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Die Taufe

Paul Ernst: Die Taufe - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorPaul Ernst
titleDie Taufe
seriesGesammelte Werke
volumeBand 7
publisherGeorg Müller
year1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071226
projectidf9501472
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Der Schuß des Toten

Mein jüngerer Bruder hatte promoviert, ich selber hatte das Staatsexamen bestanden; wir waren beide Neuphilologen und unser Vater schenkte uns das Geld für eine Reise nach Frankreich. Wir fuhren über Köln, kamen am Morgen am Nordbahnhof in Paris an, mieteten uns gleich ein gemeinsames Zimmer in einem bescheidenen Studentengasthaus am Bollwerk St. Michel und gingen zu einer Wirtschaft am Bollwerk, wo unter gespanntem Leinendach vor dem Hause Tische und Stühle gestellt waren. Die billigen Wirtschaften in dieser Gegend sind immer sehr besucht, und so gelang es uns nicht, zusammen Platz zu finden, sondern wir mußten an zwei benachbarten Tischen sitzen. Wir nahmen jeder die große Speisekarte vor und suchten unschlüssig, indem wir uns auf deutsch befragten; da erhob sich mein Nachbar, ein junger Student mit einem großen Bart, der kurz vor uns gekommen war, entschuldigte sich höflich, daß er uns unterbreche, und fuhr dann fort, er sehe, daß wir gern zusammensitzen möchten, und erlaube sich, dem anderen Herrn einen Tausch mit seinem Platz vorzuschlagen. Er sprach Deutsch, mit fremdartigem, aber reizendem und liebenswürdigem Ausdruck. Wir sprangen auf, wurden rot vor Verlegenheit, nahmen das Anerbieten dankend an und stellten uns vor; auch er nannte seinen Namen, die Plätze wurden gewechselt, und jeder von uns Dreien vertiefte sich weiter in die Karte.

Die Sonne schien auf das zierliche junge Grün der Bäume, welche die Straße entlang standen, auf die bunten, rasselnden Straßenbahnen, die Häuser mit den Läden und Schildern; wir atmeten in einer heiteren, anregenden Frühlingsluft, fröhliche Menschen gingen an uns vorbei: junge Männer in merkwürdigen Trachten mit Mädchen, die noch merkwürdiger gekleidet waren, eilten schwatzend, lachend und gestikulierend; Zeitungsverkäufer schrien rennend die letzte Nummer aus; ein Mensch bot von Tisch zu Tisch einen tanzenden Frosch aus Blech an; ein gebücktes altes Weib in Lumpen lief, vor sich hin schimpfend, mit einem großen Korb am Arm; niemand schien hier traurig zu sein. Eine Dankbarkeit gegen diese heitere Stimmung überkam mich; ich sah zufällig nach dem jungen Mann, der uns so freundlich seinen Platz gegeben, und traf seinen Blick; er nickte mir vertraulich zu, ich nickte wieder.

Als wir bei dem geschäftigen, streng berufsbewußten Kellner bestellt, sprach mein Bruder von Chrestien de Troyes, über dessen Löwenritter er seine Dissertation geschrieben, und erzählte, er möchte so gern den alten holländischen Roman von Lancelot besitzen, der von Jonckbloet herausgegeben ist, weil in ihm sich der einzige Druck von Chrestiens Romans de la Charretebefindet. Der Nachbar sprach uns wieder an, erzählte, daß er gleichfalls über Chrestien gearbeitet habe, und so stellte sich heraus, daß uns Dreien dieselben Dinge lieb und wichtig waren. Schnell hatte das Gespräch eine große Lebhaftigkeit gewonnen; wir beendeten unser Frühstück, gingen noch eine Strecke zusammen, und bei der Trennung tauschten wir unsere Adressen aus; unser neuer Freund nannte sich Duvay, wir verstanden erst jetzt den Namen, und wohnte ganz in unserer Nähe.

Ich erinnere mich noch, wie wir das breite Bollwerk hinunter zum Seineufer wanderten; die Liebenswürdigkeit Duvays, die Heiterkeit aller Menschen, der Sonnenschein, der Frühling, die glitzernde Luft, das Bewußtsein völliger Freiheit, und ein Gefühl, als ob alle fremden Leute auf der Straße uns freundschaftlich gesinnt seien, alles das wirkte fast berauschend. Wir sagten uns: »Ist es nicht töricht, daß Deutsche und Franzosen sich so lange feindlich waren? Was haben wir für einen Grund, ihnen gegnerisch gesinnt zu sein, weshalb sollten sie uns hassen? Wir können viel von ihnen lernen, denn wir sind zu schwerfällig, zu ungeschickt; und sollten sie nicht auch von uns lernen können, Dinge, die vielleicht wertvoll sind, die sie in ihrer Kindlichkeit noch nie geahnt haben? Ja, die beiden Völker sind auf sich angewiesen. Sie gehören zusammen.«

Wir kamen spät am Abend nach Hause. Der Zimmerdiener öffnete, nahm vom Brett unseren Leuchter, zündete ihn an und reichte ihn uns. Wir gingen die engen Treppen hoch und traten in die Stube. Auf dem Tisch lag ein Buch mit einem Brief, der an meinen Bruder gerichtet war; er las, sah auf das reizend gebundene Buch, reichte mir dann wortlos, freudig erstaunt den Brief. Duvay schrieb, daß er zufällig die Jonckbloetsche Ausgabe des Lancelot besitze und meinen Bruder um die Freundlichkeit bitte, das Buch als Geschenk von ihm anzunehmen zur Erinnerung an das glückliche Zusammentreffen. Mein Bruder wendete das Buch um und betrachtete den Rücken, schlug den Titel auf, besah den Schnitt und fuhr mit der Hand liebkosend über die Deckel; dann sagte er: »Die beiden Bände sind in einen gebunden, sieh nur, wie hübsch ist diese Rückenvergoldung; das ist ein französischer Einband aus den vierziger Jahren; sieh nur, was die Leute hier damals für einen Geschmack hatten.« Dann nahm er wieder den Brief, las ihn, machte mich auf die liebenswürdigen Wendungen aufmerksam.

Am anderen Tage besuchten wir Duvay, und mein Bruder stattete ihm seinen Dank ab mit den schönsten Worten, die er in der Fülle seiner Freude über Geber und Gabe finden konnte. Wir kamen dann noch öfter mit ihm zusammen, wurden immer vertrauter, lernten auch seine Freunde kennen, und es bildete sich zwischen uns eine Art Freundschaft aus. Ein merkwürdiges Erlebnis änderte plötzlich unsere Gefühle.

Schon lange war uns aufgefallen, daß er auf seinem Schreibtisch einen Schädel stehen hatte, dessen Hirnschale zum Abnehmen eingerichtet war und ein Tintenfaß verdeckte. Uns ging es gegen das Gefühl, in dieser Weise die Überreste eines toten Menschen zu verwenden. Natürlich wird man immer für wissenschaftliche Arbeiten und für Lehrzwecke die körperliche Hinterlassenschaft Verstorbener gebrauchen müssen, aber jeder feiner fühlende Mensch wird das doch in dem Bewußtsein tun, daß da ein notwendiger Zweck eine an sich unschöne Handlung erfordert; denn wenn ein Gehirn, das gedacht wie wir, Lippen, die gesprochen und geküßt wie wir, Augen, welche wie wir die schöne Welt mit Bewußtsein in sich aufnahmen, nun in einem abgelebten und untätigen Körper vor uns ruhen, so fühlen wir doch jenen Schauer des Rätselhaften, welches unser eigenes Leben ist, wir möchten, daß der Leichnam bald durch die Erde bedeckt wird; auch wenn wir wissen, daß er nur tote Materie ist, wünschen wir ihm Frieden und uns ein Vergessen des Anblickes, der uns nur fragen läßt und keine Antwort in uns erzeugen kann.

An einem Tage nun fragte mein Bruder unseren Freund, was es doch mit dem wunderlichen Tintenfaß für ein Bewenden habe. Duvay lachte, dann erzählte er, der Schädel habe einem Landsmann von uns gehört. Bei der Belagerung von Paris von 1871 habe ein Oheim von ihm, ein Arzt, der in einem Vorort wohnte und ein eifriger Jäger war, sich in der Nacht mit seinem Gewehr an vereinzelte Vorposten herangeschlichen; zwei Ulanen habe er dergestalt heimlich erschossen, die er dann gleich vergraben, damit seine Tat nicht entdeckt werde; nachdem die Deutschen das Land verlassen, habe er die Leichname wieder ausgescharrt und die beiden Schädel präpariert und als Tintenfässer einrichten lassen, die dann durch Erbschaft an ihn und seinen Bruder, der Offizier war, gekommen seien, als eine beständige Erinnerung an den Einfall der Deutschen in Frankreich und den Raub des Elsaß.

Wir erstarrten vor Staunen und Schrecken über diese Erzählung. Daß unser Freund diesen zwecklosen Meuchelmord nicht für schändlich und gottlos, daß er ihn sogar für ehrenhaft hielt, daß er die Überreste eines redlichen Mannes, der treu in seiner Pflicht durch solchen Mord gefallen war, noch als Anreiz zu weiterer Rache vor seinen Augen dulden mochte – das machte uns ihm gegenüber so befangen, daß wir nur noch ein paar verlegene Worte sprachen und uns dann verabschieden wollten. Er verspürte wohl den Eindruck, den seine Geschichte auf uns gemacht, aber indem er ihn falsch deutete, sagte er, es tue ihm leid, daß er sie erzählt, weil wir Deutsche seien; ich antwortete ihm, Feindschaft zwischen den Völkern und Krieg seien ja wohl etwas Furchtbares; aber es scheine doch, daß sie etwas Notwendiges seien, dem wir uns fügen müßten, und es könne dennoch gegenseitige Achtung der Nationen und auch Liebe und Freundschaft einzelner bestehen. Duvay fühlte wohl, daß ich nicht alles sagte, was ich meinte, und so entließ er uns so kalt, wie wir gingen; ich hätte ihm ja das andere nicht sagen können, denn er hätte es nicht verstanden. Wie durch einen Blitz war meinem Bruder und mir unsere innere Verschiedenheit klar geworden.

Als wir zu Hause angekommen waren, nahm mein Bruder das Buch, welches ihm Duvay geschenkt, wehmütig in die Hand und sagte: »Es ist ein schönes Buch, aber ich kann es nicht mehr mit Freude betrachten.« Ich gab ihm recht, und er schickte das Buch dem Geber zurück mit einem Brief, der ungefähr so abgefaßt war: Er sei von Herzen dankbar für seine freundliche Gesinnung, aber er könne das Buch nicht mehr behalten. Der andere möge die Rückgabe nicht als eine Unfreundlichkeit auffassen, denn sie sei nicht als solche gemeint; es sei ihm klar geworden, daß er ihm doch zu fremd sei, als daß er ein so schönes Geschenk annehmen dürfe.

Es ist wohl selbstverständlich, daß unser Umgang mit Duvay aufhörte. Er wäre für beide Teile peinlich geworden. Wir blieben auch nicht mehr lange in Paris.

Als der Krieg ausbrach, kam mein Bruder als Offizier mit nach dem Westen; er dachte wohl öfter daran, daß Duvay ihm nun als Feind gegenüberstand. In einer Nacht hatten die Gegner einen Angriff gemacht; sie waren früh genug entdeckt, so daß es gar nicht zum Bajonettkampf gekommen war, und bei der Verfolgung hatten die Unsern eine ziemliche Tiefe gewonnen. Am frühen Morgen ging mein Bruder mit einem Kameraden über das Kampffeld, das sich nun hinter unserer Linie befand; es lagen viele tote Franzosen da. Einen Mann sah er zu seinen Füßen auf dem Rücken liegen, die Arme ausgestreckt, das Gewehr noch in der Hand und die verglasten Augen des durchschossenen Kopfes zum leeren Himmel gerichtet. Das Gesicht erinnerte ihn an Duvay, und in einem plötzlichen Gefühl beugte sich mein Bruder, um dem Toten die Hände auf der Brust zu falten; aber wie er ihm das Gewehr aus der Hand nehmen wollte, drückte der Finger des Toten noch zu; die Kugel ging meinem Bruder nahe beim Herzen vorbei und hätte ihn um ein Haar tödlich getroffen.

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