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Die teutschen Volksbücher

Joseph von Görres: Die teutschen Volksbücher - Kapitel 52
Quellenangabe
typelegend
authorJoseph Görres
titleDie teutschen Volksbücher
publisherHerbert Stubenrauch / Verlagsbuchhandlung
printrun
editorLutz Mackensen
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160608
projectide1da5798
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Nachwort.

»Nicht klein ist, was hier begonnen, nicht unwürdig das Begonnene ausgeführt; nur der kleinste Teil des Werkes aber ist vollendet.« Die Worte, die Görres seiner »Mythengeschichte der asiatischen Welt« vorausschickte, könnten mit gutem Recht auch über den um drei Jahre älteren »Volksbüchern« stehen, in denen sich der einstige Volkstribun und begeisterte rheinische Vorkämpfer der französischen Revolution, der seit einem halben Jahrzehnt der gelehrten Welt als geistvoller Verfasser medizinischer, philosophischer und ästhetischer Schriften bekannt war, zum Anwalt einer fast vergessenen, mißachteten Dichtung machte. Jeglichen Vorbildes entbehrend, hat er hier mit der ihm eigentümlichen schöpferischen Kraft in erstaunlich kurzer Zeit das erste literarhistorische Werk geschaffen, das mehr als Augenblickswert besaß und das in seinen Wirkungen weit über den ihm vom Verfasser gespannten Rahmen hinausreichen sollte, anregend und befruchtend bis in unsere Zeit. Daß manche, vielleicht die meisten seiner Ergebnisse von der späteren Forschung überholt wurden, ja selbst, daß ein wissenschaftlicherer Verfasser auch in seiner frühen Zeit manche schiefe oder übersteigerte Darstellung, manche ungenaue oder fehlerhafte Angabe vermieden haben würde, zieht den lebendigen Wert des Werkes nicht in Zweifel. Was Hebbel einmal von einem anderen Görresschen Buche sagte, gilt auch für dieses: man kann es »gar nicht als wissenschaftliche Leistung, man muß es als psychologische Tatsache betrachten«. So müssen wir ihm, wollen wir es recht würdigen, mit einer bestimmten Einstellung gegenübertreten: Der Schlüssel zum Verständnis seiner Form und seines Inhaltes liegt in seiner vom Verfasser beabsichtigten Zielgebung, sein noch heute ungeminderter Wert in seiner Wirkung.

 

Dem flüchtigen Beschauer fällt es nicht leicht, in dem wirren Leben, das Görres von einem Extrem zum andern warf, eine einheitliche Linie zu erkennen. So ist ihm nur zu oft Wankelmut der Ueberzeugungen, Charakterschwäche und Haltlosigkeit vorgeworfen worden, und mochten die unbedingten Görresverehrer auch das Gegenteil behaupten, sie konnten die Gegner nicht bekehren Eine eigentliche Görresbiographie fehlt noch immer; wie sie angelegt sein müßte, hat J. Hashagen (Probleme der Görresforschung. Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst XXXII, 1913) gezeigt. Am brauchbarsten bleibt vorläufig die ausführliche Einleitung, die Schellberg seiner Görresauswahl (Kempten-München 1911) vorausschickt; darüber hinaus hat die jüngste Darstellung von W. Kosch (Geschichte der deutschen Literatur im Spiegel der nationalen Entwicklung von 1813-1918, 4. Lieferung, München 1924) keine neuen Ergebnisse gezeitigt. Die panegyrischen Biographien von Sepp (1877; als 23. Band der »Geisteshelden« 1896) und Galland (1876) haben durch die persönlichen Erinnerungen der Verfasser an Görres stellenweise den Wert von Quellenschriften. Kleinere Arbeiten von R. Saitschick (Hochland X 1, 158 ff.) und O. Walter (die Schriften des Epheu XIII, Olten 1922) fördern die Erkenntnis nicht. Von Schellberg erschien auch eine kleine volkstümliche Biographie in der Sammlung »Führer des Volkes« (7. Band, 2. Aufl. 1922), von A. Paquet eine solche in der Sammlung »Kämpfer« III (1925) 163 ff.. Bei genauerem Zusehen aber zeigt sich doch ein ethischer Grundzug seines Wesens, der sein Tun von den ersten revolutionären Anfängen bis zum ultramontanen Schlußkampf beseelte: in allem, was er tat, wollte er als Erzieher und Läuterer der Volksseele wirken, und letzten Endes war es ihm dabei nebensächlich, ob sich ihm zur Erreichung dieses Zieles die Rednertribüne oder die Lehrkanzel, die politische Zeitschrift oder die Kampfschrift, Kunst oder Wissenschaft bot. Sein ehrlicher Zorn über das als schlecht Erkannte machte ihn zum Propheten; er wollte wirken, wollte verkünden: das ist das Geheimnis seines Lebens. »Ich glaube an ein immerwährendes Fortschreiten der Menschheit zum Ideale der Kultur und der Humanität«: die Forderung dieses Bekenntnisses, das der Jüngling in sein »Rotes Blatt« schrieb, hat der Mann durch sein Leben an seinem Teil zu erfüllen gesucht. So wird er von Anfang an zum praeceptor Germaniae und fühlt sich auch als solcher. »Unbefangene Würdigung alles Guten und Vollendeten auch in der engsten Sphäre, Achtung für jede Selbständigkeit, Huldigung für alles Große, Reaktion gegen jede Arroganz und jede despotische Anmaßung, Haß gegen alles Verkehrte« bezeichnet er einmal (in der Einleitung seiner »Exposition der Physiologie«) als Ziel seines lehrenden Strebens. Es ist kein bloßer Zufall, daß er am Schluß seines Vorwortes zu den »Volksbüchern« der Enkel gedenkt, denen er seine Erlebnisse und Funde mitteilen muß. Seinen Schülern will er, »indem er vom Leben lebendig spricht, auch Leben im Lebensfähigen wecken und jene Begeisterung hervorrufen, die allein des Wahnes wirre Mißgestalten niederschlägt und aus des Geistes tiefverborgenen Gründen kecke, kräftige, in sich gegründete Gebilde zutage zieht, die ihre Seele in sich selber haben und nicht wie Automaten im fremden Geiste leben« (Schluß der Vorlesungsankündigung 6. XI. 1806). So gräbt er die Brunnen tief in der Dürre, bis er auf Quellen stößt: nicht um der Quellen willen, sondern derer gedenkend, die durstend warten. Er hat kein voranfänglich festgelegtes System; die zielsicherste Behandlung ist auch die seine: »die Weise der Darstellung ist nicht die dem Gegenstand am meisten entsprechende, wohl aber die, welche die gegenwärtige Zeit allein verträgt«, bekennt er in der Vorrede zum zweiten Bande seiner »Mystik«, und diesen Grundsatz hat er immer verfolgt. Von diesem Standpunkt aus versteht sich auch seine Vernachlässigung alles Formalen zugunsten des Inhalts bei der Betrachtung des Kunstwerkes, so auch seine erstaunlichen Mißgriffe in manchen Urteilen über zeitgenössische Dichter wie Goethe und Schiller. Er suchte nach Mitteln, das Leben, das er seinem Volke wünschte, zu erwecken. Was ihm diesem Zwecke zu widersprechen schien, lehnte er ab; was er für geeignet hielt, griff er, der immer wach nach neuen Anregungen aussah, zur Behandlung auf. So war er besonders veranlagt, fremde Gedanken sich zu eigen zu machen; »jede Idee, die seit der Revolution den Ozean deutschen Geistes erschütterte, hat ihre Furche darein gezogen«, deutet Hebbel das Antlitz des Greises, diese »Walstatt erschlagener Gedanken«, aus, des Greises, der als Jüngling bekannt hatte, daß sein Herz »nach und nach alles durchempfand, was irgendein menschliches Herz empfinden kann« (an K. v. Lassaulx, 25. II. 1800).

Die Eindrücke, die Görres im Freundeskreise der Heidelberger Romantiker empfing und aus denen als schönste Frucht seines Aufenthaltes am Neckar die »Teutschen Volksbücher« entstanden, trafen ihn nicht völlig unvorbereitet. Herder, der große Anreger, hatte als erster den Gedanken der Wiedererweckung der Vergangenheit, der »Rekreation«, verkündet; nicht nur auf dem Umwege über den stark von Herder beeinflußten Schelling hat Görres diese Ideen kennen gelernt: schon in den »Coruscationen«, die er 1804 für die »Aurora« (No. 128) schrieb, hatte er Herders Glauben »an ein progressives Prinzip, das die Verworfenheit keck und frech wegleugnet« und seinen »heiteren Blick auf Vergangenheit und Zukunft« gerühmt, und 1812 bekannte er dankbar, unter seinem Einfluß zu stehen Vgl. dazu J. Uhlmann, Joseph Görres und die deutsche Einheits- und Verfassungsfrage bis zum Jahre 1824. Leipziger hist. Abhdlgen. XXXII (1912) S. 9; ferner Kosch S. 161; Schellberg S. XXXIII.. Tieck, der gerade mit Volksbüchern praktische Erneuerungsversuche angestellt hatte, mußte diese Anregungen verstärken, und Fichte hatte seinen Glauben an eine moralische Weltordnung als Herz und Halt des Weltorganismus befestigt und geläutert. Besondern Einfluß mag Arnim gehabt haben, dessen »Wunderhorn«, dem Arnim nicht immer zur Freude Brentanos die ausschlaggebende Form gegeben hatte, Görres schon vor seiner Heidelberger Zeit kannte – Arnim, der einen Hauptgrund des nationalen Zusammenbruchs »in dem Hochmut gegenüber früherer Geschichte« sah und dem, wie Görres es in seinem Nachruf auf den Freund (1831) so schön ausgedrückt hat, »das Wesen alter Zeit, wie es in den Dichtungen der Vergangenheit fortlebte, am tauglichsten« schien, »um die erstarrte Gegenwart wieder einigermaßen zu erwärmen und zu beleben«. Aus dieser Erkenntnis ist das »Wunderhorn« geboren, diese Sammlung von Liedern, die »nie auf die Geschichte, sondern auf das Gegenwärtige Rücksicht genommen« (Arnim an Zimmer 25. III. 1808 G. Mehlis, Die deutsche Romantik (München 1922) S. 71 spricht den Romantikern die Liebe für die große Menge ab.). Brentano betrachtete die alten Lieder lieber vom ästhetischen oder historischen Standpunkt und konnte bei der Redaktion nicht immer Arnims Tatgedanken folgen; aber auch er wirkte für die Neubelebung der alten Literatur: seit 1802 beschäftigte er sich mit dem Gedanken, mittelalterliche Poesie und Prosa herauszugeben. Ehe er nach Heidelberg ging, wollte er in Tiecks Nähe ziehen, um mit ihm gemeinsam die Literatur des deutschen Mittelalters zu erneuern. Sein Verkehr mit Görres in Koblenz muß auf diesen befruchtend gewirkt haben, und er war es auch, der ihn in den Gedanken, die »Teutschen Volksbücher« zu schreiben, »hineingeschossen« hat. Das mag ihm in Heidelberg nicht schwer gefallen sein, wo nicht nur der gleichgesinnte Creuzer, der schon in jungen Jahren über die Naturgeschichte der Sage gearbeitet hatte, mit Vorliebe altdeutsche Literatur pflegte, wo auch der antipodische J. H. Voß, der einst als Eutiner Rektor mit seinen Schülern das Nibelungenlied gelesen, sich gern mit der alten Dichtung und Sprache der Deutschen befaßte Ueber die Heidelberger Romantik vgl. bes. die wertvolle Arbeit von Levin (Die Heidelberger Romantik, München 1922); ferner F. Schneider, Neue Heidelberger Jahrbücher XVIII (1914).. Das Streben zur Neubelebung der Vergangenheit aus erzieherischen Gründen ist der ganzen Romantik eigen; A. W. Schlegel hat es für sich in der Ankündigung seiner Nibelungenausgabe (Intelligenzblatt XX der Heidelberger Jahrbücher 1812, S. 149) deutlich ausgesprochen, und die Brüder Boisserée sammelten ihre Kunstschätze, »daß die Bilder auch auf das Leben selber von schöner, heilsamer Wirkung seien. Kein Volk bedarf wohl mehr der Erinnerung an eine große Vorzeit als das deutsche«. Es ist bezeichnend, daß Jakob Grimm von Anfang an diesen Zielen ablehnend gegenüberstand. »Allein historisch«, schreibt er am 17. V. 1809 an Clemens Brentano, »kann sie (die alte Poesie) unberührt genossen werden.« Uebrigens hat auch Görres später seinen Standpunkt gewandelt und eingesehen, daß man die Vergangenheit nicht wieder erwecken könne (»An die deutschen Stände«, Rheinischer Merkur 1816).

Von dieser Resignation war er vorläufig noch weit entfernt. Schon ehe er nach Heidelberg ging, hatte er in der Aurora (»Drei Revolutionen«) die Romantik als die dritte große Revolution gefeiert; was die andern verheißen und unerfüllt gelassen hatten, sollte ihm nun diese literarische Erhebung verwirklichen. Sein einstiger Spott über Heidelberg, dem er im »Roten Blatte« die Zügel hatte schießen lassen (»Testament des sterbenden römischen Reiches deutscher Nation«), hatte einer freudigen Begeisterung Platz gemacht. Die Schönheit der Landschaft, die den natürlichen Begleitakkord zu dem Treiben der Romantiker bildete – »ich fühle mich immer gezwungen, die dortige Gegend als mein Vaterland anzusehen«, schrieb Tieck 1807 an den Verleger Zimmer – und die »Blume der Universität«, die letzten Endes doch den äußeren Anlaß zur Zusammenkunft der romantischen Freunde in der Neckarstadt bildete, lockten zum Fortschreiten auf der einmal begangenen Bahn. Der historische Sinn, der Görres nie ganz gefehlt hatte, wenn auch der Jüngling gelegentlich über das »finstere Mittelalter« höhnte (»Der Rübezahl« I 3, S. 212), mußte in dieser Umgebung gestärkt werden, und mit der Erkenntnis, daß alles Tun gebend nach vorwärts, empfangend nach rückwärts sei (Wunderhornrezension), fand er in der romantisch-verklärten Zeit des Mittelalters die Idealzustände, die er seinem matten Zeitalter als Spiegel vorzuhalten gedachte. Diese Liebe für das deutsche Mittelalter, für die er im Nachwort zu den »Volksbüchern« Worte hymnischen Wohlklanges findet, bewahrte er für sein ganzes Leben; praktisch hat er sie in seinen Vorschlägen zur Neugestaltung des Reiches im »Rheinischen Merkur« (Form des Reichstages, Wiedereinführung der Reichsstandschaft, der deutsche Bund als Orden mit dem kaiserlichen Ordensmeister an der Spitze) zu betätigen gesucht, und auch sein Aeußeres suchte er altdeutsch zu gestalten: »In abgeschabtem, altteutschem Rock, nachlässig zugeknöpft, durch den eine halbzerknitterte Krause sich gleichwohl Luft zu machen suchte, ... das mehr rote als gelblichte Haar in dithyrambischer Freiheit durcheinander und mehr emporstehend als sich legend«, begegnete er E. Münch, der uns von seiner Erscheinung berichtet (Erinnerungen. Karlsruhe 1836. I 446). So wird es verständlich, daß er einem Ausländer wie Charles Sainte-Foi als urdeutscher Typ erscheinen konnte.

Daß ihm bei solcher Einstellung die Volksbücher, von denen Brentano eine bemerkenswerte Sammlung besaß, besonders zur Darstellung geeignet erschienen, ist nur natürlich, entstammen sie doch dem Zeitalter, das er preisen und in seiner eigenen Person vergegenwärtigen will. »Die Schriften, von welchen hier die Rede ist, begreifen weniger nicht als die ganze eigentliche Masse des Volkes in ihrem Wirkungskreis.« Sie sind obendrein »ehrwürdige Altertümer, die durch das läuternde Feuer so vieler Zeiten und Geister unversehrt hindurch gegangen sind«. So stellt er der modischen Ziererei den derben Naturburschen Eulenspiegel als Gegengewicht gegenüber, während er für seinen Witz wenig Verständnis hat, und immer wieder (S. 31, 39) betont er die Unschädlichkeit der kleinen Schriften, um sein Tun zu rechtfertigen. »Der Goldkäfer, wenn er wohl auch im Aase und im Miste sich betreten läßt, ist immer doch ein nettes Tier« (S. 192); verborgenes Gold will er zeigen, daß es gemünzt werde und in Umlauf komme.

 

Wiederbelebung, nicht wissenschaftliche Erkenntnis: das ist seine Absicht. War er doch selbst weit davon entfernt, ein Wissenschaftler zu sein! »Der erste Zweck meiner Arbeiten ist eigene Befriedigung und Beschäftigung und Bildung meiner Kräfte«, bekannte er schon in der Vorrede zur »Exposition der Physiologie« und ein andermal, im Briefwechsel mit Jakob Grimm: »Den langen Schweif von tausend Papieren und Papierchen zu schleppen war mir eine ganz ungewohnte Arbeit.« Ja, er verachtete sogar die exakte Kleinforschung und brachte es so fertig, nur »den kritischen Nagetieren und Bücherratten zum Verdruß« z. B. an der Echtheit des Ossian und an der Sage von der Entstehung des Meistergesanges festzuhalten. Er vertraute seinem »allgemeinen historischen Takt«, von dem er annahm, daß er nicht leicht betrüge (23. IX. 1811 an die Gebrüder Grimm); »Ahndung mehr als historische Ueberzeugung« hat ihn nach eigenem Zeugnis (»Der gehörnte Siegfried und die Nibelungen«, Einsiedlerzeitung) bei der Besprechung des Siegfriedbuches in den »Volksbüchern« geleitet. Seine ganze Darstellung erhält so einen leicht verschwommenen, zuweilen unklaren Charakter; er sieht die großen Linien, er ahnt die Zusammenhänge, aber es fehlt ihm an der »Liebe zum Kleinen«, die Verbindungen aufzuhellen: das unruhige Blut seiner italienischen Mutter macht sich hier geltend. Dazu kommt sein Interesse an Wunderlichkeiten, neuen und fremden Gedanken, über denen er oft den eigentlichen Kernpunkt seines behandelten Gegenstandes übersieht; darunter leidet auch die Darstellung des Albertusbüchleins, mit dem er seine Volksbücherschau beginnt. Daß er überhaupt dieses Werk und nicht statt seiner irgendein anderes geschrieben, ist letzten Endes ein Spiel des Zufalls: das Vorbild des »Wunderhorns« lockte ihn zur Nacheiferung, Brentanos Bibliothek bot ihm den Stoff bequem zur Hand; mit dem gleichen Feuer hätte er über Sagen, alte Schwänke, Epen, Lieder, Märchen oder Bilder schreiben können, wäre er damals auf sie gestoßen. Kein Wunder, daß ernstere, ruhigere Charaktere bedenklich auf sein Treiben schauten: Leute wie v. Clausewitz, Windischmann A. Dyroff, C. J. Windischmann und sein Kreis. Schriften der Görresgesellschaft I. Köln 1915, S. 82 f. Anders Arnim, der G. auch als Wissenschaftler schätzt: Briefe an Brentano, Februar 1808, an Görres 4. VI. 1814, an Goethe bei Uebersendung der Volksbücher., selbst Tieck (Brief an Solger 18. V. 1818) und Wilhelm Grimm (an Brentano, 26. VIII. 1810) lehnten sein wissenschaftliches Tun in schärferer oder milderer Form ab Am besten hat ihn A. W. Schlegel erkannt, wenn er sagt: »Was kümmert ihn Mittelpunkt oder Endzweck, den Ton und das Ganze weiß er intuitiv zu erfassen und darzustellen. Er braucht keine eigentlichen Gründe: Theorie ist ihm nur ein notwendiges Uebel.« Vgl. W. A. Schönbrunn, Die Romantiker als Literarhistoriker und ihre Vorläufer. Glogau 1911. S. 60.. Immer wieder riß ihn seine Phantasie mit sich fort: so wachsen sich unter seiner Hand die »Volksbücher«, ursprünglich als kurzer Zeitschriftenaufsatz gedacht, zum fünfzehnbogigen Buche aus. Sein Material suchte er sich spontan und sorglos zusammen (vgl. sein Vorwort zum »Lohengrin«), wie sorglos, zeigt der Auftrag zur Einsicht in die quatre fils Aigmon, den er Joseph von Eichendorff für seinen Pariser Aufenthalt gab: »Wenn Sie sich die Mühe geben wollten, einmal in einer freien Stunde etwa die erste Seite und eine halbe aus der Mitte heraus abzuschreiben, dann würden Sie die Literatur der alten Poesie und mich unendlich verbinden.« Die kritischen und bibliographischen Bemerkungen, die er in die Darstellung einiger Volksbücher einflicht, sind für ihn nicht mehr als lästige Zugeständnisse an die Wissenschaftlichkeit gewisser Leserkreise – was Wunders, daß sie den dürftigsten Teil des ganzen Buches bilden! So erklären sich seine mannigfaltigen Irrtümer und Fehler: die vorgefaßte Meinung, daß alle Volksbücher auf Gedichte zurückgehen, verführt ihn dazu, für den Fortunat ein spanisches oder englisches Epos als Vorlage anzunehmen, das Gedicht vom Herzog Ernst schreibt er Heinrich v. Veldecke zu, ohne Bedenken wiederholt er die Fabel von dem Nebeneinander eines protestantisch-ehrbaren und eines katholisch-zotigen Eulenspiegelbuches und in besinnungsloser Uebersteigerung setzt er den Roman von den Heymonskindern der Ilias, das im Vatikan gefundene Epos gleichen Inhalts den Nibelungen Brief an Zimmer (Dezember 1809); vgl. O. Reichel, Der Verlag von Mohr und Zimmer in Heidelberg und die Heidelberger Romantik. Diss. München 1913, S. 106; H. W. B. Zimmer, Johann Georg Zimmer und die Romantiker (Frankfurt 1888) bietet wertvolles, wenn auch nicht immer einwandfreies Briefmaterial. an die Seite. Später, in seiner Lohengrinausgabe und seinen »Altteutschen Volks- und Meisterliedern« (1817), wird er ruhiger und vorsichtiger – sogar zur Handschriftenvergleichung läßt er sich herbei – aber gerade diese Werke, denen der hohe Schwung der »Volksbücher« mangelt, zeigen die Grenzen seines wissenschaftlichen Vermögens. Er spricht als Jüngling einmal von seiner »Neigung für Kunst und Wissenschaft« (im »Roten Blatt«): zum Trieb ist diese Neigung nie geworden. Gerade in diesen Zügen aber, die vom wissenschaftlichen Standpunkt als Schwächen und Hemmnisse bezeichnet werden müssen, liegen die Vorzüge seines Schaffens verborgen. Seine Gabe, große Linien intuitiv zu erfassen und nachzuziehen, seine selige Phantasie, die jeden kleinen Fund, jede nüchterne Erkenntnis zum großen Gemälde erweiterte, waren dazu angetan, andere mitzureißen und zu begeistern. Die feste eigene Ueberzeugung, mit der er seine Forschungen vortrug, ließ den Hörern keine Bedenken und Zweifel aufkommen. So mußte er seinen Freunden als Seher, als Finder, als begnadeter Prophet erscheinen. »Ueber seiner Brust und seiner Stirn schlagen alle Wünschelruten und schwebt kein Irrlicht«, sagte Brentano von ihm, und Ernst von Lassaulx, der in späteren Jahren sein Hörer war, entwarf ein gutes Bild von dem Eindruck, den Görres als Lehrer machte: »Ob seine Gliederung und Nachweisung jener ewigen Gesetze in einzelnen überall richtig und historisch wahr sei, weiß ich nicht, aber selbst, wenn das Ganze nur ein großes Gedicht wäre, so ist diese Dichtung doch so ungeheuer und erhaben, daß ich dafür gern einige nackte, sogenannte historisch-materielle Wahrheit hingeben will.«

Besonders geeignet, die großen Gesetze des Geschehens aufzudecken, war Görres vornehmlich im Charakterisieren von Vorgängen (weniger von Personen) Meister; fast alle 49 Skizzen, die er in den »Volksbüchern« umreißt, können hier als Beispiel gelten, und es ist kein Zufall, daß seine satirischen Beiträge zur Einsiedlerzeitung die besten dieser Art sind. Dabei war er ständig bemüht, für die vielen ungleichartigen Dinge, die er behandelte, einen gemeinsamen Namen, ein allen gültiges Gesetz zu finden: »Ich habe die Einheit festgesetzt«, schrieb er gelegentlich seiner Mythengeschichte an Wilhelm Grimm, »weil das meiner Meinung nach in jeder Untersuchung das Erste sein muß.« In diesem Streben steht er nicht allein; 1806 hatte Adam Müller bei seinen Vorlesungen über deutsche Wissenschaft und Literatur in Dresden die ewigen Grundgesetze zu ermitteln gesucht, und Friedrich Schlegel ging sechs Jahre später in seinen Wiener Vorlesungen ähnliche Wege. So sah Görres darauf, die Umrisse besonders deutlich herauszuheben, durch das umrankende Beiwerk schaute er hindurch, den Blick auf die Verbindungslinien geheftet, die er suchte. »Das Ganze soll ein Freskogemälde sein«, erklärte er in der Vorrede zur »Exposition der Physiologie« (1805), »der Augenpunkt in der Ferne, große Massen zusammengedrängt, das Allgemeine nur ausgeführt, vom besonderen nur das Notwendigste zur Ausführung der Umrisse angegeben, übrigens im Ganzen erst skizziert, um in der Zukunft weiter ausgeführt zu werden.« In demselben Sinne hat er auch die »Volksbücher« geschrieben. Nicht, als ob er zur Herausarbeitung der großen Linien sachliche Hemmnisse wissend beiseite geschoben, an die Richtigkeit seiner Behauptungen nicht fest geglaubt hätte. Er, der Wahrheitssucher, war immer von der Tatsächlichkeit dessen, was er sagte, überzeugt; Arnim hat ihm in einem schönen Briefe diesen Wesenszug lobend bestätigt (31. V. 1827). Dazu gelang Görres dank seines scharfen Blickes manch treffendes Urteil; es soll ihm unvergessen bleiben, daß er als einer der ersten aus Kleists »Familie Schroffenstein« das Genie des jungen Dichters geahnt, daß er, besonders auf volkskundlichem Gebiet, intuitiv manche Erkenntnis fand, zu der die wissenschaftliche Forschung erst nach Jahrzehnten gelangte. So gebrauchte er zuerst (im Nachruf auf Arnim 1831) für die Aenderungen, denen die Volkslieder im Volksmunde unterworfen sind, das heute als Fachausdruck verwendete Wort »zersingen«, erkannte bereits (in seiner Wunderhornrezension) dichtende Persönlichkeiten als Verfasser der Volkslieder, und wie ein Naumannsches Wort mutet es an, wenn er in den »Volksbüchern« auseinandersetzt, wie die Volkslieder »oft aus dem Volke hinaus-, oft auch in dasselbe hinabgesungen« werden (S. 15). Daß er den Blick seiner Leser auf Indien und das Morgenland lenkt und damit gelegentlich Wege weist, die Benfey und seine Anhänger später gingen, mag hier, da diese Hinweise einer allgemein romantischen Grundstimmung entspringen, weniger betont werden. Beachtenswert aber bleiben seine volkstümlichen Bestrebungen, unter denen seine »Volksbücher«, das erste Werk, das den Blick der Gebildeten auf volkstümliche Kleinigkeiten wie Rätsel-, Sprüchwörter- und Traumbücher lenkte, den Ehrenplatz einnehmen. In späteren Jahren trug er sich mit dem Plan, unter dem Namen »Altteutschland« ein großes Sammelwerk herauszugeben; die Auskünfte, um die er (am 18. II. 1823) Sulpiz Boisserée, der damals in Stuttgart weilte, bat, lassen uns den beabsichtigten Umfang erkennen: Er verlangt Notizen über Sinnesart, Charakter, geistige Anlagen, Physiognomie, Kopfbildung, Leibesbau, Sprache, Dialekt, Lebensart, Sitten, Gewohnheiten, Kleidung, Hausbau, tägliches Leben, Rechtsverfassung, Landbau; wäre das Werk zustande gekommen, Görres hätte uns die erste umfassende volkskundliche Monographie beschert. In seiner »Allgemeinen Sagengeschichte« wollte er »unter Anderm das innere Naturverhältnis und die nähere Verwandtschaft der teutschen Stämme auf eine klare und befriedigende Weise« entwickeln; 1808 plante er Elsässersagen für die Einsiedlerzeitung sammeln zu lassen, und manche Ueberschriften seiner »Mystik« (»Dämonische Sage und Legende«, »Die Zaubersage« usw.) zeigen, wie tief er in das Sagenstudium eingedrungen war. So dürfen wir ihn als einen der ersten Volkskundler ansprechen; daß er, wie er schon in der Vorrede zur »Exposition der Physiologie« (S. 159) bekannte, dem Aberglauben und manchen volkskundlichen Kleinigkeiten ablehnend und verständnislos gegenüberstand, hängt mit seiner ethischen Grundrichtung zusammen (vgl. auch S. 203, 206, 176, 49 der »Volksbücher«).

Seine Bemühungen um die Germanistik, die ihn zu ihren frühesten Förderern zählt und besonders dankbar der Anregungen gedenkt, die er den Gebrüdern Grimm und damit der jungen Wissenschaft überhaupt vermittelte, mögen hier wenigstens erwähnt sein. Durch eigene Lektüre deutscher Literatur, die er bis ins 12. Jahrhundert pflegte, geschult, hatte er sich die erstaunliche Belesenheit erworben, die uns auch in den »Volksbüchern« Seite für Seite entgegentritt und die es ihm ermöglichte, im Sommersemester 1808 eine Vorlesung über altdeutsche Literatur abzuhalten, die zwar nicht, wie die Ankündigung stolz behauptete, »die erste ihrer Art« Auch Bartsch, Romantiker und germanistische Studien in Heidelberg, Rektoratsrede 1881, S. 15 teilt diese irrige Ansicht. Bereits seit zwei Jahren las Benecke in Göttingen über altdeutsche Literatur., aber doch das erste literarhistorische Kolleg war, das in Heidelberg gehalten wurde. Unmittelbar an die Besprechung des Siegfriedbuches in den »Volksbüchern« anknüpfend, schrieb er 1808 einen vertieften Aufsatz »Der gehörnte Siegfried und die Nibelungen« für die Einsiedlerzeitung, in dem er in breiterem Maße die eddische Ueberlieferung zur Vergleichung heranzog und damit einen frühen, wenn auch längst überholten Beitrag zur Kritik der Nibelungensage bot. In Ausgaben älterer Literaturwerke zeigte er sich weniger glücklich. Seine Lohengrinedition ist ein unkritischer Abdruck einer schlechten Abschrift, und nur die Vorrede entschädigt an einigen Stellen für den minderwertigen Text. Seine »Altteutschen Volks- und Meisterlieder«, die Scharnhorst zugeeignete Frucht seines zweiten Heidelberger Aufenthaltes (1817), die den Versuch machen, die alten Texte dem Publikum in erneuerter Gestalt darzureichen, weisen trotz größerer Sorgfalt in der Anlage zu viele Mißverständnisse und Fehler auf, als daß sie einen größeren Erfolg hätten zeitigen können. Ein Plan, die »Heymonskinder« nach der von Glöckle in Rom schlecht besorgten Abschrift des vatikanischen Gedichtes herauszugeben, kam nicht zur Ausführung. Ein kurzer Teilabdruck, der 1813 in Schlegels »Deutschem Museum« (IV 296 ff.) erschien, läßt uns den Verlust dieses Görreswerkes nicht als besonders schmerzlich empfinden, bedauerlicher ist es, daß Runge, der das Werk bebildern sollte, in seinen Bemühungen nicht über zwei Entwürfe gedieh. Wertvoller war die praktische Arbeit, die Görres als Politiker für die Germanistik leistete: seine energischen Forderungen, die geraubten wissenschaftlichen Werke und Kunstschätze im zweiten Pariser Frieden zurückzuverlangen, führten teilweise zu schönen Erfolgen Zu G.'s Verdiensten um die Germanistik vgl. F. Schulz, Joseph Görres als Herausgeber, Literarhistoriker, Kritiker. Palästra XII, Berlin 1902; W. A. Schönbrunn, Die Romantiker als Literarhistoriker und ihre Vorläufer. Glogau 1911; J. Prestel, Von volkstümlicher Dichtung und romantischer Erneuerung. München-Berlin 1924..

Nach alledem kann es nicht der wissenschaftliche Wert sein, der den »Volksbüchern« eine so starke Wirkung ermöglichte und der auch heute uns noch gern zu diesem nach Docen »ersten umfassenden kritischen Werk über ältere deutsche Literatur« greifen läßt. Was dieses Buch wie jedes andere aus der Hand seines Verfassers großen Kreisen des Publikums lieb und vor vielen wert machte, ist seine dithyrambische Form, diese in weitausgesponnenen Bildern schwelgende Rhetorik, mit der Görres nur zu oft heikle Klüfte des Unwissens und der sachlichen Unsicherheit zu überbrücken vermochte. Sie war vielleicht weniger beabsichtigt als dem Schreiber naturnotwendig; »Görres wäre nicht Görres, nicht sprühender und zündender Geist ohne Maßlosigkeit und Formlosigkeit«, zeichnet ihn sein Hamburger Freund C. Th. Perthes 1862 aus der Erinnerung. Er schrieb, wie er sprach, und sein Stil wird uns in all seinen Schönheiten und Schwächen erst verständlich, wenn wir die Berichte von Zeitgenossen über den Redner Görres vernehmen, wie er im Kolleg in Heidelberg wie in München, immer ohne Vorlage, plötzlich auftauchende, bruchstückhafte Gedanken aneinanderreihte und in einförmig singendem Tonfall Bild um Bild entwarf, fast ohne Uebergänge und Absätze, »wie ein messelesender Priester«. »Sein freier Vortrag war monoton«, schildert ihn Eichendorff, »fast wie fernes Meeresrauschen, schwellend und sinkend, aber durch dies einförmige Gemurmel leuchteten zwei wunderbare Augen und zuckten Gedankenblitze beständig hin und her«. Aehnlich berichtet A. Lewald, der ihn in München hörte: »Leise, zitternd und dabei sehr gedehnt und in nie vernommener Aussprache ... Ein dunkler Orakelspruch könnte nicht passender vorgetragen werden ... es klang so gespensterhaft und schaurig ... Erst nach und nach lüftete sich das Chaos der unverständlichen Töne, die Massen ordneten sich, und Worte, später Sätze, ragten wie aus wogendem Meere Inseln hervor. Der Vortrag des Professors blieb sich immer gleich, wie ein dahinrollender Sturm.« Man denkt bei diesen Zeilen unwillkürlich an den Eingang der Volksbücher, die über die dunkle, mystisch gefärbte Vision der Zuneigung und den hymnischen Preis vergessener Dichtung zur klaren Sichtung des ausgewählten Stoffes hinüberleitet. Auch Sebastian Brunner gibt von dem gleichen Eindruck Zeugnis: »Er redete in seiner Weise langsam, die Stimme aber wurde voller und gab eine gewisse Anregung kund, ... die Sprache seines Mundes wurde seiner Buchsprache ähnlich.« Heinrich Voß hat ihn (in einem Briefe an Charlotte v. Schiller 12. II. 1807) gezeichnet, wie er zur Zeit der Abfassung der »Volksbücher« redete, und auch dieses Bild entspricht den bereits angeführten: »Einem Einfall zuliebe gibt er Deutlichkeit und Bestimmtheit preis. Wenn man ihn reden hört, so glaubt man, der innere Mensch sei ganz vom äußeren getrennt; er sitzt wie eine Sprechmaschine, keine Bewegung des Körpers, selbst sein Auge nicht entspricht dem, was er sagt,« und Brentano (an W. Grimm, 15. II. 1815) betont gleichfalls das Monotone in Görres' Redeweise: »Vieles liest sich, wie ein Brunnen.« Daß solche Art bei nüchternen Personen wenig Verständnis fand, kann nicht verwundern; schon in der Zeit ihres Einvernehmens nannte ihn H. Voß »mehr originell als klar, mehr witzig als wahrhaft«, und die gegnerischen Stimmen, die sich bald gegen seine Heidelberger Lehrtätigkeit richteten, fanden an diesem Punkte leicht eine Möglichkeit der Kritik, »das mystische Getändel der neuesten Schule« und »die elektrischen Funken einer hagelschwangeren Wolke« lächerlich zu machen. Reinbecks berüchtigte und folgenreiche Schrift »Heidelberg und seine Umgebungen im Sommer 1807« (Tübingen 1808) ist ein deutlicher Beweis dafür, und Brentano wußte wohl, was er tat, als er Arnim vor Beginn der Einsiedlerzeitung (1808) warnte, »in den ersten Stücken zu witziges und überblühendes Görresisches aufzunehmen, um die Leute nicht zu irren«. Daß Görres mit unerfüllten Hoffnungen nach zweijährigem Aufenthalte Heidelberg räumen mußte, hat seinen letzten Grund in seiner sprudelnden, übersteigerten Rhetorik, die Wort und Schrift den ausschlaggebenden Kreisen verdächtig machte. Seinen Nachfolger an der Universität, den Privatdozent der Philosophie Bachmann, glaubte der damalige Dekan Langsdorf darauf hinweisen zu müssen, »daß er nur dann der Universität von Nutzen sein könne, wenn er die Studierenden dazu anleite, vernünftig denken und die positiven, praktischen, mit dem bürgerlichen Leben in genauer Verbindung stehenden Kenntnisse zu schätzen, nicht aber direkt oder indirekt, wie Herr Görres, solche Kenntnisse verachten lehrte«. Von einem erneuten Versuch, nach Heidelberg 1811 zurückzukehren, mußte Creuzer dem Freunde dringend abraten. Die Abneigung, die mit der Veröffentlichung von Görres' erster Vorlesungsankündigung, deren erster Satz 61 Zeilen umfaßte, begann, hielt an und reichte in ihren Ausläufen bis zu Heine und Gutzkow. Dabei verkannten selbst die Gegner die Wirkungsmöglichkeiten des angefeindeten Stiles nicht. Nicht nur der Freund Wilhelm Grimm ahmte ihn gelegentlich der Ankündigung seiner »Altdänischen Heldenlieder« nach, auch J. H. Voß geht, wenn ihm das Wunderhorn (im »Morgenblatt«, 15., 26. XI. 1808) als »ein heilloser Mischmasch von allerlei butzigen, trutzigen, schmutzigen, nichtsnutzigen Gassenhauern, samt einigen abgestandenen Kirchenhauern« erscheint, Wege Görresscher Stilistik, wenn auch vielleicht in parodistischer Absicht.

Die einzelnen Komponenten dieser Stilkunst Vgl. A. Henrich, J. v. Görres. Seine Sprache und sein Stil. Diss. Bonn 1907; L. Wagner, Ueber Joseph Görres' Sprache und Stil. Diss. Straßburg 1914 (auch als Buch erschienen); O. F. Walzel, Görres' Stil und seine Ideenwelt. Euphorion X (1903). lassen sich zur Not aufzeigen und rückwärts verfolgen. Schleiermacher hatte das Evangelium von der zweiten, heiligen, geheimen Sprache verkündet, die, neben der gemeinen herlaufend, dem Uneingeweihten undeutbar und unnachahmbar erscheine. Den eigenen Rhythmus zu finden, wurde in der Folge ein Hauptbemühen der Romantiker. Die Bernhardsche Sprachlehre gab Görres Anregung zur Metapherhäufung, Leseerinnerungen wie in der Volksbücherzueignung Moscheroschs Philander, aus dem Tieck im »Tagebuch«, Arnim im »Wintergarten« Auszüge gab und den Brentano in seinen Bücherschätzen bewahrte, wirkten befruchtend für Anlage und Form des Ganzen, weniger für die Wortwahl. Neben Novalis, dessen »Heinrich von Ofterdingen« (Besuch in der unterirdischen Einsiedlerhöhle) in der Zueignung an Brentano anklingt, ist es besonders der begeistert gepriesene Jean Paul, der von den Zeitgenossen auf Görres' Stil einwirkte. Ihm ähnlich suchte er die Eindrücke, die Vorgänge oder Gegenstände bei ihm auslösten, mehr zu spiegeln als diese Vorgänge selbst zu beschreiben. Dabei sind es immer Bilder, die sich ihm zur Verdeutlichung bieten; unaufhörlich fast reiht er sie aneinander, um den ganzen Stimmungsgehalt seines Stoffes auszukosten. In einem frühen Briefe an seine Braut hat er ihr und sich selbst einmal Rechenschaft über dieses Verfahren gegeben (Briefe I 45): »Ich verfolge dies oder das Bild weiter, hier steigt eine Empfindung, da eine Idee auf, die sich mit den ihnen verwandten paaren und neue erzeugen, ich verwickle mich immer tiefer in meine Schöpfung und erstaune am Ende, wenn ich auf einem freien Platze um mich sehe.« Einen »inwendigen Baumeister« nannte ihn Wolfgang Menzel so mit gutem Recht. In seinen Bildern legt er auf Lichtreflexe großen Wert; die Vorstellung des Fließens, von Farben oder Musik, vom Wachsen und naturhaften Werden, die oft auftretende Neigung zur Beseelung und Vermenschlichung der Dinge im Bilde, Motive aus dem Berg- und Hüttenwesen, jedes dieser Bilder für sich oder mit anderen verbunden und vergesellschaftet bis zur Häufung und über die Grenzen der Synästhesie hinaus, andrerseits die Vorliebe für beigeordnete Sätze oder Satzteile (vielleicht beeinflußt von Goethes Wunderhornrezension), für aneinander gereihte Partizipia – all das sind allgemein-romantische Stilmerkmale; erst ihr gesteigerter Gebrauch, ihre Häufung ist für Görres bezeichnend.

 

Menzels Wort vom »inwendigen Baumeister« findet auch noch in anderer Beziehung seine Bestätigung. Görres hat ein gesteigertes Feingefühl für Aufbau und Anlage von Werken. Auch hier sucht er Anordnungen zu treffen und zu finden, die irgendwelche leitenden Gedanken, Linien, Züge heraustreten lassen: so besteht seine eingehende Besprechung des »Wunderhornes« zum größten Teil aus einer Beweisführung, wie trefflich dies alles geordnet sei, wie jedes Gedicht an seiner Stelle seine besondere Bedeutung habe, die es mit dem Vorgänger innerlich verknüpfe und die gedankliche, notwendige Brücke zwischen diesem und dem nächstfolgenden schlage. Daß er in der Anordnung der 49 besprochenen Volksbücher auch eine bestimmte, in sich zusammenhängende Gedankenfolge geben will, deutet er selbst in der Einleitung kurz an (S. 26). Nur der aufmerksame Beobachter sieht aber, wie sehr Görres bemüht gewesen ist, diesem Prinzip bis ins Kleinste getreu zu bleiben. So beginnt er mit den (seiner Ansicht nach jüngsten) belehrenden Büchlein; das wissenschaftlichste, das Albertusbuch, macht den Anfang, Nachschlagewerke für besondere Gelegenheiten (Krankheit, Landwirtschaft) führen zur Traumdeutung und Anleitung zur Liebeskunst; nur lose angefügt sind hier die auch belehrenden Zunftbücher (6-9), die viel vom Wandern der Gesellen handeln und so leicht zu den Reisewerken hinüberleiten, deren erstes und berühmtestes, der Montevilla, noch lehrend und unterrichtend wirken will, während in Fortunat und Herzog Ernst bereits das Phantastische des Erlebnisses, das Schicksal des Helden in den Vordergrund tritt: damit ist der Uebergang zu den Heldengeschichten gegeben (13-17), an die sich die Berichte von tapferen Dulderinnen wie von selbst anfügen (18-21). Mit den »sieben weisen Meistern« beginnt eine neue Reihe: Sollen die Taten der kühnen Ritter und edlen Frauen durch ihr Vorbild wirken, so wird hier Belehrung über die verschiedensten Dinge in unterhaltsamer Form geboten (22-27); ernst beginnend, kommt in der Folge der Humor immer stärker zu seinem Recht, bis der Uebergang zu den lustigen Büchern gewonnen ist, die nun in bunter Reihe an uns vorüberziehen (28-32). Die Gestalt des wandernden Eulenspiegel leitet zu der des ewigen Juden über, dessen dunkle unverständliche Erscheinung Anlaß bietet, in der Folge Zauber und Satansbündnisse, Gespenster und Geister zu behandeln (34-40), bis mit den sybillischen Prophezeiungen Gelegenheit geboten ist, sich wieder zu reineren Höhen zu erheben: Legenden preisen die christlichen Tugenden und erzählen von der Kindheit des Heilands, der einst am Ende der Welt kommen wird, Gericht abzuhalten (49). So rundet sich der bedachtsam gewundene Kranz, und wie die über den Stoff belehrende Einleitung Anlaß gab, mit den belehrenden Werken die große Volksbücherschau zu beginnen, so ist mit der letzten Nummer die Höhe gewonnen, von der aus nun der jubelnde Hymnus des Nachwortes auf die vergessenen, neu zu rettenden Ideale gesungen werden kann. Daß bei dieser Anordnung nicht der Zufall, sondern bewußter Wille gewirkt hat, zeigen schon die Ueberleitungen von Buch zu Buch, die Rückweise auf bereits besprochene Bücher, die Anknüpfungen und ständigen Hinweise: ein großer Gedankengang geht durch das ganze Werk, das nur geschrieben wurde, um ihn zu erweisen und damit die ganze versunkene Literaturgattung zu heben und ihre Daseinsberechtigung darzutun.

 

Es gehörte Mut dazu, dieses Buch in eine noch im Aufklärungsbanne befangene Welt hinauszuschicken. Wie die kleinen Schriften, deren Verteidigung Görres hier übernahm, angesehen waren, zeigt ihre Verfolgung durch die Behörden. 1804 wurde in Bayern im Gefolge einer Säkularisation unter dem aufgeklärten Ministerium Montgelas das Genovefavolksbuch beschlagnahmt, »weil es ganz das Gepräge des ärgerlichsten Unsinns von Aberglauben trage«, und noch 1810 wurden ähnliche Büchlein, z. B. die »Vier Heymonskinder«, in der Oberfalz den Händlern fortgenommen, wie Nepomuk v. Ringseis erzählt. So wird es verständlich, daß das Werk auf Widerspruch und Gegnerschaft rechnen mußte und sie auch erfuhr. Ein bedeutender Teil der Abneigung, die Görres im weiteren Verlauf seines Heidelberger Aufenthaltes entgegengetragen wurde, wird auf den »Volksbüchern«, vornehmlich der dunklen Zueignung an Brentano und dem Hymnus auf das Mittelalter, den das Nachwort birgt, zuzuschreiben sein. An dem ungewohnten Stil findet auch die ausführliche Besprechung von v. d. Hagen (Museum für altteutsche Literatur und Kunst I [1809] S. 239) einen freudig aufgegriffenen Punkt zur ablehnenden Kritik: »einer Pflanze aus der Wurzel des alten Stammes lustig und wucherlich emporgeschossen und ihn neu umgrünend, zwar mit eigenem Laube« vergleicht er das Buch. Der dünkelhaften Besprechung trat später Jakob Grimm entgegen (Heidelberger Jahrbücher 1811, 10, 157 f.), der darauf hinwies, daß zu diesem Werke Berichtigungen und Zusätze nicht angebracht seien: dazu gehöre ein fester Plan, der Görres allerdings fehle. Als v. d. Hagen selbst daran ging, Volksbücher zu erneuern, fand er freilich auch kein Verständnis. Ein ungenannter Berichterstatter bemerkte (Heidelberger Jahrbücher 1813, 335), durch solche Werke werde den niedrigen Volksklassen das Gefühl für das Schickliche wieder genommen – auch dieses Wort bezeichnend für die Stimmung in dem Heidelberg der Romantikerfeindschaft und sicher mitgültig und nicht ohne Beziehung auf die Görresschen »Volksbücher«. Wichtiger als diese verständnislosen Beurteilungen bleibt die Tatsache, daß die nächsten Freunde mit dem Werke nicht sonderlich zufrieden waren: Brentano, der geistige Urheber, fand keine Freude daran (Brief an Zimmer, 29. XI. 1807), Arnim hielt es für »unnütz, überflüssig, leichtsinnig und miserabel ästhetisch geschwätzig«, glaubte »den ganzen kritischen, neuzeitlichen Uebermut, der immer Talentlosigkeit und Mangel an Erfindung verrät«, darin wiederzufinden (3. XII. 1807 an Tieck), und er bedauerte, daß Görres kein Volksbuch neu herausgegeben und so praktische Arbeit in seinem Sinne geleistet habe. Auch Tieck war, einem Zeugnis Brentanos zufolge (an J. und W. Grimm, 20. I. 1809), gegen das Werk eingenommen, und in ähnlicher Weise scheint Jean Paul sich zu ihm gestellt zu haben. Jedenfalls lehnte er es trotz wiederholten Bitten Marheinekes ab, das Buch in den »Heidelberger Jahrbüchern« zu besprechen. Schellings Abneigung konnte durch die »Volksbücher« nicht überwunden werden, und auch Jakobi blieb Görres' Feind.

 

Der lobenden Stimmen sind bedeutend mehr. A. Böckh rühmte Görres' Kenntnisse F. A. Wolf gegenüber rückhaltlos (Briefe vom 12. XI. 1807), Docen besprach sein Werk sehr anerkennend in der Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung (1810, Nr. 108-110), also im Hauptlager der Gegner, A. W. Schlegel hat der »geistreichen Schrift« noch in späteren Jahren eine umfassendere Würdigung in den Heidelberger Jahrbüchern gewünscht. Daß Goethe das Buch mit Interesse und Nutzen gelesen hat, beweisen gelegentliche Bemerkungen und Notizen (vgl. Weimarer Ausgabe I 7, 235 f; I 411, 181). Besonders wertvoll aber war der Einfluß, den es auf die Brüder Grimm ausübte; die Lektüre des Werkes regte sie an, mit Görres in persönliche Fühlungnahme zu treten. So entstand eine Freundschaft, die für beide Teile gleich fruchtbar werden sollte und jedenfalls mit dazu beigetragen hat, dem Schaffen der Brüder die endgültige Richtung zu weisen. Was er dem Freunde verdankte, hat Jakob Grimm in späteren Jahren darzutun gesucht, als er Görres seine spanischen Romanzen zueignete ( Silva de romances viejos 1815); das Interesse der Brüder für Volksbücher, das sie immer betätigt haben, hat in diesem Verkehr seine Anregung erhalten. Mit ihrem Einfluß auf die Anschauungen der jungen Wissenschaft ist es wohl zuzuschreiben, daß die Ergebnisse des Görresbuches von der späteren Forschung immer wieder übernommen und nachgesprochen wurden: nicht auf den Einleitungen, die v. d. Hagen und Büsching zu ihren mißlungenen Volksbücherneuerungen (»Buch der Liebe«, »Narrenbuch«) gaben, sondern auf den »Teutschen Volksbüchern« fußen die Darstellungen der Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts Eine eingehende Darstellung der Volksbuchforschung kann hier um so eher unterbleiben, als ihr in einer demnächst erscheinenden Schrift des Herausgebers über die Volksbücher ein besonderer Abschnitt gewidmet werden wird..

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