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Gutenberg > Gerhart Hauptmann >

Die Tochter der Kathedrale

Gerhart Hauptmann: Die Tochter der Kathedrale - Kapitel 5
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleDie Tochter der Kathedrale
publisherPropyläen Verlag
year1971
isbn3549051437
editorHans-Egon Hass
firstpub1939
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180716
projectid266c358b
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Zweiter Akt

Erste Szene

Hohes Gemach im Palast des Herzogs Otto von Andorra.

An einem Beratungstisch sitzen erhöht Herzog Otto und seine Gemahlin Heurodis. Sonst auf einfachen Sesseln Äbtissin Anna, Prinz Paul – der Sessel neben ihm, Prinz Peter zustehend, ist leer –, Kanzler Trossebof, der Dombaumeister und andere Räte der Krone. Neben dem Herzog Abt Ugo, sein Beichtvater, hinter dem Herzog sein Arzt Olfredus.

Herzog Otto

Bevor Wir diese geheime Ratsversammlung eröffnen, entbieten Wir diesem engsten Kreis von Vertrauten Unseren Gruß. Wir kommen ein wenig gebessert aus Ax zurück, wo Wir die heißen Quellen gebraucht haben. Trotzdem gewährte der Himmel Uns noch keine schmerzensfreie Stunde am Tag. Die Ärzte, insonderheit Unser Leibarzt, sind ohnmächtig. Wir klagen deswegen nicht, Leiden sind Strafen oder Prüfungen. Wenn die Fürbitten der Kirche und die der lieben Heiligen, die Wir darum anflehten, unerhört blieben, so müssen Wir eben weiter nach dem Grunde suchen, bis Wir die Sünde in Unserm Innern ausfindig machen, die den Zorn des Himmels erregt.

Vorerst aber genug davon.

Ich würde gern eine Wallfahrt zu einem lieben wundertätigen Bilde antreten, wenn mich meine Füße noch tragen würden. Leider aber tun sie es nicht, mag ich noch so sehr auf die Zähne beißen. Wäre ich jung, das Heilige Grab sollte mir nicht zu ferne sein.

Nun: ich ahne wohl meine Verfehlungen. Die Häresien nehmen in meinem Lande zu, und ich habe die Kraft nicht, durchzugreifen, sie auszurotten mit Feuer und Schwert. Kommt hinzu, daß wir den Krieg gegen Foix zu lax betreiben, den Staat der Kirchenschänder und Gottesleugner. Ich will ungesagt lassen, was meines Erachtens dafür die Ursache ist. Immerhin ist es kein Wunder, wenn die meinetwegen schweigende Mißbilligung einer Mutter die Waffen selbst eines Sohnes wie Prinz Paul stumpf macht.

Prinz Paul

fährt empor

Mein durchlauchtigster Vater wird bald erfahren, wie stumpf meine Waffe ist.

Heurodis

Trossebof, laß uns zur Sache kommen.

Trossebof

Nur selten hab' ich mich erhoben, Herr
und Herzog, so befriedigt von der Botschaft,
die ich zu bringen habe, als wie heut.
Unglaubliches geschah. Der Krieg ist aus.
Durch Gottes Gnade, mit dem Kreuz am Helm,
hat Euer Heldensohn – wahrhaftig nicht
mit stumpfer Waffe! – Foix und Herzog Wilhelm
ins Knie gezwungen. Seine Boten flehen
um Waffenruhe.

Prinz Paul

Waffenruhe? Niemals!

Herzog Otto

Du greifst mir vor. Doch sei's. Was du gesagt,
dacht' ich wie du im gleichen Augenblick:
Niemals! Liegt Foix am Boden, wie Ihr sagt,
so heißt, was wir verlangen, Unterwerfung!

Arzt Olfredus

Bleibt ruhig, Herr. Ihr wißt, dies ist die Vorschrift:
Erregung des Gemütes zu vermeiden.

Herzog Otto

schäumend

Hunde und Katzen, Kröten und Vipern! Was?
Von Waffenruhe redet dies Geschmeiß?
Es sei zerquetscht, zermalmt, zerstampft, zertreten!

Die Stimme versagt ihm, er schlägt um sich.

Prinz Paul

Sei ohne Sorge. So verderbte Brut
ist keinen deiner Atemzüge wert.
Ich aber schwör' beim Leichnam unsres Heilands,
daß diese meine Klinge niemals ruhn wird,
bevor ich diesen Gecken, Herzog Wilhelm,
in einem Käfig vor dich hingestellt,
wo er verhungern mag, wenn du's befiehlst
und ihn nicht etwa durch die Stangen fütterst.
Und diese sogenannte Herzogin –
Bastard von einem Miselsüchtigen
und einer Hure –, eh sie nicht drei Tage
hier zu Andorra an dem Schandpfahl stand,
wird ihr der Strick nicht um den Hals gelegt,
an dem sie sich zu Tode zappeln soll,
unter dem nächsten besten Galgen.

Heurodis

Deine Worte
besudeln, Paul, dein junges Heldentum.
Du wirst die Flecke nur mit Mühe tilgen.
Kämpf mit Äneas, Hektor oder mit
Penthesilea meinethalb. Üb Rache
an ihnen, doch gönn einer alten Frau
ihr Stübchen, ihr Stück Brot und ihre Kunkel.

Prinz Paul

Mutter, Ihr seid vergeßlich und ich nicht.
Zwölfjährig schlug der Vater mich zum Ritter,
nachdem ich Unversöhnlichkeit gelobt
im Streit mit Herzog Wilhelm, Rache aber
an der Megäre, die sein Weib sich nennt,
an dieser sogenannten Herzogin,
die dich und unsern ganzen Stamm entehrt hat.
Sie tat's! Der Vater hat es mir erzählt,
und seitdem steht's mit Feuerlettern hier
und hier.

Er berührt seine Stirn und sein Herz.

Und reit' ich in die Schlacht, so brenn' ich ganz.
Hier ist mein Feuerstift, der blutig schreibt
ins Angesicht von Foix die Klageschrift,
die keine Gnade kennt und die nicht eh'r
verlischt, als bis die Sühne sich erfüllt hat:
das heißt, bis Dorn und Distel über Foix
und über zwei verfluchten Gräbern wachsen.
Frau Mutter, wie Ihr seht, ich führe Buch.

Heurodis

Das tust du, aber dies dein Buch verbrennt
am Ende nicht nur Foix, auch dich und uns.
Möchten die Wasser aller Meere doch
darüber stürzen, seine Schrift verlöschen,
es in sich saugen, mit sich nehmen und
versenken in die tiefsten Tiefen. Denn
es lügt und speit Verderben, dieses Buch.

Prinz Paul

Gebarst du Zwillinge, Peter und mich: Paul?

Heurodis

Nun, Gott sei Dank gebar ich Zwillinge.
Ich ward beschenkt mit ihnen, Gott sei Dank,
und ward beglückt durch sie seit achtzehn Jahren.
Ich sah sie wachsen, werden und gedeihn,
durchwärmt von Mutterstolz und Mutterglück.
Was weiter?

Prinz Paul

Gut! Doch sagte nicht Ermlind,
die Herzogin von Foix, in Gegenwart
von allen unsern Rittern: Zwillinge bewiesen
die eheliche Untreu' ihrer Mutter?
Ist dies so, oder lügt hierin mein Buch?

Heurodis

Armselige Ermlind! Wenn du jemals Gift
in meinen Gnadenbecher werfen wolltest
und warfest: ich blieb heil und unberührt.
Mein hoher Herr und Herzog leider nicht.
Denn seitdem wütet dieser blut'ge Krieg,
aus einem Flöckchen Nichts entstanden, das
ein Schicksalssperling vom beschneiten Ast
gestreift. Es fiel und rollte sacht zu Tal,
dann schneller, immer schneller, bis es endlich
lawinenmächtig alles mit sich riß,
Städte und Dörfer unter sich begrabend.

Herzog Otto

Begrabe sie denn endlich auch Foix!

Heurodis

Und mich, wenn ihr die goldne Friedenspalme
auch diesmal niedertretet in den Staub.
Mein unverbrüchlich Wort – ich schleudre es
dem Dämon der Verblendung ins Gesicht –
heißt Waffenruhe, heißt Versöhnung, Friede!

Herzog Otto

Bin ich der Herrscher von Andorra oder
vielleicht ein ehrvergeßner Weiberrock?
Mein linker Arm, mag sein, er ist gelähmt.
So halt' ich denn das Szepter in der Rechten.
Schickt die Gesandten Herzog Wilhelms heim,
und zwar verkehrt auf Eseln reitend, jeden
darauf mit Henkerstricken angeschnürt.
Sic volo! Gehe die Beratung weiter.

Heurodis

erhebt sich

Doch ohne mich. Du, Otto, sprachst ein Wort,
das eine Frau aus königlichem Blut
für ewige Zeiten trennt von seinem Sprecher.
Dawider hilft kein eheliches Band.
Hier werden Basilisken ausgeheckt
im eklen Nest des menschlichen Gehirns
von widerlichen Kröten des Gedankens.
Pfui über dieses aberwitzige Tun!

Trossebof

Bleibt und beruhigt Euch, Frau Herzogin,
und zwar, bedenkt das, um der Sache willen.

Abt Ugo

Erlaubt, Herr Herzog, mir ein kurzes Wort,
und Ihr, Frau Herzogin. Ist hier die Rede
von Basiliskeneiern, nun, ich fürchte,
daß uns hier auf des Herzogs Seite und
Prinz Pauls die Schuld daran am mindsten trifft,
wenn eins gelegt ward oder eins zerbirst:
Ihr werdet selbst das Urteil sprechen können.
Ich bin der Beichtiger des Herzogs, gebe
der Himmel ihm und dann uns allen Kraft,
dem Gift des Eies nicht zu unterliegen.
Dort ist ein Sitz, der Stuhl Prinz Peters, leer ...

Herzog Otto

Weshalb? Wo ist er?

Heurodis

Welche Wendung? Was
bezweckt sie wohl in diesem Augenblick?
Ich bin die strengste Mutter. Wenn Prinz Peter
nachlässig ist in seiner Pflicht, so treff ihn
die Strafe doppelt hart, weil er ein Prinz ist
und kein gemeiner Mann.

Abt Ugo

Ich höre wohl
dies Wort, Frau Herzogin, doch sah ich nie
verwirklicht, was es ausspricht. Mutterliebe
hat Mahnung, Rüge, Strafe, die Belehrung
selbst unsrer heil'gen Kirche stets entkräftet
und so wohltätige Zucht an diesem Sohn.

Trossebof

Herr Abt, dies ist ein schwieriges Kapitel,
weitläufig überaus. Vertagen wir's,
und gießen wir nicht ferner Öl ins Feuer.
Der Dombaumeister bittet jetzt ums Wort.
War meiner ersten Botschaft der Erfolg,
den ich vermutete, auch nicht beschieden,
hier, denk' ich, kann nur eine Meinung sein,
beim tiefen Ernst der Kirche und bei jenem,
der auch dem heitren Weltsinn nicht entsagt.

Dombaumeister

Frau Herzogin, Herr Herzog, allgeliebtes
gottsel'ges Herrscherpaar, zur Nachricht diene:
Seit gestern schmücken Eure Ebenbilder
das Chor der Kathedrale:
steinerne Meisterwerke hoher Kunst.
Die Heil'ge Jungfrau mit dem Jesusknäblein
krönt eine Säule, die Euch eint und trennt.
Der Pfeiler mag uns für die Kirche gelten,
in dem all ihre tiefste Wahrheit lebt
und ihre Schönheit gipfelt.
Laßt mich den holden Umstand nicht verschweigen,
daß unsere heilige Kathedrale selbst
ihr Töchterchen dem Meister als Modell lieh.

Herzog Otto

Ihr meint das vielbesprochne Findelkind,
das man wie eine Heilige verehrt?

Dombaumeister

Ja, Herr. Die Heil'ge Jungfrau gleicht ihr fast
in jedem Zug.

Äbtissin Anna schluchzt laut auf und verhüllt ihr Gesicht.

Heurodis

Was hast du, Anna? Schwester?

Es tritt eine Pause ein, in der sich alle verdutzt anblicken.

Herzog Otto

Nimm, Dombaumeister, meinen vollen Dank.
Er wird auf jede Art sich dir erweisen,
dir, der so liebevoll dem schönen Werk
gedient und zur Vollendung es geführt.
Ich hing daran, ich geb' es zu, wie selten
an einem Lieblingswunsch. Der Heil'ge Vater
hat seinen Segen uns gesandt und ihn
bekräftigt. Ja, ich werde weich,
nicht gegen Gottesfeinde, nein, in Foix –
doch gegen dich, Heurodis, die nun einmal
der Himmel mir als Gattin angetraut:
Wir stehen nun, bedenkt's, in seinem Vorhof,
wenn auch als Bilder nur von Stein, wir wohnen
fortan im Gotteshause. Keine Messe
an irgendeinem Altar, der es ziert,
wird je von uns versäumt. Das Findelkind –
ich hab' es selten nur erwähnt, allein,
ich nahm es immer als ein Gnadenzeichen
der göttlichen Dreieinigkeit, als ihr
Geschenk, als einen Wink zu sel'ger Hoffnung.
Einst, dessen bin ich sicher, wird dies Kind
in kommenden Jahrhunderten die Schar
der Heil'gen mehren, dessen reine Züge
zu tragen sich die Jungfrau aller Jungfraun
gnädigst herbeiließ. Bringt das Mägdlein zu mir!
Schon einmal hat ihr Anblick meine Schmerzen
gelindert, die Berührung ihrer Hand
dem toten Arm Bewegung mitgeteilt,
ihr Wort, ihr Atem wie Genesungshauch
mich angeweht.

Abt Ugo

Nun aber muß ich reden!

Äbtissin

Durchlauchtigster, hochwürdigster Herr Bischof,
laßt Euch beschwören, tut es ... tut es nicht!
Wir haben Allerschlimmstes zu befürchten
so für den Herzog wie die Herzogin.

Abt Ugo

Mein Amt ist Wahrheit, alles steht bei Gott.
Nicht Euch betrifft es, Euch bestätigt's, was
ich mitzuteilen habe. Diesmal nichts,
was einer frohen Botschaft ähnlich sieht,
auch nur von ferne ähnlich sieht, Herr Kanzler.
Beschönigen das, was geschehen ist,
hieße mit dem Verbrechen selber sich
beflecken.

Herzog Otto

Ein Verbrechen?

Abt Ugo

Ja und Amen!
Er aber, der Verbrecher, von zwei Nüssen
in einer Schale die zerfaulte – er,
gänzlich verdorbnen Bluts aus ebendem,
dem unser junger Held, Prinz Paul, entsprossen –
er, einer tausendköpf'gen Viper gleich
ganz dicht am Thron, die alles in Gefahr bringt,
was je Andorras Macht und Ehre hieß –
er, der den Namen des Apostels Petrus
durch seinen schändet, dieser Bube – ja,
Frau Herzogin, hier kein Verschleiern mehr! –,
ein Bube tausendfach ist jener Wegwurf!
Und ist er's nicht, so werd' er's. Denn entweder
Ihr speit ihn aus, Ihr wischt ihn Euch vom Rock,
Ihr wascht mit aller Meere Wassern ihn
von Euren Händen und aus Eurem Blut –
oder Ihr sterbt in Unrat, Ihr erstickt darin,
und Höllenfeuer tilgt Euch von der Erde!

Heurodis

sehr bleich

Meint Ihr den Vorfall auf der Straße? Als
ein Mensch, in dem man meinen Sohn vermutet,
zur Laute sang und so die Andacht störte?
War es Prinz Peter, der sich solchen Unfugs
erkühnte und erdreistete, er wird
die Hand der Mutter schwerer auf sich fühlen
als je des Vaters.

Abt Ugo

Peter, Euren Sohn,
hat sträflich Eure Nachsicht umgewandelt
in jedes Raubtier, das die Erde trägt.
Der Teufel ist sein Gott und ist sein Meister,
er zauberte ihn um in einen Wolf.
So brach er in die Lämmer Gottes ein
und übte Raub an einer Heilandsbraut.
Er riß das Jesuslämmlein mit sich fort
bei Nacht und Nebel, und es bleibt verschwunden.
Auf Rossen jagten seine Spießgesellen
und er davon, und die er raubte, war
sie selbst, der Gottesfindling, unsre Frene!

Prinz Paul

Wenn dies die Wahrheit ist, mein Zwillingsbruder
und nicht der Satan selbst die Tat verübt hat,
um ihn und uns zu stürzen, seh' ich nichts
um ihn und mich und unser ganzes Haus
als Tod und schwarze Nacht. Was mich betrifft,
so ist mein Platz fortan nicht dort, wo Ritter
im Ehrenkleide hoher Streiter Gottes,
zu fechten auserwählt, sich tummeln; denn
der Aussatz, der ihn frißt, bedeckt auch mich.
Gebt mir ein Werkzeug, daß ich meinen Leichnam
– ich bin nicht mehr – zehn Klaftern tief vergrabe
Wer steht mir bei und macht mich unsichtbar
vor Gott und Menschen? Niemand sieht mich wieder,
wenn diese Schandtat sich als wahr erweist.

Er wirft sein Schwert fort und geht.

Heurodis

Steinbilder hat man von uns aufgestellt.
Nun bin ich selbst von Kopf zu Sohle Stein.
Das Blut gerinnt, erstarrt mir in den Adern,
ich möchte reden und vermag es nicht,
und doch, es muß geschehn. Graf Trossebof,
Ihr selber untersucht den Fall genau!
Denn blind Verdammnis schleudern auf zwei Prinzen,
die ihresgleichen suchen in der Welt,
zwei Söhne – denn so ist es – einer Mutter
und einem Vater rauben,
trotz allem eines Landes höchste Hoffnung
und höchste Zier,
vielleicht um eines Irrtums willen, nein,
dies geht nicht an.

Trossebof

Der Meinung bin auch ich
und werde pünktlich den Befehl erfüllen.

Herzog Otto

mit Grabesblässe

Holt Paul zurück! Sein Schwert hebt auf und gebt
es mir!

Es geschieht.

Man wickle es in Seide.
Ihn selber führt in prinzliches Gewahrsam,
gebet ihm Ärzte bei, die ihn bewachen.
Denn allzuleicht verwirrt ein tiefer Schmerz
den stärksten Geist. – Die Herzogin hat recht.
Der Fall sei untersucht.
Erweist er sich als wahr, wie fast gewiß ist,
nun, dann verfährt man nach der Heiligen Schrift:
Wenn dich dein Auge ärgert, reiß es aus
und wirf es von dir! Und der Scheiterhaufen
wird einen Prinzen Peter von Andorra
so gut zu Asche brennen, wie nur je
er einem Ketzer tat und Kirchendieb.

Zweite Szene

Ein kleiner Herrenhof mit Ziehbrunnen. Schlichtes Herrenhaus mit Blumengarten. Liebliche parkartige Umgebung. Der Hof stößt an einen See, auf einer Landzunge: Kapelle.

Auf einer kleinen Hausterrasse sitzen Prinz Peter und Watriquet beim Weinkrug. Es ist gegen Abend eines herrlichen Tages. Man hört Sensendengeln und ferne Dudelsackmusik. Peter ist als Landmann gekleidet.

Prinz Peter

Vor allem seh' ich eines: daß du da bist,
entgangen den Gefahren, die du, Freund,
um meinetwillen auf dich nahmst.

Watriquet

Es war
wohl kaum der Rede wert. Das Kleidungsstück,
das du im Turm getragen, deine Kutte,
kam mir zupaß. Ich schlich, darin versteckt,
mich horchend durch die Gänge des Palastes,
und wo man von dir sprach und deinem Streich,
war niemand, der dich so wie ich verdammte.
Die Untersuchung dessen, was du tatest,
lag in der Hand des Kanzlers Trossebof.
Es stellte sich heraus, daß eben doch
am Tatbestande nicht zu deuteln war
und du das schöne Kathedralenkind
entführt, 's ist wahr: das Urteil deines Vaters
läßt dem Gericht der Kirche freien Lauf:
einstimmig ward der Feuertod beschlossen.

Prinz Peter

Nun, Gott sei Dank bin ich hier außer Landes,
in Foix, und dort wird höchstens auf dem Markt
ein Ochs gebraten, aber nie ein Mensch.

Watriquet

Des Abtes Ugo Wut war fürchterlich,
ihr erstes Opfer ist das arme Gasthaus
Zur Kanne vor dem Dom. Es ist nur noch
ein Haufe Schutt und dieser selbst verflucht
für ew'ge Zeit. Wer hätte wohl gedacht,
als wir an jenem heitren Morgen es
betraten, daß wir schuldlos-lust'ge Burschen
den Mordbrand unter dem Gewande trugen.
Ich will nicht wissen, was mich gruseln machte,
als ich zwei Stangen sah, im Schutt befestigt
– der Vollmond schien, es war die schönste Nacht –,
und obendrauf, auf jeder, irgendwas,
das boshaft häßlich grinste. Niemals wieder
wird uns der arme Zapfer eine Kanne
Xeres kredenzen. Nein. Und auch der Wirt nicht.

Prinz Peter

Was sagt zu solchem Strafvollzug die Mutter?

Watriquet

Nun, deine kühne Tat – ich bill'ge sie! –
hat deiner Mutter Einfluß nicht gestärkt,
und sie vermochte nichts zu hindern. Doch
nun nehm' ich etwas aus der Satteltasche,
das Hoffnung gibt und dich erfreun kann: mache
auf einen Leckerbissen dich gefaßt.
Abt Ugo starb an seiner eignen Wut,
ihn traf der Schlag, er rutschte tot vom Maultier.

Prinz Peter

Unmöglich! Was, was sagst du? Laß mir Zeit!

Watriquet

Tot und begraben ist der Abt, und dies
hat sicherlich den Eifer wider dich
und deine Tat erheblich abgekühlt.

Prinz Peter

Welch ein Entscheid von allerhöchster Stelle!
Das packt mich seltsam an. Mein schlimmster Feind
von Gottes unsichtbarem Blitz gefällt!

Watriquet

Die ganze Stadt, das ganze Land sagt Amen
und im geheimen selbst die Klerisei.

Prinz Peter

Vor allem ich. Als Beicht'ger meines Vaters
hielt dessen Seele er in seiner Hand.
Ganz nach Belieben hat er sie geknetet,
wie nur ein Bildner immer Wachs und Ton.
Er ganz allein, Abt Ugo, war der Krieg.
Er sorgte dafür, daß die Narretei
der Herzogin von Foix, wonach wir beide,
wir Zwillinge – gemeint sind Paul und ich –
bewiesen, daß die Mutter unserm Vater
untreu gewesen, nicht vergessen wurde.
Nun sag: wie stellt sich Paul zu meinem Schritt?

Watriquet

Es sind unzählig viele Fragen, Peter,
auf die sich's leichter Antwort gibt. Er siegte,
wie du vielleicht nicht weißt, in einer Schlacht
so völlig über Herzog Wilhelm, daß uns Foix
um Waffenruhe anging. Euer Vater
und Paul verlangten wie aus einem Mund
die Unterwerfung. Unterwerfung nicht
auf ritterliche Art, nein, Unterwerfung,
schmachvoll, wie nur grausamster Haß sie aussinnt.
Eh man's jedoch die Räte wissen ließ,
ward, in gewissem Sinne unbedacht,
dein Fall vom Abte Ugo aufgerollt,
und wunderlicherweise traf er Paul,
so hat man mir gesagt, am allerstärksten.
Es heißt, er warf sein Schwert weg, fluchte laut
der Welt und, sagt man, allem um sich her,
sich selbst am meisten; schwur, er sei von Schmach
bedeckt, nichts andres bliebe ihm zu tun,
als sich vor Gott und Menschen zu verkriechen.

Prinz Peter

Nun, und?

Watriquet

Er ging und ist seitdem verschollen.

Prinz Peter

Das tut mir weh. Doch Paul war immer seltsam.
Zum Beispiel, wer wie er den Spielmann haßt
und mir dann insgeheim ein Liedchen hersagt,
das Frene als die Tochter Gottes feiert,
ist ohne Zweifel wunderlich.

Watriquet

Dies hat er
wirklich getan?

Prinz Peter

Er brachte mir's, als wär' ich
sein Beichtiger, ward rot, als er es sprach,
und nannt' es dann ein läppisch Kind der Laune.

Watriquet

Und lobt das Liedchen seinen Dichter?

Prinz Peter

Nun,
Paul ist mein Bruder. Also Paul verschwand.
Auch dies ist nicht das erstemal.
Schon einmal war er wochenlang verschollen
und tauchte dann beruhigt wieder auf.
Berichte weiter.

Watriquet

Als der Friedensstörer
bestattet in der Klosterkrypte lag
und Paul verschollen war, hat deine Mutter
zunächst die Waffenruhe durchgesetzt.
Mit einer ohnegleichen Willenskraft
bestand sie jeden Einwand deines Vaters.
Selbst Paul, so rief sie, warf die Waffe fort.
Kurzum, sie nahm das Steuer in die Hand,
des Staats, so fest, wie nur ein echter Mann
und starker Herrscher. Ihr zugute kam,
daß Herzog Otto auf dem Siechbett lag,
ins Mark getroffen, scheint's, durch Ugos Tod.
Die Stimme deiner Mutter aber schien
nur noch ein Wort zu kennen: Friede, Friede!

Prinz Peter

Die Sonne leuchtet heller, teurer Freund,
die Vögel jubeln lauter, süßer duften
die Blumenbeete und das Wiesenheu
im Augenblicke einer solchen Nachricht.
Ich bin erlöst von einer dumpfen Last.
Mich ängstigt eine andre Frage mehr:
Weiß man, wo uns der Minnegott versteckt hält,
Frene und mich?

Watriquet

Mir scheint, Äbtissin Anna
hat ungefähr es ausgemittelt, nicht
zu deinem Nachteil. Denn sie sucht nunmehr
die Sache selbst womöglich zu vertuschen.
Auch mein' ich fast, daß Kanzler Trossebof,
ermutigt durch Heurodis, deine Mutter,
und auch aus eigner Liebe, Freund, zu dir,
weiß, wo ihr euch versteckt. Und ist dies nicht
der Herrenhof, den Herzog Wilhelm Trossebof
verehrt, als dieser noch am Hof zu Foix
mit ihm in Freundschaft engverbunden lebte?

Prinz Peter

Nun ja, er ist mein wahrer Vater, er,
nicht Herzog Otto. Doch genug davon.

Watriquet

Man weiß am Hof zu Foix, Prinz, daß Ihr hier seid?

Prinz Peter

Kein Zeichen spricht dagegen, keins dafür.
Doch niemand stört uns. Williger Dienst umgibt
uns herzlich, ja mit Liebe, überall.
Nur zweimal hat sich eine Seltsamkeit
ereignet, jedesmal in einer Mondnacht:
ein Wesen, Amazonen ähnlich oder
Dianen, übersprang die Weinbergsmauer
und holte einen Uhu aus der Luft,
der um den See revierte, mit dem Pfeil.
Man rief sie an, doch Antwort gab sie nicht.
Und plötzlich, wie sie kam, entschwand sie spurlos.
Es konnte Wilhelms einzige Tochter sein.
Sie sei, so sagt das Volk, im Wald verwildert.
Nun einerlei, wir gönnen ihr das Wild,
das sie erlegt und das mit ihr verschwand.

Frene erscheint und nähert sich dem Ziehbrunnen. Sie trägt einen Wasserkrug auf dem Kopf.

Watriquet

Wer ist die Magd, die dort so herrlich wandelt?

Prinz Peter

Wer sonst als Frene?

Watriquet

Nun erkenn' ich sie:
Ancilla Dei, Semele, Europa,
du bist verwandelt, und die Spielmannszunft
muß andre Saiten auf die Harfe spannen
und dir mit neuen Liedern huldigen.
Ist mir's erlaubt, vor ihr das Knie zu beugen?

Prinz Peter

Wenn sie so vor sich hin schafft, darf man sie
nicht stören, sonst erschrickt sie, bebt und schweigt.

Watriquet

Und schafft sie viel so vor sich hin?

Prinz Peter

Das tut sie.

Frene hat den Krug gefüllt, ihn auf den Kopf gehoben und geht ab.

Watriquet

Ist sie dein Weib?

Prinz Peter

Vor Gott und Menschen. Dort
in jenem Tempel wurden wir getraut
von Pater Bonifaz.

Watriquet

Du hast dem Sünder
das Tor zu deinem Himmel nicht verschlossen?

Prinz Peter

Nein. Doch mir kommt es vor, er sei wie ich
nicht mehr der gleiche, der er war. Die Tochter
der Kathedrale hat auch ihn geläutert.
Er pflegt das kleine Gotteshaus, er kehrt
die Fliesen, staubt die Heil'genbilder ab,
steckt Lichter auf und putzt sie, speist mit Öl
die Ew'ge Lampe, das Weihwasserbecken
wird neu gefüllt und neu von ihm geweiht
alltäglich, und die heil'ge Messe liest
er unverbrüchlich morgens am Altar.

Watriquet

Seltsam ist wahrlich euer Gottesdienst.

Prinz Peter

Doch Gott gefällig, glaub mir, wie kein andrer.
Wir leben das Mysterium des Fleisches
und fühlen tief das Wunder, das es darstellt,
Frene und ich. Red' ich ein wenig fremd,
erkläre dir's mit jener Himmelsfremde,
die uns berührt hat. Jenes Sakrament,
in dem mit totem Stoff sich Gott vermählt,
ist in uns. Und wir dienen wortlos fast
dem Unaussprechlichen. Sie spricht nicht, ist
fast stumm – ich meine Frene. Wie du weißt,
ist ihr Gesang versagt. Sie kann nicht singen,
nicht einen Ton. Und könnte sie's – mir schiene
es unkeusch! Was sie ist und nicht ist: alles
ist jetzt mein Eigentum, nicht mehr das ihre!
Ihr klopfend Herzblut, ihres Busens Woge,
die Seele ihres Fleisches – alles ist
in mir, wie ich darin bin. Sei gewiß:
dies ist es, was das Menschenkind erhebt
– des Fleisches Auferstehung will ich's nennen –
und ihm den Neid auf jeden Himmel nimmt.
Doch – Watriquet, nun komm mit mir ins Boot!
Wir sind gewohnt, die Fische selbst zu angeln
für unsre Tafel. Wildbret liefert uns
die Jagd, wie auch der kühle Wein uns zuwächst.
Bei Tische laß uns deine Rückkehr feiern!

Beide gehen ab.

Frene kommt wie vorher mit dem leeren Krug auf dem Kopf. Sie füllt ihn am Ziehbrunnen.

Drei Maultiere, das erste unter einer Last von Kisten, das zweite unter der Reiterin Afra. Auf dem dritten sitzt der Maultiertreiber. Jetzt springt der Maultiertreiber ab und hilft Afra von ihrem Tier herunter.

Frene stutzt, schlägt das Kopftuch dicht um den Kopf und betrachtet aufmerksam den Vorgang.

Afra

im Absteigen

O weh mir! meine alten Knochen! Langsam!
Beschwerlich war der Weg und lang. Allein,
was tut man nicht, um Unheil gutzumachen.

Zu Frene, die durch das Kopftuch unkenntlich ist

Ich suche einen Hof, der einem Bauern
Orfeo zusteht. Sagt, bin ich hier recht?

Frene

Das ist so obenhin nicht zu bejahen.
Was würdet Ihr dem Bauern bringen, sprecht?
Ich meine: Gutes oder Übles?

Afra

Gutes!
sofern ihm schweres Unrecht gutzumachen
noch einmal die Gelegenheit sich bietet.
Allein, es kommt mir weniger auf den Bauern
als auf ein Mägdlein an, das bei ihm ist.
Das dritte Maultier, das jetzt dieser ritt,
soll sie zurück ins Kloster bringen und
in die so schnöd verscherzte Bahn der Pflicht.

Frene

Wie heißt das Mägdlein?

Afra

Frene.

Frene

Die bin ich!

Afra

Unmöglich! Frene wärst du?

Frene

Ich bin Frene,
und du bist Afra, nun erkenn' ich dich,
die einst an ihren Brüsten mich gesäugt.

Afra

Du bist nicht Frene!

Frene

Und warum nicht?

Afra

Weil
du eine andre bist, die ich nicht kenne.
Frene ist nicht so schön wie du, ist nicht
so hochgewachsen, trägt den Nacken nicht
so grad und stolz, ihr Gang erinnert nicht
an Hoffart. Eines reifen Weibes Fülle
war dieser keuschen Jungfrau nicht beschert.

Frene

Nun ja – wir sind getraut. Ich bin sein Weib.

Afra

Bist wessen Weib? Ich suche Frene, hörst du?
des Münsters Tochter und die Braut des Heilands!
Nicht irgendeines Lotterbuben üppige
und sündige Beischläferin.

Frene

Ich bin
das Weib Orfeos.

Afra

Und wer traute euch?

Frene

Der Pater Bonifatius, am Altar
des Gotteshauses, das dort hart am See steht.

Afra

Es war der Teufel, der euch traute! euch
mit Höllenpech zusammenleimte, dich,
den Sukkubus, und ihn. Du bist nicht Frene!
Gott hat dies keusche, schlichte Himmelskind
entrückt – man sagt dies schon ganz allgemein –
fern in ein Kloster zu Jerusalem.
Hier aber ließ er Satanas gewähren!

Frene

Ich hör' – und höre nicht, daß du was sprichst.
Auch, Afra, regt sich in mir keine Antwort.
Vielleicht zwar bin ich im Gelobten Land,
denn mich umgibt der süßeste der Träume.
Doch du, mir räumlich nah, bist dennoch mir
so fern wie fast gestorbenes Erinnern!

Afra

Bist du nun Frene – oder bist du's nicht?

Maultiertreiber

ihr den Fuß küssend

Sie ist es! ist es! ist es, Mutter Afra!

Afra

Dann nur verderbt, vom Hauch der sünd'gen Lust
verwandelt und vergiftet. Nein, du bist
nicht Frene! Nie hat Frene je so frech
mich angeblickt. Sie senkte ihre Wimpern
in Demut, wenn man sie vermahnte, ihr
wenn auch den allerkleinsten Fehl verwies!
Du aber, ganz bedeckt mit Sündenschuld,
erhebst dein Auge mit dem Trotz der Hölle.

Die Kapellenglocke läutet.

Frene

faltet die Hände, legt die Stirne darauf

Nur einen Augenblick ... der Angelus.

Afra

zerbricht in Tränen. Nach Beendigung des Läutens

Du Unglückselige, wenn du Frene bist
und so versucht und so in Schmach gefallen –
komm zu dir! Höre deiner Mutter Wort!
Ich bringe dir im Auftrag der Äbtissin
und des Herrn Erzbischofs, wenn du zurückkehrst
ins Kloster, volle Absolution!
Im andern Fall stößt dich die Kirche aus
als räudiges Schaf, und du hast fernerhin
kein Recht mehr auf den Namen einer Christin!

Frene

Glaub mir: du irrst dich. Denn der liebe Heiland
hat anders mich belehrt und mich getröstet.
Er braucht die eignen Knechte nicht zu fragen,
ob er an einem seiner Erdenkinder
sich hilf- und gnadenreich erweisen darf.
An mir hat er's getan.

Afra

Verblendete!
Mag sein, Prinz Peter hat Gewalt gebraucht.
Und auf gewisse Weise warst du hilflos.
Doch schrecklich ist die Spur von eurer Tat!
Den Herzog warf sie auf das Krankenlager,
ja – wie man fürchtet – auf sein Sterbebett.
Ugo, den Beichtiger, riß der Tod vom Maultier,
nachdem er eure Untat kundgemacht.
Es ist der gnadenreiche Heiland nicht,
der dies bewirkt! Es ist der leidige Satan!
Du Unglückselige! wie wolltest du
zu sagen wissen von des Heilands Gnade!

Frene

Ich soll ein Kind gebären, und von dem,
der mir so lieb fast wie der Heiland ist.

Afra

taumelt zurück, streckt die Arme abwehrend vor

Fort, fort! Weh dir, Verlorne! Fort, nur fort!
Zu tief bist du hinabgesunken schon
in des Verderbens schauerlichen Abgrund.
Fort, fort! Hier droht die ewige Finsternis
und greift nach allem, was ihr schuldlos naht.
Wie furchtbar – schrecklich tief ist doch dein Fall!
Weißt du, daß die Madonna, die der Meister
nach dir gebildet hat im hohen Chor,
Blut weint? Es rinnen über ihre Wangen
blutrote Fäden, und die Fliesen zeigen
blutrote, feuchte Flecke unter ihr.
Sie zu versöhnen, liegen auf den Knien,
die Stirnen auf den kalten Steinen, Mönche
und Nonnen.

Frene

verneint mit überzeugtem Kopfschütteln

Nicht um meinetwillen, Afra,
geschieht dies. Denn die Große Mutter kann
nicht anders fühlen als nur mütterlich.
Und drum befragt, hat sie mir zugenickt
in unserem kleinen Gotteshause drüben.

Afra

Nun: die Äbtissin weiß nichts mehr von dir
fortan! sie schneidet jedes Band entzwei,
sie hat – dies soll ich dir ausdrücklich künden! –
stets nur mit Widerwillen dich betreut,
weil du, wahrscheinlich einer Sünde Frucht,
als Wegwurf aufgelesen wardst am Wegrand.
Dergleichen Früchte – heißt mich die Äbtissin
dir sagen – sind nun einmal, wie sie sind:
im Kern verfault und zeugen ihresgleichen.
Damit nun alles nach der Ordnung gehe,
kommt hier dein Eigentum, die eichne Truhe
mit unbekanntem Inhalt, wie man sie
bei dir, dem Findling, und versiegelt fand:
damit ist dann die letzte Pflicht erfüllt,
die man dir schuldet. Die Äbtissin sagte,
betreffend dich und sie, am Schluß dies Wort:
Sie ist gestorben, und nun sind wir quitt!

Die Kiste ist abgeladen. Der Maultiertreiber hilft Afra auf ihr Maultier.

Frene

Mütterchen Afra, nimm ein Schlückchen Wein!

Afra

Von dir? behüte Gott! Von diesem Hof
und dir Verlorenen nicht ein Schlückchen Wasser!

Sie schlägt auf das Maultier und reitet schnell ab.

Maultiertreiber

Ich bliebe lieber hier. Sie ist von Sinnen.
Die Frau Äbtissin setzt ihr täglich zu:
sie habe, sagt sie, dir zur Flucht verholfen
oder sah doch – so spricht sie – durch die Finger.
Mach dir nur nichts aus dem, was sie so schwatzt!

Er schwingt sich auf sein Maultier und reitet der Alten nach. Alle drei Maultiere ab.

Frene

allein. Sie blickt den Verschwindenden nach, legt dann beide Hände an den Hinterkopf und dehnt sich.

Da bist du nun, du einziges Stück Gepäck,
das mir die Vorsehung auf meine Reise
durchs Leben mitgab. Oft hab' ich geträumt
von dieser Truhe und von ihrem Inhalt.
Wie steht es nun damit? Bin ich noch immer
erpicht darauf, zu sehn, was sie enthält?
Kaum! Nein! Was kann's an meinem Leben ändern,
wenn ich den Plunder kenne, den sie birgt?
Nichts! Pierre ist reich, er hat, was er nur will.
Auch ich bin nichts als nur sein Eigentum.
Die Mitgift kann er höchstens nur belächeln.
Er sagt, er möchte mir am liebsten alles
zu Füßen legen, jede Kostbarkeit
der Erde und des Himmels. Könnt' ich ihm
ein Gleiches tun, enthielte diese Kiste
die Wunderlampe Aladins, das Hütlein
des Fortunat, so hätt' ich etwas doch,
um seiner Liebe Seligkeit zu lohnen:
Wunder mit Wunder! – Nein! – Dergleichen Gaben
erwecken Wünsche dem, der ohne Wunsch ist.
Er weiß nichts, sagt er, will nichts von der Welt,
seit er mich kennt, und als ich ihm verriet,
was ich einstweilen noch der Welt verberge,
rief er: nur das noch habe er gewollt,
sonst nichts mehr.

Sie hat auf der Truhe Platz genommen.

Sprich: was war wohl dein Beruf,
Truhe? von meinen unbekannten Eltern,
die ich mir gern huldreicher denken möchte,
dir zugedacht und mir? Bist du gedacht
ähnlich dem Schifflein, drin die Königstochter,
die Tochter Pharaos, den Moses auffand?
Sollst du ein Balken sein, an dem vielleicht
das Kind sich retten konnte, das ins Meer
erbarmungslos geschleudert ward? Warst du
bestimmt, die Mutterbrust mir zu ersetzen,
zum mindesten die Amme zu bezahlen,
wenn keine Wölfin in der Nähe war?
Oder enthältst du Futter für die Wölfin?

Prinz Peter ist herangeschlichen und beugt sich von rückwärts über Frene.

Prinz Peter

Was flüsterst du?

Frene

Nichts. Meine Seele rührt
ein Lufthauch wie das Laub von einem Baum.

Prinz Peter

hat sie geküßt

Zu lange war ich nicht mit dir allein!
Die Welt ist leer und tot! Komm!

Frene

Leer und tot:
du sagst es!

Prinz Peter

Komm!

Frene

Du hast Besuch?

Prinz Peter

Ja, Frene:
den Freund und Liedersänger Watriquet.
Er kniet im Geist wie ich zu deinen Füßen.

Frene

Nur du! nur du! Kein anderer!

Prinz Peter

Watriquet
geht eigne Wege, ohne uns zu stören.
Da fällt mir ein – es kam ein Maultierzug:
wo ist er?

Frene

Reisende. Sie tränkten
die Mäuler hier und zogen weiter.

Prinz Peter

Doch
was ist's mit dieser Truhe, drauf du sitzest?
Sie ist mir fremd. Auch ist sie allzuschwer
für deine Hände. Hat der Maultierzug
sie wohl zurückgelassen?

Frene
Ja. So ist's:
die Truhe und auch mich.

Prinz Peter

Wie sonderbar
du sprichst. Es kommt mir vor, als ob der Kasten
und du auf irgendeine dunkle Weise
ein Wiedersehen feierten.

Frene

Mag sein!
Sei alles denn nur kurz heraus gesagt:
's ist das, was die Äbtissin Anna mir
nachwirft ... ins schwarze Elend, wie sie meint:
die Erbschaft meiner unbekannten Eltern,
die ich als Morgengabe nun dir bringe,
»als reiche Fürstin«, in den Ehestand.

Prinz Peter

Du kannst nicht reicher werden, als du bist,
Frene!

Watriquet und Bonifaz kommen.

Bonifaz

Wer hat uns denn dies Ei gelegt?
In unseren Hof, in unser Minnenest
mitten hinein? Das Ding sieht seltsam aus.
's ist hoffentlich kein Basiliskenei,
das, wenn es eine Kröte ausgebrütet,
ein fürchterliches Tier entschlüpfen läßt,
'nen Schlangenvogel, goldgekrönt, des Blick
schon Tod bringt.

Watriquet

Sollte dieses Ei
vielleicht ein tödlich Elixier enthalten,
aus einer unnatürlichen Mutter Herz
durch schändliche Dämonen destilliert,
so laßt es liegen, Freunde, wie es ist!

Prinz Peter

Ahnst du, was diese Truhe wohl enthält?

Frene

Mein Heiratsgut: so wenig und so viel,
gut oder schlimm es sein mag! Wie ihr wißt,
bin ich ein Findling. Als ich noch getreu
im Münster diente, hieß es, daß man mich
gefunden auf dem Hochaltar. Nun aber
bin ich nicht ferner mehr ein Schützling Gottes.
Im Kehricht, heißt es nun, las man mich auf,
als Wegwurf.

Watriquet

Wenn der Pfaffe jetzt so spricht –
der Spielmann weiß es anders! Und er singt
in Straßen und Palästen Frenes Ruhm!
Sie stammt aus Avalun. Die Fee Morgana
ist ihre Mutter. Als ihr Vater gilt
Held Wigamur. Und wenn dies wirklich wahr ist,
so liegt in dieser Kiste Feengold,
in Feensamt und Hermelin gehüllt
und von Rubinen leuchtend – eine Krone!

Prinz Peter

hat die Truhe geöffnet und hebt daraus langsam eine solche Krone empor.

Es ist so, wie du sagst!

Frene steht wie geblendet und schlägt die Hände vors Gesicht.

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