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Die teutschen Volksbücher

Joseph von Görres: Die teutschen Volksbücher - Kapitel 5
Quellenangabe
typelegend
authorJoseph Görres
titleDie teutschen Volksbücher
publisherHerbert Stubenrauch / Verlagsbuchhandlung
printrun
editorLutz Mackensen
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160608
projectide1da5798
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3.

Bauernpractika, oder Wetterbüchlein, wie man die Witterung eines jeden Jahrs eigentlich erlernen und erfahren mag; durch Aufmerksamkeit der Zeiten von Jahr zu Jahr währende. Jetzt wieder aufs neue mit etlichen nützlichen Stücken vermehrt, und mit schönen Figuren geziert, samt einem Bauerncompaß, allen Ackerleuten, Boten, Schiffleuten, Kaufleuten, so zu Wasser und Land reisen, nützlich zu wissen, durch Henericum von Uri. Gedruckt in diesem Jahr.

 

Abgedruckt aus einem älteren Buche unter gleichem Titel und völlig gleichen Inhalts, das zu Frankfurt am Main 1570 erschien, und wahrscheinlich noch andere Vorgänger von anderen Verfassern hat. Zuerst wie die Witterung des ganzen Jahrs in Weyhnachten zu erkundigen sey. Man kennt das alte astrologisch meteorologische Dogma, daß die Natur der zwölf Monathe des Jahrs vorgebildet werde durch die zwölf Nächte, die der Christnacht oder eigentlich dem Wintersolstitium folgen. Dies Dogma gründete sich auf die alte mythologische Ansicht, daß das Jahr gleichsam mit dem Wintersolstitium gebohren werde, und daher in der zarten Jugend schon, wie am Menschen, die spätere Entwickelung sich spiegeln müsse, eine Annahme, die, da sie der durchgängig cyklischen in sich gleichen Natur aller Himmelsbewegungen, in deren Wiederkehr das Jahr sich bildet, widerspricht, wissenschaftlich unstatthaft ist, obgleich ein eigner poetischer Reiz, wie in allem Prophetischen, darin liegt. – Dann von den zwölf Monathen des ganzen Jahrs mancherlei Bauernregeln in Versen. Ferner Cisio Janus für die Layen. Mehrere Hexameter, dessen Worte jedesmal die ersten Silben der unbeweglichen Feste andeuten, die auf jeden Tag des Monaths fallen, und zwar so, daß die Zahl der ersten Silbe von dem Namen des Festes oder des ganzen Wortes, den Monatstag anzeigt, auf welchen dasselbe fällt. Der Name selbst ist, wie Eschenburg im literarischen Anzeiger schon gezeigt, verstümmelt aus Circumcisio Januarii, weil das Beschneidungsfest als das Erste, das Jahr eröffnet; der Cisio janus aber lateinisch, schon am Anfange des vierzehnten Jahrhunderts in der römischen Kirche herrschend, und in der Folge von Melanchthon verbessert, teutsch aber gedruckt schon um 1470 vorkommend. Der gegenwärtige ist oft artig, leicht und meist scherzhaft gewendet. Z. B. für den November:

All Heiligen fragen nach gutem Wein,
Willibrodus sprach, lauffet hin,
Martin schenkt jetzt guten Most,
Und hat dabei viel guter Kost,
Cäcilia, Clemens fragten Katharina das,
Advent hieß kommen Andreas.

Eine nützliche Laßtafel dient für mancherlei Gebrechen der Menschen, samt einem Unterricht, wie sich dieselben halten sollen im Aderlassen, Schröpfen oder Köpfeln, ist von Jahr zu Jahr recht und wahrhaftig. Alles so, wie das ganze Aderlaßmännchen auf die ältere Medizin gegründet, die hier von dem Grundsatze ausgieng, daß wenn allgemeine Krankheiten durch gleich allgemeine Aderlässe aus den größeren Gefässen geheilt werden, locale Krankheiten durch gleich locales Blutlassen gehoben werden müssen. Dieser Grundsatz an sich selbst physiologisch durchaus richtig, da in jedem einzelnen Organ auch im Kreislauf, durchaus ein selbstständiges Prinzip, obgleich dem Allgemeinen untergeordnet hervortritt, hat freilich in der Anwendung zu mancherlei Täuschungen Veranlassung gegeben, die mit dem Zustande der älteren Medizin zu den Zeiten Avicennas zusammenhiengen, die aber darum gar nicht die Neuere rechtfertigen, daß sie das Ganze als grundlosen Aberglauben verwarf. Auf ähnlichem Grunde beruht die folgende Rubrick: Regiment, wie man sich in einem jeglichen Monat halten soll, und der sieben Planeten Eigenschaft, und was in eines jeden Stand zu thun und zu lassen sey, auch wenn sich schön, feucht oder naß Wetter begeben. Ein astrologisches Schema, nach dem jeder, der Glauben daran hat, sein Leben und seinen Wandel reguliren mag; eine Art von physischem, kathegorischen Imperativ, der immerhin neben dem Moralischen bestehen mag. Wenn einmal Ordnung seyn soll im menschlichen Thun und Treiben, dann mag auch wohl einmal die Ordnung des Himmels, und der Lauf der Gestirne als Regulativ erscheinen, und gerade dieses könnte für die unteren Volksklassen tauglicher als jedes Formale seyn, weil ohnehin seiner Willkühr in allen seinen Verhältnissen wenig überlassen bleibt, und diese überhaupt in allen ihren Aeußerungen oft sehr unbehülflich sich zu benehmen pflegt. Daher ist denn auch bei allen Nationen diese Naturethik jeder andern Intellectualen voran gegangen. Folgen weiter etliche nützliche Aufmerkungen und Regeln für die Weinhäcker, Gärtner und Bauersleute, wie sie nach des Mondes Schein und Lauf sich richten sollen; dann vom Baden, Purgiren, von den Winden, welche man zu meiden hat; von ihrem Entstehen, ihrer Natur und Beschaffenheit, von Regen, Thau, Reif und Schnee, von den Jahrszeiten. Endlich Sonnenuhr oder Liniencompaß in des Menschen linker Hand, für Ackerleute, Boten, Schiffleute, mit einem Holzschnitte dabei; der Kunstgriff, auf die Hand eine Sonnenuhr zu zeichnen, die für die angegebnen Stände recht brauchbar seyn mag. Das Ganze ist daher durchaus unschädlich, unschuldig, dagegen nach manchen Seiten von vielfachem Nutzen für die Classe, der es ursprünglich bestimmt ist.

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