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Die teutschen Volksbücher

Joseph von Görres: Die teutschen Volksbücher - Kapitel 8
Quellenangabe
typelegend
authorJoseph Görres
titleDie teutschen Volksbücher
publisherHerbert Stubenrauch / Verlagsbuchhandlung
printrun
editorLutz Mackensen
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160608
projectide1da5798
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6.

Neu verbesserter Müller Ehrenkranz
Oder recht gemessener Urkund,
Von dem wahrhaften Cirkelsgrund,
So dem Mühlhandwerk zu Ehren gethan,
Ein Mühlknappe, Namens Georg Bohrmann.
Sein Mitconsortem damit zu beschenken,
Auf daß sie auch seiner am besten gedenken;
Doch man wohl einander sein Dichten und Schreiben
Der Presse des Drucks thut einverleiben,
Dieweil ja wie Sirach auch solches beweiset,
Ein jegliches Werk seinen Meister stets preiset.

 

Gedruckt in diesem Jahr.

 

Ohne allen Zweifel das Trefflichste unter allen ähnlichen Büchern, die das Gilden und Innungswesen in Teutschland hervorgebracht hat; das Ganze mit einer Ruhe, einer stillen Innigkeit, einer festen, gleichen, besonnenen Haltung, und einer treuherzigen Ehrlichkeit abgefaßt, die als eigentliche Virtuosität in ihrer Art erscheint. Es ist dabei ein Fluß in der Rede, eine Leichtigkeit in dem freilich einfachen Versbau, eine Ungezwungenheit im Reim, und dabei eine innere Vollendung und äußere Abglättung, die auf ein in bestimmtem Bewußtseyn durch höhere Bildung producirtes Kunstwerk der neuern Zeit schließen lassen sollte, wenn andere Kennzeichen nicht verriethen, daß es einer früheren Zeit, und der Name des Verfassers, daß es dem Müllergewerke selbst angehöre. Der Verfasser, arm und unvermögend, sagt in einem Liede von sich:

Bei meinem Beruf und Stande,
Will ich geduldig seyn,
Im ganzen Sachsenlande,
Bleibt mein Gedächtniß rein,
Von Niedercolmitz in Meißen,
Schreib ich mich noch zur Zeit,
Thu mich darbey befleißen,
Auf Ehr und Redlichkeit,
Gott der mich hat erschaffen,
Steh ich zu Dienst allein,
Wer mich will Lügen strafen,
Der thuts aus falschem Schein.

Die Schrift fängt an wie ein Gedicht, über die Natur der Dinge, mit einem Holzschnitte, worauf einerseits ein Stangen-Zirkel abgebildet ist, von Engeln mit einer Krone überschwebt, abwärts der heilige Geist in einem Herzen, rechts Betlehem, rund umher allerley mystische Sprüche; anderwärts ein Kreis, im Mittelpunkt die Erde mit der Axe, die in die beiden Polarsterne im äußeren Kreis ausgeht, in der verlängten Aequatorialaxe aber auf der einen Seite die Sonne im Zeichen der Waage, auf der Andern der Mond, der eben in den Erdschatten treten will, rund umher Sterne vertheilt, und die Umschrift: Ergo der Himmel ist durch's Wort des Herrn gemacht, und all sein Heer durch den Geist seines Mundes, Psalm 36, v. 6. Dann auf der folgenden Seite ein Adler schwebend über einem Triangel mit der Einschrift Jehova, und der Umschrift: im Anfang war das Wort etc. Dabey Nota Bene.

Hier mag ein jeder nehmen abe,
Was Waag und Cirkel in sich habe,
Weil auch fast unter der hellen Sonnen,
Kein einzig Ding mag werden gefunden,
Welch's nicht sollt haben des Cirkels Figur
Denn ja auch die ganze Creatur,
Ist durch des Cirkels Bild geschaffen
Als noch der Mensch tief lag entschlafen,
Verborgen in dem Erdenklos,
Hier spürt man Gottes Allmacht groß.

Dann weiter hin für die folgende Figur:

Hier seht ihr lieben Brüder, sehet,
Wie die Welt in dem † stehet,
Und wie die göttlich Majestät,
So weißlich Alles geordnet hat,
Daß solches auch der klügste Mann
Vollkömmlich nicht ergründen kann,
Ja es wird solches hier auf Erden,
Genugsam nicht erforschet werden.
Der Polus gleicht einem Magnet,
Weil er stets unbeweglich steht.
Der Wirbel, der das Firmament
Sich drehet gegen Occident,
Wenn Sonn, Erd, Mond, centrales seyn,
So hat die Erd keinen Mondenschein,
Wenn der Mond thut in's Mittel kommen
Wird ihr der Sonnenschein benommen,
Doch nur so weit, wie ich euch meld,
Als damals des Mondes Schatten fällt.
O Gott wie ist deine Macht so groß,
Meine Zung und Feder sind viel zu bloß,
Von deinem g'ringsten Werk zu schreiben
Drum will ich solches lassen bleiben,
Bis ich werd kommen in jene Zeit,
Der unverrückten Ewigkeit,
Da das Stückwerk wird hören auf,
Dann folgt die Wissenschaft darauf.

Weiter folgt eine Geschichte des Müllergewerks aus der heiligen Schrift, mit einem recht guten Dialog zwischen Müller, Herrschaft, Mühlgast und Mühlknappe; eine Satyre vom selbstwachsenen Müller; dann eine poetische Reisebeschreibung durch die besten Mühlen in der Lausitz, Schlesien, Mähren, Ungarn, Böhmen, Thüringen, Franken, wo dem Reisenden besonders Nürnberg wohl gefällt, von dem er sagt:

Nun dieser lieben schönen Stadt,
Die mir so wohl gefallen hat
Und mich, wenn ich dahin gekommen,
Ganz willig auf- und angenommen,
Wünsch ich von Gottes Gütigkeit,
Glück, Heil und Segen jederzeit.

Vor allem rühmt er die Mühle zu Arnstadt vor dem Thüringer Wald, mit sechszehn Gängen, jeder nach einem Thiere genannt, von einem Grafen zur Lust erbaut.

Ach wär ich nur vom Grafen-Geschlecht
Eine solche Mühle wär mir nur schon recht,
Ach leider, leider! daß Gott erbarm,
Meine Eisen gehen noch selten warm.

Weiter gehts nach Brandenburg, dann stellt er einen Triangel der drei besten Müller auf, die je gelebt, worunter einer Hans Fromolt.

Bei welchem in der Mühle zu Plauen,
Ich mich selbst brauchen ließ zum bauen.

Dann schließt er fromm und treu mit Gott dem Weltbaumeister:

Die Erde ist im Weltcentrum
Und schwebt in freier Luft herum,
Dennoch thut sie aus ihren Schranken,
Gleich einem Magnet niemals wanken,
Denn allda sieht man abermal,
Auch weder Säule, Stuhl noch Pfahl,
Sondern eine überschwere Last
Ist in subtilen Wind gefaßt,
Nicht minder findet sie Ruhe genung
In ihrem eignen Mittelpunct.

Weiter folgen zwei Lieder und dann Schlußreden an das löbliche Mühlhandwerk, wie alles andere gut geründet, ruhig, bedeutsam, gar still und sinnig, so daß es zu wünschen wäre, daß das Buch nicht blos, wie es scheint, auf Nordteutschland in seinem Wirkungskreise sich beschränkte.

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