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Die teutschen Volksbücher

Joseph von Görres: Die teutschen Volksbücher - Kapitel 20
Quellenangabe
typelegend
authorJoseph Görres
titleDie teutschen Volksbücher
publisherHerbert Stubenrauch / Verlagsbuchhandlung
printrun
editorLutz Mackensen
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160608
projectide1da5798
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18.

Eine schöne, anmuthige und lesenswürdige Historie von der geduldigen Helena, Tochter des Kaiser Antonii, welche in aller Gedult so viele Trangsalen und Widerwärtigkeiten mit höchster Leidsamkeit und Stärke sowohl bey Hofe, als in ihrer 22jährigen Wanderschaft ausgestanden. Allen Weibspersonen zum Beyspiel, denen kuriösen Liebhabern aber zum Schröcken in Druck gegeben. Köln am Rhein und Nürnberg.

 

Der Roman gründet sich auf ein älteres Gedicht unter dem Titel: Von eines Küniges Tochter von Frankreich ein hübsches Lesen, wie der Künig sie selb zu d'Ee wolt hon, des sie doch got vor im behüt, und darumb si vil trübsal und not erlidt. zu letst ein Küngin in Engellant ward. Ein großes episches Gedicht in 72 Quartblättern. Es erzählt davon, wie ein König von Frankreich seine Tochter zur Ehe nehmen wollte, wie sie deswegen allein in einem Schifflein sich flüchtete, und nach Engelland getrieben wurde, wo der König sie liebgewann, und sie zu seiner Gemahlinn machte. Wie sie dann, als er zu einem Feldzug gegen die Schotten auszog, mit einem Sohne niederkam, und wie als der Marschall, dessen Hut sie anbefohlen war, dem Könige Nachricht davon sandte, seine Mutter den Boten aufhielt, und ihm an die Stelle von des Marschalls Brief einen Andern unterschob, worin sie ihn erzählen ließ, die Königinn sey mit einem Ungethüm, halb Thier halb Mensch, niedergekommen; wie sie dann bey der Rückkehr des Boten die Antwort abermal verfälschte, und dem Marschall im Namen des Königs befahl, die Königinn mit dem Kinde zu verbrennen; wie der Marschall dann an ihrer Stelle ein großes und ein kleines Kalb verbrannte, und sie mit dem Kinde in dasselbe Schifflein setzte, auf dem sie hergekommen war. Nach vielen ausgestandenen Mühseligkeiten gelangt die Vertriebene endlich nach Rom; nimmt dort bei einem römischen Bürger Dienste, dem sie das Vieh und die übrigen Hausgeschäfte besorgt; wobei nach einiger Zeit der Pabst ihren Sohn liebgewinnt, ihn zu sich nimmt und ihm Land und Leute schenkt, und endlich als die Könige von Engelland und Frankreich, Beide ihrer Sünden wegen, – jener weil er seine Mutter verbrannt hatte, dieser weil er seiner Tochter Gewalt anthun wollen, – nach Rom gekommen waren, um Absolution bei ihm zu gewinnen, geschieht die Wiedererkennung, und die Könige führen in Freuden die Wiedergefundene nach Hause. Das Gedicht, wohl 15 000 gereimte Verse stark, ist mit vieler Geläufigkeit und Freiheit in der Form gedichtet, und mit aller der Naivität und Einfalt dargestellt, die alle Werke jener frühern Zeit bezeichnen. Die Handlung, die durch das Ganze geht, ist ohne große Verwicklungen angelegt, so daß sie gegen das Ende sogar ganz in das Historische der Chronik sich verliert. Der Character des Königs von Engelland ist recht brav gehalten, treu, edel, königlich, liebend, entschlossen, kräftig, und doch weich, unbiegsamen Sinnes ohne alle Härte; die Königinn zart, demüthig, unverzagt, fromm und gut; der Marschall aber vor Allen trefflich: die ganze ehrliche, biedere Treuherzigkeit der Zeit vereinigt sich in ihm, und ein gar fromm Gemüth, von allem Truge frei, giebt sich an ihm zu erkennen. Ueber dem Ganzen ruht der altväterliche, einfältigliche Hausgeist, der die früheren Jahrhunderte überschwebt; ein wunderlich ruhig, träumend Wesen, wo es beinahe scheint, als hätte die allgemeine Weltpoesie noch nicht in Menschenformen sich gestaltet, sondern irrte geisterfrei umher, leise singend und intonirend, und suchte Materie auf, in der sie sich gestalten könnte, wie der junge Bienenschwarm, der sich eine Wohnung sucht. Es ist eine unendliche Feierlichkeit und eine beinahe schmerzhafte Rührung in dieser Unbeholfenheit, in der Geist im Ueberfluß vorhanden ist, aber das Werkzeug noch nicht gebildet. Wie ein Mensch aus der Erde hervorbrechend, der aber mit den Gliedmaßen zur Hälfte noch von der Haltenden, Fassenden befangen ist, und nun unmuthig die Flügel schwingt, daß die Fesseln ihn nicht lassen wollen, so ist die ganze Poesie dieser Zeit, mehr ein Ausathmen des Gemüthes, als ein Aussprechen. Am Ende des Gedichtes heißt's:

Als man schreibt tusent und vierhundert jar,
Und zwen Monat sag ich euch fürwar,
Da kam an den Tag die geschicht.

Weiterhin:

Der Dyß büchlin dann on turen,
Also hat gebracht in figuren,
Den schliß in deiner Felden schrin,
Das helff mir Junckfrow sant Kathrin,
Getruckt und seliclich geendt
Durch Grüninger als man in nennt
Im tusent und fünfhundert jar.
Uff Gburt Marie das ist war.

Das Volksbuch hat noch viele Ueberreste von der schönen naiven Einfalt des Gedichtes behalten, obgleich in ihm der Plan wesentlich abgeändert ist. Der König von Frankreich erscheint hier als Kaiser Antonius von Constantinopel; der Pabst wird zum Patriarchen von Neapel, und mit der ursprünglichen Fabel sind nun noch mehrere Begebenheiten verflochten, die dem einfachen Gedichte fehlen. Die Königinn gebärt zwei Söhne, die ihr in der Folge in einer Wildniß von einem Löwen und einem Wolfe entführt, und von einem Eremiten wieder gerettet werden. Helena wird vor ihrer Vertreibung die Hand abgehauen, und für sie verbrennt sich freiwillig die Nichte des Herzogs von Glocester, der hier die Rolle des Marschalls übernommen hat. Nach vielen Abentheuern treffen endlich die verbundenen Könige die Unglückliche mit ihren beiden Kindern in Tours. Noch verwickelter laufen die Begebenheiten in dem gleichnamigen französischen Volksbuche durcheinander: Histoire de la belle Heleine de Constantinople Mère de St. Martin de Tours en Tourranine et de St. Brice son frère. A Troyes chez Garnerin. – Le temps vint, que la reine accoucha d'une fille, qui eut nom Heleine. Quand elle eut quinze ans, sa mère trepassa. Et lorsque le roi eut été veuf quelque temps, il eut en volonté, d'avoir sa fille en mariage, car il n'en trouvoit point de si belle, que sa femme et sa fille. Il lui en parla, dont elle fut ebahie, et se jetta a genoux devant son père en pleurant, en le priant, qu'il s'avisa et qu'il y avoit assez d'autres femmes sans elle. Il lui dit, qu'il n'en vouloit point d'autre. Et Heleine lui dit, qu'elle se laisseroit plutot trancher les membres, que de souffrir cela, quelle aimoit mieux courroucer son père, que son createur. In diesem Tone, in dem noch etwas von der Naivetät der altern Sprache sich aufbewahrt hat, geht es fort und fort durch's ganze Buch, mit überschwenglicher, nie ermattender, kaum Athem schöpfender Redseligkeit. Abentheuer folgt auf Abentheuer; ein heidnischer Gott von Erz, aus dem der Teufel spricht in Beyern; Sarazenen überall zu Hunderttausenden erschlagen, vier Könige reisen eigends zu diesem Zweck von Schlacht zu Schlacht, und von einer Belagerung zur Andern; Jerusalem wird eingenommen; König Clovis läßt sich taufen; einer der Könige wird von den Heiden gekreuzigt, der sarazenische Bluthund aber dafür von Gott in Staub zerschlagen, und die Zuschauer werden schwarz wie Kohlen, an der Stelle aber, wo das Kreutz gestanden, steigt in einer Nacht eine große Kirche mit zehn Altären, und über dem Hauptaltar der Körper des heiligen Königs auf, und die Glocken fangen am Morgen an von selbst zu läuten; – dann eilt die Handlung wieder weiter; überall werden Heiden getödtet und bekehrt, Riesen erschlagen, Mauern erstiegen, dann wieder Kinder ausgesetzt. Von Seite 46-84 gehen diese athemlosen Abentheuer ununterbrochen fort; dem teutschen Uebersetzer, der sonst ziemlich an sein Original sich gehalten hat, mußte graußen vor dieser Volubilität, er hat das Alles daher rein weggestrichen, wodurch freilich der Gang der Geschichte an vielen Orten sichtbar verstümmelt, und ohne Zusammenhang erscheint. In kurzen, leichten Sätzen hüpft dabei das Buch, wie alle französischen Volksbücher schnellfüßig daher; Alle sind nicht so planlos wie die Teutschen, sondern zu einem bestimmten Zwecke für den nationellen Stolz geschrieben; überall sind's nos gens, die Thaten und Wunder wirken; überall ist die eigene Nation auf Kosten der Uebrigen hervorgehoben, und dabei das Ganze häufig mit moralischen Reflexionen ausgestattet Mehr als irgend ein Anderes spiegelt diesen Geist die Historie de Jean de Paris, Roi de France, Troyes. Der Stoff dieses kleinen Romanes ist aus einer Erzählung der Gesta romanorum genommen, und die kleine Novelle ist nun ausgesponnen mit unsäglich gutmüthiger Schwatzhaftigkeit, und aufgeblasen mit einer köstlichen Windbeuteley, einer gar naiven Nationalhoffart, und erscheint nun in seiner prahlenden Großthuerey als die reinste Gasconade, die irgend ein Volk besitzt. Es war einmal ein König in Frankreich, klug und mächtig; der hatte einen Sohn, drei Jahr alt, der hieß Jean, und war mächtig durch seinen Adel, denn um diese Zeit wußte man nichts vom Krieg in Frankreich. Eines Tags, wie der König mit seinem Hofe im Pallast war, kömmt der König von Spanien, und wirft sich mit Thränen und Wehklagen zu seinen Füßen; wie das der König von Frankreich sieht, sagt er zu ihm: »lieber Schwager und Freund! mäßigt euern Schmerz, bis wir seine Ursache wissen, denn wir werden euch mit all unserer Macht unterstützen!« »Sire, sagt der König von Spanien, ich danke euch ergebenst für das gnädige Anerbieten, dessen ihr mich gewürdigt habt, weil ihr und euere Vorfahren immer Beschützer der königlichen Würde, des Adels und des Rechts gewesen seyd, darum bin ich zu euch gekommen, um euch von meinem Unglück zu unterrichten.« So beginnt das Buch in aller Bescheidenheit. Der Spanier klagt dann, wie seine Granden ihn vertrieben, und die Königinn in Segovia belagern; der König sagt ihm Hülfe zu, zieht mit einer Armee nach Spanien, und unterwirft die widerspänstigen Barone ihrem König wieder. Beim Abschied nimmt die Königinn ihre halbjährige Tochter auf den Arm, und empfiehlt sie für die Zukunft dem Schutze des Königs von Frankreich mit vielen demuthsvollen Ausdrücken; und da heißt's: wie der König ihre große Demuth erblickt, hat er Mitleiden mit ihnen und sagt; »Freunde! ich danke euch für die große Zuneigung, die ihr für mich habt, wißt daß euere Tochter nicht auszuschlagen ist, wenn Gott meinem Sohn die Gnade giebt, daß er zu reifen Jahren kömmt, dann verspreche ich, daß mein Sohn keine Andere als euere Tochter haben soll!« »Sire! sagt die Königinn, glaubt nicht, daß wir, mein Herr Gemahl und ich so eingebildet sind, daß was wir gesagt haben, dahin zielte, daß ihr sie für euern Sohn nehmen solltet, sondern allein für einen euerer Barone, denn es wäre zu viel Ehre, daß ihr derselben euern Sohn gäbet, um so mehr, da wirs nicht verdient haben!« »Einmal für allemal, sagt der König, es ist gesagt, und wenn es Gott gefällt, daß wir beim Leben bleiben, dann werden wir mehr davon sprechen.« Der König kehrt zurück, stirbt, und als die Tochter fünfzehn Jahr alt geworden war, hält der von Engelland um sie an, sie wird ihm bewilligt, und der Graf von Lancaster verspricht sich mit ihr im Namen des Königs. Nach vier Monathen soll die feyerliche Vermählung seyn. Der König von Engelland landet zu dem Zwecke mit fünfhundert Pferden in der Normandie, und geht vorher nach Paris, um dort Goldstoffe einzukaufen, weil er deren nicht genug in seinem Lande findet. Die Königin von Frankreich erinnert nun ihren Sohn an das alte Versprechen der Spanier, und stellt ihm vor, daß es ungeziemend wäre, wenn er von einem andern sich den Rang ablaufen lassen wollte. Der Prinz geht in ihren Wunsch ein, und entwirft einen Plan, den er dabei verfolgen will. Er sammelt eine Armee von 2000 der Vornehmsten des Königreichs, und 4000 Bogenschützen, sammt allem Nöthigen, Wagen und Gepäcke, und sendet sie voraus nach Spanien, er selbst setzt sich an die Spitze der vornehmsten und schönsten Barone, und von hundert andern der ausgesuchtesten Leute, Alle seines Alters, gekleidet wie er selbst, und damit streift er auf der Straße herum, auf der die Engelländer hinziehen. Der König wird ihrer bald gewahr, und erkundigt sich durch einen Herolden, wer der Herr der Truppe sey. Jean de Paris heißt's, ein reicher Bürgerssohn, der einen Theil seines Vermögens auftreiben wolle. Der König erstaunt über die Pracht und den Wahnsinn eines Privatmannes, und dies Erstaunen wächst fortdauernd auf der Reise, wo sich Jean de Paris ihm beigesellt, und ihn immerfort mit neuer Pracht und neuem Ueberfluß überrascht, weil vorangeschickte Boten immer alle Anstalten zum Empfang ihres Herrn getroffen haben, indessen die Engelländer nirgend etwas vorfinden. So kömmt der Zug nach Spanien, überall widerfährt den Engelländern Unglück ihres Ungeschickes wegen, überall hingegen bewegt sich Jean de Paris leicht wie ein Gott einher. In der Nähe von Burgos bleibt er zurück, der König aber eilt zu seinen Schwiegerältern, und wird mit Freuden dort empfangen. Jean de Paris aber schickt zwei Herolde an den König, und bittet um Unterkunft für sich und seine Leute, und als man ihm das bewilligt, hält er seinen Einzug im Angesicht des Hofes, der erstaunt den ganzen langen Zug einrücken sieht, weil er nach des Engelländers Aussage zweihundert Pferde nur erwartet. Statt dessen erscheinen zuerst Herolde mit 200 Pagen und 500 Reutern, man glaubt bei Hofe Jean de Paris sey unter ihnen, wird aber belehrt, das seyen nur die Quartiermeister. Dann folgen 200 Bewaffnete zu Pferde, zwei und zwei; dann ein Zug Wagen, acht führen die Tapisserie des Herrn, erfährt man auf Befragen; zwanzig Andere mit rothem Sammt bedeckt das Küchengeräthe, 28 Folgende mit Carmoisin und goldnen Frangen die Garderobe, 25 andere mit Silbergeschirr machen den Schluß. Dann folgen 2000 Bogenschützen mit Gold bedeckt, immer höher steigt das Erstaunen. Ein schöner Mann in Gold gekleidet mit einem Stabe in der Hand auf einem Hengste erscheint mit 200 Pagen, die königliche Prinzessinn, die ihn für Jean de Paris hält, verneigt sich höflich gegen ihn, wird aber von einem Pagen bedeutet: Mademoiselle ne bougez pas, car celui, que voici, est le maître d'hotel en office, et sont quatre faisant chacun leur semaine. Dann kömmt der Schwerdtträger, 600 Notabeln, endlich Jean de Paris, mit einem weißen Stabe in der Hand; die Prinzessinn, als sie ihn erblickt, erröthet, elle lui tendit un couvre chef de plaisance, qu'elle tenoit, en lui faisant une gracieuse reverence und er selbst verliebt sich auf der Stelle in sie; 500 Mann bilden endlich den Nachzug. Der König, im höchsten Erstaunen über das Gesehene, schickt den Grafen Quanon in seine Wohnung, um ihn zu bewillkommen, und nach Hofe einzuladen, erhält aber vom Kämmerer den Bescheid: wie, ist der König so krank, daß er nicht hieher kommen kann? ihr könnt Jean de Paris nicht sehen. Die Könige von Engelland und Spanien erheben sich darauf selbst zu ihm. – So prahlt das Buch bis zum Ende hin, Jean de Paris entdeckt wer er sey, nimmt ohne Umstände die Prinzessin mit, und des Engelländers wird weiter gar nicht gedacht.. Es geht übrigens von einer ältern Schrift gleichen Titels aus, die zu Paris in 4. mit gothischen Characteren gedruckt war, die sich denn wieder zurückbezieht auf ein älteres Manuscript in Versen, das sich in der Pariser Bibliothek in Folio und in 4to findet.

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