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Die Taufe

Paul Ernst: Die Taufe - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorPaul Ernst
titleDie Taufe
seriesGesammelte Werke
volumeBand 7
publisherGeorg Müller
year1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071226
projectidf9501472
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Der Brief

Ein Dichter, welcher bereits auf der Höhe des Lebens stand, einen jungen Freund, der ihn oft in seiner stillen Stube besuchte, um Rat fragend, von seinen Plänen erzählend und sonst allerlei mitteilend, das ihn innerlich bewegte.

In den Julitagen des ersten Kriegsjahres hatte sich der junge Mann auf eine kurze Zeit verabschiedet, um eine Erholungsreise in das Gebirge zu machen. Er war etwa zehn Tage unterwegs, als er einen Brief an den älteren Freund begann. Dieses ist der Brief:

»Ich bin einige Stunden mit der Bahn gefahren in der gewöhnlichen Gesellschaft mehr oder weniger unangenehmer Menschen, bin dann in meinem Ort angekommen, habe mir im Gasthaus ein Zimmer gemietet, und ergehe mich seitdem nun täglich allein und durch nichts gestört in den schönen Wäldern. Wir haben es doch wohl nötig, daß wir zuweilen uns aus unserer Umgebung reißen und ganz nur auf uns gestellt sind; alle Eindrücke, Gefühle, Gedanken, welche uns verwirrt und bunt bestürmen von außen und innen, bilden doch an unserer Seele, ohne daß uns dieser Vorgang so recht klar wird; und so könnte es geschehen, daß wir plötzlich ganz andere Menschen geworden waren wie wir uns vorher kannten, wenn wir nicht von Zeit zu Zeit unsere veränderte Persönlichkeit genau betrachteten.

In diesen Tagen ist mir klar geworden, daß ein Mensch, der seinen Mitmenschen etwas geben will, sein ganzes Leben auf seine Arbeit einrichten muß. Ich habe mir vor meinem geistigen Auge dargestellt, wie bei Ihnen ein Tag verfließt, ein Tag ruhig wie der andere, wie nichts Ihre Seele berührt, das Sie nicht wollen, wie im Seelischen und Körperlichen alles ausgesucht ist, was die Arbeit befördert; und wie nun, in emsigem Handwerkerfleiß, Zeile für Zeile, in beständiger Mühe Ihre Werke entstehen, von denen wir beide denken, daß sie noch nach langen Jahrhunderten Menschen erfreuen werden, daß sie ein ewiger Besitz der Menschheit sein müssen.

Ich stehe jetzt am Scheidewege meines Lebens. Rechts geht die Straße ...

Vor acht Tagen habe ich diese Zeilen geschrieben. Ich unterbrach den Brief, weil mir plötzlich die Lust kam, vor dem Essen, das ich gemeinsam mit den übrigen Gästen einnehme, mich noch ein wenig im Walde zu ergehen. Auf der Treppe begegnete mir ein junges Mädchen ... Ihnen kann ich das ja schreiben, was ich plötzlich fühlte, Sie verstehen mich, denn Sie sind ein Dichter und nichts Menschliches ist Ihnen fremd. Ich wußte plötzlich, in einem einzigen Augenaufschlag: wir gehören zusammen. Ich muß wohl wunderlich ausgesehen haben – sie hat mir nachher gestanden, daß sie gleichzeitig einen heftigen und süßen Schrecken bekommen hat – ich grüßte, und sie dankte, indem sie tief errötete. Mein Gefühl war: ich müßte jetzt zu ihr sprechen, wie man zu dem Vertrautesten spricht, mit dem man täglich zusammen ist, den man eben erst verlassen hat; und sie würde dann ganz harmlos antworten.

Bei Tisch fand ich sie an meiner Seite. Ich war verlegen über die erste Fremdheit, die dadurch gekommen war, daß ich auf der Treppe nicht gleich ihre Hand ergriffen – nachher hat sie mir gestanden, daß sie dasselbe fühlte – aber dann sprachen wir zusammen; sie hat eine wunderschöne Sprechstimme; etwas Glockenreines ist in dieser Stimme. Ihre Mutter saß an ihrer anderen Seite, eine gütige Frau, zart und ruhig und noch ganz jugendlich in Wesen und Körper ... Aber ich kann nicht so weiter schreiben, es ist, als ob es mich drängte, Ihnen das gleich zu sagen: Ich habe mich verlobt, ich bin glücklich, ich bin selig! Ich weiß, Sie lächeln nicht über mein Bekenntnis, Sie Einsamer, der alles seiner Kunst geopfert hat, der für nichts lebt, wie für seine Verse, die er täglich hämmert und schmiedet – Sie lächeln nicht, Sie fühlen ja mit, Sie wissen ja das alles, was in mir vorgeht; das ist ja das große Glück, das Sie jedem bescheiden, der Ihnen nahetreten darf, daß Sie in seine Brust sehen, wie in ein gläsernes Werk.

Welch ein wundervolles Leben habe ich nun vor mir! Ich werde nie allein sein, ich werde einen Menschen haben, der an meiner Seite atmet. Wenn ich schwach bin, so wird mich ein Mensch trösten – nein, trösten ist falsch gesagt; ich werde auch nicht schwach sein; wie wäre denn das möglich! Ich will, ich verspreche es Ihnen, ich will ...

Wieder habe ich meinen Brief unterbrochen. Sie wissen, was eingetreten ist: die Kriegserklärung. Ich lese, daß mein letztes Wort war: ›ich will‹. Ach, was ist unser Wollen! Von der Straße herauf drang Rufen und Sprechen vieler Menschen; ich öffnete das Fenster, da erfuhr ich, was geschehen war. Ich muß nun gleich reisen und mich bei meinem Truppenteil stellen. Wie wundervoll, daß ich das erleben darf: wie oft habe ich in dieser elenden Zeit mich gesehnt, daß einmal eine große Aufgabe an uns treten möchte, damit wir nicht ganz versinken in Streben nach Reichtum und Arbeit um äußeren Erfolg, damit unsere Seelen nicht ganz verkümmern, weil sie nicht gebraucht werden in dieser Zeit – nun ist es da, das Große! Denn eine solche Aufgabe, wie wir jetzt haben, hatte noch nie ein Volk, seitdem die Welt steht. Nun wird ja alles, alles anders werden.

Mein Freund – heute zum ersten Male, wo ich plötzlich mich so gereift fühle durch die Ahnung des Kommenden, wage ich den Älteren mit dem vertraulichen Wort anzureden – Mein Freund, wir hatten uns entschlossen, uns vor meinem Eintritt in das Heer zu verheiraten. Noch zwei Paare außer uns wurden vom Standesbeamten zusammengegeben; dann gingen wir sechs Menschen zusammen ernst zur Kirche; der alte Pfarrer hielt uns eine gemeinsame Traurede und vereinigte vor dem Altar unsere Hände. Auf meiner rechten Seite stand ein junger Schuhmacher mit seiner Braut, die bei uns im Gasthaus diente, auf meiner linken Seite ein Bauernsohn mit seiner Verlobten. Uns allen war, als seien wir Freunde seit langer Zeit, oder besser sage ich wohl, als seien wir Brüder. Das Wort ›Kamerad‹ wurde mir plötzlich klar, und ich verstand, daß die Kameraden sich duzen.

Nun bin ich nicht mehr ein Mensch allein, ich bin nun zwei. Lieber Freund, ich habe doch nicht gewußt bis nun, was es heißt: Mensch sein. Ich muß immer an den Scherz des Aristophanes in Platons Gastmahl denken, daß die Menschen ursprünglich doppelt gewesen seien und von Zeus auseinandergeschnitten, und daß nun die Hälften sich suchen. Ich weiß nicht, wie Aristophanes, der Spötter, und Platon, der Ironiker, das gemeint haben: aber wir waren zwei Hälften, nun sind wir ein Ganzes. Eine tiefe Ruhe, eine Sicherheit haben wir, vielleicht etwas, das man Glück nennen kann – oder ob es nicht etwas Höheres ist, als Glück? ...«

(Nachschrift von anderer Hand:)

»Mit dem Wort ›Glück‹ hat mein teurer Gatte geendet. Er wollte noch einige Zeilen dem Brief hinzufügen, aber es war nicht Zeit mehr. Verehrter Herr, ich kenne Sie lange aus Ihren Werken und habe immer das Gefühl gehabt, daß ich irgendwie mit Ihnen verbunden sei; nun schreibe ich an Sie, weil Sie der Freund meines teuren Gatten waren ... er ist in der ersten Schlacht gefallen.«

Der alternde Dichter hielt den Brief lange in der Hand, er dachte an den jungen Freund, der ihm wie ein Sohn gewesen, denn er war einsam. Langsam erhob er sich von seinem Stuhl, faltete den Brief, schloß den Schrank auf und legte den Brief in ein Schubfach zu anderen Erinnerungen.

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