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Die teutschen Volksbücher

Joseph von Görres: Die teutschen Volksbücher - Kapitel 50
Quellenangabe
typelegend
authorJoseph Görres
titleDie teutschen Volksbücher
publisherHerbert Stubenrauch / Verlagsbuchhandlung
printrun
editorLutz Mackensen
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160608
projectide1da5798
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48.

Unsers Herren Jesu Christi Kinderbuch; oder merkwürdige, historische Beschreibung von Joachim und Anna, deren Geschlecht, aus welchem sie geboren. Item von ihrer Tochter der Jungfrau Maria, und von der Geburt und Auferziehung Christi: wie auch von der Flucht Christi, und was sich sowohl auf ihrer Reise nach Aegypten, als auch bei ihrem siebenjährigen Aufenthalt daselbst, nicht weniger bey der Rückreise und hernach zu Jerusalem für große Wunderwerke zugetragen haben. Ganz frisch aus dem Italiänischen in's Teutsche übersetzt. Cöln, Altona und Nürnberg.

 

Gar kindlich lieb, und wunderbar einfältig fromm und zart, eine liebliche Idylle in der Religion. Ein klarer Schein fällt vom Himmel herab unten auf die Erde nieder, und der Schein ist die Feuersäule, die der Verkündiger der Comet, gegen die Erde niedersenkt, und die mit Himmelsäther sie tränkt und sättigt, daß unten in dem Strahle ein neues Paradies erblüht, eine glückselige Oase mitten in der Wüste: mit Himmelsblumen, Himmelsfrüchten muß sich die karge Erde zieren; dichtes saftiges Laubwerk umzieht den Saum der Wunderinsel, und innen glüht's und blüht's zart und süß und licht und glanzvoll; Engel fliegen wie bunte Paradiesvögel durch die Zweige, und unten wandelt das göttliche Kind und seine Pfleger; und wie die Wanderer voraneilen, wandelt der Schein mit ihnen und die Zauberwelt, einer leichten bunten Glanzwolke gleich; und Alles ist ein süßes Lächeln der ernsten Natur, die über das kalte, starre Antlitz eine freudige Bewegung kreisen läßt, da sie das Kind erblickt, das, obgleich seiner hohen Abkunft und seiner großen Bestimmung sich bewußt, doch fromm und spielend bleibt. Gleich den Präsepen, die um Weihnachten erblühen, wo nächtlich still die heilige Landschaft für die Feyer wacht und betet, und der Mond ungewöhnlich klar sein Silber im Aether flüssig löst, und unten die drei Könige fern über die Brücke ziehen, und die Hirten sich geschäftig um die Krippe drängen, und wunderbare Schimmer durch die Lüfte auf und niedersteigen, und irre Töne schweifen und auch den Erlöser suchen, und im Schweifen sich begegnen, und zu Chören sich verbinden und miteinander ziehen, und Alle endlich jubelnd und anbetend über dem stillen Heiligenscheine schweben, der ausströmt von des Kindes Lager: so bietet dies kleine Werk sich dem Beschauer dar, und dem Kinde folgt es bald, wie es dahin wandelt nach Aegypten, und in die Wüste auch, wo es zum Mittleramt sich weiht. Das Werk ist eines Geistes Kind mit allen jenen Bildern der italiänischen Schule, die mit gleicher Liebe den gleichen Gegenstand behandeln. Ein warmes Liebeleben ist darüber ausgegossen, und ein zartes Blüthenfunkeln und Liebesstäuben. – Sie sahen aber von ferne einen großen Baum, und Joseph sprach, wir wollen dahin gehen, und allda über Nacht bleiben, sie konnten aber kein Wasser finden. Als er nun zu dem Baum kam, und konnte kein Wasser finden, bekümmerte er sich gar sehr; aber bey dem Baum war viel Gras, daß seine Esel und der Ochs genug zu fressen hatten. Die Jungfrau Maria setzte sich nieder, und nahm das Kind Jesus in ihren Schooß, und stach mit ihrem Finger in die Erde, da sprang eine Quelle auf. Sie lobten Gott und waren froh, daß sie Wasser für sich und ihr Vieh bekommen hatten. Des andern Tages füllten sie ihre Flaschen und Krüge mit Wasser, daß sie auf dem Wege zu trinken hatten. Als sie nun weiter reiseten, so wurde die Maria eines hohen Baumes gewahr, der viele Früchte hatte, und die Früchte waren völlig reif: sie schauete auf den Baum, und wollte von den Früchten haben, aber Joseph konnte Alters halber nicht auf den Baum steigen, die Mutter mit dem Kinde stand unter dem Baum. Weil das Kind Gott und Mensch war, so verstand es, was sie begehre. Hierauf ließ sich der Baum gegen Maria nieder, daß sie von der Frucht nehmen konnte, so viel sie wollte. Da sie nun nach Belieben gegessen und ihre Säcke gefüllt hatten, so richtete sich der Baum wieder auf, und breitete seine Zweige wieder aus, und Joseph und Maria lobten Gott für Alles, was sie bekommen hatten, und das Kind Jesus ließ sich alles gefallen, und seine Eltern waren auch zufrieden, besonders darüber, daß der Ochs und der Esel mit dem vielen Gras so wohl versorgt waren: sie knieten und beugten sich vor dem Kinde Jesu, und erkannten ihn für ihren Herren und Schöpfer. –

Als eines Tags die Kinder mit Jesu zum Thore hinaus aufs Feld gehen wollten, so kamen sie auf einen Platz, da man Leimen gegraben hatte, und Jesus setzte sich auf denselben Platz nieder, und nahm mit seinen Händen von dem Leimen, und machte kleine Vögel daraus, so wie sie auf dem Felde siegen; da die andern Kinder sahen, daß Jesus solche schöne, kleine Vögel gemacht hatte, so freueten sie sich darüber, und wollten auch solche Vögel nachmachen. Währender Zeit kam ein alter Jude, der sahe, daß sie miteinander scherzten und spielten, und er strafte sie und sprach: »Ihr halt't den Sabbath nicht heilig, ihr seyd Teufelskinder, ihr entheiligt den Sabbath, ihr erzürnet Gott«; er sagte auch zu dem Kinde Jesus: »Du bist Schuld daran, die anderen Kinder machen es dir nach, ihr gehet Alle verloren«. Jesus antwortete: »Gott weiß es am Besten, ob du oder wir den Sabbath am besten heiligen, du darfst mich nicht beurtheilen«. Der alte Jud wurde bös, und wollte sich auf der Stelle an dem Kind Jesus rächen; er gieng hinzu, und wollte auf die Vögel treten, die das Kind gemacht hatte; alsbald klopfte Jesus in die Hände, als wenn er die Vögel erschrecken wollte, da wurden sie lebendig, und flogen aus gen Himmel, wie andere Vögel; der alte Jud mußte sie auch lassen fliegen.

Das Buch ist eines der sogenannten Apogryphischen, und schon M. Polonus, der um 1266 lebte, führt es als ein allgemein Gelesenes an, und erzählt die ganze oben beygebrachte Begebenheit mit dem Baum, der auf Jesuleins Geheiß sich auf die Erde habe niedergebogen, und als dem Joseph gedürstet, sey aus der dürren Erde auf dergleichen Befehl eine frische Quelle entsprungen. Weiter, nachdem sie auch aus solcher Reise in einer Höhle eingekehrt, wären zwei abscheuliche Drachen hervorgekommen, auf deren Anblick die Aeltern heftig erschrocken, aus des Sohnes Befehl aber wären die Drachen ehrerbietig in die Wildniß gewichen. So wäre ihnen auch ein Löwe begegnet, der die ganze Reise vollends bei ihnen geblieben und gedient hätte. Aber aus noch weit ältern Zeiten, und von den ersten Jahrhunderten der Kirche, kommen diese Schrifften her. Die Kirchengeschichte lehrt nämlich, wie Pabst Gelasius der Erste in dem Concilium, das er zu Rom im Jahre 495 hielt, schon die Apogryphen von den ächten heiligen Büchern schied, und unter jene insbesondere die folgenden Drey aufnahm: Liber de infantia salvatoris. – Liber de nativitate Salvatoris, et de S. Maria, et de obstretice Salvatoris Im zweyten Bande der Miscellaneen zur Geschichte der teutschen Literatur, der mir eben bey'm Abdruck zu Gesichte kömmt, führt Docen aus der Geschichte der Jungfrau Maria von Bruder Philipp aus dem Kartheuserorden, nach einem Manuscripte des dreyzehnten Jahrhunderts, viele Stellen an, aus denen sich ergiebt, daß entweder das Volksbuch jenes Gedicht nur aufgelöst in Prosa ist, oder daß Beyde aus der gleichen Quelle schöpfend, sich meist wörtlich an sie gebunden haben. Die durchgängige Identität beyder Schrifften bleibt gar nicht dem mindesten Zweifel unterworfen, wenn man z. B. die hier beigebrachten Stellen vergleicht mit den p. 85 und 88 beigebrachten Fragmenten, wo das Letzte: »Da daz Chint Jesus vogelin macht« anfangk: »An einem Tage zesamen giengen. Alles des Chint anviengen, Churzwil unde chintspiel«. Es muß durch unmittelbare Vergleichung mit den apogryphischen Büchern ausgemacht werden, ob das Eine oder das Andere der Fall ist..

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