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Die Tochter der Kathedrale

Gerhart Hauptmann: Die Tochter der Kathedrale - Kapitel 4
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleDie Tochter der Kathedrale
publisherPropyläen Verlag
year1971
isbn3549051437
editorHans-Egon Hass
firstpub1939
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180716
projectid266c358b
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Erster Akt

Erste Szene

In der Hauptstadt Andorra des Herzogtums Andorra. Weinhaus Zur Kanne, nahe dem Dom. Es ist vormittags im Sommer. Starkes Glockenläuten.

Der Wirt und der Weinzapfer.

Wirt

Was haben sie heut wieder im Dom? Seit fünf Uhr früh wackeln die Türme mit dem Kopf! Die Glocken vollführen einen Höllenlärm! Wollen sie uns taub und stumm machen?

Weinzapfer

Der Bischof wird in Prozession eingeholt. Es ist große Firmelung.

Wirt

Richtig! Wir wollen ein neues Faß anstechen.

Weinzapfer

Unser Gewerbe macht sich immer noch einigermaßen, trotz der schlechten Zeit. Um ihren Kummer zu vergessen, geben die Leute ihren letzten Heller für einen Krug Manzanilla aus.

Die Glocken verstummen.

Wirt

Verfluchter Krieg! Verfluchter Krieg! Immer wieder flackert er auf! Man freut sich und denkt: jetzt haben wir Frieden, wenn eine Weile kein Brandgeruch in der Gegend zu spüren ist – und heute um Mitternacht ist doch wieder Prinz Paul mit seinen Schwadronen durch die Stadt geritten. Da färbt sich irgendwo in den Bergen von Andorra oder im Herzogtum Foix die Erde rot.

Weinzapfer

Vom Schneeberg sieht man brennende Dörfer.

Wirt

Der Bruder des Prinzen Paul ist nicht so kriegerisch.

Weinzapfer

Wie doch Zwillinge manchmal verschieden sind!

Wirt

Äußerlich nicht. Da gleichen sie sich wie ein Ei dem andern. Prinz Peter – Prinz Paul: kein Mensch hält sie auseinander. Da gibt's eine ewige Verwechselung.

Weinzapfer

Nur auf den Mund braucht man achten, Meister. Prinz Paul blickt sauer, Prinz Peter süß. Aber er hat es hinter den Ohren.

Wirt

Er ist ein Prinz! Trotzdem: der Scheiterhaufen züngelt nach ihm. Ja, wenn nicht seine Mutter Heurodis wäre – kein Stäubchen seiner Asche würde heut noch zu finden sein.

Weinzapfer

Weiß und Schwarz, Tag und Nacht – bei den Goliarden, Possenreißern und Spaßmachern heißt es, sie seien beide so viel wie ein Tag. In den Zechstuben spricht man von ihnen, als wären beide nur eins: der Vierundzwanzigstundenprinz – Peter die Tagseite, Paul die Nacht. Die Lichtseite kommt von der Mutter her, von Herzog Otto die Nachtseite.

Wirt

Süßsaure Zwillinge, ein süßsaures Elternpaar. Zu alledem noch Krieg mit Foix, Krieg mit dem Lichte selbst sozusagen, wozu Herzog Otto den Schwefel, das Pech und die Galle liefert. Sag es nicht weiter, sag es nicht laut, aber Herzog Wilhelm von Foix, gegen den wir täglich zu Felde ziehen, ist der leibhaftige Sonnengott. Sein Lachen würde den Heiland am Kreuz gesund machen. Nicht umsonst erhebt sich der goldene Tempel des Abellio auf dem Burgfelsen von Foix.

Weinzapfer

Hätten wir doch einen solchen Herrn, der mit dreißig weißen Hengsten, auf denen die schönsten Kavaliere und Damen sitzen, zum Fest reitet: zu Tanz, Gesang, Wein und Liebe. Und hier im Lande Andorra muß man winseln oder schweigen und wie sauer Bier blicken, wenn man nicht in die Halseisen kommen will.

Wirt

Und nun gar hier im Schatten des Doms! In tausend Verkleidungen schleichen die Angeber. Wehe dem Gast, den der Wein ein wenig redselig macht! Ich wollte lieber mein Wirtshaus verkaufen und halb so viele Gäste bewirten als hier, wenn ich weit draußen am Weichbild der Stadt einen Ausschank dafür eintauschen könnte. Oh, oh, oh – was ist das?!

Eine Anzahl maskierter junger Leute männlichen und weiblichen Geschlechts stürmt herein, darunter Prinz Peter, Spielmann Watriquet, der Mönch Bonifaz in der Kutte seines Ordens. Die übrigen allerhand fahrende Leute.

Wirt

Ho, he! Nicht doch, guten Leute! Was wollt ihr? Die Schenkstube ist von gestern abend noch nicht aufgeräumt.

Bonifaz

Dafür sind wir doppelt und dreifach aufgeräumt! Und zwar sind wir's geblieben seit gestern abend. Im Ernst: wir haben eine lange Reise hinter uns. Nicht gerade eine gottgefällige Pilgerfahrt. Auch eine Kriech- und Springprozession war es nicht. Immerhin sind wir nicht müßig gewesen und haben Sündenfutter zusammengetragen, damit die Beichtstühle auch künftig nicht Not leiden.

Wirt

Gelobt sei Jesus Christus, ihr Herren! Ich darf das nicht hören, wenn ich nicht köpflings in einen Brunnen geworfen und mit Steinen zugedeckt werden will.

Prinz Peter

Es wäre schade um den Brunnen und um die Steine.

Bonifaz

Nein, wir sind immer aufgeräumt, sommers und winters, abends und morgens sind wir aufgeräumt. Da, – er reißt die Maske ab, er schielt – meine Augen sind zwei gekreuzte Klingen. Hüte dich, Schmerbauch, hüte dich, du vertrocknete Reliquie von einem Weinzapfer! Bringt Xeres, Manzanilla und Oporto, oder ich spieße euch auf!

Wirt

Immer noch besser als getrillt werden. Mein Gasthaus steht im Schatten der Kirche, und heute ist große Prozession.

Bonifaz

stampft und tanzt hinkend

Der Spielmann stimmt die Pauken,
die Reifen sind gespannt,
schon hat ein jeder Lumpenhund
sein Mädel bei der Hand.

Alle tanzen und stampfen, mit Ausnahme von Prinz Peter und Watriquet.

Wirt

Ihr bringt mich um mein Brot. Ihr stoßt mich in die Keller der Inquisition. Ihr bringt mich um den Hals.

Watriquet

Ängste dich nicht! Morgen ist Jahrmarkt. Da muß selbst die Kirche, geschweige der Herzog, den Luftspringern und Possenreißern freie Hand lassen. Und übrigens haben wir einen Prinzen von Geblüt unter uns.

Wirt

Einen Hanswurst von Geblüt, willst du sagen, der du selber bist.

Watriquet

Mag sein, alter Weinpanscher. Ich habe nie viel von mir selber gehalten.

Wirt

Geht in die Schenke Zum Heiligen Geist um die Ecke herum. Hier ist zwei Stunden nach Mitternacht Prinz Paul an der Spitze von hundert Panzerreitern vorbeigeritten. Er haßt die Wirtshäuser und die Spielleute. Kehrt er zurück und wittert euch, springen wir alle über die Klinge. Und außerdem ist heute Firmelung. Jeden Augenblick kann die Prozession eintreffen, der Kardinal-Fürstbischof voran.

Prinz Peter

Was meinen Bruder, den Paul, betrifft, so seid gewiß, daß ich aus diesem Wolf ein Lamm Gottes mache. Angehend aber die Prozession – sie ist es grade, auf die ich laure.

Wirt

ironisch

Ihr seht danach aus, als ob Ihr mit einem Prinzen Paul und einem Fürstbischof Remigius gleichzeitig anbinden könntet.

Watriquet

Prinz Paul wäre durch die Stadt geritten?

Weinzapfer

Gepanzert schwarz wie die Nacht, das silberne Kreuz am Helm. Es wird ein Blutbad geben in den Grenzbergen, das Herzog Wilhelm von Foix das Lachen für ein paar Stunden verschlagen wird. Paul feiert Fronleichnam auf seine Weise.

Watriquet

zu Peter

Paul, scheint es, hat aus der linken Brust seiner Mutter Galle getrunken, du aus der rechten Milch.

Prinz Peter

Meinethalben! Mag er sich damit abfinden. Gott schenke ihm die ewige, mir die zeitliche Glückseligkeit. Ich bedaure den Paris, daß er es mit niemand Besserem und nur mit Helenen zu tun hatte.

Watriquet

singt zur Laute

Ein junger Mann, ein Prinz aus höchstem Haus,
er lebt aus Liebesnot in Saus und Braus.
Und wär' doch lieber eine Kirchenmaus,
um sich in seiner Tante Klostergängen
in jedes allerkleinste Loch zu zwängen.
Auf diese Weise hätte der Geselle
den Zugang fast zu jedes Nönnchens Zelle.
Und so auch zu der Kammer einer reinen
Heilandsgeliebten ... leider nicht der seinen!
Wir kennen deinen Namen wohl, du Schöne,
doch niemand spricht ihn aus, entweiht ihn: Frene! –
Gott strafe mich! Er ist mir nur entfahren,
erschrocken steh' ich, mit gebleichten Haaren.
Nehmt meinen Kopf, mein Prinz, für mein Verbrechen,
doch laßt mich vorher noch ein Wörtchen sprechen:
Vom Himmel stammt sie her, die Ungenannte.
Die heilige Kathedrale und die Tante
erzogen dieses Wunderkind gemeinsam,
und darum blieb es süß und schön und einsam.
Wie Sonne leuchten ihre Kupferlocken,
die holde Stimme ist ein Kind der Glocken.
Man sagt, daß deine Seele wohne, Frene,
im Haus des Sakraments, in der Patene.
Sie ist der Blumenhauch, die Frühlingsluft,
die heil'ge Kerze und der Weihrauchduft.
Doch an die Kathedrale nicht gebunden,
schwebst du umher in mondbeglänzten Stunden.
Und jeden Spielmann, dessen Herze rein,
besuchst du, Kind, im stillen Mondenschein.
Du schwebst durchs offne Fenster aus und ein,
so daß von selbst ihm seine Saiten klingen
von Äolshauchen deiner Engelsschwingen!

Zu dieser Weise tanzen die Masken einen sittigen Tanz, diese und jene bedeutsamere Stelle nachsprechend und mitsingend.

Bonifaz

Ja, die Liebe, die Liebe, Prinz! Und wenn Hunderte von weißen Tauben wie Gedanken des Heiligen Geistes um die Kathedrale herumflattern, sie erliegen dem Knäblein mit Bogen und Pfeil. Heiho, heihop, heihopsassa! Bei allen dressierten Bären, Hunden, Ziegen und Murmeltieren geschworen, bei allen Purzelbäumen der Welt, die jemals auf einem Jahrmarkt exekutiert wurden: es ist nicht anders, wie ich gesagt habe: Ihr liebt die Tochter der Kathedrale. Bei allen unkeuschen Pfaffen, die jemals eine Messe zelebriert haben, rate ich Euch: greift zu, greift zu!

Wirt

Ihr seid ein dergleichen Clericus wie der Prinz ein Prinz. Für solches Gelichter ist kein Boden bei uns. Man wird Euch das Handwerk hier gründlich legen. In weniger als drei Tagen lauft Ihr ohne Zunge herum.

Prinz Peter

umarmt Watriquet

Was tun? Ich liebe die Tochter der Kathedrale!

Watriquet

Wenn sie ist, was sie scheint, so lebt niemand auf der Erde, mein Prinz, der würdiger wäre, sie zu besitzen.

Bonifaz

Greift zu, macht's kurz, und so wahr ich die Priesterweihen erhalten habe: am nächsten besten Altar lege ich eure Hände ineinander zu unlöslichem Ehebund.

Watriquet

Halt dein Maul, Goliard! Dein ekles Gekrächze paßt nicht für uns.

Wirt

Zapfer, sie reden seltsame Dinge.

Weinzapfer

Es zielte auf Frene, das Findelkind.

Wirt

indem er die Läden vor ein großes Fenster wirft, durch das man jenseit der Straße das Hauptportal der Kathedrale erblickte.

Die Prozession! Ich höre die Litaneien der Prozession.

Bonifaz

Wie, was? Warum sollten wir uns verstecken? Die Zechstube ist die älteste Kirche der Welt. Wenn wir Sünder sind, sind wir nicht schlimmer als die andern. Sollten wir Häresie treiben und leugnen, daß der Heiland durch seinen Tod die Schuld unsrer Sünden auf sich und von uns genommen hat?

Prinz Peter

zu Watriquet

Ist es nicht sonderbar? Ich sah Frene nur einmal. Sie war noch ein kleines Kind. Seit jener Stunde bin ich verwandelt. Wenn es heißt, daß des Christen Himmelreich inwendig in ihm sei, so lebt Frene seitdem in mir wie in einem Gehäuse. Meine Seele und sie scheint ein und dasselbe zu sein.

Watriquet

Sie ist hierin gleichsam eine Heilige. Oder schwebt sie nicht unsichtbar-sichtbar im ganzen Lande Andorra und darüber hinaus umher? Spricht nicht der Bauer hinter dem Pflug, der Pfarrer in der Dorfkirche, der Kriegsmann hoch zu Roß und das gesamte fahrende Volk von der Tochter der Kathedrale? In dem Mädchen wohnt eine Wundermacht. Würden sonst sich selbst die finstren Mienen Herzog Ottos und des Prinzen Paul aufhellen, wenn man von ihr spricht?

Prinz Peter

Wie? Du meinst meinen Bruder Paul?

Watriquet

Der Heilige Vater hat über sie einen Bericht verlangt. Überallher, aus Irland, aus Britannien, ja von dem Großtürken kommen lächerliche Anträge.

Prinz Peter

Und Bruder Paul? – Und mein Bruder Paul?

Watriquet

Auch er hat ein Auge auf sie geworfen.

Prinz Peter

Dann tret' ich es aus und mache ihn einäugig! Ja, dann ist von uns Zwillingen einer zuviel auf der Welt.

Watriquet

Sorge dich nicht! Er hat es mit der Kriegsfurie. Sie hält ihn in ihren Klauen fest. Die blutige Hure frißt ihn vor Liebe. Und er? Die Brunst, der geile Kitzel nach ihr verläßt ihn keinen Augenblick. Er ist ihr hörig mit Haut und Knochen. Wäre dies aber auch nicht so: die Tochter der Kathedrale, heißt es, wurde als Säugling von einem heiligen Engel bei Nacht auf den Hauptaltar des Domes gelegt. Die Glorie, sagen die Leute, brach taghell durch die Fenster, ja durch die Mauern heraus. Paul weiß es nicht anders, er glaubt daran. Ein sündiges Gelüsten wird er ebensowenig auf sie als auf die Mutter Gottes selber richten.

Prinz Peter

Und ich? Was hätte ich mit Gelüsten zu tun? Und was, beim Kreuz, mit niedrer Minne? Habe ich nicht diese Verse gedichtet:

Geistliche Minne, hohe Minne,
ich hatte andre nie im Sinne.
Und wenn ich meine Harfe schlage,
ist immer Jesus meine Sage.
Die Seelen hören Griff und Schall,
heben sich zum Tanze all
mit Cherubim und Seraphim,
und werte Heil'ge folgen ihm.

Wirt

Schweigt! um aller Heiligen willen! Die Prozession, die Prozession!

Er versucht die Läden zu schließen, woran er durch Prinz Peter, Watriquet und Bonifaz gehindert wird. Diese stoßen vielmehr die Verschlüsse einer sehr breiten Fensteröffnung mit niedrigem Fensterbrett weit auf, so daß man beinahe wie auf der Straße ist. Prinz Peter schwingt sich auf das Fensterbrett, die Beine auf der Straße, die Laute im Arm. Man sieht die Spitze der Prozession mit den Kreuzträgern und einigen Kirchenfahnen. Hinter ihnen eine Gruppe Mönche des Benediktinerordens, alsdann eine Gruppe Nonnen des Benediktinerinnenklosters, hinter ihnen Frene, die ein silbernes, nicht sehr großes Kreuz vor der Äbtissin Anna herträgt, die ihr folgt. Diese wiederum führt ihre Benediktinernonnen, denen die hohe Geistlichkeit sich anschließt. Sie umgibt den Bischof Remigius unterm Baldachin. Man hört das Gemurmel der Litaneien. Jenseit der Straße sieht man den unteren Teil der Fassade mit den Portalen des Doms, in welche die Prozession einbiegt. Dicht vor dem Fenster bildet sie ein Knie. Der ganze Aufzug verlangsamt sich bis beinahe zur Stockung, und erst die Äbtissin, dann Frene kommen dem Prinzen Peter sehr nahe. Dieser singt, begleitet von allen Instrumenten seiner Gesellschaft, zur Laute.

Watriquet

Ich sehe die Heilige Jungfrau Maria selber im Zug als Mägdlein vor der Verkündigung.

Prinz Peter

Verstumme, Spielmann Watriquet!
Was weißt du von der Maienfee,
der alle kleinen Vöglein geigen
und Königinnen selbst sich neigen!
Wer sie gesehn – du sahst sie nie –,
sinkt augenblicks vor ihr aufs Knie
und kann sich nimmermehr erheben,
wo sie Erlaubnis nicht gegeben.
Und wo sie weilt, so – wunderbar! –
wird jeder Stein ihr zum Altar.
Und der sonst kalt von Schritten hallt,
blüht auf von Liebesallgewalt.
Die Orgel unterbricht ihr Rauschen,
um solchem Minnegruß zu lauschen.
Gott selber in der Engel Chören
gebietet Ruh', um ihn zu hören.
Der Uralt-Ewige fühlt sich jung
wie einst vor der Verkündigung.
»Sei mir gegrüßet, du holdselige
Maria!« sprach die engelkehlige
Botin, die damals er gesandt.
Sein Bote bin ich heut zur Hand.
Durchtränkt von Gottes Lebensblut,
erfüllt von gleicher heiliger Glut
in jeder Fiber, jeder Vene,
ruf ich: Gegrüßt, holdselige Frene!
Sei du mir heut und allezeit
gesegnet und gebenedeit!
Du aller Himmel Würdigkeit,
du aller Menschen Seligkeit,
du aller Quellen Reine,
du Süße, Zarte, Feine,
in Ewigkeit die Meine!

Die Äbtissin schlägt die Hände vors Gesicht, nachdem sie Peter mit den Augen entrüstet angefunkelt hat. Frene blickt ihn an, blutrot im Gesicht: beider Augen ruhen fest ineinander.

Die Glocken setzen wieder ein.

Zweite Szene

Zimmer der Äbtissin Anna bei den Benediktinerinnen. Die Äbtissin geht unruhig auf und ab. Graf Trossebof steht an einen Tisch gelehnt. Eine Nonne.

Äbtissin

Dies Wirtshaus wird dem Boden gleichgemacht!
Mein Schwager gab das Wort darauf, der Herzog.
Es steht, ein wüstes Ärgernis, am Dom,
und trunkene Stimmen grölen in die Andacht.
Wenn meine Nonnen aus den Fenstern blicken,
so sehn sie ekle, widerliche Dinge,
die sonst nur in Latrinen sich ereignen,
die Domwand selbst entweihend und besudelnd.
Heut hab' ich nun auch des Herrn Bischofs Wort,
daß er die Lässigkeit der Herzogin
Heurodis, meiner Schwester, zu besiegen
entschlossen sei. Heurodis ist der Grund,
daß diese Lasterhöhle heut noch blüht.

Trossebof

Sie meint, es sei nicht gut, dem niedern Volk
ganz die Gelegenheit zur Lebensfreude
zu nehmen.

Äbtissin

Solche Lebensfreude ... pfui!
Mag Frene kommen, Frene Euch erzählen,
was sich an jenem Wirtshaus heute zutrug!
Vielleicht, daß Ihr mir alten Frau nicht glaubt.
Selbst nicht dem Namen nach weiß sie von Lüge.

Sie winkt der Nonne, diese geht ab.

Trossebof

Ich hörte von der Sache, Frau Äbtissin!
Spielleute haben schlecht sich aufgeführt.
Ach, Mutter Anna, drückt ein Auge zu,
verzeiht, wie unser Heiland tat, den Sündern!

Äbtissin

Nein! Man verzeiht nicht Unverzeihliches:
gottlose Lieder, schmutzige Fidelei
ins Angesicht der Nonnen. Dieser Mensch,
der seine Beine aus dem Fenster hing
und, ohne sein Geblök zu unterbrechen
selbst vor dem Allerheiligsten, die Bräute
des Himmels maß mit frechem Blick, als wären's
käufliche Dirnen, vorgeführt zur Auswahl!
Wer war der Bube?

Trossebof

Mutter Anna, was
er sang, dem Wortlaut und dem Klange nach,
war hohe Kunst: mag sein, am falschen Ort.
Der schöne Jüngling, den Gott schützen möge
trotz seines Fehls, ist, scheint mir, minnekrank.
Und welche Macht der Minnegott besitzt
in jungen Seelen, ist ja wohlbekannt.
Er wollte, scheint mir, seiner Herrin huldigen,
der Liebestor: das ist es, weiter nichts.

Äbtissin

Genug! Ihr wolltet wohl nicht sagen, Graf,
daß seine Herrin unter meinen Nonnen
sich finden könnte?!

Trossebof zuckt die Achseln

Achselzucken ist,
beim Kreuz des Heilands, Graf! hier nicht am Ort.
Noch ist der strenge Brauch nicht überholt,
der Vesta Dienerinnen einzumauern,
wenn sie dem Schwur zur Keuschheit untreu werden.

Trossebof

Doch hat das Findelkind, soviel ich weiß,
noch nicht Profeß getan.

Äbtissin

Das Findelkind?

Trossebof

Ich meine Frene, jenes schöne Mädchen,
das Ihr mit so viel Liebe aufgezogen
und das ja gestern auch im Zuge schritt.

Äbtissin

Richtig! Nun kann ich mich genau erinnern,
wie er die Augen auf sie heftete,
als wollt' er sie verschlingen mit dem Blick.
Gemach! Der Teufel ist noch nicht geboren,
der ihrer Seele Reinheit trüben kann!
Geschweige daß ein Schandbub sie zu Fall bringt.

Trossebof

Dies braucht des Sängers Absicht nicht zu sein.
Es ist Euch nicht verborgen, Mutter Anna,
wie Frenes Lob aus aller Munde klingt,
nicht in Andorra nur, nein, hin bis Foix,
wo Lieder ohne Zahl im Schwange gehen,
die sie in jeder Tonart feiern als
Tochter der Kathedrale.

Äbtissin

Mag dies dort
geschehn, doch nicht bei uns! Das schlichte Kind
weiß nichts von alledem. Dies Lob erschallt
aus Kehlen, die ihr keine Ehre bringen.
Doch dringt es nicht an ihrer Seele Ohr,
die gute Geister hört und bösen taub ist.

Trossebof

Ihr seid zu hart, zu bitter, Frau Äbtissin,
gegen die Spielmannszunft! Wir liegen zwar
im Krieg mit Herzog Wilhelm, doch es herrscht
am Hof zu Foix gewiß kein böser Geist.
Man liebt das Lied, an Wilhelms Tafelrunde
sind Fürsten des Gesanges stets zu Gast,
so Suchensin, so Sivard wie Sordell.
Sie singen zwar zum Lobe ird'scher Frauen,
allein Mariens Lob, der Gottesmutter,
darüber himmelhoch! das Lob der Fürsten
doch erst, nachdem des Himmelsfürsten Ruhm
verkündet ward, des höchsten Herrn und Heilands.
Oft ist ihr Sang nichts anderes als Gebet.
Vor allem aber singen sie das Lob
des Paradieses, das sie heiß ersehnen
wie Ihr und ich und jeder gute Christ:
die Perser nannten es »das Haus der Lieder«,
und so auch sie – nun ja, warum auch nicht?
Umgeben doch den Thron des Allerhöchsten
der Engel Chöre, wie geschrieben steht.

Äbtissin

Und doch ist alles dies nur Häresie,
beladen mit dem Fluch der wahren Kirche!
Nichts mehr davon.

Trossebof

Noch eine Frage, Mutter:
der Frenen huldigte mit seinem Lied –
wißt Ihr wohl, wer es war?

Äbtissin

Jawohl! Prinz Peter!

Trossebof

Und Ihr verschwiegt mir das? Warum?

Äbtissin

Weil ich
nicht sehen darf und hören, was ich leider
doch hört' und sah. Ich hätte sonst die Pflicht,
dem Pater Inquisitor es zu melden.

Trossebof

Verhüt' es Gott!

Äbtissin

Was aber würde dann
aus meiner Schwester, unsrer Herzogin
Heurodis, Peters Mutter?
und ihrem Gatten, Herzog Otto, der
mit ihr an einem Heilquell im Gebirg
die Stärkung sucht, der beide so bedürfen?
Nein, ich vermag es nicht, in beider Heilbad
das Gift zu werfen, das auch so an ihnen
genugsam zehrt.

Trossebof

Ich lob' Euch drum, Äbtissin!

Äbtissin

Ihr seid des Prinzen väterlicher Freund,
ich weiß es. Sorgt drum, daß er in sich geht
und seinen üblen Lebenswandel endet,
der, seines Stands unwürdig, sicherlich
ihn ins Verderben führt.

Frene tritt ein.

Was willst du, Frene?

Frene

Ich ward befohlen, Mutter.

Äbtissin

Richtig, ja.
Inzwischen hat es sich von selbst erledigt,
wozu dein Zeugnis, Kind, mir nötig schien.
Allein, dieweil du einmal hier bist, sprich!
Was war's mit dieser Stockung, die den Zug
fast aufhielt?

Frene

Welcher Stockung?

Äbtissin

Ebender,
die nah der Kirchentür, du weißt es, eintrat.

Frene

Ich kann mich nicht erinnern.

Äbtissin

Gut! Du bist
ein frommes Kind und warst vertieft in Andacht.
Du warst entrückt zum Allerheiligsten,
das ird'sche Auge fast gehüllt in Blindheit.
So kennt man dich. Trotzdem, du wurdest unsanft
durch eines Menschen Keckheit aufgeweckt
am Wirtshausfenster, der die Laute schlug
und ins Gesicht dir sang.

Frene

errötend

Du sagst es, Mutter.

Äbtissin

Und du? Du hättest nichts davon gemerkt?

Frene

Nein, Mutter.

Äbtissin

Von dem Jokulator nichts,
nichts von dem Mummenschanz, der um ihn her war?
dem Lachen und dem Lärm der Instrumente?

Frene

Nein, Mutter.

Äbtissin

Sei gesegnet! Seht nun, Graf,
so und nicht anders ist sie. Geh! Genug!

Frene ab.

Trossebof

Verhält sich's wirklich so, hat eine Fee
das schöne Mädchen an der Stirn berührt,
bewußtlos sie gemacht und so gefeit.

Äbtissin

Dies tat Maria, tat der liebe Heiland.

Trossebof

Ich alter, ausgedienter Troubadour,
im Minnedienste weiß geworden, stand
nicht fern, als dieser Zwischenfall sich zutrug.
Sagt, was Ihr wollt: ich hätte schwören mögen,
daß niemals zweier junger Menschen Blicke
sich heißer trafen, zweier Menschen Augen
so ineinandertauchten, Seelen so,
die eine sich hinschenkend in die andre,
die eine in die andre sich verlierend
im Tausch für ewige Zeit – wie eben hier.

Äbtissin

Ihr redet irre Worte!

Trossebof

Laßt es gut sein!
Ich weiß nicht recht, weshalb ich zu Euch kam.
Nun ja, auch ich ging in der Prozession
und sah zum ersten Male wiederum
seit langem Euer unvergeßnes Haupt.
Mir war, als müßt' ich unseres Landes Schicksal
heut einmal wieder ausgebreitet sehn
wie einen Teppich zwischen mir und Euch.
Doch es gibt allzuviele dunkle Dinge,
die sich zum Worte melden, denen wir
mit Red' und Antwort schwerlich jetzt genügen.
So laßt das Nächste kurz nur mich berühren.
Was wißt Ihr über dieses Findelkind?

Äbtissin

Dringt nicht in mich! Denn alles, was ich weiß,
ist längst in aller Munde. Was ich nicht weiß,
versuchen zu ergründen, heißt den Fuß
auf eine dünne Kruste Eises wagen
über den Wassern eines tiefen Sees.
Dies ist nicht meines Amts und nicht des Euren
und keines Menschen, dem sein Leben lieb ist.

Dritte Szene

Im Domturm. Das Zimmer des Türmers und Glöckners Markolf. Afra, des Glöckners Frau, sitzt an einem der Bogenfenster, die Spindel drehend. Das Tosen der Glocken ist hörbar, die Markolf läutet. Nach einigen Sekunden verstummen sie. Es klopft. Darauf wird die Tür ein wenig geöffnet, und der Mönch Bonifaz schiebt seinen Kopf herein.

Bonifaz

Gelobt sei Jesus Christus!

Afra

In Ewigkeit!

Bonifaz

Wir sind zwei Clerici und haben Hunger!

Afra

Da habt Ihr Euch um einen Bissen Brot
viel Müh' gemacht, den Turm herauf zu uns!

Bonifaz

Es sind, ich weiß nicht wieviel hundert Stufen.
Ich bin nicht mehr so jung wie mein Begleiter.

Afra

So tretet ein! Mein Mann ist bei den Glocken.
Wir hatten heut die große Prozession.
Im Ofen brodelt eine Bouillabaisse,
genug für vier. Ihr seid zu Tisch geladen!

Bonifaz tritt ein, gefolgt von Prinz Peter, der eine Kutte über sein weltliches Kostüm gezogen hat.

Bonifaz

Habt Dank! So hat der Ruf doch nicht gelogen,
der von Euch sagt, daß nie ein Clericus
von Eurer Schwelle ungetröstet geht.
Nur muß man, um sie zu betreten, freilich
fast in den Himmel steigen.

Afra

Eure Namen?

Bonifaz

Bruder Orfeo heißt man diesen Milchbart,
mich Pater Bonifaz.

Afra

Wollt ihr euch setzen?

Bonifaz

Gern! Dieser Sessel ist sehr hoch gestellt.
Die weißen Pyrenäengipfel leuchten!
Und irr' ich nicht, sieht man die Burg von Foix
im Feindesland. Beinahe fühlt man Schwindel.

Afra

O unglückseliger Krieg! Ein winziger Anlaß,
und nun seit siebzehn Jahren dieser Regen
von teurem Menschenblut!

Bonifaz

Wieso, Frau Afra?

Er und Prinz Peter nehmen Platz.

Afra

Es geht die Sage – ob sie wahr, weiß Gott –,
es habe Ermlind, Herzog Wilhelms Gattin,
Heurodis, unsere Herzogin, beleidigt
durch ein recht böses, unbedachtes Wort.
Als unsere Herrin ihre beiden Söhne,
die wohlbekannten Prinzen Paul und Peter,
Peter und Paul als Zwillinge gebar
und dies der Freundin Ermlind melden ließ,
entwich der Unberatnen dieses Wort:
Ein Weib, das Zwillinge gebiert, war untreu.

Bonifaz

Erlaubt mir eine Frage, Mutter Afra!
Ihr hattet niemals Kinder, wie ich weiß.
Was aber kann die Wiege hier bedeuten?

Afra

Woher denn, Pater, sagt mir, kennt Ihr mich?

Bonifaz

Wer kennt im Land den Türmer Markolf nicht,
den Arzt, zu dem so viele Kranke pilgern,
und Afra, die so lang in Dorf und Stadt
die Wehemutter machte?

Afra

Und Ihr fragt mich
trotzdem, wer einst in dieser Wiege lag?
Wer anders wohl als Frene?

Prinz Peter

Wer ist Frene?

Afra

Mich nimmt es wunder, daß Ihr das nicht wißt!
Ihr müßt von weither kommen!

Bonifaz

Unser Kloster
steht tief versteckt in einem fernen Felstal.

Afra

Nun wohl: ich, die ich manchen Schoß entband
und manchem Säugling in das Leben half,
gebar nur einmal, und das Kindlein starb
bei der Geburt. In seine Wiege ward
Frene gelegt, der Findling, vom Geschick,
das meine Mutterliebe, meine Nahrung
für sie bestimmte.

Prinz Peter

Dafür schließ' ich Euch
von heut ab, Mutter, täglich ins Gebet!

Afra

zu Bonifaz

Ein lieber junger Heiliger, dieser Mönch!

Bonifaz

Das ist er! Sagt, Ihr spracht von einem Findling,
der diese rätselhafte Frene sei.
Das weckt die Neugier. Wo ward sie gefunden?

Afra

Sie ward gefunden auf dem Hochaltar.
Und auf den Armen brachte sie mein Mann
denselben Wendelstein herauf zu mir,
der Euch soeben fast den Atem raubte.
Da hab' ich Gott gedankt und sie sogleich
dem Himmel angelobt.

Bonifaz

Wie alt ist heut
die Gottesgabe? Schwätzt sie schon und lacht
und macht Euch Freude?

Afra

Ja, das tut sie, denn
sie wurde letzte Pfingsten sechzehn Jahr
und tritt im nächsten Jahre in den Orden.
Wie schon gesagt, es muß mich wundernehmen,
daß Ihr so wenig wissen wollt von ihr,
die, hier im Schoß des Domes großgeworden,
als Tochter unsrer Kathedrale gilt.
Sie lebt schon längst in unsrer niedren Hütte,
die unser Stübchen trotz der Höhe bleibt,
nicht mehr. Ich gab sie an die Frau Äbtissin
als ihre dritte Mutter, denn ich war
die zweite, nicht das Weib, das sie gebar.
Doch warum fragt Ihr mich so aus nach Frene?

Bonifaz

Weil Eure Augen, Mütterchen, so hell
aufleuchteten, als ich die Wiege hier,
die ich sogleich nicht ganz vereinen konnte
mit Eurem Alter, sah und Euch befragte
nach ihrem Sinn.

Afra

So ist's. Ich habe Grund,
auf diesen irdischen Engel stolz zu sein.
Auch der Äbtissin Augen leuchten hell,
sooft sie von ihr spricht. Ihr Gang ist frei.
Sie trägt den Nacken hoch, doch ohne Dünkel.
Ihr Blick ist offen, fest und doch voll Demut,
wie die Äbtissin sagt. Ihr Geist erfaßt
die schwersten Dinge leicht, sie ist nicht stolz,
an ihr ist alles angeborene Würde
und ganz Gehorsam. Jede große Zukunft
im Dienst der Kirche wird ihr prophezeit.

Bonifaz

Kommt sie wohl noch gelegentlich herauf
in Euren Turm?

Afra

Einmal des Tags gewiß!

Prinz Peter

Das hörten wir den Sakristan erzählen.

Afra

Nein, sie vergißt mich nicht! Noch gestern hat
sie zum Besuch sich bei mir angesagt,
sobald die Prozession vorüber wäre.

Prinz Peter

Sie ist vorüber!

Bonifaz

Meint Ihr, falls sie kommt,
daß unsre Gegenwart sie stören würde?

Afra

Die Gegenwart von Mönchen: und warum?

Bonifaz

Wir fürchten's doch. Erlaubt uns, gute Frau,
im Fall sie kommt, uns in dem oberen
Gemach, hier über Eurem, zu verbergen.

Afra

Wenn Ihr so denkt, dann tut es lieber gleich!
denn eben sah ich sie am untern Tor
zum Wendelstein verschwinden.

Bonifaz

Wenn sie uns
etwa zu sehen wünscht, wenn ihr vertraulich
die Seelen ausgetauscht, so laßt's uns wissen!
Denn ohne Neugier, dieses Wunderkind
einmal zu sehen, sind wir freilich nicht!

Bonifaz und Peter ab.

Afra

allein

Wie kommt's, daß diese beiden Mönche mir
so seltsam nun erscheinen, seit sie fort sind?

Durch eine Seitentür stürzt Frene herein. Sie läßt sich atemlos auf einen Stuhl fallen.

Nun, nun! Was ist? Was gibt's? Was hast du, Kindchen?

Frene

Laß mich zu Atem kommen, Mutter!

Afra

Wer
ist hinter dir? Wer jagt dich?

Frene

Hab Geduld!

Afra

Das Leben hat sie mich gelehrt. Du kannst
wie immer so auch heute mit ihr rechnen.
Hier, nimm ein Schlückchen Wein, beruhige
dein Herz; es schlägt dir bis zum Hals herauf.
Und dann, bist du gesammelt, magst du reden!
Magst reden oder schweigen, ganz wie dir
zumut ist.

Frene

Ach, wie ist mir denn zumut?
Ich weiß es selbst nicht. Wenn ich reden will,
steht Schweigen in mir auf und will mich stumm
für ewig lieber machen denn erlauben,
daß ich mich offenbare.

Afra

Bist du krank, Kind?

Frene

Ich weiß es nicht. Ich war nie krank. Verwirrt
Krankheit die Seele: bin ich krank. Erschreckt
Krankheit und drückt mit schwerer Last die Brust,
füllt sie mit Angst fast zum Zerspringen: bin
ich krank. Die Krankheit nähert uns dem Tode.
Er scheint auch mir jetzt näher als bisher.
Und etwas türmt sich auf vor mir, Gebirgen
vergleichbar, und verlangt von meinen Händen,
den ganz ohnmächtigen, sie sollen es
durchbrechen, es beiseite räumen. Mutter,
du mußt mir sagen, ob dies Krankheit ist!

Afra

Laß dir die Stirne fühlen: sie ist kühl.

Frene

Und dennoch brenn' ich! brenn' ich!

Afra

Solch ein Wort
hab' ich von deinen Lippen nie gehört.
Es klingt nicht gut, es ist mir fremd an dir.

Frene

Und dennoch brenn' ich! Mag das Wort dir fremd sein.
Ich brenne lichterloh, und dies ist schlimmer
und fremder mir an mir als dir das Wort.

Afra

Ich liebe Feuerbrände auf dem Herd,
sonst nirgends. Krieg ist Feuersbrunst. Die Hölle
desgleichen, der ja wohl der Krieg entstammt.
Es brennen Sünder auf dem Scheiterhaufen.
Brechen im Menschen innere Brände aus,
hat sie die Macht des Bösen meist entzündet.
Was hast du? Rede offen!

Frene

Nein, ich brenne
nicht von den Flammen, Mutter, die du meinst.

Afra

Dann stehst du also in der Liebesglut
zum Heiland, dem du bald als Braut vermählt wirst.

Frene

Wie weit bist du entfernt, mich zu verstehn!
Und wie ohnmächtig bin ich wiederum,
das zu erklären, was mich jählings traf!
Nenn' ich es die Berührung einer Macht,
der niemand widersteht, so hätte mich
nichts weniger als die Allmacht so verwandelt,
wie ich jetzt bin. Nichts, was ich gestern war
und auch noch, als die Prozession begann,
lebt noch in mir. Den Schleier nehmen schien
mir gestern Krone aller Seligkeit:
heut hat sich mir ein Schleier fortgezogen
von einem menschennahen Paradiese,
das ich durchschreiten muß, wenn mir das andere
im Himmel nicht zur Hölle werden soll.

Afra

Frene! Nie wieder! Bitte Gott, er möge
dir seine Engel senden, denn es spricht
aus dir ein Dämon, spricht ein böser Geist,
der dich zum Werkzeug macht und mir das Ohr
mit grauenvoller Lästerung zerpeinigt.
Sprich nichts mehr! Fleh zu Gott, daß er dich stumm macht!
Wenn du der Luft, sei's in der stillsten Zelle,
noch einmal solche Worte anvertraust
auch nur im Flüsterton, so ist's um dich
geschehn! Und aller Menschen Liebling, Frene,
von Gott und Menschen ausgestoßen, liegt
erst im Verlies, dann blutet sie am Schandpfahl,
bis sie die Lohe auf dem Scheiterhaufen
qualvoll versengt und dann zu Asche brennt.

Frene

Nein, Mutter, nein! Du irrst! und wenn es wäre –
ich stürbe gern für das, was ich erlebt.
Lieber das wissen, was ich heute weiß,
und sterben, als dahinzuleben und
davon nichts wissen. Denn nun weiß ich erst,
warum ich in die Welt kam, kenne das,
womit Gott unserm Dasein Sinn gegeben,
die süße Frucht, die alles Leiden aufwiegt.
Mutter! Ich kann nicht schweigen, wie du anrätst!
Verrat am Höchsten wär's. Ein Troubadour
sang – sang mir zu, an einem Fenster sitzend –
mit einer Stimme, die ihm Gott geliehen.
Er sang von Liebe. Seiner Kehle Wohllaut
durchdrang mich ganz wie eine selige Flut.
Nun weiß ich es, nun sag' ich's dir, nun red' ich
nicht mehr verwirrt und denke nicht verwirrt
und weiß: was Krankheit schien, es ist Gesundheit!
Gesundheit, wie ich niemals sie gefühlt.
Er hat mit seinem Zauber mich erweckt
vom Tod, der Sänger, schenkte mich mir selbst
und nahm zugleich für immer mich gefangen.
Mit unsichtbaren Schwingen angetan,
durchschweb' ich nun den uferlosen Raum
und bin doch seine Hörige, seine Sklavin,
ein Nichts, sein willenloser Gegenstand.
Und jede andere Fessel ist zerrissen.

Afra

Du bist von Sinnen, bist nicht bei dir, Kind!
Hier ist dein altes Lager, ist das sichere Nest,
in dem du oft noch, wenn du mich besuchtest,
in alte liebe Zeiten dich versetzend,
behaglich ausgestreckt, hast ausgeruht.
Das Fest dort unten hat dich überreizt:
ein kurzer Schlummer, und du bist wie sonst
der fromme, stille Liebling der Äbtissin
und hast den fremden Wust in deinem Haupt
wie einen schlechten Morgentraum vergessen.

Frene

Nein, Mutter, nein! Bevor ich ihn nicht wieder-
gesehen, wird mein Auge Schlummer nicht
berühren: dies Gelübde halt' ich fest!
Ahnst du's? Wer ist der Jüngling wohl gewesen?

Bonifaz und Prinz Peter treten zögernd ein.

Bonifaz

Wir werden wohl auf Eure Bouillabaisse
verzichten, Mütterchen! Wir müssen weiter!

Prinz Peter

wirft die Kutte ab und steht als Prinz da

Ich nicht! Vorerst noch nicht! Ich bleibe hier!
Du hast nach dem gefragt, geliebte Frene,
der vor dir steht. Sprich, bleibst du mir im Wort?

Frene stürzt wortlos in seine Arme. Langer schweigender Kuß.

Afra

Muß ich das dulden? Darf ich's auch nur sehen?
Es macht uns obdachlos, den Mann und mich!
Und wenn nicht ins Gefängnis, wirft es uns,
Markolf und mich, als Bettler auf die Straße!

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