau lehnte wieder still zurück; der Mann blieb schweigend am Fenster stehen. »Alfred,« sagte sie nach einer Pause weich, und als er sich umwandte, streckte sie ihm die Hand entgegen.

Er ergriff sie und führte sie an die Lippen. »Sollen wir Frieden machen,« fragte er, und seine dunklen Augen blickten sie fast schelmisch an.

»O, komm her, ich habe dich so lange nicht gehabt,« sagte sie zärtlich, indem sie ihn festhielt. Er zog einen Stuhl herbei, auf dem er dicht an dem Ruhebett Platz nahm, so daß sein Arm sie umschlingen konnte und ihr Kopf an seiner Schulter ruhte.

»Eine Predigt bekomme ich aber doch,« begann er wieder, halb scherzend, »und jetzt erst recht, nun ich dir nicht entlaufen kann. Ich lese schon in deinen Augen: »Warum nahmst du Nora mit?«

»Du hast richtig gelesen,« gab sie zurück. »Ja, warum tatest du es, da ich dich so gebeten, es zu unterlassen?«

»Warum? Ihr Frauen seid entsetzlich mit eurem Warum. Nun, einfach, weil ich nicht widerstehen kann. Das Kind hat seltsames Talent, graziös wie eine Elfe, kühn wie ein Mann – warum soll ich mir die Freude nicht gönnen, mein Kind in meinem Fache auszubilden? Sie wird eine Künstlerin eisten Ranges werden,« fuhr er fast enthusiastisch fort.

»Meine Tochter eine Kunstreiterin?« betonte Helena schmerzlich.

»Du hast doch einen Kunstreiter geheiratet.«

»O, das ist ganz etwas anderes; der Mann vermag jeden Beruf zu erheben. Widrige Verhältnisse zwangen dich dazu. Du hast es verstanden, selbst aus dem nichtigen Spiel eine Kunst, eine Wissenschaft zu machen!« Ihr Blick ruhte voll Stolz auf dem Gatten.

»Widrige Verhältnisse zwangen mich, ja. Aber wer weiß, ob irgend ein anderer Beruf mich auf die Länge so befriedigt hätte, wie dies freie, unabhängige Leben.«

»Früher dachtest du anders,« warf sie leise ein.

»Früher? Meinst du jene Zeit, als ich um dich warb ... als die Zukunft noch nicht gesichert war, als aus der Vergangenheit manche Wunde neu aufbrach und die Gegenwart den Wert des Verlorenen am grellsten zeigte? Da war mir allerdings meine Lage verhaßt,« sagte er und bedeckte seine Augen mit der Hand, als schreckten ihn noch diese dunklen Bilder. »Aber jetzt,« fuhr er nach einer Weile fort, »jetzt ist das längst vergessen.« Sie sah schüchtern zu ihm auf. »Was zwang dich eigentlich bei deiner Ausbildung und Erziehung zu diesem eigentümlichen Beruf?« fragte sie leise.

»Eigentümlicher Beruf?« wiederholte er bitter. »Du drückst es möglichst zart aus. Nun, vielleicht am meisten meine eigene Natur. Von Evas Anteil, der Neugier, hast du nicht viel gehabt, Weibchen, daß du so wenig nach meiner Vergangenheit gefragt. Hast du dich davor gefürchtet?« setzte er flüsternd hinzu.

»Nein,« sagte sie ruhig, »mit Mißtrauen im Herzen liebt man nicht. Die Vergangenheit war dein; mir gehörten Gegenwart und Zukunft; das war genug.« Es lag etwas rührend Vertrauendes in den Worten.

»Mein süßes Weib,« sagte er innig und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. »Helena,« fuhr er dann ernster fort, «ich durfte schweigen. Denn wenn auch viele dunkle Stunden, barg mein Leben doch keinen sittlichen Flecken; nichts als eine jener verfehlten Bestimmungen, wie sie oft vorkommen, wenn die Lebenslage uns nicht wohl werden läßt. Du weißt, daß der Name, den ich führe, eigentlich nicht der meine ist. Mein Vater entstammte altadeliger, französischer Familie. Auch er hatte unruhiges Blut in den Adern; er gehörte zu den wenigen der alten Geschlechter, die sich der Revolution anschlossen. Bei seinem vieljährigen Aufenthalt in Deutschland in den folgenden Kriegen verheiratete er sich dort, blieb aber in einem der späteren Kämpfe und ließ meine Mutter mit drei Kindern fast mittellos zurück. Die Erinnerung, die mir als früheste aus dem Elternhause blieb, ist keine glückliche. Die Kontraste waren zu groß, die Elemente zu verschieden; auch die dürftigen Verhältnisse wirkten drückend. Meiner Mutter Verwandte, die dem höheren Militär- und Beamtenstande angehörten, vermittelten später, da ich nur Sinn für den Militärdienst bezeigte, meinen Eintritt in eine militärische Erziehungsanstalt, wo ich durch die Gnade des Königs erzogen wurde. Meiner Mutter war ich zu ungestüm gewesen. Was am Vater sie einst geblendet, erschreckte sie am Sohne – ihre ruhige Natur verstand mich nicht. Im Institut hingegen erwarben mir mein französischer Name, mein ausländisches Aussehen und lebhaftes Naturell bald Freunde. Es ist seltsam, welchen Reiz die französische Eigenart in einzelnen Individuen auf den Deutschen ausübt, so wenig er sie bei der Nation liebt. Ich glänzte zwischen den langsameren, ruhigeren Kameraden. Meine rasche Fassungsgabe, meine Gewandtheit, mein leicht entflammter Ehrgeiz machten mich zum Liebling meiner Lehrer. Leider nannten sie meine tollen Streiche genial, so daß ich früh schon mich zu etwas Besonderem ausersehen hielt und von meinen ererbten französischen Eigenschaften im stillen sehr hoch dachte. Wäre irgend eine aktive Zeit gefolgt, möglich, daß ich dann etwas Tüchtiges geleistet hätte. Es waren aber Friedensjahre, und der pedantische Dienst einer kleinen Garnison mit den knappen Verhältnissen eines Leutnants ohne Vermögen paßte wenig zu meinen Heldenträumen. Ich weiß jetzt jene streng pedantische Disziplin höher zu schätzen, erkenne ihren Wert vollkommen an; aber damals war sie mir unerträglich und ich knirschte im Joch. Ich hatte aber keine Wahl, da einzig meine Laufbahn meine Lebensstellung in sich schloß. Mein unmittelbarer Vorgesetzter mag vielleicht mehr Kleinigkeitsmensch gewesen sein, als not tat. Ein alter Knabe der Freiheitskriege, haßte er überdies meine Franzosen-Eitelkeit. Er ließ keine Gelegenheit vorübergehen, mich sein Uebergewicht fühlen zu lassen. In mir kreuzten sich ohnedies die Fehler beider Nationen ...«

»Aber auch deren Tugenden: du hast deutsches Gemüt,« fügte Helena liebevoll dazwischen.

»Jedenfalls deutschen Trotz. Bei einer strengen dienstlichen Rüge, die ich für unrecht hielt, kam der lang angesammelte Groll zum Ausbruch. Ich hielt mich für beleidigt und forderte von meinem Vorgesetzten Genugtuung. Er weigerte sich auf Grund des dienstlichen Verhältnisses, und meine Anmaßung zog mir nur verschärfte Strafe zu. Meiner selbst nicht mehr mächtig, benutzte ich die erste Gelegenheit, ihm im geselligen Leben meine Verachtung zu zeigen, so daß es jetzt an ihm war, von mir Genugtuung zu heischen. Wir schossen uns, meine Kugel traf so unglücklich, daß er noch in derselben Nacht starb. Für mich war infolgedessen, bei der damals sehr strengen Handhabung der Gesetze gegen das Duell, kein Bleiben mehr, weder in der Armee noch im Lande. Meine Freunde verhalfen mir zur Flucht und ich wanderte in den anderen Weltteil aus. Im ersten Augenblick hatte ich das Gefühl wiedergewonnener Freiheit. Ich war jung, von lebhafter Phantasie und eine neue Welt bot sich mir. Aber die bittere Wahrheit zeigte sich bald, denn mittellos, ohne jede Hilfe, als meine persönliche Kraft, stand ich da. Meine Ausbildung wie meine innere Anlage waren danach, einer Stellung anzugehören, die in sich etwas ist: aus mir selbst heraus wußte ich nichts anzufangen. Zu vielem zu gut, zu wenigem tauglich – das macht den Abenteurer. Nachdem ich in den niedrigsten Stellungen mühsam um den Lebensunterhalt gerungen, machte mich der Zufall mit einer Schar Jäger bekannt, die auf die Ausbeute der großen Jagdgründe und das Einfangen der wilden Pferde ihr Los gestellt hatten. Das war etwas, das mir zusagte. Ich schloß mich ihnen an – eine Schar rauher, freier Gesellen, die aus den verschiedensten Ständen zusammengewürfelt waren. Meine Geschicklichkeit im Reiten und Schießen verhalf mir bald zu Ansehen bei ihnen. An den wilden Pferden erkannte ich zuerst meine Meisterschaft in der Behandlung der Tiere. Viel lernte ich von meinen Genossen, die dies Geschäft schon lange betrieben, viel von den Indianern, mit denen wir bei unseren Streifereien durch die Prärien immer im Verkehr standen. Manches Reiterstücklein, welches jetzt das Publikum entzückt, stammt von den rothäutigen Burschen her. So verbrachte ich mehrere Jahre. In der Wildnis wird der Unterschied der Stände nicht bemerkt. Als jedoch die Jagd eines Jahres durch die kriegerischen und feindlichen Unternehmungen einiger Indianerstämme gefährdet und beeinträchtigt wurde, kamen einige meiner Begleiter – echte Yankee-Naturen – auf den Gedanken, die Dressur unserer Pferde zugunsten des Publikums auszunutzen – ein Einfall, den der Zufall und eine mißmutige, tatenlose Stunde geboren. Wir gingen darauf ein, da augenblicklich nichts Besseres sich uns bot, und der erste Versuch in einer kleinen amerikanischen Stadt gelang so sehr über Erwarten, daß wir das Unternehmen fortzusetzen beschlossen. Diese Art von Schaustellungen, primitiv wie sie waren, dort waren sie gänzlich neu. Meine Erinnerungen von Aehnlichem in der Heimat halfen uns dabei sehr. Man bewunderte bald unsere Erfindungskraft, die Dressur und Schönheit der Pferde, die rücksichtslose Kühnheit der Menschen. So zogen wir von Stadt zu Stadt, eine reiche Ernte an Geld und Ruhm haltend; denn ist des Amerikaners Neugier und Bewunderung einmal gereizt, so ist sie maßlos, wie du ja weißt. Solange wir in den kleinen Orten vor einem unkultivierten Publikum unsere Vorstellungen gaben, empfand ich wenig das Eigentümliche meiner Lage. Die letzten Jahre völlig ungebundenen Lebens hatten mich allzusehr abgehärtet. Als wir uns aber den Stätten der Bildung und Geselligkeit wieder nahten, als ich Zuschauer vor mir sah aus den Kreisen, denen ich einst angehört, da erwachte ein Gefühl der Niedrigkeit und Scham in mir, das ich nicht auszudrücken vermag. Besonders bitter empfand ich es, Helena, als ich mich von neuem der mir ganz fremd gewordenen Erscheinung des Weibes gegenübersah in dem Zauber, der Erziehung und Sitte ihm gibt – als ich eines Abends dein süßes Gesichtchen in dem Kranz der Damen unterschied, die unseren Vorstellungen beiwohnten. In jener Stunde wurde mir plötzlich alles klar, was ich verloren, der Reichtum, den ich einst besessen in dem Namen und dem Stande, der mir überall die Kreise meinesgleichen erschloß. Man erkennt den vollen Wert einer Sache erst, wenn man sie nicht mehr besitzt. Ich fühlte mich unsäglich unglücklich. Es war auch dort Sitte geworden, wie heute noch hier, daß die fashionable männliche Jugend in den Morgenstunden unsere Reitbahn besuchte. Auf diese Weise lernte ich deinen Bruder kennen, dessen Aehnlichkeit mit dir mich aufmerksam auf ihn machte. Bei dem Kauf eines Pferdes kamen wir in nähere Beziehung, er erkannte in mir den Mann von Bildung und kam mir freundlich entgegen. Es war ein unendliches Behagen, wieder mit einem meinesgleichen zu verkehren. Der jähe Wechsel der Verhältnisse ist zu gewöhnlich in Amerika, um die Leute nicht nachsichtig dafür zu machen, und nachdem dein Bruder einen Teil meiner Lebensgeschichte erfahren, ward er mir ein treuer Freund. Bei den reichen Einnahmen, die wir erzielten, besaß ich die Mittel, mich in seinen Kreisen zu bewegen, zu welchen er mir den Zutritt vermittelte. Da lernte ich dich kennen, Helena, und dank den freien Sitten Amerikas konnte ich dir näher treten.«

»Alles übrige weißt du, Herz,« fuhr Alfred fort. »Du selbst hast ja hauptsächlich den Kampf für unsere Liebe geführt, hast den mit sich Zerfallenen durch deine Treue wieder aufgerichtet, als ich der Verzweiflung nahe war in dem Gedanken, nicht mit dem früheren Rechte meines Standes und Namens um dich werben zu können. Deine Eltern sahen ja nur den Abenteurer, den Mann des zweifelhaften Gewerbes in mir. Dir in etwa gerecht zu werden, faßte ich den Entschluß, mich wenigstens an die Spitze des Unternehmens zu setzen, es durch Großartigkeit zu Ansehen zu bringen. Meine bisherigen Begleiter hatten längst eingesehen, daß ich der Mittelpunkt des Ganzen war, daß mein Geist es leitete; so ließ sich leicht mit ihnen verhandeln; leicht konnte ich meine Pläne zur Ausführung bringen. Als Besitzer einer Truppe fühlte ich schon festeren Boden, wußte, was ich würde leisten können ... und, Helena, ich habe seitdem fast nur Erfolge gezählt. Ich habe das Glück genossen, dir, meinem süßen Weibe, die Stellung geben zu können, die meine Liebe für dich ersehnte, dich mit allem zu umgeben, was dein Behagen fördern könnte ... Sind wir nicht glücklich gewesen?« Er sah sie zärtlich an.

»O, zu glücklich fast,« flüsterte sie, sich an ihn schmiegend.

»Nein, nicht zu glücklich,« sagte er. »Das Schicksal kann nicht neidisch werden; ich warf ja den Ring erst in die Flut. Aber ich grollte auch dem Geschicke nicht. Das unruhige Blut hat sein Recht gefunden wie das nordische Gemüt; stilles Glück habe ich errungen inmitten des fahrenden Lebens. Doch nun, Weibchen, sieh auch nicht trübe drein. Traust du mir nicht zu, das Schiff glücklich weiter zu lenken, das ich so kühn flott gemacht?«

Er sprach mit dem ganzen Selbstbewußtsein eines Mannes, der alles sich selbst verdankt, alles sich zutraut.

»Nora!« sagte seine Frau leise nach einer kleinen Pause, den Blick wie verlegen von ihm wendend.

Eine Wolke überzog sein Gesicht. »Ihr Frauen seid entsetzlich zähe,« sagte er, »immer auf denselben Punkt zurückzukommen. Was ficht dich an mit dem Kinde?«

»Alfred, du weckst diese Neigung so in ihr ...«

Er lachte halb unwillig auf. »Warte doch noch zehn Jahre, bis die Neigungen deiner Tochter dich anfechten,« sagte er. »Laß sie das edle Tier lieben, das ihrem Vater Ruhm und Gold genug eingetragen! Ich sagte dir schon, es ist ererbt; du kannst nicht von mir verlangen, daß ich anders darin denke. Laß mich sie ausbilden; an meiner Seite wird sie auftreten, wird mehr Beifall ernten als irgendeine. Wenn es auch ein unglücklicher Beruf ist, wie du ihn nennst, du siehst, er steht dem Glück nicht im Wege.«

«Alfred, das kann deine Meinung nicht sein!« rief jetzt Helena, plötzlich sich hoch aufrichtend. »Du kannst dein Kind, du kannst deine Tochter nicht dafür bestimmen! Hast du mir deshalb deine Geschichte erzählt? Des Mannes Leben ist nicht das des Weibes. Ich sagte es schon einmal, sie bleibt unabänderlich an die Stellung gebunden, in die sie einmal versetzt ist. Und welche ist die des Weibes, das sich den Augen des gaffenden Publikums aussetzt? – Sein Spielzeug heute, eine Verachtete morgen! Nein – nimmermehr! Ich bin krank und schwach, aber ich werde mein Kind davor zu retten wissen!« Und es kam ein Blick so rücksichtsloser Entschlossenheit in diese sanften, blauen Augen, daß Karsten fast erschrocken davor zurückwich.

»Helena,« rief er, »du fieberst. Wovor willst du dein Kind retten? Welche Gefahren träumst du? Sie, bleibt ja in deiner Obhut. Erzieh' sie sanft und gut, wie du es warst, und laß uns alles andere in Ruhe abwarten.«

»Unter meiner Obhut!« wiederholte sie und hob ihre weißen, abgemagerten Hände gegen das Licht. »Erzieh' sie sanft und gut, sagst du, Alfred?« fuhr sie in einem Tone fort, der etwas Unheimliches hatte. »Nein, tue es nicht, tue es nicht! Wenn du sie dazu bestimmst, dann nimm sie noch heute mit; mische sie unter die Leute, die das gleiche tun, daß ihr Gefühl dafür abgestumpft, daß ihre Erkenntnis dafür verloren geht ... daß sie nichts Besseres kennen lernt als die papierenen Lorbeeren und das Beifalljauchzen einer gaffenden Menge! ... daß sie nicht weiß, was eines Weibes Würde und eines Weibes Sitte ist!«

»Du bist furchtbar bitter!« rief er, sie loslassend und aufspringend. »Was ist über dich gekommen?«

»Einer Mutter Sorge,« sagte sie dumpf, »die Sorge einer Mutter, die ihr Kind bald verlassen soll ... Alfred!« rief sie, und ihre Stimme klang wieder weich und flehend, »komm noch einmal her... höre, was ich mir ausdachte in den langen schlaflosen Nächten, in denen Noras Zukunft mir vorschwebte. O, komm her!«

Er wandte sich zu ihr, er kniete vor ihr nieder. »Du regst dich zu sehr auf,« sagte er, die Hand an ihre glühende Stirn legend. »Beruhige dich; laß uns ein andermal davon reden.«

»Nein, nicht ein andermal... heute! Es quält sonst noch mehr,« beharrte sie. »Sieh, Alfred, ich habe einen so schönen Traum.« Ihr Arm schlang sich um des Gatten Hals, ihr Blick hatte all den lockenden Zauber, den ein Mädchenauge nur haben kann, wenn es den Geliebten gewinnen will. »Einen so schönen Traum,« wiederholte sie. »Du bist so reich jetzt, du hast so viel erworben an Ruhm und Geld in deinem Geschäfte. Man muß nichts auf die Spitze treiben; lege es nieder, gib es auf, jetzt, wo es auf der Höhe steht, wo du enorme Summen dafür lösen wirst. Kehre damit in meine Heimat zurück... Wenn du willst, kannst du dich dort ankaufen und dir und deinem Kinde eine ganz freie, gesicherte Zukunft gründen, eine würdigere Stellung in der Gesellschaft wiedergewinnen.«

Er sah sie erstaunt und betroffen an. Sichtlich hatte er das nicht erwartet.

»Du denkst mehr an deines Kindes Glück wie an das deines Mannes,« sagte er finster.

»O nein, auch an dein Glück,« fuhr sie fort, und schmeichelnd fuhr ihre Hand in seine dichten schwarzen Locken. »Auch an dein Glück! Hundert Chancen können dir entreißen, was du gewonnen. Und ich!« sagte sie, »ich glaube, ich habe auch Sehnsucht nach meinem Heimatlande. Vielleicht würde ich dort wieder gesund,« setzte sie zögernd hinzu. Aber ihr Blick wandte sich ab, als sollte man die Unwahrheit nicht darin lesen, die ihre Worte aussprachen. Dann schwieg sie, als erwarte sie ihr Urteil.

Langsam machte er sich los aus ihren Armen, erhob sich und durchschritt das Zimmer, in Nachdenken vertieft, bis er plötzlich vor ihr stehen blieb.

»Du hast nur an dein Kind gedacht,« sagte er wieder grollend, »nicht an dich, denn du hast dich nie dorthin gesehnt ... nicht an mich ... Helena. Ich kann es nicht. Was mir einst schwer war, ist jetzt mein Stolz, mein Lebensbedürfnis geworden. Ich kann kein ackerpflügender Bauer mehr werden; ich bin zu nichts anderem tauglich, am wenigsten zu müßiger Ruhe ... Aber sei ruhig,« setzte er hinzu, als er sah, wie Totenblässe sich plötzlich über ihr Antlitz ausbreitete. »Opfer für Opfer! Laß mir meine Stellung – nimm du dein Kind! Das ist ein Opfer für mich, denn es wird mir ganz entfremdet werden. Erzieh' es weiblich eingezogen, wenn dir das bei dem Wildfange gelingt – wie du es warst, obgleich ich es an der Tochter weniger werde zu schätzen wissen als an der Frau. Ich verspreche dir, sie nie mehr mit meinem Gewerbe in Berührung zu bringen; ich verspreche dir, nie in ihre Erziehung einzugreifen, stets deinen Willen heilig zu halten. – Bist du nun zufrieden, kleines Weib?« sagte er zärtlicher und beugte sich tief zu ihr nieder, da sie wie übermüdet in die Kissen zurückgesunken war.

Sie schwieg; ihre Lider waren fest geschlossen, ihre Lippen bebten, ihre Hände schlangen sich krampfhaft ineinander.

»Bist du zufrieden?« wiederholte er. »Wenn sie erwachsen ist, wird der eigentümliche Beruf des Vaters Geld genug eingebracht haben, um sie dann schleunigst in den Hafen der Ehe einlaufen zu lassen,« fügte er hinzu. »Du siehst, ich habe auch bis an das äußerste Ende gedacht ... Aber nun laß mich auch in deine blauen Augen sehen, die wieder soviel errungen.«

Vielleicht fand sie nicht, daß sie viel errungen; hatte sie doch viel mehr erhofft. Aber seine Stimme hatte stets Gewalt über sie gehabt seit dem ersten Male, wo sie dieselbe gehört, und so widerstand sie auch heute nicht.

Er küßte ihre Augen, in denen er immer noch den Rest von Unruhe las und flüsterte alles Beruhigende und Liebe ihr zu, was ein Frauenherz immer von neuem gern hört. Sie war nicht überzeugt von seinen Worten, sie sah viel Hohles, viel Unmögliches in seinem Plan; aber sie hatte doch etwas erreicht. Wie es oft geht, wenn der Körper nicht stark ist: der heftigen Erregung folgt plötzliche Uebermüdung. Er sah es. Er schob zärtlich die Kissen zurecht und richtete ihr sorgfältig das Lager zu. Seine Zeit war abgelaufen, er hatte noch viel zu besorgen.

»Ich werde Nora mit mir speisen lassen, damit du nicht beunruhigt wirst,« sagte er ihr noch; »am Nachmittag wird sie dann ganz dein sein.«

Es schien, als höre sie schon nicht mehr. So ging er hin, die Wärterin auf ihre Pflege aufmerksam zu machen. Er rief dann die Kleine und verließ vorsichtig das Gemach.

Helena blieb allein. Der träumerische Zustand, der sie umfing, war kein Schlaf zu nennen; denn das eben Erlebte spielte peinlich darin weiter. Sobald der Zauber der Gegenwart Alfreds gewichen, schienen alle Sorgen in Helena wieder aufzuwachen.

»Mutter, Mutter!« rief sie plötzlich, »nimm dein Wort zurück: daß ich es einst bereuen würde! Ich bin ja so glücklich gewesen; es ist nur um mein Kind.«

Und hastig, wie um Ruhe zu finden, preßte sie ein kleines Kreuz an ihre Lippen.

Helena Wild war die Tochter irischer Eltern, die, als sie noch ein Kind war, die Heimat verlassen und sich in Amerika angesiedelt hatten, wo sie es zu einem ansehnlichen Vermögen brachten.

Etwas von dem Leichtsinn und der Leidenschaftlichkeit ihrer Nation hatte wohl das schüchterne, streng und fromm erzogene Mädchen vermocht, ihr Los an das des schönen Abenteurers zu knüpfen, trotz des Widerstandes ihrer Eltern.

Erst nach langen Kämpfen hatten diese ihre Einwilligung gegeben unter der Bedingung, daß sie stets vom Treiben der Gesellschaft ganz fern gehalten werde.

Treu war von dem Gatten diese Bedingung gehalten worden; denn das liebliche Wesen, das alle Reize einer echten Tochter Erins besaß, war das Kleinod seines Herzens. Er liebte Helena mit all der Innigkeit, die bei ihm mit einem unruhigen Geiste seltsam sich paarte. Seine Gattin war ihm wie die Erinnerung seiner früheren Lebensstellung; bei ihr fand er alles das, was sein jetziger Stand ihn vermissen ließ.

Bald nach ihrer Verheiratung waren die Gatten nach Europa zurückgekehrt. Hier erzielte Karsten enorme Erfolge und schwang sich zur unbestrittenen ersten Größe in seinem Fach empor. In den größeren Residenzen Europas hatte er seine bestimmten Zeiten, wo er mit der Truppe erschien und immer mit gleicher Anerkennung aufgenommen wurde. Seine vornehme Erscheinung, seine Bildung verschafften ihm in der Herrenwelt eine ganz angenehme Stellung. Seine Frau umgab er mit dem Glanz und dem Behagen, wozu sein jetzt sehr großes Einkommen ihm die Mittel gab. Die Geselligkeit vermißte Helena nicht; sie lebte befriedigt in ihrer Liebe zu ihrem Gatten und ihrem Kinde. Auch bot das reisende Leben ihr Wechsel genug.

Der erste Schatten, der auf das Glück der Gatten fiel, war Helenas Kränklichkeit, die nach der Geburt eines zweiten Kindes, welches bald starb, eingetreten war. Vielleicht sah Alfred nicht die Fortschritte, welche die Krankheit in der letzten Zeit gemacht; vielleicht wollte er sie nicht sehen und versuchte, sich in ein Gefühl der Sicherheit einzuwiegen, weil ihm vor der Erkenntnis bangte. Sie selbst aber fühlte nur zu gut, wie es mit ihr stand, und das steigerte ihre Sorge um die Zukunft ihres Kindes.

Beide waren nicht befriedigt von ihrem letzten Gespräche, denn beide hatten ein Opfer zugesagt und jeder fühlte, es sei nicht genügend.

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