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Die teutschen Volksbücher

Joseph von Görres: Die teutschen Volksbücher - Kapitel 17
Quellenangabe
typelegend
authorJoseph Görres
titleDie teutschen Volksbücher
publisherHerbert Stubenrauch / Verlagsbuchhandlung
printrun
editorLutz Mackensen
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160608
projectide1da5798
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15.

Eine wunderschöne Historie von dem gehörnten Siegfried, was wunderliche Ebentheuer dieser theure Ritter ausgestanden, sehr denkwürdig und mit Lust zu lesen. Aus dem Französischen ins Teutsche übersetzt, und von neuem wieder aufgelegt. Gedruckt in diesem Jahr. Cöln und Nürnberg.

 

Nach Süden und dem heiligen Fabellande deutete, was wir bisher in diesem romantischen Kreise betrachtet; hier lenkt der Magnetstab der Poesie gegen das nordische Eisenland sich hin, und wie ein Nordschein, schießend, fliegend, strahlend, ergießt sich die Kunst von den Schneefeldern nieder, und ein Geist des Heroismus und der Energie braußt wie Windessturm hinab, und stählt und stärkt die ankämpfende Kraft. Die Niebelungen sind in diesem Geiste gebildet; ein kräftig, wildes Heldenwerk, jenem alten, starken, unzerstörbaren Mauerwerke gleich, das wie eines todten Riesen Knochen zerstreut hier und dort aus der Erde ragt, und von dem die alte Sage erzählt, daß ein stärkeres Geschlecht sie gegründet und gebaut. Wie ein gewaltiger Strom ergießt sich die Dichtung von dem Norden nieder, und wie er niedersteigt, schwillt er stärker und immer stärker an, und dunkler und dunkler färben sich die Wellen, und er wird zu Blute endlich, und stürzt sich in einen Ozean von Graus, und Tod, und Mord, und Verderben und Untergang. Eine der Quellen aber, aus der der ganze Strom seinen Ursprung zuerst genommen, scheint dieser Roman vom gehörnten Siegfried zu seyn; selbst in seiner Zerrissenheit, Lückenhaftigkeit und Verkrüppelung, in der er hier als Volksbuch erscheint, noch unendlich schätzbar. Wie Siegfried, der Held aus den Niederlanden, seinen Vater Sieghard verläßt, im Walde den Drachen tödtet, mit seinem Fette sich bestreicht, daß von dem erstarrenden Blute sich ihm der ganze Leib mit einer Horndecke überzieht, zwischen den Achseln ausgenommen; wie er dann des Königs Gilibaldus Tochter, die ein Drache entführt, errettet, sie zur Ehe nimmt, und endlich vom grimmen Hagenwald an der Quelle erschlagen, und in der Folge durch seine Gattin gerochen wird, das ist der Gegenstand des Romans. Die erste Hälfte desselben ist im Epos postulirt; die Bewerbung um Chriemhilde, des Königs Tochter, abweichend erzählt; der Tod Siegfrieds durch Hagene weiter ausgeführt, und dann die Rache durch die ganze Folge des Gedichtes, ebenfalls bedeutend abweichend durchgeführt. Wie die Sprache im Epos ist, so ist sie auch im Romane, einfältig, derb und gedrungen, aber im Romane natürlich kärglicher und minder inhaltsreich als im größeren Gedicht; die Darstellung erscheint in ihm ohne allen Schmuck, aber kräftig und gediegen; die Erzählung treuherzig und gläubig, und dabei ohne alle Prätension; der Kampf mit dem Drachen auf dem Drachenstein kräftig und Interesse erweckend dargestellt: das Ganze aber in der anspruchlosen, unmanierirten Form, in der es hier erscheint, erfreulich, und in seiner Unbefangenheit, wie unmittelbar aus einem starken, kräftigen, untergegangenen Leben aufgefaßt, und daher in seiner Art eines der besseren Volksbücher seiner Gattung.

Für das Alter des Gedichtes zeugt die Erscheinung, daß nicht bloß die Tradition, auf die es sich gegründet, verlohren ist, sondern auch die Tradition seiner Gründung selbst. Die Geschichte der Literatur weiß nichts über seine Entstehung zu erzählen; so viel scheint sich zu ergeben, daß es ein ursprünglich teutsches Werk ist. Der Zusatz aus dem Titel: aus dem Französischen übersetzt, widerspricht dem keineswegs, denn die französische Literatur kennt das angebliche Original nicht, und keine Bibliothek, die ihren eignen Reichthum kennt, hat bisher etwas dergleichen ausgewiesen. Und doch ist dieses gänzliche Versiegen aller Geschichte wunderbar, wenn man bedenkt, wie Siegfried, der Held der neuern Zeit, in der Liebe und der Anschauung des ganzen Mittelalters lebte, und gewissermaßen eines der großen Organe war, in denen von Zeit zu Zeit wiederkehrend, die Poesie immer von neuem sich verkörpert, und dadurch in fortlaufender Palingenesie sich gegen den Tod und den Untergang bewahrt. Wie ihn daher die Niebelungen als ihren Helden feiern, so hat das Heldenbuch, in Opposition mit dem ganzen burgundischen Heldenkreise ihn eben auch zum kräftigen Gegensatz seines Helden, des Dieterich von Bern, gewählt, und das Gedicht verwendet viele Motive, bis Dieser sich nur zum Kampfe mit dem furchtbaren Gegner entschließt, und ein großer Zorn muß ihm seinen Beistand leihen, daß er dem Helden nicht erliegt, daß er siegreich ihn besteht. Denn spricht Dieterich zu Hiltebrant:

Er erschlug vor einem Steine
Ein Drachen so freysan
Dem mochten all Fürsten gmeine
Doch nicht gesigen an
Seyfried der hürnin Könige
Hat gar viel Recken erschlagen
Noch weiß ich auch drei Dinge
Davon will ich nicht sagen.

Er trägt ein Schwerdt so herte
Daß schneidet alle bandt
Kein Harnisch sich davor erwerte
Es ist Menung genanndt
Das ander ist ein Bringe
Da merk du mich gar recht
Die macht von Stahel ringe
Der Meister Eckenbrecht.

Er machet sie nach Künsten
Und auch nach Meisterschaft
Er wißt daß der Held in brünsten
Gewönne große Kraft
Goldes und Edelgesteine
Daß lage gar viel daran
Es ward nie Schwerdt so reyne
Daß ihn gewinnen kann.

Das Dritt wendet mir mein macht
Er ist ein hürnin Mann
Und hett er auch Fleisch und Blut,
Ich wollt ihn gern bestahn
Daß ich mit ihm solt fechten,
Ich were ein thummer Mann
Wo ich dein Rat mehr spechte
Mein Huld mußt verlohren han.

Er schlägt endlich gar den alten Hiltebrant, weil dieser ihm Vorwürfe macht, und als er nun mit Siegfried ficht, wird er hart bedrängt, bis endlich Wollfhart ihm zuruft: Hiltebrandt sey todt von dem Schlage, da sagt das Gedicht:

Herr Dieterich von Beren
Ergriff sein grimmer Zorn
Er schlug Seyfried den Keren
Durch Harnisch und durch Horn
Daß ihm das rote Blute,
Ward fließen in das Graß
Seyfried durch die Rosen wuthe
Mit Flucht er kaum genaß
Dietrich mit verwegem Sinne
Schlug auf den Rysen groß
Daß er der Königinne
Ward fliehen in ihr Schooß.

So war Siegfried groß in seiner Zeit, die Fabel hatte ihn in ihren Gigantenkreis aufgenommen, Albrich mit seinen Zwergen war ihm befreundet, und so wohnten die Riesen und die Zwerge friedlich beieinander. In der Folge aber vermischten im Muthwillen Beide sich miteinander, und es entstand ein Mittelschlag, der die Erde baute, und die Riesen wichen und die Zwerge mußten wandern, nachdem sie vorher jeder einen Silbergroschen in den Opferstock geworfen, und das ist bis auf den Tag noch das Kapital, mit dem wir Wucher treiben.

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