Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph von Görres >

Die teutschen Volksbücher

Joseph von Görres: Die teutschen Volksbücher - Kapitel 35
Quellenangabe
typelegend
authorJoseph Görres
titleDie teutschen Volksbücher
publisherHerbert Stubenrauch / Verlagsbuchhandlung
printrun
editorLutz Mackensen
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160608
projectide1da5798
Schließen

Navigation:

33.

Der immer in der Welt wandernde Jude, das ist: Bericht von einem Juden aus Jerusalem, mit Namen Ahasverus, welcher vorgiebt, er sey bey der Kreutzigung Christi gewesen, und bisher durch die Allmacht Gottes beym Leben erhalten worden. Wie auch ein Bericht von den zwölf jüdischen Stämmen, was ein jeder Stamm dem Herrn Christo zur Schmach angethan, und was sie dafür leiden müssen. Cöln am Rhein und Nürnberg.

 

Abdruck einer Schrift, die unter dem Titel erschienen ist:

Gründliche und wahrhaftige Relation, so hiebevor auch französisch, lateinisch und niederländisch ausgegangen, von einem Juden Namens Ahasvero von Jerusalem, der von der Zeit des gecreuzigten Herrn J. C. durch sonderbare Schickung zu einem lebendigen Zeugniß herumgehen muß. Durch Chrysostomum Dudulaeum Westphalum. 1634.

 

Im Jahr 1547 erschien in der Gegend von Hamburg ein Mensch baarfuß, in zerrissenem Unterkleid, einem umgürteten Leibrock, welcher ihm bis auf die Knie gangen, und einem Mantel, der bis auf die Füße reichte, etwa fünfzig Jahr alt schien, und sich nun für einen Zeitgenossen von Christus ausgab; erzählte, er sey ein Schuhmacher von Jerusalem gewesen, und wie Christus mit dem Kreutze an seinem Hause vorbeigekommen, habe er dort ruhen wollen, er habe ihn aber weggetrieben; darauf habe Christus gesprochen: »Ich will allhie stehen und ruhen, aber du sollt gehen bis an den jüngsten Tag«; – er habe sich dann aufgemacht, und wandre nun bis zu diesem Augenblick. Er erzählte dabei aus der Geschichte, was Alles sich seit jener Zeit begeben, und lebte übrigens frugal und eingezogen. Früher schon, im dreizehnten Jahrhundert, hatte ein gleicher Wundermann sich sehen lassen, von dem M. Paris in seiner Geschichte erzählt, und den er dort Cartaphilus nennt (Koch). Um dieselbe Zeit, wie in Hamburg, sollte er auch in Engelland, Spanien, Frankreich, Italien, Ungarn, Persien, Pohlen, Schweden zum Vorschein gekommen seyn, so daß er eine eigne Literatur gewann, und sogar 1693 eine Inauguraldisputation über ihn geschrieben wurde: Dissertatio historica de Judaeo non mortali, quam adjuvante Deo immortali etc. certaminis publ. argum. f. Praes. Schulz. Regiom. Pruss, respondens Martin Schmied Slavio Pomer. a. D. 26. Jan. Ann. 1689, der eine Spätere folgte: Diss. in qua lepidam fabulam de Judaeo immortali examinat Car. Antonius, Helmist. 1760. 4., in denen die verschiedenen Zeugnisse für und gegen das Factum gesammelt werden, das Widersprechende in Jenen gezeigt, und das Ganze dann als leere Erdichtung verworfen wird. Was jene zuerst angeführte Schrift enthält, wird denn auch in dem Volksbuche zunächst erzählt; weiterhin folgt eine langweilige Erinnerung an den christlichen Leser von diesem Juden. Sonst noch enthält das Buch einen aberwitzigen Bericht von den zwölf jüdischen Stämmen, welches ein hochberühmter Medicus, der Anfangs ein gebohrner Jud gewesen, in Mantua seinen neuen Glaubensgenossen aufgebunden hat. Das Kostbarste aber, das gleichfalls in jener Schrift enthalten ist, hat der Herausgeber des Volksbuchs doch aufzunehmen sich gescheut, nämlich eine glaubwürdige, vidimirte Copie des Urtheils, was Pontius Pilatus über Christus gefällt, mit allen Motiven und Bewegungsgründen, unterzeichnet durch Räthe und Beamten des großen Raths der Juden, und die Notarii der öffentlichen, peinlichen Justici, angeblich gefunden in der Stadt Aquila in einem Felsen von Marmelstein. Im Ganzen ist nur die Idee poetisch brauchbar und auch von A. W. Schlegel in seiner Romanze trefflich benutzt, das Geschreibe selbst aber ohne allen Werth und Zweck.

 << Kapitel 34  Kapitel 36 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.