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Die Tat des Dietrich Stobäus

Max Halbe: Die Tat des Dietrich Stobäus - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorMax Halbe
titleDie Tat des Dietrich Stobäus
publisherVerlag »Das Bergland-Buch«
year1945
firstpub1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141121
projectid5bdbce2d
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1

An einem warmen Augustabend der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts lustwandelte der alte Justizrat Märchenschön mit seinem jungen Kollegen und Kompagnon Leonhardi an dem Strandbogen, der in anmutiger Überschneidung sich von Zoppot nach der bewaldeten Landspitze Adlershorst herumzieht. Die beiden Männer hatten sich eigentlich nur ein Stückchen von Kurhaus und Steg entfernen wollen, wo das letzte Badefest der Saison bunte Menschenscharen dichtgedrängt beisammenhielt. Aber wie sie schweigend nebeneinander fortschlenderten und die Walzerweisen der Kurkapelle immer ferner verklingen hörten, schien es, als wolle der schmeichelnde Sommerabend, der apfelsinenfarben über Wald und Meer hingegossen lag, sie tiefer und tiefer in seinen lichten Frieden locken.

»Wissen Sie, woran mich der Abend heute und überhaupt dieser ganze wolkenlose Sommer erinnern?« fragte Märchenschön mit eins in das Schweigen hinein.

Leonhardi schüttelte mechanisch den Kopf. Er wäre am liebsten so fortgegangen, getragen von der lässigen Melodie halb oder kaum gewußter Gedanken, wozu der Rhythmus der leise atmenden See die Begleitung gab. Aber er wußte, daß Märchenschön keine Unaufmerksamkeit duldete, wenn er einmal ins Reden gekommen war. Also wandte er sich resigniert zu dem kleinen spitzbäuchigen Herrn, der mit seinem vorspringenden Vogelkopf unter dem schwarzen Schlapphut und dem aus Nase, Ohren und Kinn wuchernden grauen Rundbart wie ein Zwergenkönig in Zivil aussah.

»Wissen Sie, woran mich dieser fabelhafte Sommer erinnert?« wiederholte Märchenschön und faßte seinen jungen Vertreter fest ins Auge, ihm gleichzeitig die Hand auf den Arm legend, wie um ihm jedes Ausweichen abzuschneiden.

»Nun?«

»Er erinnert mich an die Sommer meiner Jugend.«

Märchenschöns zwinkernde Augen hefteten sich in das Gesicht des andern, um dort die Wirkung abzulesen.

Leonhardi wußte nicht recht, was er aus den Worten seines Kollegen und Chefs machen sollte.

»Die Sommer Ihrer Jugend?« meinte er schließlich zweifelnd.

»Jawohl, mein hochzuverehrender jüngerer Zeitgenosse!« erwiderte Märchenschön und handhabte dabei den festgehaltenen Arm des andern wie einen Taktstock, mit dem er die Worte unterstrich und die Pausen markierte. »Die Sommer ... meiner ... Jugend!«

Märchenschön ließ Leonhardis Arm mit einem kurzen Schwung los, so daß er noch einen Augenblick wie ein Pumpenschwengel weiter pendelte, und lachte meckernd vor sich hin.

»Sie bilden sich natürlich ein, Sie kürzlich aus dem Ei gekrochener Hahn, ein Sommer sei so ungefähr wie der andere? Der eine etwas nasser, der andere etwas trockener, aber alle schließlich nach demselben Rezept gearbeitet: man schwitzt, man kriecht eine Stunde früher aus den Federn, man stülpt sich einen Strohhut statt eines Filzdeckels auf, man betreut seine Klienten bei Tageslicht statt bei Lampenschein, kurz, Sommer ist eben Sommer nach Ihrer höchst unmaßgeblichen Ansicht? Nicht wahr?«

»Ja, ist es denn nicht auch wirklich so?« warf Leonhardi mit einem zerstreuten Lächeln hin.

»Es ist nicht so!« donnerte Märchenschön, als gälte es, den Staatsanwalt vor den Geschworenen in Grund und Boden zu schmettern. »Es ist sogar das Gegenteil! Sommer und Sommer, das kann so zweierlei sein, wie der Surius aus Bomst und der Steinberger Kabinett zweierlei sind, wenn sie auch beide unter dem Namen Wein gehen. Der eine zerreißt Ihnen die Magenwände und treibt Ihnen das helle Wasser in die Augen. Der andere schmeichelt sich wie Honig durch die Kehle und zaubert Ihnen einen Blumengarten vor die Nase. Sehen Sie, der diesjährige Sommer, das ist wieder mal ein Steinberger Kabinett nach einem Menschenalter von Kretzer-Jahrgängen! Und solche Edelwein-Sommer hab' ich in meiner Jugend so ein anderthalb Dutzend hintereinander erlebt, ehe der große Mißwachs einbrach.«

Märchenschöns rechter Arm beschrieb einen mächtigen Bogen durch die Luft, als wolle er den ganzen Ertrag dieses Mißwachses mit einer einzigen Gebärde wegfegen und die zurückbleibende Wüstenei im übrigen sich selbst überlassen. Dann senkte sich seine Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern.

»Es ist, als ob manchmal auf ganze Generationen ein Fluch gelegt wird. Ich bedaure euch Spätlingsvolk, das so ohne Sonne, Licht, Wärme, kurz ohne Sommer hat aufwachsen müssen. Man sieht ja auch, was zustande gekommen ist. Lauter verkrüppeltes Knieholz! Zwergpflanzen ohne Saft und Kraft! Wir alte, stolze, eisenfeste Garde dagegen! Unsere Jugend ist von der Sonnenglut der Zwanziger- und Dreißigerjahre des Jahrhunderts beschienen worden. Wir haben als junge Kerle Licht, Wärme, Glanz tonnenweise in uns eingeschluckt. Damit haben wir in der nachfolgenden Vereisung eingeheizt! Davon haben wir gezehrt in der ägyptischen Finsternis unserer Mannesjahre. Respekt vor uns Sonnenkindern, ihr amphybischen Eiszeitprodukte!«

Märchenschöns Plädoyer hatte sich aus mystischem Abgrund durch alle Register bis zu höchsten Höhen erhoben. Die possierliche Gnomengestalt schien ins Ungeheure zu wachsen. Die Augen schleuderten Blitze in die Runde und fuhren an der anderthalb Köpfe höheren Gestalt Leonhardis hinauf und hinunter, als müßten sie sie verdoppeln und verdreifachen, um sie in ihrer ganzen mikroskopischen Winzigkeit zu ermessen.

Aber Leonhardi schien an derartige Ausbrüche gewöhnt zu sein. Nachdem der erste Sturm sich gelegt hatte, meinte er gleichmütig:

»Ob nicht sehr viel Einbildung und Illusion hinter dem allen steckt?«

Märchenschön blieb wie festgenagelt stehen, stemmte die Arme in die Hüften und lehnte sich herausfordernd zurück.

»Wohinter steckt?« fragte er drohend.

»Hinter Ihrer Behauptung, die Sommer Ihrer Jugend wären so unvergleichlich viel schöner gewesen als alle, die Sie nachher erlebt haben.«

»Erstens habe ich das nicht behauptet!« kreischte Märchenschön. »Und zweitens ist es natürlich Einbildung, falls ich es behauptet habe.«

»Wie sagen Sie?« fragte Leonhardi, jetzt wirklich etwas überrascht.

»Ich sage, daß alles in dieser Welt Einbildung ist, junger Mann! Daß das ganze Leben auf Illusion beruht, verehrter Fürst! Ist deshalb das Leben weniger real? Sind die Dinge dieser Welt darum weniger körperhaft? Stößt man sich den Kopf weniger an der Wand ein, weil man weiß, daß es eigentlich gar keine Wand ist, sondern etwas ganz anderes, was man nicht weiß? Und hebt etwa nach Ihrer Ansicht die Tatsache der Illusion die Tatsächlichkeit der Illusionen auf?«

Märchenschön verschnaufte sich einen Augenblick und maß seinen Begleiter mit einem triumphierenden Blick von oben bis unten, in dem die ganze Niederlage des andern beschlossen lag. Dann fuhr er milder und versöhnlicher fort, wie man dem Besiegten goldene Brücken baut:

»Es bleibt also dabei, junger Freund, daß die Sommer meiner Jugend die schönsten sind, die es jemals gegeben hat. Wobei ich Ihnen natürlich das Recht konzediere, das gleiche von Ihrer Jugend zu behaupten.«

»Danke! Kein Bedürfnis!«

»Weil es bei Ihnen noch nicht so lange her ist!« schrie Märchenschön. »Weil Sie noch mitten darin stehen, Sie Kuckindiewelt! Da liegt der Hund begraben! Die Erinnerung ist es, die den blauen Dunst um die Dinge her macht, als hätte wunder was dahintergesteckt. Die Erinnerung ist die größte Betrügerin, die es auf Erden gibt. Mit der Erinnerung geht es wie mit der Abendsonne, die einem den finstersten Tag nachträglich vergolden kann. So die Erinnerung das Leben. Aber ist man deshalb weniger hereingefallen?«

Leonhardi nickte bei den Worten des Alten schweigend vor sich hin. Dieser ließ ihm keine Zeit, seine Gedanken fortzuspinnen.

»Nein, man ist nicht hereingefallen! So wenig, wie man hereingefallen ist, wenn man sich von einem Maler porträtieren läßt und bekommt schließlich ein Bild geliefert, so kreuztoll in Farbe und Beleuchtung, daß man seine eigene Physiognomie nicht wiedererkennt. Würden Sie sich getrauen, den Maler auf Rücknahme des Bildes zu verklagen? Sie würden sich's nicht getrauen, junger Mann! Denn der Maler hat recht gehabt, und die Erinnerung hat recht, und ich habe recht ...«

»Sie vor allem, Herr Justizrat!« warf Leonhardi mit ironischem Lächeln ein.

Aber Märchenschön war so in seinen Gedankengang eingesponnen, daß er nicht darauf achtete.

»Sehen Sie mal her, junger Mann! Was mache ich hier? Ich stehe und zeichne mit meinem Stock Figuren in den nassen Sand. Da! Ein Mann! ... Eine Frau! ... Ein Haus! ... Ein Schwein! ... Die nächste Welle wird sie wegwischen. Jetzt! ... Jetzt! ... Nein, warten Sie nur ab. Die See ist zwar so ruhig heute wie eine Waschschüssel. Aber es kommt schon ... Da! Sehen Sie! Klatsch! Weg! Mann, Frau, Haus, Schwein, fortgewischt! Ausgelöscht! Tot! Nichts mehr davon übrig! ... Oder am Ende doch?«

Märchenschön erhob langsam seinen Kopf, der ihm bis auf die Brust gesunken war, und tippte sich ruhig und nachdrücklich dreimal vor die Stirn.

»Hier ... hier ... hier leben sie weiter, der Mann und die Frau und das Haus und das Schwein. In diesem Gehirn leben sie weiter. Der Abdruck bleibt. So bleibt auch unser Abdruck im Gehirn des vermutlichen Weltgeists, der uns in den Sand des Lebens skizziert hat. Bleibt, nachdem die Welle uns längst wieder verschlungen hat. Und ebenso bleibt unsere eigene Vergangenheit als Abdruck in uns selbst. Ob dieser Abdruck mit dem, was wirklich war, übereinstimmt? Dumme Frage! Die Wirklichkeit ist tot, ist unwiederbringlich dahin. Die Erinnerung aber lebt. Die Erinnerung ist das einzig Reale in dieser Welt der irrealen Wirklichkeit.«

Eine Weile gingen die beiden Männer wieder schweigend nebeneinander her. Der Himmel hatte sich aus einem tiefen Orange in flammendes Rot gefärbt. Schwarzblau standen die Wälder der Küste. Ein langer blasser Rauchstreif zog sich parallel dem Horizont über die See hin. Unendlicher Frieden nach vollbrachtem Werk schien aus dämmerigen Fernen hinwandelnd durch die Welt zu ziehen.

Märchenschön atmete aus tiefer Brust und sog mit breiten Nüstern den Salzduft des Wassers ein, den ab und zu eine Brise herübertrug. Dann schwenkte er seinen Stock durch die Luft, wie um zum letzten Schlage gegen den Feind auszuholen.

»Ich behaupte also nicht nur, daß die Sommer meiner Jugend unvergleichlich und unübertrefflich waren. Ich behaupte auch, die Frauen meiner Zeit waren schöner und verführerischer als jemals vorher oder nachher. Ich behaupte, die Mädchen waren anmutiger und zierlicher, die Männer aufrechter und entschlossener, die Geselligkeit liebenswürdiger und angeregter, das Leben im ganzen leichter, heiterer und lebenswerter, und auf der anderen Seite wieder größer, bedeutender, charaktervoller. Ich behaupte, alles und jedes trug zu meiner Zeit unendlich viel mehr seine eigene, besondere, individuelle Physiognomie, interessantere und einträglichere Prozesse wurden geführt und sogar die Mörder waren merkwürdiger und sozusagen mörderhafter. Das alles behaupte ich ganz kaltblütig und ohne mit der Wimper zu zucken. Beweisen Sie mir das Gegenteil!«

Leonhardi lachte unwillkürlich auf.

»Die Mörder waren mörderhafter? Wie meinen Sie das?«

Märchenschön deutete mit ausgestrecktem Arm auf ein weißes Landhaus, das unfern auf einer Waldhöhe zwischen Buchengehölz halb versteckt lag.

»Sehen Sie den Zopfbau da oben mit den geschlossenen Fensterläden? Etwas altmodisch im Äußeren, aber immer noch nobel und vornehm, wie ein alter Kavalier, der sich zurückgezogen hat und von den Erinnerungen seiner Jugend lebt.«

Leonhardi kannte von seinen Spaziergängen her das einsame Haus, in dem alles Leben seit langem erloschen schien.

»Was ist es eigentlich mit der Villa?« fragte er. »So lange ich hier bin, habe ich noch nie einen Fensterladen geöffnet gesehen.«

»Wissen Sie nicht, daß das Haus im Volksmunde das ›tote Haus‹ heißt? Sein letzter Bewohner ist vor dreißig Jahren gestorben. Die Erbschaft fiel an ganz entfernte Verwandte, die irgendwo im Reich draußen leben. Sie haben das Haus nie betreten.«

»Sonderbar! Warum denn nicht?«

»Vielleicht sind sie abergläubisch. Vielleicht knüpft sich eine Geschichte an das Haus.«

»Ah! Es spukt wohl? Nicht?«

»Lachen Sie nicht, junger Mann! Sie können es schwarz auf weiß bei mir niedergelegt sehen.«

Leonhardi war stehen geblieben und schüttelte lächelnd den Kopf.

»Glauben Sie im Ernst an solche Märchen, Herr Justizrat?«

Märchenschön kreuzte die Arme über der Brust, während er die geöffnete rechte Hand dicht vor die Augen hielt, als wolle er in ihren Linien die Lösung des Rätsels finden.

»Ich will Ihnen etwas sagen, mein vielgeliebter Fürst!«

Märchenschön hielt inne und machte wie zur Erhöhung der Spannung eine längere Kunstpause, indem er unverwandt in seine Handfläche starrte. Leonhardi blieb geduldig wartend neben ihm stehen und ließ seine Blicke von dem runzligen Gesichte des alten Mannes hinüberschweifen zu der verwitterten Fassade des alten Hauses, das in dem bleicher werdenden Lichte des Abends wie ein Phantom aus den Waldbüschen hervorschimmerte.

»Ich will Ihnen etwas sagen,« wiederholte Märchenschön nach einer Weile und setzte sich langsam wieder in Bewegung. »Ich selber glaube in diesem Punkt alles und nichts, je nachdem es mir bewiesen wird oder nicht. Und in diesem Falle ist allerdings nichts bewiesen. Nicht das allermindeste!«

»Nun also!«

»Halt, mein Verehrtester! Halt! Halt!« donnerte Märchenschön und reckte seinen Arm hoch in die Luft, wie ein Stationsvorsteher, der einen vorbeisausenden Zug im letzten Augenblick zum Stehen zu bringen sucht. »Ich sage, bewiesen wurde nichts. Schon darum nicht, weil ja sonst mein Klient zum Tode verurteilt worden wäre. Und das wäre doch ein sehr unwürdiges Ende für den letzten Sprößling des Hauses Stobäus gewesen. Abgesehen davon, daß ich meinerseits als Verteidiger von Dietrich Stobäus alle Ursache hatte, einen Freispruch zu erzielen.«

Der alte Herr hatte sich wieder etwas außer Atem geredet. Er mußte innehalten und sich verschnaufen. Aber ehe noch der andere nach dem Zusammenhange von dem allen fragen konnte, hatte er bereits von neuem ausgeholt.

»Ja, mein teurer und hochgeachteter Adlatus, das ist uns denn auch wirklich gelungen. Damals hat sich Josua Märchenschön seine ersten Sporen als Hort aller unschuldig Verfolgten und als Schrecken aller Staatsanwälte verdient. Nehmen Sie sich ein Beispiel daran und werfen Sie nie die Flinte ins Korn, wenn der Fall auch noch so verzweifelt liegt. Vielleicht gelingt es schließlich doch, die Geschworenen einzuwickeln und den Angeklagten herauszuhauen.«

»Wovon sprechen Sie eigentlich, Herr Justizrat?« fragte Leonhardi, als Märchenschön geendigt hatte und über den festen weiß gewaschenen Strand rüstig der dunkel aufsteigenden Landspitze entgegenschritt.

»Von dem berühmten Fall Stobäus, der sich vor reichlich einem Menschenalter hier auf dem Schauplatz zugetragen hat.«

»Ein Mordfall also? Von besonders ... wie nannten Sie es? ... von besonders mörderhaften Umständen?«

»Ja. Aber ich bestreite eben den Mord und glaube noch heute an einen einfachen Unglücksfall.«

»Wie lautete denn die Anklage?«

»Stobäus habe seine junge, dreiundzwanzigjährige Geliebte an einem stürmischen Herbstabend rücklings in die See hinuntergestürzt. Dort drüben von der Höhe herunter. Bei der sogenannten Teufelskanzel, wo man den Rundblick hat, auch nach der jenseitigen Bucht hinüber.«

»Wo die Bank steht?« fragte Leonhardi. »Und über das Geländer blickt man senkrecht auf den Wasserspiegel hinab?«

»Ganz richtig! Das Geländer ist aber erst neueren Datums. Vielleicht stammt es sogar von der Katastrophe her. Aber an dem 19. September 1862, als Dietrich Stobäus und Karoline Bergmann dort oben standen und über die donnernde See wegsahen, war's damit noch eine ziemlich brenzlige und gefährliche Geschichte. Ein Schritt zu weit, eine unvorsichtige Bewegung, ein Ausgleiten, ein kurzer Schwindelanfall, und das Unglück war geschehen! Der Absturz beträgt hundert Fuß. Die Wand ist aus steinhartem Ton. Das Wasser hat richtige Klippen, Kanten und Schroffen hineingewaschen. Man bricht sich unfehlbar das Genick und was etwa noch lebendig unten ankommt, das nimmt die Brandung in ihren Schoß auf. Gute Nacht und adieu!«

Ein Weilchen schwiegen die beiden Männer wieder. Der schwarze Höhenstreif, der scharf abgezeichnet gegen den hellen Himmel des Sommerabends die Küste begleitete, trat näher an die See und warf dunkle Schatten vor die Füße der einsamen Strandgänger. Aus dem schlafenden Wald hoch über ihren Köpfen schien sich die Erinnerung an eine finstere und schwermütige Begebenheit mit lastenden Flügeln auf sie herabzusenken. Die See leckte müde um ihre Füße. Minutenlang glitt kein Hauch über den blanken Wasserspiegel.

»Wer war Dietrich Stobäus?« fragte Leonhardi, wie um die drückende Stille durch einen Laut zu unterbrechen. »Die Familie ist mir nicht erinnerlich.«

»Sagte ich Ihnen nicht, Verehrtester, die Familie ist ausgestorben? Im übrigen sieht man, daß Sie fremd hier sind. Die Familie hat nämlich keine kleine Rolle in unserer Stadtgeschichte gespielt. Ein Ahnherr war Bürgermeister im sechzehnten Jahrhundert. Ein anderer Admiral der Stadt im siebzehnten. Er hat über fünfzig Seeräuber an ihrem besten Halse aufhängen lassen. Überhaupt alles Leute, die Haare auf den Zähnen hatten, die Stobäus! Männer der Tat! Handelsherren, Seeleute, Soldaten! Eine Nachblüte der Familie fällt ins achtzehnte Jahrhundert, wo während der Schweden- und Russenzeit ein Stobäus einen riesigen Grundbesitz rings um die Stadt zusammenbringt. Später geht's langsam wieder bergab. Unglücksfälle, Schicksalsschläge, Krankheit und Kurzlebigkeit ... Die Anzeichen der beginnenden Erschöpfung. Und die Familie, die über dreihundert Jahre lang lauter stramme, feste, sehnige Kerle produziert hat, endigt mit einem kleinen, hageren, spinnenarmigen Männchen, das unter seinen Folianten hockt und horribile dictu Gedichte macht. Was sagen Sie dazu? Ein Stobäus, der Gedichte machte! Daß eine solche Entartung kein gutes Ende nehmen konnte, daß die Abnormität in diesem und anderen Punkten den armen Kerl schließlich in Mordverdacht bringen mußte ... mußte, sage ich, ist klar.«

»Na, erlauben Sie mal!« lachte Leonhardi. »Weil jemand Gedichte macht, soll er imstande sein, einen Mord zu begehen?«

»Wer Gedichte macht, ist zu allem imstande!« schrie Märchenschön und wischte sich die Schweißtropfen ab, die ihm auf der Stirn perlten. »Ich habe selbst in meiner Jugend Gedichte gemacht und muß es wissen.«

»Wer hat keine gemacht?« meinte Leonhardi wieder lachend. »Wollen Sie uns alle glattweg zu Mördern stempeln?«

»Allerdings, Eure Herrlichkeit! Das will ich. Wir sind Mörder alle zusammen. Oder können Sie sich jemanden vorstellen, der nicht schon in Gedanken jemand umgebracht hätte?«

»In Gedanken!« warf Leonhardi ein.

»Papperlapapp! Gedanken sind Tatsachen, so gut wie alle anderen Tatsachen. Und mit dieser Tatsache heißt es sich abfinden. Dieser Tatsache heißt es ins Gesicht sehen. Sonst wirft sie uns um, und es kann uns ergehen, wie es Dietrich Stobäus gegangen ist.«

»Wie denn?«

Märchenschön erhob seinen rechten Arm und führte ihn waagrecht mit vorgestrecktem Zeigefinger wie eine eingelegte Lanze dreimal in die Stirngegend seines Begleiters.

»Man schnappt über, mein Fürst! Man verliert die Balance, herzogliche Gnaden! Man wird rappelig, Herr Zeitgenosse! Verstehen Sie mich jetzt?«

»Stobäus war nicht ganz richtig, wollen Sie sagen? Sie haben auf Unzurechnungsfähigkeit plädiert?«

»Im Gegenteil!« schrie Märchenschön. »Ich habe auf volle Zurechnungsfähigkeit und absolute Unschuld plädiert.«

»Dann verstehe ich Sie allerdings nicht,« erwiderte Leonhardi achselzuckend. »Entschuldigen Sie meine Talentlosigkeit.«

Märchenschön blieb breitbeinig stehen und nahm über seinen erhobenen linken Daumen weg wie über ein Visier Leonhardi aufs Korn, als wolle er ihn mit einem Meisterschuß zur Strecke bringen.

»Haben Sie schon von Doppelgängern gehört, junger Mann? Sie werden natürlich behaupten, es gibt gar keine Doppelgänger. Wenigstens nicht, was man darunter versteht. Nicht Leute, die einem von weitem ähnlich sehen, sondern wirkliche Doppelgänger. Gut! Ich bin auch noch keinem begegnet. Die Natur schafft keine Dubletten, kann man sagen. Die Natur ist immer original. Aber nehmen wir einmal an, es gäbe Doppelgänger. Inkarnationen des eigenen Ichs, die außerhalb des eigenen Ichs vorhanden sind. Spiegelbilder unserer selbst, die doch nicht wir sind. Und nehmen wir an, wir begegnen solch einem Spiegelbild, solch einem Doppelgänger. Begegnen ihm in der Dämmerung auf einsamer Straße oder um Mitternacht im Korridor eines alten Schlosses ... Müßte uns der Anblick nicht total umwerfen? Müßten wir nicht aus dem Häuschen geraten? Müßten wir nicht nach der Zwangsjacke schreien? Vorausgesetzt nämlich, daß uns niemand beizeiten gesagt hat: Es gibt Doppelgänger. Man kann ihnen des Abends in der Dämmerung oder gegen Mitternacht im Ahnensaal begegnen. Denn in diesem Fall, und darauf kommt es an, würde uns die Begegnung vielleicht ein bißchen unbequem sein, man würde vielleicht unwillkürlich den Rockkragen in die Höhe schlagen, würde vielleicht dem Herrn nicht grade die Hand reichen, würde aber immerhin seinen Hut ziehen und sagen: Sehr angenehm! Und womit kann ich dienen? ... Verstehen Sie mich jetzt, junger Mann? Begreifen Sie, was das Gleichnis für den Fall Stobäus bedeutet?«

»Nicht so ganz,« antwortete Leonhardi und lächelte.

»Worüber lachen Sie, Mensch?« fragte Märchenschön stirnrunzelnd und in dumpfem Ton.

»Über mich selbst! Über meine fürchterliche Borniertheit! Ich komme nicht dahinter. Ich verstehe die Beziehungen nicht. Es muß wohl an mir liegen, oder ich wüßte nicht, an wem sonst.«

Leonhardi hatte so behutsam wie möglich gesprochen, denn er erwartete einen furchtbaren Ausbruch des in seiner nächsten Nähe wirkenden Vulkans.

Aber das Gegenteil geschah. Märchenschön legte seinen rechten Arm vertraulich um die Schultern des andern und sagte, während er ihn weiterzog, mit väterlicher Milde:

»Es liegt natürlich an Ihnen, liebster junger Freund! Aber man muß Nachsicht mit euch jungen Leuten haben. Ich sage ja, es hat euch an Licht, Sonne, Wärme in eurer Jugend gefehlt. Daher die Begriffsstutzigkeit. Ich will Ihnen mit zwei Worten auf die Strümpfe helfen. Der Doppelgänger, das ist das Geheimste, das Tiefverborgene in uns, das, wenn es plötzlich und unvorbereitet aus seinem Schlupfwinkel vor uns hintritt, uns unbedingt über den Haufen rennt. Hätte Dietrich Stobäus gewußt, was wir wissen, nämlich, daß wir alle zusammen arme Sünder, Verbrecher, Mörder sind, sei es in Gedanken, sei es mit der Tat, was in moralischer Beziehung verdammt wenig Unterschied bedeutet, ich sage, hätte er sich beizeiten mit diesen Faktoren vertraut gemacht und abgefunden, wer weiß, ob er dann nicht, trotz des furchtbaren Schlags, seine klaren fünf Sinne behalten hätte? So aber stieß er vielleicht grade im Augenblicke der tiefsten seelischen Zerrüttung nach dem Unglücksfall auf die Tatsache des Gedankenmordes in seinem Bewußtsein, das arme erschöpfte Gehirn ging darüber aus den Fugen, und die überreizte, morbide Phantasie machte aus dem bloßen Gedankenmord einen richtigen Tatsachenmord. So wenigstens erkläre ich mir ...«

»Halt! Einen Augenblick!« unterbrach Leonhardi. »Es scheint also, um endlich mal auf festes Land zu kommen, daß Stobäus Ihnen ein Geständnis gemacht hat ...«

»So ist es, mein hochrespektabler Kollega! Dietrich Stobäus hat mir allerdings ein Geständnis gemacht. Aber erst nach seinem Tode.«

»Nach seinem Tode?«

»Ja, sozusagen aus dem Grabe heraus. Aus der andern Welt herüber, vorausgesetzt, daß es eine gibt.«

»Wohl ein nachgelassener Brief an Ihre Adresse?«

»Ein längeres Schriftstück eigens für mich, seinen Rechtsfreund und einstigen Verteidiger abgefaßt. Jawohl. Eine eingehende Darstellung der ganzen Tragödie, so wie sie sich nachträglich in seinem Gehirn widergespiegelt hat.«

»Sie zweifeln also an seinem eigenen Bekenntnis?«

»Es gibt zwei Möglichkeiten, mein Geliebter! Entweder Dietrich Stobäus war verrückt und beging in der Folge die Tat, oder er beging die Tat nicht und wurde in der Folge verrückt. Wir haben die Wahl. Ich bin für Nummer zwei, Sie, wie es scheint, für eins.«

»Erst müßte ich doch das Schriftstück selbst kennen,« meinte Leonhardi nachdenklich.

»Das wird Ihnen zuteil werden, sobald Josua Märchenschön den Schauplatz seiner planetarischen Existenz verlassen und sich auf dem Stern Beteigeuze im Orion einen neuen Wirkungskreis geschaffen haben wird. Also binnen sehr absehbarer Zeit!«

Leonhardi wollte einen Einwand erheben, aber der alte Herr schnitt ihm mit einer kurzen Geste das Wort ab.

»Keine Widerrede, mein Bester! Ich bin ein alter Kapitän, der lange genug den Ozean befahren hat, um den Quadranten zu kennen und zu wissen, daß die Reise zu Ende geht. Deshalb keine weitere Aufregung, Geliebtester! Auch die längste Weltumsegelung kommt einmal zum Schluß, und das ist gut. Im übrigen werden Sie das betreffende Schriftstück im untern Fach meines Schreibtischs finden. Verfügen Sie darüber, wie Sie wollen. Die Leute, die es anging, sind ja dann sämtlich tot. Die Wahrheit kann in ihr Recht eintreten. Sie werden einen bemerkenswerten Beitrag zu dem Kapitel ›Liebeswahnsinn‹ kennen lernen. Und hier,« schloß Märchenschön, »hier befinden wir uns an der Stelle, wo am Morgen nach jener Sturmnacht die zerschmetterte Leiche von Karoline Bergmann, halb von Wasser und Schlamm bedeckt, aufgefunden, wurde.«

Die beiden Männer waren unwillkürlich stehen geblieben und sahen zu der hoch über ihnen wuchtenden, dunkel drohenden Wand auf. Ausladende Tongesimse und Erdkanzeln waren mit Gestrüpp und Laubholz bewachsen und schienen halb in der Luft zu hängen. Unten hatte die Brandung bald in stürmendem Anprall, bald in stiller Gefräßigkeit ihren Zahn in den tönernen Sockel geschlagen und tiefe Löcher herausgerissen. Als ein schmaler weißer Saum schmiegte sich der kaum schrittbreite Strand zwischen dem herrisch getürmten Bergklotz und der unterwürfig kauernden See um die scharf vorspringende Nase des Kaps herum. Wenige Schritte und jenseits öffnete sich ein neuer Strandbogen, dessen äußerste Kapspitze in der jetzt schneller rieselnden Dämmerung untertauchte.

»Und die Heldin der Tragödie?« fragte Leonhardi nach einer Pause beklommenen Schweigens. »War sie schön? Haben Sie sie gekannt?«

»Ob ich sie gekannt habe, junger Mann?« erwiderte Märchenschön und meckerte in sich hinein. »Wer von uns allen, die damals jung waren, hätte nicht die wonnige Bergmann gekannt, wenn nicht anders, dann wenigstens von der Bühne herunter? Die entzückendste Soubrette, die jemals da war! Ich denke wie heute an den Abend, wo sie aus dem Chor heraus entdeckt wurde, anderthalb Jahre vor ihrem Tode. Ich, ich stand in der vordersten Kulisse neben dem besagten Stobäus, als sie das berühmte Zerlinenlied sang, und klatschte wie rasend Beifall, und mir, mir hat sie auch als Erstem nachher ihre bezaubernden Fingerspitzen gereicht! Und da fragen Sie mich, ob ich Karoline Bergmann gekannt habe? Mich fragen Sie? Mich? Mich?«

Märchenschön hatte Leonhardis Arm mit einem plötzlichen Polizeigriff gepackt und mißbilligend mehrmals geschüttelt, um ihn dann ebenso plötzlich wieder loszulassen und mit der Hand am Ohr in die dämmernde Stille hinauszulauschen.

»Hören Sie den Rudertakt? Offenbar ein Fischer, nicht weit von hier auf der See. Vielleicht nimmt er uns gegen Geld und gute Worte auf und bringt uns nach Hause. Strengen Sie mal Ihre Kehle an.«

Wenige Minuten später saßen die beiden Männer ein wenig müde und versunken auf der hinteren Bank des Fischerboots und ließen sich durch die laue, leise fächelnde Sommernacht den ferne grüßenden Lichtern des Seestegs entgegenrudern.

»Wissen Sie, warum mir dieser fabelhafte Sommer mit seinen wolkenlosen Tagen und seinen weichen Sternennächten so verdächtig ist?« fragte Märchenschön, als die Landspitze längst im Dunkel verschwunden war und plätschernder Ruderschlag ringsumher und getragene Töne der Kurmusik die Nähe des Ziels ankündigten. »Wissen Sie das? Können Sie sich das zusammenreimen?«

Leonhardi schüttelte schweigend den Kopf.

»Nun, dann will ich es Ihnen verraten. Eben weil mir dieser Sommer die Sommer meiner Jugend so deutlich zurückruft, darum ist er mir verdächtig. Es ist das Ende, in dem sich der Anfang noch einmal rückblickend wiederholt. Der Ring meines Lebens rundet sich in sich selbst. Der Zirkel schließt sich. Plaudite, amici! Das Spiel ist aus! ... Und diese lauwarme Sommernacht, die einem in allen Gliedern prickelt, die sich um einen legt, wie ein nackter Frauenarm, diese Betrügerin, die uns Bilder und Geschichten vorgaukelt, die längst nicht mehr sind und nie mehr sein werden, diese Hochstaplerin und Schwindlerin soll der Teufel holen!«

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