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Die Tage des Waldlebens

Otto Roquette: Die Tage des Waldlebens - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorOtto Roquette
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik - Sechster Band
titleDie Tage des Waldlebens
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeSechster Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081023
projectid184bf99e
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Was mochte der kleine Geißbub denken, der unter der Buche am Waldesrande ausgestreckt lag? Oder war das, was unter seiner Stirn vorging und in seinen unruhig umherblickenden Augen funkelte, wirklich ein Denken zu nennen? Bald sah er hinauf in den Wipfel des Baumes, wo ein Vogel seine Neugier erregte; bald verfolgte er die auf dem Grase tanzenden Sonnenlichter, die durch Gezweig und Laub hie und da den Weg gefunden hatten. Dann wendete er sich wieder nach seiner Ziege mit ihren beiden Zicklein um und schien befriedigt, daß die Alte in der Fülle der sie umgebenden Nahrung gelassen ausruhte, und dann wieder spähte er nach der Waldseite, woher ein breiter Fußweg in Windungen über die sonnige Halde und in die Tiefe hinablief. Endlich zog er ein Taschenmesser hervor, und die Art, wie er es auf- und zuklappte und es liebevoll betrachtete, zeigte, daß es ihm noch ein neues und beglückendes Besitztum war.

Da wurde vom Walde her ein heller Jodelruf vernehmlich. Es war aber nicht der ungefüge Naturton, sondern das mehr musikalische Aufjubeln einer schönen Menschenstimme. Der Knabe schnellte vom Boden auf und eilte nach der Richtung, woher er den Gesang vernommen. Gleich darauf trat aus dem Walde ein junges Mädchen, schlank und von edlem Wuchse, in städtisch sorgfältiger Kleidung. Ein breitkrempiger Strohhut beschützte ihr anmutiges Gesicht vor der Sonne, die übrige Tracht war schwarz, obwohl von leichten Sommerstoffen, und deutete auf Trauer. Ein großer Hund sprang ihr voraus, und hieß den kleinen Hirten durch sein Bellen willkommen. »Guten Morgen, Girgl!« rief sie. »Brav, daß du dich eingefunden hast!«

»Und ich war gestern auch da, aber du bist nicht gekommen!« entgegnete der Knabe,

»Sieh doch! das klingt ja wie ein Vorwurf, daß ich deine werte kleine Person vernachlässige!« entgegnete die junge Dame lächelnd. »Sei nur nicht eifersüchtig, Girgl! Ich fand eben anderswo auch etwas zu zeichnen.« Sie wußte wohl, daß der Knabe von solchen Reden nichts verstand, und pflegte in seiner Gegenwart mehr mit sich selbst zu sprechen und ihre gute Laune walten zu lassen. Lebhafter aber mußte sie sich jetzt an ihren vierfüßigen Begleiter wenden; »Nero! Nero!« rief sie. »Willst du wohl die Geiß mit ihren Jungen zufrieden lassen? Hierher! Schämst du dich nicht, alter Gesell, hinter den jungen Zicklein herzujagen? Über solche Kindereien solltest du doch hinaus sein! Hier bleibst du, bei mir!« Nero gehorchte dem Ruf, sah sie verlegen an, wedelte stark und schnupperte darauf im Grase nach der Seite, als sei es ihm wirklich um so etwas nicht sehr zu tun, – »Girgl, das hab' ich dir mitgebracht!« fuhr sie fort, indem sie dem Knaben ein Weißbrot reichte. Dieser betrachtete die Gabe in lächelndem Schweigen und schien zu überlegen, ob er gleich einbeißen, oder sich ihrer etwas länger freuen solle? Vorläufig steckte er sie in die Tasche.

»Wo nehmen wir heute für unsere Kunstbestrebungen Platz?« redete die junge Dame im Selbstgespräch weiter. »Unter der Buche? Nein, da kommen mir die neugierigen Sonnenstrahlen zu häufig auf das Blatt und stören mich mit ihren Neckereien. Aber dort an der Felswand wär' es schön! Sie wirft einen breiten Schatten über den Rasen, und der Boden ist hügelig. Da wird es sich gut sitzen.« Sie nahm ihren Weg dahin, wählte einen bequemen Platz, und nachdem sie sich niedergelassen, warf sie ihr Zeichenbuch und ein Buch zum Lesen in das Gras und legte ihren Strohhut ab. Und dann, das lose Haar von der Stirn zurückstreichend, blickte sie mit einem behaglichen Ah! heiter in die Landschaft. Es war ein grünes Waldbild, abgeschlossen, nur von wenigen Spuren menschlichen Verkehrs durchzogen. Abwärts senkte sich die Halde, von einigen Felsblöcken und Gesträuch durchsetzt, gegen den in der Tiefe rauschenden Bach, neben welchem ein nur für Holz und Waldzwecke berechneter Weg hinlief. Gegenüber stiegen mächtigere Felsen auf, überragt vom Waldgebirge, während rechts und links die Talkrümmungen in bläulichen Duft ausliefen. Darüber wölbte sich der blaueste Himmel, von dem die Sonne des Junitages über die ganze Pracht des fröhlichen Sommerlebens leuchtete. Die Halde war übersät von Blumen, Schmetterlingen, Käfern, Bienen, ein geflügeltes kleines Heer schwirrte, summte, wiegte sich über Dolden, Kelchen und Blütensternen. Das Mädchen saß einige Minuten schweigend da, die Hände auf den Knien gefaltet, und ihr Lächeln, der Ausdruck ihrer Augen schien zu verkünden, daß sie Druck und Härten des Lebens, die ihr ernstes Gewand andeutete, überwunden habe und in solcher Stunde dem Jugendgefühl und der Freude am Dasein wieder Eingang in das Gemüt verstalte. Der Knabe, der sich nicht weit von ihr in Neros Gesellschaft niedergekauert hatte, betrachtete sie aufmerksam in der Erwartung, daß sie reden werde. Endlich wendete sie ihm fröhlich ihr Gesicht zu und fragte: »War der Gabriel schon da?« – Der Knabe schien zu erschrecken. »Nein!« sagte er. »Nun so wird er kommen! Er hat es mir versprochen. Ich will sein Gesicht abzeichnen. Da er aber noch nicht da ist, sollst du dran, Jung Girgl! Ich will deinen Kopf haben! Ängstige dich nur nicht, er bleibt sitzen, wo er ist!« Girgl lächelte verlegen. Er hatte wohl schon gesehen, wie sie Felsen und Bäume abzeichnete, aber wie sie sogar einen Kopf auf das Papier zaubern wollte, das konnte er sich nicht denken. »Komm und schau her!« rief sie, indem sie die Blätter umschlug und eine Reihe von Gesichtsbildern, besonders Kinderköpfen, vorzeigte. »Siehst du, wie ich die kleine Liese, den Peter und seine Schwester, den Kuhjungen und andere gezeichnet habe, so will ich's auch mit dir machen. Des Knaben Augen wurden groß vor Erstaunen, und gehorsam nahm er den Platz und die Stellung ein, welche sie ihm anwies. So begann sie zu zeichnen. Girgl aber dachte während dieses schweigsamen Verkehrs an das Weißbrot in seiner Tasche, und hielt es für zeitgemäß, dasselbe in Angriff zu nehmen. Sofort steckte er ein Stück davon in den Mund. Da nun aber nichts auf der Welt ein umständlicheres Kauen verlangt, als eine trockene Semmel, so begann ein Malmen seiner Kinnlade, und zugleich eine Bewegung in seinen Gesichtszügen, daß die Zeichnerin laut lachend rufen mußte: »Nein, Girgl, ein kauendes Modell kann ich nicht brauchen! Essen darfst du erst, wenn ich fertig bin. Sitzest du aber jetzt recht ruhig, so bringe ich dir morgen zur Belohnung zwei Brötchen mit!« Girgl war etwas verblüfft durch die sonderbaren Ansprüche, welche die Kunst an ihn erhob, aber die in Aussicht gestellte Verdoppelung des Honorars machte ihn doch gefügig. Nero lag im Grase neben ihm, schnappte ärgerlich nach Fliegen und spitzte ab und zu die Ohren, wenn ihm irgend ein Geräusch wider Ordnung und Gewohnheit schien.

Nach einer Pause begann Girgl: »Er war gestern auch wieder hier!«

»Wer? der Gabriel?«

»Nein, der mit den Handschuhen.«

»So! Der!« rief das Mädchen lachend und dachte: An dem ganzen jungen Herrn ist dem Naturkinde nichts weiter aufgefallen, als daß er am Sommertage Handschuh' trug, während mir auffiel, daß er bei seiner Jugend im Gesicht wie Mondschein aussah und, obgleich erwachsen genug, sich wie ein Knabe gab! – Dann, nach längerem Schweigen, begann sie: »Girgl, du bist erlöst! Es mag fertig sein. Willst du dich im Spiegel sehen? Komm!«

In diesem Augenblick aber sprang Nero auf und fuhr bellend und in Sätzen auf eine aus dem Walde tretende Gestalt los, die er doch bald als alten Bekannten umwedelte. »Da ist Gabriel!« rief die Dame, während Girgl, von Schrecken ergriffen, davonzulaufen Miene machte. Die Erscheinung mochte für einen, der sich im Walde durch etwas ertappt fühlte, noch von stärkerem Eindruck sein, als ihre einem Meister Rübezahl gleichende Gestalt an und für sich schon war. Die stark verschossene und verbrauchte Uniform eines Forstunterbeamten hing um die Schultern des Waldhüters Gabriel Neuntöter. Das starke, etwas gekrümmte Genick trug einen Kopf mit scharfen Gesichtszügen, tiefliegenden grauen Augen, einer Adlernase, unter der ein gewaltiger grauer Schnurrbart den Mund bedeckte, während von Backen und Kinn eine ins Weiße spielende Bartmasse bis tief auf die Brust herabfiel,

»Guten Morgen, Gabriel!« rief das Mädchen, »Gut, daß Sie doch noch kommen!«

Der Alte grüßte sie nur flüchtig, streckte jedoch die geballte Faust dem Knaben entgegen, indem er rief: »Wart, du Sackermentsbub'! Dir komm' ich über den Kopf! Was hast du deine Geiß hier hinaufzuführen? Strafe sollst du kriegen, wart du! Hinunter mit dir!«

»Warum denn?« rief das Mädchen erschreckt. »Ist es denn nicht erlaubt –?«

»Auf den Dorfanger gehört er mit seiner Geiß!« schalt der Waldhüter fort, »Oder die alte Trud, das verhexte Weib, mag ihr Vieh in ihrem Stalle füttern. Hier ist herrschaftlicher Wald! Sollen mir die Racker hier herumklettern, die jungen Stämme abschälen und das Laub abfressen? Alles fressen sie, was grün ist! Verboten ist's, hier herauszutreiben, der Bub' weiß es! Tut er es doch, so kriegt er seinen Buckel voll, und die Trud muß Strafe zahlen!« Damit schwang Gabriel seinen Knotenstock sehr bedenklich, so daß dem jungen Frevler vor Angst die Tränen ausbrachen.

»Lieber, guter Gabriel!« rief das Mädchen, den Alten mit beiden Armen abwehrend: »der Knabe ist nicht schuldig! Wenn jemand in Strafe fallen soll, so muß ich es sein, ich allein! Ich fand den Kleinen vor einigen Tagen unten, in der Nähe des Dorfes, und lockte ihn zum Plaudern hier herauf. Tun Sie doch nicht so böse! Sie sind ja sonst ein so gutmütiger Mann!«

Der Alte wollte eigentlich forthadern, aber ein Seitenblick auf die junge Dame schien ihn zu besänftigen, und trotz seines Bartes machte sich doch ein Lächeln in seinen Zügen bemerkbar. »Na! Um des gnädigen Fräuleins willen mag es für diesmal geschenkt sein! Aber die Geiß läßt er mir künftig unten, sonst –!«

»Ach, Gabriel!« nahm das Mädchen etwas befangen das Wort auf: »Wenn das herrschaftlicher Grund ist, und jedem der Zutritt verboten, dann darf auch ich mich hier wohl nicht aufhalten?«

»So ängstlich ist's ja nicht! Abmalen dürfen Sie hier alles, aber abfressen – dagegen bin ich da! Das darf ich nicht durchgehen lassen!«

»Ich will meinen Appetit in Schranken halten!« rief sie mit fröhlichem Lachen. »Nun aber seien Sie ein guter Mann und lassen Sie sich abzeichnen! Ihre beiden Enkelchen hab' ich schon in meinem Buche, heut' mache ich das Abbild des Großvaters. Sitzen Sie ein halb Stündchen! Sie haben es versprochen!«

»Wenn ich nur wüßte, was Sie an meiner alten Fratz haben!«

»Ein wackres Gesicht, das ich künftig gerne ansehen werde, wenn ich nicht mehr hier bin!«

»Na, dann meinetwegen! Darf ich meine Pfeif dabei rauchen?«

»Versteht sich! Ich will sie sogar mit zeichnen.«

Der Waldhüter setzte seine kurze Pfeife instand und ließ sich nach der Anordnung der jungen Dame nieder. Sie zeichnete, und wieder wurde es still. Nero lag jetzt vertraulich neben Gabriel, während Girgl sich auf einen entfernten Platz zurückgezogen und durch ein Gebüsch vor der Aufmerksamkeit des gefürchteten Alten gedeckt hatte. Hier zog er sein Weißbrot hervor, welches er nach der überstandenen Angst um so behaglicher verspeiste. Die junge Künstlerin schien sich bei ihrer durch keinen Menschenlaut unterbrochenen Arbeit glücklich zu fühlen, das sagte das Lächeln ihres Mundes, der Glanz ihrer Augen, die Emsigkeit, mit der sie den Griffel auf dem Blatte bewegte. Sie atmete wohl einmal auf, wenn der Wind den Blütenduft von der Halde zu ihr trieb, oder wehrte sich gegen eine Hummel, die sich mit dumpfen Tönen in ihrer Nähe verriet, aber eifrig kehrte sie wieder zur Tätigkeit zurück, und ihre Züge verkündeten Freude am Gelingen.

Und wieder war es Nero, welcher etwas Fremdes zuerst witterte, das sich hinter den Felsen verkündete. Geräuschvoll sprang er auf, dem Kommenden entgegen, aber auch diesmal zeigte er sich schnell besänftigt. »Der mit den Handschuhen wird es sein!« dachte die Zeichnerin, ohne sich umzuwenden. Um die Felsenecke aber trat ein schlanker junger Mann auf den Plan, bei dessen Anblick Gabriel sofort seine Stellung veränderte, und sich ehrerbietig erheben wollte. Der neue Ankömmling aber machte rasch eine abwehrende Bewegung, und legte den Finger auf den Mund, zum Zeichen, daß der Alte schweigen oder ihn nicht kennen solle. Er grüßte die Dame artig und bescheiden, und bat um Verzeihung, daß er ihr Atelier ohne ihre besondere Erlaubnis zum zweitenmal betrete. – »Vielleicht haben Sie mehr Recht, es zu betreten, als ich, es hier aufzuschlagen!« entgegnete sie lächelnd, ohne sich im Zeichnen stören zu lassen. »Inzwischen hat mich Gabriel Neuntöter doch beruhigt und mir erklärt, wie weit ich in der Benutzung des Platzes gehen dürfe.«

»Eine Schranke hätte er Ihnen auferlegt? Und welche?«

»Daß ich kein Frühstück hier halten dürfe wie Girgls Ziegen. Der arme Knabe wäre beinah in Strafe gefallen. Ich hoffe, ich habe ihn vollständig losgebeten, denn die Straffällige bin ich.«

»Ich müßte die Strafe dann mit Ihnen teilen,« entgegnete der junge Mann; »denn ich selbst habe gestern hier mit ihm geplaudert, ohne zu wissen, daß seine Herde an Ort und Stelle nicht gehen dürfe.«

»Sie wußten das auch nicht?« fragte die Dame, indem sie ihn ein wenig überrascht ansah.

»Ich bin mit solchen Dingen wenig bekannt und frage nicht viel danach!« entgegnete er, indem er sich auf den Rasen niederließ, »Trotz meiner fünf Tanten, die ich jeden Morgen begrüße, und von denen ich mich eben verabschiedet habe.«

»Fünf Tanten? Das ist Gottes Segen! Unter solcher Obhut mußte die Erziehung eines jungen Mannes eine ausgezeichnete werden.«

»Finden Sie? Es sind gute stille Wesen. Ich kann unter ihren Augen treiben, was ich will. Ich kann ihnen Gesichter schneiden und unter die Nase lachen, Ihre Gnaden werden den dummen Ausdruck ihrer Mienen, die Selbstgefälligkeit ihrer Positur niemals verändern.«

»Oh! Schämen sollten Sie sich, von den guten Damen so lieblos zu reden?« rief die Zeichnerin.

»Die guten Tanten sind auch dann nachsichtiger als Sie, mein gnädiges Fräulein! Eigentlich ist es ganz gegen unsere Verabredung, daß ich Ihnen von meinen Verhältnissen erzähle. Sie wollten, daß wir einander möglichst unbekannt blieben. Aber wenigstens Ihren Namen wüßte ich gern! Und was gilt's, der alte Neuntöter da weiß ihn bereits? Ich war so frei, mich Ihnen vorzustellen –«

»Nun ja, Sie haben mir Ihren Vornamen, Chlodwig, genannt, den Familiennamen aber so leise und undeutlich ausgesprochen, daß er mir gar nicht zu Gehör gekommen ist. Ich wünsche es auch nicht anders. Aber da nun doch einmal zwei der anwesenden Herren (sie wies auf Gabriel und Girgl) meinen Namen wissen, so soll er auch Ihnen nicht mehr vorenthalten sein. Girgl, wie heiße ich?«

»Friedel!« entgegnete der Knabe mit Sicherheit.

»Was? Du unterstehst dich, schon ein Kosewort aus meinem Namen zu machen?« rief sie belustigt. Gabriel, eine neue Sünde des unbotmäßigen Geißbuben witternd, legte die geballte Faust auf das Knie, während der Knabe verlegen von einem zum andern blickte. »Ich heiße Elfriede!«

Es entstand eine kleine Pause. Dann begann Chlodwig: »Der Platz ist wirklich sehr hübsch, und Sie verstanden zu wählen, Fräulein Elfriede! Man sollte hier am Felsen eine kleine Anlage machen mit Ruhebänken.«

»O nein!« rief sie abwehrend. »Wenn dergleichen in Ihrer Macht stände – tun Sie es ja nicht! Sie werden der Natur ein Stück ihres eigenen Lebens, ihrer Freiheit nicht entreißen wollen! Ein künstlich hergezwungener Plan würde einen Aussichtspunkt aus dieser Stelle machen, etwas Prosaisches an die Stelle der Naturpoesie bringen, Glauben Sie mir, ich ginge nicht mehr hierher, wenn ich eines Tages eine Anlage entdeckte.«

»Ich bedaure sehr, Ihr Mißfallen erregt zu haben!« entgegnete der junge Mann, sichtlich bestürzt. »Glücklicherweise habe ich nicht die Macht, auch nur das geringste in dieser Gegend zu verändern. Ihre Naturpoesie wird nicht gestört werden. Ich empfinde sie ebenso wie Sie – obwohl Ihr Lächeln sagt, daß Sie es nicht glauben. Möchten Sie immer auf dem Lande leben?«

»Eigentlich, nein! Ich brauche das Weltleben, ich brauche die Kunst, und die letztere finde ich nur in einer größeren Stadt.«

»Ganz mein Fall, und dennoch,« fügte er seufzend hinzu, »werde ich mich, wie ich vermute, auf dem Lande, und zwar unter höchst prosaischen Verhältnissen, festhalten lassen.«

»So? Warum?« warf Elfriede leicht hin, ohne vom Blatte aufzublicken.

»Das darf ich Ihnen ja nun wieder nicht mitteilen. Die Verabredung verbietet es.«

»Richtig!« bestätigte Elfriede lachend. »Gabriel Neuntöter, jetzt sind auch Sie erlöst!«

»Merkwürdig! Meisterhaft!« sagte Chlodwig, über die Zeichnung blickend. »Neugierig bin ich, wer nun dran kommt!«

»Die Geiß!« rief Girgl mit hell aufleuchtenden Augen, und sprang auf, um das neue Modell herbeizuholen. Aber Elfriede hielt ihn zurück. »Die Geiß ist eine sehr unruhige Person, soviel konnte ich an ihr bereits beobachten!« sagte sie. »Überdies habe ich mein Porträtzeichnen nur in der Gesellschaft gelernt. Physiognomien gibt es da, gegen die das Gesicht der Geiß noch eine Schönheit zu nennen wäre, aber dennoch – ich müßte erst zu Rosa Bonheur oder in sonst eine gute Schule des Tierstudiums gehen. Auch mag es für heute an zwei Sitzungen genug sein! Dort aber kommt bereits das Modell, welches ich mir für morgen ausersehen habe, Nero! Nero! Abscheuliches Tier! Willst du wohl!«

Diesmal aber war Nero nicht zu bändigen, sondern schoß mit wütendem Bellen gegen ein altes Weib los, welches aus dem Gebüsch getreten war. Elfriede rief, drohte, Chlodwig schlug nach ihm, Gabriel aber sah mit hämischem Lächeln zu, und es war Feindseligkeit gegen die Alte in seinen Augen zu lesen. Nur mit Mühe wurde der Hund beschwichtigt, der immer noch mit Knurren seinen Widerwillen kund gab. Die Frau schien es nicht besser gewohnt, stand ruhig auf ihren Stock gestützt, und nickte dem Mädchen lächelnd zu. Sie war von bemerkenswerter Häßlichkeit und sehr ärmlich gekleidet. Auf dem Rücken hatte sie einen Tragekorb, gefüllt mit Kamillen, während sie im Arm und in der Hand eine Menge Pflanzenbündel trug, die einen starken Duft verbreiteten. »Wollen Sie sich morgen von mir abzeichnen lassen, Trude?« fragte Elfriede mit sehr laut erhobener Stimme, denn sie kannte die Alte als schwerhörig. Für Trude lag in der Frage nichts Auffälliges mehr. Sie hatte die junge Dame nun schon seit Wochen überall zeichnen sehen; im Dorfe auf irgend einem Steine sitzend, umgeben von einer Schar Kinder, im Walde, in der Nähe des Städtchens. Sie nickte daher bereitwillig, vielleicht um so bereitwilliger, da sie schon vernommen, daß die Dame älteren und ärmeren Modellen Geldgeschenke zu machen pflegte. »Soll ich hinunter kommen nach Ihrem Hause, oder kann es hier geschehen?« fragte Elfriede weiter.

»Ich will schon hier sein!« entgegnete die Alte »Gehe früh aus nach Kräutern. Wenn ich's im Dorfe acht Uhr schlagen höre –«

»Gut, dann wenden Sie sich hierher! Sie werden mich schon finden.«

»Die nichtsnutzige Hex' auch noch konterfeien!« murmelte Gabriel, und band darauf, laut und ärgerlich scheltend, wegen ihrer Ziege mit ihr an. Die Alte gab ihm kurz ein paar Worte zurück, welche ihn wütend machten und böse Scheltreden auf seine Lippen riefen. Trude lachte ihm höhnisch ins Gesicht und sagte etwas nur ihm allein Verständliches, welches ihn dermaßen in Grimm versetzte, daß er seinen Knotenstock gegen sie schwang. Es herrschte augenscheinlich eine alte, erbitterte Feindschaft zwischen beiden. Elfriede fiel dem Waldhüter in den Arm und bat ihn, sich zu beruhigen. »In acht nehmen soll sich das Gesindel vor mir!« schrie er. »In acht nehmen! Ich krieg's doch mal zu fassen! Hinunter mit der Geiß sag' ich, oder –!«

Girgl hatte die Geiß schon längst am Stricke, und sprang in Ängsten mit ihr den Weg abwärts, gefolgt von den Zicklein, während die Trude sich gelassener verabschiedete, indem sie Elfrieden zunickte und ihr Versprechen auf morgen wiederholte. Gabriel sprach endlich noch den Vorwurf aus, das Fräulein verwöhne das Lumpenvolk, stellte aber auf einen Wink des jungen Mannes sein Murren ein, grüßte militärisch und schritt nach der anderen Seite davon.

Als Chlodwig, der während dieses Auftrittes sein Lachen schwer beherrscht hatte, sich mit Elfrieden allein sah, begann er: »Daß doch das schönste Waldidyll eine so realistische Kehrseite hat!«

»Ich kenne sie längst!« entgegnete Elfriede, ihren Strohhut aufnehmend, während Chlodwig ihre Bücher vom Boden hob. »Die Alte kann von Glück sagen, daß es keine Hexenprozesse mehr gibt!« fuhr er fort. »Gabriel Neuntöter hat nicht unrecht mit seiner schmeichelhaften Bezeichnung.«

»Und doch kenne ich sie von schätzenswerter Seite. Sie ist arm, obgleich sie ein eigenes Häuschen, wenn man sonst die verfallene kleine Hütte so nennen will, mit einem Stückchen Garten und Hof besitzt. Im Sommer sammelt sie, was der Wald dem Armen bietet, besonders Kräuter für die Apotheken. Trotz ihrer Armut hat sie sich noch des Knaben angenommen und ihn bei sich aufgezogen. Niemand weiß, wo Girgl hergekommen ist, man fand das unmündige Kind an der Straße. Sie bat es sich aus, und man ließ es ihr, da sonst keinen danach gelüstete. Soviel habe ich bereits über sie erfahren. Was auch durch ihr eigenes Leben einst gegangen sein mag, Gabriel tut unrecht, die wehrlose alte Frau und den Knaben mit seinem besonderen Übelwollen zu verfolgen. Doch nun – es ist dreiviertel auf zwölf, ich muß aufbrechen!«

»Aber wie wissen Sie die Stunde so genau, ohne nach der Uhr zu sehen?« fragte Chlodwig, indem er seine Uhr zog. »In der Tat – ungefähr stimmt es!«

»An dem Schatten, den der Baum wirft, erkenne ich es. Wenn er sich auch von jenen Steinen dort zurückgezogen hat, ist es zwölf. Noch habe ich gerade für den Heimweg Zeit. Sie wissen, daß ich allein gehe, daß Sie mir nicht nachspüren dürfen!« Elfriede grüßte und wollte sich entfernen.

»Aber morgen, gnädiges Fräulein – darf ich morgen Ihre Werkstatt wieder aufsuchen?« Er fragte es in so kindlich bittendem Tone, daß sie ihn fast befremdet ansah. »Hindern kann ich es ja doch nicht!« entgegnete sie; »also wenn Ihre fünf Tanten nichts dagegen haben, so richten Sie Ihren Morgenspaziergang nur immer nach diesem Orte. Sie wissen, daß Sie den Pudel Nero und die alte Trude in meiner Gesellschaft finden werden.«

Der junge Mann sah ihr eine Weile kopfschüttelnd nach und blieb in Gedanken stehen. Gern hätte er mehr von ihr erfahren, gern gewußt, ob sie in dem benachbarten Städtchen, welches eigentlich nur ein Flecken zu nennen war, wohne? Aber wie käme dahin eine solche Weltbildung, Feinheit der Formen und des gesellschaftlichen Tons? Seinem Versprechen getreu, ihr nicht nachzuspüren, wendete er sich, und schritt an der Seite des Felsens den Weg hin, auf dem er gekommen war.

Rechtzeitig saß die Trude am andern Morgen auf ihrem Platze, bereits umgeben von gesammelten Pflanzen verschiedener Art, welche sie auseinander las und die zusammengehörigen in Bündel knüpfte. Bald erschien auch Elfriede, frisch und heiter, aber leider war der Widerspruch Neros gegen die Kräutersammlerin ein Leidwesen für das junge Mädchen. Selbst nachdem sie ihn mühevoll neben sich gebannt hatte, hielt er die Augen starr auf die Alte gespannt, um bei jeder Bewegung, die ihm verdächtig vorkam, in ein Knurren, Schnaufen und Gebell zu fallen. Elfriede änderte nicht viel an der Stellung der Alten und ließ sie bei ihrer Beschäftigung während des Zeichnens. Eine Unterhaltung wurde nicht geführt, und so verging die Zeit in Morgenstille und Tätigkeit. Zweimal schon hatte Elfriede die Alte gezeichnet, als Gesichtsbild und in ganzer Figur, wie sie unter ihren Kräutern dasaß, und machte eben die letzten Striche daran, als sie die Stimme Girgls in der Nähe vernahm. Ach, wenn er nur nicht wieder die Ziegen mitbringt! dachte sie und blickte auf. Sie sah den Knaben in Gesellschaft eines Mannes herankommen. Aber es war nicht Chlodwig. Der Fremde erschien älter, breiter, kräftiger. Sie stutzte, denn sie glaubte einen alten Bekannten zu entdecken. Er förderte seine Schritte, grüßte schon von weitem und rief: »Ist sie es denn wirklich? Fräulein Elfriede!«

Sie sprang auf, ließ ihr Zeichengerät fallen und eilte ihm entgegen mit dem Freudenruf: »Dornberg! Lieber alter Freund!« Sie reichte ihm zum Willkommen die Hand, auf die er einen Kuß drückte und sie vertraulich schüttelte.

»So hat mich die Hoffnung nicht getäuscht, Sie selbst hier zu finden!« sagte er freudig. »Chlodwig erzählte mir erst heut' früh von der Bekanntschaft mit einer liebenswürdigen Dame, namens Elfriede, welche hier ihre Naturstudien mache, und bedauerte gar sehr, eine Aufforderung seines Oheims zum Ausreiten nicht ablehnen zu können. Der Name Elfriede ist mir so wert, daß ich nicht widerstehen konnte, mich hierherführen zu lassen, um selbst zu sehen. Welch ein günstiger Stern führt uns zusammen!«

»Wahrlich, lieber Herr Dornberg,« sagte sie, »es ist mir wie ein Erlebnis, ein ernstes und bedeutungsvolles Erlebnis, Ihnen gerade jetzt wieder zu begegnen!«

Er schien den Ernst noch vermeiden zu wollen, und indem er ihr Zeichenbuch aufhob und die Blätter umschlug, begann er: »Sie zeichnen so fleißig! Ach, wie hübsch! wie charaktervoll!«

»Es sind die Vorbereitungen zu meiner künftigen Selbständigkeit. Ich muß jetzt sehr tätig sein! Wissen Sie denn auch, was alles mit uns vorgegangen?«

Er sah sie voll Teilnahme an. »Ja, mein teures Fräulein! Wenigstens soviel die Öffentlichkeit davon verriet. Sie waren Braut – Sie haben von harten Erlebnissen zu sagen. Ich sehe Sie noch in ernsten Gewändern. Wenn Sie die Erinnerung an die Verlorenen nicht zu mächtig ergreift, möchte ich Sie bitten, mir von Ihrem Geschick einiges mitzuteilen!« »Muß ich doch täglich daran denken!« entgegnete sie. »Warum sollte ich mit einem Freunde nicht auch darüber reden? Über Jahr und Tag ist seit jenen schmerzlichen Ereignissen vergangen. Fürchten Sie jetzt keine leidenschaftliche Überschwenglichkeit mehr!« Sie sah sich nach der Trude um. Die aber hatte den Platz schon verlassen und wurde nur noch unten auf dem Wege mit ihrem Knaben sichtbar. Elfriede schritt mit Dornberg langsam dem Walde zu. »Sie wissen, wie wir lebten!« fuhr sie fort. »Im Strome der Welt, groß und glänzend. Und als mein Vater gar Minister geworden war, diese letzten drei Jahre seines Lebens, verlangte seine Stellung großen Aufwand. Ich, sein einziges, verwöhntes Kind, ließ mir den berauschenden Wirrwarr der Gesellschaft gern und arglos gefallen. Ein wackrer Mann warb um meine Hand. Er war von hervorragender Familie, in bedeutender Stellung, nicht mehr jung, Witwer – auch die Kinder hatte er früh verloren; aber er war immer noch eine glänzende Erscheinung, liebenswürdig, und jedermann schätzte ihn. Mein Vater begünstigte ihn sehr, ohne doch Einfluß auf meinen Willen zu üben. Ich wurde seine Braut. Ich bin überzeugt, daß ich glücklich mit ihm geworden wäre! Die Hochzeit war festgesetzt. Vierzehn Tage vorher – o Gott, es war fürchterlich! Ein unglückseliger Sturz mit dem Pferde machte seinem Leben ein Ende!« Elfriede bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und blieb innerlich ergriffen stehen. Dornberg schwieg, er wollte nichts Triviales sagen.

Das junge Mädchen trocknete die Augen und fuhr fort: »Mein armer Vater war außer sich, wie gelähmt vor Schreck. Er konnte den Pflichten seiner Stellung kaum noch genügen. Dann wurde er krank. Für mich galt es jetzt mich zu überwinden, alle Kraft für ihn zusammenzunehmen. Er war nicht zu retten. Zwei Monate darauf wurde auch er begraben!« Nur durch einen tiefen Seufzer konnte Dornberg seine innerste Teilnahme bekunden. »So viel ungefähr ist mir bekannt geworden,« sagte er nach einer Pause.

»Dem großen Schmerz, der heiligen inneren Trauer« – so fuhr sie gefaßter fort, »folgte die kleine Trübsal. Sie hatte nur geringe Gewalt über mich, wenn auch die erste Bekanntschaft mit einer so völligen Umkehr aller gegebenen Verhältnisse das flatterhafte Weltkind einen Augenblick erstarren machte. Mein Vater hinterließ nichts, während die Forderungen an ihn von allen Seiten noch groß waren.«

»Er hinterließ Ihnen nichts, gnädiges Fräulein?« rief Dornberg erstaunt.

»Nichts, lieber Freund! Wenigstens nichts von dem, was man so Vermögen nennt. Mir sind nachher die Augen erst aufgegangen, und ich machte die Erfahrung, daß solche Überraschungen in der Welt sehr häufig sind. Die Welt selbst weiß meistenteils lange vorher, was die betroffenen Hinterbliebenen wie ein Unerhörtes überwältigt. So mag es auch bei uns gewesen sein. Mein Vater war von schlichter bürgerlicher Familie, hatte sich sogar aus dürftigen Verhältnissen heraufgearbeitet. Der Adel wurde ihm verliehen, als er durch sein Verdienst zu hervorragender Stellung gelangt war. Diese Stellung verlangte dann mehr Aufwand, als eigentlich bestritten werden konnte. Viel wurde auch verschleudert und ging durch andere verloren. Die Mutter starb so früh! Der Haushalt mußte durch Fremde geführt werden, ich durfte mich nicht darum bekümmern, war auch zu jung dazu, überdies gar nicht dafür erzogen. Die Treulosigkeit der Untergebenen zeigte sich erst nach dem Tode des Vaters. Und nun sollte ich, im Angesicht eines vollständigen Ruins selbständig handeln! Lassen Sie mich von diesen verworrenen Tagen nicht reden! Es wurde alles Vorhandene zu Geld gemacht, um die ausstehenden Forderungen zu decken. Zu meiner Verwunderung blieben noch ein paar hundert Taler für mich übrig. Aber viel hat mir mein teurer Vater doch hinterlassen, einen Schatz, den ich ihm endlos danke, meine Erziehung! Daran wurde nichts gespart, nichts vernachlässigt. Sie wissen, daß ich singe, die Schule der besten Meister durchgemacht habe, daß ich Klavier spiele, daß die modernen Sprachen mir keine Schwierigkeit machen. Das Porträtzeichnen ist mehr Naturgabe, ich traf jedes Gesicht zu meiner und andrer Überraschung, noch eh' ich eigentlich Zeichnen gelernt hatte. Aber gerade diese Fertigkeit betonten Einsichtige ganz besonders, als ich den Entschluß aussprach, mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ein befreundeter Künstler nahm mich gleich in die Lehre. Und nun muß ich eilen, daß ich etwas leiste, ehe meine Barschaft aufgebraucht ist – denn das steht in ziemlich naher Aussicht!«

»Armes Kind!« sagte Dornberg leise und mehr für sich selbst.

»O, bedauern Sie mich darum nicht, lieber Freund!« rief sie mit wieder heiterem Gesicht und hellen Augen, »Das ist ja mein Trost, meine Freude, mein Glück! Seit jenem Entschlusse, zu arbeiten, wie andere zu streben, mich ernstlich fortzubilden, habe ich schon ein Mittel auch gegen den großen Schmerz, der durch mein Leben gegangen und doch noch so neu und lebendig in mir ist. Wenn ich arbeite und die Freude des Gelingens fühle, durchströmt es mich von Glücksgefühl, und ich fühle eine Wonne der Befriedigung, wie ich sie in leichten Tagen des Flattersinns, der Verwöhnung, niemals empfunden habe!«

»Elfriede, Sie sind eine glückliche Natur! Aller Segen mit Ihrem Streben! Nun aber sagen Sie mir doch, was führt Sie in diese entlegene Gegend?« »Ja, guter Dornberg, das ist nun auch wieder so ein Glücksfall, wie er nicht alle Tage vorkommt! Ich erfuhr in jener Zeit der Trübsal, daß ich wirklich Freunde hatte. Viele wollten mir Liebes erweisen, ich fühlte mich beinahe bedrängt. Eine liebenswürdige Familie nahm mich vorläufig auf und gestattete mir frei zu schalten. Daß ich mich von der Gesellschaft noch zurückzog, ließ man gelten. Dann aber wollte man finden, daß ich die Trauerzeit viel zu lange ausdehnte, man wünschte mich wieder mit dem großen Strome gehen zu sehen, wozu ich doch kein Bedürfnis fühlte. Nun ging der Sommer an. Ich sollte mit den guten Freunden reisen, mit dieser und mit jener Familie, nach Baden, nach Ems, wer weiß wohin, immer wieder in den mir noch ganz widerwärtigen Strudel hinein. Da fiel mir ein Mittel ein, dem Dringen auszuweichen. Mein Vater hatte in seinem Bureau einen Kanzlisten, eine treue alte Seele. Fünfzehn Jahre lang war er bei uns aus und ein gegangen, ja er behauptet, mich auf den Armen getragen zu haben – aber mir fällt ein, daß ja auch Sie ihn gekannt haben, den alten, immer so sauber geschniegelten Herrn Heller –?«

»Freilich! Freilich!« rief Dornberg. »Er trug eine glatt anliegende rötliche Perücke!«

»Sonntags setzt er sie immer noch auf! Heller hatte sich noch bei Lebzeiten meines Vaters aus dem Dienste zurückgezogen, da seine Frau, welche hier aus dem kleinen Flecken ist, eine Erbschaft machte. In jenen Unglückstagen schrieb er an mich, sehr brav und teilnehmend. Ich entgegnete, und um so herzlicher, da er einer von den wenigen Getreuen im Hause gewesen. Daraus entwickelte sich dann ein kleiner Briefwechsel zwischen uns. Da ich ihn nun als Hausbesitzer in einer hübschen Waldgegend wußte, so sah ich durch ihn plötzlich einen Ausweg, mich vor allen den freundlichen Reisebestürmungen zu retten. Ich schrieb an die alten Leute, ob sie mir für einige Sommerwochen ein Asyl bieten wollten? Sie hießen mich willkommen, und so lebe ich hier als Abenteurerin, frei, zufrieden, in mir selbst wieder erwachend, und treibe Kunststudien, indem ich Kinder, Bettelleute und was mir sonst in den Wurf kommt, abzeichne. Aber nun habe ich genug von mir selbst gesprochen, und so ist es an Ihnen, lieber Freund, mir von Ihrem Leben zu erzählen. Vier Jahre müssen es her sein, seit wir uns nicht gesehen, und darüber alte Leute geworden sind. Doch nein! Sie nicht, Sie sind nicht alt geworden!«

»Gewiß nicht, und will es auch nicht! Alt wird nur, wer sich zum Altwerden bereit erklärt. Dazu haben wir beide aber keine Veranlassung. Und ein so junges Mädchen wie Sie sollte davon gar nicht reden. Sie sind zweiundzwanzig Jahre alt, ich weiß es genau, und Sie halten es nicht für unhöflich, daß ich es so genau weiß und ausspreche!«

»Ich mache aus meinem Alter kein Geheimnis. Aber wenn Sie wüßten, wie alt – wie entsetzlich alt ich mir noch vor kurzem erschien! Doch zu Ihnen selbst jetzt! Sie sind verheiratet?«

»Ja, teures Fräulein, seit zwei Jahren, und bin Vater eines rundbäckigen Buben. Meine äußere Lage ist günstig genug, ich bin in meiner Wirksamkeit zufrieden. Mit Rührung denke ich zurück an die Zeit, da wir uns kennen lernten. Vorn an der Straße, im Palaisbau des Hauses, wohnte der Herr Staatsrat mit seiner Tochter, im Hinterhause hatten wir »kleinen Leute« uns eingenistet, meine Mutter und ich, der ich damals Gymnasiallehrer mit noch sehr knappem Gehalt war. Palais und Hofwohnung standen in keinem Verkehr zusammen. Da erfährt Elfriede, daß die Mutter des armen Schullehrers schwer krank darniederliege, und er selbst sich keinen Rat wisse. Das glänzende Weltkind erscheint am Lager der Kranken, bringt ihr Stärkungsmittel, wiederholt ihren Besuch mit immer neuer Hilfe, kommt alle Tage, und die Mutter wird gesund. Aber auch dann noch blieb sie den Leuten in der Hofwohnung getreu. Und wenn es auch nur ein Viertelstündchen gewesen wäre, das sie sich von ihren geselligen Pflichten abstehlen konnte, sie kam! Elfriede, wenn ich daran denke, wie Sie zur Begleitung unsres dünnklimpernden Klaviers mit Ihrer Glockenstimme Lieder von Beethoven, Schubert, Mendelssohn sangen – wie war mir da zumute gewesen! Ich war kein Kind mehr an Jahren, aber innerlich halb verrückt, und Sie durften es nicht wissen – wie verrückt ich war! Jetzt kann ich es ja eingestehen und darüber lachen –«

Auch Elfriede lachte, ohne doch bei dem Thema verweilen zu wollen. »Ich weiß auch noch,« sagte sie, »wie ich von Ihrer Mutter einst beinahe Schelte bekommen hätte! Sie sprach zuweilen aus, wie sie mich gar zu gern einmal im Ballanzuge sehen möchte. Nun war bei uns Tanzgesellschaft, und ich eben mit der Toilette fertig, als mir einfiel, mich so bei der Mama zu zeigen. Schnell mußte es sein, und so flog ich hinaus, über den Hof, in Atlasschuhen, gefolgt von meiner schreienden Zofe, welche das Schlimmste für meinen Flitter fürchtete. Und so sprang ich zu Ihnen ins Zimmer –«

»Ich weiß es wie heut'!« rief Dornberg. »In weißer Seide, eine Flut von Spitzen darüber verbreitet, frische Maiblumensträußer in den Locken und über die ganze Gewandung verstreut!«

»Ihre Mutter schrie auf, und wollte wegen dieses unerhörten Leichtsinns fast gemeinschaftliche Sache mit meiner Zofe machen. Die liebe Gute! Ich fühlte mich immer zu ihr hingezogen. Hatte ich doch selbst keine Mutter! Wo ist Ihre Mama jetzt?« »Bei mir, selbstverständlich! Und Sie sollten sie jetzt sehen, wie frisch und blühend sie geworden, und wie stolz auf ihren Enkel! Ja, was noch mehr, sie hat auch die Musik wieder aufgenommen – Sie wissen, daß sie sich und mich in meiner Kindheit durch Klavierunterricht erhielt. Jetzt spielt sie nur zum Vergnügen, und begleitet meine Frau, die eine schöne Altstimme hat. Ach, Elfriede, wenn ich auch Sie einmal wieder könnte singen hören!«

»Ich habe es lange nicht versucht. Erst jetzt, im Walde, wollen ab und zu wieder alte Klänge über die Lippen. Aber sehen Sie doch –! In welche wundervolle Wildnis wir gedrungen sind! Dieses Gewirr von Gestein, Stämmen und Unterholz! Und wie das Sonnenlicht hindurchfunkelt!«

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