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Die Tochter der Kathedrale

Gerhart Hauptmann: Die Tochter der Kathedrale - Kapitel 8
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleDie Tochter der Kathedrale
publisherPropyläen Verlag
year1971
isbn3549051437
editorHans-Egon Hass
firstpub1939
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180716
projectid266c358b
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Fünfter Akt

Erste Szene

Meierhof des Prinzen Peter. Sonnenuntergang. Alles Äußere wie in den früheren beiden Szenen am selben Ort.

Trossebof im Reise- und Reiterkostüm mit Prinz Peter auf der Terrasse. Dieser hat die Laute im Arm. Ein Krug Wein steht zwischen ihnen auf dem Tisch.

Prinz Peter

Wie glücklich bin ich, Vater Trossebof,
ins Antlitz wieder einmal dir zu blicken
nach allzulanger Zeit. Ich sage nicht,
du habest mich auf eine Bahn gebracht,
die ich jetzt gehe: die Verantwortung
hierfür ist mein – ganz mein! Jedoch du drücktest
als erster mir die Laute in den Arm
und wecktest mich zum Wunder der Musik.
Meister! Um dich war Luft des Helikon
und Licht des Helikon! Es rauschte sanft
um dich der Tanz der Neun. Der Musaget
verlieh auch dir der Gottheit Schritt und Maß
und alles das, was unsere Seelen trägt,
vom Boden sie mit goldner Schwinge löst
und uferlos ins Selige verzaubert.
Und nun: an dieser Gnade nahm ich teil.
Du schenktest mir davon, bewogst die Götter,
mich ähnlich zu beglücken, so wie dich.
Oft hab' ich ihn besiegelt, meinen Dank
an dich, Olympier, mit einem Trunk, wie jetzt,
und mehr: mit jeder Note meiner Weisen.

Trossebof

Ich weiß es, Pierre! Du warst mein herrlicher
Sohn in Apoll! Und bist es noch! Und drum
hab' ich – wie oft im letzten halben Jahr –
um dich gezittert. Und ich zittre noch
um dein Verhängnis, wo es auch mich streift
mit einem Zipfel etwa seines Kleides.

Prinz Peter

Hat's wieder dich gestreift? So rede, Vater!
In mir ist eine heitere Gewißheit:
wenn Götter etwas schenken, so wie mir
ein echtes Glück, ohn' allen falschen Schein,
an keinem Prunke kenntlich, doch ein Glück,
das jeden Hain vergolden, jede Wiese
zu einem fremden Wunder machen kann,
als wären ihre dichten Halme aus
Saphiren, Diamanten und Rubinen –
kurz: wenn die Himmlischen uns dies gewähren,
sind sie gebunden wie durch stygischen Schwur,
davon kein Jota nur zurückzunehmen.

Trossebof

Laß uns darum nicht weniger auf der Hut sein.
Ich habe mir von deiner hohen Mutter
Urlaub erbeten. Ein Gesundbrunn sei mir
von einem Arzt verordnet. Ob sie ahnet,
daß dies der Wahrheit nicht durchaus entsprach:
– wer kann es wissen? Nun denn: ich bin hier,
und ein Gesundbrunn in gewissem Sinne
quillt auch bei euch: es ist der Born der Jugend.
Allein, kein Frühling und kein Sommer ohne
Gewitter! Die Gewölke bilden sich
und schwinden wiederum in jedem Himmel.
Doch im Verschwinden schütten sie sich aus
in Regentropfen oder Hagelschauern
und, je nachdem, belebend oder tötend.

Prinz Peter

Wenn ich mich recht erinnre, hast du doch
noch eben beßres Wetter prophezeit
am gleichen Himmel unsrer beiden Häuser
und einen Dauerfrieden angesagt
statt der vollzognen Waffenruhe.

Trossebof

So ist es! Aber das Erreichte kann
von dem und jenem doch noch Opfer fordern
recht ernster Art.

Prinz Peter

Erklär dich offen, Meister!

Trossebof

Das Recht der Erstgeburt ruht heut auf Paul.

Prinz Peter

's ist mir bekannt und wird von mir gebilligt.

Trossebof

Zwar ist die Akte noch nicht durchgeführt,
doch lebt sie trotzdem als vollzogen im
Gemüt der Eltern. Zwar Abt Ugo sank
vom Maultier, wie du weißt, der Abt ist tot;
doch ist ein Kirchenfürst der Gegenseite,
in jedem Sinne ein ganz andrer Mann,
der überall beliebte Bischof Lul,
bemüht um eine Hochzeit. Herzog Wilhelms
und seiner Gattin Ermelindens Tochter
Geralda soll Prinz Paul zur Ehe nehmen.

Prinz Peter

erhebt sich

Da bildet in der Tat am blauen Himmel
sich, will mir scheinen, Meister, ein Gewölk.
Denn irgend etwas, wie mir vorkommt, steht
dem schönen Plan – ja, er ist wirklich schön! –
entgegen.

Trossebof

Deine Mutter traf es, Pierre,
wie eine Ahnung im verwandten Sinn,
als sie erfuhr, daß man den Aufenthalt
des Prinzen Paul seit langer Zeit nicht wüßte.
Er streife in den Wäldern ruhelos
und suche die Gefahren auf der Jagd,
die ihm die Waffenruhe schuldig bleibe:
so sagen einige. Andre wollen wissen,
er sei dem Kriege untreu, arte dir
in jedem Sinne nach, mein Peter, ja,
er übertreffe dich – verzeih, so heißt's –
nunmehr sogar in Weichlichkeit.

Prinz Peter

Ich bin nicht weichlich! Diese Ehe muß
durchaus, ist mein Entschluß, vollzogen werden.
Sie muß! Es ist ein Muß! Und dieses Muß
vertret' ich ganz entschieden gegen Paul!

Trossebof

Dies zeigt, daß du der Sohn bist deiner Mutter.
Denn eisern, wie ich's bei ihr nie gesehn,
besteht auf diesem Punkt ihr Wille.

Prinz Peter

Leider,
fast möcht' ich sagen, ist auch Paul ihr Sohn.
Und ist der guten Mutter Wille Eisen,
so ist der seine, liebster Graf, aus Stahl.
Um uns ganz offen weiter auszusprechen,
sei auch gesagt: er schwur, er werde nie
die Hand zum Eh'bund mit Geralda bieten.

Trossebof

Prinz Paul ist hier?!

Prinz Peter

Auf wunderliche Art
bei uns gelandet, ja. Erfahrt auch gleich:
der Minne Zauber hat auch ihn berührt
und hält sein Herz gefesselt.

Trossebof

Nun, mich hat
so ungefähr auch Watriquet belehrt.
Wenn wir der Lage nun ins Antlitz schauen,
so bleibt gewiß, daß wir Paul heilen müssen.
Dagegen fragt es sich, auf welche Art. –
Was hast du dort für einen Fingerring?

Prinz Peter

Er stammt aus Frenes Hochzeitsgut, das ihr
vor wenig Wochen die Äbtissin nachwarf.

Trossebof

Worin bestand's? Man hat davon gehört.

Prinz Peter

In einer Truhe beieinander lag
ein Stück Brokat, ein schmaler goldner Stirnreif,
das rohe Fellchen eines Hermelins
und eine goldne Rose mit dem Zeugnis,
daß sie vom Papst geweiht sei.
Das Töchterchen der Kathedrale trägt
tagtäglich sie – nur sie – als einzigen Schmuck.

Trossebof

Wie seltsam! eine solche Rose trug,
als ich zum erst- und letztenmal sie sah,
Prinzeß Geralda, Herzog Wilhelms Tochter.
Nun sag mir Nähres von dem Gegenstand,
der deinen Bruder in den Schlingen hält:
die schönste Maid auf Erden sicherlich
für seine Augen: ist sie's auch in Euren?

Prinz Peter

Sie lebt für uns allein in seinem Geist.
Denn wie sie ihm erschien, ist sie verschwunden
ins Nichts. Sie wohnt für uns auch nur im Nichts.
Allein; hier zeigt sich eine Seltsamkeit,
ein Umstand, der allein ihn bei uns hält
und seinen aufgestörten Sinn beruhigt.
Er, Paul, behauptet eine Ähnlichkeit
Frenes mit dem Idole seiner Seele,
die wahrhaft nur ein Wunder der Natur
zum Grunde haben könnte. Ja, es zuckte
bei Euren Worten von der goldnen Rose
ein Etwas wie im Blitze durch mich hin,
als hätte auch die Jäg'rin, die dem Bruder
vielleicht in seinem Traume nur begegnet,
ein so geweihtes Stück am Hals getragen.

Trossebof

steht auf, geht erregt auf und ab

War's eine Jägerin? Eine Jägerin? –
Wir lassen das, wir reden nicht davon,
doch wollen alles aus dem Grund bedenken.
Nun sagt, mein wackrer Schäfer: dringt man wohl
zu unzart ein in das Idyll von Liebe
und Schafschur, dem Ihr hier so innig frönt,
wenn man Euch fragt, ob man das Wunderbild
der Schäferin selbst mit Augen sehen dürfe?

Prinz Peter

Nein, keineswegs. Ihr könnt von hier sie sehen
inmitten ihrer Tauben, die sie füttert
und die von Hand und Mund die Körner ihr
wegpicken.

Er ruft

Frene, komm doch einmal her!

Frene erscheint, bleibt stehen, betrachtet Trossebof aus der Ferne mit großen Augen und trocknet dabei die Hände an der Schürze.

Hast du den Mann wohl je gesehn, der hier sitzt?

Frene

Ich sah ihn oft. Es ist Graf Trossebof.
Stets stand er aufrecht hinter deiner Mutter,
der Herzogin, wenn sie im Kirchenstuhl
der Predigt lauschte.

Trossebof

ist überrascht aufgesprungen

Und hinter dir, mein hohes Fürstenkind,
ragt jetzt – fast sichtbar mir – ein Engel Gottes.

Frene

Ich bin nur eine arme Waise, Herr,
von einer Pflegemutter aufgezogen
aus Mitleid, aus Barmherzigkeit.

Trossebof

Orfeo,
sei nicht betroffen, weil ich's bin, sei nicht
bestürzt, weil ich bestürzt bin! Was der Anblick
und dieser Huldin Stimme über mich
verhängt, ist dem Alltäglichen so fern,
daß es zum Nächsten mir und Fernsten wird,
zum greifbar Körperlichen und zugleich
zum allerschönsten Wahngebilde. Hier
wird das Unmögliche zur Wirklichkeit,
und diese wiederum wird das Unmögliche!
Duck dich, mein armes Hirn! Druiden sagen,
die Welt sei zauberartig: nun, sie ist es!
Damit zunächst genug.

Prinz Peter

Daß Trossebof
mit Galliens Druiden Umgang pflegt,
die, Tausende von Jahren alt, doch leben,
ist mir bekannt. Ich frage darum nicht
nach dem, was dieser Ausbruch heiligen Wahnsinns mir
verbirgt. Dem Rätsel beug' ich mich in Ehrfurcht.

Trossebof

Und hierin tust du gut. Du sollst indessen
als nüchternes Bekenntnis dies erfahren:
Die Schäferin hat, als Antlitz und Gestalt,
ein ganz genaues Ebenbild. Und dies
bewegt sich so wie sie, hat ihre Stimme
und auch ihr wundervolles Kupferhaar.

Frene

zu Peter

Darf ich nun wieder meiner Arbeit nachgehn?

Trossebof

Erlaubt! Darf ich nur eine Frage tun:
In welchem Jahr der Jugend steht Ihr noch?

Prinz Peter

Zu nächstem Pfingsten wird sie siebzehn Jahr.

Trossebof

Genug! – Und wenn ich nun den Prinzen Paul
gesprochen, ist mein Auftrag ausgeführt.

Watriquet und Bonifaz erscheinen, während Frene sich an den Brunnen begibt und hantiert.

Prinz Peter

Wird Paul die Gnade haben und erscheinen?

Bonifaz

zuckt die Achseln

Vergebens bot ich meine Späße auf!
Der hohe Herr ist wieder schlecht gelaunt,
wie meistens.

Prinz Peter

Er begleitet leider Gottes
den reinen Wohlklang meines stillen Glückes
auf einem arg verstimmten Instrument:
doch brüderliche Liebe muß es dulden.

Bonifaz

Ihn aufzuheitern, wurde viel getan,
durch jungen Most, durch weiß und roten Wein,
durch Dudelsack und Tanz und jene Lieder,
die Watriquet voreinst auf ihn erfand,
die als Achill im Männerkampf ihn feiern.
Es hätte selbst Achill, der echte, sich,
wenn Watriquet sie selbst zur Laute singt,
der feurig-stolzen Träne nicht enthalten.
Nicht so Prinz Paul. Denn wißt Ihr, was er tut?
Er stopft die Fäuste sich in beide Ohren.
Nur eins hat ihn für Zeiten frei gemacht
von seinem Gram: wenn wir die Bauerngäule
bestiegen und die Grenze überschritten
zu Wilhelms Wald im stampfenden Galopp,
um die entschwundene Himmelsbraut zu suchen.

Trossebof

Das tatet ihr?

Bonifaz

Wir taten es, und oft!

Trossebof

Wohin denn insbesondere ging der Ritt?

Bonifaz

Wir streiften oft um eine Burg Sansnom.
Doch war sie leer. Wir hörten keine Katze
darin miauen.

Trossebof

Seltsam. Burg Sansnom?
Nun weiter: beide Fäuste stopft er sich
in seine Ohren, Freund, wenn Ihr sein Lob singt?

Watriquet

Ja, das ist wahr – so sehr es mich beschämt!
Nun, solche Art Beschämung löscht fast ganz
das Wissen von der Wirrnis eines Schicksals,
wie es der kleine Tückegott dem Helden
von einstmals schadenfröhlich eingebrockt.

Prinz Peter

Es wäre an der Zeit, wenn dieses Schicksal
wie trüber Wein im Faß sich klären würde.
Denn er, dem zu bestehn es einzig obliegt,
verbreitet es auch leider über uns,
so daß die wärmste Sonne manchmal uns
nicht scheinen will. Und selbst die gütige Frene,
die ihm stets hilfreich, wie nur sie es kann
– so sprunghaft sind mitunter seine Launen –,
verzweifelt oft an ihm. Doch still: er kommt.

Prinz Paul

kommt

Was habt Ihr im Gewand, Graf Trossebof?
Ich frage keineswegs, weil ich's nicht weiß!
Denn ich, der ich durch sieben Bretter sehe,
blicke wohl leicht durch einen Fetzen Zeug.

Trossebof

Was also hätt' ich im Gewand? Verratet's!
Ich wüßt' es gern. Wer weiß? es ist vielleicht
mir selber neu.

Prinz Paul

Ein Strick, um mich zu binden,
ist Eurer Hosentasche anvertraut –
wir wollen sagen: um mich zu erwürgen.
Ihr habt noch andre Waffen im Versteck,
doch für den Fall nur, daß die Schlinge reiße!

Trossebof

Ich dank' Euch, Prinz, für diesen Ritterschlag!

Prinz Peter

Wir wollen unsern Gast nicht so begrüßen,
da er in unsrer Mutter Auftrag hier ist,
obgleich er's nicht durchaus bekennt. Wir wollen
annehmen, daß er unserm Hause dient,
daß er sein Glück und seine Ehre will
und darum unser Glück und unsre Ehre.

Prinz Paul

Du trumpfst auf die verlorne Erstgeburt,
die ich dem Teufel gönne und ihm schenke!
Die Krone gilt mir keinen Pfifferling.
Doch all dies weißt du. Deiner Frene sicher,
bist du mit mir freigiebig, wünschest mich
dorthin, wo, wie man sagt, der Pfeffer wächst.
Ich bleibe hier, sei dessen sicher, weiche –
solange Frene lebt – hier nicht vom Fleck!

Prinz Peter

Dies ist, ich muß gestehn, mir völlig neu
und ein Beschluß, des Sinn sich mir nicht aufschließt.

Prinz Paul

Gleichviel! Denn dies ist die Bedingung nicht,
die mich im Umkreis deiner Frene festhält.
Solange mir das Schicksal vorenthält,
was es mir schuldig ist,
trink' ich die Lebensluft, um nur zu leben
und nur nicht zu ersticken – sei es aus
der Puppe, die mir das Gestohlne nachahmt.

Prinz Peter

Ihr seht, bei solchen Reden, Trossebof,
ist's schwer, dem bittren Ernst die Tür zu weisen.
Und doch, ich tu's. Geh, Bonifaz, bring Wein!

Bonifaz

Brav, Prinz! Dann sing' ich euch auch wohl ein Lied
mit dem Refrain: »Mein Püppchen, Püppchen, Püppchen!«,
das, hoff' ich, ganz den Ernst vom Hofe treibt.

Trossebof

erhebt sich

Nein! da der Ernst nun einmal seinen Kopf
– sein mächtiges Haupt, so will ich lieber sagen! –
gezeigt, es übern Zaun hereingesteckt,
so fass' ich besser die Gelegenheit
und rufe den Hochwürdigsten heran.
Er komme! Nehmt ihn auf, wie er's verdient,
und wißt es, Brüder, daß kein Wenn und Ob,
kein Hin und Her, kein Fackeln und kein Winden
euch ferner dieses Gastes ledig macht.
Ihr seid berufen, ihr, ihr beiden Brüder,
vor eure Mutter in das Schloß Andorra,
drei Tage vor dem Tage San Callistos,
um eures Vaters, eurer Mutter Willen
in Ehrfurcht zu vernehmen und zu tun.
Und abermals erhebt der Ernst sein Haupt,
und wenn ihr es genau betrachtet, ist
es blutig: blutgefärbt, mit eurem Blut,
falls ihr dem Herrscherwillen euch verweigert.

Zweite Szene

Im Gemach des Türmers in der Kathedrale zu Andorra. Nicht lange vor Sonnenuntergang.

Afra, in Trauerkleidung, sitzt und bewegt die Spindel. Von
Zeit zu Zeit überwältigt sie ein Tränenstrom, oder sie tupft sich
die Augen. Frenes Wiege steht an ihrem alten Platz.

Glockenläuten. Als es verstummt, tritt Äbtissin Anna ein.

Äbtissin

Oh, diese Wendeltreppe! diese Stufen!
Fünfhundert sind es, glaub' ich, und noch mehr.
Der wundervolle Einzug ist vorüber.
Der Herzog Wilhelm und die Herzogin
Ermlinda wurden so bejubelt, wie
sie selbst und wir es nicht erwarten konnten.
Und morgen wird in feierlicher Sitzung
das Instrument des Friedens unterzeichnet
und durch ein Hochamt am Altar besiegelt.

Afra

Oh, Frau Äbtissin! Frau Äbtissin! Hätte
mein armer Mann, der Türmer, das erlebt!
Der hochersehnte, benedeite Friede,
den er so heiß begehrt, zieht in die Stadt,
und er kann diese Stunde nicht erleben,
denn seit zwei Tagen liegt er in der Gruft.
Oh, diese Stadt, von tausend Wimpeln flatternd,
Fenster und Straßen blumenübersät,
sie hat mir Tränenströme ausgepreßt
den ganzen Tag. Die schmetternden Fanfaren,
bestimmt, die Freude überall zu wecken,
mir in der Seele weckten sie den Gram,
ja die Verzweiflung.

Äbtissin

Alles dies mag sein:
wie Gott es dir verhängt, du mußt es tragen.
Nicht deshalb aber stieg ich hierherauf
in einem ersten freien Augenblick,
trotz meines kurzen Atems. Ein Mirakel
liegt in der Luft, und daran sind wir beide
nicht unbeteiligt. Wie Grundwasser steigt's,
quillt's auf, wird ruchbar, überall zugleich:
Die Herzogin Ermlinda, heißt es, habe
gleichwie Heurodis Zwillinge geboren,
zwei Mägdlein. Eins von beiden habe man,
kaum, daß es in den Windeln lag, geraubt.
Die Kunde des Verbrechens ward erstickt,
so daß man überall nichts anderes wußte,
als Herzogin Ermlind und Herzog Wilhelm
besäßen eine einzige Tochter. Afra,
nun aber fasse dich! Denn das Mirakel
wird erst ein solches, wenn es sich bestätigt,
daß Frene, die auch uns verlorne Tochter,
auch die zugleich des Herzogpaares ist,
das die gefundene, ganz und voll beglaubigt,
sagt Trossebof, zurückempfangen soll.

Afra

Mir schwindelt!

Äbtissin

Mir nicht minder, Mutter Afra!

Afra

Ward es geraubt, was ich nicht wissen kann:
das Findelkindlein, das ich an die Brust nahm
und unterm Namen Frene aufzog, fand
man morgens am Altar der Kathedrale,
am Hochaltar, dem großen, und im Chor.
Der's auf den Arm nahm und mir brachte, war
mein seliger Mann. Mehr weiß ich nicht zu sagen.
Es würde mir nicht leicht, zu glauben,
daß es geraubt war, denn sein Schatz im Kasten,
die Mitgift gleichsam, schien uns unversehrt.

Äbtissin

Sei's, wie es sei! Der Kanzler Trossebof
hat dies Geheimnis gänzlich aufzuklären
sich in den Kopf gesetzt. Es ist bei ihm
ein Mann erschienen, der des Rätsels Lösung,
meint Trossebof, in Händen hält. Der Kanzler
nun ist es auch, der mich zu Euch vorausschickt.
Er kommt in wenig Augenblicken nach.

Afra

Mein Mann ist tot: mag sein, er wußte dies
und das von Frene, was mir dunkel ist.
Allein, wir dürfen beide, er und ich,
vor Gottes Richterstuhl erscheinen, wenn
von diesem Findelkind verhandelt wird.

Pater Johannes und Trossebof treten ein.

Pater Johannes

Vobiscum dominus!

Afra

knickst und bekreuzigt sich

In Ewigkeit!

Trossebof

Nehmt Platz, ehrwürdiger Vater!

Pater Johannes

Stör' ich euch?

Trossebof

Von Störung darf hier nicht die Rede sein.
Hier handelt es sich drum, Gewitterwolken,
die Blitz und Hagel auszuschütten drohn
über die Frühlingshoffnung zweier Länder,
in Himmelsblau zu wandeln. Mutter Afra!
Du wirst mit Ja und Nein, mit voller Wahrheit
uns wie vor Gottes Thron jetzt Rede stehn!
Damit du weißt, was auf dem Spiele steht,
so höre: Herzog Wilhelms Tochter und
Ermlindens, seiner Gattin, ritt beim Einzug,
wie eine Amazone anzuschaun,
auf einem Berberhengst. Es folgten ihr
berittne Jägerinnen. Dieses Mädchen,
bestimmt, dem Prinzen Paul sich zu vermählen,
gleicht ihm durchaus in ihrem finstern Trotz.
Die Menge war befremdet, schwieg und ließ
sie ohne Gruß vorüberziehn. Gerald,
man weiß, man ahnt es jedenfalls, tritt nur
gezwungen in den Eh'bund mit Prinz Paul.
Doch auch der Prinz, er will nichts von ihr wissen.
Um seine trotz'ge Weigerung zu brechen,
hat ihn Heurodis in Arrest gesteckt.
Doch auch Prinz Peter schmachtet im Gefängnis.
Der Ausweg, ihn, der ja der Erstgeborne
in Wahrheit ist, mit Gerald zu vermählen,
traf auf die gleiche Weigerung, schlug fehl.
Dies ist die Lage. Wird sie ruchbar, ist
die böse Stockung nicht hinwegzuräumen, flammt
der Krieg zehnfach verheerend wieder auf:
so ungeheuer, so unsühnbar wäre
dann die Beleidigung des Hauses Foix. –
Ich komme nun zur Herzogin Ermlind.
's ist eine trotzig-kranke, harte Frau,
die ebenfalls dem Zwange nur gewichen,
indem sie hier erscheint. Haßt uns Gerald
und möchte lieber unsre Stadt berennen
als Frieden heischend in sie einziehn, haßt
Ermlind die Freude! Die geplante Ehe,
an sich ein Glück für sie, wird ihr zur Qual,
weil sie – Wahn oder Wahrheit – überzeugt ist,
sie habe einstmals Zwillinge geboren
und neben Gerald müsse Gerlind einziehn
als zweite Prinzenbraut: doch diese Gerlind
habe ein böses Fatum ihr geraubt.
Da sind wir nun der Meinung, nur ein Wunder
vermöge diese Wirrnis uns zu klären.
Und weiter: wenn nicht alle Zeichen trügen,
die Klärung müsse nah sein. Redet, Pater!
Denn um die letzte Masche aufzulösen
des Knotens und vielleicht in Götterreine
ein herrlichstes Mirakel zu enthüllen,
sind wir hier oben.

Pater Johannes

Wohl! Er, der am Webstuhl sitzt,
der Weber aller Weber, er ist fehlbar.
Doch auch die Sprache, wenn ich spreche, ist's.
Schon das Gesagte ist drum falsch und wahr.
Des Webstuhls Kette, dran der Weber webt,
sowie den Einschlag bilden feste Fäden,
wie Gottes Genien sie aus Flachs gedreht
mit Götterfingern. Ist der Meister fehlbar
– der Meister aller Meister ist gemeint –,
so ist er's, weil er's will. Er treibt sein Spiel,
er spielt es zwecklos und zu eigner Freude.
Nun, diese Spiele des Allmächtigen haben
gar manches Spielzeug: fürchterlicher Art
das eine und an Grauen unermessen!
das andere holdbeglückender Natur!
eins über Menschen-, über Göttermaße,
das andere menschennah. Und was davon
den Menschen angeht, mag er, wenn nicht kennen,
so ahnend spüren. Doch nicht jeder Mensch,
nur einer, welchen Gott dafür bestimmt:
wir Tisserands, wir wissen's allesamt,
daß wir sein auserwähltes Spielzeug sind.
Er hat mit diesem Wissen uns begnadet –
und ganz besonders mich. Graf Trossebof
ist auch ein Tisserand, wie jeder Spielmann,
Singer und Sager, jeder Domerbauer,
Bildschnitzer, Geigenmacher und so fort.
Der Goldschmied setzt die Spiele Gottes fort,
der Mime, der Jongleur, der Schöpfer, den
die Muse Gottes tragisch inspiriert
oder auch komisch. Solch ein Gotteskind,
teils Spielzeug, teils verspielt, hieß Prospero
vorzeiten: er beherrschte Caliban,
wie Gott, und so die aufgeregte See,
beherrschte Ariel, beherrschte Puck:
denn auch der Kobold Puck ist unentbehrlich
in Gottes Spielzeug.

Man hört schwebende, äolsharfenartige Musik.

Da ist Ariel.
Er übt sein schönes Amt. Er kennt genau
sein Stichwort und den Ruf, der ihn ins Spiel ruft.

Äbtissin

Ich würde jetzt mich gern entfernen, Graf,
wenn ich den Fuß vom Boden lösen könnte.

Trossebof

Auch mich umspannt es eisern, wie Magie.

Pater Johannes

Bleibt! Dies ist meine Art: sie schädigt niemand.
Wo ich erscheine, hat die Liebe Vollmacht.
Mir ist Johannes einst begegnet: Er!
der Jünger, den der Herr am meisten liebte
und der den Tod nicht sah noch sehen sollte,
nach Christi Ratschluß, bis zum Jüngsten Tag.
Er ging vorüber nur, und doch: es blieb in mir
unsterblich, was in seiner Seele Umkreis,
durch den ich schritt, in meine Seele drang:
es wahrhaft nennen – das vermag kein Wort.
Bleibt! denn Ihr habt nur Gutes zu erfahren.

Trossebof

Es ist ein seltsames Konvivium,
das uns dies Türmerstübchen vorbehalten.
Ihr habt mich unten zwar im Schloß besucht,
auf einmal aber ist mir nun, als kämt
Ihr gradeswegs vom Montsalwatsch, der dort
herüberglüht.

Pater Johannes

Tut einen Blick, Herr Kanzler, in die Luft:
da habt Ihr einen Knäul, ein Raupennest
gleichsam von grauen Fäden, dick verwirrt.
Das ist der Webefehler, den Gott zuließ.
Er stammt von Puck. Nun hört! Zwei hohe Paare,
die Herrscher von Andorra und von Foix,
waren einander so von Herzen freund,
daß Gott beschloß, dem einen Paar zwei Knaben
als Zwillinge zu schenken und dem andern
zwei Mägdlein: diese beiden gleichen Paare
sollten sich finden, je ein Jüngling sich zur Jungfrau
und so der Eltern und der Reiche Freundschaft
untrennbar machen. – Das war Ariel. –
Doch dann kam Puck und trieb die Herzogin
zu ihrer Torheit und dann zum Verbrechen –
auch das kann Puck! –, dann Caliban: der Krieg!
Doch nun kommt wieder Ariel und Puck,
von Prospero gesendet. Mutter Afra:
ich war's, ich brachte euch auf meinen Armen
Gerlind, die Frene eurer Kathedrale.
Ein Höriger ging hinter mir und trug,
was ich im Forste bei dem Kind gefunden.
Ich wußte, wessen Kind es war. Ich kannte
die Wehemutter, kannte auch den Förster,
der's ausgesetzt. Ich brachte es hierher,
weil ich das Mägdlein für gefährdet hielt
im ganzen Lande Herzog Wilhelms. Und
ich hatte recht: es ist hierher gekommen,
wohin's gehört. Denn das Prinzeßchen ward
des Prinzen Weib.
Frene-Gerlind ist Herzog Wilhelms Tochter
und seines armen Weibes Ermelinda.

Trossebof

Ist dies in allen Punkten zu beweisen?

Afra

umarmt die Füße Trossebofs

Er sagt die Wahrheit, hat die Wahrheit mir
und meinem Mann am ersten Tag gesagt.

Pater Johannes

Und was noch fehlt, bestätigt diese Rolle.

Er übergibt Trossebof eine Pergamentrolle.

So wäre alles nun so weit im Lot.
Es bleibt nur übrig, noch den Kobold Puck,
der nichts im Kopfe hat als Blindekuh
und Quiproquo, jetzt aus dem Spiel zu jagen,
und somit deck' ich seine Truglist auf:
sie ist verzeihlich, denn in diesem Fall
hat er im Bildgewebe seines Meisters
nur wenig Fäden lustig-falsch verknüpft.

Trossebof

Ich ahn' es. Sprich es aus, du Wissender!

Pater Johannes

Prinzeß Gerald zu ehelichen, weigert
Prinz Paul. Und doch ist das Beilager schon
geschehen in der Burg Sansnom. Die Schöne,
der er mit Leib und Seele sich verschrieben,
die ihm entschwundne Unbekannte ist
Prinzeß Gerald. Er braucht sie nur zu sehn,
und alles ist am Tage ohne Wort.

Trossebof

Ihr seid der Künder nur der Harmonie,
die als ein Vorschmack höchster Harmonien
nun unserer Herrscher Leben klären soll.
Doch so, als wäret Ihr der Schöpfer selbst,
drängt Ihr uns heißen Dank auf.

Pater Johannes

Nun vernehmt
auch jenen Klageton der Harmonie,
der schmerzlich sie vertieft, wenn auch nicht stört.
Ich sage weiter nichts als: Freude tötet.
Ein Eigensinn der alten Herzogin
Ermlinda ließ sie's als Bedingung fordern,
in schwarzer Kutsche und mit schwarzen Pferden,
die schwarze Decken tragen sollten, hier
– und so ist es geschehen – einzuziehn.
Ich war im Geiste um sie, und ich weiß
sie still und auf ihr Ende vorbereitet.
Schon waltet um sie Ariel: er wird
mit ihrem letzten Hauche sich verbinden.

Dritte Szene

Raum mit Prunkbett in den Frauengemächern der Herzogin Heurodis zu Andorra im Residenzschloß.

Heurodis sitzt mit hochgefalteten Händen und gen Himmel blickenden Augen starr auf einem Lehnstuhl. Äbtissin Anna kniet vor ihr und streichelt ihr die Hände. Trossebof geht langsam hin und her. Afra.

Heurodis

Zu ungeheuer ist dies alles, zu
unglaublich. Soll man einen Segen glauben
von solchem Ausmaß, wo noch eben sich
boshafte Widerstände tückisch häuften?
Ich kann es nicht.

Äbtissin

Hab Glauben, Schwester, glaube!

Heurodis

Trossebof, als du mir Punkt für Punkt dies alles
entwickelt hattest, die Unwissenheit
gleich einem trüben Schleier niedersank:
beinahe fror mein Geist! Was alles war
in dieses Schleiers Falten eingebunden
an schicksalsschwerem, blut'gem Irrtum! Otto,
mein Gatte, liegt zerbrochen von der Krankheit,
die solchen Schicksals Last ihm aufgezwungen,
niemand erkennend und gelähmt im Bett.
Und all dies rings entfesselte Verderben,
dem er zum Opfer fiel und auch Ermlind,
war nur auf grober Täuschung aufgebaut?

Trossebof

Frau Herzogin, nehmt hin, was uns geschenkt wird
an Gutem, Schönem, Großem, wie Ihr auch
das andere schweigend hingenommen: blickt
nicht grübelnd rückwärts! Was vermeidlich scheint,
ist unvermeidlich! Man zergrübelt wohl
das Goldgewebe herrlichsten Brokats,
die Blumenflur zerstörend, die es darstellt.

Heurodis

Und nun Ermlinda, die dem Gram vermählt
fast zwei Jahrzehnte lebte, sich umgab
mit gift'gen Lilien, schwarz von Farbe, die
sie hätschelte, Gewissensbissen, Zierden
des heißgeliebten Kerkers, drin sie lebte.
Ihr Leben ward ein Wahn, und dieser Wahn
soll sich als Lüge nun entpuppen, nämlich
als Wahrheit? Strafe ist's, was sie ersehnt.
Dafür schenkt das Geschick ihr ihre Tochter,
prinzlich geborgen, die vermißte, die
entbehrte! Wird das Schmerzensinstrument –
gewöhnt an Nacht, an Gram, an Wut, an Weinen,
Knirschen und Schreien – nun verstummen können?

Trossebof

Der Fall ist schwierig. Nehmt Euch immerhin
ein Beispiel, hohe Frau, an Herzog Wilhelm.
Denn wie man Heitres heiter nehmen soll,
das zeigt Euch sein Verhalten. Beide Arme
um beider Töchter Schultern, Frenes und
Geraldens, wandelt er durch Park und Schloß,
lachend und scherzend, unerschöpflich in
dem freudigen Staunen über dieses Wunder,
das uns sich hat geschenkt.

Heurodis

Ich geb' Euch recht
und will mich so bescheiden: Friedenswille
hat blind mich hinbewegt zu diesem Schluß.
Ich gebe zu, daß etwas in mir war,
das irgendeinen solchen Ausgang ahnte.
Das Wort Mirakel, in der Menge laut
ganz plötzlich, es umfing mich wie ein Schwindel.
Nun habt Ihr seinen Inhalt dargelegt –
und wißt Ihr was: ich fühle mich entthront.
Die Zügel führt nun eine andere Macht.
Tut nun mit der Ohnmächtigen, was Ihr wollt.

Äbtissin

Oh, Schwester, liebste Schwester! Wie die Hand
der Vorsehung in diesem Wunder sich
als blinden Werkzeugs Afras sich bediente
und meiner und des Prinzen Peter, zeigt
fast greifbar Gottes väterliche Nähe.
Er setzte Euren Sohn und meinen Neffen,
indem er Frene ihm zum Weibe gab,
auf eine Art in seine Gattenrechte,
die unserer Blindheit unbegreiflich schien.

Trossebof

Man sieht von hier, Äbtissin, noch den Schutt
der Schenke, wo der Prinz im Fenster saß
und er und Watriquet das Kind besangen.
Der Ort ward von der Geistlichkeit verflucht.
Wen traf der Fluch? Mir scheint: unwissentlich
den unergründlich tiefen Willen Gottes.

Äbtissin

Und doch: wer war's, der Frene uns erhielt?
Es war der Dom, die Kathedrale, Graf,
als deren Tochter sie im Land bekannt ist.
Es war der Dom und seine Geistlichkeit,
des Glöckners Frau und die Äbtissin, ich,
der man verzeihen wird, daß sie zur Braut
des höchsten Bräut'gams Frene adeln wollte.

Heurodis

Und wissen Paul und Peter von der Wendung?

Trossebof

Sie harren deines Winks. Du hast befohlen,
nach dem Empfang des Herzogpaares, sie
in den Gemächern, die sie hier bezogen,
bis du sie riefest, in Arrest zu halten.

Herzog Wilhelm mit Frene, Gerald, Peter und Paul in einer Gruppe verschlungen, übermütig laut.

Herzog Wilhelm

Würd' ich so alt jetzt wie Methusalem,
was zu erleben war, es ist erlebt
schon jetzt mit meinen Fünfzig. Das Geschick,
so scheint es, hat sich ganz zu mir bekehrt:
es hat gemerkt, daß es bei mir nur Glück
mit schönen Zauberdingen hat: Gesang,
Tanz, Lautenspiel und süßem Glück des Weingotts.
Ich nahm das schwere Leben niemals schwer.
Ich schwamm in seinem Reichtum, badete
in Liebe und Musik. Was jetzt geschehn ist,
da ich vier Kinder habe, statt des einen –
nun: es erstaune, wer zum Staunen neigt!
Nein, mich erstaunt es nicht, weil ich mein eignes
und größtes Wunder bin –
und über dies sogar nicht mehr erstaune.
Geliebte Frene und geliebte Gerald,
die du nun auch ein Weiblein worden bist
durch deinen einstigen Widersacher Paul,
auch einen Jägersmann: es lebt kein anderer,
der das Geschenk, das mir in euch geworden,
so sehr verdient als ich. Umarmt und küßt mich!

Prinz Paul

Doch bin ich auch noch da, Herr Herzog Wilhelm!

Prinz Peter

Und ich!

Herzog Wilhelm

Nun ja: so küßt mich auch, ihr Burschen!
Erst mag der Dom euch trauen, aber dann
kommt die Nachfeier auf der Burg von Foix:
im Sonnentempel. Alles soll dort rauschen
neun Tage lang, von Wein, Gesang und Liebe.
Neun lange Tage opfern wir den Neun!

Prinz Peter

Bis dahin hab' ich euch ein Lied gedichtet
vom Kleeblatt, dem vierblättrigen, das plötzlich
golden im goldnen Licht stand: und ich will
das Lied vergolden, das ich singe, will's
mit Diamanten und Rubinen schmücken,
so daß es blind und sehend macht zugleich.
Oh, Mutter, liebe Mutter!

Er fällt nieder und umarmt die Knie von Heurodis.

Heurodis

Du Nichtswürdiger!
Wie vielen Kummer hast du mir gemacht!
Wieviel schlaflose Nächte! Aber sei
gesegnet, denn du bist's: du Lüderling
von einst! Du widerspenstiger, stumpfer Bauer,
der seines Prinzentums nicht wert ist, sei
gesegnet, denn du bist's! Du ungeratner,
verlorner, lieber, glückbeschenkter Sohn!

Frene kniet neben ihn.

Was sag' ich dir? Weib, mach ihn weiter glücklich!

Paul kniet neben Frene.

Prinz Paul

Auch ich verlange deinen Segen, Mutter!

Geralda kniet neben Paul.

Geralda

Und ich!

Heurodis

Was hör' ich ... ein ganz anderer Ton!
Nun: sei befreit, mein Sohn, von deiner Pflicht,
und du, Prinzeß, von deiner! Da ihr ja
mit Abscheu sprachet einer von dem andern! –
Nun nehmt nur, was von Segen in mir ist!

Die Paare erheben sich. Afra tritt zu Frene.

Afra

Vergib, Prinzessin, wie ich dich dereinst
auf euerm Bauernhof mißhandelt habe!

Frene

umarmt sie

Was ich dir nicht vergebe, Mutter Afra –
es zeug' am Jüngsten Tage gegen mich!

Trossebof

So weit ist alles gut, ihr Damen und
ihr Herren dieser ausgesuchten Stunde!
Nun aber muß die, die am meisten litt
von uns in den vergangenen Jahrzehnten,
mit Vorsicht und mit Umsicht und mit Weisheit
vom Ende ihrer langen Leiden wissen:
und von dem Ratschluß Gottes, der sie auslöscht. –
Dies ist der Plan: die Herzogin Ermlind
hört jetzt die Messe in der Schloßkapelle.
Es heißt, sie wolle nachher knien am Beichtstuhl
und beichten. Wenn sie nun, wie sicher ist,
von der verlornen Tochter spricht, so wird
der Priester sie auf eine Weise trösten,
die ihr zum erstenmal die Möglichkeit
erschließt, sie könne Gerlind wiederfinden.
Und wenn die hohe Frau zurückkehrt, wird
man sehn, ob eine solche Hoffnung ihr
Gemüt und wie entzündet hat. Wenn sie hier eintritt,
von der Äbtissin und Gerald empfangen
und von Prinzessin Gerlind – doch Ihr nennt
Euch Frene, wenn die arme Herzogin
Euch nach dem Namen fragt! – Ihr seid dabei,
das Bett mit dem Brokat zu überdecken,
den Ihr in Eurer Findlingstruhe fandet.
Ihr dient als Magd, Ihr nennt Euch eine Magd,
falls die Frau Herzogin die Gnade hätte,
leutselig sich mit Euch zu unterhalten.
Mehr ist im Augenblicke nicht zu tun.
Wir – was hier unumgänglich ist –,
wir machen draußen vor der Tür die Lauscher.
Wenn nun die arme Kranke stutzig wird,
vielleicht durch den Brokat, durch Frenes Anblick
auch wohl und durch die Ähnlichkeit mit ihrer
Tochter Geralda, dann, Frau Herzogin,
ist Euer Augenblick. Ihr tretet ein,
Ihr sprecht – andeutungsweise aber nur! –
von sonderbaren Fügungen des Himmels,
wie Gott mitunter seine Engel sendet,
die selbst Verzweiflungstaten kranker Wirrsal
zum Guten lenken. Nun: es tut nicht not,
schon heut das ganze Glück ihr zu enthüllen!
Genug, wenn sie der Wahrheit näherkommt.
Schon naht sie sich. Wir müssen uns entfernen.

Alle ab, außer der Äbtissin, Prinzessin Geralda und Frene. Frene nimmt den Brokat aus der Truhe und ist beschäftigt, ihn über das Prunkbett zu breiten, als Herzogin Ermlind, gestützt von einigen dienenden Schwestern, erscheint.

Ermelinda

Der Narr! Ich will nicht sagen, wer! Es gibt
in jedem Stande Narren, und mir scheint,
an jedem Ort. Wo ist mein Arzt? Der Herzog
schleppt mich seit Wochen mit sich durch das Land.
Ich bin zermürbt! Wär' ich in meinem Waldschloß
bei Fledermaus und Unke! Seit ich nicht mehr
mir selber leben darf, hat sich mein Schmerz
zu Stein verhärtet. Narr von einem Priester!
Ich könne Gerlind wiederfinden! – Wer
ist diese Magd? Wo ist mein Arzt? Auch er
ist ein Hanswurst, der täglich mich belügt
und wünscht, daß täglich ihn auch ich belüge.
Er weiß, ich habe Zwillinge geboren
– mit lauter Stimme sag' ich's überall –,
und leugnet's! Oh, mein Gott! mein großer Gott!
schick mir doch endlich den verdienten Tod
und schleudre mich in die verdiente Hölle!
Sie braucht nicht neue Qualen auszusinnen!
Sie braucht nur wiederholen, was ich hier
auf Erden litt. Die Herzogin Heurodis
hat mir verziehen. Alle Welt verzeiht mir.
Ich brauche kein Verzeihen, will es nicht!
Du wirst Prinz Paul zur Ehe nehmen, Gerald!
Ich habe nichts dawider, freue mich.
Doch meine Wunde blutet in der Freude
doppelt und dreifach. Deine Schwester schlingt
vielleicht jetzt Treber oder ist die Beute
von einem Sklavenhändler, und sie muß
in seinem Freudenhaus ihm Geld verdienen. –
Ich brauche einen Schlaftrunk! Ruft den Arzt!
Er flöße mir von seinem Mohnsaft ein
so viel, daß kein Erwachen mehr zu fürchten. –
Was machst du hier, du Mädchen?

Frene

Hohe Frau,
ich breite das Bettuch.

Ermelinda

Ähnlich war das Bettuch,
das meiner Eltern Ehebett bedeckte.
Wo blieb die Zeit?

Äbtissin

Die kleine Frene ist
genau im Alter wie Prinzeß Gerald.

Ermelinda

So weit hat freilich Gott uns gleichgemacht:
an einem Tage fallen Schafe, Böcke,
Hunde und Katzen, buntes Allerlei,
so hochgeborne als gemeine Menschen.
Wo hast du diesen Kotzen her? Wie heißt du?

Frene

Ich heiße Frene. Und der alte Stoff
ist unbekannter Herkunft.

Ermelinda

Wohl wie du?
Bist irgendwo, scheint's, von der Bank gefallen?

Geralda

Die brave Frene ist ein Findelkind.

Ermelinda

Ich hab' es mir gedacht. Geht! Ich will schlafen.

Sie setzt sich aufs Bett und nimmt das Tuch zwischen die Finger.

Ich kenne diesen Stoff: er stammt aus Flandern.
Und was bedeutet diese Truhe?

Frene

Nichts.

Ermelinda

Oh, mein allmächtiger Gott! Ich träume nachts
von solchen Truhen! Nehmt die Truhe fort!

Die dienenden Schwestern machen sich daran, den Befehl zu befolgen.

Halt, einen Augenblick! Was liegt noch sonst
in diesem Kasten?

Geralda

Schwester Frene, sprich!

Ermelinda

Was – Schwester Frene?

Geralda

Mütterchen, wir sind
und lieben uns wie Schwestern.

Ermelinda

Du und sie?
Du warst mir lieber, als du noch nach Moos
und Rinde rochest in der seligen Wildnis,
statt Zückerlein zu lutschen und zu spucken.

Geralda

Hast du einmal beachtet, hohe Mutter,
wie ähnlich wir einander sind?

Ermelinda

Warum das?
Ihr seid so ähnlich wie die Bauernmagd
im groben Zwillich und die Fürstentochter
im Hermelin, die beide Weiber sind.

Frene weint.

Geralda

Nicht weinen, holde Frene! Weißt du, Mutter,
daß Frene ebenjenes Mägdlein ist,
die man im Land unter dem Namen kannte:
Tochter der Kathedrale?

Ermelinda

Das warst du?
Ich wüßte nicht warum, doch hab' ich manches Mal
von der, die diesen Namen trug, geträumt.
Mir war, als sei sie irgendwie von Gott
für eine große Zukunft ausersehen.

Heurodis tritt ein.

Heurodis

Ich hörte reden, Ermlind, und entschloß
mich, bei dir einzutreten: nur um dich
zu fragen, wie dir's geht und ob es dir
an irgend etwas fehlt.

Ermelinda

Gab mir der Arzt
schon Mohnsaft? Oder sagt – was ist mit mir?

Heurodis

Was hast du, Freundin?

Ermelinda

Nichts.

Heurodis

Doch! Doch! So sprich
doch!

Ermelinda

Vielleicht hat dieses Stück Brokatstoff, das
die Kleine über dieses Bett gebreitet
und das an alte Zeiten mich erinnert,
mich so verhext.

Heurodis

Verhext?

Ermelinda

Jawohl, so ist's.
Ich bin verhext. Was soll es anders sein,
wenn man urplötzlich Dinge glaubt zu sehen,
die doch nicht sind – auch nicht sein können –, die
das ganze Elend jammervoller Jahre
hinwegzublasen scheinen. Möglichkeiten,
geheckt von einem müßigen Gehirn,
die sich zu Wirklichkeiten plötzlich lügen
und trotzdem mir nichts schenken, sondern mich
leer lassen. Ist man doch in seinen Gram
verliebt, 's ist alles Schein. Der ist ein Tor,
der etwas anderes noch zu wissen vorgibt.
Ruft meinen Arzt!

Arzt tritt ein.

Arzt

Ich bin zur Stelle.

Ermelinda

Was
geschieht hier, geht hier vor?

Arzt

Besonderes nicht.

Ermelinda

Und doch verdickt die Luft sich, legt sich etwas
mir bleiern auf die Brust.

Heurodis

Die Sonne scheint!
Die Vögel singen um die Mauern, Freundin!
Wir haben Frieden!

Ermelinda

Und hier sind Gespenster.
Es gehn am Tage hier Gespenster um.

Heurodis

Wieso, geliebte Freundin?

Ermelinda

berührt Frene

Dieses Mädchen
kommt mir wie meine zweite Tochter vor ...

Heurodis

Sie ist's!

Ermelinda

Die Antwort ist nicht deine Sache,
sondern des Arztes.

Zum Arzt

Gib mir etwas gegen
Gespenster ein! Ich möchte immer sagen
zu diesem Mädchen: Komm! Du bist mein Fleisch!
– Macht Gitter an die Fenster!

Arzt

Wenn dies aber
nun schlichte Wahrheit wäre?

Ermelinda

Mir ist's nichts Neues, wenn ich Stimmen höre.
Ich hörte viele in der Einsamkeit:
auch solche, die ganz Ähnliches mir sagten.
Vergebt! Mir ist wie einer Schwimmerin,
in einer nächtlich schwarzen Flut versunken.
Holt ihn ... vielleicht errettet mich mein Mann!

Herzog Wilhelm

tritt auf, geht auf Ermelinda zu und umfaßt mit seinen ihre beiden Hände

Du mußt in dieser Stunde stärker sein
als in der schlimmsten Stunde deines Schmerzes.

Ermelinda

Macht's kurz. Vom hohen Himmel kommt das Glück
und auch der Blitz, der tötet.

Herzog Wilhelm

Wer will sprechen?
Gewöhne dich an den Gedanken, Ermlind:
Dein Wahn ist Wahrheit, du gebarst zwei Töchter!

Ermelinda

Oh, Gott! Ein Trunk aus einem Quell des Heils!
Der erste! Und mein ganzes Innere,
das eine Wunde war, wird überspült
von einer linden Flut. Geht! Mag nun kommen,
was will. Erst laßt mich einmal ruhn, mich ausruhn.
Mich ausruhn von dem Blei auf meiner Brust,
dem blutigen Dornenkranz auf meinem Haupt,
der Marterlast auf meinem armen Rücken!
Ich weiß nur dies und will nur dies jetzt wissen:
sie ist nicht mehr!

Äbtissin und dienende Schwestern legen sie ins Bett zurück. Sie scheint zu schlummern. Ermelinda, sich aufrichtend und gespannt um sich blickend

Äbtissin!

Äbtissin

Ja, Frau Herzogin?

Ermelinda

zeigt auf die Stelle, wo Frene gestanden

Hier stand sie?

Äbtissin

Ja. Erst hier, dann hier, dann hier.

Ermelinda

Mir ist, als trüg' ich noch das Kind im Schoß:
so ganz gehört sie mir als meine Tochter.
Ich frage nichts. Ich will nichts wissen. Der
sie einst mir gab, sie dann mir nahm, sie heute
mir wiederschenkte, wird die Kraft mir geben,
als Mutter morgen Frene zu umarmen.

Frene

tritt dicht ans Bett, kniet nieder

Hier bin ich, Mutter! Mutter, tu es heut!

Ermelinda

tastet nach Frenes beiden Händen, ergreift sie und richtet sich an ihnen halb auf

Zuviel! Es ist zuviel! Der Himmel splittert!
bricht über mir zusammen. Du bist Gerlind:
mein Blut! Niemandes Wort braucht mir's beweisen:
du bist's! Auch wenn es alle leugnen, bist du's!
Beginnt aufs neu und schwört auch dies mir ab:
ich lache, lache, lache eurer Torheit!

Sie wendet sich nicht einen Augenblick von Frenes Antlitz ab und betastet sie, um sich von der Wirklichkeit ihres Daseins zu überzeugen.

Leise sind die Prinzen hereingetreten und bilden nun mit Gerald eine dichte Gruppe um Frene.

Heurodis

Nichts ist hier abzuschwören, süße Freundin!
und alles, was Gott wollte, ist erfüllt.
Der Zwillingsstreit ward holder Zwillingsfriede.
Dies hier ist Paul, der Bräutigam Geralds,
und dies ist Peter, Frenes Eh'gemahl.
Leg deine Hände segnend auf das Kleeblatt!

Ermelinda

Ich segne, segne euch! Voll Segen ist
der Raum, das ganze Haus, ringsum die Welt!
Ich selbst bin Segen! Friede! Segen! Friede!
O Seligkeit, o Ruhe, Ruhe, Ruhe!

Sie sinkt sanft zurück, Frenes Hände in den ihren haltend.

Arzt

Sie ist nicht mehr.

Trossebof

Dies war des Sehers Wort,

er sagte: Freude tötet! – Sei die Ruhe
der Dulderin gegönnt! – Wir andern aber,
wir ehren das Geschenk, das ihr geworden!
Insonderheit ihr neuvermählten vier:
ehrt es, doch ohne Trauer!
Ein anderes Geschenk ward euch zuteil:
das Paradies der Liebe und das Leben!

 

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