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Die teutschen Volksbücher

Joseph von Görres: Die teutschen Volksbücher - Kapitel 37
Quellenangabe
typelegend
authorJoseph Görres
titleDie teutschen Volksbücher
publisherHerbert Stubenrauch / Verlagsbuchhandlung
printrun
editorLutz Mackensen
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160608
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35.

Des durch die ganze Welt berufenen Erzschwarzkünstlers und Zauberers D. J. Fausts mit dem Teufel aufgerichtetes Bündniß, abentheuerlicher Lebenswandel, und mit Schrecken genommenes Ende. Cöln am Rhein und Nürnberg.

 

Daß Satans Reich groß und mächtig auf Erden sey, hatte man frühe schon verstanden. Was oben am dunkeln Himmel glänzte, blinkte, strahlte, das war den Menschen wohl befreundet und ehrwürdig, aber nicht grauenvoll, schreckhaft: was aber der Erde dunkler Schooß verbarg, was im Erdbeben ihn durchzuckte, was aus geborstenen Rissen dunstig, schwefelflammig, Seuchen-verbreitend sich ergoß, das war ihnen unheimlich, verdächtig, grausenhaft; da schien ihnen kein Stern herauf, finsterer und immer finsterer wurde die Finsterniß, je tiefer sich die Phantasie in den Abgrund hinabversenkte, bis endlich die Geschreckte selbst erstarrte, und unten ganz unten die Nacht in schwarzen Klumpen gerann; und in dem Abgrund, den nimmer des fernen Himmels Morgenroth erreichte, da brannte der Hölle Pfuhl, da lag der alte Lindwurm mit allen Erdenübeln und schlief, so lange der Sonne Licht der Erde Oberfläche bescheint, und die Gemeinde gottselig fromm vor den Altären kniet; wenn aber die Nacht die Erde nicht mehr mit Himmelslichte tränkt, wenn der Kerzen Schein am Altar erlischt, wenn der Hölle Reich dann weiter wird und freier, wenn die Lebenden schlafen, die Todten aber wachen und wandeln: dann sendet der grimme Wurm die junge Brut hinaus auf Raub und Nahrung, und durch die Lüfte streift dann das Gezücht, und die Werke der Finsterniß treiben, die treten dann auf den Kreutzwegen in ihren Zauberkreisen mit ihnen in Verkehr, und die ungethümen Kinder der Lüge helfen ihnen Unheil und Böses schaffen. Denn die Fürsten des Himmels, hat man geschlossen, die Sterne, sind an der Astrologen Kreise festgebunden; der Menschen Geist vermag so gleicher Weiße durch nigromantischen Zauber die Fürsten der Finsterniß in gleiche Kreise einzubannen, daß sie ihm Rede stehen, daß sie die arge aber übermenschliche Kraft zu seinem Dienst verwenden, daß sie die Geheimnisse und die Schätze der dunkeln Nacht ihm öffnen, daß sie die Naturkräfte ihm dienstbar machen, und ihn durch ihre Macht zum Erdenfürsten erheben, dafür daß er sich selbst und den irdischen Leib ihnen erb- und eigenthümlich verschreibt. Das ist daher das Wesen der Magie, ein furchtbarer Bann, der hinunter in der Erde Abgrund reicht, und wenn des Menschen Thun die Schranken des Irdischen verläßt, wenn er in seinem Treiben sich in sich selber scheidet, und himmelan die Flamme der frommen Gottseligkeit schlägt, und endliche Menschen zu Heiligen des Himmels sich verklären, dann muß in der Scheidung der Gegensatz nothwendig sich ebenfalls mit hervordrängen: während die einfältige, schuldlose Gottesfurcht in stiller Hingebung des Himmels Reich gewinnt, muß der kecke, übermüthige Trotz der Hölle Pforten stürmen, dort wird irdische Mühseligkeit mit himmlischer Glorie dann vergolten, hier irdische Wohlfahrt mit ewiger Höllenqual gebüßt. Daher ist die Magie mit ihrer ganzen Encyclopädie der Goetie, Necromantie, Necyomantie, Anthropomantie, Leconomantie, Gastromantie, Captromantie, Onomantie, Hydromantie, Geomantie, Pyromantie, Capnomantie, Ichtiomantie, Tephramantie, mit allen ihren Künsten und Zauberformeln und Beschwörungen, mit ihren Kreisen und Sprüchen durchaus ein descendenter religiöser Cultus; gottlos schwört das Menschenkind den Himmel ab, und mildthätig nimmt die Hölle ihn dafür zum Heiligen auf.

Das war der consequente Volksglauben der Zeit, die in religiöser Genialität so viele Selige dem Himmelreiche eingebohren hat; er hat auch diesen Faust gebohren, der zwar als ein Produkt der jüngeren Zeit erscheint, von dem aber die Propheten der vergangenen Alter wie von einem noch kommenden geweissagt hatten. Eben so ist hauptsächlich auch von ihm, als die religiöse Genialität in eine Poetische sich verlor, jenes neue unendliche Object der Kunst ausgegangen, an dem sie in den neueren Zeiten so vielfältig sich versucht, die Darstellung des Teufels nämlich. Das Zerrissene, Grundböse in plastischen Umrissen, also in Harmonie darzustellen; das durch seine innere falsche Natur immerfort Verzerrte zur Ordnung und Einheit zusammenzuzwingen; das Mißverhältniß selbst in Verhältnisse einzuschließen, und der absoluten Verlogenheit doch eine Kunstwahrheit zu leihen: das ist die schwer zu lösende Aufgabe, gleichsam als ob man fressendes Gift bereiten sollte in einem Becher, der seine Berührung scheut, und davon in Stücke zerspringt. Durchaus fällt daher das Problem jenseits der Gränzen der eigentlichen Kunstschönheit hinaus, gerade der negative Gegensatz alles Schönen muß sich in ihm bilden, und ein vollendeter Teufel kann uns unmöglich Liebe abgewinnen, er kann nur auf unsern Haß Anspruch machen; teufelisch müssen wir ihn selbst erblicken und teufelisch uns an ihm freuen, und dies Erwecken unserer Teufelhaftigkeit durch die Aeußere, kann allein die Genialität des Werkes constituiren. Indem wir aber uns an ihm ergötzen, haben wir selbst gleichfalls gewissermaßen schon einen Bund mit ihm geschlossen, Faust's Sympathie mit ihm war eine Gleiche, nur enger; er lebte mit ihm gleichsam in einer umgekehrten Ehe, der nicht Liebe, sondern Feindseligkeit zum Grunde lag, und die daher mit der Vernichtung des Schwächeren, Gehaßten endete.

Das Volksbuch über den D. Faust ist Auszug eines größeren Werkes unter dem Titel: Erster Theil der wahrhafftigen Historien von den grewlichen und abschewlichen Sünden und Lastern, auch von vielen wunderbarlichen und selzamen Ebentheuern so D. Johannes Faustus, ein weitberuffener Schwarzkünstler und Erzzauberer durch seine Schwarzkunst bis an seinen erschrecklichen End hat getrieben. Mit nothwendigen Erinnerungen und schönen Exempeln, menniglichem zur Lehr und Warnung außgestrichen und erklehret durch G. R. Widman. Gedruckt zu Hamburg 1599. 4. Zweiter Theil. Dritter Theil. Früher, wie man glaubt, schon 1587. 8. Berlin herausgekommen. Daß Faust gegen das Ende des Fünfzehnten und den Anfang des sechszehnten Jahrhunderts wirklich existirt habe, geht aus einer Menge historischer Zeugnisse von Augenzeugen, die ihn gesehen zu haben versichern, hervor. Er lebte gleichzeitig mit Paracelsus, und war, wie es scheint, Freund von ihm und dem gleich berüchtigten Cornelius Agrippa. Melanchthon gedenkt seiner in seinen Briefen, und eben so Conrad Geßner als seines Zeitgenossen. Manlius in seinen Collectaneis Locorum communium sagt von ihm p. 38: Novi quendam nomine Faustum de Kundling, quod est parvum oppidum patriae meae vicinum. Widman führt in der Einleitung mehrere Aeußerungen Luthers über ihn an, und sagt dabei am Ende: »Diese und andere mehr kurzweilige und fröhlich erzählte Gespräch, hab ich aus einem besondern Schreiben, so mir bekannt, wollen erzählen« Vorzüglich der gleich folgende Brief des Abt Tritheim aus den Epistolis Familiaribus, edirt von J. Spiegel, Hagenau 1536, geschrieben am 20sten August l507, giebt über sein ganzes Wesen, Thun und Treiben und über seine vorzüglichsten Schicksale den bestimmtesten Aufschluß. Homo ille, (sagt er) de quo mihi scripsisti, Georgius Sabellicus, qui se principem necromanticorum ausus est nominare, gyrovagus, battologus et circumcellio est: dignus, qui verberibus castigetur, ne temere deinceps tam nefanda, et Ecclesiæ sanctæ contraria publice audeat profiteri. Quid enim sunt aliud tituli, quos sibi assumit, nisi stultissimæ ac vesanæ mentis indicia, qui se fatuum, non philosophum ostendit? Sic enim titulum sibi convenientem formavit; magister Georgius Sabellicus, Faustus junior, fons necromanticorum, astrologus, magus secundus, chiromanticus, agromanticus, pyromanticus, in hydra arte secundus. Vide stultam hominis temeritatem, quanta feratur insania, ut se fontem necromantiæ profiteri præsumat, qui vere omnium bonarum literarum ignarus, fatuum se potius appellare debuisset, quam magistrum. Sed me non latet ejus nequitia. Cum anno priore de marchia Brandenburgensi redirem, hunc ipsum hominem apud Geilenhusen oppidum inveni: de quo mihi plura dicebantur in hospitio frivola, non sine magna ejus temeritate ab eo promissa. Qui mox, ut me adesse audivit, fugit de hospitio, et a nullo poterat persuaderi, quod se meis præsentaret aspectibus. Titulum stultitiæ suæ, qualem dedit ad te, quem memoravimus, per quendam civem ad me quoque destinavit. Referebant quidam in oppido sacerdotes, quod in multorum præsenua dixerit, tantam se omnis sapientiæ consecutum scientiam atque memoriam, ut si volumina Platonis et Aristotelis omnia cum tota eorum philosophia in toto periisset ab hominum memoria, ipse suo ingenio, velut Ezras alter Hebraeus, restituere universa cum præstantiore valeret præstantia. Postea me Neometi (Speyer) existente Herbipolim venit, eademque vanitate actus in plurimorum fertur dixisse præsentia, quod Christi salvatoris miracula non sint miranda, se quoque omnia facere posse, quæ Christus fecit, quoties et quandocunque velit. In ultima quoque hujus anni quadragesima venit Stauronesum (Creutznach, das er anderwärts immer so nennt) et simili stultitia gloriosus de se pollicebatur ingentia, dicens se in Alchemia omnium, qui fuerint unquam, esse perfectissimum, et scire atque posse, quicquid homines optaverint. Vacabat interea munus docendi scolasticum in oppido memorato, ad quod Francisci ab Sickingen Balivi principis tui, dominis mysticarum rerum percupidi, promotione fuit assumtus: qui mox nefandissimo fornicationis genere, cum pueris videlicet, voluptari cœpit: quo statim deducto in lucem fuga pœnam declinavit paratam. Hæc sunt, quæ mihi certissimo constant testimonio de homine illo, quem tanto venturum desiderio præstolaris. Cum venerit ad te, non philosophum, sed hominem fatuum et nimia temeritate agitatum invenies. Auch Conr. Mutianus Rufus in dem Briefwechsel, den Tenzel von ihm herausgegeben hat, schreibt von ihm am 7. Oct. 1513 Folgendes. Venit octavo abhinc die quidam chiromanticus Erphurdiam nomine Georgius Faustus, Helmutheus Hedebergensis (Hemitheus Wirtebergensis?) merus ostentator et fatuus. Ejus et omnium divinaculorum vana est professio. Rudes admirantur. – Ego audivi garientem in hospitio. Non castigavi jactantiam. Quid aliena insania ad me.. Aus allen diesen Zeugnissen, obgleich sie sich häufig, sogar in Rücksicht auf sein eigentliches Vaterland, widersprechen, geht so viel hervor, daß er als historische Person angesehen, als ein pfiffiger, verschlagener, seinem Jahrhundert imponirender, vielleicht auch in geistiger Bildung und technischer Geschicklichkeit wirklich überlegener Mensch erscheint, der besonders seine Wichtigkeit eben durch sein Zeitalter erhielt. Indem nämlich die Reformation den erschlafften religiösen Sinn wieder auf's Neue weckte, konnte dieser bey dem durchhin nüchternen nordischen Charakter, der sie bezeichnete, unmöglich in glühender Andacht sich in religiöse Transcendenz verlieren, sie mogte lieber polemisch hervorbrechen, und den Gegensatz des Heiligen dem öffentlichen Abscheu hingeben, wie sie überhaupt den ältern Cultus als einen gleich negativ Gewordnen dargestellt, und dem gleichen Abscheu preiß gegeben hatte. So erscheint Faust daher in der Geschichte gleichsam als der allgemeine Repräsentant der ganzen schwarzkünstlerischen, zauberischen Tendenzen, die durch alle Jahrhunderte durchgegangen waren, jetzt aber an der Gränze, wo das einige Ganze der Religion schismatisch in sich selbst zerfiel, und Haß und Feindschaft in den getrennten Gegensätzen erwuchs, endlich ihren gemeinschaftlichen Sammelpunkt in einem Manne fanden, der bei seinen vielfältigen Reisen in mannigfaltige Berührung mit allen Classen des Volkes gekommen war, und überall sich der Gemeinschaft mit dem Bösen rühmte. Schon in den frühesten Zeiten trug sich das Volk mit ähnlichen Erzählungen von Teufelsbannungen, wie sie im Faust sich finden. Außerdem daß das ganze Hexenwesen unmittelbar damit zusammenhing, in dem durchaus die mystische Verzückung, aber nicht in die Seligkeiten des Himmels, sondern in den Abgrund der Hölle, auf den Blocksberg oder unter das Hochgericht wiederkehrte, hatte das Volk zu allen Zeiten Menschen, die es im Bunde mit dem Teufel glaubte. Zoroaster, Democrit, Empedokles, Apollonius waren in den älteren Zeiten diesem Urtheil nicht entgangen, und in der neuern Zeit mußten Raimund Lullius, Arnold von Villeneuve, Albertus Magnus, Johann Tritheim, H. Cornelius Agrippa, Theophrastus Paracelsus, Hieronimus Cardanus der Reihe nach diesem Verdachte sich preiß geben. Zoroaster, nachdem er viele Bücher von der Zauberei geschrieben, und sich zum Könige durch seine Kunst emporgeschwungen, wurde vom Teufel ersäuft. Robert der Teufel, Herzog der Normandie, im Jahr 768, vermogte in alle Thiergestalten sich zu verwandeln; er that drei Jahre Buße, doch nahm ihn am Ende der Teufel, führte in die Luft, und ließ ihn herabfallen, daß er zerschmetterte Ueber ihn existirt ein französisches Volksbuch: La terrible et merveilleuse vie de robert le diable, leguel après fut homme de bien. A Troyes, das aber seine Geschichte ganz anderst als die Tradition erzählt. Robert wird vor seiner Geburt von seiner Mutter fluchend dem Teufel übergeben, und die Folgen dieser Verwünschung werden schnell im Charakter des Kindes sichtbar. Gebohren unter Sturm und Ungewitter, vollführt der Knabe bald alles ersinnliche Böse, ist der Schrecken aller Kinder, die ihn den Teufel nennen, ersticht seinen Lehrer. Im siebenzehnten Jahre zum Ritter geschlagen, tödtet er gleich auf dem Turniere Alles was ihm vorkömmt, und sammelt endlich, nachdem er die Verwünschung von aller Welt geworden, eine Räuberbande, mit der er in der Tiefe des Waldes ein Schloß sich baut, und von da aus das ganze Land in Schrecken setzt. Als er aber eines Tags seine Mutter besucht, und Alles, selbst die Mutter, vor seinem Anblick flieht, entdeckt Diese ihm endlich den Grund seiner Bosheit; er wird erschüttert, und geht, nachdem er seine widerspenstigen Miträuber erschlagen, nach Rom, um vom Pabste Absolution seiner Sünden zu erlangen. Der Pabst verweißt ihn an einen heiligen Eremiten, dem ein Engel im Schlafe Roberts Buße mittheilt, daß er so lange stumm und närrisch umherziehen, und seine Nahrung den Hunden abjagen müsse, bis ein Zeichen ihm verkündige, daß seine Sünden abgebüßt seyen. Er geht nach Rom, und führt das vorgeschriebene Leben an des Kaisers Hof zum Erstaunen aller Menschen, die ihn aber natürlich nicht kennen. Nach sieben Jahren hetzt des Kaisers Seneschall die Sarazenen gegen seinen Herrn auf, daß sie Rom belagern; der Kaiser rückt mit seinen Leuten ihnen entgegen, Roberten aber erscheint ein Engel im Garten, bringt ihm einen weissen Zelter und gleiche Waffen, und gebietet ihm, damit gegen die Sarazenen zu ziehen. Er waffnet sich, reitet in die Schlacht, und entscheidet diese zu Gunsten des Kaisers; legt alsdann im Garten an derselben Stelle wieder die Waffen ab, wo er sie angelegt; Pferd und Gezeug verschwinden, und er legt sich wieder zu den Hunden hin. Des Kaisers stumme Tochter, die Alles bemerkt hat, erklärt den ganzen Vorgang durch Zeichen, allein man glaubt ihr nicht. Dasselbe wiederhohlt sich bei wiederhohltem Angriffe zum zweiten und drittenmale; der Kaiser, um zu erfahren, wer der weisse Ritter sey, legt ihm einen Hinterhalt; er entrinnt, doch verwundet ihn Einer mit der Lanze, und das Eisen bleibt ihm im Beine stecken. Im Garten zieht er die Lanze heraus, und versteckt sie zwischen zwei Steine. Der Kaiser läßt dann ausrufen, welcher Ritter in weisser Rüstung die Wunde mit der Lanze vorzeige, solle seine Tochter und sein halbes Kaiserthum erhalten. Der Seneschall zieht eine solche Rüstung an, verwundet sich selber mit dem Eisen, zieht an den Hof, und man sagt ihm die Tochter zu. Am Altare aber gewinnt diese ihre Sprache wieder, erklärt wie Alles zugegangen sey, man findet das Eisen wieder, der Eremit erscheint, um Robert die Absolution zu geben, und Dieser erhält des Kaisers Tochter nun.. Baian, Fürst in Bulgarien, zu Lothars Zeiten, übte auf gleiche Weise Zauberkünste; am Ende flüchtete er nach Rom, der Pabst legte ihm St. Peters Ketten an, allein der Teufel erwürgte ihn nichtsdestoweniger. So hatte gleichermaßen der kriegerische Pabst Sylvester der Zweite, der Mathematiker, einen Bund mit dem Teufel, der in Gestalt eines schwarzen, zottigten Hundes ihn begleitete, und ihn nach Verlauf seiner Zeit aus der Kirche nahm. So Johann XIII, XIX, XX, XXI; so legte man Gregor VII einen Zauberspiegel bei; er hatte dem Teufel den Cölibat angelobt, und er nahm ihn in Gestalt eines schwarzen Mohren. Benedict IX hatte sieben Stück geschworne Geister in einem Zuckerglase; Paul II verschrieb sich mit Blut aus seinem Daumen dem Teufel in Gestalt eines grauen Männleins, war reich wie kein Pabst, führte ein greulich Leben, und als seine Zeit um war, nahm ihn Satanas von der Seite seiner Concubine weg. So hatte jedes Zeitalter gewissermaßen seinen Faust, von jedem wußten die Zeitgenossen irgend etwas Uebermenschliches beizubringen, das nur als Emanation des Bösen ihnen begreiflich wurde; alle diese Einzelheiten sammelten sich endlich in dem wahren und dem letzten Faust, der als der Heermeister aller vorhergegangenen Zauberer sich an ihre Spitze stellte, und Alles vollbrachte, was Diese gekonnt, und noch ein Mehreres. Faust ist daher gewissermaßen mehr Buch als Person, alles was von seinen Zauberkünsten die Geschichte seines Lebens erzählt, ist früher viele Jahrhunderte schon als Tradition im Volke umgelaufen, und Faust's Bildniß war gleichsam das Siegel nur, was man auf die Sammlung Aller gedrückt. Wirklich ist kaum irgend ein Factum in Faust's Leben, das sich nicht mit einer früheren gleichlautenden Tradition belegen ließe. Wie Faust den Kaiser Maximilian, so bewirthete Albertus Magnus im Jahre 1248 in dieser Sage den Kaiser Wilhelm zu Cöln um Weynachten, wo Alles von Froste starrte, in einem grünen Garten mit belaubten Bäumen, die alle blühten bey'm Gesang der Nachtigallen. Als ein andermal ein Fürst von ihm Austern verlangte, klopfte er nur an's Fenster, da reichte gleich jemand eine Schüssel voll dar, auf welcher die französischen Lilien gestochen waren. Da man deshalb nachfragte, war zur selbigen Zeit eine Schüssel mit Austern in des Königs Küche weggenommen (Thersander). Auch diese Sage ist in den Faust aufgenommen. Vom Erlolfus, Abt von Fulda, erzählte man auf gleiche Weiße, wie er Speiße nach Belieben herbeizuschaffen wisse, und Wein jeder Art aus hölzernen Pflöcken auszuzapfen verstände. Die Erzählung von den vier Gauklern zu Francfurt, die sich enthaupten ließen, ist gleichfalls eine sehr alte Sage; sie wurde schon vom Simon Magus erzählt, und eben so vom Johannes Teutonicus, Domherr zu Halberstadt um 1271, der einen seiner besoffenen Cumpane auf seiner Stube enthauptete, den Kopf auf der Schüssel den Uebrigen herunterbrachte, und wie Diese nun bestürzt heraufgelaufen waren, und den Rumpf gesehen, und die Stube voller Blut gefunden hatten, da trafen sie den Getödteten gesund und munter unten wieder am Tische sitzen. Dasselbe erzählt Hondorff in seinem Theat. hist. p. 188, wie Anno 1272 ein zauberischer Gaukler aus den Niederlanden gen Creutznach gekommen sey, der habe auf öffentlichem Markte seinem Knechte den Kopf abgehauen, und nachdem der Körper eine halbe Stunde auf der Erde gelegen, habe er ihm denselben wieder aufgesetzt. Er fuhr auch mit den Hunden in der Luft herum, und machte ein Geschrei dabei, als wenn er auf die Jagd gienge. Diese Luftjagd, wie auch Faust sie vor dem italienischen Abgesandten veranstaltete, wurde eben so dem Scotus zu Francfurt, dem Zoroaster, und dem Robert von der Normandie beigelegt. Auch die Mantelfahrt hatte man frühe schon von Simon Magus und Andern erzählt. Teutonicus hatte drei Pfründen, zu Halberstadt, Mainz und Cöln; er mußte in der Christnacht an jedem Orte eine Christmeß singen, und dafür hatte er in seinem Schreibstüblein einen Roßzaum hängen, und wenn er dem Diener sagte, »Jung nimm den Zaum, geh in den Hof, schüttle ihn«, dann kam alsbald ein Roß hineingelaufen, der Pfaff setzte auf, und fuhr damit davon. Daraus wurde die Geschichte der Pfalzgrafen, die gegen Heidelberg fuhren, die sich aber nicht im Volksbuche findet. Die Erzählung von dem Adelichen aus Dresden, den Faust auf dem Mantel aus der Türkei abholte, und zu seiner Frau zurückbrachte, die sich eben an einen Andern verheirathen wollte, ist aus Heinrich dem Löwen genommen. Das Roßtäuscher-Stück ist der alte böhmische Schwank von dem Becker und den Schweinen. Der Fürst Baian zauberte ganze Schwadronen Kriegsvolk herbei, wie Faust als der Ritter von Hard ihn verfolgte; er konnte dabei jede beliebige Gestalt annehmen. Roger Baco trieb, wie Faust, Schiffe stromaufwärts. Von Paracelsus versichern seine Freunde J. Oporin in Basel und G. Wetter, die auf seinen Wanderungen ihn begleiteten, er habe oft den Teufel seinen Freund und Gesellen genannt, und zuweilen, berauscht, um Mitternacht ganze Schwärme böser Geister citirt, und mit seinem Degen sich mit ihnen herumgeschlagen. Wie Faust den Alexander vor dem Kaiser Maximilian citirte, so meldet die französische Chronik, wie Robert von der Normandie Carl den Großen durch den Zauber herbeigerufen habe. Zu der Geschichte, wie Faust ein Fuder Heu als Salat um einen Löwenpfennig gefressen, gieng ebenfalls ein Pendant schon in früheren Zeiten um, wie nämlich der Abt Erlolfus einem Wirthe alle Gerichte weggegessen habe, und am Ende des Wirthes Weib selber mit, die jener aber hernach in der Küche wieder unversehrt, so wie die Speisen in der obern Kammer gefunden habe. Auch die Geschichte mit dem aufgefressenen Wirthsjungen ist daher keineswegs allein ihm eigen. Als Carl IV mit der baierischen Prinzessin Sophie Beilager feierte, brachte der Braut Herr Vater einen ganzen Wagen voll Schwarzkünstler mit nach Prag. Da es aber am K. Hofe an solchen Leuten auch nicht fehlte, so mußten sie mit einander certiren, wer die Kunst am Besten gelernt hatte. Hier ergriff der böhmische Zauberer Zytho den Meister der baierischen, Namens Gonin, sperrte das Maul auf, bis an beide Ohren, und fraß ihn mit Haut und Haaren, bis auf die Schuhe, welche, weil sie sehr kothig waren, er wieder von sich spie. Hernach setzte er sich über ein großes Gefäß mit Wasser, und gab den Verschlungenen wieder von sich. (Thersander.) So schlägt daher überall im Faust die Tradition durch; er hat die alten Zauberer alle um sich her citirt, und weil er allein noch unter den Lebendigen ist, darum führt er für sie Alle auch das Wort. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß er selbst sein eigener Compilator gewesen sey, und sich gesammelt habe aus den mannigfaltigen Ueberlieferungen der Vergangenheit. Widmann's Schrift gründet sich, wie der Herausgeber selber mehrmal sagt, auf ein Autographum von Faust, das eines gelehrten alten Doctoris in Leipzig drei Herren Söhne in seiner Liberey gefunden, und Andern mitgetheilt haben, was er dann weiter aufgestutzt, und mit moralischen Anmerkungen versehen, wie denn die zehn schlechten Disputationen Faust's mit dem Teufel über Himmel, Hölle, Geister, Welt und Teufel ganz von ihm zu seyn scheinen. Es wäre indessen auch nicht unmöglich, daß jenes Autographum von Johann Waiger oder Wagner, Faust's Schüler, sich herschreibe. Faust selbst giebt ihm das Zeugniß, wie er verschwiegen sey, und viel böser Schalkheit in ihm stecke, dabei mit ziemlichen Verstand begabt, wie er in der Schule bei Beckern, Metzgern und andern Handwerksleuten für stumm gegolten habe, im Hause aber fertig redete, dabei Bankert. Er setzte ihn deswegen zu seinem Erben ein, vermachte ihm alle seine Bücher, und in einer Unterredung vor seinem Tode sagte er ihm ausdrücklich: »Daneben bitte ich dich, daß du meine Kunst, Thaten und was ich getrieben habe, nicht offenbahrest, dann allererst lang nach meinem Tode, alsdann wollest du es fleißig aufzeichnen, es zusammenschreiben, und in ein Historien bringen, darzu dir dein Geist und Auerhahn helfen wird, was dir vergessen ist, das wird er dich wieder erinneren. Dann man wird diese meine Geschichte von dir haben wollen.« Ueber Wagner selbst erschien später eben auch wieder eine gleiche Biographie, wie die hier von ihm Gefoderte, unter dem Titel: Des durch seine Zauberkunst bekannten Chr. Wagner Leben und Thaten. Weyland von Fr. Schotus Tolet in teutscher Sprache beschrieben von P. S. M. Berlin 1712, späteres Machwerk, nachgestoppelt, und ohne allen innern Werth.

Faust ist übrigens keineswegs der einzige und älteste Zauberroman; früher scheint ihm die Schrifft vorangegangen zu seyn, die Koch anführt: Lucifers mit seiner Gesellschaft val. Und wie d' selben geist einer sich zu einem Ritter verdingt, und ym wol dienete. Bamberg 1493. 4. Eben so Theophilus, eine Romanze, wo dieser sich mit Leib und Seele dem Teufel verschreibt, um wohl leben zu können, und die Handschrifft in der Hölle dann niedergelegt wird. Am Ende schließt er jedoch minder tragisch als Faust damit, daß er die Sünde bereut, und Maria ihn aus des Teufels Gewalt befreit. Aber weit älter noch, und in die frühesten Jahrhunderte fallend, ist die Geschichte des Zauberers Virgilius. Mir ist nur die holländische Uebersetzung desselben zu Gesicht gekommen: Een schone Historie van virgilius, van zijn Leuen, Doot, ende van zijn wonderlijcke werken, di hy deede by Nigromatien, ende by dat behulpe des Duyvels. T' amsterdam by H. S. Muller 1552. Virgil als Jüngling geräth hier in eine Berghöhle; ein Teufel, der darin gebannt ist bis zum jüngsten Tage, wenn ein Mensch ihn nicht befreit, ruft ihn bei Namen, bittet ihn um Hülfe, und verspricht ihn dafür die Schwarzkunst zu lehren. Virgil willigt ein, läßt sich unterrichten, und öffnet dem Teufel dann die enge Oeffnung, in der er eingesperrt ist; Dieser schlüpft hervor, und Virgilius stellt sich erstaunt, daß durch dieses enge Loch die ansehnliche Figur hindurch gekonnt, findet es unmöglich; der Teufel verspricht, um ihn zu überzeugen, den Durchgang noch einmal vorzunehmen, er drängt sich hinein, und Virgilius schließt die Oeffnung, und versperrt ihn von neuem Dasselbe, so wie noch Mehreres aus dem Virgilius, erzählen die Schweizer vom Paracelsus; der Teufel war nach ihnen in einen hohlen Baum verschlossen und eingezapft, und Theophrastus befreite ihn dafür, daß er ihn zaubern lehrte. So findet von diesem Faust der Teufel sich dasmal überlistet. Virgilius geht nun hin mit seiner Kunst, und baut sich zunächst ein Castell; seine Feinde hetzen den Kaiser gegen ihn auf, daß er ihn belagert; er aber verzaubert die ganze Armee, daß sie Alle nicht vorwärts noch rückwärts können, und da ein anderer Nigromant den Bann löst, seine Leute in Schlaf versetzt, und die Belagerer nun stürmen, findet V. noch eine stärkere Beschwörung im Buche, daß Alle wie sie stehen auf Leitern, Mauern, und der Kaiser selbst, wie erstarrt bleiben müssen, bis sie sich mit ihm aussöhnen, und er sie wieder löst. Dann baut er einen Pallast, in dessen vier Flügeln man Alles hört, was in den vier Quartieren von Rom gesprochen wird. Weiter gründete er salvatio Romae, einen Thurm mit Bildnissen, die nach allen Gegenden die Glocken in den Händen tragen, mit denen jedesmal diejenige läutet, nach deren Weltgegend hin ein Volk die Stadt bedroht. Weiter verfertigt er ein kupfernes Pferd mit einem Reuter von derselben Materie, das Nachts durch die Straßen ritt, und mit einem Flegel alle Diebe tödtete; dann eine Lampe, die immer brannte, bis sie dreihundert Jahre nach seinem Tode von einem Metallmann erschossen wurde, den er mit gespanntem Bogen dabei gesetzt. Dann legt er sich einen Baumgarten an, worin täglich Früchte reiften, Blumen blühten, unsichtbare Vögel sangen, Quellen rieselten in denen Fische spielten; Alles nur mit einer Luftwand, und doch so beschlossen, daß niemand hineindringen mogte. Er verliebt sich weiterhin in des Sultans Tochter von Babylon, führt sie auf ihre Bitte mehrmal durch die Luft in seinen Baumgarten; der Sultan, der einst ihre nächtliche Abwesenheit bemerkte, und sie Morgens wieder im Bette findet, fragt sie um ihr Abentheuer, sie entdeckt ihm des Meisters Kunst. Der Sultan gebietet ihr, ihm, wenn er wiederkehre, einen Schlaftrank zu geben; sie thut, wie er ihr geheißen, und V. wird gefangen, und soll getödtet werden. Da zaubert er dem Sultan den Euphrat auf den Richtplatz, daß er mit seinem ganzen Hofe in ihm schwimmt und zappelt, wie die Fische; er selbst aber baut sich eine Luftbrücke, entführt seine Geliebte, und gründet dann Neapel mit einem Thurme darin, auf dem ein Apfel an einer eisernen Kette hängt, und wenn man ihn erschütterte, dann mußte ein Erdbeben die ganze Stadt erschüttern, wenn man ihn aber wegbrach, dann sollte die Stadt versinken. Er stiftete auch Schulen dort, und las selbst Nigromantie, und nachdem er noch viel Anderes vollbracht, wollte er wieder sich verjüngen, und nahm seinen getreuesten Knecht, gieng mit ihm in sein Castell, und gebot ihm, ihn in Stücken zu hauen, und alle Gliedmaßen dann, den Kopf zu unterst, das Herz in die Mitte, die Füße zu oberst in eine Tonne zu legen, über der eine ewige Lampe brannte, und diese dann jeden Tag zu erneuen, nach drei Wochen werde er als Jüngling wieder auferstehen. Der Diener ließ sich mit Mühe nur bereden, nachdem aber der Prozeß sieben Tage fortgedauert hatte, vermißt der Kaiser den Meister; er inquirirt auf den Diener, und dieser muß ihn endlich nach vielem Widerstande in das Castell einführen, das Metallriesen mit eisernen Dreschflegeln bewachen; als man aber dort die Stücke in der Tonne findet, wird der Diener als Mörder umgebracht, und ein nacktes Kind wurde da gesehen, und rief vermaladeit sey der Tag, wo ihr hergekommen, und verschwand. Man sieht, wie Alles frischer, romantischer, südlicher, als in dem Nordischen Faust ist, der mehr gegen das Comische oder das Schreckliche hinneigt. Es ist, wie mehrere Spuren andeuten, italiänischen Ursprungs, und entweder unmittelbar von einem Italiäner, oder auch wohl von einem Spanier oder Griechen in Italien geschrieben. Mehreres aus dem Romane, wie z. B. die Salvatio Romae, die auch in den gestis romanorum und den sieben weisen Meistern vorkömmt, deutet auf einen sehr frühen Ursprung des Werkes, der vielleicht hinter dem zwölften Jahrhundert liegt.

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